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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Fragestellungen der Traumpathognostik. Erste Aufzeichnungen zum laufenden Traumseminar (Metastasen, 1995, Wien, Passagen, 99-101)
Worin besteht das "Traumsubjekt" (das vis-à-vis als - differiertes - Selbstdouble)? Wie aufrechterhält/rettet sich der Traum wider das Erwachen (oder aber wider den "Rückfall" in traumlosen Schlaf) als unmöglicher (letztlich letaler) Zusammenfall des träumenden Selbst mit seinem -double?
Stellt sich das drohende Erwachen (oder auch dieser Rückfall) expressis verbis dar? Und wenn, dann wie?
In welcher der (Schlaf- und) Traumphasen, wie genau "interimistisch", ist der Traum wohl situiert?
Wie fungieren in dieser Traum-Traumarbeit "Verdichtung" (Metaphorisierung), "Verhüllung" und "Verschiebung" (Metonymisierung)?
In welcher Verteilung spielen in diesen für den Traum charakteristischen (Primärprozeß)vorgängen die einzelnen Sinne (Bewegung, Sehen, Sprechen/Hören, Berühren, Riechen, Schmecken etc.)?
Welche "Topologien" (visuell-lokomotorische Raum-Zeitverhältnisse) stellen sich zwischen träumendem Selbst und seinem -double, dem "Traumsubjekt", entsprechend ein?
Ist diese Traumarbeit insgesamt geschlechtsneutral?
Wie vor-bezeichnet sich im Traum selber schon seine Erinnerbarkeit? Was hat es mit dieser auf sich? Was wird aus den nicht-erinnerbaren Träumen! Traumteilen (so es sie gibt)?
Was an Körper wird am "Traumsubjekt" (Person-/Dingverhältnis) offenbar? Weshalb bedarf es dieser intimen Publikationen? (Letztlich: weshalb Schlaf und Traum und ...?)
Ist an diese Offenbarung - über die festgelegten Schlaf- und Traumobligationen hinaus - ein subjektiver (Längsschnitt)sinn/eine subjektive Botschaft oder dergleichen auszumachen? Sind in diesen Verhältnissen krankheitsprognostische Elemente zu finden?
Hauptsächliche Referenzen: (nicht zuletzt) die (frühe) Freudsche Metapsychologie und die empirische Schlaf- und Traumforschung. Dies - die Sorgfalt der
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Recherche der Subtilität der Traumarbeit - gegen jede vorschnelle und längst klischeehafte psychoanalytische Traumdeutung.
Kommentare (und auch weitere Fragestellungen) aufgrund der Diskussion der Fragestellungen in der Gruppe:
Es könne durchaus sein, daß der besagte "Rückfall" in traumlosen Schlaf immer durch ein unmerkliches kürzestes Erwachen eingeleitet wird, so daß man allemal aus Träumen erwachte und dann erst in traumlosen Schlaf versänke. Nur daß dieses Übergangserwachen in traumlosen Schlaf hinein so etwas wie der Effekt der Traumausschöpfung der vorgesehenen Traumphase (REM) wäre, und also wohl zu unterscheiden vom Erwachen innerhalb einer solchen Phase (ob der notorischen dramatischen Pointierung). Gelingt indessen nun der unmerkliche Erwachensübergang, so müßte es so gut wie sicher sein, daß der vorausgehende Traum nicht erinnerbar ist. (Sollte man sich nicht einmal die Mühe machen, aus solchen weitgehend hypothetischen Überlegungen Fragestellungen für Laborforschungen zu machen?)
Was aber ist ein erinnerungsloser Traum? - müßte er doch eine andere Verfassung aufweisen als der erinnerbare. Mutmaßungen dazu: es scheint hier eine solche Hypertraumarbeit am Werk zu sein, insbesondere wohl in der Art der Geschwindigkeit von Verschiebung, Verdichtung/Verhüllung, daß der Übersprung in die langsamere Ordentlichkeit der (selbstbezüglichen) Traumrepräsentation ausbleiben kann. Wäre demnach die Not des Repräsentierungsübersprungs in erinnerbaren Träumen (eine Art von "Müllabfuhr"?) diffundiert, diffus gar bis dahin, daß hier das Glück (das Glück der Dissoziation, der fließenden Selbstaufhebung?) kulminierte? Jedenfalls mag man den Eindruck haben, daß das Sichverfangen dieser nächtlichen Arbeit in den Netzen der Erinnerung die nothafte Widerständigkeit derselben als Zutat einer bedeutenden Selbstzufuhr signalisiert?
