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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Selbstreferentialität in der Psychoanalyse. Zum heterodoxen »funktionalen Phänomen« Herbert Silberers (Pathognostische Studien V, 1999, Essen, Die Blaue Eule, 107-114)
Über kurz oder lang wird der der Psychoanalyse kundige Philosoph über Freuds Voten zur Philosophie stolpern. Bekanntermaßen sind sie nicht eben schmeichelhaft ausgefallen, indem sie eine Korrespondenz zwischen Paranoia und Philosophie, das ist hier die idealistische Systemphilosophie im Zusammenhang eines Kulturgenres-Psychopathologie-Parallelismus, geltend machen. Nicht zuletzt im Zusammenhang der Kritik von Silberers "funktionalem Phänomen" innerhalb der Traumtheorie kommt die nämliche Entsprechung auf. Diese Stellen werden in den folgenden Ausführungen die Textgrundlage bilden für eine "Dekonstruktion" der Freudschen Kritik von Silberers "funktionalem Phänomen" auf dessen Radikalisierung zu einer andersartigen Traumauffassung hin, die sowohl Philosophie-apologetisch als auch -kritisch - Psychoanalyse und Philosophie könnten ja aneinander wechselseitig viel über sich selbst erfahren -- unter den Titel "Selbstreferentialität" gestellt wird.
In einem ersten Teil (1) wird die Freudsche Kritik (Restriktion) des "funktionalen Phänomens" dargestellt. In einem zweiten (II) folgt die Ausführung der Folie dieser Kritik: die psychoanalytisch ideale Traumverfassung (einschließlich einiger Bemerkungen zum sich daran anschließenden Freudschen Kunstverständnis). Der dritte Teil (III) führt die Radikalisierung des Silbererschen Theorems als eine mögliche Subversion der psychoanalytischen Traumtheorie, abschließend an einem Beispiel demonstriert (IV), vor.
I
Das "funktionale Phänomen" bestimmt sich durch den somnialen Sonderfall, daß die Traumarbeit selbst mit ihren Gesetzmäßigkeiten das Thema der Traumarbeit ausmacht; Freudianisch ausgedrückt: der latente Traumgedanke, der durch die Traumarbeit in den manifesten Trauminhalt übersetzt wird, ist ausnehmend die Traumarbeit als solche. Also handelt es sich um ein Phänomen der Selbstreferentialität, sofern die somnialen Operationsmodi sich selbst zum Objekt haben.
Freud räumt nun dieser Silbererschen Entdeckung zwar ein, als "eine der wenigen Ergänzungen zur Traumlehre. deren Wert unbestreitbar ist", zu gelten. verwendet aber zugleich alle kritische Sorgfalt darauf, das "funktionale Phänomen" derart in seiner Bedeutung einzuschränken und zu marginalisieren,
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daß man meinen könnte, es stelle eine schwerwiegende Gefahr für die psychoanalytische Traumtheorie dar.
Restriktionsdimensionen sind:
1) das Vorkommen, der Wirksamkeitsort des strittigen Phänomens. - Seinen genuinen Ort definiert das Aufwachen, betrifft die Grenzpassage von Schlaf und Traum quasi nach vorne zum Wachen hin. (Unerfindlicherweise klammert Freud den umgekehrten Vorgang, das Einschlafen, hier aus, wenngleich er Silberers "funktionale Phänomene" erzeugende Einschlafexperimente mindest bestätigend mitreferiert.) Freud kommt nicht umhin, die - seiner Meinung nach eher noch ungesicherte - Möglichkeit "funktionaler Phänomene" innerhalb des Traums selbst, und zwar als Ausdruck pointierter Übergangsphänomene ebendort (Schwankungen der Schlaftiefe, drohender Traumabbruch), ebenso miteinzuräumen.
