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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Kleinianische Dekonstruktionen - über meinen Vortragstext hinaus (Pathognostische Studien X, 2010, Essen, Die Blaue Eule, 53-83)
Vorbemerkung
Folgend der gesamte, zur Publikation eingerichtete Textbestand, den ich für unsere "wissenschaftliche Weiterbildung (WW)", ohne Rücksicht auf diese, die vorgesehene, Veranstaltungsart verfaßte; die mich, seiner Rücksichtslosigkeit diesbetreffend wegen, zu didaktischen Streichungen nötigte; und den ich dann in dieser reduzierten Version in einer WW vortrug und zur Diskussion stellte (siehe die angehängte "Vorbemerkung" dazu).*
Die hemmungslosen, mich selbst wiederfinden machenden Ausbuchtungen der ansonsten ausgebreitet ordentlichen Stilistik sammeln sich zur Unabdingbarkeit, den Kleinianismus, zentriert um den dinggenerischen "analen Inzest", den kulturkreativen "exkrementalen Ödipuskomplex", als Brückenschlag zur Pathognostik hin zu vindizieren; Denkbewegung, die (siehe "Ausklang") mit Merkers (siehe Bibliographie S. 69) subversiven Korrelierung von "Soziotechnologien" und Psychoanalysespielarten konform geht.
Die "Supplemente/Desiderate" nehmen insbesondere philosophische Anschlußmöglichkeiten, ins Offene gelassen, auf.
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*Zur Darstellung und Kritik einiger zentraler Kleinianismen
Vortrag mit anschließender Diskussion innerhalb der "Wissenschaftlichen Werkstatt (WW)" der "Klinischen Einrichtungen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität/des LVR-Klinikums" am 26.VIII.2009
Vorbemerkung
Auf besonderen Wunsch der Teilnehmerinnen an meinen vorhergehenden WWs über Lacan widmete ich mich diesmal der - längst weit und fundiert streuenden - kleinianischen Psychoanalyse, deren "depressive Position" mit dem Lacanschen "Spiegelstadium" - der Einlaßstelle meines erneuten, dankbar angenommenen WW-Mandats - korreliert. Absicht war es, in einem ersten, der Veranstaltungsart gemäßen Angang zentrale Topoi (siehe: "Inhalt") des Kleinianismus derart zu "dekonstruieren", daß sie wider ihre übliche Kritik gefeit sein und, entsprechend verbessert, ihre praktisch-klinische Unabkömmlichkeit - anfänglich, sofern noch nicht kasuistisch ausgewiesen - allgemein unter Beweis stellen könnten.
Wiederum schlossen sich dem Vortrag Diskussionen "comme il faut" (siehe: "Diskussionsschwerpunkte") an, die mir zur Zuversicht Anlaß geben, daß die besonnene Einbeziehung von Kleinianismen ins eigene psychotherapeutische Vorgehen keine zusätzlich nötesteigernde Belastung desselben machen muß.
Inhalt:
In eigener Sache
Modifikationen des Ödipuskomplexes
Mutterprärogative
Vorverlegungen:
(eliminativ)
(oraler und) analer Ödipuskomplex
retentiv
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inzestuöse anale Retention
mütterlicher Doublebind
Todestrieb
unbewußte Phantasien
paranoid-schizoide und depressive Position
Synchronie vs. Ätiologie
projektive Identifikation
Diskussionsschwerpunkte
Literatur
Ausklang (mit Merker)
Supplemente/Desiderate
Elimination vs. Retention
urethrale Sexualität
Kopro-, Nekro-, Reiphagie
Physiopsychologie
Monadologie vs. Ek-statik
Vaterfunktion
In eigener Sache. - Die kleinianische Psychoanalyse zählt zu meinen fachlichen Hauptreferenzen, ist zentrales Element meiner psychoanalytischen Sozialisation. Gleichwohl schloß ich mich dem Kleinianismus doktrinal nicht an, bewahrte immer auch Distanz ihm gegenüber, ohne mich nicht auf ihn einzulassen, im Gegenteil. Beides muß sich ja nicht widersprechen ...
Nicht besonders konturierte Kleinianismen bekam ich in meinen beiden Lehranalysen mit und ab, und zwar von meiner ersten Lehranalytikerin, die bei den Rosenfelds großwurde; entfernter auch von meiner zweiten, umwegsam und ausgedünnter wiederum durch deren Hauptausbilderin, die, bei Balint psychoanalytisch sozialisiert, meine favorisierte Supervisorin (Kontrolleuse) war und die fakultativ direkt oft auf kleinianische Theoreme rekurrierte (z. B. auf die "vereinigten Eltern").
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"Sage mir, welcher Sorte von Psychoanalyse Du angehörst, und ich sage Dir, was für ein Mensch Du bist" ... Triftig ist es, sich die eigenen Wahlgründe klarzumachen, um von daher ein Relativitätsgespür für die eigene Position an der Hand zu haben ...
Die kleinianischen Einflüsse fielen bei mir auf vorbereiteten Boden: d. i. meine Weiblichkeits-, meine Mutterlastigkeit, mit auch veranlaßt durch die vaterlose Kriegszeit. Weshalb genau auch immer, schlug ich weniger den Weg des - wohl stärker homosexualisierenden? - "männlichen Protests" denn den der Weiblichkeitsmimesis ein, auf Einfühlungs- und Nachahmungskurs, ohne damit, wie ich hoffe, zum "Frauenversteher" geworden zu sein ... Und auf dieser lebensgeschichtlichen Folie kam mir der Kleinianismus zupaß: im Perspektivenwechsel nämlich vom frühen Vater- zum noch früheren Mutterverhältnis, der Kaprizierung auf Zustände vor der anständigen Subjekt-Objektunterscheidung, dem Verweilsort auch einer bestimmten Art von nichtrationalistischen Philosophie ...
A part: Hierin haben mich Frommer und Franz in ihrer Einleitung zum Sammelband "Medizin und Beziehung (Wolfgang Tress zum 60. Geburtstag gewidmet)" mißverstanden, nämlich: daß die Subjekt-Objektspaltung innerpsychoanalytisch mit Kleinianischen Denkmitteln ableitbar ist, keineswegs heißen kann, daß in diesem Davor an Ununterschiedenheit ein Einheitszustand an Erfüllung statthätte, aber nein - ebenhier steigt sogleich die Krake der "projektiven Identifikation" aus dem Abgrund auf. Ich komme darauf zurück ...
Vorab didaktisch noch bedenkenswert, was Young in seinem "Vorwort" zu Hinshelwoods Lexikon schreibt:... "Man hört oft, daß diese im Verdacht der Unverständlichkeit stehenden (sc. die Kleinschen und Bionschen) Überlegungen und Konzepte sich am besten in der Supervision nachvollziehen ließen, wo sie im Zusammenhang mit dem klinischen Material vermittelt werden." Was ich nur bestätigen kann, und so mache ich nach Bedarf und zur rechten Zeit, je nach Indikation eben in Supervisionen auch von Kleinianismen Gebrauch, wobei sich die monierte Schwerverständlichkeit tatsächlich durchweg auflöst. Und ich mache keinen Hehl daraus, daß die Klein abgehoben theorieschriftlich sich nicht als besonders bedarft herausstellt ...
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Folgend nun wird es mir darum zu tun sein, kleinianische Konzepte derart zu rekonstruieren, daß ihre Anstößigkeit im Schwinden begriffen sein könnte; um eine Ehrenrettung sozusagen ihrer nicht zuletzt praktischen Brauchbarkeit, ja Unabkömmlichkeit - ein Ansinnen, das innerhalb des Kleinianismus freilich nicht üblich sein kann - man weiß hier ja Bescheid?
In loser Abfolge beginne ich mit den kleinianischen Modifikationen des "Ödipuskomplexes". - Ein Element dieser Veränderung scheint mir auf recht breiter Front akzeptiert, trat ursprünglich aber durch Frau Klein so erst hervor: nämlich daß der Vater den Sohn und - anders - die Tochter vor der Mutter zu bewahren, zu schützen beauftragt, daß also diese die primär "kastrierende", "Aphanisis "-verpassende sei; und daß demnach die Vater-Sohnesrivalität und die Vater-Tochterinzestuösität den oft verzweifelten Versuch ausmachen, den versagenden Vaterfür diese protektive Funktion allererst zuzurüsten - Versuch, der zu scheitern pflegt und so, hochpathogen, zum - vom Kleinianismus prononzierten - "negativen Ödipuskomplex" führt.
Ich lasse es hier dabei bewenden, weil ich im November d. J. in einer WW ausführlicher darüber vortragen werde. Ich denke aber, daß Sie alle vieles davon selbst erfahren und bereits von außen kennengelernt haben - selbst erinnere ich mich vornehmlich eines dramatischen Passus in meiner ersten Analyse, der eines phobischen Patienten, der, erinnernd, verzweifelt und wütend zugleich, den Vater vor die Tür zu setzen versuchte und ihn ineinem zu seiner Rettung (vor der Mutter) herbeischrie. Und solche ödipalen Konstellationen sind, nicht nur meines Erachtens, die "conditiones sine qua non" psychoanalytischen Denkens und Vorgehens.
