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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Utopie des Sadismus. Einige programmatische Überlegungen (Die Eule Nr. 3, 1980, Wuppertal/Düsseldorf, 24-71)
Vorbemerkung
Es mag zunächst ungereimt scheinen, eine Arbeit über den Sadismus im Ausgang von psychoanalytischen Sadismuskonzeptionen in einem Problemzusammenhang zu plazieren, der der Genese des Patriarchats gewidmet ist. Was hat die Aufklärung dieser Perversion in diesem Kontext zu suchen? Es zeigt sich nun aber bald, daß die präzise Strukturanalyse des thematischen Phänomens eine Figuration zeitigt, die mit dem allgemeinen Gewaltwesen des Patriarchats zusammenfällt; die dann nur als Krankheit respektive Verbrechen imponiert, wenn sie zwischen den Polen ihres organologischen Grundmodells (des Verdauungsprozesses) sowie dessen Ausweitung auf das Lebensganze (Tod) einerseits und ihrer Kulturobjektivation zu den Rationalitätsdingen andererseits eine Form von tätiger, nicht bloß vorgestellt ästhetischer, Gedächtnisauflassung, eines aktionsbestimmten beispielhaften Ausplauderns des patriarchalischen Betriebsgeheimnisses, nothaft opferunwillig zu betreiben nicht umhin kann. Dieselbe Sadismus-Struktur allenthalben also: in den Körpern, den Maschinen, der (in ihren magischen Valenzen so labilen) Kunst: "filiale" Fusion mit dem "toten Vater", um den "Mutterleib" produktiv aufzuzehren.
Da wir davon ausgehen können, durch die hier zum ersten Mal entbunden praktizierte Fortschreibung traditioneller Psychoanalyse in zeitgemäße philosophische Genealogie hinein nicht zwar der historischen Entstehung des Patriarchats, doch dessen fortwährenden Produktionsgrund - freilich eo ipso in einer intellektuellen Verfallsform an diesen Grund selbst wiederum - mächtig zu sein, sind die folgenden Ausführungen zum Sadismus kontextgerecht. Und indem sie historische Genesis durch philosophische Genealogie substituieren, geben sie jener durch diese allererst das Gebilde an die Hand, dessen Zustandekommen in der Zeit zu recherchieren, vorerst noch ausgesetzt ist.
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Im Verlaufe weiterer genealogischer Arbeiten (Von "Logik und Inzest. Ödipus und die Sphinx. Einige Probleme des Herrschaftstransfers" bis hin zur Rekapitulations- und Programmschrift "Vom schwindenden Jenseits der Götter. Programmatische Überlegungen zur Ontologie-Genealogie") haben sich die veranschlagten Kategorien nicht nur in diachronischer Hinsicht gewiß verbessern und verfeinern lassen. Zudem ist die Rezeption der verwandten neueren französischen Philosophie, die ja nicht von ungefähr ebenso de Sade-Studien betreibt, unterdessen fortgeschritten; so daß der Anti-Ödipus dem eigenen Prozedieren nicht mehr so in die Quere kommen könnte, wie es in der vorliegenden Arbeit vorgefallen sein mag. Auf Lacans "Kant mit Sade" (in: J. Lacan, Schriften II, Olten/ Freiburg 1975, S. 133 - 163) - dieser wichtige Titel sei deshalb nachgetragen - geht sie nicht ein.
I. Erster Startpunkt: die "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie"
Biologismus.
"Der Begriff Sadismus schwankt im Sprachgebrauch von einer bloß aktiven, sodann gewalttätigen, Einstellung gegen das Sexualobjekt bis zur ausschließlichen Bindung der Befriedigung an die Unterwerfung und Mißhandlung desselben. Streng genommen hat nur der letztere extreme Fall Anspruch auf den Namen der Perversion." 1)
Freud läßt die Kritik des Sprachgebrauchs in eine lexikalisch präzise Phänomenbeschreibung übergehen: Sadismus als Perversion - die exklusive Bindung genital sexueller Befriedigung an die Unterwerfung und Mißhandlung des Sexualobjekts - und erzeugt eben so die Vorstellung eines Rätselgebildes, das seiner verständigen Auflösung harrt. Wie aber "versteht" die Psychoanalyse? Freuds (und nicht nur Freuds) notorischer Habitus, was als Phänomen, halb von innen, halb von außen beschrieben, imponiert, in Wahrheit als das komplizierte Kräftespiel verschiedener Triebspezies, die wie Letztgegebenheiten gelten, darzutun, dieser zählebige Biologismus der Metapsychologie, fungiert aber nicht als einzige - pseudologische - Erklärungsform der psychoanalytischen Theorie. Der Biologismus wird ständig durchkreuzt von Verursachungsannahmen, die gänzlich auf der Ebene subjektiv erfahrbarer (und extern beobachtbarer)
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psychischer Zusammenhänge verbleiben, auch wenn selbst diese letztlich wiederum biologistisch pseudofundiert auftreten. Ein solcher psychologischer Erklärungstopos universeller Reichweite innerhalb der Psychoanalyse heißt: der Kastrationskomplex, und in vollem Einvernehmen mit der Tradition des Fachs kann gesagt werden, daß der Sadismus, wie oben beschrieben, eine bestimmte symptomatische Verarbeitungsform des Kastrationskomplexes ergibt. 2) Sein Zweck besteht in der Aufhebung dieser seiner Wirkursache, nur daß die Aufhebungsform, die symptomatische, nicht verfängt, an ihren Ausgang - wie im Symptomfall immer - gefesselt bleibt. Einmal bis dahin - in diese psychologische Quertendenz zweifelsohne effektiver Erklärungschancen - gekommen, würde es fällig, die psychoanalytische Theorie des Kastrationskomplexes sadismusgerecht zu spezialisieren, wozu die Akkumulation psychoanalytischen Wissens, wenn auch nicht lückenlos, im Stande wäre.
Psychologismus. - Was bedeutet genital sexuelle Befriedigung? Inwiefern sieht diese sich - bedingterweise - auf Unterwerfung und Mißhandlung des Sexualobjektes angewiesen? Gewiß, die Psychoanalyse weiß darauf längst empirisch verbindlich (auch ohne die Zurüstung ihres Wissens auf die übliche wissenschaftliche Demonstration dieser Verbindlichkeit hin) zu antworten; und das ist überaus viel! Auch könnte nur die eigne traditionsreiche biologistische Scholastik sie nötigen, nicht alleine ihren zuträglichen psychologischen Erklärungsweg, in dem der topos "Kastrationskomplex" das Interaktionsgeflecht Familie sogleich mitbeschwört, zu perfektionieren. Doch, all dies eingeräumt, greift eine neue, der erreichten psychologischen Erklärungsebene gemäße und mindere, weil keine nur scheinbaren Erklärungsgründe verstattende Borniertheit Platz: die familial-ödipalen Interaktionsformen werfen sich nämlich zu Letztgründen auf - Psychologismus also, der, peinlich nach seinen Unbedingtheitsunterstellungen, wie dem Kastrationskomplex, befragt, die Neigung zeigt, abermals sich durch biologistische Tautologien - so schließt sich der Kreis der metapsychologischen Abträglichkeiten - zu festigen. Wie aber diese neuerliche Dogmatik quittieren? Wie läßt sich der Psychologismus - das aktuelle Haupthemmnis des psychoanalytischen Fortschritts, zu dessen Beseitigung Freud und
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fast die gesamte psychoanalytische Bewegung keine Hilfen mehr an die Hand geben - öffnen? Inhaltlich: wie müßte eine Theorie des Sadismus, unser Thema, prozedieren, wenn sie aus dem Psychologismus herausführen könnte, ohne des psychologistisch verwunschenen reichen einschlägigen Wissens dabei verlustig zu gehen? Dazu einige Orientierungsvorschläge, in denen sich methodologische Propositionen mit Sachverdikten bereits verbinden sollen - hoffentlich nicht auf Kosten des aneinander vermittelten Verständnisses beider.
Auswege daraus. - Der erste Vorschlag zweckt auf eine kaum genutzte Generalisierungschance innerhalb des rein psychologisch belassenen Erklärungsfeldes ab; ohne schon den Weg nach draußen zu zeigen, bereitet er indessen - eben durch eine strukturelle Generalisierung - die Transzendenz des psychoanalytischen Psychologismus vor. - Alle Symptombildung - und der Sadismus macht eine solche aus - kann als existenzrettende, wenngleich im Gegenzug wieder existenzeinschränkende Symbolisierungs-, also Ich-Leistung gelesen werden. Dem Gehalt nach gibt sie durchgehend, offen oder verdeckt, eine radikale Individuationsfigur ab, durch die hindurch sich eine ebenso radikale Inzestfigur als deren korrespondierende Leidensfolie abzeichnet. Im Psychopathologieextrem sind diese beiden Figuren im Sinne der symptomentscheidenden Passivitäts-, Aktivitätsumwandlung und ganz und gar dialektisch (im strengen Sinne dieser Bezeichnung) aufeinander bezogen; aus dem aufzehrenden Ursprung (der Inzestfigur) wird - quasi inhaltsgleich seitenvertauscht - der aufgezehrte Ursprung (die entsprechende Individuationsfigur). Inhaltlich ausgedrückt, gibt es kein anderes Symptomsubstrat als dieses: sich selbst zum Vater zu werden und als solcher die Mutter aufzuzehren. So die Individuationsfigur; und die korrespondierende inzestuöse: selbst als Vater in der Mutter aufgezehrt zu sein. Das Symptomphantasma definiert die totale Ausbreitung des Sohnes-Vaters in der Mutter, oder, wenn man so will, die Freigabe des Mutter-Phallus als deren Auslöschung, phallische Ersetzung, als des Inbegriffs von Individuation. Im Kontext einer Sadismustheorie wäre jetzt zu fragen, in welcher besonderen Form sich dieses Substrat, als Sadismus, präsentiert -
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das wird die Hauptaufgabe der folgenden Überlegungen sein müssen. Jedenfalls erscheint in dieser Substratbestimmung die Primordialität des Mutterverhältnisses fraglos behauptet. Als Klippe sexueller Existenz kommt die Mutter auf, freilich aber nur dann, wenn der Vater Individuationshilfe zu verweigern und der Sohn diese Leerstelle phantasmatisch durch sich selbst auszufüllen genötigt ist. Wahrscheinlich wird sich diese maternale Umwendung - die derzeit virulente, sich in der Form eines Dissidenzmotivs jedoch schon immer regende - als ein Prüfstein der Rettung psychoanalytischer Kritikvalenzen herausstellen. 3)
Der weitere Vorschlag enthält wohl selbst schon programmatisch den gesuchten Überstieg. - Es geht nicht an, dieses Substrat, dessen potentiell empirische Verbindlichkeit außer Frage steht, exklusiv als Substrat individueller Psychopathologie zu reklamieren. Denn es enthält - das bleibt hier freilich unausgewiesen - die Ubiquität einer sexuellen Struktur, die aller menschlich-geschichtlichen Tätigkeitsweisen, innerhalb derer die Psychopathologie nur einen Spezialisierungsteil, einen recht verschwindenden, ausmacht. Dieser aber gebührt das Erstgeburtsrecht der eindringlichsten wissenschaftlichen Findung dieser Struktur, doch sie wie üblich auf diesen Bereich einzugrenzen, nimmt der Psychoanalyse, ihrer Entdeckerin, die Chance, die wahre Reichweite ihrer Diagnostik auszumessen, indem sie über den bodenständigen Zaun blickte. Wo aber bleibt dann die angekündigte Transzendenz des psychoanalytischen Psychologismus? Wird so diese nicht umgekehrt imperialistisch auf die Spitze getrieben - mit der notorischen Folge der Bescherung einer reaktionären Anthropologie, deren Erkenntnisinbegriff in der Konstruktion dürftigster Strukturhomologien besteht, so als rechnete die "Soziologie (und noch weiteres) als angewandte Psychologie" nicht längst zum ältesten Eisen? Nein, dieser Überstieg nimmt keine psychologistische Extrapolation vor, umgekehrt schränkt er den wissenschaftlichen Entdeckungspunkt als den alleinigen Austragsort dieser Struktur, der ubiquitär geltend gemachten, erheblich ein. Und nicht nur das: er depotenziert nicht minder deren anthropologischen Letztbegründungswert hüben (psychopathologisch) wie drüben (in der Fülle weiterer menschlich-geschichtlicher
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Tunsformen, wie z.B. der Kunst). Diese Struktur gilt uns zwar als geschichtskonstitutiv, doch schlechterdings nicht als ungeschichtlich im Doppelsinn von ungeworden und statisch; und also wird der Psychologismus verlassen. Durch und durch geschichtlich, fungiert sie nirgendwo mehr als Letztgrund, eben auch nicht in der Psychopathologie (wohl aber als generell Identisches nach ihrer Genesis und in ihrer Evolution), und auch breitet sie sich nicht illusorisch als bloßes Extrapolat der Psychopathologie auf angeblich heterogene Tätigkeitsformen aus (doch war die Psychopathologie, Freuds Psychoanalyse, ihr wissenschaftlicher Entdeckungsort). Was will man noch mehr? Und für die Sadismustheorie sei schon vorgemerkt: der Fall könnte eintreten, daß selbst die sadismusspezifische Symbolisierungsmodifikation dieser Struktur, deren Darstellung noch aussteht, nur zum geringsten Teil als Individualpathologie aus diesem antipsychologistischen Blickwinkel empirisch wird.
Als Folgeempfehlung ergibt sich hieraus, es nicht bei der Deklamation der Historizität dieser Struktur zu belassen, vielmehr deren Bedingtheitsnachweis (die historische Genesis) und nicht weniger auch das geschichtliche Wechselspiel der Selektionen ihrer Befalls- und Anwendungsstellen anthropologisch anzugehen. Dann wird wohl auch die vergebliche Liebesmüh hinfällig, paradigmatische Selektionen diesbetreffend (wie die Produktionsverhältnisse) in ihrem Letztbegründungswert überstrapazieren zu müssen - so etwa den Sadismus als Individualpathologie aus den Produktionsverhältnissen ableiten zu sollen -; und über die lebensgeschichtliche Genesis hinausgehende Ableitungen, derart übergeordnete Sinnbestimmungen, gewännen dann, besonders relevant im Perversionsfall Sadismus, eher das Gesicht der Erhebung von gesellschaftlichen Oppositionsgehalten. Hier verläuft auch die Grenze der psychoanalytischen Individualgenese, deren Erkenntniswertigkeit sich, fernab solcher Sinnbestimmungsmöglichkeiten, auf die (familialen) Traditionsformen (sei es von Adaption, sei es von Devianz, mit all deren Übergängen) kausal einschränkt. Was aber widerführe dem individualgenetischen (lebensgeschichtlichen) Begründungsansinnen, wenn es sich, eben auf den Sadismus bezogen, in dieser seiner antipsychologistisch
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eingegrenzten Form stark machen könnte, da es doch schon in seiner psychologistisch naiven verpönt ist?
Utopische Dimensionen. - Fällig ist nun die Spezialisierung des Symptomsubstrats (und nicht nur Symptomsubstrats) - an der Fülle der weiteren Spezialisierungen vorbei - auf das Symptom Sadismus hin. Dies soll unter dem Vorzeichen der Utopie, der Orts- und Unterkommenslosigkeit dieses Phänomens, geschehen; ein Vorzeichen, das zu diesem, wie sich zeigen wird, besonders paßt. Die allgemeinste utopische Dimension liegt im Charakter der Symptombildung selber beschlossen. Die restlos dialektische Rückbindung des symptomatischen Befreiungsversuchs an seinen Ausgang (die dialektische Identität von Inzest- und Individuationsfigur) manifestiert das zutiefst magische Wesen dieser Prozeduren: Gleiches disponiert Gleiches in Gleichem, und soweit die magische Tuns-Metamorphose (die "Urrache" 4)) verschlägt, soweit etabliert sich auch die gefesselte Herrschaft des Ich, die wahrlich nicht erotische. Die Utopie der Symptombildung besteht in ihrem Kern im Defizit dieser kleinen Transzendenz: der kostbaren Chance, die Inzest- und Individuationsfesseln gleichermaßen zu lockern. Doch wenn diese Freiheit statthat, muß dann nicht jener Gewalt irgendwo draußen noch, gebannt oder entbunden, berührbar bleiben? Und sind nicht die Grenzflächen zu diesem Außen hin äußerst porös?
