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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Fetisch Wissenschaft. Zur Diagnose und nicht-Therapie des szientistischen Pathos (Pathognostische Studien VII, 2002, Essen, Die Blaue Eule, 26-31)
Vorbemerkung. - Ebenso ein traditionsreicher Vortragsort: die Verlagskolloquien der "Blauen Eule", in deren siebten am 10. November 2000 ich wissenschaftskritisch über "Fetisch Wissenschaft. Zur Diagnose und nicht-Therapie des szientistischen Pathos" sprach. Der vorausgeschriebene Lesetext gleichen Titels wurde im Sammelband der Kolloquiumsvorträge - Ethik und wissenschaftliche Objektivität. Hg. J. Fellsches/W. L. Hohmann. Essen. 2001. S. 141-152 - bereits veröffentlicht.
Da ich dezidiert diesmal Gedanken, nämlich die Fetischkriterien, auch pantomimisch medialisierte, war mir, dezent gesagt, Befremden wieder einmal sicher, vor allem bei einigen Ruhrgebietsuniversitätskollegen. Doch daß man mich nebenbei als einen "Beuys der Philosophie" hieß oder auch schalt, das rechnete ich mir freilich zur besonderen Ehre an.
Detailliert heterosexuell ausgeführt wurden die Fetischisierungskriterien im besagten Lesetext. In deren pantomimischen Reduktion hier im Vortrag führte ich, insbesondere mit Armen und Händen, vor:
  • eine Distanzierungs- und Feststellensbewegung;
  • am also Vor-gestellten eine solche der Spaltung und Isolierung des einen abgespaltenen (von mir her gesehen rechten) Vor-stellungsteils;
  • an diesem eine solche des Eindringens und Nachaußenwendens seines Inneren; sowie zugleich jeweils die "dialektische" Konterkarierung dieser Bewegungsarten, zusammengenommen je mit ihrem Gegenteil die einschlägige Phantasmatik der Fetischisierung: des Selbstseins aller Alterität.
Noch nicht zwar erscholl gestern Nacht die Posaune des Jüngsten Tags, im Halbschlaf jedoch ein vehementer Ordnungsruf, ein wissenschaftliches Donnerwort, betreffend den Titel meines Vortrags: "Fetisch Wissenschaft..."!
(Vielleicht war es einer von Ihnen, der also in meinen schwindenden Schlaf hinein tönte?)
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Gewiß können Sie es sich denken warum - bei solch einem Frontalangriff auf den letzten/höchsten Wert mindest seit der Moderne und der Postmoderne zumal, da muß man sich nicht wundern. Und da ich es - weshalb wohl? - nicht lassen kann, perpetuiere ich das Risiko, mir weitere Blessuren zu holen - mein geistiger Körper ist bereits voll davon!
Sprach die wissenschaftliche Höhenstimme, äußerst entrüstet: "Fetisch Wissenschaft..." - das ist doch ein einziger Witz, nicht wahr?! Alle unwissenschaftlichen Untugenden in ihm versammelt:
  • Dinge, die sich ausschließen, werden zusammengebracht, ja identisch gesetzt - der Mann kann nicht unterscheiden! Verwechselt die Fakultäten!
  • Aber ich will ja nicht so sein, konzediere ihm die Möglichkeit, ein Symbolverhältnis zwischen Fetisch und Wissenschaft zu statuieren? Nein, lieber nicht! Denn:
  • 2/1) mit dieser Einräumung wird der Verknüpfungswillkür Tür und Tor geöffnet - das kennt man doch: fast alles ist mit allem analogisierbar. 2/2) Ferner (siehe V): was da in dem "übertragenerweise" übertragen werden soll, der Symbolgehalt (Fetisch), ist zweifelhaft: irrational, pathologisch. Pathologisierend werden Wissenschaft und Wissenschaftler so verunglimpft, und schließlich
    2/3) die Theorie, die solches betreibt - man hört es sogleich: die Psychoanalyse -, sie ist angesteckt von ihrem Gegenstand, selbst demnach irrational, unwissenschaftlich kurzum. Der Mann ist nicht nur blöd, auch windig, betrügerisch und gemein...
