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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Kann es eine »Psychoanalyse der Sachen« (Sartre) geben? Überlegungen zum psychoanalytischen Symbolbegriff (Retro III, 2006, Essen, Die Blaue Eule, 34-46)
(aus: texte. psychoanalyse - ästhetik - kulturkritik, Heft 3, 15. Jg., Passagen, Wien 1995)
  1. Psychoanalyse einzig der Subjekte
    Symbol als wiederabziehbare subjektive Zutat zum Objekt
Fürs erste sollte man meinen, daß es eine "Psychoanalyse der Sachen", der Objekte, der Dinge gebe, sofern diese zu Symbolen werden können; psychoanalytisch fast ausschließlich zu Sexualsymbolen, wie zum Beispiel die Brücke, um ein Standardexempel anzuführen. Hört man nun aber diesen Sartre-Titel genauer ab, so bleibt seine Ungewöhnlichkeit, ja, mehr noch, seine - nach konventionellem Verständnis - Verfehltheit, doch wohl aufrechterhalten. Man kommt nicht umhin, einen sogenannten Kategorienfehler darin zu argwöhnen: eine Begriffsdeplazierung also, die recht einfach korrigierbar anmutet: kurzum: nicht kann es eine Psychoanalyse der Sachen geben, wohl aber eine Psychoanalyse dessen, was im Falle der Symbolbeanspruchung von Sachen diesen, eben dann als Symbolgehalt, immer von Seiten des Subjekts, hinzugefügt wird. Die Psychoanalyse ist und bleibt in ihrer einzig möglichen Adressierung eo ipso Psychoanalyse nicht von Sachen, sondern von Subjekten, auch wenn sich Elemente dieser, der Subjekte, in Objekte, diese zu Symbolen machend, eintragen können - sagt man, die einzig subjektbezogene Einheitlichkeit der herkömmlichen Psychoanalyse damit zweifellos wahrend.
  1. Zweck der Symbolisierung: Projektion
    Symbol vs. Symptom
    Psychopathologie - Kunst - Wissenschaft
Fürs erste macht es auch keine weiteren Schwierigkeiten, der Tradition der Psychoanalyse einzuräumen, daß sie manche mit diesem Symbolverständnis aufgeworfenen Probleme immanent lösen konnte. So die Hauptfrage nach dem Zweck der Symbolisierung, dieser seltsamen Vermischung von Objektivem und Subjektivem, die sich ja nicht von selbst versteht. Warum läßt man nicht Dinge, so wie sie eben sind - eine Brücke ist eine Brücke, und sonst nichts - und warum hält man es auf der anderen Seite
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der menschlichen Sexualität nicht ebenso? Notorisch gerät man im Zuge der psychoanalytischen Beantwortung dieser basalen Frage vom Symbolbegriff zu dem des Symptoms. Die symbolisierende subjektive Zutat zu einem Objektiven, einem Ding, geht nämlich - nach Meinung der Psychoanalyse - auf einen bestimmten Abwehrvorgang zurück; die Selbstpurgierung Projektion, die "Verwandlung der Triebgefahr in eine Wahrnehmungsgefahr" (Fenichel, 1982, 45); eine gebannte Wahrnehmungsgefahr im Falle der Symbolbildung, eine nicht gebannte im Falle der Symptombildung, der mißratenen Abwehr, in der die letzten Dinge ja schlimmer werden als die ersten. Es gibt also, psychoanalytisch, innerhalb derselben Abwehrform eine gute und eine schlechte Version: die gute - die gute Projektion - exkrementiert das Übel aus mir, setzt es außenvor fest und ermöglicht sogar einen Mehrwert an Wahrnehmung in diesem fixen Außenvor, während die schlechte Projektion auf den schlimmen Rückbefall des Projizierten auf den Projizierenden hinausläuft (vom Regen in die Traufe). Weshalb aber die Abwehr zum Symptom kollabiert, Dinge wie Brücken zum Beispiel unliebsam symptomatisch zu haltlosen Symbolen, phobischen Objekten werden, dieser Sündenfall des Symbolismus verschuldet sich nach Meinung der Psychoanalyse der Mächtigkeit des nicht-untergegangenen Ödipuskomplexes, der sich im Krankheitsbeispiel der Brückenphobie hier im Hypersymbolismus der Brücke, die nicht mehr zweckmäßig gebraucht werden kann und keineswegs auch den Grund dieser Gebrauchssperre selbst wiedergibt, widerspiegelt. Allemal aber bleiben somit Symbol und Symptom recht eng beieinander und also Kunst und Pathologie nicht minder, und dies zugunsten des wissenschaftlichen Wirklichkeitsverständnisses, das sich im schönen Satz bestätigt, daß in Wahrheit und in Wirklichkeit eine Brücke eben eine Brücke sei, und sonst nichts. Die einschlägige Symbolik zeichnet sich in dieser Krankheit selbst nicht ab, immer vielmehr nur die entsprechende Affektion, der Affekt Angst, so daß man von einer "Vorstellungsisolierung" sprechen könnte: von der zusätzlichen phobischen Abwehr der Skotomisierung, die des weiteren sensuellen Aufschlusses harrt?
