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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Kritische Einlassungen zur aktuellen Medienkonjunktur philosophischerseits (Pathognostische Studien VII, 2002, Essen, Die Blaue Eule, 71-82)
Vorbemerkung. - Die vordem ausgeführte Motivation für die Veröffentlichung sowohl des Lese- wie des Vortragstextes gilt auch hier. Der Vortrag wurde innerhalb eines musikwissenschaftlichen Kolloquiums über "Musik im Medienzeitalter" in der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf am 13. Oktober 2000 gehalten. Postmoderne Problemtopoi: kulminierende mediale "Seinsvergessenheit", Absorption der Kritikvalenz von Kunst in diejenige der Ideologie, Potenzierung der autochthonen Mediencharge von Musik als Aushöhlung deren Einspruchspotentialen.
Ich spreche zu Ihnen als Philosoph sowie als Psychoanalyse-herkünftiger Psychopathologe, hauptsächlich von beider entsprechenden Disziplinen Oberschneidungen aus, denen ich mich besonders verschrieben habe. Als Philosoph ("philosophischerseits"!): das heißt, per negationem, jedenfalls nicht wissenschaftlich, vielmehr quasi von hinter der Wissenschaft her, relativ auf diese hin unverbindlich demnach, und unvermeidlicherweise kritisch, nicht jedoch auf Alternativen aus, sondern einläßlich ("Einlassungen"!) Krisis-bedacht. Die Psychopathologienanteile darin gehen Körpereffekte, zumal pathogene, von Kulturartefakten, wie beispielsweise Medien, an, nicht aber im engeren wissenschaftlichen Sinne solche einer technopathologischen Kausalität, wohl aber einer sozusagen deplazierten Mimetik des Körpers an Dinge, dessen eigenen Überbietungsdinge: eine Angelegenheit vorerst von Philosophie.
Vortragsthema ist die "aktuelle Medienkonjunktur", die, als empirische Tatsache, gewiß außer Zweifel steht. Sogleich nun zur ersten Intervention, und zwar betreffend die historische Einschätzung unserer Medienhochzeit. Also: Macht die "elektronische Revolution" einen "qualitativen Sprung" in der Medienentwicklung aus? Ich denke: nein. Denn: Re-Präsentation von Etwas, in re-produktivem Betracht, mitsamt der Verdinglichung derselben - der Geburt des Mediums dann -, irgend Verdinglichung, die deren, der Re-Präsentation, BeVerWahrung dient, deren "abrufbares" Gedächtnis ausmacht - Re-Präsentation derart, memorialdinglich = medial, ist zweifellos Menschheitskonstitutivum; und nicht weniger
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auch, keineswegs bloß zusätzlich, die ewige Verfänglichkeit der Medialität, überwertigerweise realphantasmatisch mehr vorzugeben als Re-Präsentation, mehr als bloßes Gedächtnis, mehr als Reproduktion, nämlich Präsenz, Seinsunmittelbarkeit, absolute Produktion (etwa so wie in SF, den Holodecks, wie eschatologisch vorgespiegelt).
Eines aber zeichnet im Kontinuum letztlich der Medienevolution - ich bestreite deren oft krummen Wege nicht! - unsere Gegenwart doch aus: die demokratistische Inflation der Medienmaschinität, -prothetik, und damit der enorme, buchstäblich manipulative, Schnelligkeitszuwachs/die Beschleunigung der Mediationsherstellung als Hauptfaktor der realphantasmatischen Verfügung - ich sagte es eben schon präzise -, der Verfügung über die Fundamentaldifferenz von Raum und Zeit.
Ein zweiter philosophischer Komplex erfragt: Worin eigentlich besteht der Sinn der epochalen Medienleidenschaft, welche Passion (welche Passioniertheit!) wuchert hier? Die manifesteste KI-Proliferation, diese "Produktivkräfte"-Auswahl, die Auserwähltheit dieser "Wunschmaschinen"-Sorte - wozu? Törichte Frage, typisch philosophisch, spielverderberisch? Ja, in ihrer ureigensten Domäne, dem Gedächtnis/der Selbstreferenz desselben, ward Philosophie, wahrscheinlich in einem bislang unbekannten Ausmaße, enteignet, und also verschwindet ihr sogenanntes Hinterfragen in der Allmacht des Medienmolochs, dieser global kollektivierten (schwarz)weißen Suchtl"Toxikomanie". Stichwort Sucht - das ist keineswegs metaphorisch gemeint, und, mehr noch: primär süchtig sind die Medien selbst als solche - erlauben Sie mir bitte dieses quid pro quo namens "Kategorienfehler" -, und die Süchte der Körper entsprechend nachgeordnete Kopien der originaliter vorangehenden der Dinge selbst: die besagte deplazierte, kausal nicht darstellbare Mimetik.
