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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Triebtheorie (Pathognostische Studien X, 2010, Essen, Die Blaue Eule, 20-31)
Ärztlich-psychotherapeutische Weiterbildung (AW) am 13.05.2009
Vorbemerkung
Den vorgelegten Weiterbildungstext las ich in der betreffenden AW vordem nicht etwa ab, benutzte ihn vielmehr im Sinne von elaborierten Anhaltspunkten für einen freien - oftmals beispielbezogen abschweifenden und jederzeit durch mitdenkende Nachfragen unterbrechbaren - durchweg de facto so auch unterbrochenen - Vortrag.
Dessen erster - schematisch und stichwortartig notierter - Teil war mehr oder weniger als Supplement des AW-Vormittagsvortrag von Herrn Dr. Brinschwitz gedacht. Der zweite hingegen demonstriert die einschneidenden Modifikationen des Triebbegriffs nach der Maßgabe des "Ödipuskomplexes", nicht ohne dessen Fortschreibungen im "Narzißmus" und, vor allem, im "Todestrieb" miteinzubeziehen. Anschloß ich, als überleitendes Zwischenstück zur Kasuistik, die Probe eines - den vorgestellten Wendungen des Triebbegriffs gemäßen - Symptomaufschlusses.
1. Ergänzungen zum Triebbegriff
Erogene Zonen:
MundHarnröhre, AfterGeschlechtsorgane
Organmodi:
inkorporativeliminativpenetrativ ♂
rezeptiv ♀
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psychosexuelle Entwicklungsphasen:
oraleurethrale, analephallisch-exhibitionistische
(i.e.S. ödipal) ♂
? ♀
Subsistenz-
"Hunger"
Generationssexualität
"Liebe"
Unterteilung der Organmodi und der psychosexuellen Entwicklungsphasen?
überkommene Desiderate:
  • Fortsetzung der psychosexuellen Entwicklungsphasen (siehe Erikson)
  • Dejektionstrieb ("Notdurft")
  • urethrale Sexualität
  • "Organlibido"
  • weiteres Triebgeschehen (z. B. Atmen)
anfängliche Triebdefinition:
Trieb = Aus einem Mangel hervorgehendes Drängen hin zu einer lustprämierten Funktionserfüllung, um des Fortbestands je des einzelnen Menschen und der Gattung Mensch willen (vgl. "Funktionslust")
Trieb somit faktisch notwendig, sein Ausfall bedingt letal
Trieb, der im Dienst des Überlebens steht! ...
Triebdifferenzierung je nach Aussetzungstoleranz (wie lange aushaltbar, wenn nicht ...?) und Intensität
Triebdifferenzierung je nach spezifischem Lustempfinden in der Funktionserfüllung (von Essen, Ausscheiden [!] und Sexualität i.e.S.)
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Aufgabe des triebspezifischen Lustempfindens, der spezifischen Lustprämierung bei Funktionsgelingen:
Anreiz   -   Unterstützung   -   scheinbar (!) Zweck (mögliche Verselbstzwecklichung!)
von subsistenz- und generationssexuellen Nötigungen
Was wohl geschähe, wenn alle Lustprämierung ausfiele? ...
Unendliche Störanfälligkeit des Triebgeschehens! ...
(weshalb, ist von hier her noch nicht beantwortbar; erst zu beantworten nach der Korrektur des Triebbegriffs nach der Maßgabe des "Ödipuskomplexes" etc. ...)
II. Trieb im Kontext
Die Statuierung eines einzelnen Triebs bildet ein Isolat innerhalb der wissenschaftlichen Suche nach Letztgründen. So wird ein Ganzes auf diesen Zweck hin zerlegt, "analysiert" (!), atomisiert ("Atomismus" der Psychoanalyse!). Diese eingefleischte Methode verführt dazu, irrigerweise, doch erfolgreich (!), ätiologisch bevorzugte Komponenten eines Verhaltensganzen - allzeit Szenen, "situations" - nicht mehr als solche, vielmehr als selbständige Größen anzusehen:
"B. Jedes Verhalten ist integral und unteilbar: die zu seiner Erklärung dienenden Begriffe beziehen sich auf seine verschiedenen Komponenten und nicht auf verschiedene Verhaltensweisen.