"Wenn Du der Sünden gedenkest, o Herr, wer könnte vor Dir bestehen?" Aber Sie kennen alle ja den Bannstrahl, den akademischen, der denjenigen trifft, der gegen den Wissenschaftskanon - sancta scientia' - verstößt. Wobei ich, der Gerechtigkeit halber, einschränken muß, daß es viel weniger die Wissenschaftler denn die Wissenschaftstheoretiker/Wissenschaftsideologen sind, die sich als solche Wächter, höflich gesprochen, gerieren. Durchweg haben die Wissenschaftler selbst solche Angst nicht nötig.
Der Wissenschaftskanon? Er hat eben voll zugeschlagen:
  • "Bier ist Bier, und Schnaps ist Schnaps";
  • beider gewaltsame Kontaminierung erbringt keinerlei Erkenntniszuwachs;
  • es ist unwissenschaftlich, solches zu tun, wie der symbolische Verunglimpfungsstoff selbst, derselben irrationalen Art.
Fazit: Also bitte, ich darf doch sehr bitten: der Vortragstitel ist ein einziger Witz. Wie soll ich mich wehren?
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Nein, ich werde mich nicht weheren (können), vielmehr weiter Witze machen, die ich witztheoretisch dann aber auffange, und fange mit der Behauptung an, daß der paraphrasierte Kanon alle Fetischisierungskriterien enthält; und ich biete sie Ihnen heute sonderdidaktisch, mimisch, gestisch, choreographisch, wie taubstummensprachlich:
(Vormachen! ... Verstanden? Da capo?)
Die Unterstellung in meinem Vortragstitel, Wissenschaft = Fetisch, sei ein einziger Witz, sagt der attackierte Wissenschaftsgeist (mit seiner Legion dienstbarster Untergeister). Da er humor(un)bereit aber nicht über sich selber lacht, verurteilt er den Witz, zusätzlich als schlechten, ja als bösen Witz, über den man garnicht lachen kann, wie er überhaupt, auch wenn er ein guter wäre, als deplaziert erscheint. Also: das wissenschaftliche Pokerface verträgt keinen Spaß, jedenfalls solchen substantiellen inkulpierenden nicht; das Wissenschaftsethos nimmt den Wissenschaft aufklärenden Witz schlechterdings nicht ernst; der Witz ist für es ebenso nichtig wie das Witzsujet (Fetisch) und dessen Erkenntnisweise (Psychoanalyse). Wissenschaft - ein selbstbezüglich eigenapologetisch hermetisches Gebilde?
Gesetzt nun aber den Fall - ein höchstbedingter Fall freilich -, der Bann sei gebrochen, die Witzzündung zustandegekommen - was leistet dann der Witz, hier dieser - sperrige? - Witz: Wissenschaft sei fetischistisch?
So er ein solcher sei, kehrte er das Unterste kurz-weilig nach oben, die Unterwelt der Wissenschaft in deren Oberwelt, das einschlägige Unbewußte ins Bewußtsein. Kurz-weilig? Das heißt im Sinne einer entlastenden Abfuhr, die das Abgeführte augenblicklich wahrnehmbar macht, kurzum: der Witz fungiert als Akt der Beschwörung des Unbewußten, dessen Herbeizitieren und Wiederverscheuchen, fast ohne den Zwischenwert des Zum-Bleiben-Bewegen, ineins. Der Witz, das ist eine zünftige Aufklärungsmethode, keine wissenschaftliche, in Regie zu nehmende, und deshalb, ihrer Praktikabilität unbeschadet, vorab gewährlos. Gerne halte ich so dem frühen Freud die Treue: "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten", und führe z. B. meine Funktion als Therapiegruppenleiter auf die des Vorlachers eng. "Dein Lachen wird vergehn..."? (Bisher noch nicht.)
