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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Diesmal Alles und Nichts (Pathognostische Interventionen III, 2016, Essen, Die Blaue Eule, 67-79)
"unio mystica" - weshalb häretisch? Der anmaßendsten Indifferenzierung des Gott-Menschverhältnisses wegen. Nur daß diese Urprätention nur um den Preis der Existenzstillstellung im Ganzen arretiert werden könnte. Ferner, viel mehr noch, substantiell christlich ja, die Stipulation der innergöttlichen, dem Gottesohn - wo kommt er her? - aufgebürdeten Gottmenschlichkeit; so daß - höchst widersprüchlicherweise - der Christus sodann das exekutive Veto menschlicher Gottesarroganz ausmacht.
Will sagen: ein Gott, der sein Geschöpf, den Menschen, zu seiner menschlichen Apotheose permanent verführt, nur um - brutalster Doublebind - ihn mit dem Tode (!) zu bestrafen - ein solcher Gott ist, selbst schon Todesusurpation auf ihrer Spitze, seine Göttlichkeit dementierende Chimäre.
Und daß dieser Ungott - Halleluja! - beschließen muß, diese unvermeidlichen Irrsinnsverhältnisse in sich selbst, dreifaltigkeitsgemäß soteriologisch, zu regeln, macht die Grundangelegenheit menschlicher Molesten bloß umso ärger, denn, wie schon angedeutet: wenn Christus, der Gottmensch doch, die arme Menschenkreatur in ihrem unabdingbaren Gottesdesiderium, supersanktionell, zumal - a fortiori seiner eucharistisch kannibalistischen Hingabe gänzlich zuwider - abfahren läßt, dann zerstört er, im Voraus schon, sein eigenes, also infames Heilswerk.
Weshalb aber dieser unser obsoleter, mythenverhafteter, dubios gar pathologiemotivierender Aufwand? Gilt doch die abwegige Überbietungsthese, daß der christmythische Gesamtbestand, objektivitätsekstatisch reifiziert, eh unser Kulturarkanum absolvent, effektuiert. Eben deshalb, der Aufwand, weil alle verruchte Dingberge sich opak hält, just also in den christlichen Supermysteries ihre adäquate Aufklärung fände. Und Pathologie aufklärt, fürs erste, der Dinge(Waren/Waffen) Intimität, anders als, abständig differierend, Mythologie und deren Fortschreibung: genealogische Intellektualität, insofern nämlich in ihr Aufgeklärtes, ambige zwischen dessen Affirmation und Negation, verstrickt ("Entscheide Dich, ja oder nein! Nein!"). Sogenannte Pathologie, die sich an ihrer aufstockend stockungsbedingten proditiösen Entblößung, immer auch contre cœur, der tabuisierten, potentialiter hochexplosiven Dinginteriorität - der Zerrissenheit ja schon genug, doch krude zudem sanktioniert - reintrojektiv daueraufreibt.
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Im Vorgriff erfragt: wie gegen dies "projektiv identifikatorische" Makrounbewußte, auf des Fleisches Seite einbehaltend eingebranntes "archaisches Überich", mit Aussicht auf Erfolg, prozessieren? Alle zäheste Symptomresistenz - oft, möchte man argwöhnen, wie unabänderlich in aeternum - verschuldet sich ihrer Brauchbarkeit für die Erhaltung und Steigerung der universellen Gattungsphantasmatik der dinglichen Körperprothetisierung, bis hin zu deren Vollendung souveränsuizidaler Waffen. Pathologie, die, in aller ihrer Prohibition deren, der Verdinglichung, glatten Progreßkontinuität, gleichwohl - Kreuzweg der Menschheit - alle, pathokriterial, in sich konträre Opferinversion des krankheitsimmanenten Protestes, umwillen des Exitus absoluter Technologie - endlich des "Todestriebs" tötende Verkennungsspitze - konzediert, ja - desperat? - mitbetreibt; voll auch der Hämeperfusion - ecce homo - des frustranen Transits dieser "nackten Wahrheit".