Sucht - was heißt das?' Die Absolutheitsintimität; der Gottesstatus, aller Mangel/"Seinsmangel" indizierenden Differenzen ledig zu sein, versammelt: des Basisdefizits der Zeitlichkeit, also des Todes. Wie sollte ich, als Philosoph jedenfalls, nicht, allzeit vorzeitig, bei den "Letzten Dingen" landen und mich nicht auch scheuen, von der prägnantesten, philosophisch überaus verdummenden, ja, "Seinsvergessenheit" unserer Medientage zu sprechen? Allenthalben sieht mans in augenfälliger Empirie: den Überfluß der seligen Jenseitsspiele der infiniten blitzschnellen Reproduzierbarkeit aller Verbildlichung, Verklanglichung (VideoAudio), Versprachschriftlichung obendrein, die Realphantasmatik des also hypostasierten/totalisierten Gedächtnisabhubs, in dem der Zeitlauf in beliebiger Reversibilität den Terror der Vergängnis abzulegen scheint; in dem der Maschinen-abgetretene ununterbrochene Strom des "freien Spiels der Einbildungskraft" die re-produzierte Realitätsreferenz produktiv zu ersetzen wähnt; in dem nicht
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zuletzt sich, in dieser großen Demokratiedissimulation, Inegalitätsgefälle sondersgleichen bilden: hier die drogierten, als solche in der Tat sozialisierten Verwendermassen im Halbaffenstatus, und die Minorität der anonymen wissenden mechané-Betrugsmacher dort. Gewiß - aber hat es je eine Zeit der "nichtversäumten Aneignung" des "Stands der Produktivkräfte" auf dem Niveau der Produktion selbst gegeben? Nein; aber gab es weiland weniger derart anzueignen und waren es auch mehrere insgesamt, die dies vermocht haben würden? "Wir genießen die himmlischen Freuden" - in Mahlers Vierten Sinfonie schon ein Schlachtfest, aber als fröhliches Schlachtvieh, wenn der unendliche Selbstbezug inflationär/deflationär seine unendliche Schuld in der allein noch verbleibenden Weise restituierter Referenz, nämlich der Katastrophe/des Unfalls, abwirft und das Erwachen aus dem medialen Dauerttraum, dieser objektiven Psychotik, am besten sogleich mit dem Tode zusammenfiele: Trümmer und Leichen als der Weckungsschatten der allgemeinen Abhebung des Simulationsdelirs. Ich möchte fürwahr nicht den Endzeitpropheten vor Ihnen machen, doch diese Alternative ist dabei, zur strengsten zu avancieren: entweder Höhenflug oder Absturz, tödlich koinzident beide an ihrem Ende, der Fusion von Erwachen und Sterben, und die Kontraktion allen Erkennens dann noch auf diesen letzten, nicht mehr vergleichbar (un)letzten Augenblick. Sentimentalisch gesagt: Wer begeht dagegen noch die Erde, wer vermöchte noch zu schweben? Unschwer einzufügen wären in diesen Zusammenhang, um mit der "Medienbeschimpfung" fortzufahren, quasi vor-apo-kalyptische bürgerkriegliche Gewalteffekte: solche der vollständigen Medien(re)inkorporation: Rechtsradikalismus, Gewaltpornographie, Kindesmißbrauch - die exkulpativ allgemeine Medienidolatrie ist also in der besten Gesellschaft, und Splittings demnach allzeit geboten!
