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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Nachlese zur pathognostischen Traumkasuistik (Pathognostische Studien V, 1999, Essen, Die Blaue Eule, 120-133)
Fulltime der Selbstdarstellung des Traums kurzum als "paradoxer Schlaf": die Notbremse ultimativer Traumschlaferhaltung - das ist immer alles, ein Gesetz, in dem sich alle somnialen Gehalte, alle Welt, vollends erschließt.
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Diesmal (weshalb dieses Mal so? Eine Frage ohne Antwort, gleichwohl): Extrem der Träumung des Nachtwandelns: "Übersprunghandlung" als Abfang "abnormer Schlafvertiefung". Folgerichtig paranoischer bis schizophrener Horror der Selbstbegegnung, sich abtragend schließlich.
Ich liege in meinem Bett in meinem Zimmer in unserer jetzigen Wohnung im Sterben. Frau und Tochter, vielleicht aber auch Mutter und Schwester, sind anwesend. Ich beschließe, im vollen Bewußtsein der Möglichkeit dieser Wendung im Ganzen, sterbensverhindernd aufzustehen, was mir sehr kraftvoll gelingt. Während meines Aufstehens sorgen die beiden Frauen dafür, daß weder durchs Fenster noch durch die Tür Lichtschimmer dringt, indem sie Riesenhandtücher vor diese Öffnungen zu halten versuchen. Ich verlasse darauf das Zimmer, betrete den Flur und bemerke, alsbald von panischer Angst ergriffen, daß rechterhand aus der Badtür die Andeutung einer weißen Gestalt hervorkommt. Trotz der Angst passiere ich erfolgreich diese Gefahrenstelle, höre aber mit potenzierter Ängstigung, daß im Wohnzimmer die Schreibmaschine in Tätigkeit ist, was eigentlich nicht sein kann.
In einem weiteren Traum am folgenden Morgen wurde aus dem Badgespenst eine Art von mich abfangendem Empfangskommitee: drei ältere Herren, wie Diplomaten dekoriert, etwa auch wie Kleriker in Zivil anmutend, und ein jüngerer Herr in äußerst vornehmer weißer Handwerkerkleidung, der im Türrahmen des Bades stand. Meine Beängstigung ließ sich ein wenig durch die Mitteilung beschwichtigen, es handele sich um Fliesenleger. Zudem dejà vu dieser Schreckgestalten im Traum.
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Ebenso Extrem (immerdar) des Rekurses auf die traumkriteriale Selbstreferenz des Gedächtnisses, irrtümlicherweise als faktische Schrift. Und frustraner Genrewechsel in den Traum retour (Auto).
Das Texte-Corpus der "Pathognostischen Studien IV" ist aber doch noch nicht komplett... Irgend in diesem Zusammenhang sind meine Frau und ich dabei, einen größeren Einleitungstext dazu umfassend zu korrigieren. Dabei aber stellen sich unlösbare Probleme ein: der zu korrigierende Text steht uns immer nur zum Teil, lückenhaft, fragmentiert, zur Verfügung; zudem fehlt seine Korrekturkopie, und mehr noch: er enträt der gehaltlichen Referenz; und schließlich erweist er sich in dieser seiner zerstückelten Referenzlosigkeit für eine Einleitung als unbrauchbar: zu schwerblütig sozusagen. Während uns die Korrekturarbeit also mißlingt, kommt zugleich mein draußen geparkter PKW - wir befinden uns in meinem Geburtsort - abhanden. Ich gehe auf die vergebliche Suche nach ihm.
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Extrem der Paradoxalisierung: Progression/Regression, Geburt/Tod. Deren Pseudolösung als Hypostase des Übergangs sodann mit allen - abgehaltenen - Schikanen.