2) der Autonomiestatus des "funktionalen Phänomens". - Freud diskutiert es im Kontext der "sekundären Bearbeitung" und setzt es rangmäßig noch unterhalb derselben an; womit schon alles gesagt ist. So wird er nicht müde, ihm eine Sonderstellung innerhalb der latenten Traumgedanken, des somnialen Gedankenmaterials, abzuerkennen (die "psychischen Vorgänge bei der Traumbildung" seien für ihn "ein Gedankenmaterial, wie alles andere"), ja, er insinuiert ihm, weiter degradierend, den Charakter gewöhnlicher Tagesreste. Mehr noch, sein Ergänzungswesen drückt sich insbesondere darin aus, daß es sich, unselbständig, wie es ist, an finale manifeste Trauminhalte, die es für sich umfunktionalisiert, bloß anschließt.
Auf der Seite seiner "Form", der es ausbildenden Instanz, begegnen ebenso Abhängigkeitsverhältnisse. Sein - selbst auch von sich her einschlägiges Material lieferndes - Organ ist die Traumzensur, in der Silbererschen Version die - paranoischer Züge nicht entratende - Selbstbeobachtung. Die Zensur aber ist als Extrapolat des Wachdenkens in den Traum selbst nicht traumauthentisch. Fazit: weder material noch formal kann das "funktionale Phänomen" als gänzlich heteronomes Gebilde wesensmäßig dem Traum zugehören.
3) die in Frage kommende Personengruppe. - Es ist nach Freud der fragwürdige Vorzug philosophisch begabter Menschen, naturwüchsige "funktionale Phänomene" zu erzeugen. Welche Einschränkung im engsten Zusammenhang mit der These der Verwandtschaft von Systemphilosophie und Paranoia (endopsychische Wahrnehmung, Beobachtungswahn) steht.
4) (von Silberer nicht verschuldeten) negativen Auswirkungen. - In seiner Rezeption verführt nach Freud das "funktionale Phänomen" zu eindeutigen Symbolfestschreibungen ("Schwellensymbolik"). Ferner neigt es zu
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inflationärem Gebrauch: wenn immer in Träumen Vorgänge im resultierenden Trauminhalt erschienen, so würden sie ungerechtfertigtermaßen als "funktionale Phänomene" geltend gemacht.
II
Wie man sich leicht überzeugen kann, unterstellt Freud in seiner differenziertesten Kritik des "funktionalen Phänomens" eine Normalitätsverfassung des Traums, die jenes, des "funktionalen Phänomens", Abweichung davon dezent zu pathologisieren sich untersteht: das strittige Phänomen als eine Art Krankheit.
Zusammengefaßt mißachtet diese Pathologie-angenäherte Abweichung, die offensichtlich mehr ist als eine letztlich zu vernachlässigende, bedingt höchstens interessante Marginalie, entscheidende Differenzen, die den Traum als Normaltraum bestimmen. Es sind dies durchgehend diejenigen Differenzen, die die Freudsche Begriffe-Trias: Traumgedanke, -arbeit, -inhalt ausmachen und die im "funktionalen Phänomen" dissident indifferenziert erscheinen. Denn: bleibt als Traumgedanke, als somniales Material einzig die Traumarbeit selbst in actu übrig - so ja das Kriterium des "funktionalen Phänomens" -, so fallen Traumgedanke und Trauminhalt ebenso zusammen, wie das Träumen und die Traumerinnerung. In der penetranten Selbstreferentialität der Traumarbeit passiert weiland so etwas wie die Infinitesimalisierung der Traumgrenzen, der -übergänge im Traum selbst dann, die keinerlei Spielraum mehr der Überdetermination erlaubt und eine Hyperaktualität von Zeugenschaft stipuliert, die sich dem Terror der psychotischen Selbstbeiwohnung als mindest verwandt erweist. Die randständige schöne Ergänzung demnach als der drohende Einbruch von Geisteskrankheit; wogegen es überfällig wird, das Register der Traumnormen in aller Überspitzung gegenzuführen: siehe im Schema II: die Kriterien des Traumoptimums der besagten Freudschen Begriffstrias entlang, schroff abgesetzt von den entsprechenden Traumpessima des armen, gefährlichen "funktionalen Phänomens".
