Name
Passwort
Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
Dieser Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
Vom Eigenen und vom Fremden: Das Unbewußte, das Geschlecht, die Generation, der Tod (Pathognostische Studien VII, 2002, Essen, Die Blaue Eule, 20-25)
Vorbemerkung. - Abermals ein Vortragstext in der Tradition der Jahrestagungen der "Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf e. V." am 29. September 2001 zum fast schon modischen, dann aber plötzlich brandaktuell (Terrorismus!) gewordenen Thema der Alterität - hieß doch der Tagungstitel: "Vom Eigenen und vom Fremden. Psychoanalyse transkulturell". Ich nahm die Gelegenheit wahr, kerygmatisch fast meine obligaten Differenzmonita exoterisch vorzustellen.
Der Vortrag beabsichtigt, das "innere Ausland" in uns selbst anzumahnen. Das "innere Ausland", das ist, psychoanalytisch gesehen, das Unbewußte, seinem Gehalt nach der verdrängte Ödipuskomplex. Und der Ödipuskomplex besagt das Begehren, alles Andere - das Andere des Geschlechts, das Andere der Elterngeneration, das Andere des Todes - inzestuös zunichte zu machen.
Weshalb aber diese Wendung nach innen? Um zu verhindern, daß äußere Gewalt dafür herhält, uns selbst von derselben verurteilten Gewalt in uns freizusprechen.
Aktuell, in Anbetracht der terroristischen Greuel, die eine Art von verdichteter und offenlegender verstrickter Widerspiegelung der Gewalt der Terroradresse selbst sein mögen, tut eine solche psychoanalytische Besinnung besonders not.
Fast wie ein Rufer in der Wüste möchte ich heute anmahnen, ja einklagen die - wie ich denke: schwindenden - Chancen psychoanalytischer Aufklärung, einer Aufklärung, die immer dem Zweck der Verbesserung unserer Lebensverhältnisse unterstellt sein möge, diesmal der Verbesserung des Umgangs mit Fremd- und Ausländischem, gemäß dem Thema unserer Symposions: "Vom Eigenen und vom Fremden. Psychoanalyse transkulturell".
Unsereinen (und Sie wohl mit) kann schon das Entsetzen darüber packen, daß sich die Schere zwischen dieser bewährtesten Theorie, der Psychoanalyse, und deren gesellschaftlicher Wirksamkeit immer weiter öffnet. Welcher mißliche Umstand bitte aber nicht einzig der Psychoanalyse angelastet werden, der hingegen dazu veranlassen sollte, deren kritische Potentiale erneut ins Bewußtsein zu rufen.
20
Solche Re-klamation bleibt ein schwieriges Unterfangen, denn psychoanalytische Kritik erweist sich als mühsam und risikoreich, weil jenseits aller großen wohlfeilen moralischen Deklamationen, die bekanntermaßen garnichts verändern, angesiedelt;
zudem weil langwierig, gewährlos und nicht kurzschlägig auf auffällige Effekte hin angelegt; und auch weil in sich selbst gefährdet, unbesehen dem zu verfallen, was sie aufzulösen beabsichtigt;
und nicht zuletzt aktuell: wie soll sie, die so beschaffene psychoanalytische Kritik, Platz nehmen und verändernd sich in unseren Zeiten einrichten, wo das, was sie vielleicht zum Aufklärungseinstand bewegen könnte, marktschreierisch medial, affektfernsehnlich etwa, in perverser Lückenlosigkeit über sie hinwegwuchert?
Nun aber zum Thema.
Verzagt und unverdrossen zugleich nehme ich heute, vielleicht gegen Ihre Erwartung, die Psychoanalyse nicht in sozialpsychologischem Betracht, nämlich als Kritikorgan von Kollektiven, Gruppen, Institutionen, was durchaus ja möglich sein könnte, in Anspruch; ich werde vielmehr anregen - fast hätte ich gesagt: konservativ psychoanalytisch -, den außengerichteten Blick zurück und nach Innen zu wenden hin zur subjektiven Selbsterfahrung dessen, was draußen, abgehalten, ebenso begegnet: eben das skandalöse Fremde, Ausländische, Andere, ganz-Andere.