Die Schritte führen weiter dem Sadismus zu, indem die spezifischere Utopiedimension der Perversionen aufkommt. Utopie heißt jetzt radikal: Verweigerung eines Orts, des Unterkommens, des Fußfassens. Wie aber das? Perversionen imponieren dadurch, daß sie das Gewaltverhältnis der entscheidenden Metamorphose der Inzest- in die entsprechende Individuationsfigur als Präsentation der letzteren bloßlegen. Zugleich aktualisieren sie präsentationsgemäß in aller Viskosität den Bezug zur Körperlichkeit des Anderen, des "Sexualobjekts", geben sich derart bezogen, außengeöffnet kund. Diese Grundcharaktere von Perversion verfallen dem Verdikt eines schwerwiegenden Versäumnisses: das Gewaltverhältnis der einschneidenden Metamorphose, gar mit dem verklebt-distanzierenden Griff auf den Anderen begabt, nämlich nicht zu kaschieren. Befragt man
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dies Verdikt des nähern, so verwirft es die Anmaßung des offenen Pochens auf das Recht der Gewaltumkehrung, die Schuldverleugnung, den Sühnedispens, und spielt sich zur Außenkompensation dieses gravierenden Defizits angeblich humaner Grundkategorien auf. Der Perversion wird durchweg bedeutet (und sie mag dies dann auch selbst bedeutet müssen), daß sie von außen kommend beschwört, was sie in sich voll der blasphemischen Prätention in den Wind schlägt: das Verständnis solcher Individuation als strafwürdige und sühneheischende Schuld. Solchem Schuldspruch aber muß man durchaus nicht glauben. Wenn nicht vieles täuscht, läuft der Zweck der anthropologischen These einer genuinen Individuationshypothek an Schuld auf die Rationalisierung hinaus, Perversionen aus einem ganz anderen Grunde ahnden zu können: weil sie Geheimnisverrat begehen, das Innere des Geschichtsmenschen als des Gotts der Welt, sein Machtgeheimnis, schamlos ausplaudern. Man könnte, perversionsinspiriert, den Verlagerungs- und Verteilungsmanövern, dieser Virtuosität der Kaschierung der menschlichen Herrschaftssubstanz, auf die Schliche kommen, und ergo muß die Perversion, die rechthaberische, scham- und gewissenlose, sprich (unter vorgehaltener Hand): verräterische, des Landes verwiesen werden. An diesem Punkt hat es die Neurose, die bourgeoiseste Krankheit, schon besser (ganz zu schweigen von anderen Institutionen, wie etwa der Wissenschaft): sie kaschiert, hält dicht, büßt.
Und die Utopie des Sadismus selbst? Er nimmt innerhalb der Perversionen in Anbetracht seines utopischen Ausmaßes wiederum eine Sonderstellung ein. In seiner ganzen törichten Nacktheit potenziert er die Grundcharaktere der Perversion zu deren nicht mehr überbietbaren Höhe. Wie in der Norm des klassischen Kunstwerks kommen Form und Inhalt ohne Überhang, vom einen oder anderen dieser Elemente ausgehend, überein; die den Inzesttod bannende Individuation besteht substantiell in rechtmäßiger Gewalt, Gewalt letztlich gegen das andere Geschlecht. Das ist die ganze Wahrheit, sagt der Sadismus; hier wird sie vorgeführt ohne Finten, Ausflüchte, Dekorationen. Die klassische Kongruenz von Intention und Darstellung, Symptomzweck und -form provoziert sodann die entsprechend konzessionslose Außenkomplettierung der sadismusinternen
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Versteckens- und Bußübungsausfälle (der rückläufigen Selbstdesavouierung: du mußt deine Scheiße fressen!). Diesem Gipfel des Immoralismus (in ausgelöschten Paranthesen: des unverschämtesten Geheimnisverrats) fällt der gleiche Immoralismus, doch der des Rechts, der sein Geheimnis mitnichten verrät, voll in die Parade.
Daß dies nicht gutgehen kann, lehrt drastisch auch der Vergleich des töricht aufrichtigen Sadismus mit anderen Perversionsarten wie etwa dem Masochismus, seiner inneren Passivitätsumwendung. Dieser verschafft sich immerhin noch das Alibi des Leidens; mahnt bußfertig die Existenz des hilfreich assimilierten Dritten-Vaters als Schmerz an, überläßt die Exekution dieser Hinterlist von Beschwörung und Beseitigung, von Unterwerfung und Mord des Vaters ganz der Mutter selbst, um in der erstickenden Symbiose mit ihr leidend und zugleich männlich-erektiv triumphierend Luft zu bekommen. Im Masochismus erweckt der tote Vaterphallus der Mutter den Sohn leidend zum Mann, ephemer und dieses Ritus einzig bedürftig. 5) Umgekehrt ohne Arglist der Sadismus: der tote Vaterphallus der Mutter transfiguriert sich zur Totalität des Sohneskörpers, der der Mutter die Vaterusurpation - eben mittels der assimilierten Vaterleiche - exakt heimzuzahlen sucht, um sich, derart immer vorübergehend und exklusiv darauf angewiesen, zu virilisieren. Also kein Alibi mehr, kein monitum der extern belassenen Vaterexistenz, keinerlei Fremdregie. Selbst die Exekution vollstreckend, steht der Sadismus vielmehr als Todesengel am Pranger.
Der Sadismus leistet die Verhinderung der Pietà, deren Verhinderung im letzten Augenblick. Er streift die Sohnesvernichtung, die in der christlichen Mythe vorgesehen ist: an der Individuationsklippe Mutter inzestuös zu zerschellen, indem der Grad der Vaterabsenz selbst dessen Leichengebrauch noch hintertreibt. Auf einer vorgestellten Skala der perversen Pietà-Inhibitionen nimmt er den äußersten Platz ein als äußerster Ausdruck, immer noch Grenzwertausdruck, von Not; schutzlos entblößt; eindeutig adressiert; ganz an der Stelle des toten Vaters, der ihn als einzige Lebenssubstanz vernichtend ausfüllt; derart punktuell virilisiert, der geschändeten Mutter enthoben und restlos verfallen; besessen von dieser
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Familienimago ohne Chance der Sicht auf irgendein Heterogenes: alle Frauen sind die Mutter. Wurde als universelles Symptomsubstrat geltend gemacht: sich selbst zum Vater zu werden und als solcher die Mutter aufzuzehren, so kann jetzt dessen sadismusspezifische Extremversion der Sohnes-causa-sui lauten: sich selbst total zur Vaterleiche zu bestimmen und dadurch die Mutter schändend vernichten.
Die Elemente der sadistischen Binnenstruktur fungieren zugleich als mögliche typische Teile des sadistischen Handlungsablaufs im Großen. So kann es, zu diesem mitgehörend, fällig werden, zunächst den Zustand des "Vatertodes" herbeizuführen, bevor sein "Leichengebrauch" gegen die "Mutter" spruchreif wird. Nicht weniger wären Differenzierungen innerhalb der erreichten integralen sadistischen Aktion an der Mutter angebracht, vor allem hier die Diskussion dessen, was in der Psychoanalyse "Triebentmischung" heißt. Als erster innerer Zweck sadistischer Gewaltanwendung bleibt zwar die Statuierung von Geschlechtlichkeit aufrechterhalten, doch an der Grenze des Sadismus, aber noch in seinem Inneren, versteht sich ein Zweckdispens anzusiedeln, der die Mittel entmedialisierend wuchern macht. Dann gibt es nur noch Destruktion, bar der kleinen Sättigung, sich am Ende dadurch als Mann zu fühlen. Die libido kündigt den Zusammenschluß mit der Aggression auf und überläßt diese der ziellos unendlichen Raserei. In dieser Triebentmischung, Desexualisierung reflektiert sich - und kurz danach bricht der Sadismus ein - der assimilierte Tod des ununschuldigen Mutteropfers als Schwund des erotischen Restbestands ihrer Lebendigkeit als Opfer und, nicht zu vergessen, die Substitution der inneren Vaterleiche durch die der Mutter, dem der Schwund des erotischen Zwecks auf der Gegenseite, Geschlechtsbewußtsein, zu Gunsten der Mitteltotalisierung der Destruktion korrespondiert.
"Erst wenn das Über-Ich sich entfesselt, wenn es das Ich austreibt und mit ihm das Mutterbild, erst dann äußerst sich seine abgründige Immoralität, in dem was man Sadismus nennt. Der Sadismus hat kein anderes Opfer als die Mutter und das Ich. Er hat ein Ich nur außer sich: das ist die Grundbedeutung der sadistischen Apathie. Er hat kein anderes Ich als das seiner Opfer: ein Monstrum, reduziert auf ein Über-Ich, ein Über-Ich, das seine ganze Grausamkeit
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verwirklicht und im Sprung seine volle Sexualität wiedergewinnt, sobald es seine Kraft nach außen fließen läßt." 6)
So schreibt G. Deleuze, und das ist auch die hier vertretene Meinung. Allein, es dünkt uns nicht glücklich, im Kontext der Perversion Sadismus die einschlägige Handlungsinstanz Über-Ich zu nennen, wo sich doch dieses hier exklusiv draußen befindet. Fungiert es aber als Handlungsinstanz, so bildet es ein Transfigurat des Sadismus, eine von dessen zentralen Kaschierungsstellen. Ebenso könnte der Ichbegriff zu Mißverständnissen Anlaß geben: das Ich bleibt, psychoanalytisch, auch in dieser seiner krassesten Suspensform als solches präsent; auch scheint diese hier wohl, nicht mehr Psychoanalyse, das Phänomen der Fühllosigkeit, des Mitleidensdefizits zu bedeuten. Gleichwohl (wir korrigieren): erst wenn der tote Vater im Sohn als Sohn sich entfesselt, wenn er das Schuldgebaren austreibt und mit diesem die Mutterviskosität, erst dann äußert sich sein abgründiger Immoralismus, in dem, was man Sadismus nennt. Der Sadismus hat kein anderes Opfer als die Mutter und dies Schuldgebaren, das Über-Ich. Er hat das Über-Ich nur außer sich: das ist die Grundbedeutung der sadistischen Apathie. Er hat kein anderes Über-Ich als das seiner Opfer: ein Monstrum, reduziert auf Schulddispens und entbundene Gewalt, das seine ganze Grausamkeit verwirklicht und im Sprung seine volle Sexualität wiedergewinnt, sobald es seine Kraft nach außen fließen läßt.
Psychogenese. - Die Psychogenese hat die lebensgeschichtliche Produktion des betreffenden Symptomsubstrats mitsamt seiner symptomatischen Abfangung zum Vorwurf; sie geht, psychoanalytisch, in der Interaktionshistorie der familialen Triangel, der Elternimago, auf. Wie schon gesagt, vermag sie selber nur um den Preis von Psychologismus tautologisch weitere Sinnvindikationen (wenn entbunden, so gesellschaftlichen Charakters) ihrer - in ihrer familialen Machart freilich aufgeklärten - Phänomene mitabzudecken; wie überhaupt diese Bildungsstätte, der psychogenetische Bezugsrahmen Familie, sich - das wäre die Substitution der "politisch-ökonomischen Bedingungsanalyse" durch die "psychoanalytische Strukturanalyse" (Lorenzer) - nicht durch sich selbst schon erklärt. Diese Einschränkung aber der psychogenetischen Kompetenz
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tut dem gesellschaftlichen Argwohn gegen die Psychogenese keinen Abbruch - verständlicherweise, denn selbst in ihrer psychologistischen Naivität betreibt sie, wie exkulpierend, den notorischen Kurzschluß der Über-Ich-Komplettierung gegen den -dispens im Sadismus nicht mit. Ohne die trotz allen psychoanalytischen Wissens immer noch schwer realisierbare Absicht, ein erschöpfendes pathogenetisches Profil diesbetreffend entwerfen zu wollen, bedarf es indessen zur Psychogenese allgemein nur noch der Rückübersetzung der Symptompräsentation in die Handlungsstruktur des Familiendreiecks als der alle psychosexuellen Entwicklungsstadien durchlaufenden pathogenetischen Totale. Im Fall des Sadismus müßte diese derart beschaffen sein, daß alle sexuelle Entwicklung, ja der Lebensprozeß selbst, als todeswürdiges Dokument männlicher Prätention bis an die Grenze, aber nur bis an die Grenze seiner Vernichtung offen verfolgt werden muß. (Abtreibung, Austrocknung, Erstickung, Verhungerung, Abschiebung, Demütigung, Verrat) So die sadismusgenerierende Handlungsmatrix der Mutter, vom Vater, dem dergestalt "toten", bedingungslos beglaubigt. Das ganze Ausmaß seiner Fesselung demonstriert der Kurzschluß, in projektiver Identifikation des geschlechtlichen Unwerts gegen das eigene Geschlecht im Sohne, einvernehmlich mit den mütterlichen Destruktionsabsichten, ja diese gehorsam ausführend, vorzugehen. Das ist in groben Zügen die einschlägige psychogenetische Inzestfigur von Vaterabsenz und Mutterverfallenheit, die indessen selber, leicht übersehbar, die Bedingung der Möglichkeit auch dafür abgibt, gewiß nicht mit einem Schlage in ihre radikale symptomatische Individuationskorrespondenz umgewendet werden zu können. Worin bestehen diese paradoxen Bedingungen? Im generationssexuell geöffneten Sadismus der Eltern; der bekannten Gewaltmedialisierung schon von seiten der Mutter und wenigstens der wenn auch selbstdesavouierend destruktiven Spürbarkeit des Vaters als der Schicksalsgemeinschaft männlichen Unwerts unter diesem unauflösbaren mütterlichen Verdikt. Beides kehrt dann auch taliongemäß umgedreht in der sadistischen Symptomreplik wieder: der tote Vater als der innere wesensgleiche Handlanger des Sohnes, Revanche der gleichen Art an der Mutter zu üben.
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Weiblicher Sadismus. - Der Sadismus wurde bisher wohl mit der Suggestion von Selbstverständlichkeit aus der Perspektive des Mannes (Sohnes) dargestellt; und nur im Kontext der Überlegungen zur Psychogenese zeichnete sich der fundierende "Sadismus" der Eltern, und damit auch so etwas wie "weiblicher Sadismus", vage ab. Problematisch scheint in einem solchen Vorgehen weniger die durchgehaltene Kindesperspektive - sie nämlich wurde bewußt als die der Psychoanalyse gewählt und benötigt psychogenetisch möglicherweise zunächst nur der realistischen Korrektur, den Eltern, unbeschadet des erheblichen Machtgefälles, die Leidensmotivationen in ihrem Sadismus erzeugenden Tun, so als sei dieses von einer phantastischen Ursprünglichkeit, nicht abzustreiten. Als problematisch aber muß die Selektion des Sohnes in der Kindesperspektive ausfallen: daß bisher eigentlich nur vom männlichen Kind als des Bezugspunkts der Theorie des Sadismus die Rede war. Ein Versehen? Der typische Ausdruck eines patriarchalischen Vorurteils? Wohl kaum nur. Will man die Inflation der Begriffe vermeiden, so scheint es fürs erste unumgänglich, im Sadismus tatsächlich ein spezifisch männliches Rettungsartefakt zu sehen. Steht doch die destruktiv sexuelle Potenz der Frau, der sich tote Männlichkeit als Exekutive, mit dieser urszenisch verschmelzend, subordiniert, sadistisch zur Disposition, so daß P. Klossowski geltend machen kann, daß die Frau "über Kraftquellen, die der Mann niemals besitzen wird, die aber der Perverse mit ihr teilt" 7), verfügt; und also wäre es doch ungereimt, der Frau schon als Tochter die mögliche Existenznot des Mannes (Sohnes) vor der "phallischen Mutter" zu imputieren? Gewiß, aber die exklusiven Kraftquellen der Frau sind dieser als Tochter keineswegs automatisch disponibel. Unbeschadet alles Artefakts an weiblicher Potenz als freilich verbleibender Folie der Perversion sehen sich die weiblichen Individuationsanforderungen um nichts weniger großen Gefahren der Elternimago ausgesetzt, nur daß keine Symmetrie diesbetreffend und überhaupt der Entwicklung der Geschlechter angenommen werden kann. Auf diese Asymmetrie reduziert sich dann auch die Differenz zwischen männlichem und weiblichem Sadismus, wobei es zweckmäßig bleibt, diesen Ausdruck im strengen Sinne des Wortes dem Sohnessadismus vorzubehalten. Wie stellt sich diese die Einhelligkeit der Bedeutung "Sadismus"
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störende Asymmetrie dar? Zugespitzt gesagt, ist es der Tochter nicht vergönnt, im Sadismus generierenden Familienfeld den toten Vater gleichermaßen als Individuationssubstanz zu assimilieren und zu nutzen. Der definierten Geschlechtsheterogeneität wegen fixiert sich an dieser Stelle, dem Vater-Tochter-Verhältnis, durchweg exklusiv schon eine Kampfesfront mit der phantasmatischen Folge eines quid pro quo der Racheadressen, der Vertauschung von Vater und Mutter. Die Auslassung des Mutterverhältnisses aber als Thema der Vergeltung, des eschatons von Individuation wie beim Mann, desintegralisiert den Sadismus am ehesten zugunsten von Homosexualität und nimmt ihm so die kriteriale Spitze. Die Kopie des Einswerdens mit der Vaterleiche als der restlosen Identität mit aller mütterlichen Destruktion in tätiger Veräußerung, die weibliche Sadismuskopie, hakt notwendig schon zu Beginn der Vaterleichenassimilation fest und phantasmasiert sich, wenn der Anspruch, wie der Mann sadistisch sein zu können, erhalten bleibt. Weiblicher Sadismus - nicht integral, abgeschwächt, phantasmatisch? Das widerspricht Klossowski (und auch S. de Beauvoir 8)), jedenfalls die Einschätzung de Sades Heldinnen betreffend.