Wie dieser zutiefst verunbewußteten Dienstbarkeit - Schibboleth dessen, was ja alle gewöhnliche Resozialisierungstherapie überböte - entraten? Wie unserem kriegsversessen rationalistischen Seinsentwurf die befeuernde Luft terminal abschneiden? Aber alle noch so profunde Aufklärung hebt, nicht schon, de facto, diesen Krankheitsfunktionalismus aus den Angeln; und selbst im Falle dessen - wie gelingenden? - Renunziation würde just ein Bodensatz an paradoxem Anpassungsauxilium reliquieren. Limes nämlich aller - selbst wenn, nein: gerade wenn - Subversion im Ganzen: die "condition humaine", ohne Umschweife - opferkörperrestitutiv, post festum, kultural dingliche, aufgeschoben endtödliche Körperalienation; deren Apokalypse je annonciert in den zuhauf individuellen Toden, deren sicherem Opferstoff; wie doppelte (A)finalität der Mikro- wie Makrounsterblichkeit, Seinsgrund allen mühseligen Eroskarnevals dazwischen; jene, Einzelmortalitäten, beinahe, widerscheinend, trostreicher Abglanz der - immer noch fernen - dieser. Also das Menschheitsfatum, ne multa: der "Todestrieb", sich, in präsenter Eschatologie bis ... selbst zum Opfer fallend, um, im Voraus, dem allergreulichsten Gott, dem lächerlich todesdepravierenden Todesentleih der Absolutheit, allseits todbringend, die letzte Ehre zu erweisen.
Und die restlose Ansicht alldessen, was bildet sie sich, an Transzendierungskräften gar, ein? Immer ja noch seinsignorant, selbst wenn
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sie das heulende Elend expiativen Sentiments vonsichhielte? Nicht fernliegen mag es sodann, alle symptomatischen Widerborstigkeiten, die obligat krankheitsprolongierenden, nachgerade als Rettung der schlechthinnigen Undispensierbarkeit, ja, des Menschseins selbst zu reklamieren. Gewiß, gewiß - Vorsicht aber! Bei allem höchst notwendigen Auseinanderhalten dessen, der menschlichen Grundbefindlichkeit apriorischer Determinationspotenz und deren frustanem, so pathogenerischem Bereinigungsansinnen - diese immer überfällige Unterscheidung bleibt leichter gesagt als wirksam getan; und, zudem, kein Kranker in seinem arg verdrückten ontologischen Heroismus möge, Opferwesen ja eh, der verdichtet nackte Leidtragende dieser unabänderlich hominiden Fundamentalmisere sein müssen.
Ewiges Desiderat: wie mit dieser, unbefangen, umgehen, ohne dagegen - vergeblich ja - sturmzulaufen? Wem verdankt geschenkte Rast erwartungsentledigten Zuwartens, ungefeit freilich kontra, im Würgegriff unseres Humanismus wie beliebig synkopiert zu werden?
Zurück aber nun zur "unio mystica", der basalen Häresie: genuiner Atheismus scilicet ohne Pathos, fernab des landesüblichen Gehändeles, aller peniblen Gewaltbegünstigung unseres elendiglich sanktionalistischen Gottes, mitsamt seiner Erzengelgang, dieser würdelos paranoischen Weltenarschgeige (pardon!). Mystik derart, prope, existentialontologischer Krisisvollzug, kassiert sie, unlaut, fast in aller Selbstverständlichkeit, die Diskrimination des irrabsoluten Gottes von seinen (sic!) Sterblichen - recht so, fürs erste! Und dieser - also von sich selbst erlöste - Gott desavouiert sich nimmermehr als kopfbeschüttelte Fiktion, infames Fake, sondern, exponiert, als Komprehension von Hominität, als offenen Menschwerdungsinbegriff, voll der Satisfaktion dieses, in Ketzereibetracht, einzig wahren Elements des Christentums: der Inkarnation; und - Hiesigkeit aller Entrückung - durchaus der andersfrommen Erosmodi aisthetischer Selbstvergewisserung befugt.