Immer noch umstritten hingegen blieb die typisch kleinianische Vorverlegung des "Ödipuskomplexes" bis zur Stunde Null - ernsthaft muß man - nach Klein - nach so etwas wie einem "oralen und analen (und noch weiter davorliegenden) Ödipuskomplex" -vordem "phallisch-exhibitionistischen" (♀ ?), dem "Ödipuskomplex" i.e.S. - fragen, und, wenn positiv beschieden, wie er sich, bis hin zu seinen individuellen Varianten, darstellt. Jedenfalls machte er, also vorverlegt, jeglicher prägenital symbiotischen Mutter-Kindglückseligkeit ihr gerechtes Ende (und auch jeder Musikvindikation in dieser Hinsicht ...). Hier würde ich, ausnahmsweise, das häufig zu Immunisierungszwecken mißbrauchte Killerargument der "klinischen Erfahrung" veranschlagen: empirisch - und zwar nicht nur innerhalb der Pathologiesphäre - kann von solchen Ausnahmezuständen eines drittenledig ungebrochenen, dauerhaften Genügens die Rede nicht sein. Und überhaupt
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sollte man, kleinianisch flankiert, der ganzen Katastrophik der "zweiten Menschwerdung", onto- wie epigenetisch, intra- wie extrauterin, der überaus folgenreichen "normalisierten Frühgeburt" namens Mensch - gerade wenn die Säuglingsforschung auf Gegenkurs geht - eingedenk bleiben. Wie anders würden Sie den eben - zumal nicht in schuldhaftem Verhalten der Mutter ... (vgl. auch "Angst" vs. "Furcht" ...) - nicht dingfest zu machenden (Un)grund der Ängste unserer Patienten nicht verfehlen?
Genau nach welchen Kriterien aber rechtfertigen sich die strittgen Vorverlegungen des "Ödipuskomplexes"? Zur Antwort versuche ich es mit einer vorkasuistischen Orientierungsskizze.
Zu tun hätten Sie es beispielsweise mit einem zwangsneurotischen Patienten, der symptomatisch insbesondere durch Geiz gezeichnet ist. Mit viel Bedacht erlaube man sich dazu das Präjudiz, daß Geiz zu den Hauptkomponenten des Freudschen "Analcharakters" zählt; sowie, nach Abraham, auf das zweite Stadium der "analen Phase", beherrscht von "Retention" ... , verweist. Selbst nun halte ich es damit so, daß ich mir Materialien zu dieser Entwicklungsstufe verschaffe ... und diese dann einer Auslegung nach der Maßgabe des also vorverlegten "Ödipuskomplexes" unterziehe. Sofern nun diese Maßnahme gelingt - nicht zuletzt in der Rückvermittlung an den Patienten ... -, darf behauptet werden, den fraglichen Transfer begründet und einen "exkrementalen Ödipuskomplex" statuiert zu haben.
Des einzelnen:
"Ödipuskomplex" heißt - in der notorischen Übertreibung des "Imaginären" ... -: den Vater töten und - "freie Fahrt voraus ..." - Inzest mit der Mutter begehen. Vatermord aber wegen des väterlichen Schutzdefizits, den tödlichen Inzest mit der Mutter nicht abzusperren ...
Wie aber ist diese ödipale Grundfiguration auf die exkrementale Einbehaltung beziehbar?? (Wenn Sie so zu denken nicht gewohnt sind, so könnten Sie, nicht zu ihrem Vorteil, argwöhnen, das alles sei an den Haaren herbeigezogen. Gleichwohl versuche ich es:) Die "anale Retention" repräsentiert den Mutter-Sohn-, sowie, anders, den Mutter-Tochterinzest. Geht es doch um die rückstandslose Verwertung der Nahrungsmittel, also des dahinein verschobenen Mutterkörpers, der Urnahrungsquelle Ganzverzehr; darum, das Nutriment restlos, "bis auf den letzten Krotz", derart sich zueigen zu machen, daß Sohn und, anders Tochter ... selbst zur Mutter würden, und so das "Begehren" ... gestillt, zu letzter Erfüllung - um
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Himmels willen nicht! - sistiert wäre. - Auf diese Weise bezeugt die .,anale Retention" das Scheitern des oralen Totalinzests, indem sie es post festum rückgängig zu machen trachtet, just symptomatisch durch Einbehaltung, die womöglich umkämpfte Nichthergabe der Exkremente: nicht eo ipso außerdem ineins mit urethraler "Retention" ...
Nach dem Desaster dieses Scheiterns, der Ausscheidungskatastrophe, bliebe nur noch die verruchte Verletzung des vorerst härtesten aller Tabus. der schlimmste Tabubruch "Koprophagie" übrig. Sie ist die gründlichste, in den "Tartaros", das profundeste Unbewußte verbannte Inzestart; infantil ... , psychotisch und auch sonstwie rituell ... durchaus auf der Erdoberfläche praktiziert. Um es immer wieder fast zu predigen: Ohne solchen "descensus ad inferos" werden Sie schwerer Pathologie niemals gewachsen sein ... !
Da fehlt aber, im Aufschluß der durch und durch inzestuösen "analen Retention", noch einiges, ja Entscheidendes. Wo nämlich blieb der verzweifelte wütende Schrei nach dem ausfallenden Vaterdritten? Das rettende Zurückschrecken vor der Begehrenserfüllung, der Differenzen wiederherstellende Umkehrkurs. Die ambivalente Vaterreklamation wird von der Mutter absorbiert ... Weshalb aber deren starker frühpädagogischer Nachdruck auf Vereindeutigung, weg vom exkrementalen Inzest hin zu seinem ehernen Inzesttabu, in dem dessen Inzestinhalt nicht bloß verborgen, sondern vernichtet werden soll? Des ausnehmenden Todessogs, der Todesvermählung in diesem Sonderinzest wegen - begehrt wird ja die "Kommunion" der (zurück! Signalaffekt Ekel!) fötiden Mutterleibrestleiche sozusagen, das Einswerden damit, den Exkrementen - die Leidenschaft der "analen Retention" wehrt sich gegen die Ausschließlichkeit der opfernden Hergabe, allerdings der verschlagendsten aller Tugenden .. , sofern prämiert durch die sadomasochistische Exekution des Lustmords an der Mutter im Defäkationsakt. Und aufsteigt der Leichengestank - Geburt von Himmel und Erde (und Wasser?) - in die Plusternase des Himmlischen Vaters, verwandelt in göttliches Odeur ("Suso"); und der besagte "Erdenrest" restiert kompakt als Materialität der dinglichen Geistgeburten; und die allerchristlichste progreßpromovierende Vollendung des abendlandkonstitutiven Muttermords, sie macht die Hexenverbrennung - loderndes Vorab der Maschinen, der Erdenrest Asche, medienkreativ "vom Winde verweht".
Zurück zum Katastrophenclou des "exkrementalen Ödipuskomplexes" - ich lege noch eins drauf:
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Hinzu kommt der eklatante Double-bind der Mutter ebenhier. Bedenken Sie: obzwar - reale oder eingebildete oder realeingebildete ... - Verführerin, bestraft sie im selben Atemzug die abgründige exkrementale Inzestbegier - von der "Retention" bis zur "Phagie" -, indem sie an die Stelle des Vaterdritten tritt -, und überhebt sich so zu einem Übervater, zu einem unüberbietbar strafmächtigen paranoischen "Überich", das gar nicht umhin kann, "sadistisch", sei es "triebgemischt", sei es gesteigert, "triebentmischt" zu agieren.
Möglicher Einspruch dagegen: Ist es nicht der große Wunschtraum des "phallisch-exhibitionistischen" Söhnleins, daß die Mutter den Vater restlos ersetze, daß er endlich den Vater loswerde? Gewiß - aber nur einerseits (siehe Sartre: "Les mots"!), denn: entfiele alle Väterlichkeit, so geriete er in seinem "ödipalen" Triumph, seiner unzeitigen Überwertigkeit voll in die Pathogeneität des "negativen Ödipuskomplexes" hinein, häufig ausgetragen in "moralischem" und/oder "erogenem Masochismus" (männlich), der Tücke letztwiderständiger Lustmehrwert-abschöpfender Unterwerfung (siehe Deleuze: "Venus im Pelz"!); insgeheim von altersher die Algolagnie der Defäkation, diesem Lustmordparadigma, verschlagen dauerfröhnend.
Zwar wird man nicht behaupten dürfen, daß der Double-bind der exkremental-pädagogischen Mutter den Hauptgrund der ausnehmenden Misere dieser psychosexuellen Entwicklungsteilphase ausmache - besteht diese Unbill doch darin, den auf Körperebene Letztinzest mit dem Mutterkadaver, diese Hochzeit mit dem Tod, einschließlich instantan deren vermeintlich endgültigen Wegsperrung, zu tätigen -, mindest jedoch kommt dieser Doppelung eine Verstärkerwirkung für die betreffenden Nöte zu, und mehr wohl noch als der Effekt eines Supplements. Folgerichtig macht es sich gut, daß das hier eh ja gegebene Vaterdefizit sich in der mütterlichen, zugleich ein Hyper-Überich und ein Hyper-Es erschaffenden "Doppelbindung" selbstdarstellt. Vorsicht aber!: im Vorgriff gesagt, schlägt in dieser auf die Spitze getrieben Vaterprivation dessen, des Himmelsgotts, patriarchale Stunde - er nämlich mit seinem christlich eingeborenen Sohn reißt dieses letale Inzest- und Widerinzest-Fusionsgebilde dergestalt, groß differierend, an sich, daß sein kreativer Flatus- und Rauchäther den akkumulierten Erdenrest da unten, endlich die lebendige Leiche objiziert, belebt. Wie kriegt er das hin?
Kurzes Intermezzo - unser WW-Sujet, die kleinianische Psychoanalyse, habe ich keineswegs aus den Augen verloren, denn: obzwar meine vorkasuistische Orientierungsskizze zum "Ödipuskomplex" des zweiten Teils
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der "analen Phase", der "analen Retention", wohl nirgendwo in den kleinianischen Schriften aufgefunden werden könnte, so ist sie doch durch und durch kleinianisch inspiriert, eben im Sinne einer eigenen Paraphrase des also dahinein vorverlegten "Ödipuskomplexes", mit gewiß etwas verbesserten kleinianischen Denkmitteln.
