Name
Passwort
Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
Dieser Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
Informations- und Arbeitspapiere zur Selbstreferentialität des Traumvorgangs (Metastasen, 1995, Wien, Passagen, 107-110)
Intention ist die exakte Phänomenologie des Traumvorgangs, der durch infinite (fraktale?) Selbstbezüglichkeit imponiert. Wenn nun schon diese Selbstreferentialität phänomenologisch dargestellt werden kann, so müßte man deren Algorithmisierung und elektronische Simulation erhoffen dürfen; und dies nicht zuletzt zu dem Zweck, von der solchermaßen bearbeiteten - algorithmisierten und simulierten - Traumphänomenologie aus Verbindungen zur Neurophysiologie der empirischen Schlaf- und Traumforschung herstellen zu können.
Da die Phänomenologie des Traumvorgangs einzig sprachschriftlich zu vermitteln ist, liegt es nahe, bei der Computerlinguistik um Kooperation nachzufragen.
Legende:
I gibt einen Traum von mir wieder, den ich kurz vor dem Erwachen träumte. Den ersten - kursiv gesetzten - Satz des sprachschriftlichen Traumberichts unterziehe ich in der Folge dann einer exemplarischen Analyse auf Selbstreferentialität hin. Ich habe diesen ersten Satz nicht nur zufällig gewählt - konstelliert doch die initiale Traumszene oftmals besonders prägnant formal (temporal, spatial, motil) die einschlägige Selbstbezüglichkeit.
II besteht aus einer Skizze der Demonstration der kriterialen Selbstreferentialität, am Text des Traumreferats - dessen ersten Satz - abgenommen. Man wird zwar an Träumen immer die Autosymbolik der Zwischenstellung des Traums, seiner Selbsterhaltung durch Aufschübe sowie die paradoxe Verfassung derselben unterscheiden können; doch sind diese Differenzierungen, der Demonstrationsskizze gemäß, eher nur von didaktischem Wert. In einer ausführlichen Darstellung der Selbstbezüglichkeit - man wird alsbald ahnen können, hier in ein Faß ohne Boden zu geraten - vertauschen sich die Referenzen solcher Unterschiede und gäben gewiß auch mehr noch an systematischem Zusammenhang untereinander frei.
Absichtlich habe ich es hier auch unterlassen, die schematischen Selbstreferentialitätsbeschreibungen repräsentationstheoretisch weiterzudenken; insofern tauchen naheliegende Transkriptionen der Mechanismen der Traumarbeit nach Freud - "Verschiebung" und "Verdichtung" -, etwa "Repulsion" und "Attraktion",
107
"Expansion" und "Kontraktion", Lacansch auch "Metonymie" und "Metapher", noch nicht auf. Nicht soll es sich diesmal ja um die philosophische Ausschöpfung der Traumphänomenologie handeln, vielmehr um deren wissenschaftliche "Objektivierung".
I
Ich gehe am späten Abend links auf der Straße etwa auf halbem Wege zum Merziger Gymnasium, das ich als Schüler besuchte.
(Ich habe vor, mir dort in einem entsprechenden Laden Knöpfe festnähen zu lassen, und zwar an einem Stück/einem Fetzen von Jackenstoff, an dem einige wie an Drähten befestigte Knöpfe sich anschicken abzufallen. Es handelt sich um ein bräunliches Stoffstück; die Knöpfe sind eher beige.
Der Laden befindet sich zu Anfang dieser Straße; ehedem war dort eine italienische Eisdiele. Der Eingang liegt schräg links um die Ecke; zur Straße hin, davor, ein abgedunkeltes/verhangenes Schaufenster.
Ich trete in den Laden ein. Hinter einer Art von Schalter sitzt aber ein Optiker oder Uhrmacher oder auch Juwelier, der sich mittels optischer Geräte (einem Vergrößerungsglas etwa) an weiteren optischen Geräten (?) zu schaffen macht. Sein breites Gesicht ist gerötet und aufgedunsen. Der Schalterhintergrund besteht aus einer Art von braunschwarzem Leder. Dieser mir zweifelhaft und zugleich doch nicht unvertraut vorkommende Hinterhofhandwerker geht zwar auf meinen Reparaturwunsch ein, unversehens aber sitze ich wie in einem Friseurladen auf einem entsprechendem Stuhl und sehe ohne jede Interventionschance zu meinem Schreck, daß er mir den Kopf einseift und in einem rasenden Tempo und wild/ohne System die Haare abschneidet. Ich sehe nach dieser Prozedur wie gerupft aus und muß mir, verärgert, die Aussetzung des Knöpfefestnähens bis zum folgenden Tag gefallen lassen. Erwachen.)
II
Der Traum ist selbstreferentiell organisiert:
Die Traumgehalte - die -story - stellen die Traumform - seine Ablaufgesetze - dar.
Die Selbstreferentialität betrifft 1) den Traum als ganzen:
seine Zwischenstellung zwischen Tiefschlaf (NREM) und Wachen, seinen Charakter als "paradoxen Schlaf' (REM).
Am Beispiel:
"am späten Abend" = zwischen Tag und Nacht (auf die Nacht zu) = Autosymbolik des Übergangs des Wachens in den Schlaf als des Traums selbst in zeitlicher Rücksicht
108
"etwa auf halbem Wege" = ungefähr zwischen Start und Ziel = dasselbe in räumlicher Rücksicht
"als Schüler" zwischen Kindheit und Erwachsenenalter (näher zur Kindheit) = dasselbe in historischer Rücksicht
Die Selbstreferentialität betrifft innerhalb von 1):
2) die Selbsterhaltung des Traums: seinen eigenen Spielraum als Aufschub.
Am Beispiel:
"am späten Abend" = Vertauschung von frühem Morgen (real) mit spätem Abend (im Traum) = Autosymbolik der Selbsterhaltung des Traums (und des Schlafs) mittels eines zeitlichen Aufschubrahmens (Abendgymnasium!)
"zum Merziger Gymnasium, das ich als Schüler besuchte" = wechselseitige Durchdringung von Gegenwart und Vergangenheit = dasselbe mittels aufschiebender historischer Übercodierung und Imaginarisierung
109
Die Selbstreferentialität betrifft innerhalb von 2):
3) die paradoxe Verfassung der durch Aufschub bestimmten Zwischenstellung des Traums.
Am Beispiel:
"zum Merziger Gymnasium" = vorsorgliche Ineinsbildung von Einschlafen (Provinz-Penne!) und Weckung/Entblößung = Autosymbolik der Traumparadoxie mittels des Eigencharakters des Traums selbst (paradoxer Schlaf)
"Ich gehe" = Ineinsbildung von Beschleunigung und Verzögerung (gerade Straße, geradeaus/nicht aber Fahren) = dasselbe mittels einer kompromißhaften Fortbewegungsform
"auf der Straße" = Ineinsbildung desselben (wie ein Fahrzeug/nicht aber, unbehindert(er), auf dem Bürgersteig) = dasselbe mittels einer Fortbewegungsdeplazierung, die zugleich die drohende laterale Ablenkung (Linksabweichung - siehe den Fortgang des Traums!) verhindert
"links" = Ineinsbildung desselben (Gegenverkehr im Blick/Nötigung auszuweichen aber nicht auszuschließen) = dasselbe mittels einer Fortbewegungskautele
---------
1993
110