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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Psychoanalyse der Schuld und der Schuldgefühle (Pathognostische Studien XII, 2013, Essen, Die Blaue Eule, 152-178)
Lesetext zu einem Vortrag in der WB (= wissenschaftliche Weiterbildung der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf/LVR-Klinikum) am 15.02.2012
Vorbemerkung
Die Eingrenzung auf das Schuldproblem macht die folgende theoriedurchsetzte Kasuistik zum Torso, deren Ergänzungen anderswo nachgelesen werden können.
Allem Anschein nach weicht die Art meines "amplifikatorischen" Aufschlusses der Symptome des - selbst ja schon, im Negativen, "amplifizierten" - Patienten vom freudianischen Tugendpfad ab, nähert sich eher jungianischen Gepflogenheiten, nämlich dem Rekurs auf Mythologie, hier der christlichen, an? Letztlich aber trifft diese semihäretische Wendung dann doch nicht zu, insofern sie, in ihrer Imaginarität, magisch beschwörend - das hier bloß angedeutete pathognostische Schibboleth! -, auf deren kultural dingliche - technologische und institutionelle - Realisierungen, ablösend referentiell, ausgeht.
Mythologie verfällt der abweisenden Kritik immer dann, wenn sie sich, scheinbar jenseits ihrer obsekrativen Funktion, zur Wahrheit schlechthin, unbedingt, aufwirft: wie im Katholizismus, unbeschadet der Fülle seiner - therapeutisch hier unwirksamen - protestantischen Aufweichungen, sowie, kongenial daran, im vorgestellten Patienten, geschehen.
Meine also medial-sachpsychoanalytisch unterlaufende Insistenz darauf folgt ausschließlich zwar den betreffenden Optionen des Patienten selbst, hilft aber deren weiterer Aufklärung, wiederum der Mythenfunktion, freilich nach.
Selbstverständlich: der rabiate religions- und damit ja auch mythenkritische Gestus darin, der mitnichten ja der säkularen wissenschaftlichen Epikalyptik aller Mythologie anhängt, steht, vordringlich auf seine Potenz der selbstdurchsichtigen Leidensminimierung hin, auf dem Prüfstand.
Der mythologiegeleitete Blick über den lebensgeschichtlichen Zaun marginalisiert die alte sich dadurch relativierende Psychogenese nicht; nein, umgekehrt, zugewinnt der individuelle Ödipuskomplex, jenseits seiner kausalgenetischen Beanspruchung, rückwirkend, so an abgeleitet prägender Evidenz.
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Mitlegitimiert ist diese meine Objektivitätswendung durch mein achtsemestriges Studium katholischer Laientheologie, sowie, a fortiori, der christkatholischen Sozialisierung des Patienten, der er, trotz aller späteren philosophisch bestimmten religionskritischen Konterkarierungen, "contre cceur" pathologisch-symptomatisch, verhaftet blieb.
Abermals fiel die Kasuistikwahl auf den besagten religiösen Anankasmus, sofern - therapeutisches "work in progress" - die Permanenz der Umgangsverbesserung mit dieser so äußerst zähen Erkrankung, nicht zuletzt betreffend den Traumatikabtrag in der Gegenübertragung, ansteht.
Wo begegnen uns, psychopathologisch, Schuldgefühle, also selbstverspürte Schuld; womit vorentschieden scheint, daß es auch Schuld ohne diese ihre affektive/emotionale Innenerfahrung gebe?
Im klinischen Zusammenhang, schwerpunktmäßig, im Bereich der Zwangsneurose und der Depression. Und zwar dort nicht sogleich unbedingt eingeräumt - jedenfalls erfordert die Einräumung oft viel Zeit ("unbewußte Schuldgefühle"); hier hingegen, jedenfalls in fortgeschrittenen Stadien, kommen Schuldgefühle in der Form zur Schau gestellter Selbstbeschuldigungen, klagsam übertriebener Schuldbekenntnisse auf, die in Suizidalität übergehen können, mindest aber in stuporöse Zustände.
Allemal schlägt ein grausames "archaisches Überich" beschuldigend zu, und zwar, bekanntermaßen, gegen "sex and crime"-"Es"-Begehrlichkeiten, die sich ihrer Bewußtmachung widersetzen.