Glücksträume (zumal sexuelle): Vielleicht besteht die hier besonders sorgfältig zu recherchierende Differierung im letzten Bruch zwischen bloßer Halluzination und u.U. gar physiologisch realer Körperbeteiligung. Die ominöse Freudsche Wunscherfüllung zugleich als ihr eigenes Gegenteil, dieser Widerspruch! Erfüllungswahn und Trauerabsturz der Nichterfüllung instantan - so maß-los ist das Traumglück.
Was hat es wohl mit Träumen im Schlaf tagsüber auf sich? Wie verteilen sich die einzelnen Sinne auf das Spiel von Verschiebung und Verdichtung/Verhüllung? Eine wahrscheinliche Zuordnung: Sehen und Bewegung kommen der Verschiebung zu und Sprechen/Hören der Verdichtung/Verhüllung; womit auch die Erwachensanfälligkeit durch den Zuwachs an Verlautung ihren Erklärungskontext gefunden hätte. (Schrift findet nicht statt, Schrift, aufgeteilt in Bild und Ton?) Und die sogenannten niederen Sinne?
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Geschlechtsdifferentialität der Träume? Die höhere Kunst bestände hierbei darin, die Traumarbeitsmechanismen selber geschlechtsdifferentiell zu indizieren. Wie?
Wegen zahlreicher Mißverständnisse möge "Traumsubjekt" nur als vorläufiger Terminus gelten.
Methode der Identifikation des "Traumsubjekts"? Was mich im Spiel der Traumarbeit buchstäblich angeht; wobei - womöglich bis in die Traum-erinnernde Traumerzählung hinein - das Aufkommen von Affekten das "Traumsubjekt" häufig indiziert.
Das "Traumsubjekt" ist, gleichwie, differiertes Selbstdouble. Ausnahmsweise tritt es in der Gestalt des Doppelgängers expressis verbis auf. In diesem Sonderfall imponiert insbesondere die Vermeidung der eigenen Frontalansicht: des Sichselber-sehen-Sehens.
Weitere Begründbarkeit dieser Selbstdoublierung? Dazu wäre die Gesamttheorie des Körper-Ding/Anderenverhältnisses erforderlich (Urverdrängung, Todestrieb). Jedenfalls entfällt im Traum der Normalgebrauch zu ungünstigen Gunsten eines unablässigen, auf die Herstellung und den Austausch rückverweisenden Schuldmonitums.
Wie steht es im träumenden Differierungswesen um die Geschlechtsdifferenz? Vom Mann her "gibt es im Traum keine Frauen": Homo-sexualität des "Traumsubjekts" (Selbstdouble als "toter Mutterleib", "filial ♂" repräsentativ). Also müßte sich von diesem unmöglichen Extrem her die Geschlechtsdifferenz zwischendurch dergestalt einstellen, daß sie sich am anderen Ende ebenso extremisiert (und mit dem anderen Extrem zusammenfällt): Nur-Mann = Nur-Frau.
Die Erkenntnismethode unserer Wahl (nach des Tages Last und Mühe, mittwochs abends): die Witzigkeit dieser Primärprozesse. Entsprechend hält es auch schwer, alle Fragepunkte der Sitzung zu behalten: ihre Vielzahl/Fülle ein traummimetischer Effekt. Was habe ich noch behalten? Die Sache mit der Traumausschöpfung, -erschöpfung, dem Tod; und die Nachfrage zu den Wahrträumen. Extreme also: das Wunder der Repräsentation/des Gedächtnisses wider die Nicht-Repräsentierbarkeit des Todes sowie die fragwürdige Orakeltotale der Zeitdisposition.
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