Weitestgehend hat sich diese Freudsche Gegenmaßnahme - man könnte sie die Stabilisation der anamnestischen Sicherheitsverwahrung des Unbewußten nennen - in der Geschichte der Psychoanalyse, wenn immer sie es überhaupt für nötig befand, auf das "funktionale Phänomen" einzugehen, aufrechterhalten. Jedenfalls verhält sich Freud beispielhaft so, als breche, gänzlich wider den Wortlaut seiner verharmlosenden Kritik, am Indifferenzort des "funktionalen Phänomens" a fortiori die tiefste Unterwelt aus, als falle eben hier, wo doch das Unbewußte zugunsten der Flachheiten des Wachheitszustands verkannt sei, die Apo-kalypse unvermittelt, nackt, direkt horrenderweise ein. Ins Haus steht mit dem "funktionalen Phänomen" in der Tat der psychotische Zusammenfall der Wort-
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mit der Sachvorstellung, des Traumgedankens mit dem Trauminhalt, gar in der doppelten Rücksicht, daß die Traumempirie als -erinnerung sich aktualisiert: die vermittelnde Traumarbeit restlos sich selbst gegenwärtig alle ihre Operationselemente selbstreferentiell kassiert. Die göttliche Traumpointe als -abgrund, -absturz - das war Freud der floriden Psychotik entschieden zu viel. Freuds Aversion - wenn man sich so ausdrücken darf - dem "funktionalen Phänomen" gegenüber, also wider autoreferentielle Phänomene, in denen sich der Knecht zum Herrn aufwirft, die Vermittlung sich totalisiert, erstreckt sich mit auch merklich auf die nämlichen Phänomene, die ja kriterial sind für die künstlerische Moderne, in denen Freud wider seine konservative Klassikoption dieselbe Schizophrenisierung am Werke sehen mußte wie in Silberers "funktionalem Phänomen", dessen publikatorische Vorstellung wohl nicht von ungefähr auf dasselbe Jahr datiert wie u.a. Schönbergs erste Kompositionspassage in freier Atonalität. (Wie weit Autosymbolismen im Sehbereich hinwiederum Klangvisualisierungen seien, das wäre in diesem Zusammenhang ein Problem für sich - immerhin gilt Freud ja, auch nach seiner eigenen Auskunft, als unmusikalisch. Auch liebte er, nach Guattaris Verdikt, die Psychotiker nicht gerade.) Diese Konservativität dürfte auch ein Mitgrund dafür sein, daß Freud die "Zivilisation" gegenüber der "Kultur" bevorzugte, ja sogar, tabuisierend, von der psychoanalytischen Kritik ausnahm - immerhin: auf einen surrealistischen Stuhl wird man sich schwerlich setzen können. Bei oberflächlicher Betrachtung imponiert Silberers Bescheidenheit; allem Anschein nach nämlich machte er überhaupt keine Anstalten, seine offenbar irritierende Entdeckung, das "funktionale Phänomen", als Revision der Freudschen Traumtheorie zu betreiben, im Gegenteil, durch die Unterscheidung des "funktionalen" vom "materialen" und "somatischen Phänomen" bestätigte er sogar, so sollte man vermuten dürfen, die Freudsche Supplementthese, und gab sich wohl insgesamt auch in diesen Dingen konzessiv. Warum aber dann Freuds überaus ausgeprägtes Restriktionsbedürfnis, warum, mehr psychistisch gesagt, eine Art von aufgeregtem Mißtrauen?