Warum ich solche abstoßenden Phänomene - wir sind doch alle Kulturmenschen! - ausgewählt habe - freilich habe ich sie gezielt ausgesucht! Um die probate Abspaltung des Undergrounds aller Kultur (konkretistisch: die Kanalsysteme unter der Stadt), damit sie weniger Gefahr laufe, daß dieser ihr Widerpart barbarisch ausbricht (was er eh ja andauernd tut), zu ermäßigen. Mehr aber noch: um die volle Sicht auf die kulturkonstitutive Sonderbedeutung der" analen Phase" zu garantieren, auf deren, die exkrementale, Inzestuösität mitsamt der vehementen Nötigung, mit ihr kurzen Überichprozeß zu machen, über sie das Todesurteil zu verhängen; Tod über den Tod! - ist das noch steigerungsfähig? -. Jedenfalls erweist sich die "anale Phase" als immerwährende Klippe der "zweiten Menschwerdung", und dies in einem Ausmaß, das nicht mehr irgend orthodox psychoanalytisch eingebracht werden kann; und zwar eben nicht in dem innovativen Sinne, daß die exkremental inzestuöse, sogleich als solche tabuisierte Tötung des Todes die absolute Grenze der Körperhypostase bildet - pathologisch entgleisend in der usurpatorischen Einbehaltung, Unentäußerung derselben -: und jenseits dieses Limes aufersteht die "Position" dieser "doppelten Negation" in der Tötung des - dann nicht mehr sogleich todbringenden - Todes, die "différance" der Dinglichkeit; unser einziges hominides Heil, immer bis auf weiteres, auf Widerruf, denn das Plus der "Position" bleibt vom Minusminus der "Negation der Negation", a fortiori gar, nämlich waffengenerisch, stigmatisiert. Objizistische Epikalypse ist noch längst keine Vernichtung des aufgeschoben letztlich umso destruktiveren Verhüllten (" ... von der Waffenhaftigkeit aller Dinge ..."), nicht vernichtet, vielmehr vernichtend. Der exkrementale TodesfrustraneTodestod - eschatologisch mystisch spitzentodestrieblich dialektisch: "die namenlose nicht-Fühlbarkeit des Tods der toten Dinge" - fungiert auch als Voraussetzung, als Substrat der späteren genitalen Potenz. Die vorausgehende partielle - "pars-pro-toto" - Lizenz des oralen Inzests stürzt in ihm, der analen Konkretion des sanktioniertesten "off-limits", sündenfällig zutiefst ab.
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Zurück zu den Anstößigkeiten der kleinianischen Psychoanalyse - jetzt zu der wie fraglosen Adaptation des " Todestriebs ". Allein, wenn Sie mir bis hierhin, bis zum Finale unseres exkrementalen hochtabuisierten Superinzests - an dessen Tabuisierung unsere Kultur wie an einem stärktens verdickten Seidenfaden hängt (memo, noch harmlos: Fritz Teufel!) - gefolgt sein sollten, muß es überhaupt nicht mehr schwerhalten, sich auf dessen kleinianisch zweifellosen Einbezug einen Reim machen zu können. Denn der Freudsche "Todestrieb" ist - wie ich oft schon nachgewiesen und worüber ich vorgetragen habe - nichts anderes als die letztendlich wiederum tödliche, jedoch auf das Gegenteil von Tödlichkeit, die ewige Fülle des Lebens, abzweckende - gemäß der Parole: Tod dem Tode ja -, den Menschen wesentlich bestimmende Inzestpassion, in ihrer Tödlichkeit aufgehalten durch deren notwendige brutale, niemals nicht angefochtene Tabuisierung. Man wird, Freud und Klein fortdenkend, annehmen dürfen, daß der ultimative Charakter der exkrementalen Inzestdramatik die Unterstellung des "Todestrieb" nachgerade erzwang - "Todestrieb", das ist gipfelnd die exkrementalinzestuöse wiederum tödliche Todesparade.
Von hierher auch sollten wir das Freudsche Verdikt ernstnehmen, nämlich daß der "Ödipuskomplex" nicht eigentlich untergeht, vielmehr als "Überich", versteckt, konspirativ, wie ein hypokritischer Weltenrichter bestens überwintert. Immer sucht es dasjenige offiziell zu hintertreiben, wovon es sich selbst ernährt - Double-bind! "Der kategorische Imperativ (sc. der Inbegriff von Moralität) ist der direkte Erbe des Ödipuskomplexes" - das "Überich" fällt demnach auch aus: in dieser Rücksicht der paranoische Erzbetrüger. (Seine scheinbare Untergegangenheit reicht aber entschieden weiter: bis zutiefst in die dingliche Objektivität hinein ...)
Die Todestriebextremfloskel - tödlicher Tod dem Tode, allzeit martialisch dingvermittelt zeitigender Generalaufschub, konkretistisch körperreflektorisch der apostrophierte exkrementale (Vor)letztinzest mitsamt seiner präultimativen Tabuisierung, dinggebärendes Körperzerbersten, Hominitätseklat, restituiert in "Organismus"- und "Leib"generierung ("Auferstanden aus Ruinen ...") - "Todestrieb", der im nekro-, reiphagischen Allererstletztinzest phantasmatischst gipfelt; der alle urfetischistische Dinglichkeitssoteriologie je schon in dinginzestuös letale -martialität mutierte, ins Dingzerbersten unendlicher Trümmerdissipation, ins fiction des absoluten Nichtsentzugs; den, wie hier, vor-nachzusagen, als eingemeißelt fluidales Crosspendant zum exkrementalinzestuösen "Urverdrängten", dem
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versammelnden Explosivstoff ja der todesungewährlichen Dinglichkeitsgewähr, die Groteske der verglühenden todestrieblichen Klimax an memorialer Prätention manifestiert.
Weiteres Skandalon des Kleinianismus: die "unbewußten Phantasien" des Säuglings - und welche Phantasien da am Werke seien: solche von "Mord und Totschlag"! Streng genommen rubriziert dieser unglückliche Terminus unter der "Oxymoron"art ... der "contradictio in adiecto": d. h. daß das Adjektiv "unbewußt" bedeutungsmäßig in Widerspruch zu seinem Substantiv "Phantasie" tritt. Weshalb? Tunlichst sollte man von der Vorstellung ablassen, daß da elaborierte Phantasien im Unbewußten, gar auch noch des Säuglings, als habe er bereits ein ausgewachsenes solches, zu bedingterweise möglichen Bewußtwerdung bereitlägen. Nein, erst im Vorgang der Bewußtwerdung, einem Arbeitsakt, nehmen die "unbewußten Phantasien", die ja keine sein können, eigene Gestalt an. Sonst hätten wir ja die unmögliche Befähigung, das Unbewußte unmittelbar einzusehen und dem eins-zueins-Transfer ins Bewußtsein beizuwohnen.
Aber nicht nur das: beim Säugling tritt Unbewußtes eben nicht mental als Vorstellung, als ein ausgeprägtes Imaginäres hervor, vielmehr als Körperexpression, die als solche dann zur Deutung ansteht. Wenn Sie die kleinianischen "unbewußten Phantasien" der Methode der Ausdruckshermeneutik unterziehen, so schließen sie sich zünftig auf. (Diesbetreffend waren mir vordem Gespräche mit einem Kollegen unseres "Klinischen Instituts", Herrn Dr. Simson, von Nutzen, der die zweifelhaften "unbewußten Phantasien" fraglos als psychophysiologische Expressiva ansah und sie damit ihrer Abstrusität enthob.) Nun aber möchte ich nicht verschweigen, daß es mit der ausschließlichen Ausdrucksdeutung so eine Sache ist, nämlich die Gefahr exegetischer Beliebigkeit dadurch heraufbeschwört, daß man, jedenfalls auf der Säuglingsebene, keine Korrespondenzen zwischen physiologischen Meßdaten und den " unbewußten Phantasien", ja nicht anderes als außeninterpretierte Körperexpressionen, herstellen kann. Methode der Wahl sollte, ersatzweise, die Beobachtung und deren Austausch zwischen Ausdruckskundigen sein. Ebenso in Kauf nehmen müßte man hier, daß die kleinianischen Deutungsraster immer auch einen Mehrwert an Bedeutungsbeständen enthalten, einen nahezu mythologisch zu nennenden Überschuß darüber hinaus, was
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sich der Ausdruckswahrnehmung durchschnittlich gibt, eine nachhelfende primärprozeßmäßige Sinnaufladung, die, und sei sie noch so empirisch strittig, das Säuglingsgebaren hüllt und interpretationssynton macht, "avant la lettre" zu aufnehmendem Sprechen bringt. Selbst bin ich immer dabei, diesen Surplus gegen wissenschaftsmotivierte Angriffe zu schützen - psychoanalytisch sollten wir uns ja in die initialen Zustände vor der Subjekt-Objektspaltung in Kommunikation miteinander hineinzuversetzen imstande sein ...