Nach diesen spekulativen Ausschweifungen möge eine dezente Annäherung ans Tagungsthema expressis verbis erfolgen, zunächst Kunst überhaupt im Medienzeitalter betreffend. Nun, vielleicht klingt auch Ihnen Adornos nicht eben nur typisches Diktum nach: Eo ipso geboten sei die Hingabe je an die erreichte menschheitliche Entwicklungsstufe oder: Il faut eire absolument moderne' - ein Postulat, das zumal für die Künste gälte. Die Frage dazu lautet: Welche Valenzen hat Kunst derzeit, innerhalb der Medienepoche, postmodern, wenn immer sie hingebungsvoll daran sein solle? Hingabe? Opfer, emphatisch, als indirekte Bemächtigung/Bemächtigungslegitimation - woran und wessen? Eben an die Spezifität des geschichtlich eingenommenen "Stands der Produktivkräfte", als eine Art Zusatzarbeit daran, die dem Zweck der Aneignung(soptimierung) desselben untersteht, den Weg der (besseren) Adaptierung daran zu ebnen hätte? Aneignung, Adaptierung - Selbsteinanpassung, Sichzueigenmachen? Jedenfalls vorausgesetzt wird damit eine Art von Vermittlungsfunktion von Kunst, diejenige zwischen dem "Stand der Dinge" (buchstäblich), den "Produktivkräften"
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sowie "Produktionsverhältnissen" und den Subjekten, also die alte Aufgabe des "Überbaus", der "Ideologie(n)". Wo aber bleibt darin - in der Konvention des so doch unangefochtenen (bürgerlichen) "Besitzdenkens" - die Transzendenz, der Überschuß, das Andere von Kunst über die sodann allmächtige Normativität des status quo hinaus: Aufklärung modo aesthetico, Krisisschaffung, ja Kritik? Ohne Maßgaben der Rettung dieses E-Kunstelements verkäme alle Kunst zur schieren Reklame, mehr noch: zu einem ansehnlichst lukrativen Großunternehmen der Amortisation, aktuell insonderheit der Medien, just so, wie in der Warenästhetik - wie man, ansprüchlich Hochkunst-verstrickt, meinen möchte: zynisch - vorgemacht? Muß Kunst denn, funktionalistisch, differentiell zwischen krude und sublim nur, im kleinsten Unterschied zwischen den niedrigen und höheren Ständen, in der "laudatio temporis actus" aufgehen? Wenn nicht alles täuscht - ja! Denn nicht ist zu ersehen, daß der ununterbrochene Vor-lauf der kriterialen "Produktivkräfte"' irgend dispensierbar wäre, und also träte man aus der Menschheit aus, sich deren jeweiligem Stand, mittels der allemal offerierten Vermittlungshilfen, wie hauptsächlich Kunst, nicht anzubequemen.' Aber die Postmoderne erst - gemeint als Sammelbegriff der mediengetragenen gegenwärtigen Gesamtkultur - hat diese funktionale Indifferenz, schwer erträglich immer noch für den Moderne-Sozialisierten (und -Geschädigten), vollstreckt? Gewiß, nicht aber dezisionistisch-autonom, "nur so", vielmehr, im präzisen Wortsinn, um es immer vieler zu sagen, be-dingt durch die modern(st)en Medien, in welchen basal das Zeitregiephantasma auf breitester Front redundantest derart durchschlägt, daß jeglicher Einspruch dagegen, längst schon, apriori, in den Fängen dieser objektiven Sucht, zu peinlicher Komik verdirbt. Freilich, solche Scheinresistenz-Groteske vermöchte durchaus Kunstthema sein - muß man in der Postmoderne nach derartigen Intellektualitäten, dem Vorübergang lichter Krisismomente, suchen? Kaum! Allein, die durch Entansprüchlichung: durch die Decharge der Kunst von den Obligationen aufs Ganz-Andere erwirkte, gerne ja höchstgespriesene Erleichterung, mitsamt der konsequenten Desintegration, sprich: des Pluralismus, und nicht zuletzt der mitfolgenden detaillierten Witzpassage anstatt der magischen Insistenz, die Martialität des Kulturstands künstlerisch (frustran) abzuhalten: dieses Schwerpunktpathos der Moderne - alle diese neuesten Errungenschaften leiten sich, fernab jeglicher Schmähung gesagt, aus dem nach tief und flach vergleichgültigten artistischen Anpreisungswesen eben der modern(st)en Medien ab und beglaubigen unwiderstreitlich somit, Weileverschaffend nur vielleicht, deren epochal hochgesteigerte - wie weiter noch steigerbare? - immer auch lebensgefährliche Phantasmatik. Und abermals möchte ich nicht den Endzeitpropheten machen, jedoch: das Ende vom Lied der Indifferenz in der herkömmlichen adaptiven Zähmungssphäre von Kunst könnte doch deren Ende bedeuten: finale Selbstdarstellungen desselben, die den Bann ihrer Be-dingtheit nicht, zumal gar nicht sprengen? Sollte es wohl gut sein, daß
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die postmoderne solchem Entkommensansinnen das Hoffnungslicht wie endgültig ausblies, dem quid pro quo von simuliertem Suizid mit revolutionärer Befreiung den Garaus machte? Ein menschheitlicher Lernerfolg? Nein, nur der Sieg der wissenschaftlichen Epikalyptik über die Provenienz ihrer, der Wissenschaft, selbst!