Ich befinde mich mit meinem PKW in der Einfahrt zu einer Entbindungsanstalt riesigen Ausmaßes. Über dasselbe wird irgend auch gesprochen: tausendsoundsoviel Quadratmeter! .... Die Architektur hat die Anmutung eines Parkhauses, so wie etwa in der Wuppertaler Uni; nicht weniger eines Hallenschwimmbads (Baustelle "Bergische Sonne"). Da die Zufahrt mindest dreispurig ausgebaut ist, könnte man ebenso meinen, sie sei eine Fährschiff-Zufahrt. Die Einfahrtssperre selbst hat etwas von einem U-Bahneinlaß an sich (einseitige Drehtür). Wenn man mit dem Auto kurz davor angekommen ist, so verschwinden die PKWs plötzlich - man wird zum Fußgänger.
Die Einfahrt geht links zur Seite vonstatten. Rechterhand hat man Einblick in eine Art von Behandlungszimmer, das mit Abfall - defekten medizinischen Geräten, gebrauchten Spritzen und dergleichen - an seinen Rändern angefüllt ist. Bereits kurz vor der Sperre und schon zum Fußgänger geworden, beobachte ich meine Vorgänger, die die Sperre zu passieren haben. Genau besehen, besteht diese aus drei Erhöhungen von pechfarbenem, matt glänzendem Aussehen. Man könnte vermuten, diese seien aus Karton oder aus einer zähen kompakten Masse. Jedenfalls müssen diese Hindernisse überwunden werden. Am ehesten, indem man über sie klettert? Das tut aber niemand; man muß offensichtlich eine Art von Purzelbaum oder sogar Handstand-Überschlag darüber vollführen. Und dies nicht nur einmal, mehrmals vielmehr kontinuierlich hintereinander und absurderweise nicht in den wohl abschüssigen Raum hinter die Sperre, sondern zugleich davor zurück.
Ich bange, solches zu können. Einer, der mittlere meiner Vorgänger, vermag es glänzend; der rechte schon wesentlich schlechter und der linke überhaupt nicht. Um sich zu helfen, hüllt dieser sich in die Erhöhungen-Masse ein und entzündet diese Hülle, wobei er seine Kleider gefährlicherweise mit in Brand setzt. Ich treffe Herrn K. (Medienwissenschaftler), der von links hinter mich tritt, wie wenn ich noch im PKW säße. Wir tauschen en pasant Artigkeiten aus, die irgend damit zu tun haben, daß ich gleichwohl diese Sperre noch passieren könne.
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Abermals große Hypostase des Übergangs als Perpetuierung der Vertikalen, gar mit dem Mirakel bi-lateraler Ausbuchtungen. Wie sollte das auf die Dauer gutgehen?
Ich bin - warum? - gehalten, in einem großräumigen Fabrikaufzug zu fahren. Dieser ist wohl nicht im allerbesten Zustand, wirkt klapprig; hat aber die wundersame Fähigkeit, sich horizontal-lateral, vor allem wohl nach rechts, zu versetzen, so daß die verschiedensten Stellen des Gebäudes erreicht werden könnten, ohne daß sie de facto aber erreicht würden. Insbesondere die Abfahrten sind heikel. Während der letzten Auffahrt bedient ein mitfahrender Herr willkürlich selbstherrlich die Steuerungsapparatur, was er auch noch fadenscheinig zu rechtfertigen versucht. Jedenfalls bleibt der Aufzug dadurch oben auf der letzten Etage stehen, und ich sehe draußen Blitze, die sich dem Aufzugsgehäuse zwar nähern, aber nichts anhaben können.
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Am Anfang schon am Ende, und der Rest besteht hauptsächlich in der reminiszenten Epik der vehement hypostasierten Vermittlung: Stase apriori. Das kommt davon - man sieht es: Traum, der nichts Halbes und nichts Ganzes ist. (Details? Semper idem. Beispielsweise: final spielt durchweg einer verrückt - Lacan: der Auftritt des Buffo - und zitiert so die Polizei.... Auch: eine fast gelähmte Frau ordert ihren handwerklich ambitionierten Ehemann als Retter in der Not - Bock, der also zum Gärtner gemacht wird. Und - fractaliter - sofort!)
