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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Zur Kritik des psychoanalytischen Triebbegriffs (halbwegs noch im Rahmen der Psychoanalyse) (Pathognostische Studien X, 2010, Essen, Die Blaue Eule, 15-19)
Symptom bedeutet psychoanalytisch den Kompromiß zwischen "Trieb" und "Abwehr", "Es" und "Überich". Kompromiß? - das ist freilich zu schwach ausgedrückt, denn im Symptom stellt sich der Kampf zwischen beiden Instanzen um die Aufrechterhaltung beider Eigenanteile voll des Gezerres auf Dauer. Und die Auflösung dieses doch faulen Kompromisses besteht allemal in - dann nicht mehr symptomatischer, womöglich einsichtsgeleiteter - Symptomveräußerung: der Umwandlung pathologisch bestreikten Gebrauchs in freien - am besten erarbeiteten - solchen.
Dazu ein (schon einmal im Zusammenhang des "primären Krankheitsgewinns" S. 12 verwendetes) Krankheitsbeispiel.
Worin nun in diesem Beispiel ist der "Trieb" mitsamt seiner "Abwehr" zu suchen?
Allem Anschein nach, jedenfalls fürs erste, in einem entscheidenden Triebkriterium, nämlich dem unabweislichen Drängen, mit Freud ausgedrückt, aus einer "Triebquelle" (hier dem "urethralen/analen Sadismus") hin zum "Triebobjekt" (der Unterwelt des Altarsakraments) und zum "Triebziel" (der urethralen/analen Besudelung desselben - Urin = Wein/Blut, Fäzes = Brot/Fleisch des Erlösers). Kriterial gewährleistet darin ist der ödipalsexuelle Charakter des Trieb- und Abwehrgeschehens: das extreme teuflische Aufbegehren des Sohnes gegen die Vaterherrschaft, vollendet repräsentiert im geopferten und von den Toten auferstandenen Gottes-Menschensohn Christus. "Trieb" demnach = der "Ödipuskomplex" (for ever), in der Variante des Kampfes der vaterhörigen gegen die abtrünnigen, weil der patriarchalisch entmachteten Mutter pflichtigen Söhne (apokryph biblisch der Kampf und Fall der Erzengel). Und "Abwehr" = symptomgenerierend die erzwungene, konsequent widerspenstig verbleibende Einräumung der Vaterherrschaft.
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Von hier aus liegt es psychoanalytisch nahe (und wurde, so in meiner Ausbildung, sogar geboten), das ganze anankastische Verschiebungstheater links liegen zu lassen und sich nur noch dessen Ursprungsorts, des "oedipus simplex et familiaris", anzunehmen sowie auf seine Aufklärung und seinen "Untergang" hin, übertragungs- und gegenübertragungsflankiert, zu bearbeiten. Dabei wäre, ganz noch im Sinne konventioneller Psychoanalyse, achtzugeben auf die einschneiden Veränderungen im Verständnis des "Ödipuskomplexes" innerhalb der Psychoanalyse (und auch nicht zuletzt die Geschlechtsdifferentialität desselben zu berücksichtigen): kurzum (das ist ja bekannt): Vaterausfall, der den Sohn (und, anders, die Tochter) der Mutter ausliefert. Ebenso noch in diesem Rahmen gälte - bis hin zu unverzichtbaren kleinianischen Einlassungen - dessen Verfolg in die "präödipalen" Entwicklungsphasen, etwa einer "sex and crime"-Überbesetzung der Ausscheidungsfunktionen und der Ausscheidungen, die früh schon abgespalten werden mussten - die "Spaltung" macht hier ja den leitenden Abwehrmechanismus aus. Schließlich mag in diesem traditionellen Kontext noch der Projektionsort in der christkatholischen Mythologie, nämlich der Kampf der Söhne untereinander um ihre possesive Herkunftssicherung, auf Geschwisterrivalität hinweisen.