Kaum wage ich es, ausgerechnet vor Ihnen die besagte Frage nach der Wertigkeit von Kunst im Medienzeitalter - einer Valenz, die, nicht eben wohl nur erfreulicherweise, in der Entblößung der Exklusivität von Reklame für den gesamtgesellschaftlichen status quo bestehe: in Aneignungs(mit)hilfen für den "Stand der Dinge", in dieser, wie man sagt, entlastenden Ent-täuschung, solcher, on dit, befreienden Entmystifikation - kaum wage ich es, diese Frage mitsamt ihrer dubiosen Antwort auf Musik hin engzuführen: Nämlich was soll Musik, womöglich in einem Sonderstatus im Verbund mit den Künstegeschwistern, im Medienzeitalter? Sonderstatus? Ja, mindest in der notorischen Hinsicht, daß die Anbringung von Musik intrinsisch gehalten ist, eine eigene, sich verselbständigende Dimension dafür, die der Aufführung, auszubilden. Das ist zwar eine triviale Tatsache, deren Aufschluß jedoch mitnichten ebenso geläufig und simpel: was macht es denn am Tonwesen aus, daß es, vergleichweise, mit so viel technischem Aufwand daherkommt, daß es solcher Mühsal der medialen mechane unbeiläufig bedarf, weshalb bei Ton soviel "Instrumentale"? Also - die vorhergehende Frage - : Wie mag sich Musik, mit der traditionellen Mitgift ihrer Medienüberlastung von Hause aus schon, in einer Zeit enormer Medienkonjunktur ausnehmen, welche Rolle sui generis darin wohl spielen? Es ist die Frage nach den Konvenienzen ihrer autochthonen medialen Überfrachtung mit dem aktuellen Medienüberschwang. Ich denke, daß Musik sich in der Überfülle dieser ihrer - Rationalisierungen sondersgleichen ermöglichenden - Angestammtheiten nur wohlfühlen kann, befürchte aber zugleich, daß ein solches niedagewesenes Ausmaß an Satisfaktion deren Gegenteil in sich mitenthält: daß Musik, im ganzen Zwielicht ihrer Medialität, vollends bei sich, zu Hause angekommen, durchaus auch zu ihrem Schaden, avanciert angepaßt, überzuschießen nicht umkommt und also bedürftig erscheint, immer kompensatorisch, supplementär gar noch, zu übertreiben, sprich: das "Wunschmaschinen"-Delir, die artistische (Nicht)aneignungspsychotik ihrer medialen Maschinerie auf höchstem Stande, esoterisch fast abdriftig dann, zu entfesseln oder aber - schwerlich einzig alternativ - sich zur Selbstwahrung, jedenfalls relativ auf diesen Überschuß hin, rückzubilden - war Musik vordem doch in medientechnologischer Rücksicht deutlich im Vorlauf, postmodern 'avant la lettre' überbegabt damit (ob der überkommenen Medienprärogative in ihr?); was ihr wohl nicht nur bekömmlich gewesen sein dürfte, des überhöhten Preises ihrer sich absurdifizierenden - weder so recht krisisbegabten noch auch sozialisierbaren - medialen Redundanz
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wegen? Die Sozialisierbarkeit der E-Musik ab der Moderne liegt ja, im Vergleich, eh im Argen - weshalb anders denn durch die Intimität mit Technologie, ihrer notwendigen, gleichwie technisch wiederum zusammengefaßten, Vermittlungsmedien?
Desiderat blieb die Begründung des Sonderstatus der Musik, nämlich ihre ausnehmende Angewiesenheit auf die Erweckung ihres "toten Buchstabens" zu "lebendigem Sinn" mittels medialer Aufwände. Dieser paradoxe Umstand macht so etwas wie das Binnenopfer des musikalischen Phantasmatikgipfels, dieser Herrin an die Knechte der medialisierenden "Wahrnehmung und Bewegung": der Gesamttechnologie der Musikvermittlung, diese reparative Metabasis, die dann nur nicht unter strengstem Verschluß gehalten werden muß, wenn, wider solchen Urbetrug in/als Musik, dieser selbst als solcher, der Musik dissimulative Essentialität, aufklärend musikalisch dargetan sein will; kurzum: eine Art Sühne für des Genres ureigene Überwertigkeit, die phantasmatische Übersteigerung desselben, der Musik. Das ist zweifellos eine sich in Philosophie hinein überhebende Auskunft, deren beste Referenz der Mythos, die Orpheusmythe, wäre. Phantasmagipfel? Insofern Musik Zeitkunst. Zeit nämlich, sie ist die Seinsstattgabe, in Repräsentativität die Vermittlung selbst (das Sein ist zeitlich!). Demnach wäre Musik, eben als Zeit-Kunst, die horrende Inregienahme der Seinsgewähr, der Mediation als solchen, eo ipso sodann aber in sich stigmatisiert vom eigensten Disponendum/Disponat Zeit, präzise Temporalmagie, geblich/"°`"8,geblich. Und dieser innere Widerspruch bewirkt, wenn immer Zeit in ihrem Musikaustrag, indisponibel wider alle Disponibilität, durchschlägt, an dieser unausbleiblichen permanenten Umschlagsstelle, daß sich Musik, wider sich selbst, in das hinein zu retten nicht verhindern kann, was sie selbst nicht oder nur im anderen Wartestand ihrer selbst ausmacht: in die Sicht- und Bewegungsanhalte ihrer dinglichen Medien alle, ihre technische Selbstalterität.