Ein Straßenbahnunfall. Ich befinde mich außerhalb der Straßenbahn hinter dem letzten, nach hinten weit geöffneten Wagen, ohne daß diese Öffnung mit dem Unfall etwas zu tun hätte: sie sieht zwar wie eine schwere Beschädigung aus, ist aber keine solche. Die vorderen Wagen reichen in eine Art von Tunnel - ein U-Bahntunnel, wie ein enger Sackbahnhof -, nicht mehr sichtbar, hinein. Die Strecke zu diesem hin ist leicht abschüssig, so daß ich, mit anderen zusammen, auf einer kleinen Anhöhe stehe. (Innerhalb des Tunnels befindet sich wahrscheinlich eine Steigung.)
Der Unfall bestand wohl darin, daß die Straßenbahn eine Art von Sperre durchfuhr. Diese befand sich linkerhand etwa auf der Höhe des Vorderteils des letzten Waggons und bildete eine Art halber "Wildwesttür", die allerdings befestigt/feststehend war. Die Straßenbahn durchfuhr dieses halbe Hindernis, so aber, daß dieses nicht nach vorne, sondern nach hinten gewaltsam geöffnet erschien: so als ob die Straßenbahn in die umgekehrte Richtung gefahren wäre. Die Sperre ist dreiecksförmig, metallen-kompakt und mit runden Schraubenvorrichtungen versehen. Offensichtlich bremste sie die - sie durchfahrende - Straßenbahn bis zu deren Stillstand ab. Oder hielt die Straßenbahn etwa deshalb an, weil die linken Seiten der Waggons durch die Sperre geschrammt wurden?
Zu den wohl schon vorher ausgestiegenen Fahrgästen auf der Anhöhe, wo ja auch ich stehe, kommt Polizei hinzu. Der Straßenbahnführer wird rechterhand unterhalb der Anhöhe wie in einer Vertiefung sichtbar und beginnt mit gerötetem Gesicht, so daß der Argwohn aufkommt, er sei angetrunken, über den Unfall langwierig zu sprechen. Rechts neben dem Tunnel, weiter entfernt, befinden sich, von Bäumen weitgehend verdeckt, gartensiedlungshafte Häuser; rechts zur Seite, ebenso fast waldverdeckt, ein Gartenstück. Von den Häusern aus ordert Frau St. (MS-Patientin) ihren in dem Garten arbeitenden Mann (Miteigentümer) zur Unfallstelle, genauer zu der Anhöhe und der Vertiefung, damit endlich etwas geschehe. Welche trotz der Entfernung gut vernehmliche Order wie eine Befreiung wirkt.
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Der - allzeit läppisch raffinierte Aufschub des Weckers (entropische Konzentration der Tiefschlafsensualität als Erwachen) sowie, a fortiori, der - notorisch die "Rücksicht auf Darstellbarkeit" nichtenden - Mahlzeit. Dreifachgenäht hält dagegen nicht besser: Geburt, Ausscheidung, Weinen -zum größten Teil schon geschehen, de trop und in sich verdorben.
Ich soll in einer sehr belebten Waldbühne, deren Mittenplateau oder aber Tribüne (wie in der Wuppertaler Schwimmoper) auf einem breiteren Absatz mit der Tochter auftreten. Uns kommt aber eine - mir irgend bekannte - junge Sängerin, eher noch Gesangsschülerin, mit einer spanisch aussehenden Pianistin zuvor. Wir ziehen uns aus Gründen der Höflichkeit fürs erste zurück. Die Sängerin, blond, gebleicht, ist auffällig flach, "anorektisch", die dunkle Klavierbegleiterin hingegen ausladend üppig. Die Tochter möchte sich eher nach unten ins Publikum, um zuzuhören, zurückziehen; ich bin indessen, wiederum höflichkeitshalber, verpflichtet, während der Darbietung auf dem Absatz zu weilen, gerate aber unversehens weit nach oben. Der Vortrag beginnt - nur daß die Sängerin - sie singt zur Eröffnung "Puer dicesti... (?)" - nicht über die ersten Noten hinauskommt: die fünfte Note gerät daneben, nach