Eher schon am Rande der herkömmlichen Psychoanalyse sind Überlegungen plaziert, die den generationssexuellen "Ödipuskomplex" - durchaus in den Vorbahnungen Adlers, Jungs, Binswangers und auch Kohuts dazu - einer übergeordneten Größe unterstellen: nämlich dem Begehren, sich selbst sein eigener Ursprung zu sein. "Trieb" bedeutete demnach die Leidenschaft, sich selbst im Tode zu überleben: die allinzestuöse lebendige Leiche. Philosophisch ausgedrückt: das "Anundfürsich" (Hegel), die "Indifferenz" (Schelling), das "en soi-pur soi" (Sartre), das "Begehren (desir)" (Lacan). Und "Abwehr" die fürs erste rettende, symptomatisch dann aber mißglückende Tabuisierung dieser Passion (jedoch nur rettend, wenngleich nicht für die Ewigkeit, wenn sich die Symptomatik - das Tabu, dem pathologisch das Tabuisierte aus allen Poren dringt -, sich entsymptomisierend und versteckend, sich in Kulturgebilde, wenigstens in deren Gebrauch hinein, veräußert).
Unschwer lässt sich in diesem schon etwas abweichenden Zusammenhang die identische Funktion von " Ödipuskomplex, Narzißmus und Todestrieb" erweisen: alle stehen sie, in sich steigernder Abfolge, im Dienste der Menschheitsbegierde der Ursprungseinverleibung, dieses Triebinbegriffs. Und zwar im "Ödipuskomplex" als gewaltsame Ersetzung der Eltern durch
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den Sohn (und, anders, durch die Tochter); im "Narzißmus", betreffend die räuberische Aneignung Alles Anderen durch mich selbst; und im "Todestrieb", dem Usurpationsgipfel, mich selbst an die Stelle des Todes, angeblich einzig auf diese Weise gegen alle Bedürftigkeit und daraus erfolgender Destruktion, weil selbst nur noch zerstörend, gefeit, zu setzen. So das tödliche Wunschziel, das Triebtelos "Autonomie, Autarkie, Absolutheit".
Diese Version des "Todestriebs" - = Todesparierung mit den Mitteln des Todes selbst, jedoch in dessen Diesseits - ist durch die Freudschen Ausführungen zwar fast voll gedeckt, doch die Umschrift der gesamten psychoanalytischen Psychopathologie hat Freud kaum mehr als skizziert. Zudem ließ und läßt die Rezeption dieser Endfassung der Triebtheorie - "Trieb", maßgeblich todesusurpatorischer, absolutheitssüchtiger "Todestrieb" - (man kann wissen warum) beinahe alles noch zu wünschen übrig. Spätestens hier beginnt entsprechend die Abweichung vom Tugendpfad der psychoanalytischen Orthodoxie, wenn immer man die in der Tat subversiven Konsequenzen daraus bedenkt. Nämlich:
  • Wenn dieser maßlose "Trieb" in Todesparierung besteht, dann tritt er selbst, eben als "Trieb", in die Position von "Abwehr", der Urabwehr des Todes. "Das Trauma (sc. der Sterblichkeit) provoziert das Phantasma (sc. der Selbstabsolutheit), und das Phantasma schirmt das Trauma (sc. in Pathologie verdichtet misslingend und gelingend) ab." (Lacan) Das müßte, und zwar um unserer therapeutischen Praxis willen, eingängig gemacht werden.
  • Was leistet nach dieser "Ur- oder ursprünglichen Abwehr" die nachgeordnete (Freud angelehnt) "eigentliche Abwehr" derselben -"Abwehr" = immer schon "Abwehr von Abwehr", wie gehabt -? Pathologisch symptomatisch nicht depotenziert, reicht sie, im Register des "Ödipuskomplexes", bis zur Ausbildung des "Überichs"; in der Sphäre des "Narzißmus" zu dessen "Reifung"; und innerhalb des "Todestriebs" zum Ethos der Ermäßigung seiner ultimativen Absolutheitsbegier. Wie aber soll das geschehen, und: reicht das zur "Abwehr"?