Ferner wäre dringend hier auf den - wenngleich ja "unsauberen" - Unterschied zwischen "pathologisch" und "normal" zu achten, denn erst der kranke Abweichungsfall läßt die Binnenverfassung der Säuglingspsyche derart dramatisch werden. Wenngleich auch, ja zumal, deren normale Dramatik nicht flachgebügelt werden dürfte - sonst verliert man die großen Nöte der besagten "normalisierten Frühgeburt" Mensch, dessen unzumutbare frühe Unfertigkeit aus den Augen. Selbstverständlich gibt es den "psychotischen Säugling" ä la Klein nicht, doch wird man ihm eine Art quasi naturwüchsiger Verrücktheit, die auf seinen fortgesetzten "status nascendi ", seine schier überwertige Hilflosigkeit, seine totale Abhängigkeit auf Leben und Tod zurückdatiert, attestieren dürfen ... Und nicht zuletzt möge man jeweils genau den Kontext angeben, in dem diese "vorgeschichtlichen" Aberwitze spielen: ob in der empirischen Säuglingsforschung, ob in der kleinianischen Kinderanalyse, ob in der Erwachsenenbehandlung nach kleinianischen Prämissen. Wegen des derzeit allherrschenden Wissenschaftsanspruchs in der klinikunabhängigen Forschung wird man kleinianisch hier nicht reüssieren. Die Kinderanalyse hingegen dürfte den eigentlichen, den genuinen Ort der kleinianischen Wirksamkeiten darstellen - bis auf einen Fehlgriff, auf den ich in der nächsten Runde der Erörterung der kleinschen "Positionen" zu sprechen komme; welcher Fehl insbesondere in der Erwachsenenanalyse durchschlägt.
Um es nochmals mit einer groben vor-kasuistischen Orientierungsskizze zu versuchen:
Gesetzt den Fall, Sie hätten es mit einem narzißtisch schwer gestörten Patienten zu tun, der sich in allen Lebensbereichen immer erneut in schwere Schamreaktionen zusammenbrechende wütende Ausfälligkeiten an hypertrophen Ehrgeiz verstrickt. In solchen Fällen ziehe ich gewohnheitsmäßig die kleinianische Notbremse bis hin zur Konstruktion mutmaßlicher "Urszenen" dazu. Wie kann das geschehen? Indem ich, in kleinianischem Geiste, als frühesten Vorfall (nicht Ursache) dessen eine hochnotpeinliche
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urethrale Überbesetzung mit folgender urethraler Attacke gegen den Mutterkörper unterstelle, ein Verfolgungsverhältnis demnach, das deshalb sich verkehrt, weil das Aggressionsmittel Urin quasi homöopathisch ausfällt, will sagen: wenn die Sohnespisse nichts anderes als Mutterdejekt ist, muß sie unwirksam bleiben, derart aggressiv eingesetzt nämlich kehrt sie sozusagen nur wiederheim, anstatt die Verfolgerin auszulöschen ... Und schon wieder hat uns die ganze Tücke der "projektiven Identifikation" erwischt!
Was aber ist mit diesem meinem kleinianischen Untergriff überhaupt gewonnen? Ich unterscheide mich wahrscheinlich von den Kleinianern, sofern ich mit dieser Schmachtür nicht ins Behandlungshaus falle, diese Unterstellungen höchstens erklärend miteinbringe. Indirekt tun sie eh ihre Wirkung: stellen lebensgeschichtliche Kontinuität und Kohärenz, horizontal wie vertikal, bis in die früheste Frühe her; miteinbeziehen den Körper als niemals ausbleibenden Mitspieler ... ; und aufrechterhalten in mir - und das ist für die "Gegenübertragung" entscheidend - die Zuversicht hüllender Nähe, sensitiver Achtsamkeit für den Patienten; was, weder irrationalistisch noch gar esoterisch, bloß eine quasi weiblich erweiterte, wiederum männlich usurpierte Vernünftigkeit ausmacht. Und ich gehe aufgrund dieses meines Habits, wenn er greifen sollte, jede Wette ein, daß sich aus allen Entwicklungsetappen urethral-narzißtische Szenarien erinnernd einstellen werden.
Ich sprach von einer grundsätzlichen Fehlauffassung in der kleinianischen Psychoanalyse, die, wenngleich auch anderswo im Metier immer noch verbreitet, einen gewichtigen Hinderungsgrund für deren Annahme bewirkt haben und nicht weniger deren doch verheißende therapeutische Sonderpotenz mindern mag. Daß man hierbei "den Sack schlägt und den Esel meint", das liegt mit am Umstand, daß der Kleinianismus die psychoanalytische Kausalitätsform regressiv auf die Spitze treibt: siehe die Vorverlagerungen des "Ödipuskomplexes", die "Positionen" im ersten Lebensjahr. (Gehts noch weiter zurück mit dieser "schlechten Unendlichkeit" [Hegel], dem verdämmernden infiniten Regreß?)
Worin in der Konzeption der beiden "Positionen", der "paranoid-schizoiden" und der "depressiven" liegt nun der avisierte Fehler? Darin, daß die besagten "Positionen" als "ultima ratio", als ,prima causa" für später darauf zurückführbare Psychopathologie geltend gemacht werden und in
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dieser ihrer Funktion so anmuten müssen, als seien sie selbst schon krank. Allgemeiner Einwand dagegen: so handelt es sich um - dem Anspruch nach - verwissenschaftlichte Metaphysik, die ihrem Wesen nach davon gezeichnet erscheint, Inbegriff der todestrieblichen Todesparierung zu sein, und also kein Letztgrund sein kann (wohl aber das Letzte an Kausalität). Was aber sind die fraglichen "Positionen" dann? Sie sind die extrauterin frühesten Ausdrucksformen ein und derselben übergreifenden synchronen Struktur, die den Dauerauftrag der Bewältigung, eben des entgrenzten "Ödipuskomplexes", erzwingt - unablässig werden wir von den beiden "Positionen" in ihrem Wechselspiel heimgesucht, um sie unter Dach und Fach zwar zu bringen, jedoch ohne daß sie sich an dieser ihrer Ruhestätte unbefristet fesseln, (buchstäblich) dingfest machen ließen. Nach wie vor, jedenfalls hierin, könnten wir von der "daseinsanalytischen Psychopathologie" lernen, die ja unsere psychogenetische/lebensgeschichtliche Ätiologie durch das Rahmenkonzept der "Existentialien" ersetzt ...
In dieser einschneidenden Kritik des Positionenstatus wird die Differenz von gesund und krank relativiert - der "Ödipuskomplex" geht eben nicht unter -, gleichwohl wird man einräumen müssen, daß die Pathologieimprägnierung der frühesten Epigenese die späteren überbietet, daß Entgleisungen innerhalb der strittigen "Positionen" insbesondere pathogenerisch nach-wirken - ein Anlaß mehr, sie vom kleinianischen Bann sowohl ihrer Erstverursachungsvalenz als auch ihrer Krankhaftigkeit zu befreien; um danach mittels ihrer, den also bereinigten, symptomaufschließend arbeiten zu können. Summa: auffällt insbesondere im Kleinianismus die basale Verwechslung von "archaischer" ödipaler Dramatik sondersgleichen, bedingt durch die postnatale Unfertigkeit des Menschenkindes, mit primärer Krankheitsätiologie, immer mit der trügerischen Hoffnung verknüpft, auf diese Weise einschlägige Ursachen, und sei es auch verspätet, mittels Erinnerungsinszenierungen, kurativ aushebeln zu können.
Schuldig geblieben bin ich Ihnen noch die Markierung der Binnenverfassung beider "Positionen". Zum Abgleich lege man beiden die "projektive Identifikation " zugrunde - einen Abwehrvorgang von verwirrender Reichweite und nicht weniger unordentlicher "dialektischer" Innenorganisation ..., nämlich die todesmotivierte Notbremse, alle Eigenwidrigkeiten verfolgend in Andere hinein zu exkrementieren, um sich deren umgekehrt persekutorischen Rache der Reinkorporationserzwingung des vordem
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projizierten Veräußerten und Untergebrachten auszusetzen, wiederum pariert durch erneute projektive Selbstpurgierungsgewalten ... So das Spiel vom schwarzen Peter" bis in alle Ewigkeit - wenn nicht, (mit)fundiert durch fortgeschrittene physiologische Reifung, ein generalisiertes Reparationsgebaren - die "depressive Position" umsichgriffe, die, sich manisch übernehmend, in alle vorausgehenden Nöte - Rezidiv der "paranoid-schizoiden Position" - regrediert ...
Inhaltlich en detail fündig wird man hier mittels der kleinschen "sexuellen Innereieninspektion" - entsinnen Sie sich meines Auslegungsanrisses einer narzißtischen Störung, darin der "Dialektik" der urethralen Attacke, die Belzebub mit Belzebub auszutreiben trachtete - ist der Projektionsstoff doch ausgeschiedenes Mutterinkorporat -, also die Mutter nur treffen kann, wenn sie sich über diese Lächerlichkeit befangen erbost, mehr als bloß hämisch grinsend. Wie die Mutter reagieren sollte? Am besten wohl liebevoll erheitert ..., weder "feministisch" wütend noch mit Pokerface? Dieselbe - immer leichter gesagt als getan - Empfehlung gelte für die Übertragung solcher frühödipalen Dramenkomponenten in der psychoanalytischen Behandlung. Ich lasse es hiermit für heute sein Bewenden haben, nicht ohne noch die skizzierte Synchronie beider "Positionen" anzumahnen, auf daß ihre lebensgeschichtliche Kontinuität und Kohärenz, horizontal und vertikal, stiftende Rekonstruktion nicht ausbleibe.
Diskussionsschwerpunkte:
Daß die "depressive Position" nicht "der Weisheit letzter Schluß" sei, in ihr vielmehr die vorausgehende "paranoid-schizoide Position" zu rezidivieren drohe, (mit)bedingt durch die pointiert nothafte Verkehrung des Reparationsgebarens in manische Schuldabwehr.
Daß - unbeschadet berechtigter Kritik, wie vorgeführt - mancher Animosität gegen den Kleinianismus die Abwehr der in ihm permanent beschworenen Abgründigkeit, zumal der frühen Epigenese, "aus den Ohren hänge".
Daß die kulturgenerative und -konservierende wie -gefährdende Dramatik der exkrementalen Sexualität nicht hoch genug veranschlagt werden könne, darin kriterial die einschlägigen "Verlustängste": die widerinzestuöse Hergabe der Exkremente als sich-selbst-Abhandenkommen (unablässig die "projektive Identifikation"!).