oben, schief/falsch. Womit die Darbietung auch schon ihr Ende hat. - Indem ich mich zum Souterrain begebe, wahrscheinlich zu einem Ausgang, überreicht mir die Sängerin einen kleinen rechteckigen Pappteller mit einem Stück geräucherten Fisch, auf dem ein Salatblatt mit einer Art von Meerrettichcreme aufliegt. - Szenenwechsel nach M. (Kleinstadt an der unteren Saar): Gymnasialzeit. Um zur Straße zu gelangen, kann ich mich entscheiden, außenherum oder durch das gesamte Gebäude hindurchzugehen. Ich entscheide mich für letzteres. Draußen, an der linken Seite der kleinen Querstraße zur Verkehrsstraße hin, steht eine Art von Müllkippe, in die ich meinen Teller, auf dem sich jetzt zusätzlich noch eine Riesenportion kleinerer Kartoffelkroketten befindet, entleere. So etwas wie eine Aufsichtsperson ertappt mich dabei, ist auf der Stelle im Gebäude, wo auch ich mich sogleich wiederbefinde. Ich versuche, sie mit Geld zu bestechen, was sie erbost ablehnt. Sie verschwindet in einem Klassenraum, um dort einen Bußgeldbescheid auszufüllen. Als sie wiedererscheint, hat sie sich in einen orientalischen Ausländer verwandelt, der ein Paket herausträgt. Sie öffnet es, und es enthält einen eben wohl erst geborenen Säugling, den sie frischzumachen beginnt. Währenddessen beginnt sie zu weinen. Ich weine mit.
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Travestie der ultima ratio der somnialen Selbstreferentialität auf (Wachens) Theorie hin. Entsprechend Variationen der obligaten Hüllungsnot.
In einem hinteren Kellerraum, zugleich Schwimmbad, leite ich mein Traumseminar. Ans Telefon nach oben gerufen, um mit der Institutssekretärin sprechen zu sollen, muß ich mich lästigerweise bekleiden - ich war in der Badehose. - Im Erdgeschoß in einem Seminarraum versammelt sich meine Gruppe dann, um von Anthroposophen Verbesserungen der Traumtheorie in Erfahrung zu bringen. Diese aber ergehen sich in bloßen Andeutungen darüber, wie sich der Körper in den Traumhalluzinationen repräsentiere, beginnen mich widrigerweise zu untersuchen (Pulsfühlen an den Schläfen) und lobhudeln sich wechselseitig. Die Vortragende und Untersuchende ist Frau Dr. H. (anthroposophische Ärztin) und die Lobhudler zwei Männer, die sich, mit ausländischem Akzent sprechend, wie zur Begrüßung in die Arme fallen. Der eine, von der Seite zu sehen, hat eine dicke säuferische Knollennase.
Ich sehe mich selbst wie im Spiegel, ein wenig mehr wie mein Neffe W. ausschauend, was mir sehr gefällt. Meine Frau sagt dazu, ich könne ruhig zehn Wochen lang so herumlaufen, ohne zum Friseur gehen zu müssen. Auffällig an der rechten Gesichtshälfte die besonders buschige Schnurbarthälfte. - Familienund Gästesituation: Weihnachtsbescherung für die Kinder - alle sind sie mir unbekannt, gleichwohl könnten es Bekannte und Verwandte sein. Ein kleiner Junge mit einem noch kleineren Mädchen kommt aus dem Kohlenkeller, wo er es, seine Schwester (?) anschwärzte, was selbst aber nicht oder nur sehr wenig zu sehen ist. Die Mutter ohrfeigt ihn hart dafür. Alle starren auf diese Szene. Sie muß ihn wegen der Verschmutzung dann auch noch ausziehen.
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Erhaben-martialische Materialisierüng der Immaterialität der - sich zur klanglichen Liquidation anschickenden - somnialen Repräsentation. Mit der Konsequenz von - transsubstantiationsgefährdeter - Abfall-Hinterlassenschaft. (Doch das Leben geht weiter [?])