Der Gestalt-Gesichtspunkt
C. Kein Verhalten steht isoliert: Alles Verhalten ist das der integralen und unteilbaren Persönlichkeit.
Der organismische Gesichtspunkt"
(David Rapaport: Die Struktur der psychoanalytischen Theorie. Versuch einer Systematik. Stuttgart. Klett. [1961]. II. Die Struktur des Systems. S. 44 u. S. 46)
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Und die praktische Relevanz dieser Besinnung? Man sieht sonst vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr! Vorsicht aber! Bei zuviel Ganzheitspathos (dem vielfach rechtens kompromittierten) sieht - sieht? - man nur noch den Wald und nicht mehr die Bäume ...
Gibt es denn nicht soetwas wie die Erscheinung des reinen, nackten Triebs? Ja, aber nur im Zustand der Ekstase: wenn sich der Trieb verselbständigt, sich nur noch auf sich selbst bezieht; und dadurch verlöschen muß, wider die Letalität seines Währens. (Was aber, paradoxerweise, hieße, daß die Ekstase nicht mehr als die Fühlbarkeitsaufladung der wissenschaftlichen Vorgehensweise wäre - Tod und Sinn, Kalkül und Gefühl ...)
Und die genitalen Automatismen in der Pubertät, ebenso doch Erscheinungen des nackten Triebs? Nein, dafür haben sie keinerlei Beweiswert, sie sind nur Probeläufe für die eigentliche Triebanwendung.
Die Sache mit dem Gestaltgesichtspunkt ist innerpsychoanalytisch gar nicht so kompliziert. Denn das universelle Gestaltprinzip, das Integral der Psychoanalyse ist der - in Pathologie nicht untergegangene, sich fortwälzende - Ödipuskomplex. Und die Anerkennung dessen möge die Conditio sine qua non des Psychoanalytikers bleiben.
Damit aber, mit der Auslegung des Ödipuskomplexes, ändert sich der Triebbegriff einschneidend.
Wie das?
Ich nehme das Resultat der dahin führenden Überlegungen vorweg: Das Funktionsgenögen macht nur ein schmales Band der Normalität aus; der vorübergehende Normalfall - daß ich unbeeinträchtigt essen, ausscheiden, sexuell aktiv sein kann - zeigt sich umgeben von Abweichungen en masse; ihm ist allzeit aufgegeben, sich gegen seine Anomalien durchzusetzen (bis hin zu Fachkliniken ...).
Worauf aber beruhen diese pathologischen Abweichungen? Eben auf dem "Ödipuskomplex". Und das heißt: Das besagte Drängen schießt immer darüber hinaus, bloß bei einem notwendigen Funktionieren anzukommen, es zweckt auf eine endgültige, die Zeit stillstellende Letzterfüllung ab, die tödlich endete, wenn sie nicht aufgehalten würde. Empfängt es diese Aufhaltensstrafe (das kann um des Überleben willen nicht nicht sein), anerkennt es diese zugleich aber nicht (beharrt es auf seinem Überschwang), so kommen Symptome zustande: recht harmlos ausgedrückt "Kompromisse
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zwischen Trieb und Abwehr", die freilich nicht im Belieben des Subjekts stehen. Mit dem "Strukturmodell" ausgedrückt, liegen "Es" und "Überich", kurzschlüssig über das "Ich" hinweg, konspirativ sich unendlich in der Wolle ...
Auf welche Weise aber stellt sich der durchschnittliche Gesundheitsfall, die Normalität dann her? Fast mutet sie wie ein Wunder an? Es hat den Anschein, durch eine Verzichtsleistung, die indessen keine "moralische Urzeugung" sein kann, die sich vielmehr als bedingt erweisen muß. (Aber wie? Hier bleibt uns die herkömmliche Psychoanalyse triftige Antworten schuldig; daß die Einsicht es einzig richtet, ist jedenfalls irrig ...)
Lacansch ausgedrückt, bildet sich Normalität durch die Herunterstimmung des "Begehrens" ('désir') zum "Anspruch" ('demande') und zum "Bedürfnis" ('besoin'). (Mein orales Standardbeispiel: "Mensch, hab ich einen Hunger!" - "Mach mir doch auf der Stelle etwas zu essen, bitte!" - "Wäre ich doch so wie die Nahrungsmittel, dann wäre ich aller Bedürfnisse und Ansprüche endlich und für alle Zeit ledig!")
