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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Somnium iterum (in enarratione elate) (Pathognostische Studien VI, 2000, Essen, Die Blaue Eule, 78-86)
Vorbemerkung. - Den Anfang einer Serie von Gelegenheitsarbeiten macht eine traumtheoretisch und -kasuistisch exhaustive Arbeit, die im Umkreis der Veranstaltung "100 Jahre Traumdeutung. Internationale interdisziplinäre Tagung zur Aktualität der Freudschen Traumtheorie" im November 1999 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entstand und zu den Einzelfortschreibungen zu "Traum-Traum. Zum Zentenarium der Traumdeutung Freuds" (Wien, Passagen, 1999) zählt.
Das Beispiel:
Es handelt sich um das pointierte, voll erinnerungsevidente Traumfinale als der ganze Traum des Nachmittagschlaftraums einer Frau:
Träumerin sieht ihren Mann auf seinem Bett, nicht zugedeckt, irgend schon angekleidet, schlafend in Rückenlage liegen. Auf dem Bett, der Matratze, bilden sich plötzlich tiefe rechteckige Kuhlen, wie eine Vielzahl kleinerer Bettflächen auf dem Bettareal, in denen der Mann rasend schnell, unerfindlich wie genau, "von der Bildfläche verschwindet". Träumerin wacht, stark geängstigt, abrupt auf.
Zunächst zur Traumempirie, das heißt zu den Umständen, die den Traum zum Phänomen machen.
Die Traumempirie besteht in der inneren Zeugenschaft des Träumers für seinen Traum;
je des einzelnen Träumers, im Zustand der "Monade";
einer Zeugenschaft, die sich durch die Teilnahme am Traumgeschehen beeinträchtigt;
eines - beeinträchtigten - Testats nur dann, wenn es sich behält: die Traumgeschichte sich erinnern läßt.
Nicht aber nur, daß die Erinnerungsmodi differieren, die Erinnerung an den Traum kann im Ganzen entfallen;
so daß die Nachfrage nach den Bedingungen der für die Traumempirie, -phänomenalität also mitkonstitutiven Traumerinnerung dringlich wird;
ebenso die nach der Funktion der gelingenden Traumreminiszenz: will sich in diesem Überhang etwas mitteilen oder, umgekehrt, in der Mitteilung kaschieren? Verschärft gedacht, fallen Traumempirie und -erinnerung insofern schlechthin zusammen, als der Traum der Ausdruck (der Vor-Nachgabe) des Selbstbezugs des Gedächtnisses selbst ist: Erinnerung als Gedächtnis-Gedächtnis(-Gedächtnis).
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Da wir auf diese anscheinend höchst gewährlose, weil mit zahlreichen Reservationselementen durchsetzte Binnenempirie angewiesen sind, um überhaupt des Traums als Traums als eines Phänomens (einer Repräsentation) habhaft sein zu können, pflegt man alle empirischen Optimierungshoffnungen in die Herstellung einer somnialen Außenempirie zu setzen; einer Außenempirie, in der die Mängel der üblichen Veräußerungsart, des durchweg sprachschriftlichen Traumrapports, nämlich die Brüche in der sensuellen Übersetzung der visuell beherrschten Traumszene in den verbalen -bericht, aufgehoben wären; und zwar in der Art eines über alle Introspektion und deren Kundgabe hinweg vollführten Kurzschlusses mit der Parallelphysiologie des Traums, idealiter (wie längst schon in science fiction realisiert) der Konversion der quantitativen neurophysiologischen Ableitungen in den entsprechenden qualitativen Traumfilm.
Gut so?! Mein einschlägiger corps matière` selbst für mich selbst a fortiori das abgespaltene Dritte der so allererst garantierten Intersubjektivität? Allein, der Verdacht will im Voraus schon nicht zur Ruhe kommen, daß sich in solchem wissenschaftsrettenden Film nicht mehr (selbst)darstellt als der apparative Eingriff als solcher (so wie sich im Schlaflabor im erinnerten Traum während der künstlichen Weckung aus einer Traumphase dieser Weckungsvorgang einzig selbstträumt)? Was träumend also resultierte, wäre nicht mehr denn autosymbolisches Artefakt zirkulär der unausgesetzten Folie des objektivistischen Wissenschaftsanspruchs? - "Du gleichst dem Geist, den Du begreifst, nicht mir" - selbst hier sogar, ja insbesondere, komischerweise?