Dazu folgendes Symptombeispiel eines an einer religiösen Zwangserkrankung leidenden Langzeitanalysanden von mir:
Selbst schon bei der bloßen Erinnerung an das Passieren katholischer Kirchen überfällt ihn der Drang, das Altarsakrament - womöglich steht die Kirchentür offen, und, schlimmer noch, der geöffnete Tabernakel läßt den Blick auf die Hostie, die reale Gegenwart unseres Herrn Jesus Christus, zudem zu -, überkommt ihn die Zwangsvorstellung ("Zwangsperversion"), den Leib des Herrn zu schänden ... Und die Strafe für diese Gotteslästerung folgt auf dem Fuße: zumal wenn er in Wirklichkeit an einer katholischen Kirche vorbeigeht, gehen von der Hostie "Sakramentenlinien" aus, die er nur um den Preis, kastriert zu werden, überschreiten kann.
Zugleich nun zu der dabei erfahrenen Schuld, den Schuldgefühlen:
Trotz aller "schamanistischen" Mühe ist deren Ausmaß schwer nur nachvollziehbar. Immer noch, nach langer Zeit der Vorenthaltung derselben,
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möchte er mit Siebenmeilenstiefeln fliehen, oder in den Erdboden versinken, wenn er von dem enorm heftigen Schändungsgelüst heimgesucht wird. Und es sind auch keine reinen Schuldgefühle, die ihn überwältigen, vielmehr solche mit Scham, betreffend die soziale Schauseite, und Angst (Strafangst, und mehr) durchmischt.
Welche Funktion nun haben solche am Symptom wesentlich beteiligten Affekte, schwerpunktmäßig hier die Schuldgefühle? Auch diese sind - siehe Freuds spätere Angsttheorie - Signalangelegenheiten: warnende Fingerzeige also daraufhin, von irgend verbotenem Tun abzulassen, weil sonst nämlich dessen Bestrafung, letztlich die Todesstrafe, mehr als nur eben droht. Schuldgefühle = paradoxe Hilfestellungen dafür, zu einem Ausgleich zwischen "Überich" und "Es", einem lebbaren, nicht mehr krankheitsgezeichneten "Kompromiß" zwischen beiden (wieder)zugelangen; Anmahnungen, schleunigst auf Wiedergutmachungskurs zu gehen. Ja, wenn das aber so einfach wäre, wie es fürs erste anmuten mag! Das volle Krankheitsgewicht wird nämlich allererst dann erreicht, wenn die besagte, doch heilsame, Signalfunktion, indem sie sich aufrechterhält, ineinem versagt; wenn ich, der "hart Beklagte", mich in einen funktionalen Leerlauf, betreffend die Affekte meiner vorgestellten Teufelswerke, verstricke; wenn die Schuldgefühle nicht nur nicht aufhören, nachdem ich Sühne leistete, sondern sich, wie unendlich, steigern und derart, womöglich, zum Hauptsymptom werden. Und diese letzte Mißlichkeit wird eben im Falle von Symptomen spruchreif; beide, "Trieb" und "Abwehr" provozieren sich unentwegt zur wechselseitigen Gegenführung ihrer je absoluten Ansprüche; in sich hochdramatisch steht so die Zeit still. Unabtragbare Schuld läßt den wehrlos Schuldigen zum Verdammten werden, wie zu einem armen Teufel, dem eine Art zerquetschter wehklagender Häme ins Gesicht geschrieben steht, bevor, eventuell, die also offensichtliche Zwangserkrankung sich in Depressivität einzurichten begänne. Wehrlos sei der Zwangskranke seinen äußerst quälenden Symptomen ausgeliefert? Ja, gleichwohl versucht er vielfältig und nach Kräften, wenngleich letztlich vergeblich, sich zur Wehr zu setzen. Und zwar anfänglich oft durch Verleugnung seiner Pathologie, jedenfalls nach außen hin. Was soweit gehen kann, daß der Aberwitz der Bemühung um gängige Normalität alle eigentlichen Symptome an uneinnehmbarer Härte gar überbietet. Und das geht oft zusammen mit einem Abspaltungsunterfangen, das abermals zusammenzubrechen neigen muß: die Selbstzugehörigkeit mittels Derealisierungs-, Depersonalisationsanflügen symptomatisch einklagt; nicht selten zudem verbunden mit verzweifeltem
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Hilfesuchen bei der biologischen/medikamentösen Psychiatrie, die von sich her ja Dissoziation und Mechanik der Symptome vorgibt - wenn da nicht deren Abdrift in ängstigendes, wiederum zwangsprovozierendes Detachement (ich bin ja überhaupt nicht dabei!) sich querstellte. Je heftiger diese Sorte von Wehr, umso rebellischer aber alles - erfolglos, oder eben nur schwach aufgeschoben - Abgehaltene. Die Umkehrnötigung durch Schuldgefühle, deren Signalfunktion, verliert sich so, ja verschwindet in Symptomen ganz, stellt deren Pein unabsehbar auf Dauer. Schuldfixierung könnte man diesen miserablen Zustand nennen. Er herrscht in Zwangserkrankungen und Depressionen zwar vor, ist aber auch anderswo, anders, in anderen Psychopathologiearten anzutreffen.