Was, wahrlich bei allen Teufeln, verhält denn dann noch zum Aberwitzaeternum, gleichwohl just diesem Crottengott zu huldigen? Mythisch extern viel weniger freilich - höchstens in extremer Pathologie -, als seinem, keineswegs eo ipso abgeschwächten, -
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"Überich"internalisat? Solch hochoffizielle Insanie, sie, notorisch, geschieht durch die paranoische Doppelassekuranz der ursprünglich schizophrenen Dingreservation - Sankt Michaels Wüstengefauche -; Sperre des hyperfetischistisch radikalen, auf Konsumtionsniveau produktionhinhaltenden subito-Selbstverzehrs, mangelgenerisch kulturkreatives Proviso der Dinggeschöpfe, je hinziehend fortgangssichernde Teilretention. (Überflüssigerweise) "doppelt genäht, hält (,on dit') besser". Vorsicht aber, Vorsicht! Denn, typisch aufklärerisch exklusiv religionskritisch antimythologisch zu verfahren: bloß den imaginären Gottesbegriff zu abolieren, dies übliche Ausblendungswesen leistete sich den prekärsten Despekt der dingkryptischen Selbigkeit paradoxer Dingparanoia, der Mördergottesberge - Dinge/Waren/Waffen, alles Moloche, je aktuell eschatologisch bis ..., ihre Rachen aufreißen, zuvor aber, düpierend irenisch, ihr planes Tautologiequietiv, wie absolut, horrorträumend erschlafen.
Trotz aller sich, beharrend, aushöhlenden überwertigen Intelligenz, wir, die Unsterblichsterblichen, bleiben, ungefragt auch, dazu verurteilt, unser singuläres Heil, rüstungsbegierig differierend, in die Waffen zu (de)platzieren, des "Todestriebs" endliches eventum; und selbst, ja gerade vor dessen Alltelos: dem Waffensuizid, sinken wir, gerne pietätisch, in die weichen Kniee ? Nein, nicht ganz, und dann doch, denn, unabständig leidendlich genealogiekongenial präkludiert Pathologie, sich darein aufopfernd, zwar den gattungskriterialen Rüstungsfortgang, wird instantan jedoch davon, dem kulturalen Urprogreß - eroseinsprüchlich rekreative Gefechtspause nur -, debarragiert enteignet; und ebenso expropriiert der opferinversiv oppositionelle Fauxpas Kriminalität. Fazit: wie man es auch dreht und wendet, vane alles Fluchtgebaren ganz anderswohin - "Der Krieg ist der Vater aller Dinge."
Was alldemnach sollte denn daran hindern, sich einem solchen, an Mystik rückgebunden dissidenten Christentum universeller Gottmenschlichkeit - bitte aber unvereidigt - zu attachieren, sofern es, zu guten Teilen bewährtermaßen schon, nicht schwerhielte, seinen Nukleus, kurzum: das Körper-Medien-Dingverhältnis, pathognostisch in Gänze zu transskribieren? Mehr als gewöhnungsbedürftig aber dann, vulgo leicht sentimentalisch gesprochen, jegliches Eigenleiden restlos, ja, als Gottesleiden selbst austragen zu sollen - weg
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denn mit aller differenzstatuierend zitternd fluchtigen Transzendierungsfessel, fort zumal mit deren ureigensten Säkularincognito, dem mörderischen Zwangskult kapitalisierter Technologie!
Halt, aber halt!, denn abgesehen von der biederen Komik letzterer Zauberformel angesichts der allgewaltigen "Produktivkräfte"exzesse, gilt die peinliche Frage nach der Herkunft des - hier ja gewiß nicht von ungefähr exklusiv geltend gemachten - Leidens, innig liiert der Obligation zur Sühne - aber für welches menschliche, also göttliche, also allzeit gottmenschliche Vergehen? Freilich, notorisch, garnicht übergroß gemacht, für das Urdelikt des Menschseins selbst, und - wie tröstlich! -, "geteiltes Leid ist halbes Leid" - nein, ob der Gottespartnerschaft, gar weniger; nein, überhaupt nein, im Gegenteil: doppeltes nur, und mehr! Allein, just in dieses mißliche Augment insinuiert, vielleicht, womöglich, deren Exkavation mitsamt Ätiologie? Erkundungswürdige terra incognita, nicht unbedeutend für einschlägig sogenannte einzig Kranke, die, in aller quälenden Symptomrenitenz verstrickt, übermonierend die Ewigkeit unserer ontologischen Gefangenschaft in ihrer epikalyptischen Verklebung mit den gängigen Hoffnungspseudologien ontischer Kausalitäten; pure Nichtssklaverei der Kniefälligkeit vor uns selbst, der notwendigen - vere notwendigen? - Vigil unserer existentialen Kulturekstatik.
