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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
Dieser Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
Video-Kunst. Offener Brief an den Leser über Effekte realisierter Phantasmen (Retro III, 2006, Essen, Die Blaue Eule, 72-89)
(aus: Synthetische Welten. Kunst, Künstlichkeit und Kommunikationsmedien, herausgegeben von E. Hammel, Die Blaue Eule, Essen 1996)
„Wer ... für Sicherheit und gegen Angst plädiert, darf an das gute Funktionieren der Bilderhöhlen nicht rühren, muß sich von einer zweiten Aufklärung fernhalten, .."
(Dietmar Kamper: Bildstörungen. Im Orbit des Imaginären. Cantz Verlag, Ostfildern bei Stuttgart 1994, Schriftenreihe der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Bd. IV, herausgegeben von H. Klotz, S. 75)
Offensichtlich ist es mir, geschätzter Leser - und deshalb rede ich Sie an -, sogleich zu einem Proslogion zumute, dessen sublimierten Anherrschenston Sie mir bitte nachsehen mögen und, mehr noch, den unterstellten Beweggrund desselben. Denn: wie anders könnte ich Sie erreichen, wenn Sie vor dem Bildschirm, dieser großen postmodernen Liebe, voll der Andacht irgend sitzen? Seien Sie einmal nur ehrlich: was auch bleibt mir übrig, als Sie quasi zu wecken, wenn ich es vorhaben muß (welches Müssen?), die Theorie solcher millionenfacher theoria-Szenarien - eben auch Sie vor dem Bildschirm mit bewegten Bildern darauf - zu initiieren? Ich weiß: geweckt zu werden und obendrein anmaßend auch noch während Ihres medialen täg-lichen Traumschlafs zu besonderen Erkenntniszwecken hämisch beobachtet worden zu sein, das macht Sie rechtens ärgerlich, ja wütend, und schuldig freilich mich! Gewiß; doch sehen Sie mir es heute bitte nach, daß meine Weckensmaßnahme, Sie, wenn auch nicht sogleich beim Namen zu rufen, so wenigstens aber höflich anzureden, ein Moment der Offenheit, der Geradheit an sich hat, ganz anders, wie wenn es mir gelänge, plötzlich hinter Ihnen aufzutauchen so wie Alberich und Ihnen - Hagen wären Sie dann - unweckend zuzuflüstern: „Schläfst du, Hagen, mein Sohn?" Sie kennen die Wagner-Szene, diese Giftwolken sprühende/inhalierende schwarze Musik: den posthypnotischen Auftrag, das Ende der Welt zu bestellen? Nein? Aber es ist ja Tag, und Sie im Übergang entsprechend dabei, den Demiurgensitz zu verlassen und Ihre Augen zu schonen, indem Sie meinen
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obsoleten Brief zu lesen anfingen. Und daß Sie träumten, das konnte nur vage, per analogiam, im übertragenen Sinne gemeint sein, nicht wahr? Und nicht zuletzt muß ich mich selbst in Ihre eigene Lage vor dem Bildschirm begeben, um überhaupt auch nur halbwegs Verbindliches zu dieser Situation, deren fraglose Ausfüllung zu beneiden Sie mir durchaus zu unterstellen befugt wären, denken und sagen zu können; werden muß ich wie Ihreteiner, der weckensmächtige paranoische Andere bin ich nicht. Haben Sie bitte noch ein wenig Geduld mit mir; denn die sicherlich nicht gänzlich unangebrachte captatio benevolentiae, sie ist jetzt zu Ende, und ich darf, hoffentlich einvernehmlich mit Ihnen, exkulpiert, meinen - selbstverständlich immer noch unter stärkstem Rechtfertigungszwang stehenden - Sermon starten. Sind Sie zum Mitgang bereit? (Cave! „Heinz-Reisen" schrieb ein verrückter Student an manche Innenwand der Gebäude der Philosophischen Fakultät!) Nicht? Ich solle mich doch für die Sendung „Philosophie heute" im WDR 3 bewerben; dann brauchen Sie nicht aufzustehen und gar zu lesen? Aber bitte, machen Sie es mir doch nicht ganz so schwer! Ich stelle gerne auch die Fragen, die Sie stellen könnten, und verspreche, mich auf wenige zu beschränken. In diesem Sinne - also:
Von woher ich Sie geweckt haben würde, von hinten oder von vorne? Das ist mitnichten gleichgültig, auch nicht der kleine Unterschied (nur). Wenn Sie mir ausnahmsweise erlaubten, daß ich ausnahmsweise einmal an mich selbst denken darf, so muß die Antwort lauten: freilich von hinten (wider den kleinen Unterschied). Denn: wenn ich plötzlich hinter dem Bildschirm Ihnen frontal erschiene oder gar, verdeckend, vor diesem, so wäre mein epiphanisches subito mitsamt meinem Körper-Reale, den Bruch der Imaginarität betreffend, ungleich schwächer doch, als wenn Sie mich, unvorbereitet, hinter sich die Paradiesesbeschämung - „Adam, wo bist du?" - rufen hörten. Die metabasis eis allo genos der Sinne, der höheren, macht es: Sie werden vom Sehen abgezogen, sofern Sie, beim Willen zur Sicht verharrend (warum auch sollten Sie wechseln?), sich zur rettenden Sichtung der Lautungsprovenienz umzuwenden genötigt sind. Und Sie vermöchten mir, dem Anderen, dem Unterbrecher, dann nur an die Gurgel zu springen, wenn es mir nicht gelänge, unsichtlich in reiner Stimme zu verschwinden: zum Gotte zu werden („Der da wohnet im unzugänglichen Licht") und dessen Sprachrohr, den militanten Propheten, visibel als Leiche zu hinterlassen. Gerne nun billige ich Ihnen zu, daß Sie viel geschickter und vor allem sensibler sind, um solche schmähliche Tagesweckung vor dem Bildschirm zu parieren. Vis-à-vis gelänge es Ihnen gewiß, mich, den Diskretor
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wider den Bilderfluß, wegzuschimpfen. Und selbst - wer weiß? - meiner potenteren dorsalen Attacke begegneten Sie gelassener, ja schon ein wenig ataraktisch, so Sie den Weckensruf, ähnlich wie im Traume oft, im voraus witterten, ja auf dem Bildschirm sich avisieren sähen. Wie, die Annonce? Selbstverständlich vermeinten Sie unablässig und froh, so intim bei sich selbst zu sein vor dem Bildschirm, daß Sie sich exklusiv als Spiegelbild selbstansichtig sein würden. Mein Anruf aber bewirkte, daß Ihre Spiegelbildtotale umschlüge in Ihre Dritten-referente, in diesem Übergang labilisierte Abbildlichkeit. Das ist wie ein Gesetz: immer wenn ich angesprochen zusammenzucke, hat sich die Spiegelbildsekurität meiner Wahrnehmungswelt in fürs erste ungesichertere Paßbilder meiner selbst verwandelt. (Aber glauben Sie bitte nicht, daß gleich welche solcher Phasen auf peremptorische Selbstgründung hin isoliert und erhalten werden könnten.) Was ich sagen wollte? Zugegeben auch: es ist in diesem Mirakel der Sichtbarmachung der Stimme, der Metamorphose des Anrufs in die Doppelreflexivität des Abbilds, immer noch des Terrors genug. Immerhin aber reißt die Wahrnehmung so nicht ab, sie wandelt sich, rufmotiviert, zunächst nur erschreckend, bloß in sich selbst. Alberich, der abermals geht, erzwungenermaßen, abermals Sie aber verfluchend. Abwarten kann er erneut. Denn er hat Ihnen, folkloristisch gesagt (pardon!), einen Floh ins Ohr gesetzt.