Eine schwache Spur des Überstiegs über die angeführten Abwehrwertigkeiten findet sich in Freuds Todestriebtheorie selbst: "Sie (sc. die Libido) hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb ( sc. den Todes- oder Destruktionstrieb) unschädlich zu machen, und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der
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Außenwelt richtet. Er heiße dann Destruktionstrieb, Bemächtigungstrieb, Wille zur Macht. -"
(Jenseits des Lustprinzips. GW. XIII. S. 58)
Von hier aus bedürfte es bloß eines kleineren Schritts - der aber muß getan werden! -, die "Objekte der Außenwelt" nicht nur als vorgegebene, immer kollapsgefährdete Kulturobjektivität, an erster Stelle vielmehr als - dem "Willen zur Macht" (Nietzsche/Adler - sic!) entsprungene - kultural bemächtigte, ja zerstörte "Natur" anzusehen (sowie der "Muskulatur" deren Werkzeugprothetik beizugeben), und aus dem Todestriebkonzept wird, diesbetreffend, eine Theorie der Arbeit, der i. w. S. Kulturkreation, die keinen Hehl daraus macht, daß Kultur insgesamt nicht nur auf Naturzerstörung beruht, daß sie dafür zugleich Buße zu üben hat, also den Keim des Krieges, ihrer Zerstörung, in sich birgt - einer Martialität, die sich zu suizidaler Hyperautonomie, ihrer höchsten Souveränität, andauernd zu überheben pflegt. (Solange diese Kriegsapotheose Bestand hat, wird es Kriege geben.)
Im Ausgang davon, der Geburt der Natur schändenden Kultur aus dem "Todestrieb", seiner sühnepflichtigen Aktivitätswendung nach außen, und damit zugleich aus dem "Ödipuskomplex" und dem "Narzißmus", läßt sich, mit einem Schlagwortkürzel gesprochen, eine "Psychoanalyse der Sachen" einrichten, die eben der kulturellen Dinglichkeit die Überbietungspotenz an todesnächstem Todesaufschub zuspricht. (Ich breche hier ab und verweise auf die Vielzahl meiner psychoanalysekritischen Arbeiten dazu.)
Fazit: "Trieb" und "Abwehr" einvernehmlichen sich in ihrer rettenden Kulturveräußerung, die, unbeschadet ihrer ausnehmenden Todesdifferierung, in sich kriegsvirtuell symptomatisch bleibt. Sie allein reicht zur Abwehr hin - und nur in ihrem Rahmen gedeihen ethoshafte Brechungen der triebkriterialen "Trieb"- also Absolutheitsübertreibungen -, so daß der Tod, zum Fundamentaltrieb und die Kultur zu dessen alleine hinlänglichen "Abwehr" würde.
Konventionell psychoanalytisch ist zu verzeichnen ein vehementer, durch komplizierten Vaterausfall gezeichneter, etwas auf den Bruderzwist verschobener, auf, zwangserkrankungsgemäß, Spaltung und darin auf den "Partialtrieb" "urethraler/analer Sadismus" (mit kleinianischem Sog) beruhender" Ödipuskomplex".
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In diesem bekannten pathogenen Zusammenhang wurden sodann grenzwertige bis abweichende Akzente eingebracht, und zwar
  • die Unterordnung des "Ödipuskomplexes" unter die menschliche Absolutheitspassion, und die
  • Homogeneisierung diesbetreffend von "Ödipuskomplex, Narzißmus und Todestrieb ".
Speziell nun der Triebgipfel "Todestrieb ", beansprucht als "Urabwehr" des Todes, läßt den Gesamtbestand homogener Triebe (" Ödipuskomplex ", "Narzißmus") wesentlich zu "ursprünglichen" hypertrophen Todesabwehren werden, und die "Abwehrmechanismen" fungieren dann als "eigentliche Abwehr" der "ursprünglichen". Entsprechend rückt der Tod in die Position des Triebultimatums.
Die Todesabwehr im ganzen erfüllt sich, ihres symptomprojektiven, jedoch in sich verhüllt symptomatisch verbleibenden Charakters wegen ("projektive Identifikation ` !) allererst in kultureller Dinglichkeit. Die Dinge sind die erstgeborenen "Todestriebrepräsentanzen ".
eigentliche AbwehrSymptombildung     Ethos
Triebinbegriff
= ursprüngliche Abwehr
Ödipuskomplex
Narzißmus
Todestrieb
Urabwehr
Kulturveräußerung
UrtriebTod
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