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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Schlafen - Träumen - Wachen (Metastasen, 1995, Wien, Passagen Verlag, 111-112)
Differenzkriterium von Wachen versus Schlafen: Sprechen/Sprache. Wie geht die Halluzination von Wahrnehmung/Bewegung in deren Realität über? Wenn immer der Schlaf selbsthypnotisch ist und der Traum der - das Verschwinden in dieser Selbsthypnose aufhaltende - Gegenblick wider das Selbstdouble, so ist das Wachen dadurch charakterisiert,die Hypnosenstimme des Doubles zum Gegensprechen, dem Selbstsein desselben, zu internalisieren. - Hypnotisches Intrauterinitätsmodell: nur-Hören, kein Selbstverlauten. Wachsen des Kinds im Mutterleib wie ein posthypnotischer Auftrag? - Die reale Wahrnehmung/Bewegung wäre demnach Zuspruchseffekt auf der Grundlage der phantasmatischen Hierarchie der hypnotisierten Willfährigkeit: Dinge, Medien, Anderer. Eine Hierarchie, die freilich in sich zugleich invers organisiert ist. Darin die Selbst-Anderen-etc.-Differenz eine Schutzbehauptung der Selbigkeit.
Wachen immer auch Wachen im Sinne von Bewachen: die paranoische Dingwache, so als müsse das Erwachen aller Dinglichkeiten als Selbst-, Körpererwachen verhindert werden. Überhaupt scheint wachend alles darauf hinauszulaufen, wachend zu schlafen und zu träumen, doch innerhalb des Wachens; was eine enorme regressive Entropie des Wachens, eine abstruse Indifferenz ergibt. Am Beispiel etwa des Verkehrs: Autofahren; überhaupt der zivile Alltag mit seinen vorherrschenden Tätigkeiten; Probleme auch der Tagesphasen. Wachen, immer im Doppelsinne der Bezeichnung, wäre demnach das Träumen des Schlafwandelns selbst, jedoch im Status der hypnotischen Regie phantasmatisch über beides, Wahrnehmung und Bewegung.
Dreimal Zuspruch, produktiv, zirkulativ/skriptiv, konsumtiv. Einspruch reserviere man tunlichst für den intellektuellen Einspruch, nicht auch für die Inversionsbewegung der Konsumtion (umgangssprachlich: man spricht einer Sache zu). Tausch/Aufzeichnung, der Zuspruchsinbegriff, diese reinste Magie, besetzt notorisch die Produktion und die Konsumtion; jene dergestalt, daß sie zu verschwinden scheint, und diese, als habe sie nicht mehr zu leisten als die Bestätigung der Aufzeichnungsmagie: Unterwelt und Anhängsel. - Weshalb aber die Produktionsepikalypse und das Begehren der Rückstandslosigkeit der konsumatorischen Beglaubigung als Aufzeichnungsappendix? Wegen der Opfer- und der Materialitätsschande; so daß der Legitimationsgrund schlechthin, bürgerlich, das Opfer der
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Arbeitskraft, sich wie eine Schandbarkeit verstecken muß; und sich nicht minder verstecken muß der Abfall/das Exkrement; beide unterweltlich.
Der gelingende Zuspruch leistet den Übergang des Verbums in Bildlichkeit/ Imaginarität. Sehen demnach Ersehen, immer als gedächtniskonstitutive Reklame; Transit, der sich entzeitlicht. Ersehende Wahrnehmung der Alltransmitter ersprochener Welt ans/ins Gehör. - Hier nicht zuletzt auch das Problem der Sexualität i.e.S.: der Inbegriff der wachenden Zusprechung und Zuspruchsbeglaubigung, sensuell totalisiert bis hin zum Kinästhesieultimatum in seiner Indifferierungskulmination zugleich wie ein Muster der Brechungen desselben. Freilich - wie Essen anders - auch Wachensrepräsentation von NREM.
Wie aber kann man solches wissen? Der intellektuelle Einspruch am Ort der Konsumtion, der Einschlagsstelle von Pathologie (Drogierung); der Anti-Reklame-Blick: Sehabsolvenz, wo sich das Opfer und der Abfall monieren; Einführung der Differenz, die sich als solche hielte; Erwachenstransit, freilich immer im Schutze fundierender Hypnotisiertheit; inklusive Disjunktion: der triviale Unterschied zwischen Tag und Nacht eben nicht vollzogen. Offensichtlich referiert die Hypnosenstimme, Sprache, auf sich selbst. Selbstbezüglichkeit durch die coincidentia oppositorum von Selbst-Sterben und Anderen-Töten, Tod und Apokalypse, zum Hochriß des Selbstbezugs als weder-noch/sowohl-als auch, in dem sich dieselbe Extremisierung dann einstellt. Eine fundamentale petitio principii.
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1990
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