  1. Projektionsgehalt: Ödipuskomplex/Narzißmus
Kein Zweifel auch, daß die apostrophierte "Triebgefahr", die projizierte, "letzten Endes die eigenen infantil-sexuellen Triebe", "den Ödipuskomplex", "Liebesverlust und Kastration" (Fenichel, 1982, 45) ausmachen. Womit es zwingend wird anzunehmen, daß der Normalgebrauch der
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Brücke, beispielsweise, der es sich zudem leisten kann, in ästhetischkünstlerischer Rücksicht etwa deren Symbolisierung mindest einzuräumen, den wünschenswerten Untergang des Ödipuskomplexes anzeigt, während der phobische Gebrauchsstreik der Brücke als eines phobischen Objektes von pathogenen Überhängen des nämlichen Komplexes, einem eben nicht recht untergegangenen Ödipuskomplex, zeugt. Selbstverständlich bedarf diese Seite des Projizierten/Symbolisierten, die besagte "Triebgefahr", der weiteren Differenzierung, wobei man sich getrost den vielen differenzierenden Optionen in der Geschichte der Psychoanalyse überlassen kann. Um es hiermit kurz zu machen: schwerlich wird man die alte psychogenetische Eingrenzung des Ödipuskomplexes auf die dritte Phase in der Entwicklung der infantilen Sexualität aufrechterhalten können (vielmehr eine Art Kleinianischer Infinitesimalisierung desselben billigen müssen), und ferner wird man schwerlich verhindern können, das überkommene Triebkonzept nicht durch ein solches der narzißtischen Phantasmatik (etwa mittels der Kohutschen Narzißmustheorie) zu ersetzen. So daß der Ödipuskomplex - Vatermord und Mutterinzest - die ganze Gewalt der Individuierung, sich selbst sein eigener Ursprung sein zu wollen, offenlegte. Also dokumentiert die Hypersymbolik des phobischen Objekts, zum Beispiel der Brücke, die Perpetuierung dieser Selbst(be)gründungsnot, wohingegen der entsymbolisierende Abzug dieser ödipalen Objektbesetzung dergestalt, daß das eh ja, wie man meint, heterogene Objekt rein nur noch es selbst ist, und sonst eben nichts, die Abwendung derselben Not unter Beweis stellt - müßte man konsequenterweise annehmen. Und die ästhetisch vergönnte gelingende Symbolisierung bestände in so etwas wie der weitestgehend ungefährlichen Anmahnung, der Erinnerung an dieselbe Not als einer abwendbaren - so dann die Funktion von Kunst, als der Ausgestaltung von Symbolik jedenfalls.