Wenn denn nun in allsolcher atheistischen Gottmenschlichkeit der armaturischen Dinge paranoisches Gerichtswesen sich, spürbar, tamponieren, wenn Menschheit folglich, passionierter füreinander einstehend, zusammenrücken sollte, so dürfte die besondere Observation - darum doch heischender? - Wissenschaft triftig werden: Salto mortale in ihre, adaptiv so segensreiche empirische Superfizialitätshypostase, den neuzeitlichen Kahlschlag jeglicher Kategorien von Schuld und Sühne, todestrieblicher Gewalt und Gewaltmoderation, widermythologisch, kontrametaphysisch, antispekulativ? Spitze schlechthin dinglich proliferierend manischer Todesverkennung, Exklusivität des allemal martialischen "Gestells" - sie soll es, "dialektisch", im Kollaps zumal sich wahrend, ja aszendierend, dies soteriologisch richten?
Nein, nein, denn solche, vermeintlich großkreative, differierend nur destruktive, Widersprüchlichkeit, sie schiebt, infinit sich bloß auf, bis, an ihrem auto- wie heteromörderischen Ende angelangt, nur
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noch der fernste Abglanz - woher? - ihres Gegentelos, im Extrem die Emanzipation der Inzeste, aufdämmernd erlischt. Rührender Illusionismus, daß die rückstandsledig substitutionelle Körperprothetisierung denselben, allererst zu sich selbst kommend, restituiere, und nicht, wie in Wahrheit mehr als zu befürchten, ertötete - Apokalypse, fernab der "Auferstehung des Fleisches" - wer weiß?
Abseits aber der - aller Wahrscheinlichkeit nach - vergeblichen Liebesmüh, die entropische Irrfahrt der gloriosen Wissenschaft in den Gattungsexitus mehr als je aussetzen, ja gar revolutionieren zu können, bleiben, diesbetreffend, höchstens, afundamentalistisch, ökologisch rückstufende Schadensbegrenzungen, wohl aber greift dagegen diese exponierteste Verwahrung innerhalb der - eigens, so assimiliert, pathologieträchtigen - Gottmenschlichkeit, der, recte häretisch besagten, Grenze dann aller mystischen Gottesidentitäten: des Gottessohns, also aller Menschen-Gotteskinder "Auferstehung von den Toten". Weshalb? Anscheinend ganz einfach, sofern nur diese Rekusation vor dem Absturz in die Psychose bewahrt, absperrend diese, in gegenbesetzenden Anankasmen vornehmlich repulsiert, dann aber in die Höllentortur derselben. Naheliegend auch das Abbruchlokal wiederum der ganzmenschlichen Gottesinkarnation, das Rückschlagmovens in die peremtorische Gottmenschdifferenz, trotz aller so mißratenden Gottmenschlichkeit. Also die - dubiose - Gunst der Psychoseninhibition, degenerierend in die alten paranoischen Doublebindbahnen?