Die hochbrisante lebensgeschichtliche Entstehung der thematischen Zwangserkrankung bis hin zu ihrer Pointe, der bestraften Schändung des Altarsakraments, lasse ich hier ebenso aus wie den Bericht über frühere psychotherapeutische Angänge in Richtung Überichentlastung, familiale Psychogenese etc. Jedenfalls sah ich mich genötigt, die Sache anders anzupacken, und zwar - sagen wir es so - "phänomenologisch", d. h.: ich halte mich an das Erscheinungsbild der Zwangserkrankung, an deren Binnenlogik sozusagen, ohne es sogleich - in der Hoffnung auf Verfügbarkeit - kausalitätsgemäß psychogenetisch zu öffnen; sowie, außenbezogen, an die vorgegebene selbige fürs erste mediale Objektivität - das Erscheinungsbild bezieht sich offenkundig doch auf wesentliche liturgische, in der Dogmatik kodifizierte christkatholische Glaubensbestände, zentral die "Transsubstantiation" , die, als solche, man traditionell psychoanalytisch ja auf sich beruhen lassen solle - sie sei, was sie auch immer sei.
Schauen wir uns den schon wie zu Lebzeiten Verdammten genau an: zwischen Himmel und Hölle unentschiedenen, den "armen Teufel" auf Erden, dessen unentbundene Häme sich mit nackter, ebenso unabgelöster, Verzweiflung mischt; der gar auch noch vor Zahnschmerzen (Bruxismus) ungehört wimmert - ein einziges groteskes womöglich fötides Schuldbündel, das ein dickes rotes Buch in Händen hält, in dem er, jahrelang, alle seine abgründigen Ängste rational zu widerlegen anstrengte, ohne daß sich an diesen, seinen Schuldgefühlen, seinen Qualen, auch nur das geringste geändert hätte - im Gegenteil: je verzweifelter seine lichten gedanklichen "Gegenbesetzungen" ("Gegenhalten!"), umso torturierender deren höllische Widerparte - vergebliche Liebesmüh, auf ganzer Linie. Zwar konnte ich miterwirken, an seinem roten "Schwarzbuch" nicht weiterzulaborieren, doch das Martyrium seiner verdrückten Selbstanklagen endete nicht. Kein
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zuträglich schuldentlastender Widerhall auch darauf, den rein vorgestellten Charakter seiner Leitsymptome, die bloße "Zwangsbefürchtung", "Erwartungsangst" darin, hervorzustreichen; auch hierbei blieb es beim alten Schlechten.
Ich bog deshalb, quasi experimentell, mit ihm ab in eine langwierige Auseinandersetzung mit dem Christentum, der katholischen Dogmatik und Liturgie, die er, davor schon, im Sinne hoffnungsvoller Selbsttherapie (so wie, eher an zweiter Stelle, seiner Liebesverhältnisse), in Anspruch genommen hatte. Wie die lebensgeschichtliche Matrix dieses scheiternden Aufbruchs lautete; wie meine Hinwendung zu den katholischen Glaubensbeständen psychogenetisch, nach Maßgabe der herkömmlichen Psychoanalyse, rückübersetzt werden könnte, das wären Fragestellungen für sich.