Fazit: Die Defizite der Traumempirie sind irreparabel, eben auch, zumal wissenschaftlich, nicht reparierbar. Defizite? Nach szientifischer Maßgabe bloß, ansonsten, philosophisch hingegen, verwandeln sich diese Nöte in die reinsten Tugenden der Phänomenalität des Phänomens Traum selbst: seines Monadologismus;
seiner durch Selbstbeteiligung unreinen Zeugenschaft;
der Konditionalität seiner mitkonstitutiven Erinnerbarkeit;
des letzthinnigen Zusammenfalls seiner Empirie mit seiner Erinnerung, der somnialen Selbstreferenz des Gedächtnisses wegen;
der Transferverluste in seinem sprachschriftlichen Rapport;
und wohl auch des mutmaßlichen Scheiterns der wissenschaftlichen Herstellung seiner qualitativen Außenempirie, so diese überhaupt zu schaffen möglich sein sollte.
Aber das Beispiel?
Im Nachhall der Traumtraumatisierung setzt die Träumerin der fensterlosen Traummonade Fenster ein, kompensiert die beeinträchtigte Zeugenschaft durch die besonders mitteilungsbedürftige Selbstbetroffenheit, erinnert ihren Traum, wie fraglos unbedingt, direkt im Anschluß an das Erwachen - man kommt gar
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nicht auf die Idee, daß die Transkription verlustig ausfalle. Anscheinend die unproblematischsten Verhältnisse - Gunst der affektiven Intensität? Im Extrem des Angsttraums scheint sich die perfekte Traumempirie, -phänomenalität zu suggerieren, alle objektivistischen Defizite weggewischt zu sein? Umso mehr aber bleibt die Problemmarkierung der alternativelosen Binnenreservationen des Traums angezeigt. Was ich sagen will: man müßte es mit der Traumempirie, wenn schon, sehr genau nehmen - in deren Extremen nämlich tendieren die Reservationscharaktere auf Null und/oder auf Unendlich hin: einmal: der Schein des Phänomens als des Dings-an-sich als volle Phänomenalität; das andere Mal: dasselbe, nur als Phänomenvernichtung.
Weiter nun zur Traumfaktur. Was geschieht im Traum?
Traumeinschlag - in meinem Beispiel selbstdemonstrativ verdichtet -, der ins Erwachen übergeht: der Traum ist ein Übergangsphänomen, mit allen hybridhermesischen Seltsamkeiten des Übergangs, der Vermittlung befrachtet, "nicht Fisch, nicht Fleisch". Und zwar insgesamt das Zwischending von Schlaf und Wachen, trefflich (von der empirischen Schlaf- und Traumforschung) "paradoxer Schlaf' genannt, ebenso paradoxes Wachen benennbar. Traumfaktural stellt sich diese somniale Basisparadoxie szenisch allzeit selbstdar - im Beispiel beispielsweise im Umstand, daß der Mann wie in Kriegszeiten bei Fliegerangriffen schläft: zwar schläft er (in Traumposition), doch nicht zugedeckt, irgend schon angekleidet. Und daß er verschwindet, heißt auch, er sei schon aufgestanden/sei wieder weggeschlafen: so die Selbstauflösungsspitze der besagten Paradoxie.