Sehr bedrohlicher Tiefflug am ehesten von russischen Großkampfflugzeugen, die wie Weltraumschiffe aussehen. Stimmung wie zur Kriegszeit. Sie überqueren, überaus tief fliegend, ein Tal (Moseltal?), streifen am Talausgang Bäume auf einer Anhöhe fast und kehren, wie wenn sie unterhalb der Erde sich retour bewegen könnten, mindest einmal, in derselben Formation und Flugbahn in etwa, wieder zurück. Beim zweiten Überflug, den ich von einer Anhöhe quer zum durch-, überflogenen Talkessel aus beobachte, berührt eines der Flugzeuge in langsamem Sturzflug beinahe den Boden. Ein anderes entläßt eine Unmenge von Luftballons rings um sich herum, die, wie es selbst sodann auch, zu Wolken, ruchbarem Dampf, zerstieben. Besonders eindrücklich die Unten-Aufsicht auf die Flugzeugbäuche während des niedrigen Überflugs: man sieht darauf jedes technische und auch jedes Aufschrift-Detail.
Dies geschieht am helligsten Tage. Danach schlief ich wohl des Nachts. Aufwachend im fortgesetzten Traum finde ich mich in einem nach außen geöffneten Zimmer des Pfarrhauses meines Geburtsorts wieder. Die Flugzeuge sind zwar nicht zurückgekommen, wie allerseits befürchtet, doch haben sie über Nacht seltsame Dinge angerichtet. So gewahre ich, mit dieser Verwirrung, ja diesem Schabernack zusammenhängend, neben der Pfarrhaustreppe eine abschüssige Stelle hinunter ein in eine durchsichtige Plastikhülle verpacktes Holzstück, das von selber läuft. Ferner sind mumifizierte Körperteile - ein Gesicht und wohl auch Hüftstücke - vom Himmel gefallen und liegen auf einer Art Komposthaufen vor der Kirche innerhalb deren leicht steigendem Zugangs; wie überhaupt auffällig allerhand Abfall, darunter ein weißes verschmutztes Tuch, sich um Pfarrhaus und Kirche ansammelte. Ferner gibt es Matschstellen aus hellem Ton, an mehreren Orten; zuletzt im Bereich eines schräg nach unten führenden Wiesenstücks, wo Schulkinder auf den Schulbus, aber schon wie in der Schule dort in Bänken sitzend, warten.
Die Tochter, ebenso auf dem Weg zur Schule, ist schon vor mir aufgestanden und sieht fern, um zu erkunden, wie die Kampfflugzeuge das Fernsehen manipuliert haben (es ist nicht mehr erinnerlich, was, als Störsendung, auf dem Bildschirm genau lief!). Sie tappt dann in den Matsch, auf dem ich hinterlassene Geheimzeichen vermisse, wie probeweise hinein. Ich möchte ihr noch einschärfen, daß sie mich von der gleichwohl stattfindenden Schule aus, wenn erneut Gefahr drohe, anrufen solle, ich könne sie dann mit dem Auto abholen. Sie ist aber schon weg.
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Abermals und noch umfassender: siehe Traum 7, 1. Teil! Sowie wiederausgeweiteter Kurzschluß mit der immer ambige entschärften Träumung des Tiefschlafs, vorgestellt: Unterkiefermodell. (So geht man der Sache auf den Grund.)
Endveranstaltung einer Studienstiftungsakademie in einem ansteigenden, voll besetzten Hörsaal, mit wenig Raum zwischen der Wandtafel und dem Rednerpult. Auch haben sich Zuhörer wegen Platzmangels vor die Wandtafel gestellt. Die Studienstiftler sind zugleich ältere Gerichtsreferendare. Ansonsten hinwieder interdisziplinär zusammengesetzt; wobei ich zudem (dejä vu!) weiß, daß die einzelnen Disziplinen (auch Naturwissenschaften) in dem Ferienakademie-Gelände jeweils ihre eigenen Wohn- und Arbeitsblöcke haben.
Jedenfalls gehöre ich zu den Schlußvortragenden und führe offensichtlich die Pointe meiner Dingtheorie aus, ohne aber diese eigens zu formulieren - fast vorenthalte ich sie dem Publikum -: nämlich daß die Destruktion die Absolutheitserfüllung der Dinge sei. Einer derjenigen Zuhörer, die vor der Wandtafel stehen, persifliert meine Ausführungen. Ich gehe direkt dagegen vor, indem ich expliziere, daß Krankheit Kriegsprophylaxe sei; durch welche These ich ein wenig Beifall einheimse. Halbwegs entschuldige ich mich dann noch bei dem ungezogenen Diskutanten, weil ich recht harsch auf ihn reagiert hätte.