III
Alles in allem schreckt Freud vor seiner eigenen traumtheoretischen Basisprämisse zurück (um sie dann freilich in einer quasi domestizierten Weise aufrechterhalten zu können) : daß der Traum - Normalpsychotik sozusagen, die gleichwohl büßen muß - die via regia zum Unbewußten sei, demnach die Stunde, nein: der Moment, der Vorübergang der Wahrheit, die geheime Offenbarung/die Apo-kalypse (im buchstäblichen Sinne - der vorab beschworene repetierte Sterbensaugenblick, dessen magische Prophylaxe), säkular nüchterner ausgedrückt: die Bewußtmachung des Unbewußten bis auf den Grund, anscheinend ohne Sicherheitsabstand, oder besser: im Sinne des Endgebrauchs des
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Bewußtseins als sich darin verzehrende Folie der Eintragung des Unbewußten, und dies ja bloß, weil somnial, imaginär, sprich: halluzinativ. Das kann garnicht anders sein, denn: wenn die Traumarbeit sich exklusiv selbstthematisiert, dann müssen Traumgedanke und Trauminhalt, genauer wohl: Sach- und Wortvorstellung, Signifikat und Signifikant, und in einem damit der Traumakt und die Traumerinnerung zur Aktualität schlechthin, dem Eintritt der Präsenz, zusammenfallen. "Einmal (nein: einige Male) lebt' ich wie Götter, / und mehr bedarfs nicht"? Gewiß, aber der Preis, der darauf steht, ist horrend, indem er die gesamte condition humaine, den Absturz der Kreatur aus der Höhe des angemaßten göttlichen Augenblicks enthält; eben die Apo-kalypse, will sagen: Bloßlegung als Zerstörung, somnial freilich immer nur vorsorglich simulativ.
Hier der Kostenvor- und -nachanschlag dafür:
- der Traum ist Artefakt der "naturwüchsigen" Gedächnisisolation, des memorialen Selbstbezugs, zur Produktion schlechthin überhoben, und untersteht so dem apostrophierten einzigen Zweck der erkenntnisprämierten Einübung ins Sterben, oder, wissenschaftlich trocken und diszipliniert gesagt, des "Gedächnistrainings", der "Langzeitpotenzierung";
- als solcher geschieht er, macht wie für sich seinen Weg, geht wie automatisch seinen Gang, und muß also, um zu dem angesonnenen Zweck zu taugen, eigens wohl in dieser Rücksicht aufgenommen, und das ist re-repräsentiert werden, so daß spätestens in seiner Theorie die besagte anamnestische Sicherheitsverwahrung Einzug halten muß;
- indem er als "paradoxer Schlaf" - Wachen im Schlafen/Schlafen im Wachen - sich, sich permanenent selbstfraktalisierend, selbstauflöste, führt er eo ipso zur Katastrophe (wiederum im doppelten Sinne des Ausdrucks) des Erwachens, und traumimmanent entsprechend als Erwachensinfinitesimalisierung zurück zum traumherkünftigen traumlosen (Tief)schlaf: la petite immortalité en tant que le petit mort (das "funktionale Phänomen" als Wecker, der seine Weckensfunktion visuell nicht mehr unschädlich zu machen vermag und tatsächlich dann weckt);
- seine Erinnerbarkeit expressis verbis, ohne die er ja nicht wäre (die Traumempirie ist die Traumerinnerung!), stellt als somniale Sonderrepräsentation einen offenen Störfall mit Selbstaussicht, -nachsieht auf seine Überwindung dar; Katastrophenfall, der aller Repräsentation - der "Stupefaktion" des bewußtlosen "Willens" zum bewußten "Intellekt" - eignet, indem er sensuell konkretes Vorstellen (Vor-sich-Hinstellen: die "Rücksicht auf Darstellbarkeit") mit dem Anspruch einer im Endeffekt kausalen Verfügung (wissenschaftlich) gewiß höchst erfolgreich, jedoch letztlich vergeblich, verbindet;