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Daß zuvor, natal, diese Ängste, abstrahlend von der Mutter aufs Kind, kulminieren dürften.
Daß in der kleinianischen Uneindeutigkeit - Monadologie oder Objektbezug? - erstere, nicht zum theoretischen und praktischen Vorteil, wohl überwiege?
Daß bei Akzentuierung letzterer das dabei unterstellte "Realitätsprinzip", die normierende "Außenwelt" unbefragt bleibe.
Daß der "analen Phase" erste Gestalt - die aggressive "Elimination" der Exkremente - für die Epigenese insgesamt nicht weniger relevant sei.
Literatur:
R. D. Hinshelwood: Wörterbuch der kleinianischen Psychoanalyse. Stuttgart. Klett-Cotta. 2/2004.
Ph. Grosskurth: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Verlag Internationale Psychoanalyse. Stuttgart. Klett-Cotta. 1993.
J. Kristeva: Das weibliche Genie. Melanie Klein. Das Leben, der Wahn, die Wörter. Gießen. Psychosozial-Verlag. 2008. Bibliothek der Psychoanalyse.
Cl. Frank/H. Weiß (Hrsg.): Projektive Identifizierung. Ein Schlüsselkonzept der psychoanalytischen Therapie. Stuttgart. Klett-Cotta. 2007.
Eigene einschlägige Texte:
Shame and Scandal in the Family. Die Psychoanalyse als Wegbereiterin ihres eigenen Untergangs. In: Logik und Inzest. Revue der Pathognostik Vol. 1. Wien. Passagen. 1997. Passagen Philosophie. S. 229 f.
IV. Revisionsfolgen für den Begriff der Sexualität. In: Todesnäherungen. Über Todestrieb/Urverdrängung/Zahlenmagie/Spekulative Chirurgie/ Frühmetaphysik. Düsseldorf. Psychoanalyse und Philosophie. Peras. 2007. S.41-47.
Einschlägige Kasuistik zum Anlaß genommen, die "projektive Identifikation" zu problematisieren. Ein Beitrag zur (auch philosophischen) Wertschätzung des Kleinianismus. In: Violentiae. Beiträge zur Pathognostik der Gewalt. Düsseldorf. Peras. 2008. S. 14-38.
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Gibt es Streit- und gar Kriegsformen, die nicht nach dem Muster der "projektiven Identifikation" organisiert sind? Überlegungen zu einem ebenso weitverbreiteten wie komplizierten Abwehrmechanismus. In: ebd. S. 39-44. projektive Identifikation. U. a. in: Psychoanalyse und Philosophie. Pathognostica. 7. Jahrbuch 2008. Düsseldorf. Peras. 2008. S. 15-27.
Ausklang (mit Merker)
Gründliche Relativierungschancen, betreffend kleinianische (und alle andersgearteten psychoanalytischen) Optionen, bietet Reinhard Merkers heutzutage einmalige, in der Zunft schwerlich greifende Gabe, innerpsychoanalytische Entwicklungen mit "gesamtgesellschaftlichen", mit Schwerpunkt auf" soziotechnologischen", zu korrelieren.
Die Kategorialität dieses von der Fachbühne wohlweislich verschwundenen Inbeziehungsetzens läuft auf die weiter noch zu explizierende mutuelle Vor- und Nachgabe der beiden Korrelate, des "Stands der Dinge" und des Psychoanalyse- und Psychopathologiestatus, allerdings mit objektivitätsfetischistischer Prärogative, hinaus.
Der Aufklärungssinn, die kritische Funktion dieser die psychoanalytischen Fachgrenzen sprengenden Korrespondierung besteht im Contra der üblichen Subjekthypostasierung. Diese müsse ausgehebelt werden, weil sie sich sonst, abgekoppelt von ihren extern objektiven Bedingungen, in sich selbst hinein, ihre "schlechte Unendlichkeit" perennierend, gar auf der Suche nach ihrer sündenfällig unschuldigen "prima causa", verliert.
Sofern die Psychoanalyse "die Diskussion des Verhältnisses von maschinellen Produktivkräften, Produkten, Produzenten und Konsumenten systematisch umgeht, bleibt ihr bei der Suche nach den Bedingungen des Gestaltwandels psychischer und psychosomatischer Probleme offenbar kein anderer Weg, als immer frühere Störungen im Seelenleben anzunehmen, immer weiter zurückreichende negative Ursprungsmythen zu konstruieren. Ich nenne diese Tendenz versuchsweise Priorismus - es ist die unabgeschlossene Suchbewegung nach dem Zeitpunkt, wo Heil in Unheil übergegangen sein soll."
(Das Unbewusste der Psychoanalyse: Sendungen, Kanäle, Wandler, Regelkreis. Kritische Anmerkungen zum Selbstverständnis psychoanalytischer Psychotherapie ab 1945. In: Psychoanalyse und Philosophie. Pathognostica. Jahrbuch 2008. Hg. R. Heinz/Ch. Weismüller. Düsseldorf. Peras. 2008. S. 86)
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In der kleinianischen Psychoanalyse gipfelt - extrauterin - der "Priorismus", eine metaphysische Urgrundsuche bis-zum-es-geht-nicht-mehr, eben als Substitut, als im Wortsinn aporetisches Surrogat dafür, daß deren Maßgabe, Ökonomie und zumal Technologie - die übliche Mohrenwäsche der Objektivität -, a fortiori eskamotiert erscheint.
Meine Kleinianismusreverenz setzt ausschließlich darauf, daß die apostrophierte "Priorismus"klimax, kollabierend einzig diese, die Sicht auf deren Raison: "Soziotechnologie" eröffnen könnte. Hauchdünn und überdick zugleich die Differenz zu unserem Symbolverständnis: ödipale Zutat zu den Dingen oder deren Produktionsmotiv selbst schon?
"Anti-Ödipus" auf derselben Spur: "Wenn wir das Beispiel der am wenigsten ödipalisierenden Psychoanalytikerin (sc. Melanie Klein) gewählt haben, so um aufzuweisen, welche zusätzlichen Kräfte diese aufwenden muß, um die Wunschproduktion noch an Ödipus messen zu können ... Sag, daß es Ödipus ist, oder ich knall dir eine! ... Selbst Melanie Klein ..." (Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie 1. Frankfurt/M. Suhrkamp. 1974. S. 58 f. Selbst Melanie Klein ... ja, schade; allein, die schöne Metabasis in die Wunschmaschinensphäre - Basisirrtum des AÖ - gerät vom Regen des Mikro- in die Traufe bloß des Makroödipus und damit ins noch größere Faß der "laudatio temporis acti".
Die neofreudomarxistische Bedachtheit auf die kriterialen Innen-Außenpendants, denen von innerpsychoanalytischen Fortschreibungen und "soziotechnologischen" Progressen, findet spätestens darin ihr gutes Ende, daß eben diese, die maßgeblichen, "gesamtgesellschaftliche Phantasmen" geheißen werden (S. 84), die selbst nicht mehr mit marxistischen Denkmitteln (wohl aber mittels einer heterodoxen "Psychoanalyse der Sachen") aufgeklärt werden können. Insonderheit also gilt die selbige, kausalistischen Letzthalt verweigernde, volle objektive Ödipalität derselben - Kritik also an der Psychoanalyse gleicherweise wie am Marxismus.
Nicht von ungefähr auch führt die kleinsche "Fantasieanalyse" (u. a. S. 109), die Fraktalisierung des "Ödipuskomplexes", instantan zu dessen imaginärer Exkavation wie unfälligen "Konkretismus" - dem Widersinn unserer Medienepoche.
Ebenso korrelieren wechselwirklich die elektronische "Binarität" und die kleinschen "archaischen" Spaltungsprozesse - "digitales Modell des menschlichen Empfindens und Bewertens" (S. 89). (Aber die "projektive Identifikation"??)
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Und mehr noch, kurzum:
Wo sind wir, noch und nicht mehr psychoanalytisch, angekommen?
"Psychoanalyse spielt bei dieser Entwicklung die Rolle einer affirmativen Avantgarde. Ihr bleibt heute scheinbar nur noch die Alternative von social engeneering oder unverhohlener Metaphysik. Aber Freuds eigene Hinwendung zur Phantasieanalyse und vor allem die metapsychologischen Neuerungen, die sich aus Anregungen M. Kleins ergeben haben, können vielleicht den Weg hin zu einer Tiefen- und Dingpsychologie bahnen helfen, die das Verhältnis zwischen Subjektivität und Soziotechnologie klärend (und auch ändernd?) benennt. Die Psychoanalyse müsste dazu ihrem eigenen technischen Unbewussten, ihren unbewussten Adaptationen technischer Objektivität nachspüren." (S. 109)
Eben der Kleinianismus kann als Übergang zur Pathognostik vindiziert werden. Nur daß man diese seine Vermittlungsvalenz, die man eigens herausarbeiten muß, nicht hypostasieren dürfte, vielmehr die zwar dif ferierende, noch allzeit waffenprekäre "soziotechnologische" Bergung des nämlichen infiniten "Ödipuskomplexes" im Außen zutiefst manifest halten sollte.
Was aber ist in praxi -"ändernd"? - damit gewonnen?