Musik im Medienzeitalter? Muß Musik in diesem Kontext nicht auseinanderbrechen? In Rücksicht nämlich ihrer memorialen Phantasma-Realisierung, der Zeitdispostion, ist sie nichts als beispielgebend - so für jegliche "Kinematographie" i.a.S. - ; in ihrer Binnenkonterkarierung aber des Zeitbefalls, des totalen Indisponibilitätseinschlags, müßte sie nahezu beseitigt werden. Ist es so - de facto?
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Anmerkungen:
  • Sie gehen ja nicht davon aus, daß ich einen moralischen Diskurs führe?! Nein, Mensch ist sich selbst nimmer gewachsen, bleibt darauf angewiesen, sich permanent zu übernehmen und in dieser Selbstübernehmung einzig auch sich zu realisieren; so daß die letzte Solidarität damit, mit diesem grundlegenden/ungründigen Fehl gälte, und nicht die immer konservative moralistische Attacke dagegen!
  • Produktivkräfte, die als solche freilich nur fungieren, wenn sie "finanziert", also, selektiv, in die "Produktionsverhältnisse" aufgenommen und deren Vermittlungs"ideologien" damit offeriert sind. In der "Postmoderne" Maßgaben dieser Selektion und auf diesem Wege auch interne Verwerfungen zwischen "Produktivkräften" und "Produktionsverhältnissen"/"Ideologien" zu statuieren, hält wegen der kriterialen Indifferenz aller dieser Dimensionen schwer.
  • Was aber hieße dann noch "versäumte Aneignung"? Ersetzte die auf scheinfreie Werbung zusammengeschrumpfte Kunst als vorherrschendes Assimilationsmedium je der technologischen Evolutionsetappe der Gattung das direkte(re) Sichzueigenmachen dieser?
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Kritische Einlassungen zur aktuellen Medienkonjunktur philosophischerseits
Vortragstext
Meine Damen und Herren,
ich habe vor, als Philosoph zu Ihnen zu spreche, das heißt: wenigstens im Geiste unangepaßt, kritisch, oder besser/bescheidener: Krisis-bedacht, einläßlich eingelassen auf die aktuelle Medienkonjunktur, die, als empirische Tatsache, gewiß außer Zweifel steht.
Sogleich dazu, zur historischen Einschätzung unserer Medienhochzeit, eine erste Frage: Macht die "elektronische Revolution" einen "qualitativen Sprung" in der Medienentwicklung aus? Ich denke: nein. Denn (um es sofort terminologisch zu halten): Re-präsentation (Vorstellungen), in abgelöst verdinglichter Weise, alles, was als Behalten, Bewahren, Verwahren, kurzum eben als Medium fungiert, gehört zu den Konstituentien der Gattung Mensch.
Und in dieser seiner Art ist es von Anfang an auf die heikelste Weise ausgezeichnet, indem es überwertigerweise vorzugeben pflegt, mehr als Repräsentation, mehr als Gedächtnis, mehr als bloße Re-präsentation aufzubringen, nämlich Präsenz, Seinsunmittelbarkeit, absolute Produktion. (Sie kennen doch aus SF die Holodecks? "Heut hast Du's erlebt": die memorial-mediale Phantasmatik real, diese. Technik ist eh ja Realphantasmatik.)
Könnte man hier nicht den Topos der "Vorzeit in der Endzeit" bemühen, also ein zutiefst und verbliebenes magisches Wesen der Medienphantasmatik diagnostizieren?
Selbstverständlich, nicht zwar hat unsere Gegenwart, die Medienepoche, die Medien allererst erfunden, in der krumm-kontinuierlichen Medienevolution macht sie gleichwohl die Ausnahme, und zwar betreffend den enormen Schnelligkeitszuwachs, die Beschleunigung der maschinellen/prothetischen Mediationsherstellung als Hauptfaktor der realphantasmatischen Verfügung - der prätentiösesten Verfügung über die Fundamentaldifferenz von Raum und Zeit. Ich deutete es schon an: Präsenz, statt Repräsentation etc. So extrem war es bislang wohl noch nicht, von uns her retrospektiv vergleichend beurteilt.