Aber, ineinem, nein, nicht ganz, nein garnicht. Denn, jenseits der psychosenhintertriebenen Differenzverführung, mitnichten gilt Psychose als Limit der Inkarnationappropriierung, im Gegenteil, sie wirkt als deren Erfüllungsinbegriff, als kulturaler Produktionsgrund schlechthin: existentiales Scheidewasser fürs erste befreiender Absolvenz = dingkreativer Alienation, versus rückschlägig introjektiv tödlicher Einbehaltung; Discrimengipfel nichtiger Seinswahrung zwischen höchstpathologisch zwielichtiger Selbstaufopferung und, ja, "fröhlichem Schaffen" - bumbum. Will sagen: die Symptom-, ja die Leidensannihilisation in der schöpferischen Psychosenexternalität (wohlgemerkt Psychosenveräußerung) - purste "projektive Identifikation" -, je schon geriet sie, dilatativ, "vom Regen in die Traufe" des graten Großscheins der Psychosenatrophie just in deren
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herkunftsokkultierende Verdinglichung, die, demnach nicht von ungefähr, essentiell waffenhaft ausfallen muß. Ohne Zweifel: "Kapitalismus und Schizophrenie": armaturisch wunschmaschinendelirant, mit Postmoderne-avisierender Schlagseite hin zu deren medialer Substitution. Und die - freilich symptomatisch verbleibend abgesperrte, (nicht nur) im Intersubjektivitätsregister fixierte - Flucht in die differenzerzwungene Paranoia, sie behielte gar ihr relatives - differierenssperrendes, halbwegs derart oppositionelles - Sistierensrecht, liquidiert jedoch zugleich in ihrer sanktioniert anmaßenden Voreiligkeit, deren eh desaströses Eschaton zu antezipieren.
Fazit. - Zurück zum Beginn, der "unio mystica". Wie, diese satisfizierend, vorgehen, auf daß sie nimmer dem im Voraus "Jüngsten Gericht", der todesstrafewürdigen höchsten Häresiekondemnation, anheimfällt? Initial heftiger - schwerlich sogleich akzeptierbarer? - Einspruch wider den - historisch äußerst satten - Terror ihrer Verwerfung: gerechtfertigt sei sie eh, sofern der Gott, mitsamt seiner christgottmenschlichen Medialisierung, ja nichts anderes sein könne als unser allumfassend menschliches Wesensrealartefakt; und, entsprechend, alle Devotionalität abständiger Sanktionsentfremdung aberwitziger Kotau rein vor uns selbst. Unausbleibliches Nachfassen dann, die verzwickte Frage, wie weit wohl die Zuversicht reichen dürfte, daß alles kreatürliche Eigenerschrecken vor seiner verwegenen Aufklärung - woher gespeist? - schwände; sowie, nicht zuletzt, was es denn mit dem Preis für die Dimission des "mythischen Verhältnisses" undistant sich-selbst-auf-die-Pelle-rücken, bar der ekstatischen Selbstentfremdung, auf sich habe. Gleichwohl auch - alle Verfestigungen zu einem definiten Antwortethos möge einem suspensiv mobilen von-Fall-zu-Fall platzmachen -, allzeit tentativ, geleitet nur von desperater Konfidenz auf die Intellektualitätsbegnadung allen Seinsumfangens, gilt, für unsereiner, strikte der Vorzug genealogisch erhellender Unablässigkeit, dieser Art passagerer Rettungsmora je aufglühend verglimmender Ansichtigkeit; gottmenschgewogener Atheismus, höchstprovokant von haltlos nackter exigenter Todeshegemonie. Rarest solidarisch mit diesen meinen - durchaus widerdepressiven - Eindüsterungen dazu - in memoriam - Reinhard Merker:
"Aber ebenso wenig wie Messianismus propagiert er (sc. RH) eine Endzeitvorstellung. Vielmehr spricht er wiederholt von einem ewigen Karfreitag. Die Dinge sind das stets neu zu zimmernde und
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gezimmerte Kreuzesholz des gepeinigten Menschen, von dem er sich illusionär die Himmelfahrt erhofft (und darum immer mehr Kreuze baut und Kreuzigungen betreibt). Aber der Karfreitag ist ja auch ein mit sehr unterschiedlichen Begegnungen und Gesprächen verbundener Ablauf (die Schinder, Maria Magdalena, Ahasver, der Schächer ...)."