Heimfahrt auf einem Fluß, dem Rhein - er ist wesentlich kleiner, etwa wie die Saar in Merzig, die aber, anders als real, durch die Stadt hindurchfließt. Wir (?) fahren/schwimmen/gehen diesen Flußweg. An einer engeren Stelle ist das Wasser durch eine quere Felsenführung, die zu einem Pfad ausgebaut ist, unterbrochen (und zugleich nicht). Wir weilen auf der linken Uferseite vor diesem Brückenpfad. Ich habe so etwas wie ein Unterkiefermodell oder ein -skelett in Händen, das in seinen Knochenteilen zugleich fleischlich, und zwar wie eine Frikadelle, beschaffen ist, in der die sehr weißen großen Zähne bloß eingedrückt sind. Es ist der Unterkiefer von Frau K. (verstorbene anorektische Ex-Patientin). Frau Dr. B. (ehemalige Hausärztin) sagt dazu, daß dieser Schaden genetisch bedingt sei, als einige wenige Zähne auf den Boden fallen. Sie schlägt vor, das Skelett-Teil in einem Backsteingebäude linkerhand im obersten Stockwerk, wo sich eine Sammlung befände, abzugeben. Sie tut dies selbst dann auch, kommt aber belustigt aufgeregt ohne den Skelett-Teil rasch wieder herunter: oben in der Sammlung sei eine unmögliche verrückte alte Frau, die sie auf der Stelle verjagt habe. Wir überlegen eine Weile zusammen, daß es eine solche Verrücktheit bei Männern nicht gebe. Ich schaue dann recht lange flußaufwärts: der Fluß - am ehesten jetzt wie eine breitere Wupper - verläuft gerade durch die Stadt an Fabrikanlagen vorbei.
(Nach Erwachen kurz wiedereingeschlafen:) Ich befinde mich in einer riesigen Toilettenanlage für Männer mit sehr hohen Wänden, die ganz in Rosa ausgemalt sind.
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Aquarisch-klanglicher Sichtzerfall, NREM/Erwachensgefahr, delegativ nur parierbar/wunderlich pariert. Konservationsoptimierung sodann durch die schwimmende Abdeckung (mit gebührender Schriftepiphanie am Transitort vom Tiefschlaf zum Traum). Und, letztendlich, abermals, der ganze sublime Unfug der Tiefschlafträumung: Plastikwassermann, transsubstantiiert.
Wir, die Familie, sind bei P. (ehemaliger Musikerstudienfreund) eingeladen; mit auch zu einer Tagung. Am Ende des Besuchs/der Veranstaltung führt P. in einem kleineren Hallenschwimmbad das folgende Kunststück vor:
Im Schwimmbecken treiben unter Wasser einige Balken längs von rechts nach links, so als herrsche in diese Richtung eine leichte Strömung. Immer nun, wenn P. ins Becken springt und untertaucht, fügen sich die treibenden Balken an der Wasseroberfläche zu Figuren oder auch zur Andeutung von Gerätschaften, die alle mehrere rechte Winkel aufweisen.
Ich möchte dasselbe Kunststück vollbringen. Doch das Becken ist kleiner geworden, von Balken überfüllt, das Wasser schmutzig-trüb und mit Pflanzen bewachsen; auch sind zuviele Zuschauer, wenn nicht Badegäste, in dem Schwimmraum versammelt. Ich ziehe mich nackt aus, werde am Sprung ins Becken zunächst aber dadurch gehindert, daß ich meine über einem Stuhl ausgebreitete Unterwäsche in blamablem Zustand - Kotflecken und -stücke! - gewahre. Ich bin dann wohl noch, ohne rechten Erfolg, ins Wasser gesprungen. Schließlich wird das noch kleiner gewordene Schwimmbecken mit einer Riesensteppdecke überzogen - als Verbesserung der Voraussetzungen des Kunststücks. Als P. die Decke von rechts vorne her aufschlägt, erscheinen auf ihrer Unterseite Sätze in blaß grüner, wahrscheinlich auch rosa Schrift, die ich als "anthroposophische Kosmogonie" identifiziere. Auf einer Luftmatraze auf dem unterdessen wiederaufgedeckten Wasser erscheint ein lebendiger Plastikwassermann mit Boxhandschuhhänden, mit angehobenem Rumpf auf dem Rücken liegend. P. balgt mit ihm vom Beckenrand aus.