Freilich, die weitere Erklärung des Terrors des phonetischen Hintenangriffs - Terror selbst noch in seiner sichterhaltenden moderierten Vorwegparade - bin ich Ihnen schuldig geblieben. Schleunigst also stelle ich (für Sie) die Frage, wie denn diese seltsame Irritation zustande komme. Nun denn: setzen Sie sich, auch wenns schwer fällt, einen Moment vom Bildersehen bitte ab und versuchen Sie dasselbe selbst als solches mitzusehen! Wahrscheinlich können wir in dieser selbstbezüglichen Blickrichtung uns darauf verständigen, daß die Bildschirmsimulatorik anmutet, als wenn die Bilder, just die bewegten, sich wie aus sich selbst hervorbrächten. Auf die Raumdimensionen des nähern hingesehen, hieße das dann, daß sie sich in dieser ihrer selbstgenerativen Phantasmatik ihr eigenes Hinten selbst restlos wären. Abstrus, nicht wahr?, doch phantasmatisch überaus stimmig, selbst auch dann, wenn Sie Ihr medientechnologisches know how dagegen ins Feld führten und basal etwa schon monierten, daß es handgreiflich doch die Rückseite des Bildschirms gebe, sofern mit solchen rationellen Widerlegungen sich die Anmutung der motil-ikonischen Autarkie mitnichten auflöst, im Gegenteil so nur das Wunder dieser Gabe zumutend hypertrophiert; durchaus vergleichbar der notorischen Erfahrung des unüberbrückbaren
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chorismos zwischen subjektiv-cogitionalen Binnenvorgängen und deren externen physiologisch-objektiven Korrespondenzen. Die Wette gilt: wie es bisher ausschaut und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit kriegen Sie das eine erklärend/begründend dann nur ins andere überführt, wenn Sie das eine und das andere mit zerstörten. So geht es also nicht.
Wo waren wir eben? Bei der mechants der medientechnologisch gemachten, vorgespiegelten Autokreativität der Bildschirmbilder, die sich ihr eigenes Hinten damit selbst im ganzen wären. Wie das? Ich bitte Sie sehr um Nachsicht, daß ich gehalten bin, den ganzen scheinbaren Unsinn zunächst des göttlichen Einmaleins zum Zweck der besseren Einsicht in das, was ein Bildschirm sei, zu skizzieren. Sie werden dann in einem nächsten metaphysischen Denkschritt gewahren, hoffe ich - Philosophie, mehr noch: Mythologie, um nicht zu sagen Theologie gar nämlich, ist hier doch einzig angesagt -, daß sich das Göttliche, menschlich abstürzend, in sich gottmenschlich kontrareisiert und sich in dieser seiner Widersprüchlichkeit dem abgestürzten Menschen heilbringend zur Verfügung stellt, wenn Mensch nicht wiederum, abgestürzt, das Göttliche exklusiv zu sein begehrte. Welche Begehrlichkeit er zugleich aber nicht unterlassen kann und die, gleichwohl, notwendig, dafür sorgt, daß sich das Drama des Heils nicht sogleich in Pension begibt. Leider muß ich initial so klotzen, metaphysisch, sonst nämlich fehlen auch Ihnen dann die gebührenden Rahmenbestimmungen der angestrebten Bildschirmerkenntnis, die Sie unschwer annähern könnten, wenn Sie sich der christlichen Glaubensinhalte besännen. (Bitte, springen Sie nicht ab - Christen sind wir allzumal.)
Des einzelnen und näheren: Die autokreativen Bildschirmbilder seien sich selbst ihr eigenes Hinten. Ja, sie haben Augen demnach auch nach hinten, ebendort, wo der menschliche Blick, wie man weiß, peremptorisch ausfällt. Indem sie dieses sensuelle Basisdefizit im ganzen kompensieren, gleichen sie zudem, wie man sich leicht überzeugen kann, die, in sich wiederum differenten, Halbdefizite des Blicks nach oben und nach unten sowie nach links und nach rechts mit aus. Der Eine Blick, selbst als Kugelaugen-Panorama, wenns beliebt. Nun haben wir das Superauge - was aber sieht es? Alles, wie gehabt (wo ich bin und was ich tu, sieht mir Gott mein Vater zu). Das ist zwar schon sehr viel, doch göttlich wiederum entschieden noch zu wenig. Denn selbst wenn Alles gesehen wird, so bleibt das Gesehene, auch wenn es zuvor produziert worden ist (und produziert ist es quodamodo immer), initial immerhin so weit heterogen zum Sehenden, daß es der sehenden Zuwendung, dieses intentionalen Aktes bedarf, dem - Sie bemerken