Therapie durch bewußte kritische Metaaneignung des Katholizismus, zentriert auf das Altarsakrament - man stelle sich die Zeit unseres hochbewegten (von wegen intellektualistischen!) theologischen Diskurses nun aber nicht so vor, daß eine Periode heiler Frömmigkeit, durch deren - freilich subjektiv verschuldeten - Zusammenbruch, der in bestrafte Ketzereien, Symptome also, mündete, abgelöst worden wäre; nein, wir waren genötigt, uns, jahrelang, der Unternehmung zu verschreiben, aus der, immer sogleich einsetzenden, Symptomatik, das zugrundeliegende Begehren, und zwar vorgegeben und gerechtfertigt durch das Christentum selbst (!), zu rekonstruieren.
Ich fasse mich riskant dazu kurz:
  • dieses fundierende Begehren besteht im leidenschaftlichen Wunsch nach Erlösung ("Tannhäuser"!);
  • Erlösung, in zweierlei Rücksicht: der prinzipiellen Entbindung von aller Schuld, gipfelnd in der Überwindung des Todes, der "Schuld der Sterblichkeit".
"Schuld der Sterblichkeit": womit ich, absichtlich, den Schuldbegriff verwirrt habe; durchaus aber im Sinne der christlichen Lehre, die ja von einer mit dem Tode bestraften Urschuld, der "Erbsünde", ausgeht, jedoch in Aussicht stellt, auch von dieser Urschuld - "Unsterblichkeit der Seele", "Auferstehung des Fleisches"! - befreit zu sein. - Es gibt, diesbetreffend, puristische Optionen, nämlich den Schuldbegriff strikte persönlich verantwortetem Sichverschulden vorzubehalten, und entsprechend dessen Ausweitung - moralisch/juridisch versus ontologisch/existential - auf
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nichtresponsable quasi naturgegebene unaufhebbare menschliche Defekte abzulehnen.
Gewährleistet wird diese Erlösungstotale durch die "Menschwerdung Gottes", die "Inkarnation", dieses ungeheuerlichste aller Phantasmen - letzter Trost der göttlichen Schöpfungsdurchdrungenheit für die defizitäre allzeit schuldige sterbliche Kreatur Mensch. Und es kommt mir recht nachvollziehbar vor, daß mein Patient auf diese Verheißung - wie sagt man? - abfuhr (um nicht sogleich zu sagen: hereinfiel), ja die geforderte "imitatio Christi" derart forcierte, daß er drohte, selbst zu diesem Redemptor zu mutieren; welcher leidenschaftlichen Anmaßung er, durch sie zusätzlich schuldig geworden, wehren mußte - "trennen, trennen, trennen", "gegenhalten"; "Ich bin nicht der Christus": das allmorgendliche Ungebet, die selbstverordnete, wiederum in Zwang hinüberspielende Devise.
Ja, wenn dieser arrogante Spuk mittels solcher Rituale zu verscheuchen (gewesen) wäre! Mitnichten! Denn, je nothafter die - rettend vermeinte - Abstandnahme, umso vergeblicher wurde sie. Und mehr noch: die - zugleich begehrte wie verworfene - Intimität mit dem Gottessohn, diese Mystik, ließ das schöne - bereits dubios gewordene - Heilsgeschehen innerlich, und, ineinem, von ihm verursacht (!), außen vor, objektiv, förmlich zusammenkrachen. Und spätestens hier schien "der Faden gerissen" - er, knallpsychotisch, der Gründer - ultimativer Kausalismus! - der Teufelsherrschaft auf Erden. Nein, ich ließ ihn nicht in die Psychiatrie einweisen, nahm vielmehr diesen wahnhaften Höhepunkt zum Anlaß, fester noch die Bande zwischen seiner Krankheit und den entsprechenden christlichen Heilsdeklarationen zu knüpfen. Und uns obliegt es, für alle Fälle, die paradoxe Verfassung, zutiefst geängstigt angstfrei therapeutisch zu handeln, zu erlernen.