(Aus: Leib - Ding - Körper II. Pathognostische Psychosomatikkritik. Mit einer Einleitung von Reinhard Merker. Essen. Die Blaue Eule. 2009. Genealogica Bd. 41. Hg. R. Heinz. S. 29)
Wie der oft enormen therapeutischen Resistenz von Symptomen, nicht unwahrscheinlich insonderheit festgefahren anankastischen, begegnen? Alle ätiologische Suche in Ehren - früheste lebensgeschichtliche Konjekturen, überhaupt optimierende Ergänzungen der Bedingungskomplexe, affektionsbedachte Reinszenierungen entscheidender Konfliktsituationen, bis hin, womöglich, zur blockierenden Resignation vor inert konstitutionellem Krankheitserbe -, dagegen drängt sich, innovativ noch unabsehbar, die widerursächliche Mutmaßung auf, daß alle ominöse "negativ therapeutische Reaktion" intim mit Balanceverwerfungen zwischen den unabänderlichen ontologischen Substraten und den dispositionsverheißenden ontischen Vermengungen damit zu tun hätte, nämlich daß sie den Sanierungstrug der "condition humaine" mittels erschöpfend kausalistisch-empirischer Dissidenzenbeseitigung monierten. Ultimative Füllenichtigkeit, wehe Konterkarierung, souverän asketistisch von Mensch, (mißglückender) "Phönix aus der Asche", un-menschliche Wiedergeburt - Therapie "hoch 17" - in der endgültigen Ablage seiner, wenn auch bewußtlos eigenverschuldeten Gebrechen - die schiere Unmöglichkeit dieses spiritualistischen Freiheitstraums - wer träumte ihn nicht, verstohlen oder offensichtlich? - fixiert, sanktional, sich in den Tantalosqualen ewigen Krankseins, dieser Negativerwähltheit, alle unsere eingeborene Transzendierungshypertrophie symptomatisch, also, büßend darauf beharren, aufrechterhaltend stillzustellen. "0 misera sors hominum" - wohl dem Seufzer des Heiligen (!) Anselm. Allein, diesbetreffend, sind zwar alle Menschen gleich, einige jedoch gleicher. Was aber frommte es an hilfreich entleidendlicher Relativierung, die, im säkularen Verstande, Kranken in den weiland "Ruch der Heiligkeit" - nostalgisches Subsidium bloß, wirkungslose Antipsychiatrie "avant la lettre" - rückzuversetzen? Der Absturz der ehedem Gleicheren aus ihrer abgründig frommen Elektion in desavouierte Pathologie neuzeitlich
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- (verselbstverständlichter Nicht)Skandal, solistisch nur noch für unsereiner, ansonsten, usuell, verkleistert: reaktionsbildunggenötigt leidenstrugverfallen therapiepflichtig ja?
Woran liegt die dekadente Metamorphose, als Aufklärungsfortschritt fraglos doch hochgehalten? Versteht sich: am furiosen Progreß der "instrumentellen Vernunft", der "entfesselten Produktivkräfte", die alle vormalig promissuelle Konsekration invers in dinglich kulturale höchst normative Faktizität assimiliert, und die anfallenden Überreste - wohin damit? - dieser weiterhin perfektionsdesideranten kriterialen Konversion sich als Abfall, u.a. namens Pathologie - supplementärer Opferstoff, ambige "contre coeur", und ineinem nicht, nutzbar macht. Grandios, nicht wahr, diese profund verunbewußtete Vernünftigkeitsleistung, an ihrer Spitze Waffen betreffend, nobilitierend versetzt in den Stand ichstärkestählender Unschuld, und vis-ävis diese miserablen Krankenmassen, "nicht Fisch und nicht Fleisch", deren Anpassungssperren in Normalitätsgeilheit - freilich: leidens-, also anmaßungsbedingt - überlaufen?
"Spottet nur zu ... !" Wie aber sollte "compassio" mit der hehren Alternativelosigkeit dieses blinden Großentwurfs verfangen; wohin führte die verständige Konzession mit doch auch all seiner unablässigen Greuel? Wie des Gattungsflüchters Mensch Transzendierungsüberschwang, dem Passionierungsklimax "unmenschlichen Geschlechts" - Urprämisse seiner äquaten Apokalyptik - afinalistisch wehren - Ansichtigkeitsauffang alldessen, intellektuell, hiesiges Eschaton, aufgipfelnder Crash, der mich, Sottise, wie zu einem superdenkenden Halbaffen erscheinen macht?