"Die apathische Moral ist eine der geheimsten Kraftquellen der Frau, ...: der fraulichen Frigidität abgelauscht erweist sie sich als deren methodische Anwendung. Schließlich und vor allem ist es die Sadesche Heldin, die den Atheismus zu seiner Integralität führt. Sie spaltet ihn von der normativen und anthropomorphen Vernunft ab, um das Denken selbst für das experimentelle Feld der Ungeheuerlichkeit zu befreien." 9)
Oder sitzt schon de Sade der perversionstheoretisch so naheliegenden Illusion einer sich derart äußernden weiblichen Potenz an sich auf, in Wahrheit immer nur der Realsetzung des Artefakts dieser Potenz als Sadismuskausalität? Wohl nicht nur. Es liegt nämlich ebenso nahe anzunehmen, daß der Ausbruch aus dem weiblichen Sadismusphantasma: die Ergänzung des Mutterverhältnisses als des ausschlaggebenden Racheobjekts, die medialisierende Introjektion des toten Vaters gegen den Strich des eigenen Geschlechts, die Rufsprengung der homosexuellen Abmilderungsformen, ein Destruktionspotential freisetzt, das auch ohne perversionsbedingte Idealisierung der Frau die sadistische Prärogative, die höhere Kraft triebentmischender Raserei, die peremptorische Vollstreckung des Todes Gottes zukommen macht. Die historisch sexuelle Anpassungsform
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der Frau in dieser Sphäre ist sicherlich aber nicht ein solchermaßen erzwungener und auf die Spitze getriebener Sadismus, der Masochismus vielmehr, der in seiner schier unbezwingbaren Konservierung des phallischen Phantasmas sich seinem männlichen Widerpart nicht zu dessen Erfolgsgunsten - der Exaktheitsbeeinträchtigung der Rache - kongenial erweisen kann. Widerspricht aber nicht schließlich der Inbegriff der psychogenetischen Bedingungen, die einschlägige Elternimago, dem eigenen Resultat? Mußte nicht eingeräumt werden, daß der parental-"sadistische" Grund des Sadismus sich von diesem selbst, weil generationssexuell reproduktionsbezogen, als Paarleistung einschneidend unterscheidet? Ein eigentlicher und uneigentlicher Sadismus also (und dazu noch ein kupiert weiblicher und ein integral männlicher)? Allein, es ist nicht zu sehen, daß der Sadismus im strengeren Sinne der Bezeichnung als Sohnessymptom seinen Ursprung in der entsprechenden Elternimago wirklich transzendierte. Die Gewöhnlichkeit der Transzendenz liegt in der Symptombildung selber; und Zeugung (Reproduktion) garantiert nicht eo ipso das Wirken von Eros, umgekehrt kann sie sich als Einzelmaßnahme dem universellen Rachekontext bestens einfügen; und im solistischen Charakter des Symptoms lebt der Widerschein des elterlichen Unpaars, die ganze Viskosität je ihrer Einsamkeit, bedürftigst offen und außer sich.
Sadismus und Analität. - Die psychoanalytische Zusammenstellung von Sadismus und Analität versteht sich, seit Freud bereits in den "Drei Abhandlungen" den topos "sadistisch-anale Organisation" schuf 10), wie von selbst. Zweifellos hat sich das Problemzentrum dessen, einen kommunikativen Handlungsmodus und einen Körpervorgang zusammenzusehen, die besondere ätiologische Bedeutung des Schicksals der analen Entwicklungsphase für den Sadismus (und nicht nur für diesen) nämlich, nichts als bewahrheitet. Mehr als nur mangelhaft aber fiel die Theorie dieser ätiologischen Auszeichnung und überhaupt des betreffenden Zusammenhangs aus, und das ist umso mißlicher, als der nicht zuletzt auch hier grassierende Biologismus der Psychoanalyse deren Naturbegriff verdirbt. Der Kritik des Biologismus unbeschadet, gilt indessen die Obligation, Natur (innere Natur) als den einen irreduziblen Pol der
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Materie psychischer Bildungen zu belassen. Wie aber beziehen sich Sadismus und Analität aufeinander? Sofern wir die impliziten Theorien dazu überblicken, bietet sich fürs erste die folgende Beziehungsalternative an: entweder gilt die Defäkation (und erweitert der gesamte intestinale Prozeß) als natürlicher Ursadismus für den Sadismus selbst als dessen Abbild, fungiert als dauerpräsente mimetische Folie, die sich für den Bedarfsfall der Symptombildung Sadismus auf psychischem Niveau bereitstellt; oder aber es erweist sich die Defäkation usw. wie gehabt mit dem Sadismus zusammengebracht, als dessen Realinterpretation; die umfassendere Struktur spezialisiert sich, einen bestimmten vorgegebenen Bereich organisierend, bringt sich somatisch an einer passenden, jedenfalls diesen Organisationszugriff nicht verbietenden, Stelle unter.
Sadismus als Naturkopie (eines natürlich korporellen Ursadismus, des intestinalen Prozesses) versus Sadismus als diesbezüglich heterogenes Interaktionsprodukt, das auf geeignete Natur nach der eigenen Maßgabe systematisierend übergreifen kann. Wozu soll man sich entscheiden? Ein Blick auf die für dieses Problem besonders zuständigen Ausführungen K. Abrahams (und vorher auch die Freuds) geben keine eindeutige Auskunft. Einerseits wird plastisch gesprochen von somatischen "Quellgebieten" 11), aus denen die psychischen Phänomene quasi entspringen, und für den Sadismus werden als solche Quellgebiete namhaft gemacht: allgemein der "Bemächtigungsapparat", die "Körpermuskulatur" 12), im besonderen sodann die "Kaumuskulatur" und das "Gebiß" 13), ferner die "erogene Darmschleimhaut" 14), das "exkrementale Quellgebiet" 15) und - das missing link zwischen Eingang und Ausgang - der gesamte "Retentionsapparat" 16), das Verdauungssystem. Andererseits, wesentlich abgeschwächt, wird ein bloßer Parallelismus zwischen solchen somatischen Quellgebieten und den entspringenden Phänomenen mit der Chance von Analogiebildungen angenommen. 17) Ein Schwanken also zwischen dem Modell der Naturmimesis, ja der unmittelbaren natürlichen Produktion, und dem von Phänomenstufen, die - psychogenetisch für den Perversionsfall kategorial überhaupt nicht mehr aufeinander bezogen - strukturell komparabel bleiben. Wir selbst neigen, der scheinbar materialistischen Verfänglichkeit der ersten entgegen, stark zur zweiten Alternative, jedoch mit dem vermittelnden
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Akzent auf der außerordentlichen Eignung der Befallsstelle des intestinalen Gesamtprozesses für die übergreifende Struktur Sadismus, soweitgehend, daß die sadistische Interpretation dieses Stücks Natur, ganz und gar tief organisierende Real-Hermeneutik verbleibend, machtlos wäre, wenn sie sich der Prädisposition dieses ihres Naturmediums umgekehrt auch nicht angliche. Freuds Konzept des "Entgegenkommens der Organe" wäre in diesem Zusammenhang zum Entgegenkommen der Befalls-, Austrags-, Kaschierungsstellen überhaupt - unverzichtbar auch zur Lösung des Problems der Krankheitswahl - zu erweitern. Plausibilitätsgründe dieser weitgehend vermittelnden Position liegen hauptsächlich darin, daß so dem universellen Artefaktcharakter menschlicher Konfigurationen, der Belassung eines eben nicht unendlich disponiblen Substrats (Naturmediums) unbeschadet, Rechnung getragen ist; allein auch diese Alternative läßt psychosomatisches Vorgehen zu. Es ist schließlich nur noch die Frage, wie sich, im gesamten intestinalen Prozeß, der Körpertotalen der Subsistenzsexualität, willkommen, der Sadismus organisierend ausbreitet. Wie geht die Bildung dieses sadistischen Körperparadigmas vor? Die sadistische Symptombildung transfiguriert sich zum intestinalen Gesamtprozeß. Es entsprechen einander: der Inkorporation die Anverwandlung der Elternimago; der intestinalen Assimilation die Auftrennung der Elternimago und die Aneignung des toten Vaters; dem Defäzieren die Diskrimination der Mutter aus der Kraft des abgetrennten und angeeigneten toten Vaters; der Defäkationslust die Vergeltungserektion, das telos Geschlechtsgefühl; der durch Wiederholung des gesamten Vorgangs abgefangenen Intestinaldepression, dem verhinderten Kurzschluß des Gesamtprozesses mit seinem Lustmordresultat, der ebenso aufgehaltene inzestuöse Zusammenbruch: die ausgesetzte, keinen Drittenplatz einräumende Hintergrundidentität von Vaterleiche und mütterlicher Destruktionsform. Das geht erstaunlich auf, und die alte psychoanalytische Zusammenstellung von Analität und Sadismus, die besondere ätiologische Bedeutung des inzestuösen Mißbrauchs der analen Entwicklungsphase für die Ausbildung des Sadismus inklusive, nimmt nicht mehr Wunder; denn alle Sadismuskriterien bilden sich dieser natürlichen Körperdisposition zwanglos ein. Die Übereinkunft geht weiter bis ins Detail. So reflektiert sich beispielsweise die
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Unsichtbarkeit der Vatersubstitution und seines Leichengebrauchs im sadistischen Aktus, dessen scheinbar dualen Verfassung, in der Kryptik, dem black-box-Charakter des intestinalen Vorgangs (im engeren Sinne der Bezeichnung); der entscheidende Mittelteil bleibt verborgen, und nur die beiden Ausgänge liegen offen. Vielleicht auch hat die sadistische Apathie hierin ihr Körperpendant. So kommt die sadistisch definierte Subsistenzsexualität als Matrix des Sadismus, dessen psychogenetische Bildungsstätte, mächtig auf; das Artefakt ihrer Nachtseiten mutet wie die Wirtspflanze des Schmarotzers Genitalität, Generation an.
II. Zweiter Startpunkt: die Todestriebhypothese
Nichts weniger als der Naturbegriff steht im Biologismus der Psychoanalyse auf dem Spiel. Das sagt sich so leicht hin, dieser aber entscheidet über die Erkenntnisvalenzen des Fachs maßgeblich mit, und da die Taten (geschweige denn die großen Taten) der Fachrepräsentanten medizinischer Herkunft in dieser Richtung möglicher Theorie bisher ausgeblieben sind, ist besondere Sorgfalt in der kritischen Sichtung des vorliegenden doktrinalen Bestandes, diesen Naturpol betreffend, geboten.
Nochmals Biologismuskritik. - Biologismus bedeutet nicht schon die biologische Erklärung. Erst wenn diese Erklärungsart psychischer Phänomene sich nicht zwar zur ausschließlichen, so doch Letzterklärung aufwirft, ist Biologismus kritikwürdig der Fall. Wie geht die biologistische Erklärung vonstatten, welches sind ihre Erklärungsgründe, wie sieht die Erklärungsform aus? - Zunächst erfährt das betreffende Phänomen seine spezifische "Inkorporation", wie sie Freud und auch Abraham für den Sadismus vornahmen, vom impliziten Erklärungsmodell darin noch abgesehen. Der führende Aspekt, selten ausgeschöpft, ist dabei der der Leistung, Funktion. Der weitere Schritt besteht in der Einführung des Triebbegriffs. Er markiert die Homogenität der disparaten Körperfunktionen und stellt sie, das ist sein Haupteffekt, unter das
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begegnen fast immer prinzipienlose Serien heterogener Begriffe, deren Bedeutung man zwar ohne Mühe verstehen kann, die aber doch von einer verwirrenden positionalen Fluktuation zeugen. So beispielsweise die folgende Textstelle:
"Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit über jeden Zweifel, aber in der Aufklärung dieses Zusammenhangs ist man über die Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinausgekommen. Nach einigen Autoren ist diese dem Sexualtrieb beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kannibalistischer Gelüste, also eine Mitbeteiligung des Bemächtigungsapparats, welcher der Befriedigung des anderen, ontogenetisch älteren, großen Bedürfnisses dient." 20)
Morphologische (Bemächtigungsapparat), funktionale (Aggression), metaphänomenale Organisationsbegriffe (Sexualtrieb, Libido) sowie solche der subjektiven Repräsentanz (Grausamkeit, kannibalistische Gelüste, Befriedigung des Bedürfnisses) drängen sich häufig in einem Satz zusammen, um einen bestimmten Sachverhalt zu formulieren; und es stünde an, sich auf eine Sicht und eine Sprachform in der Darstellung zu einigen (und nicht nur das: eine exklusiv zu machen, nämlich diejenige, die die "Repräsentanzen" thematisiert, ausgehend vom "cogito", hier speziell vom "corps propre") 21). - Zur Biologismuskritik selbst. Freuds Triebbegriff ist schwerlich schon anstößig, versteht man Trieb als adaptive Reklamation bestimmter als sexuell zusammengefaßter Leistungen. Auch dürfte Freud tautologische Phänomenerklärungen - mittels Duplikation des Phänomens zu dessen eigenen Verursachungsinstanz - vermeiden. Der Rekurs auf Trieb signalisiert eine lebensentscheidende Funktionalität und vindiziert so dem Phänomen eine eigene Art von erotischer Verbindlichkeit, die es sonst nicht sogleich aufwiese. Aber trotz dieser strengen Vindikationsform fehlt oft noch der genaue Nachweis der bestimmten Adaptivität sexueller Leistungszusammenhänge selbst auf der Ebene der (phylogenetischen) Naturvorgaben, der Domäne der Biologie und der biologischen Erklärung. Nun könnte man dem entgegenhalten, daß eine biologische Erklärungsperfektion in der Psychoanalyse nicht erforderlich sei, daß es hier genüge, die allgemeine Erklärungsrichtung zu kennen. Gewiß, Freuds Metapsychologie postuliert ausdrücklich aber die biologische Erklärung eines jeden psychoanalytisch einschlägigen Phänomens, und die Biologie soll dabei nicht zwar die ausschließlichen, so doch dieVerdikt der Adaption. "Trieb" bedeutet psychoanalytisch die adaptive Reklamation homogeneisierter Körperfunktionen, und die erschöpfenden Adaptionsdimensionen bilden die Reproduktion der individuellen Existenz (Subsistenzsexualität) und die Reproduktion der Gattung (Generationssexualität). In diesem Sinne unterscheidet Freud im Zusammenhang der Sadismustheorie auf der Stufe der "Drei Abhandlungen" "Sexualtrieb" und "Bemächtigungstrieb" 18), später "Sexualtrieb" und "Todes-, Destruktionstrieb". Der Libidobegriff schließlich bringt eine weitere Homogeneisierung (adaptive Konzentration) auf, die den Aufwand der betreffenden Leistungen und ihre Lustprämierung kennzeichnet. Den letzten entscheidenden Schritt der biologistischen Erklärung leistet die Historisierung der einschlägigen - präzisierten, auf einen Funktionsnenner gebrachten, adaptiv bestimmten - Körperleistungen: der Erklärungsexkurs auf die Ontogenese. Dann erst ist ein Phänomen wie der Sadismus hinlänglich erklärt, wenn es als disponibles Produkt einer bestimmten ontogenetischen Entwicklungsstufe dargetan werden kann und wenn in dieser Ableitung, dem wiederum phylogenetisch ableitbaren ontogenetischen Plan gemäß, die adaptive Wertigkeit des ontogenetischen Herkunftstopos klarsteht. Die ontogenetische Erklärung vermag auf zwei Entwicklungssphären zurückzugreifen, die beide von der Psychoanalyse als Erklärungsgründe programmatisch genutzt worden sind: auf die intra- und die extrauterine Entwicklung. Abraham spricht im ersten Fall von der "biologischen Ontogenese", im zweiten von der "psychosexuellen Entwicklung" (und nimmt wiederum ein Analogieverhältnis zwischen beiden Evolutionen an). 19) Im Zusammenhang der ontogenetischen Erklärung ist die Annahme des höheren Stabilitätsgrads des zeitlich Früheren von entscheidender Erklärungsrelevanz. Inhaltlich resultiert daraus die Prärogative der Subsistenzsexualität, die entsprechend als inhaltlicher Ableitungsgrund des Sadismus mitfungiert.