Man mag hier schon ahnen: das "Begehren", das ist der "Ödipuskomplex", der eine Nähe (mindest) zum "Todestrieb" befürchten läßt. So auch läuft ein empfindliches Desiderat auf: die weitestgehende Anathematisierung der späten Freudschen Triebtheorie: Trieb, der auf seine Selbstabschaffung aus ist ("Nirwanaprinzip"!) ...
"Ödipuskomplex", das ist das Einswerden mit dem Objekt der Begierde zum Zweck der endgültigen Erfüllung; oral/nutrimental Sättigung, symptomatisch ausgetragen Sucht. - Wie die Verhältnisse diesbetreffend anal? Einzig die anale Retention? ... Und, infantil, phallisch-exhibitionistisch? Wie hier das Einswerden? ... Und, später, genital? Wie geht das an, doch nur vom Mann her gesehen, einszuwerden mit der Frau?! Und umgekehrt? (Ausstand: Theorie der Heterosexualität). Allemal geht die Rechnung nicht auf, darf nicht aufgehen - anstatt die "Fülle des Lebens" trifft Mann sich selbst, selbstalteriert, an.
Ursprünglich war der "Ödipuskomplex" psychoanalytisch eingeschränkt auf das dritte Entwicklungsstadium der infantilen Sexualität. Sein notorischer Inhalt: den Vater töten und die Mutter ehelichen. Das heißt nunmehr: Einswerden mit der Mutter, und davor den Vater, als Inzestsperre, aus dem Weg räumen, also den elterlichen Ursprung assimilieren. - Bekanntermaßen erfuhr, später, in der psychoanalytischen Bewegung, der
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"Ödipuskomplex" eine beträchtliche Umakzentuierung: aus dem Vatermord wird, umgekehrt, die Vaterreklamation, zum Zweck, den Sohn vor dem Inzestsog der Mutter zu schützen. Und der "weibliche Ödipuskomplex" (Unwort!)? Das sagte ich schon: die Rechnung geht nicht auf, darf nicht aufgehen, denn das "Ende vom Lied" ist der gottverlassene Sohn, der am Ende seiner Begierde geschlechtsmetamorphisiert, sich - nach der Radikalfeministin Solanas - seinen horrenden Herzenswunsch, zur Frau zu werden, erfüllt - "auf nach Casablanca", sagte man in meiner Jugend. Ein veritables "Triebschicksal" sodann.
Welchem Zweck aber dient dieses "Große Welttheater"? Einzig dem Letztzweck der Selbstapotheose, auf generationssexuellem Niveau sich-selbstsein-eigener-elterlicher- Ursprung-sein.
Dringliche Triebdefinition demnach, nach der Einbeziehung des "Ödipuskomplexes " in den Triebbegriff:
Trieb, Urtrieb, das ist die menschliche Passion (!) der Selbsterzeugung, der Autokreation, inbegrifflich wider den Tod.
Eine tödliche Passion, die alles am Leben erhält - welchen menschlichen Zweck verfolgt sie? Doch nicht den Tod, so als könnte dieser der Endzweck von Mensch sein? Nein, im Gegenteil, denn im Aufschub dieses Finales allein kommt "Welt" zustande; und darum ist es zu tun. Fällig würde jetzt die Sichtung der Aufschubsmodi ... Ich breche hier ab, sofern die traditionelle Psychoanalyse dafür keine hinlänglichen Aufschlußmittel bereitstellen kann ...Stattdessen komme ich darauf zurück, daß ich die "toxikomanische" Fusion mit dem "Objekt der Begierde", dem Nutriment, als "Ausführung des Ödipuskomplexes auf oraler Ebene" bezeichnete. Womit, jetzt nicht mehr stillschweigend, vorausgesetzt ist, daß der "Ödipuskomplex" eben nicht nur als Schibboleth der dritten sexuellen Entwicklungsphase veranschlagt werden müßte. Das ist kleinianisch gedacht, und mag auch kontrovers bleiben. Immerhin aber kann durch diese Generalisierung die Fehlauffassung kritisiert werden, daß es präödipal dual, und gar glücklich dual, weil ohne den exilierten Vaterdritten im Bunde, zugehe. (Als Kulturextrapolation dieser angeblichen Seligkeit fungiert oft Musik!)