Wie aber kam diese seine Wendung zum - gläubig verbleibenden - Unglauben zustande? Alle Glaubensinnigkeit stürzte immer dann verheerend ab, wenn der je schon schuldbeladene Heilskandidat dessen - d. i. der paulinischen Volte - innewurde, daß der - nur vom unschuldigen Gottesopfer selbst errichtbare - Preis im Sühneopfertod des göttlichen Sohnes beschlossen sei. Und, wegen seiner Über-"imitatio Christi", überkam ihn die unablässige Angst, es gehe ihm ebenso an den Kragen - mit auch, weil er ja kein unschuldiges Opfer sein könne; der um die Menschheit so ausnehmend besorgte Gott der Liebe entpuppte sich als der paranoische Oberschlächter seines eigenen, wohlgemerkt: unschuldigen, Sohnes, und verpaßte so uns die wüsteste ödipale Story aller Zeiten.
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Das zuschlagende "archaische Überich" kennt Entschuldung, Versöhnung nur über die extreme Wiedergutmachung durch den Sühnetod, diese ultimative Buße. An die Stelle eines entsühnt allererst lebbaren Lebens tritt so, katastrophisch absurderweise, das Lebensopfer. "Katastrophisch" nicht aber im Sinne der Wendung zum Guten, dem Allerbesten: der "Auferstehung von den Toten". Eben dieser Gipfel der Erlösung blieb dem Patienten schlechterdings unvergönnt - "So sieht man seiner Gottheit Macht, sie macht den Tod zuschanden" - nein, umgekehrt, macht der Tod die Gottheit zuschanden, sie besteht im Phantasma der Todestilgung: das Sterblichkeitstrauma provoziert das Phantasma der Absolutheit, und das Phantasma schirmt das Trauma, illusionistische Blende davor, ab. Auf den Schuldkomplex bezogen: die besagte "Urschuld", die "Erbsünde", die mit dem Tode bestrafte kreatürliche Gottesanmaßung, treibt den Gottesbegriff als die Errettung vor diesem fundamentalen Vergehen hervor: die schiere "Unsterblichkeit", Grundartefakt dann aber, das nicht nicht wiederum, abgeleitet, ob seiner notwendigen Anmaßung, nichts als verschuldet. Und so gerät man, spitzenmenschlich, vom Regen der Urverwerfung in die Traufe der unabdingbar höchst verschuldenden Usurpation dieser Rettungsmaßnahme, und, unschließlich, ins größere Faß des also durch Krankheit befriedeten vorbereiteten Todes, des satisfizierten Nichts. Und dies aber immer nur dann - so die Heilsbehauptung -, wenn das tapfere Menschlein, überwertigerweise, die mit gottmenschlichem Blut durchtränkte blutig aus allen Nähten platzende Erlösung, wie gehabt ungläubig gleichwohl an ihr - "promesse du bonheur" - festhaltend, so wie mein Patient, ausschlägt.
Aber wie kommt es denn dazu, sich schon auf Erden der ewigen Höllenqual seiner Schuldsummierungen - hoffnungsloser Fall - in aller Sturheit, möchte man meinen, auszusetzen? Die Antwort auf diese Frage ist, nach vielen versandenden Anläufen, zur Zeit besonders heftig noch mitten "in Arbeit". Länger schon vermutete Spuren dazu hin: außerordentlich prägende Traumata von Todesnähe, die alle Mühen nicht symptomatischer Todesverzögerung zusammenbrechen, und nur noch diesen Kollaps als Bestandsrest, zäh symptomatisch, belassen machen. So wird die Einbeziehung besonderer Geburtskomplikationen - wie, das steht noch zur Disposition - spruchreif: da die Mutter an einer "placenta praevia" litt und zu verbluten drohte, wurde sie von der Hebamme in einem Lastwagen ins nächste Krankenhaus gekarrt, während der Frischgeborene, eben nur abgenabelt, in Decken eingewickelt, in einer Zimmerecke liegengelassen wurde.
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Nach allen meinen Einfühlungsversuchen bislang hat der authentische Nachvollzug dieser frühesten Katastrophe seine - bitte aber quasi schamanistisch soweit wie eben möglich zu verschiebende - Grenze. Ohnmacht, als Hauptcharakteristikum dieses Unheils, ist gewiß eine zu schwache Bezeichnung, bleibt aber richtungsweisend. Ich versuche, einige deren Kriterien, vage genug, anzudeuten: den Ausfall an Vorstellungen und Erinnerungen, stattdessen undifferenzierte psychophysiologisch sensible Affekte; kurzum: mit dem Fehlen von Repräsentativität Abfuhrblockade, strapaziöses Sichinsichrückverschlingen der Veräußerungsansätze. Als Endnichtlösung vermute ich einen Emotionsstupor. Nicht auch bin ich willens auszuschließen, daß hereditäre Elemente in des Patienten "negativ therapeutischen Rekation" mitspielen könnten. Auch bedürfte der Übertragungs-Gegenübertragungsuntergrund der, die Religionskritik betreffenden, Revision?