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Supplemente/DesiderateErste vs. zweite Etappe der" analen Phase": Elimination vs. Retention
Erste unterliegt der skizzierten negativen Dialektik der "projektiven Identifikation":
wie übereilt kommt der toxische Projektionsstoff wieder nach Hause und eignet sich daraufhin umso mehr zum Medium der Gegenattacke; und um die höchstintendierte Befreiungseffektivität der vehementen Elimination ists getan. Gelingsmißlingende Migrationen des "schwarzen Peters": der skandalöse Rückstand der Mutterleibrestleiche soll - "paschein-poiein"Metamorphose - in die aktive Skandalisierung der Mutter umgewandelt werden, doch diese kann richtig nicht nicht die falsche Adresse dafür sein, denn hämisch, quasi natürliche Gegenmacht, nimmt sie sich selbst, als exkrementaler "pars-pro-toto"-Kadaver rückgesandt, in Empfang und, phantasmatisch ganzgemacht zur lebendigen Leiche, selbstapologetisiert sie sich, sich aufspaltend (Annahme verweigert), widersprüchlich, gleichwohl, indem sie die eigene tötende Totheit dem armen kleinen Eliminator nachschickt. Und dieser Schuldverschiebebahnhof niemals unterginge, wenn sich je unterwegs die Wundertransfiguration der Exkremente in Dinge, schuldabsorbierend/sich -chargierend, nicht avisierte. Aber nein - der Tod läßt sich im Teil-als-Ganzen-Todespseudovikariat der Mutterleibleiche, den Fäzes, zumal nicht in deren differierenden Reifizierung, dem Schein der peremptorischen Tilgung aller todesusurpatorischen Schuld, schlechterdings nicht töten, höchstens, dürftig, bis es kracht, verstecken.
Allein, vor der rettenden Dinggeburt - ultimativ in wiederum heilosen Waffen - fängt sich der schuldmetonymisch zirkuläre Nonsens des ersten Akts der "anal-sadistischen" Phase im zweiten, dem "retentiven", auf: weshalb, vergeblich, kämpfen, wenn es auch anders und vielleicht besser geht, nämlich, wenn es darauf ankommt, den Kampfstoff, anders, verhaltend, polemisch, einfach eben, meint man, einbehalten!? Spur, die, wenn die Retention versagt - und sie kann ja wohl nicht nicht versagen -, zur Spitze des höchsttabuisierten koprophagischen Inzests hinführt und hier zur Alternative zwingt: entweder - Tod - oder, Inbegriff des " Todestriebs", tötender Todestod, dingmartialisch.
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Fern aller korporalen Ursprünglichkeitsansinnungen und ebenso weitweg von allen nichtssagenden Analogiebildungen, abzweckend vielmehr einzig auf die mutuelle Symbolizität, das wechselseitige Vikariat beider Größen, Körper und - gleichwohl ja ambige prärogativem - Ding, die sich je im anderen, wie transsubstantianistisch beide sich kreierend, selbstwiederfinden, gilt die Recherche von korrespondent technologischen Eliminationsund Retentionsprozessen, womöglich derart aufeinander bezogen, daß akkumulierende Einbehaltungen umwillen potenziert vehementer Ausstoßung geschieht. Mehr noch: das Gegensatzpaar - im Sinne Binswangers (nicht Heideggers) - wie ein "Existential", widerkausalistisch hierarchische Neutralisierungsmaßnahme ja, stipuliert werden könnte. Und im Interim von zugleich anmaßenden wie dafür sühnenden Pathologie würde man in Sachen physiologischer Inzestproliferationen, mit Retentionsschwerpunkt und fast ausschließlich Subsistenz- und Generationssexualität-bezogen, fortgesetzt fündig: mit der Stuhl-, Harn-, Hoden-, Plazenta-(Ausnahme: der zu unechten Zysten führenden Sekret)verhaltungen. ("Verhalten" aber sind solche "Verhaltungen" bloß prima vista ...)
Stiefkind urethrale Sexualität, abermals
Warum von urethrale Elimation vs. Retention - außer im - wie genealogisch weitreichend auch immer - Kleinianismus - nicht die Rede ist? Das macht, buchstäblich wie übertragenerweise, das schwer(er) zu parierende "Hintenherum" der Analität - jedenfalls beim männlichen Kind imponiert ja, auf der Vorderseite, frontal, "phallisch-exhibitionistisch", minderprekäre Schutzlosigkeit mit entsprechend ungefährdete(re)m Besetzungsabzug. Wohingegen beim Weiblein eine Art hintergründiger Travestie von wie ineinsgebildeter, sich im Übergang konzentrierender milderer Einbehaltung und Ausstoßung, anscheinend beider inzestuöse Moderation, prävaliert. So die Faszination des "Pippimädchens", durchschlagend etwa in der Toilettenfolklore: "Ich geh' für kleine Mädchen" (Mona Lisa); in phallischer Überheblichkeit sodann gerächte Reverenz.
Mehr als bloß pedalisierend, mitkonstitutiv nämlich für die Vorläufigkeit (buchstäblich) des weitaus eiligeren "Klein" zeigt sich dessen liquide Solvenz (im Unterschied zur kompakten Insolvenz der Fäzes). Ob und wie beide, je sich Vorbehalt und Entäußerung, zusammenspielen - so etwa alternieren? Beider Jaucheunion jedenfalls - schöner Kompromiß zwischen alert und inert, urethrale Mobilisierung der trägen Analmaterie - ergibt sich
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zwar erst post festum, nach beider Sezemierung, in ihrer antidiarrhöischen Nachträglichkeit aber gönnt sie sich aggressionsvirtuellen Produktionstriumph. Außerdem nicht von ungefähr hier die Aufdringlichkeit ökonomischer Pendants: Jauche - die Warengeburt, Kontamination von Kapital und Arbeitsprodukt (medial immanent von Sprache und Schrift?), überhebliches Imnachhinein solventer Insolvenz und vice versa; Durchfall als Voreiligkeit dieser romantischen Vermählung ... Vielleicht verzieht sich so auch der Spuk der psychoanalytisch prominenten Gleichung: Geld = Fäzes - Geld nämlich erweist wie selbstreferentiell gestärkte P..., die die Sch ...immobilie, die Dinglaborata, verzielt.
Kopro-, Nekro-, Reiphagie
Die illusionistische Imperialität des "pars-pro-toto" erfüllt sich in der Koprophagie, dem hochinzestuösen Verzehr der Mutterleibrestleiche, Beseitigung dieser manifesten Differenzschande, zu deren widersprüchlichen Evakuierung deren Algolagnie wiederum anreizt; und ist das Malheur passiert, so gilt es, die Ekelsperre, diesen widerinzestuösen oralen Signalaffekt, wegzuschaffen, um dies uniforme und -kolorale Zerfallsprodukt zu inkorporieren. Kann es noch größere Wirrsal geben?: sadomasochistisch geködert die ekelgeschützte Drangabe, die repräsentations-, gedächtnisvorbildende Öffnung aufs Außen ("Rücksicht auf Darstellbarkeit") hin, die schleunigst aber revoziert werden muß und sich in ihrem inkorporativen Widerruf in der erdenen Ungestalt, dem geformten "organlosen Körper" der Exkremente exkulpiert - man stelle sich einmal vor, wir exkrementierten nicht zu Fäzes verdaute Leichenteile ... So auch erweist sich fürs erste das kulturmenschheitstiftende Koprophagieverbot als korporale Verfassung der Repräsentation, ohne die ja - nach den vorrepräsentativen Seinsahnungen - nichts/Nichts wäre.
"Weg damit!" - ja, aber wohin? Keine Sorge, meint man, denn längst weiß man ja über die Zusammensetzung des Stuhls Bescheid, lange schon vermag man folgend dessen Recycling, demnach nichts anderes als die zugleich verhinderte Brechung des Koprophagietabus außenvor im Objektiven, das allemal ja aus absolventer, immer indessen kollapsgefährdeter Inzestepikalypse, insbesondere hier im Falle des exkrementalen Inzests, des ganzen Mysteriums des zivilen Subjekts, besteht.
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Wie das koprophagische "pars-pro-toto" sich im Kannibalismus/in der Nekrophagie aufhebt, so kulminiert in diesen die letztinzestuöse, stärker noch zutiefst entsprechend verworfene Verruchtheit, der notorische Doppelsinn von "sacer".
Empfohlene Relektüre diesbetreffend von "Totem und Tabu" - in der Maske einer wilden Ursprungsmythe buchstabiert Freud, ingeniös, doch, wie immer vaterlastig, die (nicht)Archäologie unser aller Subjektverfassung - bis hin zur christlich frustranen Sühne des besagten "Urverbrechens"; abgelöst von Melanie Kleins anscheinend bescheideneren Subversion der patrifiliarchalen Himmelsverhältnisse im initialeren, inzestuös verkörperten hiesigen Muttermord; trotz allen innerpsychoanalytischen Umsturzes verbleibend aber im herkömmlichen (Inter)subjektivismus bei epoché der Referenz auf die (Waren)dinge, deren (nicht nur kinderanalytischen) Sexualsymbolismus, wenngleich grenzwertig, so sich doch, bereit zur tautologischen Dingbereinigung, der Substraktion der bloß projizierten Symbolgehalte, symbolistisch also aufrechterhält. (Ja, "selbst Melanie Klein ..."!)
Rechtens anders dagegen Attalis "kannibalische Ordnung", in der alle Prothetik, alle Dinglichkeit letztlich, als körperabsorbierende, -kaschierende abgelöste Er-setzung des kannibalisch ultimativ inzestuösen totalen "Ödipuskomplexes/Narzißmus/Todestriebs" sich Geltung verschafft.
Vorschlag der Vereindeutigung wider meine schwankenden Zuschreibungen: was denn am Anfangende der (zweiten) Menschwerdung, das Kopro- oder das Nekrophagietabu, Bildnerinnen des kulturkriterialen dingeerzwingenden Unbewußten, des "Urverdrängten", steht? Die "pars-pro-toto"-Vertretungsvindikation dieser durch jene spricht nicht gegen beider Hierarchisierung, mit dieser, was naheliegt, der verdrängteren, zuunterst. Fraglicher indessen, ob wir damit schon am (grundlosen) Letztgrund der Hominität angelangt sind, besetzbar vom absurdesten Inzest mit den toten Dingen - der psychosengenerischen "Arschmahlzeit der Dinge" -, nicht dem einzigen unmöglichen Inzest, zumal impossibel aber ob seines, Wenn unaufgehalten, letalen Wesens, und avanciert zum Inbegriff der Martialität des härtesten Realimaginären, zu unserem immerwährenden gründenden Schicksal, das - Vorsicht! -, allzeit zur todestrieblichen Vorletztigkeit verdammt, befristet nur über dem Abgrund des alle Stufungen vernichtenderzeugenden Todes hängt.