  1. Zufälliges Entgegenkommen der Objekte als Symbolobjekte
Versteht sich, daß in diesem Symbolverständnis mit seiner leitenden These der Heterogeneität von Körper und Ding, Symbolisiertem und Symbol, der subjektiven Zutat zum Objekt, das Band zwischen beiden recht lose geknüpft erscheint. Was demnach rechtfertigt den Symbolgebrauch bestimmter Dinge dann überhaupt? Es ist so etwas wie das Entgegenkommen der Dinge zu ihrer symbolischen Verwendung, und dieses Entgegenkommen besteht in morphologischen und funktionalen Ähnlichkeiten an ihnen, Analogien, die, so müßte man doch annehmen, letztlich zufällig sind. Man
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trifft sich, es paßt - zum Teil jedenfalls, und man geht wieder auseinander; und im Symptomfalle kommt es zu einer blinden Zwangsverbindung (bliebe auch noch das Problem der Gründe der Wahl eben dieser Abwehrform, der Projektion, das Problem der "Neurosenwahl").
  1. Differenzen zwischen Symbolisiertem und Symbolobjekt
Wie aber nun hören sich psychoanalytische Sexualsymbolisierungen - ich bleibe beim Beispiel der Brücke - des nähern an?
"... Die Brücke ist das männliche Glied, und zwar das mächtige Glied des Vaters, das zwei Landschaften (das riesenhaft, weil vom infantilen Wesen gedachte Elternpaar) miteinander verbindet. Diese Brücke ist über ein großes und gefährliches Wasser gelegen, aus dem alles Leben stammt, in das man sich zeitlebens zurücksehnt ... Ich denke, die zwei Deutungen: Brücke = Bindeglied zwischen den Eltern, und Brücke = Verbindung zwischen Leben und Nicht-Leben (Tod), ergänzen sich auf die wirksamste Art; ist doch das väterliche Glied tatsächlich die Brücke, die den Nochnichtgeborenen zum Leben befördert hat." (Ferenczi, 1972, 71f.)
Sie haben es gehört: der "Analogiezauber" fällt mitnichten perfekt aus (das ginge auch gar nicht), der symbolisierende Übertrag des sexuell-ödipalen Szenariums in die diesem zweifellos auch entgegenkommende Brücke bringt vielmehr Differenzen auf, die wie Witze ankommen können.
Die erste grundlegende Differenz scheint trivial, weil für die Symbolik selbst ja konstitutiv: hier nämlich ein institutionelles - familiales - Szenarium mit generationssexuell definierten verwandtschaftlichen Körperagenten,
dort dagegen ein architektonisch-technisches Gebilde;
lebendig (und mehr) vs. tot,
dynamisch vs. statisch.
Weitere Differenzen:
hier - die sexuelle Vereinigung der Eltern - gebührende Intimität (höchstens Urszenen-geöffnet),
dort Publizität, der Sicht gänzlich freigegeben;
die vom elterlichen Schlafzimmermysterium ausgesperrten Kinder vs. die ungehinderten Betrachter, ja Benutzer, und mitnichten nur Kinder.
Weiter: hier die notorische Geschlechtsverkehrmotorik, am ehesten doch im Liegen,
dort aber im Stehen - ja, wie soll man es überhaupt per analogiam beschreiben? -: "das mächtige Glied des Vaters" bleibt gänzlich außen vor,
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dringt in die Mutter nicht ein und scheint sich in dieser seiner Nicht-Penetranz, seinem Nicht-(auch)-Verschwinden erheblich zu verlängern.
Ferner: hier keinerlei "großes und gefährliches Wasser" in Sicht - dieses Symbolelement scheint auf der Seite des Symbolisierten ganz zu fehlen, es sei denn, man setze dafür das attraktive Interieur der Fruchtblase ein (intrauterine Regression, grosso modo die thalassale),
dort hingegen der die Kontinuität störende Diskretionseinschnitt: das quere, zu überbrückende Wasser.
Und schließlich: hier die phallische Ausschließlichkeit der sexuellen Vermittlungsleistung - bis hin zu einer Art von phallischer Mäeutik -,
dort (diesmal nicht dagegen) dasselbe im Dinglich-Toten, so als habe sich die Körperseite an die Dingseite in jener Symbolisierung durch diese angeglichen. Eine Indifferenzierung indessen, die ihre Redifferenzierung dringendst reklamiert - von allem nämlich bliebe so nur das "männliche Glied", das "mächtige Glied des Vaters", übrig, und sonst nichts mehr.