Die Sache scheint, bis zur wechselseitigen Tortur, festgefahren; ja, die - rechtens wohl unterstellte - Stärke des grundlegenden Traumas treibt eine - in der christlichen Mythologie perfekt vorgegebene - gottmenschliche Erlösungsphantasmatik hervor, in der sich die Tötlichkeit des Traumas am anderen Ende, nur aufgeschoben - und in diesem Aufschub bloß ein krankheitsdurchseuchtes Kümmerleben gewährleistend - wiederholt. So unermeßlich groß also die Todesnot, daß die geforderte "imitatio Christi" zur Identitätsanmaßung mit demselben verkommt, und als - "on dit" - gerechte Strafe dafür den totalen Zusammenbruch des großen christlichen Erlösungsunternehmens einheimst: nämlich die Rückkehr zum Anfang der "Urschuld", der anfänglichen Traumatik, deren bewußtlos eigenverschuldete Unabgegoltenheit einen Zustand ausschließlicher - abgeleiteter - Schuldigkeit, von nur-noch-Schuld, Verdammnis, nachsichzieht. Man siehts: der Verdammte kann es nicht lassen, beharrt darauf, daß einzig er es sei, der sein und zugleich der Menschheit Heil teuflich sabotiere, und dafür ewige Höllenqualen erleiden müsse. Eigenterminologisch ausgedrückt: wir werden hilflose Zeugen des dramatischen Kollaps der ultimativen "Todestrieb"parade des Todes im Sühneopfertod des Gottmenschen Christus, bewirkt durch dessen überimitative Anmaßung, so daß der Gottessohn selbst gar zum Oberrächer an der sündigen Kreatur Mensch wird. "Rieh ne va plus"? - der ganze unwillkürlich unbenannte Wahn des Christentums, der Opferreligion schlechthin, darf instantan kein solcher sein, verbleibt rein jenseits desselben, und schlägt, entsprechend seines menschlichen Sichzueigenmachens, verfolgend, bestrafend, zu.
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Was anders bleibt dem also Verdammten dann übrig, als, fixiert auf den paranoisch verdorbenen ganzen Restbestand hochsymptomatisch gewahrter, vor der psychotischen Dekompensation bewahrender Menschhaftigkeit, dem Gottesprodukt christlicher Heilsdramatik gegenüber, als sich, im anscheinend unauflösbaren Bann letztimaginär angesiedelter sich selbst den Garaus machender unaufgegebener Hypermagie, als sich der irren Pendelbewegung zwischen "Trieb" und "Abwehr", "Es" und "Überich", dem tiefsten Kniefall vor dem strafenden Willkürgott und der teuflich infamen Attacke gegen ihn, der angemaßten Gottmenschlichkeit, der unmäßig zerrissenen und sich ineinem zusammenhaltenden, zu versklaven?
Demnach bezweckt die perverse Erlösungskarikatur, die Schändung des Altarsakraments, diese verdrehte Ehrenrettung der Ausscheidungen, den Verwahr der einen, der menschlichen Seite der Gottmenschlichkeit, um, im selben Atemzug, diese der vernichtenden Strafe des Himmels, den Gottesbestandteilen derselben, der Gottmenschlichkeit eben am anderen Ende, auszusetzen. Heilshorror, der sich im Wahn der "Wandlung", der "Transsubstantiation", die erinnerungsüberbietende schiere Gegenwärtigkeit der erlösenden Gottesleiche, versammelt; der gegenüber die folgende Eucharistie, der kannibalistische Gottesverzehr, die innigste Einswerdung mit der göttlichen Herablassung, nur noch ein aberwitziges Nachspiel, eine - in ihrem doch psychotischen Gipfel -, etwas überraschend, sinnentleerte Kapitulation ausmacht.