Zurück zum Irrtum, der die Schmerzen uneinnehmbar perennieren läßt; folglich dem Restitutionsgebot erträglicher Normalität untersteht, die, so sie sich, partiell gut lebbar, firm etablierte, nicht eben zur Pathologiemoderation beiträgt, nein, im Gegenteil, Symptomwiderständigkeiten - weshalb? - härtend provoziert. Anstände demnach, (anders) therapeutisch, die - angeblich allererst sanierende - Entflechtung der Existentialien und deren - paradoxerweise diese remedierende - Suppletion per - freilich dann amortisierbarer - Pathologie; Rehabilitierung jener tödlichen Würde wider dieser verzweifelt todesabwendig violenten Fehl, illusionistisch der Lustration "mit Stumpf und Stiel".
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"Irrtum" der ontischontologischen Kontamination? Ja, ausschließlich aber nur im Isolat anmaßender (Inter)subjektivität. "Anmaßend" - indessen, pathologisch, wie gehabt: ja und nein. Nicht jedoch in der Sphäre unentblößt absolventer, nur im Kriegsfall wiederum destruktiv aperter Dingproduktion, hier deren einziger Prozessierungsgrund. Pervers also, den solitären Einzelusurpator, überwertigkeitschargiert davon, krankzuschreiben und, immerdar hochoffiziell, die - für uns notorische - Kriminalität aller Sacherzeugung gänzlich ungeschoren zu lassen (bis auf rückläufige ökologische Einsprüche). Aber was nutzt es - allzu verzagt besehen? - dem prätentionsleidenden Kranken, dieser treffliche Politsukkurs?
Pathologiesteigernde Normalitätsanteile? Im - anankastisch wohl naheliegenden - Splittingfall - womöglich der Nacht vorbehaltenes symptomgenerierend überhängendes Nachträumen im nächtlichen Wachen, versus, tagsüber kaum adaptiv beeinträchtigte arbeitssame Zivilität - erscheint die herbeigewünschte Normalitätsausschließlichkeit als unser - am besten sogleich ataraktischer - Existenzhort überbeansprucht. Macht sie, Reguralität, doch nichts anderes aus als die - ständig kollapsgefährdete - höchst epikalyptisch superfizielle Hypostase, Abhebung der large wissenschaftlich explizierten Exekutionsmodi der Seiendlichkeiten, eben der ontischen Ontologiedissimulationen.
Summa: ewige Aporie, herber Zwang zur Bescheidung, aller Kautelen mühsamst dagegen zum Trotz - selbst im Ausnahmefall rettend wiedereingefangen menschheitsflüchtiger Intellektualität, der amoralisch bereinigten Endversion vergehend ausnahmslosen Mitgefühls -, selbst immerdann "mit den Wölfen heulen", mit der "Menschheitsstimme" flennen zu müssen - ernsthaft nun aber: ingemiscit mundus, die schreiende Unerlöstheit, rechtens (?) mit humanistischen Anästhesietupfern ablenkend versehen. Vergönnt also - einzig lizensierte Freiheitsaura - das kurative Aufatmen ob der diskriminativen Deponierung aller Seinsmolesten, inklusive deren - Melange ja damit - szientistisch gipfelnden, in den auflauernd fernsten Tartaros. Mitnichten konterkariert, nein, überaus begünstigt, ja erzwungen dadurch aber - eo ipso Waffenrevenant - die dingliche "Wiederkehr" dieses "Urverdrängten", und davor, vielleicht, die irenisch zurechtgestutzte, gedehnt superfizielle Absorption des existentialen Undergrounds - Unternehmen: wohltätig "Sand in die Augen
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streuen". (Müssen die - passim ja elaborierten - generationssexuell inzestuösen sowie, insbesondere, todestrieblichen Aufschlußmodi überhaupt noch nachgetragen werden?)
Finis der massiven ontologischen Verlegenheiten, der niederschmetternden, aus Anlaß der - längst dingfetischistisch säkularisierten - "unio mystica".
Gute Erholung denn (aber ohne Sedativa)!
Juni 2015
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