Es ist allerhöchste Zeit aufzubrechen. Ich dränge zum Kofferpacken, damit wir den Zug nicht (wieder) verpassen.
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Wiederum am Anfang fast schon am Ende: die werdende/gewordene Stase, weiblicher Absolutheit verschuldet (nicht wahr?).
Ich fahre in meinem Heimatort die Bahnhofstraße hinunter. An deren Anfang noch, hinter dem "Hotel zur Post" etwa auf der Höhe der Bäckerei S., kommt es zum folgenden Zwischenfall:
Ein entgegenkommender PKW stoppt, zwei Männer - Vater und Sohn - flüchten aus dem Auto, die Fahrerin - Frau/Mutter - verläßt ebenso das Fahrzeug und schießt mit einem Revolver hinter den beiden fliehenden Männern her. Diese können sich retten, verschwinden linkerhand in Obstanlagen und Feldern.
Während des Vorfalls stoppe ich, bleibe stehen; ebenso einige PKWs hinter mir. Die Frau bedroht mich, der ich ihr ja am nächsten bin, mit dem Revolver. Ich bin zugleich auch zufuß, obzwar ich im Auto sitze. Zunächst hat es den Anschein, als wolle die Frau an dem kleineren Autostau in Gegenrichtung vorbeifahren, um zu fliehen. Ich befürchte, daß ich, während sie mich passiert, als Zeuge erschossen werden könnte. Es kommt aber nicht zu diesem Passierensmanöver, sie bleibt vielmehr stehen, wie wenn sie die gegenüberstehenden Autofahrer, zumal mich, als Geiseln benutze.
Stillstand, bedrohliche Langeweile. Ich beginne damit, irgend Notizen oder Zeichnungen außerhalb des Autos zu machen; das Papier dazu halte ich gegen die Steinmauer rechterhand. Auch versuche ich mit der Frau irgend ins Gespräch zu kommen; ebenso mit der Autofahrerin hinter mir, die sich ähnlich wohl die Zeit vertreibt.
Es wird dämmrig; Abendrot. Es tut sich nichts. Ob die Polizei wohl bald kommt? Was aber passiert dann?
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Unmäßige gelingend mißlingende Differierung des Essens, folgerichtig dahinter der Wasserkontiguität und des Klangaufkommens (notorisch weshalb). Wenn Essen, dann freilich allerhöchstens Pseudoessen: Trinken.
Ich bin in Bayern - wo genau unbekannt - auf einer Tagung. Mein Hotelzimmer erinnere ich nicht mehr recht: vielleicht so ähnlich wie weiland das Zimmer in einem erzbischöflichen Tagungsgebäude in Augsburg? Es geht nicht zuletzt wohl um die Anerkennung meiner philosophischen Arbeit durch B. (Philosophiekollege).
Einigermaßen deutlich die folgenden Umgebungen und Szenerien: eine Art von freie-Zeit-Besuch am Fluß oder am See. Man kommt nicht so recht oder überhaupt nicht ans Ufer, jedenfalls beim zweiten Besuch - mit Herrn C. (einer meiner aktiven Studenten, suchtgefährdet, auch im Kunsthandel tätig) - nicht. Eine Mauerabsperrung rechterhand fällt dadurch auf, daß der Versuch, einen Blick über diese auf den See (es ist eher doch ein See) zu werfen, sogleich wie eine Kaufabsicht ausgelegt wird: die Mauer nämlich gilt mit als Auslage einer ausländischen, wohl italienischen Konditorei, hinter der ein Konditor jüngeren Alters in Berufskleidung verkauft. Imponierend nicht weniger, daß am Fuße der Mauer größeres Sandgebäck (wie Madeleines) in Schalen und Schüsseln gewässert wird; was durchaus seine Ordnung hat. Wahrscheinlich bin ich beim ersten Mal doch am Ufer des Sees gewesen, vermutlich linkerhand bei einem größeren Backsteinbau, der dem Bahnhof meines Geburtsorts, zugleich einem Strandhaus aber, glich. Beim zweiten Mal indessen scheint dieser Ufer/Strandzugang durch einen Tunnel versperrt, der unter dem See zum jenseitigen Ufer durchführt und den ich nicht begehe. Bei diesem zweiten Besuch herrscht, für mich selber nicht spürbar: wie hinter Glas, ein starker Wind mit sehr hohem Wellengang.