Inwiefern ist diese biologistische Begründungsform unhaltbar? Zunächst - im Vorfeld der Widerlegungsmöglichkeiten - imponiert eine durchgehende Sprachinhomogeneität, die zum dauernden Wechsel des Standorts oder der Blickrichtung nötigt, wenn man die empirische Bedeutung der betreffenden Aussagen nachvollziehen will. So
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begegnen fast immer prinzipienlose Serien heterogener Begriffe, deren Bedeutung man zwar ohne Mühe verstehen kann, die aber doch von einer verwirrenden positionalen Fluktuation zeugen. So beispielsweise die folgende Textstelle:
"Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit über jeden Zweifel, aber in der Aufklärung dieses Zusammenhangs ist man über die Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinausgekommen. Nach einigen Autoren ist diese dem Sexualtrieb beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kannibalistischer Gelüste, also eine Mitbeteiligung des Bemächtigungsapparats, welcher der Befriedigung des anderen, ontogenetisch älteren, großen Bedürfnisses dient." 20)
Morphologische (Bemächtigungsapparat), funktionale (Aggression), metaphänomenale Organisationsbegriffe (Sexualtrieb, Libido) sowie solche der subjektiven Repräsentanz (Grausamkeit, kannibalistische Gelüste, Befriedigung des Bedürfnisses) drängen sich häufig in einem Satz zusammen, um einen bestimmten Sachverhalt zu formulieren; und es stünde an, sich auf eine Sicht und eine Sprachform in der Darstellung zu einigen (und nicht nur das: eine exklusiv zu machen, nämlich diejenige, die die "Repräsentanzen" thematisiert, ausgehend vom "cogito", hier speziell vom "corps propre") 21). - Zur Biologismuskritik selbst. Freuds Triebbegriff ist schwerlich schon anstößig, versteht man Trieb als adaptive Reklamation bestimmter als sexuell zusammengefaßter Leistungen. Auch dürfte Freud tautologische Phänomenerklärungen - mittels Duplikation des Phänomens zu dessen eigenen Verursachungsinstanz - vermeiden. Der Rekurs auf Trieb signalisiert eine lebensentscheidende Funktionalität und vindiziert so dem Phänomen eine eigene Art von erotischer Verbindlichkeit, die es sonst nicht sogleich aufwiese. Aber trotz dieser strengen Vindikationsform fehlt oft noch der genaue Nachweis der bestimmten Adaptivität sexueller Leistungszusammenhänge selbst auf der Ebene der (phylogenetischen) Naturvorgaben, der Domäne der Biologie und der biologischen Erklärung. Nun könnte man dem entgegenhalten, daß eine biologische Erklärungsperfektion in der Psychoanalyse nicht erforderlich sei, daß es hier genüge, die allgemeine Erklärungsrichtung zu kennen. Gewiß, Freuds Metapsychologie postuliert ausdrücklich aber die biologische Erklärung eines jeden psychoanalytisch einschlägigen Phänomens, und die Biologie soll dabei nicht zwar die ausschließlichen, so doch diebegegnen fast immer prinzipienlose Serien heterogener Begriffe, deren Bedeutung man zwar ohne Mühe verstehen kann, die aber doch von einer verwirrenden positionalen Fluktuation zeugen. So beispielsweise die folgende Textstelle:
"Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit über jeden Zweifel, aber in der Aufklärung dieses Zusammenhangs ist man über die Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinausgekommen. Nach einigen Autoren ist diese dem Sexualtrieb beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kannibalistischer Gelüste, also eine Mitbeteiligung des Bemächtigungsapparats, welcher der Befriedigung des anderen, ontogenetisch älteren, großen Bedürfnisses dient." 20)
Morphologische (Bemächtigungsapparat), funktionale (Aggression), metaphänomenale Organisationsbegriffe (Sexualtrieb, Libido) sowie solche der subjektiven Repräsentanz (Grausamkeit, kannibalistische Gelüste, Befriedigung des Bedürfnisses) drängen sich häufig in einem Satz zusammen, um einen bestimmten Sachverhalt zu formulieren; und es stünde an, sich auf eine Sicht und eine Sprachform in der Darstellung zu einigen (und nicht nur das: eine exklusiv zu machen, nämlich diejenige, die die "Repräsentanzen" thematisiert, ausgehend vom "cogito", hier speziell vom "corps propre") 21). - Zur Biologismuskritik selbst. Freuds Triebbegriff ist schwerlich schon anstößig, versteht man Trieb als adaptive Reklamation bestimmter als sexuell zusammengefaßter Leistungen. Auch dürfte Freud tautologische Phänomenerklärungen - mittels Duplikation des Phänomens zu dessen eigenen Verursachungsinstanz - vermeiden. Der Rekurs auf Trieb signalisiert eine lebensentscheidende Funktionalität und vindiziert so dem Phänomen eine eigene Art von erotischer Verbindlichkeit, die es sonst nicht sogleich aufwiese. Aber trotz dieser strengen Vindikationsform fehlt oft noch der genaue Nachweis der bestimmten Adaptivität sexueller Leistungszusammenhänge selbst auf der Ebene der (phylogenetischen) Naturvorgaben, der Domäne der Biologie und der biologischen Erklärung. Nun könnte man dem entgegenhalten, daß eine biologische Erklärungsperfektion in der Psychoanalyse nicht erforderlich sei, daß es hier genüge, die allgemeine Erklärungsrichtung zu kennen. Gewiß, Freuds Metapsychologie postuliert ausdrücklich aber die biologische Erklärung eines jeden psychoanalytisch einschlägigen Phänomens, und die Biologie soll dabei nicht zwar die ausschließlichen, so doch die
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letzten Ableitungsgründe hergeben: dieser Biologismus gilt im Freudschen Verständnis der Psychoanalyse als Inbegriff von Wissenschaft (Metapsychologie). Damit aber mutet Freud der biologischen Erklärung, die in der Metapsychologie ihren uneingeschränkten Platz behalten soll, zuviel zu: die (phylogenetische) Naturmitgift soll unüberholbar begründen, dessen unabdingbares natürliches Medium sie bloß ist. Mit einer solchen Kritik wird nun aber keiner höheren Wirklichkeit das Wort geredet, vermieden ist so nur die biologistische Inflation der biologischen Kompetenz, die die hegemoniale Biologie - wohl selbst schon zu Freuds Zeiten in der Form eines reduzierten Biologiebegriffs? - in die schwächste Position hineinmanövriert. Diese Kritik gilt für das biologistische Erklärungsparadigma, die ontogenetische Erklärung, mit. Auch hier fallen die Ableitungen nicht nur recht pauschal aus, oft sind es Pseudoableitungen. Das bloße Nennen der Entwicklungsstufe, auf dem das betreffende Phänomen seine erste Ausbildung erfahren hat, macht noch keine ontogenetische Erklärung; erst die genaue Bestimmung der - selbst wiederum phylogenetisch gewordenen - Adaptionsvalenz der betreffenden Entwicklungsprodukte bildet die ontogenetisch adäquate Erklärungsform. Der Triebbegriff und die Triebhistorisierung - etwa die Rede vom "Bemächtigungstrieb" und der "sadistisch-analen Entwicklungsstufe" - sind nicht mehr als Aufforderungen, die ontogenetische Erklärung zu vollbringen, nicht aber schon diese selber. Aber selbst wenn hier angemessen ontogenetisch erklärt würde (und erklärt werden könnte), verbliebe immer noch das entscheidende biologistische quid pro quo von unabdingbarem Naturmedium und unüberbietbarem natürlichen Letztgrund, und so bleibt das Phänomen unerklärt und die Erklärungsgründe werden konfundiert. Der Sadismus besteht eben nicht im Fortbestand des "natürlichen" Hauptprodukts der anal-sadistischen Entwicklungsstufe; das Kind auf dieser Stufe ist auch nicht sadistisch, und selbst wenn es zu dieser Zeit dies sein könnte, so wäre auch dieser Sadismus nicht einfach aus dem ontogenetischen Stadium, in dem es sich befindet, ableitbar. - Diese entscheidende, immer erneut verwirrende Verwechslung wird nun nicht etwa aufgehoben, sondern voll bestätigt, ja gesteigert, wenn die ontogenetische Erklärung erwartungsgemäß auf das ontogenetisch Frühere als das Beständigere,
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Mächtigere abhebt, um der biologischen Erklärung Nachdruck und höhere Verbindlichkeit zu verleihen. K. Abraham, der die betreffenden Erklärungsgründe dezidiert bis in die Embryologie hinein verlegt, scheint nun zugleich die naheliegende biologistische Inflation zu verhindern, indem er eine Korrelatstufung annimmt: nicht ist die psychogenetische Entwicklung auf die biologische Ontogenese (Embryonalentwicklung) und die Symptombildung (hier Zwang und Melancholie) wiederum auf die psychosexuelle Entwicklung biologistisch zurückzuführen, das jeweils Frühere bildet zum jeweils Späteren eine Verhältnisart, die deskriptiv als Analogie imponiert. Bei Freud hingegen nimmt die metapsychologisch-biologistische Denkverwilderung eher zu.
Was aber genau soll aus dieser biologistischen Verschalung herausgebrochen und bewahrt werden? Allgemein: die Perspektive der phylogenetischen, sich ontogenetisch entfaltenden Naturmitgift als der notwendigen, mit Eigenqualitäten ausgestatteten Medialität der für die Psychoanalyse einschlägigen Phänomene. Im einzelnen: die "Inkorporation" dieser Erscheinungen, auf den "corps propre" bezogen, als Freisetzung ihres sexuellen Gehalts. Dessen adaptive Vindikation (sexuelle Verbindlichmachung) und dessen gattungsgeschichtliche Historisierung, in der der Mensch Anschluß gewinnt an die Passionsgeschichte des terrestrischen Lebens, dessen Teil er ist. - Was aber brachte dies mit Freuds wissenschaftlicher Leistung so inkompatible metapsychologische Unding hervor? Der Biologismus als Tribut an die Götter? Die biologisch-wissenschaftliche Historisierung des Ursprungsproblems über die Gattungsgrenzen der Menschheit hinaus muß sich wohl als Hypertrophie einer materialistischen Aufklärungsform reflektiert haben, deren Anmaßung Sühneopfer heischt; vielleicht doppelt adressierte: für den Pakt mit der Mutter gegen den Vater und zugleich für den Zugriff auf die Mutter mit väterlicher Hilfe quasi? Wie soll dann die Rationalitätsform der Metapsychologie nicht korrumpieren? (Sadistisch jedenfalls fällt sie so nicht aus.)
Der Todestrieb. - Zurück zur Theorie des Sadismus! In den großen metapsychologischen Schriften kommt Freud - nicht zuletzt unter
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verschärftem Erklärungsdruck, die adaptive Bedeutung derjenigen Phänomene betreffend, die nicht mehr eindeutig oder überhaupt nicht als erotische qualifiziert werden können - abermals auf den Sadismus zu sprechen. Nachdem er - so in "Jenseits des Lustprinzips" - den doktrinalen Stand seiner Sadismusauffassung rekapituliert hat: Anerkennung einer sadistischen Komponente des Sexualtriebs, dominierender Partialtrieb innerhalb der prägenitalen Organisation, Sadismus als Perversion, der das gesamte Sexualstreben der Person beherrscht 22), problematisiert er die Möglichkeit, den Sadismus, der auf die Schädigung des Objekts zielt, aus dem Eros ableiten zu können, und schlägt die jetzt entscheidende alternative Ableitung aus dem Todestrieb vor. Der Todestrieb, auch Ursadismus genannt, der mit dem primären Masochismus zusammenfällt 23), bedeutet die Tendenz der Organismen, sich in den anorganischen Zustand rückzuverwandeln. Eros, die Libido, wirken dieser Tendenz, die Lebendigkeit des Organismus erhaltend, entgegen. Eine Methode nun des Eros, dem Todestrieb entgegenzuhandeln, besteht paradoxerweise in der Fundierung des Sadismus. Eros drängt nämlich einen Teil der Todestriebpotentiale vom eigenen Ich ab und kehrt sie nach außen, wo sie am Objekt als Aggression - als ursprünglicher Sadismus - imponieren.
"Liegt dann nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt?" 24)
Die Libido "hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb (sc. den Todes- oder Destruktionstrieb) unschädlich zu machen und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der Außenwelt richtet". 25)
Ein bestimmter Teil des so nach außen gekehrten Destruktionspotentials tritt wiederum in den Dienst des Eros, der Sexualfunktion: das ist dann der Sadismus im engeren Sinn des Wortes, der "eigentliche Sadismus", der auf allen Stufen der Sexualitätsentwicklung unabkömmlich mitspielt. Freud schätzt diese subsidiäre Rolle des Sadismus recht hoch ein.
"Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum Objekt nach." 26)
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Dies gilt insbesondere für die volle Ausbildung der oralen und analen Subsistenzsexualitätsformen. Der Sadismus als Perversion besteht nun in einem Übermaß an freibleibendem, mit erotischen Komponenten nicht mehr vermischten ursprünglichen Sadismus: in einer "allerdings nicht bis zum Äußersten getriebenen Entmischung" 27). Um diese Verhältnisse zu Ende zu führen: der Teil des nicht als ursprünglicher Sadismus nach außen abgeleiteten, als eigentlicher Sadismus in den Dienst der Sexualität tretenden und womöglich sich als Perversion wieder von der Sexualität trennenden ursadistischen Todestriebpotentials verbleibt im Ich und setzt dort sein tödliches Werk fort. Dort aber kann er erneut libidinös gebunden werden und imponiert dann als erogener Masochismus. 28) Schließlich sind diese Abtrennungs-, Ableitungs-, Dienstbarkeits-, Entmischungsverhältnisse als desultorisch vorzustellen: so kann beispielsweise der "projizierte" Sadismus wiederum "introjiziert" werden und sich dem Masochismus zugesellen. - Eingeschränkt auf die Formen des Sadismus - Ursadismus, ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus, Sadismus als Perversion - bildet Freud also diesen Ableitungszusammenhang: teilweise wird der Ursadismus (Todestrieb, primärer Masochismus) durch Eros als ursprünglicher Sadismus nach außen abgeleitet. Teilweise, wenn nicht vollständig, tritt er als eigentlicher Sadismus sodann in den Dienst von Eros, verdingt sich den Sexualtrieben als dessen subsidiärer Evolutionswegweiser. Und im Perversionsfall kündigt er als eigentlicher Sadismus den erotischen Dienst auf und regrediert entmischt zum ursprünglichen Sadismus, ohne Gewähr, nicht wieder zum Ursadismus zurückzukehren und sich dort mit Eros zum erogenen Masochismus, den Tod, wenn nicht aufhaltend, so doch seine Schrecken mildernd, vielleicht zusammenzutun.