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die widerabsolute Abstandsmarge zeitlich wie räumlich? - die Wiedererkennung/Anamnesis, die memoriale Herstellung der vorausgesetzten Identität beider, zu leisten obliegt. Also müssen Produktion und Reproduktion um des Gottes willen zusammenfallen: die Totalität der Sichtwelt nicht ge-sehen werden, vielmehr er-sehen sein. Klar? Mehr aber noch, - genug ist nicht genug -: Sie ahnen gewiß schon den immer noch verbliebenen Mangel, der mir Gelegenheit gibt, die letzte Raumdimension (Quartessenz), nämlich das Außen/Innen mitaufzunehmen. Selbst auch das visible Totum, syn-chron er-sehen, so recht auf göttliche Art und Weise, restiert außenvor und bildet, als unbegrenzte Oberfläche, grenzziehend ein nicht minder maß-loses Innen aus, so wie das Panorama-Kugelauge auf der Gegenseite im Nichts seiner umhüllten Interiorität rein nur außer-sich agiert. Schlimm? Keine Bange, lieber Leser. Diesem Defizit wird problemlose Abhilfe zuteil: je schon nämlich hat sich die Wahrnehmung göttlich in Marsch gesetzt, nicht nur den Abstand des Außenvor wie ein ineinem re-motiles Geschoß, wie der fliegende Pfeil, der ruht, zenonisch, nein: hier noch parmenideisch, quittiert, zumal auch die Sperre des superficium zur vollen Durchmischung des Innen und des Außen durchbrochen. „Von der Umgebung über das Gegenüber zum Gegenstand und zum Gespenst, vom Circumjekt über das Objekt zum Projekt und zum Projektil scheint es kein Halten zu geben." (Kamper, a.a.O., S. 96.) Voilà! Der perfekte Gott, rein bei sich, und infinit Alles, die Kontamination selbst als solche, nach Philosophenweise ausgedrückt, und, zu Ihrer Beruhigung gesagt, den Gedanken nach so alt wie die Philosophie selbst. (Wenn es zu schwierig wird, so erheben Sie bitte sogleich Einspruch! ... 0 was sage ich? Das geht genau so wenig direkt, wie wenn Sie vor dem Bildschirm säßen. Also rufen Sie mich stattdessen - das Gespräch mit dem Leser - bitte an: 0202/435099.)
Weiter nun in der Erforschung der göttlichen Geheimnisse. Wie Sie aus Ihrer Derrida-Lektüre vielleicht wissen (nein?), macht den Letztgrund des Gottes - ich kürze unbillig ab - die Einheit von Stimme und Gehör aus (Telefonbügel). Will sagen: daß die vollkommene Gotteskugel, wie dargetan, selbst die „Rücksicht auf Darstellbarkeit" des sono-auditiven Rundherum (Radio), mit Verlaub: transsubstantiativ, ist. Wie soll ich Ihnen diesen entscheidenden Fortgang im Phantasmenaufschluß der Bildschirmbilder, diese metabasis vom Sehen zum Hören retour, besser, genauer noch vermitteln? Stellen Sie sich bitte vor, Orpheus sei nicht der menschliche Opferheros der Musik, vielmehr sogleich deren Gott, am ehesten Apollon und Dionysos zusammen. Damit wäre er, seines leidigen Schicksals ledig,
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die Koinzidenz seiner selbst und der toten unterweltlichen Eurydike und hätte mitnichten auch, bezeichnenderweise durch verbotene Rücksicht (sic!), den erneuten Verlust der Nymphengattin auf dem Gewissen. Orpheus, der (frei nach Cocteau) göttlich simpel sozusagen die Spiegel passierte, hin und zurück. Noch ordentlicher gesagt: in der unabständigen Fusioniertheit von Stimme und Gehör, der Herkunft als Rückkunft (Reflektion) zugleich, gibt sich das göttliche an dit der ultima ratio vor. Nicht wie im Sehen, re-präsentativ, genuin vielmehr präsentativ-aktual fallen im Hören Produktion (Stimme) und Reproduktion/Konsumtion (Gehör) in infiniter memorialer Expansion zusammen. Angesehen sähen Sie passager das Unding, den spaßigen Gott der Gleichzeitigkeit von hörendem Mund und tönendem Ohr, innenaußenaußeninnen (auch hintenvornevornehinten und so fort); hörten Sie, schließlich, der unendlichen Kugel synaisthetisches Selbstsein. Siehe, wie sich auf dem Bildschirm Allewelt gesehen erspricht! Sie müssen es mir nicht glauben, Sie können es wie die Gnostiker wissen: die Sache ist wirklich so perfekt.