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Physiopsychologicum
Sollte man sich nicht noch mehr darüber wundern, daß es nicht noch viel mehr viszerale Erkrankungen gibt? Bei soviel Strapazierung, mehr noch: Re-generation der betreffenden Organe, deren procedere im permanten Wechselspiel von Inzest und Inzesttabu? Abgebremst erscheint die Entropie desselben eben im Krisisumstand seiner Re-produktion, will sagen: seiner Dauergenese im nachhinein, nachträglich an bereits entstandener vorgegebener Körpermaterie; deren genuine Produktion wesentlich entzogen bleibt ("La production n'existe pas"), bloß philosophisch-genealogisch nach- und dazugedacht werden kann; die den einzigen Modus ihrer (vergangensten) Akut-Beiwohnung: Wissenschaft auf den Plan ruft; die ihrerseits, verführt von (schein)präsenter Habhaftigkeit, ihren Produktcharakter amnesiert und sich eo ipso derart ihrem geleugneten Todesungrund ausliefert - kein traumatisches Todesbewußtsein ohne vorausgehend todestriebliche Todesabrogation; ja, der Tod kommt nur durch seine - widerrufen unwiderrufliche - Abstreitung in die Welt. Und die handgreifliche Gegenwärtigkeit des schier unverzichtbaren szientifischen Heils durchdringt, gleichwohl höchst effektiv, sein inneres Kontrarium: "es würde gewesen sein werden sein werden sein werden ..." (HH); LiveSündenfall also an sich selbst, bis zum Tode leidlich "hyle"-gehalten, im zähledernen, bis zum Sich(selbst)blau(er)schreien gebeutelten sterblichen Substrat der Körpervorgabe, die, in der geburtnachträglichen Kindheit zumal, sich in re-produktivem Countdown zu produzieren beauftragt erscheint.
Ausgleichende Gerechtigkeit indessen, nicht nur wissenschafts-, ebenso, insbesondere, philosophiekritisch: nämlich daß Genealogie ihr apriorisches "post-festum", ihr fiction nachgerade, wissenschaftsanalog konkretistisch zu aktualisieren trachtet, und, derart, kurzschlüssig, die Katastrophik realisierter Philosophie, der aus den "Tiefen des Gemüts" hervorgeholten usurpierten "produktiven Einbildungskraft" - siehe alle unsere großen Revolutionen (einschließlich der nationalsozialistischen) - heraufbeschwört. Retten vermag sie sich in ihrem notorischen Egalitätsterror nur als wie eine sogleich in sich martialisch abgestürzte Hyperwissenschaft, die, a fortiori dann, todesverfallen-mimetisch destruktiv agieren muß.
Die frühe Ungeschiedenheit von "Psyche" und "Soma" enthält keinerlei Rechtsgrund zu ihrer Ursprünglichkeitsdeklamation, geschweige denn des matinalen Paradiesesglücks darin - siehe die solche Seligkeiten streng
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widerlegenden Kleinschen "Positionen"! Wohl aber vermöchte der Rekurs darauf derjenigen Nahtstelle nahezukommen, an der sich, in objektivem Verstande, das Schicksal der "Psycho-Somatik" entscheidet, das nämlich der gelingenden oder pathogen mißlingenden Spaltung beider Sachrelate. Voilà! - so machte zwar in nuce sich die menschenausmachende Repräsentation geltend, doch bleibt sie, remanent, - kreative "projektive Identifikation"! - im Banne der allseduktiven, ermöglichend unmöglichen Indifferenz, allemal stigmatisiert von der metaphysischen Ab- und ZubeWegung auf ihre inversionsmotivierende Annihilierung hin. Entsprechend erfährt sich "Psychosomatik", als theoretische praxisversierte Disziplin, vor der verzwickten Obligation, die Doppelhypostase ihrer Elemente - allzuspät - vermitteln zu sollen; welche Mora nur mittels des Rückgriffs auf deren Genealogie unterlaufen werden könnte: in der Selbigkeit dreier Unbewußten einig - dreier? inklusive ja des - sonderignorierten, kriegsförderlich differierenden, in reintrojektivem Rückwurf organismusgenerischen - korrespondierenden dinglichen Unbewußten; ohne Gewähr indessen, daß alle dreie nicht, selbstreferent (umwillen der sich erhöhenden Todesassekuranz), auf sich bestehen, schon bestanden haben, bestehen werden. Und dies insbesondere angesichts der härtesten Hypostase, der der "res extensa", heimgeholt als "Organismus", angesichts dessen einzigartigen Erfolgsgrunds: der hybrid gottmenschlichen, nein: eben darin potenziert göttlichen, sprich, todestrieblichen Todeshöchstnähe, kommt einem eine solche anders-psychosomatische Programmatikandeutung schon wie utopisch vor.
Monadologie oder Ek-statik?
Diese - zu Kritikzwecken eingesetzte - Disjunktion sticht nicht. Jene nämlich betrifft den "primärnarzißtisch" unmittelbar imperialen Binnenstatus, und diese die von Anfang an mitwirksame alterierende Konterkarierung desselben; unendlicher Widerstreit, zumal auf Dauer gestellt, sofern in des Lebens frühester Frühe Protopersonalisation und -depersonalisation sich in ihrer Indifferenz - bis an die Grenze von ent-gegensätzlichender Kontradiktion - diskriminieren. "0 misera sors hominum!": weder uns selbst noch den Anderen (unserer selbst) werden wir jemals los. Aber doch in der Arepräsentativität des todesbrüderlichen Tiefschlafs? Nein, eben sie, die wesentlich entzogene Präsenz, verdirbt alle Lossagung, vollstreckt dagegen den Inzest und bereitet über diese aufgeschoben (und wie
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aufgeschoben!) tödliche Erfüllung anästhetisch Lethe aus. Und im Tode selbst? "Hier schweigt des Sängers Höflichkeit" endgültig, niemand ist je dabei. Und diese Fundamentalexklusion zu sagen, das ist die todestrieblich usurpierte Memoriagrenze unseres zumal todeswürdigen Sagens selbst. Aber die Dinge? Final macht ihr Renuntiationsschein - "Sterbehilfen" (HH) - sie so gräßlich, der sie realiter nichts anderes als befristende Extrapolate der Repräsentationsnichtung, also voll der explosiven Inzestuösität, sein können. (Hier bitte Logik studieren, abzüglich ihrer anankastischen Sicherungspseudologien!)
Die "empirische Säuglingsforschung" zwar in Ehren, doch indem sie all diese - (wie insuffizient auch immer) kleinianisch erfaßte - Morgenröte des begehrlichen Homunculus, an Pathologie gar vorbei, eskamotiert, arbeitet sie der wissenschaftlich flankierten ubiquitären Schönfärberei, unseren postmodern mystifikatorischen Simulakren zu.
" ..., Vater sein dagegen sehr"
Freuds inflationäre patrifiliarchalischen Optionen verkennen zwar deren Herleitung aus dem Mutterverhältnis, doch deren Ignoranz erlaubt keinerlei matriarchalische Gegensetzungen; aus dem Deduktionsgrund ergibt sich mitnichten eine Antiposition auf gleicher abgeleiteter Ebene, vielmehr nur die sehr lästige, allzeit mit viel Brutalität parierte "mauvaise foi" der ödipal männlich homo-sexuellen Himmelsverhältnisse - bis hin zum Overkill der "Assumptio", der "leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel" (1950, bald nach dem ersten Abwurf der Atombombe). Und intellektuell bleibt uns nur die - bitte aber nachdrückliche - Anmahnung dieses nolens-volens Vorabmonitums, fern von jeglicher Stilisierung, bitte, der Freud-Kleinkontroverse zum kosmischen Widerspiel zwischen Himmel und Hölle.
Man mag getrost sein, denn just kleinianisch ist der Vater ab ovo mitdabei, wenngleich nicht als "Herr der sieben Meere", ebenso nicht als reiner Vasall, notorisch vielmehr als not-wendiges - selbst noch den ödipalen Todestripp letztsymptomatisch tragendes - Subsidium - eine kaum zu bewältigende, immer kurz vorm pathogenen Kollaps befindliche Aufgabe - der widerinzestuösen Abkömmlichkeit der Nachkommen von der tödlichen Mutter. Wie vaterseits fühlt man sich in dieser angestammten - womöglich dasselbe Malheur "in Grün", am anderen Ufer, mitsichführenden - Rolle? An die eigenen Individuationsnöte unschön erinnert, von den eigenen (?)
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Kindern undankbar mißbraucht, in streitiger Frontstellung gegen deren Mutter, die eigene (?) Ehefrau ...
Der Zug ist im unbesehenen institutionellen wie technologischen Objektiven längst aber schon abgefahren: die "gesellschaftliche Libido" männlich "homosexuell" (Freud!); nur daß der Vater, durchweg auf einsamer Flur, deren Hilfe eo ipso nicht versichert sein kann - sie gründet im voraus ja in - kultural bloß überkompensiertem - Verzicht; genauer: die "symbolische Ordnung", die des "toten Vaters", je präjudiziert doch den - wie effektiv auch immer in sich dilatablen - "negativen Ödipuskomplex", die vergebliche filiale Vaterausschabung aus dem Mutterleib, den - derzeit unisexisch geschwisterinzestuös verdeckten - Kern des Weltuntergangs.