Aber, so könnten Sie jetzt einwenden: was heißt denn Aufklärung, wo sich das Aufgeklärte sogleich wiederverdunkelt, das Offenbare instantan verschließt, das Erschienene auf der Stelle verschwindet; der Unterweltspuk an der Oberfläche sich auflöst, die Witzzündung den unbewußten Aufklärungsstoff wie ein Strohfeuer verglühen macht? Ja, da es dem Aufgeklärten aus Gründen der Selbstwahrung nur recht sein kann, bloß für einen kürzeren Moment aufgeklärt zu sein - es zwinkert eben einmal mit den ansonsten wie toten Augen -, da es sich den Witz, den armen, also dienstbar macht und unterwirft, bleibt es für unsereinen
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allzeit überfällig, die im Witz wiederverschwindende Aufklärung dem Schwund zu entreißen, sie abzufangen, festzusetzen, für ihre fortgesetzte Weile Sorge zu tragen. Wie? Philosophisch intellektuell als Notat - man macht es schriftlich und behält es so; was freilich nicht der einzige Modus der Witzkonservation ist; verwandt und zugleich überhaupt nicht der Pathologie, die, der Ablösung/AbSolvenz des aufklärenden Witzgehalts in ein Medium hinein unfähig, den Körper/das Subjekt mit einem solchen Medium verwechselt, so etwas wie die korporelle Witzeinfrierung - das sind die Symptome, das tut weh - betreibt.
Witz(gehalt)WissenschaftPhilosophie
Kunst
Pathologie
vernichtende
Abspaltung
erhaltende
Ablösung
vernichtende
Einverleibung
Obwohl ich Philosoph bin, habe ich den Traum von dem einzurichtenden Anderen der Intellektualität etc. im Verein mit Pathologie ausgeträumt. Die Hierarchieverhältnisse sind hier eindeutig: siehe insbesondere den Kurzschluß von Wissenschaft und Pathologie, zwischen denen die Intellektualität und sonstiges mittendurchfällt.
Es ist jetzt höchste Eisenbahn, inhaltlich zu werden: also den schlechten bösen Witz, Wissenschaft sei ein Fetisch, der dieses sein intimes Wesen verdeckt halten müsse, zu explizieren.
(Einen Damenschuh bitte! ...) So das Musterbeispiel eines Fetischs innerhalb der Pathologie Fetischismus. Ungeheuerlich, nicht wahr, diese Wissenschaftsdesavouierung?! Ich verzage... Aber im Ernst: ein Vortrag ist als Methode wenigstens der Plausibilisierung meiner infamen These denkbar ungeeignet; er ist wohl wie ein Überfall, wenn überhaupt wirksam, mit zuviel und zuwenig Vermittlungsvalenzen - man bleibt außenvor oder man kriegt was ab. Aber was soll ich hier tun?
Initial theoretisch ist es wichtig nachzuvollziehen - ob das wohl geht? so die Basisthese, das ganze offenbare Geheimnis der Pathognostik -, daß der Fetischismus, hier, vorgestellt, im Gebaren des Schuhfetischisten, in seinem Dinggebrauch, dem zweckentfremdeten wider den Normalgebrauch, einem rein ästhetischen, zugleich aber, wegen der sexuellen Affektion, unästhetischen - daß der Fetischismus die Motive der Produktion der Dinge bewußtlos bloßlegt und allein deshalb schon sanktioniert werden muß. Allen Ernstes lautet die These also: die Gründe der Schuheherstellung offenbaren sich im Schuhfetischismus, insbesondere hier, des Perversionscharakters wegen - Perversionen legen offen,
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sind schamlos. Und wenn die Wissenschaft ein Fetisch ist, so rührt sie von denselben fetischistischen Leidenschaften her.
(Entsinnen Sie sich meiner gestischen Demonstration der Sequenz der Fetischisierungskriterien? Da dapo! Mitmachen!) Welche Leidenschaften im Zusammenhang sind hier veranschlagt? (Schuh vorzeigen und die rechte Hand hineinstecken und dann wie "Autofahren"!)
Kennen Sie den ingeniösen kurzen Alterstext von Freud: "Die Ichspaltung im Abwehrvorgang"? Er enthält die psychoanalytische Fetischismustheorie. Die ich Ihnen eben vorgeführt habe: im Jargon (erschrecken Sie bitte nicht!): die Frau, die Mutter mit dem Phallus. Im Schuh, dem exemplarischen Fetisch, wird es offenbar: Fetische sind doppelgeschlechtlich, sexuell "konkretistisch": die Doppelung demonstrierend, indifferent; genauer noch: generationssexuell so wie dinglich das Auto, kleinianisch (mit meinen Zu[un]taten ausgedrückt) (vormachen!): schwangerschaftlich, das heißt: die Mutter mit dem Phallus als dem im Sohne aufgegangenen Vater in sich (wo bleibt der Ehemann?), dem filialen Binnenherrscher intrauterin, der den Mutterleib disponiert. (Vormachen!) (Aber wenn das Kind nun eine Tochter ist?? Da fehlt eben was, kompensierbar aber dadurch, daß das Weiblein zum Ganzphallus fetischisiert wird; was freilich die Kastration im Lacanschen Sinne nur unterstreicht.)