Sie entsinnen sich: Thema ist die psychoanalytische Triebtheorie, der Triebbegriff: Vermittelt über den "Ödipuskomplex", bedurfte der Triebbegriff der apostrophierten Revision: Trieb, das ist die Leidenschaft der Selbsterzeugung, die auf allen psychosexuellen Entwicklungsstufen am
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Werk ist (das mindest), so daß der "Ödipuskomplex" nicht nur die Generations-, auch die Subsistenzsexualität.,zentral betrifft. (Hier schon kann man mehr als nur ahnen, daß, der Tödlichkeit dieser Passion, wenn sie nicht aufgehalten wird, wegen, der "Todestrieb" wetterleuchtet.) Und Letztmotiv dieser Passioniertheit ist der Tod, der passioniert auszusetzende.
Ich gehe nun davon aus, daß Freud, um seinen Triebbegriff zu reformieren und als das Wesen des Triebs die besagte Autogenese hervorzustreichen, seine Triebtheorie weiterentwickelte, und zwar als "Narzißmus-" und schließlich als "Todestriebtheorie".
Das ist, denke ich, leicht einzusehen:
"Narzißmus" nämlich besagt in aller Triebhaftigkeit das Begehren, selbst Alles zu sein, in Allem, bei restlosem Selbsterhalt, aufzugehen, Alles sich zueigen zu machen, ohne Rückstand und Selbstverlust. Wahrlich der göttliche Zustand! (Wie singt im zweiten Akt Isolde? " ..., selbst - dann/bin ich die Welt." Aber das bedeutet doch eine Frau?? - Paradigma auch des Heldenödipus: Tristan: "Da er mich zeugt' und starb,/sie sterbend mich gebar" ... Freud aber hatte es nicht mit solchem "ozeanischen Gefühl" ...) - Auf die psychoanalytische Narzißmustheorie gehe ich des einzelnen hier nicht ein. Den "primären Narzißmus" charakterisiert die Indifferenz von Selbst und Objekt - fragt sich ob Fluch oder Segen. ... Und der "sekundäre Narzißmus" versucht, diesen ursprünglichen Zustand wiederherzustellen - siehe Kohuts "narzißtische Übertragungsformen"!
Endetappe der Triebtheorie: der "Todestrieb". Das sagte ich schon: es läge nahe, in der Leidenschaft der Selbsterzeugung den "Todestrieb" am Werk zu sehen - so erwiese sich diese Passion im Endeffekt als tödlich. Derart aber würde der "Todestrieb" zu einem Trieb zum Tode, und das wäre eine überflüssige Bezeichnung, als ja das Sterbenmüssen eine beschlossene Sache, in diesem Sinne eo ipso triebhaft, ist. Nein, zwar endete die Autogenesepassion im Tod, das Ziel aber dieser Todesfahrt ist, umgekehrt, die "Fülle des Lebens", der göttliche Zustand der Absolutheit. So daß der "Todestrieb" nichts anderes sein kann als die Triebhaftigkeit der Todesparierung in Permanenz.
Dann aber wird es unvermeidlich, daß der todestriebliche Kampf gegen den Tod zum reinsten Gewaltunternehmen degeneriert - entleiht er doch seine Kraft der Vorstellung des Todes selbst (Todesmimesis). Und das geschieht in den todesmagischen Akten der Gewaltanwendung einerseits nach außen
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- im Anderentöten (Alterozid) - sowie nach innen - im Suizid. Zugespitzt: Wenn ich selbst der Tod wäre, so hätte der Tod keine Macht mehr über mich, ich wäre dann aller Abhängigkeiten und Bedürftigkeiten ledig ... So der Gipfel der menschlichen Anmaßung, ohne die aber nichts Menschliches wäre ... (Auch hier breche ich, der philosophischen Abdrift wegen, ab.)
III.
Zur Veranschaulichung all dessen gehe ich jetzt nicht zu Kasuistik, sondern zu einer Art Probe eines Symptomaufschlusses nach der Maßgabe der vorgestellten Triebtheorie über.