So perfekt freilich auch - man kommt den Vollkommenheiten kaum noch nach - in der Dimension meines besonderen Theorieengagements, der Nachtphänomene im Bezug zu denen des Tages: Schlaf und Traum und Wachsein. Wie hier? In den Bildschirmbildern indifferenzieren sich Tiefschlafen und Wachen (ja, Tod und Unsterblichkeit) zur Permanenz des Träumens. Die beiden Enden, die Bewußtlosigkeit der Selbstreferenz des Ge-hörs (Tiefschlaf und mehr) einerseits und die Bewußtlosigkeit der Selbstreferenz des Ge-sichts (Terminus? Die unsterbliche Seele? WachenWachen, dinglos?) andererseits, die (coincidentia oppositorum) zusammenfallen, werden nicht etwa gekappt - wie auch und wohin? -, eingegeben sind diese Letztvorbehalte vielmehr in das grenzenlose Interim der heiligsten Krankheit (Psychose) des unaufhörlichen Träumens, des Träumens just derselben selbst. Capito? Nein? Haben Sie schon einmal einen neuroleptisch nicht medizinierten Schizophrenen erlebt? Er, diese Gotteskarrikatur, macht die Nacht zum Tage, den Tag zur Nacht; Unweckbarkeit des somnialen Flusses. Zum noch besseren Verständnis dieser Phänomene darf ich Ihnen, ausnahmsweise, meine neuere traumphilosophische Publikation empfehlen: Somnium novum 1. Zur Kritik der psychoanalytischen Traumtheorie. Passagen, Wien 1994. Oder, allererst einfach, mögen Sie sich der trivialen Tatsache entsinnen, immer wenn Sie sich zusammenfassend klarmachen wollen, kurzum daß das Sehen die Rücksicht auf Darstellbarkeit des Hörens sei, daß Ihre Brille vor den Augen an den Ohren befestigt ist.
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Nur zu Ihrem Besten aber schicke ich die Warnung nach, daß Sie in die horrenden Verlegenheiten des Konkretismus geraten könnten, wenn es Ihnen gelingen sollte, Ihre Brille, die zudem ja auch Ihrer Nase aufsitzt, also zu spekulieren.
Nun, verehrte Leser, pardon: Leserinnen, manches wäre, jedenfalls die sogenannten höheren Sinne betreffend, an Bildschirmbilder-generativer Metaphysik damit vorab gesagt. Und zeitgemäßer wäre es sicherlich gewesen, ich hätte Ihnen meinen offenen Brief in progress zugefaxt. (Vielleicht das nächste Mal?) Allein - das wissen Sie genau so gut wie ich -, alles, was an Metaphysik erforderlich wäre, ist mitnichten so schon gesagt, wenn immer Sie bedenken, daß es am Menschen keineswegs ja nur, das versteht sich, die höheren Sinne gibt. Nur daß es mit dem Fortgang meiner metaphysischen Basisbeschreibungen, weiterhin dem menschlichen Körper entlang und auch in die Quere, seine besonderen Schwierigkeiten hat. Nach aller Erfahrung muß ich befürchten, daß alsbald Sie sich langweilen werden, der anstehenden proliferierenden Variationen des Immerselben der metaphysischen Dynamik, kurz: der Transzendenzbewegung wegen, die Sie ja kennen und die Sie nicht weniger, an beliebig anderen Körperphänomenen bewährt, auch theoretisch bewähren könnten. Notorisch muß man sich bloß den kühnsten Träumen der eigenen unbedürftigen Selbstständigkeit überlassen, um metaphysisch fündig zu werden; und allemal resultierte dann die Satisfaktion des universellen Musters der - ich drücke mich jetzt wieder philosophisch aus - Indifferenzierung aller Differenzen. Passierte