Warum diese Wendung nach Innen? In te ipsum redi?!
Bleibt sie aus, so kommt nach aller Erfahrung die Gefahr auf, alle ängstigenden, beschämenden, schuldigen Mißhelligkeiten in mir selbst aus mir herauszuwerfen und irgend dafür entgegenkommend gemachten Anderen anzulasten;
entsprechend dann auch alle Widrigkeiten draußen verurteilend zum eigenen Freispruch zu mißbrauchen.
Wenn Sie sich ein wenig in der Psychoanalyse auskennen, so haben Sie vernommen, daß ich eben den Abwehrmechanismus der "Projektion" umschrieben habe: ich bin es nimmer, Du bist es einzig; und wenn Du es bist, so kann ich es selbst niemals sein. Zur Projektionsrechnung gehört wesentlich aber dazu, daß sie nicht aufgeht - eine Rechnung ohne den Wirt - : auf diesem Wege kann ich mich selbst nicht entsühnen, die projektive Entschuldung bleibt illusionär; und der Sündenbock-Andere wird sich zudem nicht einfach in sein Los, ausschließlicher Schuldträger zu sein, schicken, gegebenenfalls die Gegenverfolgung aufnehmen. Und die letzten Dinge werden schlimmer noch als die ersten: so entsteht und unterhält sich paranoische Gewalt.
21
Aber was ist es denn nun, was in uns zur Projektion allzeit bereitliegt? Und wo befindet es sich?
Aufschluß darüber geben die Ausdrücke in meinem Vortragstitel, die ich zur Beantwortung in einen Zusammenhang bringe. Ich beginne mit dem "Fremden". Das Fremde, das ist das "Unbewußte", mit einem trefflichen Klischee benannt: unser "inneres Ausland", unser "Binnenexterritorium".
Und das "Eigene" - ich zögere - : dasjenige, was wir dagegen in bewußter Regie halten können, "Ich"leistungen also, die allzeit vom Unbewußten her beeinträchtigt sein können.
Was aber ist das Unbewußte? Es ist die Heimstatt des "Verdrängten".
Was wird, was muß verdrängt werden?
Jetzt kommen die weiteren Termini: Geschlecht, Generation, Tod ins Spiel, die für den Menschen entscheidenden Differenzen:
der Geschlechtsunterschied (männlich/weiblich), der Generationenunterschied (Eltern/Kind) und der Lebens-Todesunterschied.
Erlauben Sie mir, noch einen weiteren Unterschied vor dem letzteren einzuführen - man vergißt ihn allzu leicht: den von Körper und Ding.
Was also wird, was muß verdrängt werden? Nicht diese grundlegenden Unterschiede selbst etwa - die von Tod und Leben, Ding und Körper, Eltern und Kind, Mann und Frau -, vielmehr die Untat der Aufhebung derselben, die Indifferenzierung dieser Differenzen. Als Unbewußtes, (zur Projektion bereitliegendes) Verdrängtes, sedimentiert sich die strafwürdige Urbegehrlichkeit des Menschen, die apostrophierten Unterschiede alle wegzuschaffen -"Und Ihr werdet sein wie Gott" ("Eritis sicut Deus").
Diese - eher der Philosophie vorbehaltenen - basalen Sachverhalte vermag die Psychoanalyse - gleichwohl - theoretisch bestens zu benennen: für die besagte Indifferenzierung aller Differenzen, wenn Sie so wollen: das Gottesphantasma, steht psychoanalytisch auf triebtheoretischen Niveau der "Ödipuskomplex", also der Inzest/die Inzeste, immer als scheiternde Versuche, auf Absolutheitskurs den eigenen Ursprung anzueignen; sodann der "Narzißmus" und zuletzt, leider nicht recht aufgenommen, der "Todestrieb" (recht eigentlich der sich brechende, sich in Gewalt hinein aufschiebende "Unsterblichkeitstrieb").
