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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Über "primären Krankheitsgewinn" und "negativ-therapeutische Reaktion" (Pathognostische Studien X, 2010, Essen, Die Blaue Eule, 12-14)
Pathologie: Zwangserkrankung
Symptom (Auswahl):
Patient ist im Vorbeigang an katholischen Kirchen, vornehmlich bei geöffnetem Portal und mit Blick auf den Altar mit Tabernakel, in dem in der Gestalt der Hostie der Leib des Herrn Jesus Christi aufbewahrt wird, unwiderstehlich von diesem seinem Blickfang angezogen, und wird dabei von der Zwangsvorstellung heimgesucht, den Leib des Herrn schänden - und zwar sehr handgreiflich bepissen und bescheißen - zu müssen. Die Selbstverordnung "trennen, trennen, trennen", also einen scharfen Schnitt ziehen zwischen sich, seinem teuflischen Selbst, und dem reinen Altarsakrament. verfängt nicht, wohl aber trifft ihn der imaginäre Bannstrahl der sogenannten Sakramentenlinien, die von der Hostie ausgehen und die er nicht überqueren kann. Gelingt es ihm nicht, einen großen Bogen um sie zu machen, so drohen Fixation, Lähmung. Synkope. (Die nahezu rabulistische Phänomenologie des Symptoms lasse ich hier aus.)
Daß das Altarsakrament diese Macht der Sanktion (strafendes "Überich") hat, das ist die Reaktion auf des Patienten zwanghafte Begier, es zu schänden: zu besudeln, zu bepissen und zu bescheißen; ihm, wie aufklärend, zu bedeuten, es sei nichts als Geseiche und Beschiß. So wird er zu einem menschlichen Ableger des Teufels, zum "armen Teufel", dem die leidende Hypokrisie ins Gesicht eingebrannt erscheint.
Weshalb aber das unsägliche hartnäckige Festhalten am Symptom?
Das macht
1) die Gunst der Konfliktdarstellung, -veräußerung ("Rücksicht auf Darstellbarkeit"). Man stelle sich einmal vor, es käme im gegebenen Ausmaße nicht dazu: ... Sind doch Symptome Überlebensleistungen, die das nächste noch-Schlimmere verhindern. Und, nicht zu vergessen, es ist etwas los (im Sinne zusätzlicher hysteroider Dramatisierung);
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2) die klassisch psychoanalytische Symptomdefinition: der nicht-Ausgleich von "Trieb" und "Abwehr", das Gezerre zwischen "Es"- und "Überich" In verschlagener Weise verweilt der Patient in der "Abwehr" beim "Trieb". muß von diesem eben nicht lassen - so der "primäre Krankheitsgewinn". Der Ablaß bestände etwa darin, zum überzeugten Religionskritiker zu werden; was er rationalerweise längst schon ist, nur daß er selbst es sich nicht wirklich abnimmt, er möchte zugleich gläubig und ketzerisch sein.
Was aber bedeutet hier "Trieb"? Fürs erste jedenfalls das zwanghafte Bedürfnis nach rabiater Aufklärung. luziferischer Aufklärung (Luzifer = Lichtbringer in die scheinbare Helle des göttlichen Patriarchalismus: die konkretistische Demonstration des göttlichen Beschiß'.)
(Wie aber sollte das gelingen, sofern doch auch der Teufel restlos ein göttliches Geschöpf sei? - Inwiefern kann der allmächtige Gott überhaupt strafen müssen? - Ist die Gottmenschlichkeit des Christus nicht der Urbetrug, nämlich die Satisfaktion des Menschen zu verheißen und zugleich zu dementieren? Schlägt sich so nicht der Gott seine ureigenste Abwehr. diesen Selbstwiderspruch. um die Ohren?):
3) Wohl noch gründlicher m. E. der Inbegriff des "primären Krankheitsgewinns". nämlich die tückische Ineinsbildung von Schuld und Sühne (recht eigentlich die Reintrojektion des Arbeitsbegriffs) im Sinne letzter Selbstrechtfertigung: gut, ich sündige. das ist zugegeben. doch während ich sündige. büße ich zugleich meine Schuld ab. Mit diesem Extrem an symptomatischer Hermetik, an masochistischer Zirkularität, ist immer zu rechnen.
Von hier aus ergeben sich erste Chancen einer Relativierung unserer wie für die Ewigkeit konzipierten Nosologie:
  • Krankheit als not-wendige Überlebensleistung:
  • was neuzeitlich als Pathologie verworfen wird. bezeugte einstmals in (angeblich dunklen) Zeiten den "Ruch von Heiligkeit":
  • im externen Katastrophenfall schwächen sich die Symptome ab - Vorsicht aber: so drohte eine zusätzliche Spaltung, in der, projektiv identifikatorisch. die Projektion von der Identifikation kassiert werden kann.
Schon auf Symptomebene droht, bei Zwangserkrankungen zumal, die Abspaltung der Symptome dergestalt, daß sie sich potenzieren und so die rigideste Normalitätsgegenführung zum eigentlichen Problem werden kann.
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(Das gilt insbesondere auch für die Paradoxie der Schutzsuche in äußeren Katastrophen und, davor, für die Symptomablösung in schriftlicher medialisierte Theoreme, hier in Theologie, hinein.)
Es sollte immer wieder hervorgehoben werden, daß alle Pathologieprozesse im Imaginären - Erwartungsängste, Zwangsbefürchtungen - spielen; nur daß das Imaginäre pathologisch - performativ konkretistisch (welche Überwertigkeit!) - real wird (als unliebsame Erfüllung des Medienphantasmas).
"Masochistische Zirkularität" - man darf wohl behaupten, daß die kriteriale Gewaltinversion in Krankheit Werk des "primären Masochismus" sei: die Rettung vor tödlicher Gewaltveräußerung (suizidal wieder rückschlagend). "Primärer Masochismus", das ist die "ursprüngliche" Lustkathexe des Zerfalls, der Sterblichkeit. Diese Zirkularität läßt alles Mitleiden zerschellen, eben weil das Leiden satisfaktial eingebunden ist (und immer an die Notwendigkeit des "primären Masochismus" rührt).
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