Davor aber ging es um Geselligkeit und Essen in einem naheliegenden großen bayrischen Restaurant. Offensichtlich saß ich zunächst ä part, mutmaßlich zusammen dann mit Herrn K. (und wahrscheinlich Herrn T. - beide Musiker). Ich ging darauf nach links hinüber zu einem Tisch, an dem sich meine ehemaligen Gymnasiumsklassenkameraden versammelten. Hier aber sagte ich nur kurz "Guten Tag", um mich alsbald zu einem weiteren Speiseraum hinzubewegen, der, ebenso linkerhand gelegen, durch eine engere Passage mit einer Absperrung wie in Museen und rechterhand mit einem Salatbufett zu erreichen war. Der Salat hatte irgendetwas mit Pudding zu tun. Jedenfalls konnte ich in diesem anderen Speiseraum - wer mit mir am Tisch war, kann ich nicht mehr sagen (am ehesten irgendwelche Philosophiekollegen) - wahrscheinlich zum ersten Mal mahlzeiten. Und zwar aß/trank ich mehrere Kraftbrühesuppen hintereinander, von denen ich aber nicht wußte, wie sie
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serviert wurden; sie waren nachfolgend einfach da. Sie wurden mir sowohl zuviel als auch, daß ich eine kompaktere Einlage in der Brühe wünschte. Zu diesem Zweck ging ich wieder an den zweiten Tisch (es kann aber auch der erste gewesen sein, nur daß dann die Gesellschaft des zweiten zum ersten übergewechselt haben müßte), um mir dort Pfannekuchen als Einlage abzuholen. Den aber gab es dort nicht mehr, stattdessen etwas anderes, dessen ich mich nicht mehr entsinne. Diese Tischgesellschaft nämlich war im Aufbruch begriffen und zahlte einem recht ordinären Kellner nach Vorlage roter Kärtchen. Einzig am Tisch übrig blieb ein zweifelhafter Bürger meines Geburtsorts, der "Haue Pitt", ein Halbkrimineller, der sich aber bis zum professoralen Kollegen hochgearbeitet hatte und mich nun über meine Gedanken zu diesem seinem Aufstieg offen auszufragen begann. Ich antwortete darauf nicht nur höflich, vielmehr überzeugt anerkennend. Vor diesem Gespräch, wie wenn es danach wäre, machten sich die Tischgenossen (ich weiß immer weniger, um wen es sich handelte) darüber lustig, daß in der Küche des Restaurants durch irgend ein Mißgeschick ein Haufen Kuhmist, der bis in die Speiseräume hinein stinke (ich roch aber nichts), gelandet sei.
Danach beginnt wohl der zweite Ufer-/Strandbesuch, insbesondere über Treppen. Neu ist beim zweiten Mal die Begleitung von Herrn C., der mir unter meine Kleidung - eine Art von Kutte wohl, in der Unter- und Oberkleidung zusammenfallen - irgendwelche Geräte steckte oder anbrachte. Es waren am ehesten Klanggeräte, denn einige Passanten wurden auf den versteckten Klang aufmerksam, blieben stehen und erkundigten sich nach dessen Herkunft. All dies verlor sich aber, und zum Schluß war ich wieder in der Nähe des Tunnels, als ich, wie wenn ich nicht im Freien wäre, durch eine Sprechanlage gerufen wurde: "Herr Professor Heinz, bitte rückrufen" (sprich: nach Hause).
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