Die zweite Frage, die ich stellen wollte, hat sich bereits abgezeichnet - ich frage nun expressis verbis:
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Welche Leidenschaft ist in dieser Realphantasmatik am Werk, welche Passion wuchert hier, zumal aktuell? Ich möchte vor Ihnen zwar nicht den Endzeitpropheten machen, doch haben wir uns längst in ein solches Ausmaß an (pardon!) "Seinsvergessenheit" hineingetrieben, denke ich, daß die "Seinserinnerung" sich bloß noch in Katastrophen zu monieren vermöchte, deren Aufklärungswert aber, der mitbedingten Debilisierung wegen, nicht mehr wahrgenommen wird.
"Seinsvergessenheit" vielleicht schon auf ihrem Gipfel - das heißt, um auf obsolete Philosophenweise mit der Tür der "Letzten Dinge" ins davon anscheinend gänzlich unberührte Medienhaus zu fallen:
Wir bilden uns ernsthaft ein, wir wähnen, die Herren der Zeit und also des Todes zu sein - so die Misere der Misere: die Verdeckungsmisere der Misere der Sterblichkeit. Denn: in den objektivierten Niederschlägen der Memorialität der Repräsentation, den Medien, kommen wir nicht umhin zu vermeinen, und übernehmen fraglos so die ganze Erbschaft der scheinbar vorvernünftigen, -geschichtlichen Magie, uns der "reißenden Zeit", endgültig derselben, zu begeben, und dies nicht nur obenauf, als souveränes Spiel der Umkehrbarkeit/der Reversibilität der Zeit, nein, als deren exklusive Totale. Und dieser Inbegriff der Realphantasmatik wird uns körperlich abgenommen/haben wir uns als deren Produzenten abgenommen, und das machen die (denkste) nur noch dienstbaren Mediengötter, die Überfülle unserer Gedächtnisprothesen, und sie machen es in atemberaubender Geschwindigkeit alsbald so, als gäbe es keine Abstände, keine Differenzen und damit keinerlei Mangel mehr. Dahin sei der Terror der Vergängnis, Zeit, beliebig in sich rückverschlungen - meint man (ein kollektiver Wahn); und, wie schön, so werden wir endlich arbeitslos! Im Ernst: Ich sehe in der Arbeitslosigkeit den Konkretismus der medialen Arbeitsenteignung, und darin, um mich auch noch anders, als Psychopathologen, zu erkennen zu geben, freilich ein Suchtphänomen, keineswegs übertragenerweise nur: die "gesellschaftliche Synthesis" als "Toxikomanie". Fröhliche Himmelfahrt! - "Wir genießen die himmlischen Freuden", die in Maklers Vierten allerdings schon in einem Schlachtfest bestehen. Und der monumentale Kater des Absturzes aus dieser untragbaren Höhe bleibt nicht aus, am besten aber sogleich dergestalt, daß die Weckung im harten Aufprall auf der Erde die letzte (unletzte) Weckung in den Tod wäre. Das ist wie ein Gesetz: Je mehr selbstbezügliche Imaginarität, umso mehr Katastrophen zum Ausgleich, solche einer symptomatischen Referenzeinklagung.
Die in ihrer Allgemeinheit exkulpierende allgemeine medial gemachte Sucht suggeriert, um mit der "Medienbeschimpfung", dem einschlägigen Sündenregister fortzufahren, nicht zuletzt einen Zuwachs an Demokratisierung nach dem globalisierten Vorbild des "real existierenden Sozialismus" in Coca Cola for ever, sprich: eines Ungleichheitsgefälles sondersgleichen; hier die mediendrogierten, derart in der Tat sozialisierten Verwendermassen im Halbaffenstatus,
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und dort die - mitnichten irgend subjektiv im moralischem Verstande - betrügerische anonyme Minderheit der medienkreativen (pardon) Bescheißer. Und schließlich noch die Pointe meiner besonderen psychopathologischen Wahl: Individuelle Sucht ist wie alle Pathologie nicht anderes als die nothaftest unnötige Usurpation der objektiven Sucht, der besagten, um deren haltlosen Allmacht restlos teilhaftig zu sein; welches Pathologieunterfangen sie, eben ihren Kollaps, beinahe bloßstellen könnte. Warum man aber so partout nicht denken möchte, postmodernerweise? Um der Reinerhaltung unserer großen "Produktivkraft", der Medien, deren Mohrenwäsche einzig wegen.
Nehmen Sie es mir bitte aber ab, daß solcher Prophetismus in mir im Ganzen gebrochen ist - wie nämlich sollte es berechtigt sein, die Menschheit/den Menschen dafür zu schelten, daß sie/er sich an sich selbst permanent übernimmt, sich sich selbst nimmer gewachsen erweist, sich als Wesen, das als sterbliches um diese seine Sterblichkeit weiß, nicht anzunehmen vermag? Niemand ist davon ausgenommen.