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- in sich verpaßt er sich per definitionem den Hadesfluß Lethe, nein, mehr noch: ein Weltmeer des Vergessens: der erinnerte Traum je die erinnerbare Spitze eines nicht erinnerbaren Eisbergs. Umso besser, nämlich als Indiz der Ausgeglichenheit des Träumers? Nein, zugleich womöglich umgekehrt die Anzeige eines Übermaßes an gedächnisfeindlichem traumatischem Störfall, als materiales paranoisierendes Entzugspendant zur invers geöffneten Einsicht letztlich immer in einen Selbstgewahrungshorror durch die "Zensur" zumal, und allemal dem Phantasma der Präsenz schmählichst zuwider;
- seine Materialität - der Umstand, daß es nichts gibt, das die Traumarbeit nach der Maßgabe eines auf Fraktalitätskurs befindlichen Aufschubgezerres nicht irgend zu inszenieren imstande wäre, mutet wie die Travestie des somnialen Erinnerungsminimums, des ja ausgedehntesten Traumvergessens an. Aber die Beliebigkeit dieser wie unendlichen sujet-Fülle trügt, unbeschadet je ihres pars pro toto-Charakters, der wiederum über diesen Trug hinwegtäuscht: streng determiniert nämlich ist die Auswahl der Inszenate nach dem Kriterium der repräsentativen Notwendigkeit, dem Störfall-, dem Katastrophenwesen dessen, als was sich die selbstreflexive Traumarbeit selbstdarstellt, welcher Maßstab ja bis hin zur expliziten Traumerinnerung wirksam werden kann. Worin dann aber noch der anscheinend unter der Hand geschwundene Unterschied zur Freudschen psychoanalytischen Traumbeanspruchung besteht? Im Vorrang der Katastrophalität je nicht der Probleme des PsychoSubjekts, vielmehr der betroffenen Dinge (des also adaptierten Begriffs des "materialen Phänomens") und der Körper (desgleichen des "somatischen Phänomens"), die immer mit Dingvorrang wechselseitig aneinander entstehen und in diesem Verhältnis durch den Traum memorialisiert werden.
IV
Traumbeispiel:
Ich stehe vor dem großen Schaufenster eines Kaufladens wie unter menschenleeren Arkaden, um Milchprodukte und Obst zum Frühstück einzukaufen.
Mir ist irgendwie klar, daß der Laden solange nicht öffnet, ich nicht bedient werden und einkaufen kann, bis die Tochter der Geschäftsinhaberin zurück ist. Ich weiß zudem, daß sie im oberen Stockwerk des Hauses, in dessen Parterre sich der Laden befindet, Elfriede Jelinek, die dort wohnt, besucht und längst schon überfällig ist.
Während ich warte, vergesse ich meine Absicht einzukaufen. Der Laden verwandelt sich in ein großbürgerlich vornehmes (holländisches?) Wohnzimmer mit edlen alten Möbeln, in das man Einsicht nehmen kann, wie wenn es im Museum ausgestellt wäre. Mir fallen während seines Anblicks aber, bedrängend
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déjà vu-haft, zahlreiche Läden, Verkaufsstände und dergleichen ein, wie ich sie in vergangenen Träumen vor mir sah, jedoch nicht erinner(t)e.
Als sich die Rückkehr der Tochter ankündigt, öffnet die Inhaberin, die Mutter, die sich durchgehend, sich irgend zuschaffen machend, im Laden/Wohnzimmer aufhielt, das Geschäft, indem das Schaufenster verschwindet und ich mich am äußeren Rande des offenen Raums als einziger Käufer befinde. Ich ordere die gewünschte Ware, im Blick (erinnernd) halte ich indessen nur einen Joghurtbehälter, der eher wie ein durchsichtiges Plastikkörbchen für Obst und auch Tomaten aussieht und dessen Inhalt, angeblich Joghurt, verdorben, wie schimmelig, anmutet; was ich aber nicht reklamiere. Die unterdessen anwesende, sich für ihr langes Ausbleiben entschuldigende Tochter läßt die Mutter, weiter bedienend, opportunermaßen, gewähren.