es aber, gleichwohl, dieser Fadigkeit zum Trotz, daß Sie dem Abgrund dieses Gottes zu nahe kämen, so bleibt Ihnen immer noch die probate Kautele erhalten, sich, bitte aber fromm, vor dem Bildschirm zu replazieren - das nutzt fürs erste gewiß. Ein weiteres Problem, es ist ganz nur das meine. Höchstwahrscheinlich bin ich, selbst bis hierher schon, fast wie ein apokalyptischer Spielverderber zu weit gegangen (von „gnostischen Übertreibungen" sprach ein Kollege vordem). Schritte ich jetzt konsequent zu den niederen Sinnen, dem subsistenz- und generationssexuellen Körper formal in den Bildschirmbildern, aber fort, so könnten Sie mich a fortiori also ignorieren (und mehr). Ich nutze die Gelegenheit, Ihnen gar zuzugestehen, daß meine publike Ignoranz in allererster Linie mit meinen in der Tat schamlosesten Offenlegungen zu tun hat, die, nicht gewußt werden zu wollen, kein also Unwilliger schuldhaft irgend zu verantworten hat. Wie ja überhaupt das Sperrfeuer wider solche zweite Aufklärung, denke auch ich (zusammen mit meinem Berliner Freund Dietmar Kamper), einen guten
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nachweisbaren Sinn haben muß, auf den ich noch genauer zurückkommen werde. Was also wundere ich mich, daß, nur beispielsweise, meine Apokalypse des Historiephantasmas, jedes Ereignis dieser Welt allpublik instantan medial zu reproduzieren, so daß sich objektiv-medial ein schizophrener Memorialitätsfluß einstellte, von Historikern mit wütendem Schreien quittiert wurde? (Siehe: 1. Historie. In: Pathognostische Studien 1. Historie, Psychopathologie, Schrift, Tausch/Opfer. Die Blaue Eule, Essen 1986. Genealogica Bd. 10. S. 9-47.) Oder auch, daß direkt für eine mögliche Fortschreibung hier einschlägige Texte, wie etwa „Welchen Geschlechts sind Fernsehapparate? Kommunikations-gnostisches Vorspiel" (in: Tumult. Zeitschrift für Verkehrswissenschaft. Hrsg. Böckelmann/Kamper/Seiter. Nr. 5. Büchse der Pandora, Wetzlar 1983. S.70-87), bloß ein Szene-gebundenes Ministrohfeuer (und weniger) an Rezeption aufzuweisen hatten? Und viele andere mehr - ich wage es kaum, sie alle vorzubibliographieren, sofern ja fast nie mehr bibliographisch ordentlich recherchiert wird (auch ein Effekt der Elektronisierung?) - an Resonanz entschieden weniger? Wie zum Beispiel: „Was ist sichtbar I" (in: Kunst im Schaltkreis. Variation - Serie - Simulation. Hrsg. A. Engelbert. Hochschule der Künste, Berlin 1990. S. 73-77) und: (zusammen mit H. Heinz) „Was ist sichtbar II" (in: ebd. S. 79-82) sowie: „Moderniora. 1. Therapeutiksymptomatik und Sucht" (in: Wie modern ist die Postmoderne? Vorträge aus dem II. Verlagskolloquium 1989 in Bochum. Hrsg. Bering/Hohmann. Die Blaue Eule, Essen 1990. S. 183-191.). Schließlich: was wird mit meinem gut plazierten Text, dem Vorläufertext zu diesem, geschehen?: „Was ist ein Bildschirm?" (in: H. Heinz/M. Heinz: Orakel - Echo - Rätselgesang. Sprachtumult und Psychose. In: Wahnwelten im Zusammenstoß. Die Psychose als Spiegel der Zeit. Acta humaniora. Schriften zur Kunstgeschichte und Philosophie. Hrsg. Heinz/Kamper/Sonnemann. Akademie Verlag, Berlin 1993. S. 131-133)? Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.