Mit Bangen versuche ich nun, mich dem Tagungsthema doch noch anzunähern, zunächst allgemeiner noch: Kunst im Medienzeitalter betreffend. Weiterhin spreche ich als Philosoph, abgehoben also, jetzt jedoch mehr als philosophischer Laie auf Kunst mit mancher Ignoranz hin, und innerphilosophisch zudem als jemand, der an der Postmodemediskussion nicht direkt beteiligt (gewesen) ist. Die leidige Frage nach der Funktion von Kunst, der Kunst zur Zeit, zu dieser medienbeherrschten Stunde, kann ich nicht vermeiden, fernab freilich der hier ja immer drohenden funktionalistischen Verengung, die allerdings weniger an effektiver Zweckbindung aufbringen mag als die behauptete autonom-selbstbezügliche Zweckfreiheit (?).
Wie äußerte sich Adorno einmal dazu, man könnte meinen, wie gegen sich selbst, einerseits: Der freie Fortschrittserhalt bestehe in der Hingabe an die je erreichte menschheitliche Entwicklungsstufe, oder kurzum: Il faut être absolument moderne'. Gewiß ist die These marxistisch verdichtbar - Kunst kommt die Aufgabe zu, als "Ideologie"aufsatz auf den "Produktionsverhältnissen" und deren "Produktivkräften" diese an die Menschen so zu vermitteln, daß sich deren menschliche Aneignung optimiert, und zwar im Guten, kommunistisch, wie im Bösen, kapitalistisch. (Natürlich, im Kommunismus entfielen die Differenzen alle: der aufgehobene Widerspruch zwischen den "Produktivkräften" und den "Produktionsverhältnissen" macht dessen "ideologische" Verleugnung gänzlich überflüssig - bis hin zur Überflüssigkeit von Kunst selbst womöglich dann. Nur daß diese utopische Indifferenz sich wie in einem bösen Traum postmodern zu erfüllen anschickt!) Allein, wenn nicht alles täuscht, so gibt Adorno hier die wesentliche Unterscheidung in Schafe und Böcke dran, so daß in ihm Hegel gegen Marx durchschlüge und obsiegte. Il faut etre absolument moderne' (nicht nur beim Autokauf) - das hieße dann für die Kunst im Medienzeitalter, daß sie
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dem gegebenen Stand der Dinge (Dinge: buchstäblich) verpflichtet sei, ja sich demselben verpflichten solle/müsse, als erlaubtermaßen sich in sich selbst hinein verlierendes, unverzichtbares, not-wendiges Mittel quasi freier zusätzlicher Adaptierung daran, den Stand der Dinge: dessen Sichzueigenmachen.
Aber, so fragt man sich doch erschreckt, jedenfalls als Moderne-Sozialisierter - wenn das Wesen der Kunst also in Reklame für den Status quo bestehe, fiele dann nicht der Unterschied zwischen E- und U-Kunst? Würde dann nicht die proliferierende Warenästhetik, dieses große Amortisationsgeschäft der sie tragenden Medientechnologie, ästhetisch/künstlerisch vorbildlich? Wo bleiben denn sodann die doch in der "Kritischen Theorie" als einer (schon brüchigen) Theorie der (schon brüchigen) Moderne so emphatisch beschworenen transzendierenden Kritikpotentiale von Kunst? Die, gäbe es sie, nicht zuletzt eine harte Diskriminationsgrenze zwischen Anpassung und Opposition festlegen müßten? Hehre Kritik, die sich, da kein Entrinnen in Aussicht steht, dazu bescheiden muß, subtilsublime quasi gedehnte/"differierende" Formen künstlerischer Aneignung je des unquittierbaren Status quo als ihren, der Kritik, letzten Rest zu belassen.