Ich bemerke noch, daß ich einen schlecht leserlichen Kassenbon des Geschäfts in den Händen habe, dort vorher also schon (was?) eingekauft, aber nicht bezahlt habe; was ich in einem mit der Bezahlung der jetzt gekauften Ware (auch wohl noch Quark und Obst [?] ) zu erledigen vorhabe.
Die Szene zerfällt progressiv. Ich bin wohl kurz - vor dem beginnenden Morgengrauen - erwacht.
Auffällig war, daß die beleibte Mutter und die eher schlanke Tochter, mir gänzlich unbekannte Personen, auch in ihrer Funktion als Verkäuferinnen unangemessen vornehm gekleidet und frisiert blieben.
Unklar, ob sich in dem Ladenlokal/dem Wohnzimmer nicht doch noch weitere Personen aufhielten - wenn, dann ein älterer unscheinbarer Mann?
Diesmal war es zwar kein merklicher Tagungszusammenhang, aber doch der Aufenthalt in einer fremden Stadt, wohl nicht allein, jedoch mit wem noch?
Die Tageszeit ist nicht identifizierbar - am ehesten morgens.
Der Traum war sehr farbig, die Farben jedoch gedämpft, dämmerig, übergängig.
Interpretation des ersten Satzes:
"Ich stehe vor dem großen Schaufenster eines Kaufladens... "
In diesem initialen Szenarium stellt sich der Traum selbstdar:
Als Konkretismus des Dramas der Absperrung der Wort- von der Dingvorstellung (,barre'): ich jene, und die ausgelegten Waren (Nahrungsmittel) diese. Ich als wartender Käufer, im aufschiebenden, die Erhaltung der Imaginarität fördernden, wenngleich immer auch in Frage stellenden, Wartestand.
Derart postiert, daß - die Größe des Schaufensters! - die unbegrenzte Endlichkeit des eigenen Gesichtsfelds sich mit der Unsicht der Schaufensterbegrenzung mischt, und das heißt: die transparente Sperre setzt nicht aus, man sollte demnach ihrer sicher sein können?
Mit dem Kaufladen evoziert sich das repräsentative Zwischenstück legitimer Inbesitznahme der Nutrimente vor dem Verzehr als radikaler Form der
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Entsperrung - ein weiterer, eo ipso labiler Aufschub nach dessen prinzipieller Aufhebung, jetzt noch potentialiter.
. Es ist ein unbekannter/unvertrauter Kaufladen, sprich: die Orientierungsnötigung fungiert als - unvermeidlicherweise auch dubioser - Dilationsfaktor.
" ... wie unter menschenleeren Arkaden, ... "
Frühmorgens, als erster auf den Beinen, ungehindert durch Publikum/Einkaufskonkurrenten - so kann man zielstrebig zu Werke gehen und hat den ganzen Tag vor sich: viel (Traum)zeit! Aber nein, leider umgekehrt: ohne Mitkundschaft ginge der Einkauf womöglich zu rasch vonstatten (würde die Annäherung an die den Traum beendene Entsperrung beschleunigt) und, mehr noch: welche kollapsgefährdete Überwertigkeit, den Schlußteil des Wachwerdensrituals, wenngleich aufgelängt (das Frühstück findet nicht etwa, unaufwendiger, im Hotel statt - wo aber, wenn ja nicht, wohl noch unaufwendiger, zu Hause, dann?), vorwegzuträumen! Sollte dagegen die Mitträumung der - allerdings schon halblecken - Schlafhülle, die Abhaltung des Tageslichts, die selenische Zwielichtigkeit (künstliche Beleuchtung!) der Arkaden, frommen, deren volle Ansicht ("wie unter Arkaden") sie wohl verschwinden machte?
.., um Milchprodukte und Obst zum Frühstück einzukaufen."