Dessen bin ich mir dabei bewußt: ein Symptom aus seinem Kontext herauszulösen und zu isolieren, das ist eine Abstraktion. Vorsicht also! So nämlich gleicht man sich in diesem Angang dem Charakter des Symptoms, jedenfalls des psychoneurotischen, an? Doch wenn man sich auf ein solches keinen Reim machen kann, so mag es durchaus opportun sein, um seiner inneren Logik sich zu vergewissern, derart abstrakt vorzugehen?
Zum Symptom selbst:
Patientin ist schlechterdings daran gehindert, ihre eigenen Brüste berühren zu können. Fremdberührung ist ebenso tabu. Die Brüste sind wie ein phobisches Objekt am eigenen Körper.
Ich muß hier nicht ausmalen, was dies "noli me tangere" für Folgen hat für Hygiene, Sexualität, Körpergefühl, Selbstwertgefühl. (Aber das ja nur die eine Leidensseite ... ansonsten ist die Sache ganz schön zickig ... die Patientin zickig gar sich selbst gegenüber ...)
Aller Aufschluß wäre nun verfehlt, wenn man geltend machte, daß der gesuchte "Trieb", der Zwangshaftigkeit der Hütung dieses Tabus wegen, das die-eigene-Brust-nicht-berühren-können sei. Und "Abwehr" sodann das gleiche, die gleiche Sperre, besagte; so daß "Trieb" und "Abwehr" zusammenfielen. Nein, so nicht, die Triebanteile eines Symptoms müssen aus dessen Erscheinungsbild erschlossen werden, sie liegen dort nicht blank. Mehr aber noch: werden diese hervorgeholt, so erweisen sie sich als gegensätzlich zu dem, was das Symptom in seinem Gebaren ausmacht - hier eine phobieanaloge zwangshafte Vermeidung -, nämlich die ausnehmende Attraktivität/Anzüglichkeit eben des Vermiedenen; nämlich daß man mit
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dem, was man flieht, einszuwerden begehrt. Unberührbarkeit ("Paria" Brust), sie setzt virtualiter Überberührtheit voraus. Wie ist das vorzustellen? Siehe Psychose, Pantomime, Trickfilm, Karikatur! ... Wie aber sollte ich das als Mann können?? - Die Brüste gehen, über die umgreifenden Hände vermittelt, in mich, in meinen gesamten Körper, ein; ich, ~, werde im ganzen zu meinen eigenen Brüsten, werde so zum buchstäblich absoluten Selbstversorger. Sie bemerkten es wohl: ich schließe sogleich mit dem "Begehren", dem "Ödipuskomplex/Narzißmus/Todestrieb", kurz, bin mir, phantasmatisch, meine eigenen Eltern, henkaipan, unsterblich.
Kein Wunder dann, daß eine solche Riesenanmaßung, um meiner Selbsterhaltung willen glücklicherweise, strafwürdig ist und entsprechend de facto auch heftig bestraft wird, und zwar - siehe das Erscheinungsbild des Symptoms! - durch den Abwehrmechanismus der "Verkehrung" des Triebs in sein krasses "Gegenteil": nur noch Abwehr, durch die endgültige Abhaltung meiner vermittelnden Hände von meinen Brüsten, durch die Eigenbrüstetabuisierung; wenngleich der Trieb, typisch symptomatisch, eben auch in seiner Verkehrung unverkehrt, unvergegenteiligt, er selbst bleibt - "Trieb" und "Abwehr", die sich gegenseitig nähren zwar, doch im Kampf um den Vorrang, wegen dessen Unentscheidbarkeit, ein unerträgliches Gezerre veranstalten.
Aber das sind doch rein imaginäre selbstdestruktive Akte - die Patientin leistet sich nur am eigenen Körper, den Brüsten, eine Tabuisierung, ein Selbst- und Fremd-off-limits der Berührung! Ohne Unterschätzung des Krankheitsgewichts gesagt, handelt es sich doch um eine moderate Pathologie, weil Psychopathologie, in dem imaginären Sinne, daß den Brüsten realiter, jedenfalls fürs erste (!), ja nichts geschieht; organisch sind sie nicht krank, auch nicht in den Körper derart hineingetrieben, daß sie diesen im ganzen "verbrusten", was in Wirklichkeit die reinste Zerstörung wäre.