Zurück zum Schuldproblem. - Die grundlegende Schulddimension macht so etwas wie die "Urschuld" aus, und sie besteht, in Stellvertretung, in einer höchst pathogenen meist frühesten Traumatik, die irgend ins Nacherlebensspiel zu bringen, darüber überhaupt entscheidet, therapeutisch in die Gänge zu kommen. Ich bleibe beim Ausdruck "Urschuld", ohne die besagten Einwände dagegen nicht ernst zu nehmen, weil ich die Verbindungen zu den nachfolgenden Schuldvorkommnissen einzig so, schon begrifflich angezeigt, gewahrt erachte.
"Nachfolgende Schuldvorkommnisse" - sie laufen alle darauf hinaus, den Bann der "Urschuld", der diese stellvertretenden basalen Traumatik, zu brechen. Und es scheint menschliches Schicksal zu sein, je nach Schweregrad der ursprünglichen Verletzungen, es mit dem Ablaß ("venia") derselben, äußerst schulderzeugend wiederum, zu übertreiben: will sagen: das Rettungsphantasma radikaler Autonomie/Autarkie/Absolutheit, kurzum: der Unsterblichkeit, inbegrifflich den Illusionismus des Gottesbegriffs wider den Tod, gegenzuhalten, und als Instanz der Bestrafung, letztlich der
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Todesstrafe, seiner ebenso unvermeidlichen wie zutiefst verwerflichen Anmaßung ("Usurpation"), geltend zu machen. Da capo: das Trauma - der Sterblichkeit, der "Urschuld" - provoziert das Phantasma - der Unsterblichkeit, des, seine schuldüberfrachtende kreatürliche Anmaßung tötenden, göttlichen Vorbehalts; und dies Urphantasma unseres Gottes - selbst schon a priori anmaßender Statthalter des Todes - schirmt das Sterblichkeitstrauma, dürftig genug, in seiner (längst verdinglichten) Allmacht, ab.
Imponierend die besondere Verführungsmacht des Christentums in diesen Erlösungsbelangen: nämlich die Gottmenschlichkeit, gipfelnd in der eucharistischen Einswerdung mit dem sühneopfernd gestorbenen und auferstandenen Sohnesgotts. Man ißt und trinkt sich eo ipso das Gericht, um, gleichwohl, an diesem Widerspruch verzweifelnd, nicht ohne Gegenleistung an - freilich unwirksamer - Buße freigesprochen, nein: unerlöst, höchstens, ins Niemandsland laufengelassen zu werden.
Dies christliche Essential ist je schon verkommen zum paranoisch sich zuspitzenden Doublebind - das (Schein)exempel an Gottesliebe, "durch den die Welt geschaffen wurde", der Gottessohn, "sitzet zur Rechten des Vaters", als Weltenrichter - welch "pia fraus"! Mein (ja, mein) Patient hätte in grauer Vorzeit (von wegen!) womöglich "im Ruch der Heiligkeit" gestanden, neuzeitlich, säkular, gilt er als nichts mehr denn psychisch schwerkrank; und Psychopathologie, das ist die moderne Maske überalteter Verdammnis, ein durch und durch paranoisches Verhältnis, das, zum Scheine überflüssig, die allerverborgendste Großaufgabe der "paranoischen Dingwache", das ist des nährenden Schutzes des das Sterblichkeitstrauma parierenden Absolutheitsphantasmas, in verdinglicht erfüllter Gestalt (die "Produktivkräfte"), übernimmt und unbesehen betreibt. Und so die auf den Punkt gebrachte pathognostische Subversion.
Therapeutisch setze ich in aller nachträglichen Nachdrücklichkeit auf die Bezeichnung (Denomination) der quälend halbwegs bezeichneten inneren schuldüberlasteten, psychoanalytisch angesehen: ödipalen, Nöte des - buchstäblichen - Patienten, und zwar strikte nach der Maßgabe deren Bereitstellung, deren Vorgegebenheit in der katholischen Glaubenslehre, und dies in der Hoffnung, daß solche ausgiebige Religionskritik die Auflösung der Symptome an religiöser Verstrickung bewerkstelligen könnte - ein Ansinnen, das, bisher, seine Grenze fand an deren enormen Widerständigkeit, hervorgerufen durch den Schweregrad der grundlegenden Traumatik, im Verein aber mit der überaus versteckten, ja abgestrittenen weltlichen Fortsetzung des Heilsersuchens (der "innerweltlichen Erlösung") dann in
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entsprechender kultureller Objektivität; welche blockierende Adressierung sich als künftiges Hauptdesiderat der, nicht mehr unbesehen auf Sanierung angelegten, Aufklärung ergibt.