Frühstück - eher doch die Beiläufigkeit des Verzehrs? Und zudem sich steigernd exkulpativ: laktovegetarisch, und auch ausgeglichen. ... Aber was nutzen alle diese 'différances' schon, indem sie nutzen? ...
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Schema I
funktionales Phänomen
Restriktions-
(Marginalisierungs)
Dimensionen
latenter Traumgedanke =Traumarbeit
(Gesetzmäßigkeiten der
„Rücksicht auf Darstellbarkeit"/
Symbolisierung)
= manifester Trauminhalt
Vorkommen/Topoibetreffend Schlaf-/
Traumgrenzen

betreffend Übergänge
im Traum selbst
Transit-Phänomene:

Aufwachen (Einschlafen [experimentell])

Schwankungen der Schlaftiefe
Traumabbruch




(ungesichert!)
Autonomie
(unterhalb der
sekundären Bearbeitung)
Materialherkunft

Instanz(en)herkunft
indifferentes Gedankenmaterial, angeschlossen an finale
manifeste Inhalte, supplementär; gewöhnliche Tagesreste

Wachdenkens-Extrapolat Zensur/Selbstbeobachtung (paranoid)
(auch selbst Materiallieferant)
Personengruppephilosophisch begabte, an Introspektion
gewöhnte Personen (seltenes Vorkommen)
negative FolgenBegünstigung eindeutiger Symbolfestlegung
inflationärer Gebrauch
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Schema II
betreffendTraumoptimum„funktionales
Phänomen"
Traumgedankenlatentes/unbewußtes
- infantiles/verdrängtes -
Material
Tagesreste
Aktualität der
Traumarbeit
TraumarbeitAufgang in der Funktion der
Übersetzung des Traumgedankens
in den -inhalt

Anathematisierung der
Traumgrenzen (auch immanent)
aufdringlich selbstbezüglicher
Hervortritt als
einziger Traumgedanke

Zusammenfall von
Traumgedanke und -inhalt
Traumgrenzen-Besetzung (auch immanent)
speziell sekundäre
Bearbeitung/Zensur
Durchsichtigkeit auf den
latenten Traumgedanken hin
Hegemonie als paranoide
Selbstbeobachtung
TrauminhaltÜberdetermination,
insbesondere der Traumsymbolik
Univozität der
(Auto)symbolik
speziell dessen
Präsentationsweise
Trennung von Träumen
und Traumerinnerung
Zusammenfall von
Träumen und Traumerinnerung
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Schema III
Traum = funktionales Phänomen
ÜberwertigkeitskriterienSelbstbezug der Traumarbeit
Zusammenfall von Traumgedanke und Trauminhalt
Zusammenfall von Traumakt und Traumerinnerung
ultimative Bewußtheit des Unbewußten
Absturzkriterien
derselben
selbstbewußtlose Gedächtnis-
isolation, nicht auf einmal
Inbegriff
magischer ObservanzZweck
begrenzt („Wecker")Extension
repräsentativ-katastrophischIntension
katastrophisch determiniert
(„alles und nichts")
Modus
indifferent anamnestisch
(„Im guten wie im Bösen")
Indizium
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Literatur
Herbert Silberer.
In: Elke Mühlleitner: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902 - 1938. Tübingen. edition diskord. 1992. S. 301 - 303. Einschließlich Bibliographie
Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Studienausgabe Bd. 11. Frankfurt/M. Fischer. 1972. S. 223 - 224; 339 - 340; 483 - 485
Ders.: Zur Einführung des Narzißmus.
In: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe Bd. III. Ebd. 1975. S. 63 - 64.
Magisches und anderes. Vortragender: Herbert Silberer. (18. 1. 1911. 127. Protokoll).
In: Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Hg. H. Nunberg/E. Federn. Bd. III. 1910 - 1911. Frankfurt/M. Fischer. 1979. S. 125 - 131
Funktionales Phänomen.