Den "geradezu mythischen" 29) Charakter dieser späten Sadismustheorie konzediert, treibt Freud die biologistische Erklärungsform abenteuerlich auf die Spitze. Das Naturmedium des Sadismus wird vollends so zum letzten, wenn nicht ausschließlichen Erklärungsgrund, und das gesteigerte Ausmaß des biologistischen quid pro quo verflüchtigt das zum Fundament gemachte Medium zu einem wuchernden Spekulationszusammenhang korrumpierender Rationalität. Die
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Metapsychologie ist hier wahrlich zur "Hexe" geworden. Entsprechend sind die "Inkorporation", die adaptive Vindikation, die Historisierung schwerlich noch durchführbar, respektive erst wieder vom "eigentlichen Sadismus" an weiter - dann aber kommt nichts Neues zu den biologischen Erklärungsmaßnahmen, die in den "Drei Abhandlungen", ebenso biologistisch verstellt, schon angeregt wurden, hinzu. Doch hält Freud das Programm der adaptiven Reklamation auch in diesem spekulativen Rätselfeld im einzelnen jedenfalls aufrecht. Schon die Exterriorisierung des Ursadismus zum ursprünglichen Sadismus hin ist als fundamentale Umwandlung von Passivität in Aktivität ein grundlegender erotischer Akt der Selbsterhaltung, und die erotische Dienstbarkeit dieses ursprünglichen Sadismus in der Gestalt des eigentlichen Sadismus innerhalb der sexuellen Entwicklung nicht minder. Nur der Sadismus als Perversion trennt sich von Eros, der, in seinen Gesellungsformen mit dem Tode, freilich selbst ins Zwielicht geraten muß. Warum aber trennt sich der Sadismus als Perversion von Eros im Sinne der Triebentmischung? Eine Antwort darauf wird man hier vergeblich suchen. Je ultimativer sich solche Erklärungen gerieren, umso weniger halten sie als die gemeinten Erklärungen stand: als biologische.
Ontologie. - Mit der Kritik des Biologismus - hier wohl in seiner unüberbietbaren kruden Form, die selbst seine kriterialen Erklärungsprinzipien außer Kraft setzt - ist indessen nicht schon das letzte Wort über Freuds späte Sadismustheorie gesprochen. Sie verhält zur Konservierung ihrer fortgeschrittenen theoretischen Motive, die vielleicht bezeichnenderweise - ihrer biologistischen Fesselung wegen - keine rechte Tradition fanden. Ebenso "mythisch" gesprochen, bleibt das Problem der irrevokablen Grenzen des zwielichtigen Eros, der im Leben mit dem Tode unablässig paktiert, der Selbsterhaltung als Außenzerstörung letztlich erfolglos betreibt, durch die späten Freudschen amateurbiologischen und -philosophischen Spekulationen weiterhin gestellt: entbiologisiert als das historisch-gesellschaftliche Problem menschlicher Destruktivität und deren Tradierungsbedingungen, und dies zu exponieren wäre herzlich trivial, wenn es tatsächlich eine Destruktionstheorie gäbe, die auch nur in ihren Grundzügen dem psychoanalytisch
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Wißbaren diesbetreffend Genüge täte. Weiter aber: de facto geraten die Kosten der unkorrigierten Todestrieblehre zu hoch, doch an der totalisierenden Intention des älteren Freud achtlos vorüberzugehen, verkürzte schon im vorhinein die Potentialitäten der zu schreibenden neuen psychoanalytischen Metapsychologie. Nicht mehr im Freudschen Verstande formuliert, schreitet in dessen späterem œuvre der partielle Charakter der geltend gemachten Naturmedien (wie des Verdauungsprozesses) zur naturmedialen Totalität fort, in der dann alle medialen Teile in ihrer gewordenen adaptiven Funktionsbestimmtheit ihre Begründung erführen. So gewiß, philosophisch ausgedrückt, der "ontologische" versus "ontische" Anspruch, der nicht nur nicht eingelöst erscheint (und mit den Freudschen Denkmitteln auch nicht eingelöst werden kann), der auch im biologistischen Bann derart befangen bleibt, daß diesmal die naturmediale rahmenmäßige Totale eben wiederum nicht als - zugestanden allumfassendes - Medium, vielmehr als Ursprungsort der psychischen Phänomene insgesamt in Kraft treten soll: ein vermeintlicher Ursprung und dazu noch leer. Die Gehaltsrettung der entbiologisierten späten Trieblehre sieht sich mehreren effektiven Möglichkeiten verpflichtet. Daß die totalisierende Intention auch den Motor des biologisch-wissenschaftlichen Fortschritts ausmacht, versteht sich. Doch wo ist dieser Progreß in die psychoanalytische Theorie eingebracht? (Man kann das Kind Biologie auch mit dem Bade Biologismus ausschütten.) Auf der Ebene der Psychoanalyse selber liegt es indessen nahe, den gesamten Ableitungszusammenhang der einzelnen Sadismusarten aus dem "Ursadismus" (ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus, Sadismus als Perversion) als Pseudonym der zu Recht totalisierten Symbolisierungs- und insbesondere Symptombildungsprozesse zu entziffern. Deckt sich - ohne dies hier ausführen zu wollen - der Ausbruch aus dem "Ursadismus" ("primärer Masochismus") nicht mit der inneren Umdrehung der fundierenden Inzestfigur unseres Verständnisses; der sich zum "eigentlichen Sadismus" verdingende "ursprüngliche" nicht mit dem Hervorgang der entsprechenden Individuationsfigur, die je nach der Gewalt des inzestuösen initiums einbruchgefährdet dialektisch hypertrophiert, also zum "Sadismus als Perversion" revokativ triebentmischt verkommt? Die späte Triebtheorie bietet ferner auf der Linie ihrer
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Gehaltsrettung die Chance einer sadistischen Lesart des Todes als der ontologischen Erweiterung des ontischen intestinalen Gesamtprozesses; einer Lesart freilich, die keine Erfindung dieser Studie, die vielmehr Grundkriterium des christlich vermittelten Realitätsverständnis ist und in deren Kontext es der erneuten Diskussion der Alternative Naturkopie versus Realhermeneutik wohl nicht mehr bedarf; diese ist ja von uns bereits entschieden worden, und auch der Tod, derart mit dem Sadismus zusammengestellt, gilt uns also nicht als totales Urbild, vielmehr als totalisiertes Realinterpretations-Produkt der umfassenderen Sadismusstruktur, freilich wiederum mit seltenem inneren Entgegenkommen für diese seine Vindikation natürlich begabt. Wie geht die sadistische Todesinterpretation vonstatten? Diesmal unbeschränkt, transfiguriert sich die sadistische Symptombildung zum Gesamtentwurf des menschlichen Lebensprozesses. Dieser überhaupt bedeutet - immer nach der Maßgabe der Struktur Sadismus - die Assimilation der Elternimago, deren Auftrennung und der alleinige innerlich symbiotische Mittelgebrauch des toten Vaters zu dem Zweck, die Mutter zu distanzieren und zu bemächtigen. Den Höhepunkt des letzteren aber bildet der Tod: die endgültige Diskrimination der Mutter als die spirituelle Wiedergeburt exklusiv im medialen Vater, die Pneumatik der Himmelfahrtserektion, endlich totale Virilität, unsterbliche Seele, die ihre sterbliche Körperhülle hinter sich gelassen hat, so wie der Defäkationslustmörder die faeces. Dialektisch gedeiht dann in diesem grenzenlos ausgeweiteten Kontext der Tod allererst zu dem, als was er allenthalben zu imponieren scheint: zur Signatur des einsamen Rücksturzes an die maternale Destruktion bar der Hilfe des toten Vaters, als die heilige Inzestfiguration also des Anfangs des Ganzen - und des Endes. So gelesen hat der ältere Freud, wie vielfältig verstellt auch immer, die Ursprungssphäre der Ontologie gestreift; der Ontologie allerdings nicht als der höheren immerwährenden Wahrheit des Seins, vielmehr des durch und durch geschichtlich-artifiziellen (gewordenen und sich auf identisch bleibenden Prämissen steigernden) Inbegriffs menschlicher Adaption als inzestuös-individuationsverfallene Gewalt der Verfügung sich darin schickender, passender Natur. Die magische Verwaltung dieser verbindlichen Ontologie, in seltener Stringenz in der
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christlichen Grundmythe inszeniert, gelang dem Christentum aber in keiner Weise. Die ontologische Entmischung von Leben und Tod zugunsten eines höheren Lebens als gesteigerter Tödlichkeit stürzt allenthalben als magisches Bild in sich zusammen und wird zur tätlichen Todesengelsubstanz der Geschichte.
Politisch-ökonomische Bedingungsanalyse. - Wie im Zusammenhang von Überlegungen zu Auswegen aus dem psychoanalytischen Psychologismus, "der die Bildungsetappen der subjektiven Struktur als Ursachenkomplex verkennt oder doch den wirklich objektiven Bedingungszusammenhang verleugnet", der familialistisch "eine geschichtliche Organisationsform als konstant verallgemeinert oder doch den sozialen Bezugsrahmen gesellschaftlich auf diese Einheit einschränkt" 30), der die "politisch-ökonomische Bedingungsanalyse" durch die "psychoanalytische Strukturanalyse" substituiert, bereits angedeutet, können wir keinerlei Homogeneitätsbruch in der Beziehung subjektiv-familialer zu objektiv-politischen Strukturen entdecken, umgekehrt immer nur die Offenkundigkeit spezifisch zusammenhängender Spezialisierungen der "ontologischen" Identität, die im Ontologiebegriff eben skizziert worden ist. Aus dieser Sicht beziehen wir die - freilich noch unbelegte - Sicherheit, Lorenzers Dilationsgebaren an diesem Punkt nicht unbedingt teilen zu müssen, das da besagt:
"Erst wenn die kategoriale Klärung der Konstitutionsprozesse (sc. der subjektiven Strukturen) durchgeführt ist, kann zum Geschäft einer materialen Analyse übergegangen werden, um das Deformationsprofil der individuellen Strukturen unter gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnissen wissenschaftlich zu präzisieren..." 31),
und das sich wahrscheinlich dem Umstand verdankt, daß sich der Autor derart tief auf den psychologistischen Schein eingelassen hat, daß ihm dessen Jenseits fast wie ein nicht nur zum Scheine Heterogenes vorkommen mußte, ein Heterogenes, das sodann, obgleich nichts als immernahe, dem psychoanalytischen Ausgangspunkt allererst in der mühseligsten und methodologisch fast schon erstarrten Vermittlungsarbeit nahegebracht wird. In nur scheinbar fahrlässiger Direktheit machen wir dagegen programmatisch als Essenz der politisch-ökonomischen Bedingungsanalyse nichts anderes geltend als die Lesbarkeit eines jeglichen, aller Institution, zumal der
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Ökonomie, als Tributleistungen, wie immer auch partialisiert und immanent hierarchisiert, an die allgemeine Substanz der ontologischen Anpassungsform, und meinen so auch die allenthalben psychologistisch und noch schlimmer kasernierten revolutionären Potenzen der Psychoanalyse zeitgemäß tradieren zu können. 32)
Einem solchen Verständnis nach muß der Dissidenzfall - und das Individualsymptom Sadismus ist ein solcher - ins Zentrum des Ableitungsinteresses rücken. Dieser Dissidenzfall scheint zwar in Lorenzers topos des "Deformationsprofils der individuellen Strukturen" vorgesehen, doch müßte er zur vollen Wahrung seines Sinns von den ubiquitären Deformationsfolgen der allgemeinen Adaptionsform (des durch diese definierten Gewaltverhältnisses) als chancenlos verstrickter Oppositionsversuch eben dagegen mit einschneidenden adaptiven Deterritorialisierungskonsequenzen abgesetzt werden. Geschieht das nicht, so erscheint die Adaptionsform derart integral vorgestellt, daß sie sich selbst wohl gefährdete. Die Ableitung der Psychopathologie aus den "Produktionsverhältnissen" sähe sich dieser Differenz gemäß demnach genötigt, den "unmöglichen Oppositionsfall Krankheit" nicht zwar als Homogeneitätseinbuße der gesellschaftlichen Anpassungssubstanz, so doch als relativen Bruch in der fälligen Ableitungskausalität - Minimalismus erotischer Restposten! - einzuräumen.
Die revolutionäre Hoffnung, die sich intellektuell des öfteren just an den Dissidenzfall, adaptiv ausgenommen als Oppositionspotential, knüpft, imponiert. Folgerichtig - wir haben ausgeführt warum - erscheinen die Perversionen und innerhalb derer der Sadismus für diese Vindikation - als Empirie eines Rückhalts gegen den Kulturbetrug - privilegiert. In der "Kritischen Theorie" besonders Adornos geht die Faszination des langen anarchischen Schattens der bourgeoisen Zwangsmoral oft gar so weit, daß man etwas dafür bangen muß, ob sich die Perversionen schließlich nicht doch als natürliche Transzendenz empfehlen könnten, als sei ihr Platonismus das Präludium der ewigen Seligkeit tatsächlich. Verschlägt die Diagnose der Autonomie des bürgerlichen Subjekts, der Rationalität, des Hauptresultats des Ichbefalls durch die Sadismusstruktur, auch
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voll; mag es noch angehen, die Nacktheit des sadistischen Aktes, dessen Kongruenz von Inhalt und Form über die klassische Kunstform hinaus als utopisches Bild einer Menschheit zu lesen, "die, selbst nicht mehr entstellt, der Entstellung nicht länger bedarf" 33), freilich im Sinne der Unentstelltheit nicht des Todestriebes, sondern von Eros, so wirkt die notorische Wiedergutmachungssympathie des Intellektuellen mit den Opfern von Gesellschaft, bezeichnenderweise über den Superaufklärer de Sade literarisch vermittelt, aus sicherer Distanz Ambivalenzen vermeidend und idealisierend, doch leicht dubios. Dem könnte wohl nur so begegnet werden, keine schnurgeraden Oppositionsteleologien großen Stils im faktischen Sadismus als Individualsymptom zu suggerieren; das unvermeidliche Riesenstück an Disparatheit zwischen dem Scheuklappen-Selbstverständnis des sadistischen Akteurs und dem auf das Ganze des gesellschaftlichen Anpassungszusammenhangs bezogenen Sinns seiner Aktionen nicht wegzuteleologisieren; historische Erfahrungen über die Sanktionsfolgen der kurzschlüssig revolutionären Zweckimputation mit Individualsymptomen nicht in den Wind zu schlagen; und überhaupt eben in der Perversionskulmination Sadismus die inhaltlich überschußlose visköse Verstrickung darein, dem der Angriff, teleologisch im Großen gedacht und nicht mehr in familiale Projektionsabkömmlinge hinein deplaziert, nicht zuletzt auch gilt, bei vollstem Bewußtsein zu halten; denn sonst wird auch die schätzenswerteste Solidarität mit den besonderen Opfern der gesellschaftlichen Adaptionssubstanz, den krassesten Durchschlagsstellen ihres wahrhaft mythischen Vorbehaltcharakters, der auch im fortgeschrittensten Kapitalismus ungebrochenen Klassenherrschaft, wohlfeil. Nun liegen aber andererseits solche Zweckrelationen umfassenderer Art und über die Köpfe der Subjekte hinweg nur für den naivsten Empirismus selbst schon offen auf der Straße. Auch können sie schwerlich nur eine intellektuelle Erfindung sein, wenn man nur genau genug auf die mächtige sanktionsbegabte Gegenseite blickt, die von sich her solch großes Zweckansinnen nachgerade aufdrängt, ohne das ihr Bestrafungskurzschluß unverständlich bliebe. Also gelten die Gesetzeshypothese und die Prognosendeduktion: je umfassender die Anpassungsfigur und je offener ihr Verrat, umso verruchter die verratende Perversion. Der Sadismus als Perversion
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beinhaltet den gesellschaftlichen Adaptionsgehalt in seiner höchsten Steigerung (Rationalität) und entblößt ihn rückhaltlos. Also ist der Sadismus die strafwürdigste Perversion. Paradoxerweise also scheint die revolutionäre Zweckvindikation des Sadismus seiner Sanktionslogik im Gegenlager listig abgelauscht, und erst auf diesem Umweg gewinnt die Rache des Opfers die gesellschaftliche Dimension ihrer ultimativen Begründung dazu. Das Fazit: der Perversionsgipfel des Sadismus in seiner tätigen Klassizität des höchsten Geheimnisverrats wird so zum Grenzwert des gesellschaftlichen Opferzusammenhangs: ein Doppellimes der Schließung und Öffnung rein immanent in einem, und nichts mehr.