Eines wird man sogleich zu diesem sicherlich klassischen psychoanalytischen Symbolaustrag sagen können: eine delirante "Rücksicht auf Darstellbarkeit", eine Ver-äußerungstendenz sondersgleichen, mehr noch: der metaphysische (auf den Ursprung abhebende) Sog der Absolutheit ist in ihm am Werk. Nicht ja genügt die sichtmehrwertliche Statuarik, darüber hinaus wird alles Innere entweder strikte gemieden oder aber sogleich nach außen gekehrt; und darüber hinaus wird die symbolische Äußerlichkeit rückwirkend maßgeblich für das in ihr Symbolisierte sogar; und, so der Gipfel, das Symbol schickt sich an, Alles zu sein: "Die Brücke ist das männliche Glied", transsubstantiativ, "ist"! Zur auffälligen Auserwähltheit der Brücke sei noch angemerkt, daß diese als Äußerlichkeit der Vermittlung/des Gedächtnisses nicht umhin kommt, sich in ihrer Totalisierung erfüllt zu wähnen: die Allvermittlung als restlose Indifferenz sei geglückt. Welches pseudos Psychopathologie, hier die paradigmatische Gephyrophobie, beim Wort und buchstäblich nimmt - mit den notorischen Folgen der Sanktion dieser Anmaßung.
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Symbolisiertesvs.Symbolobjekt
Familienszene/Akt|Architektur/Technik
lebendig|tot
dynamisch|statisch
intim|publik
liegend|stehend
eindringend|außenvor
innen|außen
heterogen|homogen
  1. Witzcharakter dieser Differenzen?
Ob dies nun besonders witzig gewesen ist? Gewiß nicht nur; denn die monistische Metaphysik des "Signifikanten Phallus" (Lacan) ist zwar, buchstäblich, todernst, doch schlägt nicht diese ihre entblößende Darbietungsart in das reinste Satyrspiel um? Selbst außerdem schon bei Ferenczi hier in den beiden Textpassagen, noch bevor man die dritte zur Brückensymbolik, offen doch eine obszön-pornographische Karikatur, konsultiert?
Der berühmte Frauenjäger ... Don Juan zündete der Sage nach über den Guadalquivir hinweg seine Zigarre an der Zigarre des Teufels an ... Die über den Fluß hinweg angezündete Zigarre möchte ich als eine Variante des Brückensymbols auslegen ... Die Zigarre erinnert durch ihre Form und das Brennen an das vor Begierde brennende männliche Genitalorgan. Die riesenhafte Geste - das Anzünden über den Fluß hinweg - paßt sehr gut zur Vorstellung von der riesigen Potenz eines Don Juan, dessen Glied man sich in kolossaler Erektion repräsentieren mochte. (Ferenczi, 1972, 116)
Man wird der traditionellen Psychoanalyse mindest diese Ambivalenz zwischen Tragödie und Komödie einräumen müssen; und dies bis in ihre Praxis derart hinein, daß die Witzzündungen der eben skizzierten Brüche zwischen dem Symbolisierten und dem Symbolobjekt, zumal im Falle der Hypersymbolik des phobischen Objekts, also im Krankheitsfalle, zum Mittel der Wahl werden können, die pathologische Zwangsverbindung zwischen beiden therapeutisch auflösbar zu machen. Und man wird sich dabei nicht scheuen dürfen, Groddeck-like in die Vollen zu gehen. Wenngleich
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sich nicht von ungefähr Theatersymbole anboten, um die tätige Ambivalenz der Psychoanalyse zu bestimmen, will sagen: daß die Tradition des Fachs charakterisiert ist von einer Art simulatorischen Abhubs von Realität, mit welchem die These von der subjektiven Zutat zum Objekt als Symbol: die Abweisung einer "Psychoanalyse der Sachen" als Sachen selbst (und manches mehr noch, wie in praxi das Übertragungskonzept) zusammengeht. Ob diese Enthaltung mitsamt der normativen Auszeichnung eben dessen, wessen sich die Psychoanalyse enthält, aufrechterhalten werden kann?