In: Das Vokabular der Psychoanalyse. Hg. J. Laplanche/J.-B. Pontalis. Bd. I. Frankfurt/M. Suhrkamp. 1973. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 7. S. 159 - 160
Traumphilosophische Publikationen (Auswahl)
Schlaf.
In: II Pathognostische Miniaturen, in: Pathognostische Studien III. Psychoanalyse - Krisis der Psychoanalyse - Pathognostik, Essen: Die Blaue Eule 1990 (Genealogica Band 20), S. 336-338
Briefwechsel mit Rudolf Heinz.
In: S. Gerlich, Sinn, Unsinn, Sein. Philosophische Studien über Psychoanalyse, Dekonstruktion und Genealogie, Wien: Passagen 1992 (Passagen Philosophie), S. 143 - 198 und 217 (Anmerkungen); Briefe: S. 175 - 198
Traum - ein exemplarisches autopoietisches Phänomen?
In: II Psychopathologie/Traum, in: Zerstreuungen. Aufsätze, Vorträge, Interviews zur Pathognostik, Wien: Passagen 1993 (Passagen Philosophie), S. 163 - 172
Zur Sinnendifferenzierung im Traum.
In: Ebenda, S. 173 - 185
Somnium Novum. Zur Kritik der psychoanalytischen Traumtheorie, Vol. I, Wien: Passagen 1994 (Passagen Philosophie)
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Somnium Novum. Zur Kritik der psychoanalytischen Traumtheorie, Vol. II. Hg. zusammen mit K. Th. Petersen, Wien: Passagen 1994 (Passagen Philosophie)
Hot Memories.
In: R. Bohn u. D. Fuder (Hg.), Baudrillard. Simulation und Verführung, München: Fink 1994, S. 203 - 215
Fragestellungen der Traumpathognostik.
In: Die Tages- und die Nachtansicht, in: Metastasen. Pathognostische Projekte, Wien: Passagen 1995 (Passagen Philosophie), S. 99 - 101
Vorbereitungen zu einer Algorithmisierung der Ablaufform von Traum. In: Ebenda, S. 103 - 105
Informations- und Arbeitspapiere zur Selbstreferentialität des Traumvorgangs. In: Ebenda, S. 107 - 110
Schlafen - Träumen - Wachen. In: Ebenda, S. 111f
Phantasos.
In: Incommensurabile. Versuch eines sinnenphilosophischen Aufschlusses (Zu Heide Heinz: „Treppenwitz"). In: Ebenda, 5.219-223
„In festen Schlaf verschließ ich dich".
In: H. Heinz u. R. Heinz: Hall. Text-Jungfrauen mit üblen Nach-Reden. Wien: Passagen 1995 (Passagen Schwarze Reihe), S. 185 - 189
Rund um die Uhr. Gedanken zu Kontinuität und Bruch in Schlafen, Träumen sowie Wachen.
In: E. Goodman-Thau u. M. Daxner (Hg.), Bruch und Kontinuität. Jüdisches Denken in der europäischen Geistesgeschichte, Berlin: Akademie Verlag 1995, S. 243 -248
Nacht-Körper-Angelegenheiten. Philosophische Notizen zum Schlafwandeln.
In: R. Heinz u. Chr. Weismüller, Nachtgänge. Zur Philosophie des Somnambulismus, Wien: Passagen 1996 (Passagen Philosophie), S. 79- 154
Selbstvorstellung mit einer Probe psychoanalysekritischer Trauminterpretation.
In: texte. psychoanalyse. ästhetik. kulturkritik. Hg. G. F. Zeillinger, A. Ruhs, J. Ranefeld u. E. List, Heft 4, 16. Jg., Wien: Passagen 1996, S. 35 - 40
Wagner Ludwig Nacht Musik, Wien: Passagen 1998 (Passagen Philosophie)
Traum-Traum 1999. Zum Zentenarium der Traumdeutung Freuds. Mit Beiträgen von Christoph Weismüller, Wien: Passagen 1999 (Passagen Philosophie)
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