Wenn immer Sie mir erlaubten, die Lebens-Todesdifferenz als diejenige Existenzdimension anzunehmen, die alle weiteren - die von Körper/Ding, die generationssexuelle, die sexuelle - wesentlich enthält; wenn demnach der "Todestrieb" als Letztfassung der Triebe gelten darf, so möchte man meinen, daß alle Differenzbeseitigungen intim darauf abzwecken, den Tod zu töten, um damit die Gewalt des Todes gewalt-tätig anzumaßen im Sinne einer" Uridentifikation mit dem Uraggressor" Tod, der Zerstörung, dem Nichts.
22
So wäre in problematischer Ausweitung des Inzestbegriffs das Inzestwesen generell:
als verschuldendes, das Unbewußte, den Inbegriff des Verdrängten schaffendes und ernährendes Opfer alles Anderen:
des Anderen des weiblichen Geschlechts, der Elterngeneration, des fleischlichen Körpers, des Lebens selbst, um dies Andere selbst selbst zu sein, um dieses absoluten Einen willen. Wir, die Sterblichen, sind gehalten, fortwährend die Anmaßung tätlicher Todesverleugnung derart zu betreiben, daß wir alle Sterblichkeit anzeigenden Unterschiede - Sie kennen sie -, diese einverleibend, zu neutralisieren nicht umhinkommen.
Und das soll das (vor)letzte Wort sein? Diese Düsternis, dieser Bann? Der offensichtlich doch auch rein aus der männlichen "Zentralperspektive", als reinste "Männerphantasie", gesprochen erscheint?
Ja, unsere (schwach ausgedrückt) Lüsternheit der Indifferenzierung aller Differenzen ist unabdingbar; und unterstellen wir sie nicht als unzerstörliche Passion, so entraten wir der Erklärungsgründe für die uns, die Menschen, zeichnende destruktive Gewalt. Wo aber hat Leben, menschliches Leben, Eros, dann noch Platz? Einzig innerhalb dieser tödlichen Leidenschaft der Indifferenz, dieses verheerenden Unsterblichkeits-, Absolutheitsbegehrens, eben als Respekt der sich in dieser seinsnotwendigen Begehrensdynamik ausfällenden Differenzen: kurzum die Kulturschaffung i.w.S., betreffend den Körper-Ding-Unterschied und das generative Geschlechterverhältnis, angehend die Geschlechts- und Generationentrennung. Nur daß beide, wie immer wiederum aufeinander bezogen, jederzeit Gefahr laufen, zusammenzubrechen: die Dinge im Krieg, die Körper todesvorsorglich in Krankheit. Von hier her schränkt sich auch die Reichweite der Wirksamkeit dieser Art von philosophisch-psychoanalytischer Aufklärung, als Grundlage unserer Therapiegepflogenheiten, ein: kein archimedischer Punkt steht ihr zur Verfügung, immer bloß ein Tropfen auf den heißen Stein, im Innern des unaufhebbaren Unheils nämlich gewährlos und mühsam die begehrlichen Indifferenzverstrickungen von Krankheit aufzulösen - aber um welchen Preis? Ob so der "böse Geist Legion" nur den Befallsort wechselt? Und auf die feministische Opposition ist, ob ihres zutiefst angepaßten Wesens, revolutionär ebensowenig zu setzen.