  1. Gedankenerzählung
Darf ich kurz einmal, wie parabelhaft, Gedanken-erzählend, in diese Vollen gehen auf der Komödie Seite?
Wer hat sich denn da zu Tode erschreckt und weshalb? Mehr ist es als ein bloßer Totstellreflex, eine veritable Selbstversteinerung (oder auch Selbstmetallisierung) vielmehr und zumal eine - wie wiederum Ferenczi sagen würde - Autotomisierung. Aus Schreck hat wer? seinen Schwanz von sich abgetrennt und in einer Art von monumentalem Dauerpriapismus hinterlassen, nachdem davor schon, nicht minder vor lauter Schreck - nun ja, was man vor Schreck nicht noch alles tut?: "ein großes und gefährliches Wasser", nein: "ein seichtes Wässerlein/verleumdet oft/den Inzest", wie es im "Anti-Ödipus" so trefflich heißt. Und nun spannt sich dieses großartigste aller Spaltungs- und Isolierungsartefakte dehydriert mausetot vor lauter Angst über seine eigne Angstpfütze unter sich; hen-kai-pan durchaus, jedoch mit der ganzen "Angst zum Tode" versehen; zerrt das UrsprungsInnen, den Gottseibeiuns, nach außen, und frißt es/ihn mit Haut und Haaren auf; und ist auf diese heroische Weise je schon von Re-Transsubstantiation, dem Wiederhervortritt des einschlägigen Körpers aus seinem dinglichen Double - da müßte ein Trickfilm her, um dieses Grauen zu mildern - bedroht; dessen, des Körpers freilich, ganze Kümmerlichkeit sein vormalig göttliches, dingkontaminiertes Wesen nur dadurch zu retten imstande ist, daß sie die selbst-eigene infantile Regression schleunigst an den kindlichen Urszenen-Stielaugenblick abtritt. Voilà! (siehe erstes Ferenczi-Zitat).
Was aber ist es nur, das den Signifikanten sich so absonderlich zu gebärden veranlaßt? Auf den Punkt gebracht, ist es nimmer garantiert, daß nicht am anderen Ufer des Guadalquivir des Teufels Großmutter den Teufelsenkel ("Omi - Psychose" - so wiederum der treffliche "Anti-Ödipus") einbehält
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und mit dessen reservatio, resorbiert, zusammen den nicht mehr allmächtigen Vater aufzusaugen droht. Die nichtende Alterität des Jenseits ist es, die das aneinander-Entzünden der beiden Zigarren (und deren Abbrennen bis zum natürlichen Stummelende wenigstens dann auch), und das ist die Lacansche Kastration, im vorhinein schon zunichte werden läßt; die nichtende Alterität des vorbehaltlich selbstbezüglichen Jenseits matemaler Weiblichkeit. Voilà! Gomorrha und seine Überkompensation Sodom (siehe zweites Ferenczi-Zitat).
  1. Verdinglichung (Todestrieb)
Welchen "archaischen" Angstabwehrmechanismus habe ich nicht verwendet? - Projektion, Spaltung, Isolierung, Introjektion/Inkorporation? Welche Dramatik - Theatralik? - der Symbol- und zumal der Symptombildung, wenn sie tatsächlich nach der Art der Autotomie geschähe: (Todesgabe der) Abtrennung einer sich verdinglichenden Selbstabdichtung, in die hinein das fühlbar verbleibende fliehende andere Selbstteil die ganze Tödlichkeit seiner Totheitsanmaßung als letzte Lebendigkeit (das Phantasma der Indifferenz) abgab und, in der Umkehrform einer nur noch selbstbezüglichen reinen Äußerlichkeit verhüllte, in seiner Verhüllung (Tabuisierung) indessen als Symbol auf diese seine Entstehung hin aufläßt. Für die Symbolbildung entscheidend ist der Umstand, daß die ausschlaggebende Projektion sich nicht an den leibhaftigen Anderen, vielmehr an Dinge adressiert, genauer: letztlich zu Abwehrzwecken, die im günstigsten Falle gelingender Symbolisierung die ödipale Erkenntnis durch die strikte veräußerlichende "Rücksicht auf Darstellbarkeit" befördern können, den zufälligerweise diesen entgegenkommenden Dingen wiederabziehbare ödipale Körperszenen hinzufügt. Man könnte meinen, es handle sich um eine seltsame doppelte Rückkehrbewegung, die die Symbolisierung besagt: sowohl des Körpers ins entsprechende Ding als auch des Dings in den entsprechenden Körperteil. Hier befindet sich, denke ich, die Einlaßstelle, um ein weiteres, weitestgehend anathematisiertes Theorem der Psychoanalyse nutzen zu können, und zwar die Todestriebtheorie. Mindestens wird man sagen dürfen, daß der Inbegriff der Symbolbildung, die wechselseitige Stellvertretung von Körper- und Dingkontexten, dieser dinglichen Referenz wegen, Sache des "Todestriebes" sei: dieser doppelten Rückkehrbewegung, symbolisch nicht ausgeführt, erinnert/memoriert vielmehr dann; abermals die Darstellung von Autotomie.