Weshalb aber fällt die Selbstdarstellung der Traumkriterien selbst, bislang die Grundparadoxie, die somniale inklusive Disjunktion Schlaf-Wachen, szenisch, multisensuell mit Sehensvorrang, aus? Weshalb die "Rücksicht auf Darstellbarkeit"? Man ist versucht, Kant zu zitieren: "Begriffe ohne Anschauungen sind leer. Anschauungen ohne Begriffe blind"; an beiden Enden der Urknall (blinde Anschauung) und der Urblitz (leerer Begriff) sozusagen. Und dazwischen das zerrige TonBild, der in Wahrheit dominante Ton, der dem Bild aber den Vortritt läßt. Passagerer Seinsausgleich - die Paradoxie als Bestehensgewähr? Jedenfalls gibt sich auf diese Weise die kurzum "Rücksicht auf Darstellbarkeit" als Insichreflexion, als Binnenreplizierung der paradoxalen Traumverfassung wiederum. Im Beispiel auch? Ja, der traumatische Sichtschwund reißt "Inhalt" und "Form" (wieder) auseinander - Knallblitz des Erwachens, schließlich. Nicht von ungefähr erinnern sich hier Schellings naturphilosophische Prinzipien: Expansion und Kontraktion - deren Doppelentropie macht das Erwachen: Zerriß und Zusammenschnellen zugleich, expanderhaft; motiviert von Attraktion und Repulsion, insichgegenläufig, in-einem. Und in der Vertikalen kommt der Traum dem Schweben gleich, zwischen Absturz/Beschwerung und Aufdrift/Verflüchtigung; und das Erwachen extremisiert beider Fusion/Diskrimination wiederum zum Selbstdispens. (Wie dann die Raumdimensionen nächtlings zusammenhängen?)
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Funktional insichhinein aktualisiert, fungiert der Traum - ubiquitär sein paradoxales Wesen! - notorisch als "Hüter des Schlafs", nicht weniger aber als dessen Gegenteil: der Schlafzerstörung. Dem Ende zu - dem Dauerende seiner selbst, das er als Ganzer ist - läuft er allemal auf die entschuldigende Selbsterklärung, sich, trotz aller erdenklichen Mühen, nicht erhalten zu können, sich leider aufgeben zu müssen, hinaus; auf die achselzuckende Rechtfertigung des Erwachens - nein, das hätte so doch nicht weiter gehen dürfen, wer merkte es nicht? Dies Letzte letztendlich bedeutet er - les adieux -, schlafwahrend noch und gleichzeitig schlafpreisgebend schon. Ja, wer merkte es nicht? Wer vermöchte, wie im Beispiel, mit solchem greulichen Wunder, dem in seinem Bett verschwindenden Mann - das Bett ist doch keine Falltür, kein Moloch! - umzugehen? Sicht als Über-Sicht, die in Sichtschwund, Spontaneität, die in Rezeptivität kollabiert.
Mit den Freudschen Grundvorgängen der Traumarbeit kommt man - selbst im Falle deren "Dekonstruktion", wie hier, auf den sich immer nur selbst träumenden Traum hin, erforderlich - bestens aus.
Nochmals die "Rücksicht auf Darstellbarkeit". Im Beispiel noch einmal gipfelnd, drastisch surreal (erhaben), im Ganzen, und dann überhaupt nicht mehr - sie selbst als ihr eigenes Dementi instantan. Inbegriff derselben dem Geschlechte nach indessen ist der Mann, zumal der Mann für die Frau - handelt es sich ja um einen weiblichen Traum, höchst different von den männlichen; was zu erweisen wäre (sich hier bereits im sekundären Wesen des männlichen Selbstdoubles für Frau, spezifiziert zudem als exogames Verhältnis, erweislich macht). Lacan: Was nicht sichtbar werden kann, das geht nicht in die "symbolische Ordnung" ein; und diese bestimmt sich durch den "Signifikanten Phallus". Alles gesagt?! Das leicht überlastete Organ erscheint nicht, dafür just aber der ganze Mann, nicht zugedeckt zwar, doch irgend schon angekleidet. Und ab gehts dann prompt - wenn der Traum endet, so muß der Träumer in seiner Traumlage verschwinden (welch konkretistische Rücksicht-Rücksicht auf Darstellbarkeit!): Sichttod, Ganzkastration, Effemination, inverse Geburt - für Frau die Katastrophe, unauflösbar in deren doppeltem Sinne (so daß es weiblicherweise selbst im Erwachen bei der Paradoxie bliebe?)!