III. Ein Blick auf den Marquis
Das aktuelle Interesse an de Sade als literarischem Autor verdankt sich wohl dem Umstand mit, daß die auf die Spitze getriebene Anpassungsform Rationalität schon von sich her Geheimnisverrat zu begehen anfängt, indem sie ihre essentielle Destruktivität nicht mehr verheimlichen kann. Es liegt dann nahe, aus weiterem Verständnis- und vor allem Schutzbedürfnis Kunstdokumente aufzusuchen, die das ungeheure Gewaltsubstrat der allherrschenden Adaptionsform eh schon bloßlegten, so wie besonders früh (an der Schwelle der Machtergreifung des Bürgertums) und beispielhaft exponiert eben de Sade, dem jüngst oder jünger sowohl die "Kritische Theorie" als auch der französische Strukturalismus auffällig huldigen. In Anbetracht der Verruchtheitsmystik um den scheinbar so geheimnisvollen Marquis de Sade und auch deren sich aufdrängende Halbkultursublimation, sich mit inhaltsfetischistischer Banausie an den perversen Inhalten seines œuvre schadlos zu halten, was außerdem auch die übliche Art der psychoanalytischen Kunstinterpretation nicht verhinderte, hält die Wahl eines angemessenen Blickwinkels schwer und müßte sich der besonderen Strenge einer Quertendenz zum ausgebildeten Rezeptionsklischee befleißigen. Wenn wir recht sehen, wäre ein solcher Blickwinkel der des Kunstcharakters, nicht aber in technisch-formalistischer Verkürzung, vielmehr auf einen umfassenden
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Kunstbegriff abzweckend, der - um es sogleich einschlägig zu sagen - eine Art von Symbolisierungsleistung beinhaltet, die wesensmäßig mit der Bannung der inzestuös-individuativen Gewalt des Ursprungs befaßt ist. Der Kunst bestimmende Bannensmodus wird dabei eo ipso der Grundstruktur aller Symbolisierung verpflichtet sein: sich selbst zum Vater werden, um die Mutter zu bemächtigen, und diese unvermeidliche Produktionsstruktur notwendig auch als allgemeinen Kunstgehalt reflektieren, sich jedoch kunstspezifisch sich von den Symbolisierungsspezies sowohl der Symptombildung wie auch der wissenschaftlich-technischen Rationalität einschneidend dadurch unterscheiden, daß der symptomatische Befall des Selbst und, darüber vermittelt, dispositionell der der Außenwelt zugunsten einer - freilich wiederum aus spezifischen Befallsstellen des Selbst hervorgehenden - Gegenstandsschaffung, die den magischen Plan tragen soll, ausbleibt. Dann ist es die Frage, ob das opus de Sades diese Kunstkriterien der formalen wie zugleich inhaltlichen Beschwörung der "Gewalt des Ursprungs" - Herbeizitieren, Erscheinenlassen, Abwenden - erfüllt. - Nun, wenn nicht vieles täuscht, erfüllt das Werk de Sades diese Kriterien nicht. In allen erdenklichen Dimensionen scheint die Kunstmagie zu kollabieren; das kunstzerstörende Phänomen nicht mehr aufhebbarer Gehaltsvirulenz stellt sich ein: der Kunstgehalt (die Gewalt des Ursprungs) springt aus dem Kunstwerk vielfach heraus, treibt außerhalb sein destruktives Unwesen und hinterläßt ein Unkunstgebilde, ein der Moral und dem Recht anheimgegebenes Aktionsprogramm, eine Doktrin. Des einzelnen als Befallsstelle erscheint de Sade selber: der kunstgemäß projizierte Gehalt wird reintrojiziert und haftet der empirischen Person als sanktionswürdiger Makel an, wenngleich de Sades sadistische Aktionsepisoden,verglichen mit dem Sadismuskompendium seines Werks und erst recht den realen Greueln der menschlichen Geschichte selber, sich als recht bescheiden ausnehmen. Befallen aber - ohne Chance, die in die Knochen gefahrene Destruktion quasi kathartisch an das Werk wieder zurückzugeben und dort wie in einem gläsernen Gefängnis in aller Sichtbarkeit einzusperren - sahen sich die offiziellen Rezipienten, die wirksam darauf aus waren, die Autorschaft der literaturvermittelten freien Wanderung dieses Destruktionsgehalts zu unterbinden. Diesen
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Kunstkollapsformen nach muß de Sade anmuten wie jemand, der als mächtiger Magier anlockt, jedoch das nur zum Schein gebannte Übel in die Schar der Angelockten hineinfahren läßt, ja nicht verhindern kann, daß ihm paradoxerweise dasselbe wie diesen widerfährt: um die Befreiung vom Übel betrogen zu sein und sich mit diesem umso quälender herumschlagen zu müssen. Werkimmanent kommt es so zur Penetranz der Überthematisierung des Gehalts, zu dessen werkinterner Fetischisierung, und de Sade wird zum Schriftsteller, der sich für die Inhalte seiner Werke perverserweise zu verantworten hat. Also kann von wirklicher Kunst nicht die Rede sein; das ästhetische Urteil ist gefällt, und es hat sich unter diesem Blickwinkel mit dem Marquis? - Nein, wir schlagen eine Lesart vor - freilich wiederum eine solche der höheren Teleologie -, die den Kollaps des Kunstcharakters als eine bedeutende Form kunstimmanenter Kunstkritik präjudiziert. Derart aus der großen Not eine ebenso große Tugend zu machen, kommt uns fürs erste im Umstand legitimiert vor, daß das Nichtkunstverdikt über de Sade nicht ein für allemal feststeht. Sicher auch historisch-kontingent, vermag es, wenn man die neuerliche auf den Kunstcharakter gehende de Sade-Rezeption berücksichtigt, korrigiert zu werden. Diese Korrekturmöglichkeit aber indiziert eine - wie auch immer geschichtlich zustandegekommene - Kapazitätserweiterung von Kunst, die vermögend wurde, sich Kritik, ja Dispensformen von ehedem zu assimilieren. Allein, selbst diese Konjekturen eingeräumt, behält de Sades verfrühte Pionierleistung einer radikalen Kunstkritik selbst dann noch ihr Recht, wenn sie nicht mehr, wie beschrieben, aus der Kunst herausfallen muß. Denn: hat Kunst - derart magisch avancierter? - die Katastrophen der Geschichte des Bürgertums zu verhindern gewußt? Nein. Also bleibt de Sade im Recht; er demonstriert - paradigmatisch und vor der Zeit zugleich - die ganze Unmöglichkeit von Kunst - potenziert unmöglich, abgekapselt indifferent nämlich, auch dann, wenn sie dies Verdikt wieder in sich aufzufangen versteht - nach der bourgeoisen Maßgabe ihres eigenen Versprechens, der Gewalt des Ursprungs - magisch und gar in der größten Kunst hypermagisch im Sinne eines Magiesuspenses (wie beispielsweise Beethoven) - nichts als mächtig zu sein. Kunst, auf dem Prüfstand, ohne Ausflüchte in offener Magie wahrhaft die Kulmination der
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Gewaltsubstanz der gesellschaftlichen Adaptionsform, der bürgerlichen Rationalität, integral zu beschwören, bricht in sich zusammen und setzt in finsterem Wissen, daß dies eh geschieht, deren Gehalt, flottierend, unbeschworen, viskös-fetischistisch frei.
De Sade liefert mit dem Hohn des selbst schon gehetzten Opfers die Kunst (das hors d'œuvre) dem eigenen extremisierten Gehalt aus, der sie bestraft, vernichtet, aufzehrt. Das heißt nichts anderes, als daß de Sades literarische Produktionen als Kunsttransfiguration der Sadismusstruktur und deren Zusammenbruchs, im Fazit am ehesten wohl als Fluktuieren zwischen deren transfiguriertem Aufbau und Abbau, adäquat gelesen werden können. Die Kunstmagie besteht abermals im Gebrauch des "toten" Vaters zur notwendig destruktiv-gehaltsidentischen Mutterbeschwörung, der Bannung der freigesetzten maternalen Destruktion. Diese Kunstmagie aber kann trotz ihrer ungeheuerlichen Anstrengung nicht reüssieren: ihr Gegenstand, die maternale Zerstörung, reißt sich von ihr los, schwärmt - das Rasen der Mänaden, der tiefste Atheismus - persekutorisch frei umher, betreibt die Infektion aller Welt, des ohnmächtigen Magiers inklusive, und zitiert so das stärkere Vaterleichentransfigurat, die besonders infektionsgefährdete Polizei, Moral und Recht, die den Magier, der mit dem Feuer spielte, mitsamt seiner Magie und deren Objekt kraft der höheren stärkeren magischen Vollmacht, kurzerhand einsperrt. Der Stümper-Magier legt sich in der gestuften Serie seines Doppelhohns selbst die Ketten an. Der schwer errungene Triumph der Kunstmagie der Mutterbeschwörung mittels des toten Vaters spielt in das triumphale Gegenteil der Mutterfesselung aus diesen Banden, der Raserei der "toten" Mutter hinüber, um sich der nächsthöheren Ebene der moralgenerierenden Vaterleichentransfigurate, die Macht der Zerstörung steigernd, zu wiederholen. Der Sohn aber, eben dazwischen eingekeilt in die Elternimago, muß die Stricke seiner Fesselung - das vermag er nicht mehr alleine - fortschreitend verdicken und fester, einschnürender knüpfen - bis zur Selbstvernichtung. Und im Ausdruck der Leiche, wie vorher permanent der faeces, kulminiert in aller Heiligkeit peremptorisch ineinsgebildet der einschlägige Doppelhohn, der im Ausdruck von Leiden und dann in Nichts erlischt. 34) Um auf den Ausgangspunkt - Kunstcharakter, Kunstkritik - zurückzukommen:
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in diesem wahrhaftigen Paradigma der den wirklichen Verhältnissen adäquaten, den Geschlechtsgrund dessen stellenden Totalisierung menschlicher Destruktivität, einschließlich der gleichermaßen destruktiven Magie ihrer Auffangsformen, der ganzen Dialektik dessen, wird der magische Anspruch von Kunst, konsequent an die Stelle geführt, wo er sich letztlich bewähren müßte, und eben in der einschränkungslosen Ausschöpfung seiner Möglichkeiten, lächerlich. De Sade nimmt diese große Kunstambition nur beim Wort.
Dies alles wäre am Werk und nicht nur am Werk de Sades selber zu zeigen; und den Anfang der Darlegung dessen könnte das sadistische Totalisierungsrepertoire, das dialektische, machen. Psychoanalytisch spezialisiert und an der formkongruenten sadistischen Gehaltsausbreitung abgelesen, gilt das de Sadesche Verdikt, unter keinen Umständen ein der Destruktivität Heterogenes zu dulden; nicht eher zu ruhen, bis sich der Schein dessen - maßlos projektiv-identifikatorisch - in der Homogeneität des Einen Todestriebes, Abbitte leistend für die Prätention seiner Transzendenzbehauptung, restlos auflöst. So kontaminiert de Sade - und das sollte von der Deklaration einer triebunabhängigen Autonomie des Ichs kurieren helfen - die Abwehr mit dem Abgewehrten, und mehr noch: macht jene diesem, das Destruktionsmaß steigernd und perfektionierend, untertan. In der streng rituellen Reminiszenz der Vorzeit hinter verschlossenen Türen schicken sich in gänzlich sinnloser Wiedergutmachung Überich und Es, Zwangsneurose und Perversion, Vernunft und Chaos, Kultur und Barbarei, Leben und Tod in jener aufgezehrten Botmäßigkeit rein für diese zur unverbrüchlichen Identität der einen Destruktion. Sadismustheoretisch stellt sich diese Identität unter der exklusiven Herrschaft der einen, freilich nur zum Schein alleine destruktiven Seite als Liquidation des Zwecks der sadistischen Handlung zwingend dar. Nicht gilt Zerstörung als das sadistisch probate Medium der Virilisation (der sexuellen Potenz, des Geschlechtsbewußtseins); durch die "orgastische Krise", die die Grausamkeitsklimax begleitende Ejakulation, erscheint umgekehrt dem Werk der Zerstörung dies Element des Lebens, ja der Lebenstradition, als besondere Opfergabe beigemischt. Erektion und Ejakulation firmieren so als Zeichen der letzten Heiligung des Todes:
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Suspens der Generation; die nicht mehr zwecksubsumierte "Anbetung des Arsches" als Besiegelung der Hegemonie der Destruktion, der dergestalt nur versöhnbaren, notwendig aber ohne Versöhnungseffekt. 35) Also ist die sadistische Totalisierung, hier gehaltsakzentuiert, unüberbietbar vollbracht. 36)
Wenn sich unsere Rahmenüberlegungen zu de Sade bewähren sollten, so scheint sein opus, seine Lebensgeschichte inklusive, trotz aller inhaltsfetischistischen Verfänglichkeit: des Einbruchs der Kunstmagie, der Selbstinfektion durch die Gewalt des Ursprungs, der Sanktionsreizung der magisch stärkeren Kraft der Moral, doch nicht als frühes Dokument bürgerlichen Irrationalismus, des Schattens der offiziellen Rationalitätsprogression, und damit als präfaschistisches zu taugen. Diese Untauglichkeit macht der mehr als bloß vermutete werkimmanente Zustand aus, daß de Sade keine Mittel an die Hand gibt, Natur durch blutige Opfer versöhnbar vorzustellen, und ebenso keine Mittel, die solche Opfer hervortreibenden Dissidenzformen als heterogen und verzichtbar anzusehen. Beide Verweigerungen aber denken in ihrer in sich dialektischen Destruktionstotalisierung und -homogeneisierung gegen Naturunmittelbarkeit und deren Gegenteil, das angeblich Schändliche, an. Die Konzentrationslager des Nationalsozialismus aber setzen Heterogeneität und Verzichtbarkeit der Nichtnatur zum höheren Scheine eschatologisch durch deren Opfer versöhnbarer Natur in aller Scheinbarkeit voraus. Gleichwohl bedeutet de Sade vorbehaltlos, daß, wie immer auch die Mühsal der Bändigung erfindungsreich vonstatten gehen mag, gegen die Menschheitssubstanz Destruktion, konkret als Geschlechtsproblem erfaßt, schlechterdings kein Kraut gewachsen ist. So utopielos utopisch de Sade.
IV. Thesen
Wir haben den Titel "Utopie des Sadismus" gewählt und heben also auf die Dialektik von Ortlosigkeit und Ortung, Topisierung und Utopisierung, Territorialisierung und Deterritorialisierung - in
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Anlehnung an die Terminologie des Anti-Ödipus von Deleuze/Guattari - ab. Dazu, in der Reichweite der vorgestellten programmatischen Überlegungen, die folgenden resümierenden (und schon mehr als resümierenden) Thesen.
1. Die deterritorialisierende (utopisierende) Wirkung des Kastrationskomplexes, allgemein: der Inzestfigur, ist als rein immanentes Motiv der entscheidenden ödipalen Landnahme (Topisierung, Territorialisierung) - im Sinne der entsprechend parierenden symptomatischen Umkehrungsreaktion, allgemein: der Individuationsfigur - vorgesehen. Diese Deterritorialisierung (Utopisierung) bleibt rein internes Konstituens ihres spezifisch adaptiven resultierenden Gegenteils, der allein so vermittelten Einrichtung des ödipalen Territoriums.