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  1. Kritik des psychoanalytischen Subjektivimus
Zweifellos kann sich die psychoanalytische Symboltheorie, deren Grundzüge ich, wie ich hoffe, skizziert habe, nach wie vor sehen lassen. Auch dürfte ihr Schibboleth wohl deutlich geworden sein, kurzum: die Heterogeneität derjenigen Dinge, die, wie kontingenterweise, zu psychoanalytischen Symbolen taugen, die bloße subtrahierbare subjektive Zutätlichkeit/Supplementarität zu den Objekten als Symbolen, die Abweisung einer "Psychoanalyse der Sachen" im strengen Sinne der Bezeichnung. Es ist nun die Frage - meine zentrale Frage -, ob die Psychoanalyse auf diese ihre "subjektivistische" Version festgelegt ist oder ob sie nicht doch eigene Mittel zur Verfügung stellen kann, diese Enthaltung aufzuheben, die Ausklammerung der gesellschaftlichen - institutionellen und zumal technischen - Objektivität, die ausschließlich fast innerhalb des Freudomarxismus, zuletzt unter dem Problem der Vermittlung von Psychoanalyse und Historischem Materialismus - außerdem recht erfolglos (auch weil in sich unstimmig erfolglos) - kritisiert worden ist. Unübersehbar auch - so jedenfalls die eigenen Erfahrungen bisher -, daß die Option für eine "Ausweitung der Psychoanalyse auf Objektivität" in eine heillose Situation zwischen allen Stühlen zu führen pflegt. Allerseits nämlich wartet das Verdikt des "Kategorienfehlers" dagegen auf, einer animistisch verrückten, psychotisierenden Inflation der Psychoanalyse, auch wenn sie sich vorsorglich dann nicht mehr Psychoanalyse nennt. Im Durchschnitt reklamieren Psychoanalytiker die subjektivistische Wiederbegrenzung ihres Fachs (mit einiger Toleranz für symbolistische Unverbindlichkeiten, wenn's hoch kommt); und Philosophen aller Sorten laufen, selbst wenn sie die Kritik des psychoanalytischen Subjektivismus im Grunde billigen, vor der Art dieser Kritik, der besagten Ausweitung nämlich, Inflation gescholten, davon. Wofür ich gleichwohl eindeutig stimme: für diese subjektivismuskritische Amplifikation, die die Behauptung enthält, daß der Subjektivismus letztlich falsch sei; und ich lasse es vorab offen, ob ich mit diesem Votum noch innerhalb der Psychoanalyse plaziert sein kann oder aber nicht. Und selbstverständlich trage ich die ganze Beweislast für die Richtigkeit meines kritischen Einspruchs, der aus der Reflexion meiner Praxis hervorging, und nicht etwa aus abgehobener Philosophie, exklusiv selbst. Zu dieser Wendung zum Abschluß und zum Ausblick einige theoretische wie immer auch praxiologische Überlegungen noch.
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  1. Alternativer Symbolbegriff?