Was man nun aber nicht alles tun muß, um die unrettbar verlorene Sicht gleichwohl zu retten! Geschickterweise fraktalisiert man die sichtliche Oberfläche: bildet eine Vielzahl kleiner Bettflächen auf dem Bettareal - akurate Insichvervielfältigung als gründlicher Seinserhalt? Zudem (der Schläfer hat sich - zuviel der Schlaftiefe [ist er wohl krank?] durchgelegen) konterkarieren die Kuhlen, wenigstens noch Kuhlen, kompromißhaft blickkonservierend den (Un)blick in den Abgrund. (Immer muß man am Traumende, im Rückgriff auf das -initial, mit solchem "Phantasos"-Aufkommen, Erscheinungen des somnialen Dinggotts, und entsprechend mit geometral-numerischen Phänomenen daran
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rechnen: "Sterbehilfe Ding" [Heide Heinz], auf sich bezogen, das den Körper, buchstäblich hier, schließlich kassiert.) Prima? Ja. Aber (das perenne Ja-aber des Traums) - aber solche infinite Fraktalisierung, über das Millimeterpapier zum Zweck aller Zwecke hinaus, schafft, als Dasselbe des unendlichen opaken Superfiziums am anderen Ende, randverschlingende schwarze Löcher. Mehr aber ("Das Bett ist leer, der Mann erwacht, kein Heiland ist erstanden" - besser noch: "Ein Männlein steht im schwarzen Loch" - fürwahr das Erwachen!): was dem Dinge recht ist (obzwar nicht für die Ewigkeit), das kann dem Körper nicht billig sein. Nicht von ungefähr also verschwindet der Mann rasend schnell, unerfindlich wie genau, "von der Bildfläche". Sonst nämlich wäre die Träumerin Zeugin seiner/(ihrer) Zerstückelung bei lebendigem Leibe, traumschlafend schwach nur anästhesiert, geworden - kurz und schmerzlos: so ist es besser.
Und "Verschiebung" und "Verdichtung"? Ultimativ hier gehen beide ineinander ein und über: als endgültige Abschiebung, ineins mit dem NullpunktLetztzusammenzug - Nichts-Deplazierung/Kondensation. - Und die "sekundäre Bearbeitung"? Es gibt nur noch solche, von Anfang an ist sie dabei, und zugleich überhaupt keine mehr, dargetan als Surrealitätsbruch des - somnial trügerischen - Realismus, immer Indiz außerdem, daß der Ton das Bild direkt, im Sinne eines Blickfangmirakels mit den schlechtesten Aussichten auf Bestehen, zu beherrschen beginnt.
Aber die "Traumzensur"? Alle Modi der Traumarbeit sind in sich selbst schon zensorisch zwar, doch pflegt, wiederum final, die Zensur als solche, expressis verbis, oftmals hervorzutreten. So auch hier geschehen, jedenfalls in der Affektenhülle der - alle Negativaffekte totalisierenden - Angst. Was aber läßt sich der Traum/die Träumerin (in nicht-subjektiver Responsabilität) zuschuldenkommen? Wohl auch und wohl nicht zuletzt, daß sie im Nachmittagsschlaf den Tag zur Nacht machte - und in diesem unordentlichen quid pro quo die Schlaftiefe vielleicht übertreiben mußte, um überhaupt zum Schlaf zu kommen? "Abnorme Schlafvertiefung", die eine mildere Art von "Übersprunghandlung" in die hochaffektionierte Traumabbreviatur des Beispiels - das Traumfinale als der ganze Paniktraum mit seinem konsequent abrupten Noterwachen - erzwang? Vorsicht demnach! Der Schlaf ist der Bruder des Todes, die Angstüberwältigung zweckmäßig: Signalangst, und vor dem abgewendeten Sterben droht die Selbstzerreißung (Schizo), bei lebendigem Leibe nicht mehr erwachen zu können, dauerträumen zu müssen!