Wenn ich nun gefragt würde, wo ich mich selbst in diesen wehen Gedanken befinde, so würde ich antworten: zwischen den Stühlen der sich liquidierenden Moderne und der unterdessen tüchtig fortgeschrittenen Postmoderne (wer wohl befindet sich von Ihnen ebenso hier?), durchaus generationengemäß. Und das heißt: Zwar ist der Traum vom Entrinnen/Entkommen - es gibt es nicht - ausgeträumt: "Schwarz verhängt sich der Horizont der Freiheit ... ", dieser Freiheit, aber wie sollte ich mich in der Depressivität der "Negativen Dialektik" einrichten können, der ich nicht das zweifelhafte Glück hatte, wie Adorno rechtzeitig zu sterben? Es ging, es geht eben weiter - aber wie? Gleichwohl kann ich nicht anders, als wenigstens residual der Moderne die Treue zu halten, indem ich mich wider ein Hauptpathos der Postmoderne heftig sperre: nämlich gegen den Lobgesang auf die Unmöglichkeit des Entkommens, den oft ans Läppisch-Debile grenzenden Gefängnischoral der allzeit zugedröhnten Nobelinsassen, der Strafgefangenen des Gulags des "Stands der Dinge". Und ich bezweifle, daß der Umstand, daß die Postmoderne, ,les adieux' der überschwenglichen Menschheitsziele, solchen großen Ansinnen das Hoffnungslicht wie endgültig ausblies, endlich den rettenden Lernerfolg der Gattung ausmacht, endlich den simulierten Suizid nicht mehr mit der großen Freiheit zu verwechseln. Nein, ich sehe kaum anderes, als daß die Postmoderne auf weiteste Strecken eben die Ideologie der Medienherrschaft vorstellt, in ihrer szientistischen Dienstbarkeit derselben im wörtlichen Sinne durch diese be-dingt und bis über die Ohren im Sog deren Hauptleistung: des gefeierten Plattmachens aller Unterschiede -ja, "Wir sind die Schmiede des Unbewußten, wir hämmern und schlagen flach ..." -, einer einmaligen Differenzenvernichtung, die sich die Maske gar des Pluralismus (und dergleichen Kraken mehr) umbindet und dafür sorgt, daß Differenzeneinklagungen
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instantan in destruktive Abweichungen - Krankheit, Krieg, im großen wie im kleinen (bürgerkrieglich Rechtsradikalismus, Gewaltporno, Kindesmißbrauch vor der Tür) - verkommen.
Also spricht jemand zwischen den besagten Stühlen; und für diesen ist es eben so, und er ist derart immer auch träge, dumm und ungerecht.
Sie fragen nach den Konsequenzen daraus für Kunst? Ich für meinen Teil jeden. falls gehe, zwischengenerational, auf die Suche nach solcher zeitgenössischen Kunst, die ein künstlerisches, rein künstlerisch auch eingelöstes Bewußtsein aller der apostrophierten Krisiselemente an sich hätte; und daraufhin bin ich durchaus optimistisch, brauche keine Laterne, stimme aber, also suchend, wieder einmal, wie immer zwischen den Stühlen, vorsorglich, fündig geworden, das Requiem fair die Kunst an.
Mein Bangen wächst nun ins Unerträgliche, indem ich final vorhabe, wenigstens noch einen Gedanken, wie immer philosophisch von oben herab, zur "Musik (speziell Musik) im Medienzeitalter," dem Tagungsthema, zu ventilieren. Das ist zwar eine triviale Tatsache: daß Musik mit vergleicherweise viel technischem Aufwand daherkommt, der größeren Mühsal der medialen mechané unbeiläufig bedarf, eine sich verselbständigende instrumentelle Dimension, nämlich die der Aufführung, ausbilden muß. Aber wie nimmt sich denn wohl diese ihre autochthone Mediencharge zur Zeit unseres enormen Medienüberschwangs aus? Anscheinend erfährt sie, 'avant la lettre' diesbetreffend schon wie postmodern, die Fülle an Satisfaktion: "Sie kam in ihr Eigentum, und die Ihren nahmen sie mit Freuden auf"?! Könnte solche Konvenienz nicht jedoch nicht auch des Guten zuviel sein? Ich weiß es nicht, bin ja, vielleicht zum Glück, Laie (habe auch mit der Nacharbeitung der ausklingenden Moderne und mit vielem sonst noch genug zu schaffen), hege aber ungedeckt den Verdacht, daß es wohl so sei: daß die ansteigende Medienkontinuierung der Musik nicht unbedingt bekömmlich gewesen ist. Weshalb? Ich antworte musikphilosophisch deduktiv sozusagen und wieterhin auf Verdacht: "Der Knecht erscheinet als der Herr", will sagen: Das mediale Übermaß in Musik, es ist der lange Schatten derselben, fast bin ich versucht zu sagen: als reparative Metabasis, sensuell-medialer Registerwechsel, ja als Selbstalterierung wie eine Art Buße/Sühne fair die, der Musik, ureigene, in sich widersprüchliche Überwertigkeit: der Phantasmatik der Zeitdisposition, der Temporalmagie, die sich in sich immer zugleich auch todesmonierend rächen muß. Je perfekter aber ihre Medialität, umso mehr auch ernährt diese ihre Phantasmatik und setzt sie der Gefahr aus, in diese abzustürzen: Die gefallene Herrin, von ihren Knechten aufgezehrt, die lustig sodann abheben? Welch ein Finale - passend aber zum Freitag, dem 13.!
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