Die basale Gegenthese, hypothetisch, lautet:
Was nach psychoanalytischem Verständnis in der Symbolbildung als wiederabziehbare subjektive Zutat zum betreffenden Objekt firmiert, der Projektionsgehalt Ödipuskomplex, wäre im vorhinein schon das Produktionsmotiv des nämlichen Objekts, so daß der Symbolgebrauch von Objekten die "unverstandene Anamnesis (sc. dieses) ihres Ursprungs" (Blumenberg, 1987) wäre.
Also handelte es sich nicht um ein symbolgenerierendes Supplement im nachhinein, vielmehr um die (bedingte) Erinnerung, das Gedächtnis des vorausgehenden Herstellungsgrundes von Objekten/Dingen.
Als dieser Vorausgang könnte der Symbolgehalt von dem mit ihm belegten Ding auch nicht wiederabgezogen werden, er wäre mit ihm vielmehr unlösbar verbunden - ohne diesen ja kein Ding!
Subjektiv wäre dieses Apriori ebensowenig, wenn immer der Ort des Subjekts nicht die Herstellung, sondern der Gebrauch ist; wenn schon, dann nicht subjektiv, vielmehr körperlich wie dinglich in einem.
Als Projektionsgehalt bliebe der Ödipuskomplex unter der Bedingung bestehen, daß dieser zum Narzißmus und mehr noch zum Todestrieb radikalisiert würde; will sagen: daß die Verdinglichungsvorgänge zu seinem Austrag wesentlich dazugerechnet würden - bis zum Umschlagpunkt der sozusagen ursprünglichen Verdinglichung, der Dingherstellung selbst.
Entsprechend würde man weiterhin auch die Projektion als grundlegenden Abwehrvorgang geltend machen können, nur daß diese, als Ur-Projektion, selbst schon auf der Ebene der Herstellung angesiedelt wäre.
Entsprechend verschöben sich alle psychoanalytischen essentials, so auch der Begriff des Unbewußten: die wissenschaftliche, gebrauchssichernde Dingnorm - daß alle Dinge sind, was sie sind, und sonst nichts - wäre das sozusagen objektive Unbewußte mit dem nämlichen Gehalt, dem Ödipuskomplex (Todestrieb), als Produktionsmovens selbst schon.
Fazit: also gäbe es sehr wohl eine "Psychoanalyse der Sachen", die derjenigen der Subjekte gar vorausginge. Denn das Symbolisierte - das generationssexuelle Körperszenarium - und das Symbolobjekt - der symbolisch entsprechende Dingzusammenhang - wären ja, im genauen Sinne der Bezeichnung, homo-gen, und in dieser ihrer Homo-geneität erinnerbar, sprich:
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symbol-(und symptom)befähigt.
Selbstverständlich ist diese Gegentheorie ausführbar (und längst schon, wenigsten in ihren Grundzügen, ausgeführt).
Symbol
vs.