Freilich stellt sich so, zunächst ganz im Sinne auch der traditionellen Psychoanalyse, das Inzestproblem ein, gleich ob trieb-, narzißmus- oder todestriebtheoretisch gewendet, nachmittagsschläflich wohl verschärft ob der quasiPersiflage des Paradoxiewesens des Traumes: just der Inversion, den Tag zur Nacht zu machen. Die Inzestuösität indessen des Schlafs selbst und danach erst
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die des familial-ödipalen Subjekts. Man müßte gar so weit in dieser innerpsychoanalytischen Subversion gehen, daß letztere die bloße Abborgung der ersteren sei; wenngleich beide, mit jener Prärogative, wesensmäßig aneinander entstehen. Welcher Inzest? Im Beispiel, dem eines weiblichen Traums, der "nichts-sagende" (außerdem urethral determinierte) von Mutter und Tochter, in der - notorisch irreführenden - Abwendung zu dem von Vater und Tochter, negativiert zu jenes, des Mannes "penisneidischen", vordem noch ver-geschwisterten, Ganzkastration, übergreifend auf den Exogamiefaktor Ehemann. So lautet die somnial paradigmatische hierarchisierte Inzestesequenz, weiblicherseits: Tiefschlaf: Mutter/Tochter; erinnerungsloser Traumschlaf: Tochter/Vater; erinnerter Traum: Schwester/Bruder; und das Erwachen, von diesen Inzesten durchseucht zwar, doch zugleich vor diesen rettend: Ehemann/-frau. So der Vorlauf, dargestellt als Rücklauf und vice versa bis zur Totalität des Ehemannschwunds, des Selbstschwunds, dinginzestuös (todestriebhaft) im Bett - eine Abfolge der im doppelten Sinne katastrophischen Differierungen in die Kundgabe der Heillosigkeit dergestalt hinein, daß das Heil einzig noch der radikale Einschnitt des Erwachens sein kann. So die volle Darstellung der weiblichen Vermittlungsschwäche - Frau ist durch gegenteilsanfällige Disjunktionen (schwanger oder nicht schwanger, Tot- oder Lebendgeburt, Junge oder Mädchen) arg gebeutelt! - , des Vorgangs des Erwachens, weiblich auf den Punkt gebracht. Es gibt nur Träume vom Erwachen.
Wo aber ist das familial-ödipale Subjekt geblieben? Mitnichten ging es verloren, im Gegenteil; es büßte bloß, im Gesamt der nächtlichen Vorgänge systematisch platznehmend, seine Hypostasierung ein. Denn: der reine Selbstbezug driftet, sich entziehend, in sich hinein verschwindend ab. Um überhaupt thematisch werden zu können, muß er sich gegen sich selbst zum Einschlag der Repräsentation und damit der Erinnerbarkeit hin öffnen, und dieser Öffnungsort macht zugleich das Initial der vollen Beteiligung des Subjekts mit seiner Lebensgeschichte aus. Hier auch selegieren sich, eben subjektiv sodann, die Traumgehalte mit, hier mögen sie des Würfelspiels ihrer Kontingenz, d.i. solange die somn(i)ale Selbstreferenz sich noch nicht aufließ, entraten. "Beteiligung" des "Subjekts"? Subjekt allemal im Sinne von sub-iectum, demselben unterworfen, wohinein es sich, so seine Partizipation am Traum, einbildet, kurzum derselben Phantasmatik des Begehrens. So daß der erfahrene/erinnerte Traum eo ipso das Vehikel der prozessuellen Selbst-Selbstzuführung wäre, traumgemäß des präzisen Selbstzutreffens in memoria, immer so etwas wie ein Vor- und Nachprobelauf. Wobei es indessen keineswegs bleiben muß - im anderen Extrem nämlich reißt das besagte Subjekt sein nächtliches Medium gänzlich an sich, wird mit diesem derart eins, daß es sich selbst nur noch in seinen schweren Nöten diagnostisch demonstriert. So der große kranke apo-kalyptische Traum, immer
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freilich die engen Grenzen des Subjekts mit in das hinein, dem es sub-iectum ist, reichlich überbordend.
Das Traumbeispiel aber? Anscheinend versammeln sich hier Entzug und Überbezug mittig zum Aufriß einer Art Kurzfassung der Vermittlung selbst als deren Negation - abermals somniales Weiblichkeitsindiz im Ganzen?