Doch der Schuhfetisch ist doch leer? Aber mit pneumatischem Geistfleisch gefüllt, und: 'le petit ballon' die wahre Schwangerschaft!
Nachdrücklich moniere ich (abermals), daß diese Leidenschaft, die Differenzen plattzumachen - die Fetischisierung, inbegrifflich diese -, das Motiv schon der Schuheherstellung, überhaupt der Dingproduktion, ausmacht. Sie wohnen einer (nein: der einzigen) Version von Technikphilosophie bei, die freilich beim VDI und sonstwo nicht minder keine Chancen gehabt haben würde. Hier aber? Sektenhaft durchaus. Ich bedanke mich dafür. Wieviele sind gekommen?
Bleibt noch nachzutragen, daß das unter Verschluß gehaltene Produktionsmotiv unverbindlich dann im Nachhinein als Symbolik, wenn überhaupt, wiederabziehbar konzediert zu werden pflegt, künstlerisch immer noch am ehesten, psychoanalytisch aber selbst auf dieser letztlich fehlgehenden Ebene - psychoanalytisch in die Vollen gehend, wie vorgeführt - nicht. Psychoanalytisch in die Vollen gehen, das heißt (der weitere Nachtrag): der Fetischismus erfüllt sich inder "Tötung des Fleisches": der Kreation toter Hüllen, weil sonst nämlich die dispositionelle Vollmacht imperfekt bliebe. Innerpsychoanalytisch/schon nicht mehr psychoanalytisch heißt das dann: die Dinge seien Todestriebrepräsentanzen.
Nun aber das Gesamtregister der Fetischisierungsmaßnahmen als der initial schon widersprüchlichen Absolutheitsherstellung (Herstellung!), die sich zugleich in sich dann bis zur Selbstauflösung absurdifiziert. (Gestik... da capo!)
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Insgesamt: ich selbst bin der Fetisch in allen seinen Vollkommenheiten in der Fusion von Gebrauch als ästhetischer/unrein aber ästhetischer Nichtgebrauch als Reproduktion, ausgegeben als Produktion.
  • Ich selbst bin der Fetisch als verdinglichte Vor-Stellung ("Gestell") und überschreite also, phantasmatisch, die Lebens-Todesdifferenz (Viel Vergnügen!)
  • Item, als pars pro toto, philosophisch die "Idee", vorgeführt indessen das anmaßende Teil, das als Ganzes eben dieses außer sich selbst für sich opfert; in Wahrheit also ein Isolierungs-, Spaltungs-, alteritätsvernichtender Selbstbezüglichkeitsvorgang, dessen Aberwitz sich im Fetisch, im Fetisch Schuh hier besonders deutlich, nahezu fraktalisiert: ausgerechnet ein Schuh, und einer, und so fort. Die reinste Selbstbezugsphantasmatik.
  • Item, als Ursprung meiner selbst im fleischlichen, kognativen, generationssexuellen Verstande: Oedipus rex, filial inzestuös Vater und Mutter zugleich; was ich eben schon vorwegnehmend Freud zuliebe ansprach. Transgression der (generations)sexuellen Differenz.
1) "Gestell", 2) "Idee", 3) Oedipus.
Was soll ich noch sagen? Das ist die fetischistisch insonderheit imponierende Unterwelt, das Unbewußte der Wissenschaft selbst, das sie derart nicht loswird, daß sie es zu ihrer Perfektion aufzehrt.
Nun, ich verdrücke mich wohl am besten, indem ich Ihnen noch von Herzen wünsche, daß Sie der Wissenschaftsfetisch im Traume heimsucht, wenigstens dort.
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