2. Diese allherrschende Territorialisierungsform erweist sich schlechterdings an keiner Stelle als nicht historisch (ungeworden, statisch), und also wird der Nachweis ihrer Historizität zum Zweck der Ermittlung ihrer Bedingtheitsgründe als die allgemeinste intellektuelle Deterritorialisierungschance, das Problem der Gattungsgeschichte, fällig. Bedingtheit, derart intellektuell utopisierend eingeführt, legitimiert insbesondere auch psychogenetische Interessen als der Erhebungsmöglichkeit der Traditionsstrategien wie der ödipale Adaptionsinbegriff (mitsamt seinen Anfechtungsmodi) sich durch die Zeiten beständig erhält.
3. Die ödipale Territorialisierungsform ist eindeutig Artefakt der Perspektive der "Not" und des "Erfolgs" des Mannes, nicht eigentlich patri-, sondern filiarchalisch - von Gnaden des "toten" Vaters. Als Opfer dieser Gewalt fungiert notwendig die Frau, immer als Mutter, und die Legitimität ihrer Aufzehrung besteht im schlüssigen Zirkel, ihr die umgekehrte Inzestarché am Ursprung der Individuationsmetamorphose - Dämonisierung, auf Flaschen gezogen, gleichwohl perversionsgenetisch real - zu imputieren. Die ödipale All-Ortungsform utopisiert in ihrem Innern also das weibliche Geschlecht, spannt dieses in die Alternative von grausamer Muttergottheit und Opfertierersatz und veranlaßt dann oft noch dazu, die
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hieraus erwachsenden realen Deterritorialisierungsfolgen für die Frau als den höheren Seinsgehalt zu verehren. 37)
4. Als kriterial für das Fußfassen, die volle Topisierung dieser Adaptionsstruktur, die freilich nicht vor dieser Konkretion irgendwo auf dem Reißbrett schon für sich besteht, erweist sich die rechte Selektion von Befallsstellen, in denen jeweils Natur subsidiär thematisiert erscheint. Die adaptiv ausgezeichnendste Befallsstelle an Natur, die die gewaltigste Version dieser Adaptionsstruktur unreduziert in sich aufzunehmen vermag, bestimmt der gesamte Prozeß der Verdauung (die subsistenzsexuelle Totale). Und die "ontologische" Generalisierung dessen erfaßt einschlägig den gesamten Lebensprozeß mit seiner Todesklimax und dem höheren Leben danach. Doch nicht genug damit: erst wenn solche destruktionstotalisierende Realhermeneutik ausgewählter Natur die menschlichen "Sprachfunktionen" substantiell durchdringt, vollendet sich, die Geburt der Rationalität, die ödipale Territorialisierung, die also - so der Akzent dieser These - nach der Maßgabe des Entgegenkommens dieser Befallsstellen an Natur Territorialisierungsgrade, eine Hierarchie der Einbildungsvollständigkeit und -stärke, des Verwachsungsquotienten, zeitigt. 38)
5. Immer aus der Sicht der Erfolgskonstanz dieser allherrschenden Adaptionsstruktur sind besonderer Beachtung wert die Fälle, in denen es zwar zu deren voller Topisierung kommt, gleichwohl aber die paradoxe Disteleologie einer Utopisierung darin einreißt, so als gehe die adaptive Topisierungsform gegen sich selber vor: also der Fall der psychischen Krankheit. Die Paradoxie dieser Autoaggression löst sich fürs erste in der weiteren Differenzierung der Befallsstellen nach dem Kriterium ihrer adaptiven Medialitätsbefähigung auf. Es gäbe also solche, die als einschlägige Strukturträger wenigstens insofern ungeeignet wären, als sie diese Struktur quasi zum bloß persönlichen Gebrauch aufwendig stornieren? Wahrscheinlich aber ist dies - die Krankheit - nicht das Problem einer unangemessenen Befallsstellenselektion, vielmehr der vorgängigen Schädigung bestimmter Substratparzellen innerhalb der "Ichfunktionen", die vielleicht verfrüht dem Druck der
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Individuationsmetamorphose ausgesetzt gewesen sind, mit der Folge einer deterritorialisierenden Selbstinvolution trotz der uneingeschränkten Landnahme des Strukturgehalts? Die Deterritorialisierung der psychischen Krankheit bestände also in der Selbstinvolution (der individuellen Verbrauchseinsperrung) der ansonsten ebendort gleichwohl voll topisierten Adaptionsstruktur, gewiß aber nicht in der Absicht einer oppositionellen Deterritorialisierung, vielmehr als Reaktion auf den Vorbehalt, den Ausschluß, am ödipalen Großterritorium zu partizipieren. Und wahrscheinlich geht die postulierte vorgängige Ichschädigung (mit ihren Selbstinvolutionsfolgen, der Anmaßung der Adaptionsstruktur als Privateigentum sozusagen) immer darauf zurück, daß die Frau als Mutter nicht umhin konnte, das filiarchal-ödipale Artefakt der hochdialektischen alternativen Interpretation ihres Geschlechts: grausame Gottheit oder Opfertier, fernab der erotischen Nutzung ihrer Deterritorialisierung darin, buchstäblich zu nehmen und also das Kind sogleich inzestuös zu überschwemmen.
6. Unter den Formen des "Privateigentums an ödipaler Adaptionsstruktur als Symptom" nehmen sich die Perversionen dadurch aus, daß sie, symptomatisch involviert und abgesperrt, die adaptiv entscheidende, hier jedoch auch gegenadaptive, in ihrer vollen Territorialisierung deterritorialisierende Individuationsmetamorphose bloßlegen, so als sei diese nicht der behauptete Inbegriff von Schuld. Der Sadismus wiederum treibt diese Bloßlegung zur Klassizität der Kongruenz von Form und Inhalt auf die Spitze. In seinem internen Höhepunkt der triebentmischenden, angeblich desexualisierenden Raserei des "Muttertodes" stellt er das wohlbehütete Geheimnis der universellen Adaptionsstruktur, selbst darin total verstrickt, an den Pranger und tut sich selber, derart den dispensierten Schuldeinspruch als externe Sanktionsgewalt zitierend, schließlich dasselbe an. Im publiken Geheimnisverrat des Sadismus am hellichten Tage vollendet sich der psychopathologische Deterritorialisierungsmodus; indem der Sadismus den geschichtlichen Inbegriff aller Territorialisierung rückhaltlos offen, als Privateigentum, sich darin tätlich verfangend, zeigt, entzieht er sich selbst den Existierenstopos.
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7. Die ödipusinterne Deterritorialisierungskulmination Sadismus scheint es an sich zu haben, die distanziert-intellektuell-engagierte Einschätzung ihrer Deterritorialisierungsvalenz irrezuleiten: die rein immanente Letztutopie mit der Utopie der Transzendenz des gesamten ödipalen Riesentopos verwechseln zu machen oder mindest in ihm einen Rückhalt, ein Möglichkeitsindiz dieser eigentlichen Transzendenz zu sehen. Solche utopische Bürde kann der Sadismus nicht tragen; als Limes des gesellschaftlichen Anpassungszusammenhangs, dessen Reflexion rein in sich, setzt er am äußersten Extrempunkt umgekehrt diesen Kontext "transzendental" in Gang.
8. Im psychoanalytischen Biologismus erscheint die Eigenvalenz der naturalen Befallsstellen - bis hin zur Naturendogeneität der psychischen Phänomene, wie des Sadismus - überzogen. Trotz der nicht zuletzt auch daher rührenden Korruption der psychoanalytischen Theorie (Metapsychologie), die biologistisch auf absolute, doch mensch-externe Territorialisierung aus ist, bedarf es auch weiterhin der biologischen Fundierung: der genauen Sicht auf die Eigenbeschaffenheit der naturalen Befallsstellen, deren Entgegenkommen, Sichfügen suggerieren mag, sie drängten von sich her zu der Vindikation, mit der sie verwachsen, hin. Sind doch diese naturalen Vorgaben notwendige Territorialisierungsbedingungen, deren genaue Kenntnis eben unter dem Anspruch der "intellektuellen Deterritorialisierung durch Bedingtheitsnachweis" fällig wird.
9. Das Problem der Utopie des Sadismus spitzt sich fortschreitend auf das der realen Transzendenz des Destruktionsgehalts der allherrschenden ödipalen Adaptionsstruktur zu. In diesem Zusammenhang wird das Werk des Marquis de Sade zur besonderen Herausforderung, insofern es die Homogeneität von Destruktion und deren Bannungsformen, nicht zuletzt auch der Kunst, den absoluten Territorialismus von Gewalt in deren immanenten Territorialisierungs- und Deterritorialisierungsdialektik zu demonstrieren versteht. Der Transzendenzanspruch wäre nur um den Preis der Sinnlosigkeit auch solcher Abhandlungen zum Sadismus wie der vorgelegten dispensierbar. Allein, kein Einzelphänomen, und besitze es einen noch so
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hohen Limeswert, schafft den Sprung oder gibt zur Hoffnung darauf Anlaß; umgekehrt vielmehr fällt es in seinen extremsten Oppositionsgehalt limesgemäß als "transzendentale" Bestimmung an die destruktive Immanenz des fliehenswürdigen Adaptionszusammenhangs nichts als zurück. Auch die Summe aller solchen Dissidenzen gleicht den Transzendierensausfall je der einzelnen nicht aus, im Gegenteil verstärkt nur diesen summationsgetreu. Transzendente Deterritorialisierung also dann als langfristige progressive Selbstdeterritorialisierung der ödipalen Adaptionsstruktur, die sich ihres ausnehmenden Destruktionsgehalts wegen selber zugrunde richtet? Wie soll das aber bei deren anscheinend unerschöpflichen dialektischen Selbsterhaltungsmitteln vonstatten gehen? Was bleibt an Transzendierungschance? Keine, die sich so begründet. Wie immer auch hoch bedingt, ist "ontologisches" Erkennen aber möglich, die intellektuelle Proto-Deterritorialisierung des Bedingtheitsnachweises, die bisher noch nicht einen Bruchteil ihrer immanenten Chancen wahrgenommen hat. Und entsprechend transfiguriert - das ist schon zu sehen - erscheint diese Intellektualität magisch dem sadistischen Limes restlos verpflichtet, indem sie in mente ganz und gar durchsichtige Großgefängnisse erbaut. 39)
Seiner inneren Beschaffenheit nach partizipiert der Sadismus an den folgenden Utopiebestimmungen:
- an der allgemeinen immanent-konstitutiven Inzestutopie aller ödipalen Topisierung selber,
- an der besonderen Symptomutopie der Selbstinvolution (des Privateigentums an ödipaler Topisierung),
- an der besonderen Perversionsutopie (im Kontext der symptomatischen im allgemeinen) des Verrats des ödipalen Arkanums, - an der besonderen Sadismusutopie (im Kontext der Perversion im allgemeinen) der restlosen (klassischen) Kongruenz von Form und Inhalt, die Perfidie betreffend,
- an der aus der ödipalen Topisierung immer folgenden Teil-Utopie des weiblichen Geschlechts als Bruch im Mittelgebrauch des toten Vaters.
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Seiner transzendent-kritischen Beanspruchung nach verweigert der Sadismus indessen das folgende Utopieprojekt:
- die an der ödipalen Topisierung real-transzendente Utopiegewähr der Auftrennung der Verwachsungstopoi.
Und schließlich seiner Erkennbarkeit nach besteht die nicht realtranszendente Utopie des Sadismus in folgendem:
- der intellektuellen Transfiguration: der imaginären Stillegung seiner (zugleich radikal oppositionellen wie radikal konservativen) Limestranszendentalität zum transparentesten Gefängnis seines Inhalts - mit der möglichen Konsequenz, seine abgeschnittenen Außenbeziehungen - psychogenetisch bis gattungsgeschichtlich - nicht minder magisch stellen zu können.
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Anmerkungen
  • S. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt/Hamburg (Fischer) 1961, Fischer Bücherei 422, S. 34. Vgl. die Artikel "Sadismus" und "Sadismus-Masochismus, Sadomasochismus", in: J. Laplanche/J.B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, 2. Bd., Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1973, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 7, S. 447- 451; Artikel "Sadismus" in: Psychoanalytische Grundbegriffe. Eine Einführung in Sigmund Freuds Terminologie und Theoriebildung, hrsg. v. H. Nagera, Frankfurt/M. (Fischer) 1976, Fischer Handbücher 6331, S. 97 -99
  • Als psychoanalytischer Standardbeleg dafür kann 0. Fenichels "Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Psychoanalytische spezielle Neurosenlehre" (Wien (Internationaler Psychoanalytischer Verlag) 1931) angeführt werden, ebd. bs. S. 36ff. Die einschlägige Literatur bis zu diesem Zeitpunkt ist hierbei verarbeitet; und bei den hier zusammengestellten Grundannahmen ist es innerhalb der psychoanalytischen Bewegung geblieben. - An neueren Veröffentlichungen sei auf D. Eickes "Vom Einüben der Aggression. Aggression, Grausamkeit und Unabhängigkeit" (in: D. Eicke, Vom Einüben der Aggression. Arbeiten zur Psychoanalyse und zum Verständnis der Schizophrenie, München (Kindler) 1972, Geist und Psyche, Kindler Taschenbücher 2093, S.11 -25) hingewiesen; Eicke verarbeitet einige thematische Literatur (u.a. Balint, Gero, Reimann, Rosenfeld), auf die ergänzend aufmerksam gemacht sei. (Bibliographie ebd. S. 183f.)
  • Gewiß steht diese Akzentuierung Melanie Klein, der fast heterodoxen, näher als Freud und der Freudnachfolge hierin. (Vgl. u.v.a. R.E. Money-Kyrle, Melanie Kleins Beiträge zur Psychoanalyse,
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in: Psyche 2, 29. Jg., März 1975, S. 223 -241) Doch Klein quittiert den üblichen Biologismus und Psychologismus keineswegs, gibt keine Mittel an die Hand, diese Umakzentuierung überhaupt als Artefakt und im besonderen als Legitimationsfigur der geschichtlich reüssierenden männlich bestimmten Individuations- und Herrschaftsform zu lesen. Deleuze/Guattari drücken diese Kleinsche Grenze umfassend so aus: "Doch ist alles in allem die Annahme, daß real zwei Geschlechter existierten, auch nicht besser. In diesem Fall versucht man, wie Melanie Klein, das weibliche Geschlecht durch positive, seien es auch schreckenerregende Eigenschaften zu definieren. Wenn nicht dem Anthropomorphismus, so entzieht man sich wenigstens dem Phallozentrismus. Weit gefehlt aber, die Verbindung beider Geschlechter zu begründen, wird darin vielmehr nur ihre Scheidung in zwei weiterhin statistische homosexuelle Serien begründet. Zudem tritt man damit nicht aus der Kastration heraus. Diese wird einfach, statt wie im anderen Fall Prinzip des als männlich begriffenen Geschlechts zu sein (der abgeschnittene überfliegende große Phallus), Resultat des als weiblich begriffenen Geschlechts (der verborgene, absorbierte kleine Penis). Wir sagen demnach, daß die Kastration die Grundlage der anthropomorphen und molaren Repräsentation der Sexualität ist. Sie ist der universelle Glaube, der Männer und Frauen unter das Joch einer selben Illusion zugleich vereinigt und aufsplittert und sie dieses Joch anbeten läßt. Jeder Versuch, die unmenschliche Natur des Geschlechts beispielsweise als 'der große Andere' zu formulieren und zugleich den Mythos der Kastration zu konservieren, ist im voraus zum Scheitern verurteilt." (G. Deleuze/F. Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1974, S. 380)
  • Ausdruck von C. Klüwer (mündliche Mitteilung). Die Härte der Individuationsmetamorphose gilt nicht nur für Delinquenz und überhaupt Dissidenzialität, die Phänomene der besonderen Klüwerschen Kompetenz, doch hier wird sie besonders manifest.
  • "So erklärt sich das masochistische Komplizenverhältnis von Mutterbild und Ich gegen die Vaterähnlichkeit. Die Vaterähnlichkeit bezeichnet zugleich die genitale Sexualität und das Über-Ich als Repressionsinstanz: mithin erledigt sich das eine mit dem anderen... 'Du siehst, was immer du tust, du bist schon gestorben, du existierst nur noch als Karikatur, und auch wenn die Frau, die mich schlägt, dich vorstellt, so bist doch nur du es, der in mir geschlagen wird... Ich verneine dich, denn du verneinst dich selbst'. Das Ich triumphiert, es erlangt seine Autonomie im Schmerz und seine parthenogenetische Geburt am Ende der Schmerzen, weil diese Schmerzen erfahren werden als das, woran das Über-Ich zugrunde geht." (G. Deleuze, Sacher-Masoch und der Masochismus, in: L. v. Sacher-Masoch, Venus im Pelz. Mit einer Studie über den Masochismus von Gilles Deleuze, Frankfurt/M. (Insel) 1968, S. 281f.)