wiederabziehbare
|Gedächtnis des unauflösbar mit
dem Objekt verbundenen
subjektive|körperlich-dinglichen
projektive|ur-projektiven
ödipale|todestrieblichen
Zutat zum Objekt|Produktionsmotivs des Objekts
  1. Alternative Therapie?
Da diese Wendung weg vom üblichen psychoanalytischen Symbolverständnis aus praktischen Nötigungen hervorging, zum Problemfeld der abzuändernden therapeutischen Praxis noch einige mehr erzählende Bemerkungen. Als meinen ersten Behandlungsfall als Ausbildungskandidat der DPV psychoanalysierte ich unter Kontrolle einen Brückenphobiker. Immer wenn die Rückläufigkeit der Symptome zu wünschen übrig ließ - und das war fast immer der Fall -, schalt mich meine diesbetreffend sehr ambivalente und deshalb umso paroxysmal moralischere Ausbildnerin wie folgt: ich und mein Patient seien zwei linke Vögel, die in gemeinsamer Abwehr dafür sorgten, daß sich therapeutisch nichts täte. Ich müsse mich endlich zu dem väterlichen Machtwort bequemen, daß eine Brücke eine Brücke sei, und sonst nichts, eben nicht dieses elende infantile Theater um die Brücke herum, das wir zusammen offensichtlich genössen. Mein obligat schuldiger Gehorsam damals verfing indessen in keiner Hinsicht - das wäre eine fast unendliche Geschichte. Jedenfalls bin ich - praktisch zumal - dahin gekommen, in einer Art unkorrigierbarem ödipalem Dauer-acting-out in der Tat geltend zu machen, daß just dieses elende infantile Theater um die Brücke herum die Wahrheit über die Brücke als solche selbst, objektiv, sei, deren Herstellungsgrund nämlich, und nicht eine zufällige Zutat zu dieser, die sich, wiederabziehbar, in den Untiefen der eigenen Lebensgeschichte
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(mindest) psychogenetisch verliert. Und daß eine Brücke eine Brücke sei, und sonst nichts - dieses logisch-szientistische väterliche Machtwort -, es ist nichts anderes als die Pseudosouveränität eines Phobikergebets, eine magische Formel, die am besten, frei nach Gertrude Stein, man ausführen sollte zum kompletten Spruch sodann: eine Brücke ist eine Brücke ist eine Brücke ist eine Brücke (und geht dieser Spruch halbwegs fraglos in die Beine und Füße, so wird man die Brücke erfolgreich passiert haben können). Unfähig also bin ich geblieben, dieses Machtwort zu sprechen, halte aber an der anderen Funktion dieser erhaben-komischen Tautologie fest: Todeskonzession, die nicht nur den Gebrauch garantiert, auch die Folie dafür abgibt, die Kontrarietät dieser ihrer Aufklärung in sie selbst hinein einzutragen. Und trotz der beiden linken Vögel, der gemeinsamen Abwehr und des gemeinsamen Genusses - nimmer reichte der Konsens so weit, daß ich nicht zugleich auch gewußt haben würde, daß sich die Kranken, andererseits, nicht nur nach einem solchen martialischen Verdikt sehnen, daß sie gar den Ort desselben selbst einzunehmen trachten müssen. Fragt sich dann aber, wer den Dissens zum Kranken hin größer macht: der Therapeut, der also paternal zu sprechen imstande ist oder derjenige, der solches nicht vermag. Mein Patient aber, der Brückenphobiker, ist zum Glück dieser Kontroverse damals in tätiger Selbsthilfe entkommen; er verstand es nämlich, sich innerhalb seiner Erkrankung nicht ungeschickt anzupassen: sorgte für hinlängliche Kontraphobik und heiratete seine Begleitfigur ...
Zusammenfassung
Nach Meinung der Psychoanalyse besteht die Symbolbildung darin, einem - irgend dafür geeigneten - Gegenstand ödipale Gehalte beizugeben. Der Zweck dieses Vorgangs besteht in einer Art positiven Projektion.
Gegen dieses psychoanalytisch zentrale Theorem - die Heterogeneität des sexuellen Symbolgehaltes und des symbolisch beanspruchten Gegenstandes sowie die Nachträglichkeit beider symbolbildenden Verknüpfung - wird zu bedenken gegeben, ob nicht der sexuelle Symbolgehalt selbst schon, vorausgehend, der Produktionsgrund des betreffenden Gegenstandes und dieser entsprechend ein ursprüngliches, nicht wiederzubereinigendes Sexualsymbol sei.
Von dieser Wendung her entstände die Nötigung, Theorie und Praxis der Psychoanalyse auf eine "Psychoanalyse der Sachen" hin umzuschreiben.
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Literatur
H. Blumenberg (1987): Das Ich. Aus: Begriffe in Geschichten - drei Sammelstücke. In: FAZ. Nr. 89. 15.4.1987.
0. Fenichel (1982): Hysterien und Zwangsneurosen. Psychoanalytische spezielle Neurosenlehre. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982.
S. Ferenczi (1982): Die Symbolik der Brücke. In: Schriften zur Psychoanalyse II. Frankfurt/M. 1972.
S. Ferenczi (1982): Die Brückensymbolik und die Don Juan-Legende. In: Ebd.
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