Zusammengefaßt meine Abweichung von der traditionellen, der darin aufgehobenen, Psychoanalyse:
die entscheidende Absage an die übliche Mohrenwäsche des Sachbezugs der subjektiven Symptome: die katholische Dogmatik, und, allerdings weitgehend in praxi noch im Wartestand, deren dinglich kulturellen - institutionellen und technologischen - Pendants.
Allemal, im voraus schon, sterben muß die Hoffnung auf die (nach meiner Terminologie: "todestriebliche") Parierungsmacht des Gottesphantasmas, der Absolutheitsblende vor dem Todestrauma; nur daß das daraus hervorgehende, ja, Nichts sich, fraglos sich dementierend, auf der Stelle auffüllt mit der überquellenden Masse des, zumal phantasmatragenden, Todesmasken-Ringsherum der Dinge (des allzeit wiederauferstandenen Gottessohns); nur deren Tod wiederum, unmöglicherweise, alles todesgeborene Schuldtalmi auflöste - freilich immer jenseits der martialischen Endsouveränität des "Todes der toten Dinge", des - den Erlösungstrug vollendenden - Dingsuizids.
Postskripturale Notizen
"Schuld" im Überschlag:
ontologisch ("Schuld der Sterblichkeit")
moralisch/juridischversus
existential
Schuldsignalisierung durch Schuldgefühle (Probleme der "unbewußten Schuldgefühle"), differentiell nach moralische/juridische und ontologische, existentiale
Verhältnis beider Schuldbegriffe zueinander, je im Extrem:
Wegschaffung des ontologischen durch den moralischen/juridischen versus Umkehrung dessen
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"Versündigungswahn"
Zurechnungsfähigkeit/Verantwortbarkeit; paranoisches Projektionswesen des Schuldgefühlemachens
"moral insanity"
Gerichtsshows Sat 1
Schwerpunktmäßig ängstigenden Thrillempfindungen zwischen den Beinen: Efeminierung, auch anale Penetration
Häme: analer Affekt
Teufelserscheinungen
Ikonographie des Verdammten
Schuld in anderen Psychopathologien, z. B. Phobien: symptomatische Vermeidung = Schuldflucht vor der Fusion/Diskrimination mit der Martialität des phobischen Objekts
Symptomkorrelate im Überschlag:
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Scheinbar reaktionärer Vorzug der katholischen Dogmatik, die - psychopathologisch veranlaßt -, beim Wort und buchstäblich genommen, auf den Punkt gebracht - deren Feuerprobe, Kritik des Protestantismus mit - erscheint
Imaginäres schuldpotenzierendes Sichhineinsteigem in die Symptomatik, eben auch, nicht zuletzt, als Blockierung deren kriminellen Konvertierung
Solange noch der Ganzrest an subjektiver Kausalität, grenzwertig wahnnächst, erhalten bleibt, darf m. E. das Wagnis eingegangen werden, diagnostisch wie therapeutisch, die, wie immer so auch überstrapazierte, Neurotik der Symptome aufrechtzuerhalten.
Eucharistie - kaum mehr des nekrophagischen Horrors wert?? Ob da nicht auch die härteste Abspaltung am Werke sein könnte?
Fraglich bleibt insonderheit, ob die empirische Auffüllung des Urtraumas, zusammenfallend mit der Urschuld der Sterblichkeit, mit abgeleiteten todesnahen Traumata nicht bereits einer dispositionsbegierigen Usurpation nahekäme.
Unterbelichtet die - objektiver Inbegriff der pathognostischen Wendung - "Reklame"korrelation von Mythologie/Kult und institutioneller und technologischer Objektivität ("Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse"). Fürs erste, en petit, wäre hier das Augenmerk auf die Berufstätigkeiten des Patienten - womöglich jener, der Mythologie etc. verdeckten Exekution - zu richten.
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