Was aber ist, so mögen Sie sich fragen, mit solchen psychoanalyseherkünftigen Theorieausschweifungen für die virulenten Probleme der Ausländerfeindlichkeit, eine der inflationären projektiven Verschiebungen des "inneren Auslands", gewonnen? Als Psychoanalytiker wollen wir doch konkret politisch intervenieren?! Inwiefern habe ich Ihnen denn keinen schmählich abgehobenen Theorieluxus vorgetragen, der schon um die nächste Ecke herum - gerechterweise - verstummte, wenn mir, dem eitlen Rhetor, von einem Rechtsradikalen die Fresse
23
poliert und ich blutend dann doch die Polizei rufen würde? Alle Gewalt ist erpresserisch, und wer ist de facto nicht auch, körperlich zumal, erpreßbar? Erpressung aber macht einen Wesensbestandteil der Gewalt aus, wird also nimmer ausbleiben, und umso nachdrücklicher gilt demnach die Frage nach dem Handlungsnutzen meiner in sich hineingeschrieben todestrieblich unmäßigen psychoanalytischen Aufklärung.
Nun, dieser überfällige Aufklärungsnutzen scheint in weite Ferne utopisch fast zu entrücken.
Das weiß ich so gut wie Sie: das Kind ist in den Brunnen gefallen, im kleinen - siehe die eben phantasierte Attacke auf mich - und, aktuell zugespitzt, im großen nicht minder. (Entbinden Sie mich bitte aber von der Verpflichtung, hier zu letzterem, dem jüngsten großen Terrorismus-Trauma, eigens zu votieren: es ist leidlich in dem, was ich ausführe, befaßt.) Ulrich Sonnemanns Witz von der achthundertundsoundsoviel-Kilometercouch quer durch die Bundesrepublik zum Zweck endlich kollektiver psychoanalytischer Aufklärung und Kritik, der im vorhinein schon verpufft...
Also auf verlorenem Posten, gleichwohl mutig auf dem besagten Rückzug retour in die Geburtsstätte aller tödlichen Gewalt, wage ich zu sprechen:
das Problem des (im Wortsinne) terrorisierenden Anderen ist nach dieser Art psychoanalytischer Aufklärung unvermeidbar und, mehr noch, unlösbar. Man möge sich bitte von den großen Verheißungen unseres Medienzeitalters nicht täuschen lassen, denn: je mehr vermeintlich befreiende Indifferenz, das Plattmachen aller Unterschiede, um so mehr Gewaltakkumulation - dieser Gott ist sehr hungrig. Und räumt man das fortwährende Scheitern des Alteritätsproblems nicht ein, so drohen Endlösungen und davor im kleinen moralistische Scheinlösungen, in denen sich der Ursprung dieser menschlichen Misere bloßlegen mag: daß wir sterbliche Wesen und deshalb uns selbst niemals gewachsen sind und also in Legion den Tod anmaßend verleugnen müssen, um überhaupt, voll der Gewalt, dieser Todeserbschaft des Lebens, leben zu können.
Versuchen Sie es doch einmal auf meine Anregung hin, um des Zugangs zu der besagten überfälligen psychoanalytischen Aufklärung willen und aus allseitiger Solidarität (hätte man früher gesagt), versuchen Sie bitte diese Nicht-Übertreibung, in jedem fremden Gesicht das Trauma einer Todesverkündigung zu sehen und in den mäandrischen Verschiebungen Ihres Inneren dahin zu gelangen, wo Ihre obligaten Nöte mit dem Hydrakopf des Anderen gierig des Außenabtritts projektionsgemäß harren. Und riskieren Sie es dann, wenn eben möglich, nicht sogleich die Gegenverfolgung aufzunehmen oder aber umgekehrt, wie es sich einzig ja moralisch, sprich: reaktionsbildungshaft, gebührt, die Verfolgten zu verteidigen und zu schützen (was ja am anderen Ende genau dasselbe ist wie Verfolgung), vielmehr in der Ansicht des Leids, des Leidens, des Schmerzes des
24
gesamten Verhältnisses, hüben wie drüben, bei den Opfern sowie bei den Tätern, zu weilen. Das wäre, so denke ich verzagt und unverdrossen, kein vergeblicher Augenblick.
25