Allein, durch den Abwehrmechanismus der "Wendung gegen die eigene Person" nimmt umgekehrt das Pathologiegewicht zu - und wie! Denn diese scheinbar nur ermäßigende Version bezeugt den suizidalen - den freilich imaginär suizidalen - Charakter des Symptoms, jedenfalls immer dann, wenn man dieser Zuwendung zu sich selbst die Fusion mit dem Anderen als Voraussetzung unterstellt. Will sagen: ursprünglich sind die tabuisierten eigenen Mammae die der Mutter, und sie bleiben, trotz der " Wendung gegen die eigene Person " die der Mutter als die meinen selbst dann (auch). Und die Mutterbrust (an mir dann) mußte tabuisiert werden wegen der
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Überstärke der " oral-kannibalistischen " inzestuösen Impulse des Tochtersäuglings. (Sind diese Impulse wirklich oder bloß eingebildet? Durchaus wirklich, aber, der Schwäche des Säuglings wegen, abwehrbar und folglich mehr eingebildet als wirklich ... Rückzug in die Imaginarität ob der "normalisierten Frühgeburt"?)
Bei Brusterkrankungen der Mutter mag man mit viel Bedacht präjudizieren dürfen, daß die besagten Impulse bloß vorgestellt sind, und das Schuldaufkommen entsprechend hoch ... Gänzlich bewußtlos habe ich die Brust zerstört - man merkt es ja, sieht es vielleicht schon -, und also ist sie rächend hinter mir her ...
Das scheint nicht nur hinlänglich verrückt und gefährlich, und daß wir uns, psychopathologisch, im Reich der Einbildung bewegen, nimmt diesem verdrehten Ganzen gar nichts von seiner enormen Zähigkeit. Ist doch alle Imaginarität magischer Natur - vorabbeschwört den realen Ernstfall, nicht ohne sich in sich selbst hinein zu verlieren, zu verselbstzwecklichen -; auch weckt alle Internalisierung Dispositionshoffnungen ...; auch erweist sie sich in ihrer symptomatischen Ausgestaltung als äußerst verfänglich - siehe den "primären Krankheitsgewinn": Schuld und Sühne ineinsgebildet; siehe ebenso den "primären Masochismus" darin, der sich der Symptomatik zuschlägt ...
Und der Inbegriff der Psychotik dieser Verhältnisse, wider den gesunden Menschenverstand und wider alle ordentliche Logik:
sich als Tochter zur Mutter zu entselbsten, der weiblichen Kindesidentität sich zu entschlagen, um an mir selbst, den eigenen töchterlichen Brüsten, die Brüste der Mutter vor meinem Angriff gegen diese zu schützen! Und daß ich, Tochter, die Zerstörerin der Mutterbrust gewesen sein muß, das bezeugt, wie schon angesprochen, deren Zerstörtheit (etwa durch Krebs ...), der reale Ernstfall an organisch imponierender Pathologie, der die Tochterpathologie steigert.
(Aufhebung des Widerspruchssatzes? Ja, aber nicht bis zu deren Ultimatum, eben diese Aufhebung nicht mehr widerspruchsfrei aussagen zu können - als letzten Siegs des Widerspruchssatzes. Greift dessen Demission aber auf sich selbst über, resultierte allererst diejenige Sprachzerstörung, die die Psychose ausmacht ...)
Womit die Symptomaufklärung keineswegs schon ausgeschöpft ist. Nur noch soviel dazu:
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  • Wenn ich hier von Psychotik spreche, so meine ich das nicht in einem abgeschwächt übertragenen Sinne nur, denn auch jedes psychoneurotische Symptom - hier besonders manifest - ist in sich nicht anders organisiert als die psychotischen. Einzig die Befallsortunterschiede sind für das Pathologiegewicht ausschlaggebend ...