  • Deleuze, a.a.O., S. 280. - Der Widerspruch des Verrats des Zwecks an die Mittel, deren Wucherung, bildet ein zentrales Motiv der existentiellen Sadismusanalyse J.P. Sartres, die,
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ihrer erheblichen phänomenologischen Überlegenheit der psychoanalytischen Sadismustheorie gegenüber unbeschadet, dieser dann doch vergleichbar, psychologistisch-anthropologisch gezeichnet bleibt. (J.P. Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, Hamburg (Rowohlt) 1962, 3. Teil, 3. Kapitel, II. Zum Vorzug der existentiellen Psychoanalyse gegenüber der psychoanalytischen Metapsychologie vgl. R. Heinz, Jean Paul Sartres existentielle Psychoanalyse. Korrektur der Metapsychologie und narzißmustheoretische Antizipationen, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Bd. LXII/1 (1976), S. 61- 88)
  • P. Klossowski, Der ruchlose Philosoph, in: Das Denken von de Sade, hrsg. Tel quel, München (Hanser) 1969, Reihe Hanser 16, S. 30
  • "Wenn sie durch das Verbrechen ihre natürliche Niedrigkeit überwinden, zeigen sie deutlicher als jeder Mann, daß der Aufschwung eines kühnen Herzens durch keine Situation gehemmt zu werden vermag. Sie geben in seiner (sc. de Sades) Fantasie deshalb die großartigsten Henker ab, weil sie in Wirklichkeit die geborenen Opfer sind: passiv, servil, zu Tränen neigend, verführt und betrogen." (S. de Beauvoir, Soll man de Sade verbrennen? in: Soll man de Sade verbrennen. Drei Essays zur Moral des Existentialismus, München (Szczesny) 1964, S. 35 - außerdem eine exoterisch gehaltene existentielle Psychoanalyse des Marquis de Sade.)
  • Klossowski, a.a.O., S. 33. - Die Diskussion des Beitrags des Feminismus zu diesen Verhältnissen wird hier fällig. H. Heinz' Kritik der "Schwarzen Botin" kann bereits in dieser Perspektive gelesen werden (H. Heinz,"Das Gesetz sind wir". Offener Brief an Brigitte Classen und Gabriele Goettle, in: mamas pfirsiche - frauen und literatur 7, Münster (frauenpolitik) 1977, S. 126-142)
  • Freud, a.a.O., S. 70
  • K. Abraham, Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen (1924), in: K. Abraham, Psychoanalytische Studien I, Frankfurt/M. (Fischer) 1971, Conditio humana, S. 141
  • Freud, a.a.O., S. 35 und S. 70
  • Abraham, a.a.O., S. 141
  • Freud, a.a.O., S. 70
  • Abraham, a.a.O., S. 141
  • ders., a.a.O., S. 183
  • ders., a.a.O., S. 120, 122, 125 u.a. - E.H. Erikson kann zwar erst so recht den biologistischen Reduktionismus der frühen Metapsychologie vermeiden, indem er "psychosexuelles Stadium,
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Organmodus, psychosoziales Stadium, Ansatz zu Ich-Stärken, zugehörige psychopathologische Mechanismen, zugehörige Elemente sozialer Ordnung" differenziert; doch bleibt auch diese schöne Differenzierung in bloßen Analogiebildungen und damit im Psychologismus trotz der Bemühung der soziologischen Dimension befangen.
  • Freud, a.a.O., S. 35 und S. 70
  • Abraham. a.a.O., S. 183
  • Freud, a.a.O., S. 35
  • Vgl. M. Merleau-Ponty, Phénoménologie de la Perception, Paris (Gallimard) 1945, 1er partie. Wir gehen davon aus, daß es keinen anderen Ausgangspunkt der psychoanalytischen Theoriebildung geben kann und favorisieren dieses Ansatzes wegen, jedenfalls bis zu der apostrophierten Grenze, die existentielle Psychoanalyse Sartres (s. Bemerkung 6). (Vgl. auch R. Heinz, Heinz Hartmanns "Grundlagen der Psychoanalyse" (1927). Eine wissenschaftslogische Fehlkonzeption, in: Psyche, 6. Jg., Juni 1974, S. 477 - 493)
  • S. Freud, Jenseits des Lustprinzips, in: GW XIII, S. 58
  • ders., Das ökonomische Problem des Masochismus, in: ebd., S. 377
  • ders., Jenseits des Lustprinzips, S. 58
  • ders., Das ökonomische Problem des Masochismus, S. 376
  • ders., Jenseits des Lustprinzips, S. 58
  • ders., Das Ich und das Es, in: ebd., S. 270
  • ders., Das ökonomische Problem des Masochismus, S. 376
  • ders., Jenseits des Lustprinzips, S. 58
  • A. Lorenzer, Die Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis. Ein historisch-materialistischer Entwurf, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1974, S. 305
  • Ebd., S. 128
  • Nicht nur in Anbetracht der oft fast outrierten Polemik gegen Lorenzer (vgl. u.a. A. Lorenzer, Anatomie einer Verständnisbarriere- Anmerkungen zu den Aufsätzen von Karola Brede und Emma Moersch, in: A. Lorenzer, Sprachspiel und Interaktionsformen. Vorträge und Aufsätze zur Psychoanalyse, Sprache und Praxis, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1977, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 81, II., 6., S. 130 -161) sei seine theoretische Leistung - mindest seine Biologismus- und Psychologismuskritik - ausdrücklich als Wegweiser unserer Ausführungen reklamiert.
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Und selbst wenn zutreffen sollte, daß die gesellschaftstheoretische Ortlosigkeit der ersten entscheidenden Publikationen (zum psychoanalytischen Symbolbegriff und zum psychoanalytischen Verfahren) gegen die folgende Aufsprengung dieses Zustandes, die Öffnung der psychoanalytischen Theorie zum Historischen Materialismus hin, sich eben dort immer noch - mit den entsprechenden Leerlaufkonsequenzen - behauptet; wenn spätestens in der "Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis" verfahrenstheoretisch, wenn schon der Historische Materialismus die Universalität der objektiven Ableitungsgründe enthält, die Warenförmigkeit des psychoanalytischen Verfahrens (die innerer Warenhaftigkeit, aller Dissidenzen davon zum Trotz) hätte dargestellt werden müssen, möchten wir die exemplarische Mühsal dieses Entwicklungsweges - und sei es auch nur der Kautelen wegen, die er abzuwerfen versteht - nicht missen.
  • M. Horkheimer/Th.W. Adorno, Exkurs II: Juliette oder Aufklärung und Moral, in: M. Horkheimer/Th.W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. (Fischer) 1969, S. 127
  • In solchem - begriffsgeschichtlich adäquat "sodomistisch" genannten - Hohn sieht Klossowski den Grundgestus de Sades. "Die Sodomie ... äußert sich betont durch eine spezielle Geste der Gegen-Allgemeinheit, die in den Augen de Sades höchste Bedeutung hat: sie verletzt das Gesetz der Fortpflanzung der Art und bezeugt derart den Tod der Gattung im Individuum. Und das nicht nur in abweisender, sondern in aggressiver Form: sie ist zugleich Trugbild und Verhöhnung des Zeugungsaktes." (Klossowski, a.a.O., S. 19); regrediert permanent zur Subsistenzsexualität: dem rein korporellen Mutter-Kind-Ambiente verwilderter Opfermahlzeiten. - Denselben Gestus hat M. Siegert (De Sade und wir. Zur sexualökonomischen Pathologie des Imperialismus, Frankfurt/M. (Mahol) 1971) in marxistischer Perspektive aufgespürt. Der Satiriker de Sade übe "linksadelige Kritik, die schon die Etablierung der Bourgeoisieherrschaft mit dem höhnischen Hinweis auf ihren Ursprung in den Verbrechen der ursprünglichen Akkumulation begleitete und die ihre Paradoxa aus der Konfrontation von Adelsethos und Bourgeoisgeist gewann." Und weitreichender, eine Denkfigur der "Dialektik der Aufklärung" in historischer Konkretion variierend: "Sein (sc. de Sades) sinnlich inspirierter Atheismus war die revolutionärste Ausformung der französischen Aufklärung - er griff an die Struktur der Herrschaft." Und in Wahrheit sei das empirische Substrat seines Sadismus die Produktionsverhältnisse: "Die Entartung des Adels durch die Geldwirtschaft, der Kolonialismus als Quelle der ersten großen Reichtümer, die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, die politische Revolution der Bourgeoisie, die immer wiederkehrenden Erwägungen über ökonomisches und sexuelles Eigentum. De Sade ist der Sexualreporter der ursprünglichen Akkumulation wie Marx ihr Theoretiker ist." (Ebd., S. 7ff.)
  • S. z.B. "Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Libertinage" (in: D.A.F. Marquis de Sade, Ausgewählte Werke I, hrsg.
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v. M. Luckow, Frankfurt/M. (Fischer) 1973, Fischertaschenbuch 1301)
  • Individualpathologisch stellt sich die Destruktionstotalisierung u.a. auch als Ausbruch von Zwangshandlungen bei de Sade dar. (S. das Nachwort von M. Luckow zu: Marquis de Sade, Der Greis in Charenton, Letzte Aufzeichnungen und Kalkulationen, München (Hanser) 1972) - Bei aller Triftigkeit der Unterscheidung von "Grausamkeitslust" und "Grausamkeitsarbeit" durch A. Mitscherlich (in: Zwei Arten der Grausamkeit, in: Toleranz - Überprüfung eines Begriffs, Frankfurt/M. CSuhrkamp) 1974, suhrkamp taschenbuch 213) ist just de Sade so nicht eindeutig reklamierbar: "Die faszinierende Persönlichkeit de Sades hat dazu verführt, sich auch in der psychoanalytischen Literatur vorwiegend mit den sexuellen Formen der Grausamkeit zu beschäftigen. De Sade als der darstellungsmächtigste Vertreter einer relativ seltenen Perversion wurde zum Prototyp, an dem die Qualität menschlicher Grausamkeit untersucht wurde. ... Dabei steht eines fest: In der sadistischen Objektbeziehung kommt es im Kontakt mit dem Objekt via grausamer Manipulation zu einer genitalen Entladung." "Von dieser Kooperation sexueller und destruktiver Triebbefriedigung kann im Fall von Grausamkeit als Arbeit keine Rede sein." ". .. im Gegensatz zum Sadismus sind bei den Grausamkeitsarbeitern die libidinösen und die destruierenden Triebvorgänge streng voneinander getrennt. Es ist eine tiefgreifende Triebentmischung eingetreten. Die sexuelle und die aggressive Erregungsweise legieren sich nicht; ... Die Herkunft dieser Form der destruktiven Grausamkeit ist auch nicht wie beim Zwangsneurotiker nur aus der Abwehr der Angst vor der Sexualität anzusehen, denn das private Sexualleben solcher Menschen, die von Gruppen gestützte Grausamkeiten hervorbringen, scheint kaum Störungen zu zeigen." (Ebd., S. 183ff.) - Adornos Leseerfahrung hingegen gibt die de Sadesche Destruktionstotalisierung, die sich vornehmlich auf Arbeit, Geist - die Bannungsformen alle - erstreckt, wieder: "Es ist, als sprengten die gefangenen Leidenschaften, von jenen Worten beim Namen gerufen, wie den Wall der eigenen Unterdrückung so den der blinden Worte und schlügen gewalttätig, unwiderstehlich in die innerste Zelle des Sinnes, der ihnen selber gleicht." (Th.W. Adorno, Minima Moralia, Nr. 27, On parle Francais, S. 76)
  • Vgl. H. Kurnitzky, Triebstruktur des Geldes. Ein Beitrag zur Theorie der Weiblichkeit, Berlin (Wagenbach) 1974, Politik 52. Kurnitzky scheint uns indessen von einer in Kleinschen Denkbahnen naheliegenden "Naturalisierung" der weiblichen Sexualität als des Naturrückhalts der maternalen Machtumkehrung, die außerdem in M.J. Sherfeys "Die Potenz der Frau. Wesen und Evolution der weiblichen Sexualität" (Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1974) ihren biologistischen Höhepunkt gefunden hat, nicht ganz frei. Das heißt aber, eine zur Bildung und Aufrechterhaltung der umgekehrten Herrschaftsform notwendige Projektion zur fundierenden Natur erklären! In unserem Verständnis dagegen wird die besagte maternale Umkehrung nur insofern entscheidend, als sie projektiver Rechtfertigungsgrund der ödipal-filiarchalen
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Herrschaft von deren Beginn an fungiert.
  • Auf die Darstellung solcher Territorialisierungsdifferenzen, ihrer historischen Genese und ihres Zusammenhangs untereinander heben unsere künftigen Projekte ab, von denen eines schon mit dem Titel "Logik und Inzest" vorliegt.
  • Wir teilen Deleuzes/Guattaris Prämisse der Allherrschaft des Ödipus und deren absoluter Künstlichkeit. Differenzpunkte aber liegen - in aller Vorläufigkeit - im folgenden:
    a. in der Verschiebung der adaptiven Limeswerte über die Perversionen (Sadismus) bis zur Schizophrenie hinaus und damit der Steigerung der von diesem Extrempunkt ausgehenden Dialektik der Territorialisierung und Deterritorialisierung. Entsprechend gilt für Deleuze/Guattari durchgehend die folgende Hierarchie: "Zweifellos können befriedigende Definitionen des Neurotikers, des Perversen und des Psychotikers nicht auf die Triebe zurückgreifen, da diese die Wunschmaschinen selbst nur sind. Dazu bedarf es des Rückgriffs auf die modernen Territorialitäten: Der Neurotiker bleibt eingebettet in den residualen und künstlichen Territorialitäten unserer Gesellschaft, schwört sie auf Ödipus ein als höchste Territorialität, die sich im Zimmer des Analytikers, auf dem vollen Körper des Psychoanalytikers rekonstituiert (ja, der Unternehmer ist der Vater, und der Staatschef auch, und Sie auch, Herr Doktor...). Der Perverse wieder nimmt das Artefakt beim Wort: ihr wollt sie, und ihr werdet sie bekommen... künstlichere Territorialitäten noch als alle uns von der Gesellschaft angebotenen, unendlich künstliche neue Familien, geheimnisvolle, wunderliche Gesellschaften. Endlich der Schizo, der stets taumelnd, strauchelnd, unaufhörlich wandernd, sich verirrend immer tiefer in die Deterritorialisierung, auf seinem organlosen Körper in die unendliche Dekomposition des Sozius sich versenkt: vielleicht wird diese ihm eigentümliche Weise, das Umherschweifen des Schizo, ihn die Erde wiederfinden lassen." (Deleuze/ Guattari, a.a.O., S. 46)
    b. in der auf dieser Verschiebung/Steigerung fußenden höheren Hoffnung, die ödipale Kontingenzstruktur von innen aufzusprengen: den behaupteten Höhepunkt ihrer Limes-Transzendentalität also in den eignen Transzendenzrückhalt umwandeln zu können (mit der Konsequenz der Konzepte des "organlosen Körpers" und des diesen beschriftenden "Sozius" usf.).
    c. im Selbstwiderspruch von magischem (pervers-sadistisch-ödipalem) Denkgebrauch und der besagten Limesverschiebung und -steigerung höherer Hoffnung in die Schizophrenie hinein. Die Grenzwertverbesserung ist immer nur vorgestellt, nicht eigentlich gedacht, und das reduziert die Denkmöglichkeiten und -interessen (etwa das gattungsgeschichtliche). Verzehrt sich der Anti-Ödipus so nicht paradoxerweise in der magischen Bannung der vorgestellt hoffnungsvollsten Schizophrenie? Oder sind dies etwa schon die eigentlichen spätkapitalistischen (inklusive naturwissenschaftlichen) Realitätsverhältnisse?
(1976/77)
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