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Anhang:
Bemerkungen zu Julia Kristeva: Das weibliche Genie - Melanie Klein. Das Leben, der Wahn, die Wörter. Gießen. Psychosozial-Verlag. 2008.
Es gibt wohl nur noch Reste des mentalen Westwalls, die nicht geschliffen sind, aber von der anderen, der frankointellektuellen, Seite her, laufen unterdessen ja auch keine aufregenden Novitäten mehr zu uns hin über, eher - innerhalb eines historisch neutralisierenden zunehmenden Wohlwollens - laffere Nachhutgefechte. Der "Poststrukturalismus" ist eben in die - höhere Besinnlichkeiten anregenden - Jahre gekommen. Und so wirkt es fast nostalgisch schon, mit einer Jahrzehnteverspätung Kristeva in deutscher Übersetzung (in der "Bibliothek [!] der Psychoanalyse" im Psychosozial-Verlag) wiederbegegnen zu können.
Vorliegt eine überaus lesenswerte, allzeit hochkompetente statarische Lektüre ausgewählter Schriftstellen aus dem Oeuvre Melanie Kleins, ebenso frei von Hagiographie wie von Attacke. Die biographischen Rudimente aber mag man zu Gunsten Phyllis Grosskurths "Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk" (Stuttgart 1993) überschlagen dürfen. Auch kommt mir die Übersetzung von Johanna Naumann nicht immer hinlänglich eingedeutscht vor. Die sich der besagten Rezeptionsart verschuldenden quasi-Fahrigkeiten jedoch erweisen sich m. E. nicht als störend, vielmehr eigenes Nachdenken initiierend.
Folgend wähle ich, pars-pro-toto, einige Problemtopoi der Kleinschen Todestriebadaptierung Kristevas aus, um auf diesem Wege wenigstens einen ersten Eindruck ihrer Gedankenarbeit aus meiner kritischen troposbeflissenen Sicht zu vermitteln.
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Tropologieversuche
Zu markieren sind theoretische Insuffizienzen, die ich schwerpunktmäßig in Kristevas Adaptierung der Todestriebauffassung Kleins recherchierte.
Unter dem Druck des Todestriebs äußert das Psychische eine Angst um as Leben. Im Dienste des Lebens entwickelt es Mittel, um auf die Angst vor der Vernichtung des Lebens zu reagieren, und seine fundamentalsten Mechanismen dienen ebendieser Abwehr des Todestriebes. Der Todestrieb wird unmittelbar und in dialektischer Weise in seine positive Version gewendet, nämlich die Erhaltung des Lebens. ... Man versteht, dass Melanie Klein den Todestrieb in seiner 'inneren Arbeit' als mit dem Lebenstrieb stark vermischt ansieht, nicht als ent-mischt ... Wir befinden uns hier auf einer universalen Ebene, die jegliche Triebhaftigkeit - auch die, die so normal wie nur möglich ist - als diesem Todestrieb, der die Angst um das Leben bewirkt, gegenüber tributpflichtig betrachtet: Alles in allem wirkt die Angst vor der Vernichtung des Lebens in den tiefsten Schichten des Psychischen zugundsten des Eros." (S. 82/83)
Also ist der "Todestrieb" "gewußte" (vs. "erkannte") Sterblichkeit, die indessen nicht irgend triebhaft begehrt wird, umgekehrt vielmehr an sich selbst, Leben motivierend, erhaltend und teleologisierend, konterkariert werden will. Also muß der "Todestrieb" eben nicht "unmittelbar" (?) und in dialektischer Weise in seine positive Version ..., nämlich die Erhaltung des Lebens ... gewendet" werden, denn er ist selbst bereits diese Inversion, und seine Dialektikstigmatisierung bestände, horrenderweise, im Apriorismus des Lebens restlos als Todesbeute. Entsprechend entfiele hier auch der Mischungs-, Entmischungsbegriff. Und die Tributpflichtigkeit "jeglicher Triebhaftigkeit" an den "Todestrieb" wäre Erosreverenz bloß in der Rücksicht, daß dieser wesentlich selbst ja schon allzeit dubioses Erosartefakt, violente Todesabhaltung in der Doppelgestalt von Suizidalität und Martialität, ist. Ja, der Tod will, selbst todesmotiviert, bis zum letzten eben nicht anerkannt werden! (Freilich, so handle ich mir das Dilemma der seinskreativen Todesallmächtigkeit rein um ihrer selbst willen ein.)
Auch kommen Desiderate (auch für mich selber) auf: nicht zuletzt die Geschlechtsdifferentialität des "Todestriebs ".
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"Wäre dies das Subjekt Frau, das sich hier ausdrückt, das mit der auf die Psychosen aufmerksamen Psychoanalytikerin solidarisch ist? Diejenige, die den Tod zu (be)denken nicht fürchtet, weil sie Angst um das Leben hat, das sie gibt, und die den Gefahren der Vernichtung, die auf diesem Leben ab initio lasten, ins Auge sieht?" (S. 83)
Ohne Umschweife scheint die Todestriebspur zur Schwangerschaft zu führen, und damit zur Geschlechtsdifferentialität auch dieser ultimativen Triebgeschäfte. Schwangerschaft - aber nicht, wie es die Wissenschaft will, im Sinne eines phylogenetisch ableitbaren fundierenden Faktums, vielmehr als ein Glied in einer sich (wieder)schließenden konditionalen Verkettung ("metonymische Kausalität", spekulativer "Regelkreis"?); und als solches vitale Todesparierung im Fleische "kat'exochen", in nächster Todesnähe notorisch für beide, Mutter und Kind; Gebär-Mutter-Leben, menstruell todesabgemahnt; genetrix, nichtsdurchdrungen und -umfaßt; und Klein die intellektuelle Heroine dessen! Wohingegen Mann, übersprungsverurteilt, zur Selbstvervielfachung im Toten, zur dinglich-mortalen Re-präsentation, genötigt erscheint: zur Maternalitätskopie, rückbezogen auf das unursprüngliche Original zum Zwecke dessen Subsistenz. Sohn darin die Opferexekutive, Vater das -substrat/die -garantie, Tochter die -vermittlung ("Schematismus"). Also die Geschlechtsdifferentialität des "Todestriebs": Schibboleth Schwangerschaft, die, gattungsreproduktiv, "alle Hebel in Bewegung setzt", und doch die Selbstreferenz der dafür notwendigen kulturalen Kontramittel a' eben nicht verhindern kann.
Auf Klein fußende einmalige Anregungen auch zu einer Repräsentationstheorie:
"Eros verschwindet also bei weitem nicht in dieser primären Gefangennahme des Objekts durch das in Angst verwandelte Begehren, das oral, anal oder genital wirkt. In der Tat, Eros hat 'Angst um das Leben' und wartet auf seine Gelegenheit, um in der privilegierten Form der Lust wiederzuerscheinen, die bei Klein ganz wesentlich die Lust an der Intelligenz ist ... Die ungehemmte Libido ist es, die denkt, das von der Angst befreite Begehren ist eine Befähigung, zu symbolisieren." (S. 83/84)
Abyssos der Repräsentation - kurzum: die "projektive Identifikation": rettende, vorerst rettende, Intelligenz-, Symbolisierungserzwingung eben in der "primären Gefangennahme des Objekts durch das in Angst verwandelte Begehren", "Abjekte"bildung, ursignalangstmotiviert wider die angstgehemmte Letalität des Begehrens. Genauer noch: Todesrausschmiß in die Andere, Mutter, hinein ("Projektion"), und so auf Gedeih und Verderb mit
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dieser verkettet ("Identifikation"). Die hominisierende Selbstbereinigung vom Tode besteht, sollte sie sich nicht ins Leere verflüchtigen, in der verdinglichenden Tötung der Anderen als deren vollendete Disposition; nur daß diese unabdingbar persekutorisch zurückschlägt, indem sie die projektive Todesverlagerung in das eo ipso ja unfreie Todespurgierte introjektiv wiederhineinwürgt.
Der Einsatz der Intelligenz, der Mensch-heit ausmachende Sinn für ordentliche Vikariate, Symbolisierungen eben, hat, als unvermeidliches Therapieziel vindiziert, so seine Tücken. Denn: ohne absolvente Repräsentationen zwar nur pathologisch noch differiertes Countdown zum Tode, sich steigernde "Urverdrängung", mit denselben indessen die einzig fristende Perennität des Forttransports der nämlichen, sich währenddessen zurücknehmenden Destruktionsmisere. Therapie, derart allzeit Kriegseloge, und just die doch befreienden Symbolisierungsleistungen, mitnichten von "ungehemmter Libido" getätigt, werden einem wie ungebrauchte Rüstung fremd.
Fragt sich auch, was denn in der projektiv-identifikatorischen Anderenverdinglichung (Tötung - selbst also schon todestrieblich dingkreativ) primordial aufkommt, Dinglichkeit oder Imaginarität? Jene doch, und diese, jener Vermittlung, enthält das Moment der "Identifikation", des, trotz Entäußerung, memorialen Beisichbehaltens ("innerer Sinn"): Vorstellungsvor/nach/dazwischen.
Und die konstitutiv doch liberierenden Drittenbeteiligungen? Sie treten, der maternalen Unterweltdominanz gemäß, zwar zurück, entrücken in den toten Vater-Himmel (gleich der toten Mutter!), und bilden gleichwohl von Anfang an das unbegrenzte Ferment jeglicher Seiendregung, eben die apostrophierte repräsentationsimmanente patriarchalistische Memorialität mitsamt ihren Erfüllungsgehilfen, dem martialisch ausführenden Sohn und der ebenso brückenschlagenden Tochter.
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