Supplemente
Die paradoxale Traumverfassung stellt sich nicht weniger im Arrangement der Ansicht dar: etwa in der Mitte zwischen Augenhöhe und Draufsicht, halbprofilisch also; und das heißt außenvor zwischen Auge und Ohr, vestibulär demnach. Traumausmachende Fluktuation zwischen Sehen und Hören, die sich so passager aneinander ausgleichen (wie über-Eck-Sitzen).
Fadenkreuz mit Abstand. Kommt es, was ja im Erwachen geschieht, zur Kreuzung, so ziehen sich Horizontale und Vertikale zum Nullpunkt zusammen oder aber dehnen sich zerreißend unendlich aus. Das ist aber im Vakuum gesprochen, wie dagegen unter Schwerkraftbedingungen?
REM-Entropie: Rollen, das sich in sich selbst - das Augenloch - hineinabsorbiert; und den blinden Fleck nicht nur durch Vervielfältigung, in sich auch durch Verrechteckung aufzuhalten sucht. Hätte nur noch gefehlt, daß die Rechtecke zu Rhomben geworden wären: das besagte Übereck.
Gewiß, die imponierende finale Surrealität dementiert die "sekundäre Bearbeitung" an sich selbst. Nicht aber ist zu übersehen, daß sie sich darin - freilich immer von Anfang an (wie alle Traumarbeitsmodi von Anfang an, wenngleich selbstbezüglich expressis verbis noch nicht hervortretend, fungieren) - ineinem erhält, und zwar in der Adäquation von Vorstellung und Affekt, in deren Realismus, und nicht zuletzt im Überhang der starken Erinnerungsevidenz.
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Anhang: Ein Traumaufschlußschema
Vorbemerkung. - Der Anhang datiert auf das Anfangsstadium gemeinsamer Arbeit mit den lokalen Computerlinguisten (Kilbury) zum Zweck der elektronischen Simulation der Traumarbeit - nach der Maßgabe des "funktionalen Phänomens" - als des einzigen Traumgehalts zurück.
Traumbeispiel:
Träumer rettete im Restaurant seines Vaters einen Gast, der sich verschluckte und zu ersticken drohte, vor dem Erstickungstod, indem er ihm heftig auf den Rücken klopfte. Diese Rettung fand den Beifall der Restaurantgäste und vor allem auch des Vaters, des Restaurantbesitzers.
Traumtheorie:
Allgemeine Voraussetzung:
"funktionales Phänomen"
Traumarbeitsmodi als solche der Traumerhaltung:
"Rücksicht auf Darstellbarkeit"
"Verschiebung" versus "Verdichtung"
= Aufschub/Differierung
(immer auch "Zensuren" und "sekundäre Bearbeitungen")
innere Verfassung der Traumarbeit:
"zwar ..., jedoch ...", " ja ..., aber ..." = symptomatisch-kompromisuell
(ansteigende Wellenbewegung)
Aufschluß des Traumbeispiels danach:
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betreffend+-
Vorgaben der
"Rücksicht auf
Darstellbarkeit"
Restaurant Ritualisierte Konsummußewider die Vor-Stellung:
Nahrungsschwund
väterliches
Restaurant
Entlastung, keine Letztverantwortung"ödipale" Konfliktsituation:
Unterordnung, Besitzkonkurrenz
Sicherung der
"Rücksicht auf
Darstellbarkeit":
"Verschiebung" (vs.
"Verdichtung")
Unfallgast Eigenausnehmung von/ Fremdprojektion
der Schuld der Traumzerstörung
Preisgabe der Selbstverfügung/
abdriftende Fremdautonomie
UnfallartUnachtsamkeit/ Fehlleistung
(APNOE?!)
lebensgefährliches Symptom
RettungsmodusRestitution der Atmung: Erbrechen:
Rückgabe von Nahrungsmittelteilen:
Wiederauffüllung von Traumlücken
Keine ultimative Maßnahme
Atmung: unauffällige conditio sine qua non
Dejektcharakter des Erbrochenen,
Exkrementenvorwegnahme
Wachklopfen
ReaktionErleichterung
Lob
latentes Unbehagen
"ödipales" Sichaufspielen
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