  • In solchen Symptomen läuft nicht zuletzt die Geschlechtsdifferenz auf, und zwar die quasi natürliche Homosexualität zwischen Mutter und Tochter (indifferent das Geschlecht, different nur die Generation), die, hochgradig pathogen hier, derart ineinanderverkeilt erscheinen, daß man einen gravierenden Vaterdrittenausfall befürchten muß - "ä la recherche du pere perdu" -. Und die homosexuelle Ausschließlichkeit (buchstäblich) wird mindest verstärkt dadurch, daß ja einzig partiell orale Inzestlizenz gewährleistet ist.
  • Sie müssen bei solchen Symptomen mit einer erheblichen Therapieresistenz rechnen. Bedenken Sie: durch solche Destruktionseinsperrung (Hände-Berührungstabu, Tabuisierung des Mundes?), die verdrehte, durch dieses Tochteropfer an die Mutter, ist - ist, fürs erste - die Verfolgung, kurzum, durch die "böse Brust" gebannt. Wie sollte man diesen - wie auch immer wackeligen - Vorzug aufgeben können? (Siehe auch: "primärer Krankheitsgewinn", "primärer Masochismus")
Worauf man therapeutisch auch gar nicht, jedenfalls nicht direkt, hinarbeiten, vielmehr nachsuchen sollte, wo sich ein möglicher Drittenkeil, ein Ansatz dazu vielleicht, ausfindig machen ließe. Und davor auch Kompensationschancen, wenngleich diese die Symptomatik nicht auflösen, jedoch ihre Prononciertheit vielleicht abschwächen könnten. So jedenfalls übte man keinen Druck auf sie aus (was freilich auch zur Bequemlichkeit, sie nicht anzugehen, verführen kann ...).
Und die sexuellen Sphären untenherum? Genitale Kompensationsmöglichkeiten, etwa als Abrücken vom Mutterbereich oben: "Ernährung" durch den gar zeugenden, Leben reproduzierenden Mann. Darstellung des Mammaetabus, wenn enthüllt, dann exhibitiv dräuend, verscheuchend. Auch urethral flankiert: Naßspritzen der Voyeure und Eindringlinge (weiblich vergönnt?). Und anal? Am ehesten retentiv, als Beisichbehalten der exkrementalen Destruktionspotenz, auf Reserve; wenn akut aber sich als Scheiße (Giftstoff) hinterlassend und, sich verflüchtigend, fliehen ...
Wenn Sie den Triebbegriff nicht, wie vorgeführt radikalisieren, können Sie die Symptome nicht mehr bis zum letzten verständlich machen, und dies
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zumal in einem solchen pathologiegewichtigen Fall: dem Aberwitz des Tochteropfers an die Mutter, des Schutzes der Mutter als Selbstschutz wider das eigene archaische Zubeißen. Die Vorenthaltung ist als Parade der Gier zwar rechtens, doch wiederum konterkariert durch die Töchter-Mutterinkorporation als Widersinn des Selbstvorenthalts, des Sichverhungernlassens.
Fazit
Innere Revision des Triebbegriffs durch den "Ödipuskomplex" als psychoanalytisches Integral
Trieb (siehe die Freudsche Spätversion des Triebbegriffs!):
mehr als nur Drängen zu einem notwendigen Funktionsgelingen, überschießende fruchtbare Kalamität vielmehr zur endgültigen, die Zeit stillstellenden Letzterfüllung, die, ohne aufgehalten zu werden, tödlich wäre.
Normalitätsgenerierendes - sanktionales - Aufhalten/Aufschieben der tödlichen Trieberfüllung - wodurch veranlaßt?
Der - mit Akzent auf dem Mutterverhältnis - gewandelte - "Ödipuskomplex" ♂ (Desiderat ♀) demnach: die Leidenschaft, sich selbst sein eigener elterlicher Ursprung zu sein.
Trieb demgemäß:
die menschliche Passion der Selbsterzeugung/Autogenese, inbegrifflich wider den Tod.
Generalisierung des "Ödipuskomplexes": er fungiert auf allen psychosexuellen Entwicklungsstufen (und darüber hinaus?). Nicht untergegangen (= differiert) gilt er psychoanalytisch als Inbegriff von (Psycho)pathogeneität.
Fortschreibung des Ödipuskomplexes in der "Narzißmus- und Todestriebtheorie": in jener als selbst-Alles-sein, in dieser selbst-der-Tod-sein.
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