Andererseits darf ich nichtimmernun davon ausgehen, daß Sie erwachsene Menschen sind, vielleicht auch Kinder haben und bisweilen zum Arzt gehen (sowie daß es selbst im Christentum weniger manichäische Marginalien geben mag). Und also bringe ich das kriteriale Hinten mit dem Hintern knapp und schamvoll zusammen. Es ist Ihnen längst schon aufgefallen - des bin ich sicher -, wie ungewöhnlich sauber, proper, hygienisch Bildschirmbilder sind. Les immateriaux! Gut. Darf ich Ihnen die weitere Einsicht in dieses Wunder vermitteln? Die Eingangs-, nein: Ausgangsfrage lautet, was denn nun die Schande des fäkalischen Hinten - daß es, kaum
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da, zum Verschwinden gebracht sein muß? - ausmache. Die Antwort: es ist durchaus die narzißtische Schandbarkeit der obligaten Konzession der Selbst-Anderen-Differenz, zum schlechten Schluß. Ihre Kompaktexkremente sind es - verdammte Scheiße in der Tat! -, welche die stiekumBinnenkriminalität der Anderen-Assimilation, intestinal, die also nicht aufgeht, diesen nimmer vorgesehenen Rest ruchbarster Ruchlosigkeit, schmählich verrät. Lustmordperfidie. Wenn ich denn schon fressen muß, so dürfte ich allerwenigstens nicht sch... müssen. Und das auch noch, hilflos, genuin hinter dem Rücken! Doch halt! Sind die Fäkalien denn nicht die Urgegengabe für die Gnade der Teilhabe am Opfermahl, der Subsistenzgewährung? Schön wärs, solche Äquivalenz. Nein, wenn schon, dann ist diese Art von Geschenk die purste Opferlist und -tücke, der Inbegriff des mythischen Betrugs - eben: der Rest für die Götter (die guten ins Kröpfchen, die schlechten ins Töpfchen). So läßt sich der Tauschadressat schwerlich täuschen: dieser Hohn an Gegengabe muß aus der Welt, auf der Stelle (water-closet), nichts zu machen. Wie steht man nun da, in der analen Phase, als Kind zumal, mit dieser Leerheit des Hinten, wie wenn das getötete Andere unbeschadet durch mich hindurchgeschlichen wäre und, von den Toten auferstanden, hinterrücks mich verfolgte? Monitum der Selbst-AnderenDifferenz nicht nur, blanke Anderen-Rache vielmehr, wenn immer man nicht umhinkommt, nothaft arglistig diese selbstwertlose Anmahnungsmaterie permutativ zu funktionalisieren; so daß die ultimative Notlösung, die Katastrophe Koprophagie, allemal droht. Es wäre schier zum Verzweifeln, ja, wenn es, unter anderem und darin exemplarisch aber, keine Bildschirmbilder gäbe. Tief durchatmen bitte! Das Selbst-Anderen-Problem, das intersubjektiv unlösbare, ist im Bildschirmbild wahrhaft gelöst. Und damit überhaupt gelöst, in dieser lebendigen, memorial produktiven Suisuffizienzmaschine, die, insofern sie unüberbrückbar abgründig exklusiv für sich ist, immer zugleich ich selbst bin in der nämlichen peremptorischen Sattheitsverfassung. Welcher Stolz und welche Würde, wenn man diesen schönsten Monadologismus der „inklusiven Disjunktion" mit dem schäbigen Theater der Intersubjektivität/-korporalität vergleicht! Keinen rüden Feldwebel wird es geben, der den Austretenswunsch (gar nur für klein - worüber zu handeln ich vergaß) des marschierenden Lanzers mit der Infamie beschied: ziehs hoch und spucks aus. Je schon ist alle Differenzmaterie einbehalten veräußert, die Selbstalimentierung, subsistentiell und generativ in einem, perfekt. (So - diese Schweinereien hätten wir bestens hinter uns gebracht.)
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Längst aber schon hatten Sie die kluge Frage auf den Lippen, unterstelle ich, wo denn die Fülle der Bilder des Bildschirms, diese ihrem Gehalte nach, geblieben seien. Fast könnten Sie argwöhnen, ich hätte sie außer acht gelassen, um nicht die Göttlichkeit des Bildschirms schließlich doch noch beeinträchtigen zu müssen? Nein, ich habe sie weder vergessen noch sind sie etwa der göttliche Abfall der Gottverlassenheit, ganz im Gegenteil. Nein, die Widerlegung solchen Scheins habe ich mir bis zum Ende dieses Metaphysikkapitels aufgespart, damit die Eine Herrlichkeit sich final in Sonderheit beglaubige. Um es kurz zu machen (am besten auch, Sie legen, je nach eigenem Bedarf, Lesepausen ein, die vorzugeben ich um Ihrer Willkür willen unterließ): in ihrer Ausdehnung ist die Abundanz der imaginären Gehalte göttlich unifiziert in der „haecceitas". Sie kennen dieses nicht zuletzt prospektiv so ingeniöse scotistische Konzept? Es besagt, daß alles Individuelle selbst schon den Status des Ideellen habe, die ultimata von Wesen und Erscheinung zusammenfielen. In freier Verwendung hier: nichts kann es auf dem Bildschirm geben, nichts also kann es geben, per definitionem, das nicht im ganzen imaginarisiert wäre und damit in höchster Aufladung geistig, hätte ich beinahe gesagt, ausfällt. Und auf ihre Herkunft hin sind sie - die eh schon phänomenal-noumenal indifferenten Bildgehalte -, fernab jeglicher Heterogeneität, Isolierbarkeit, Autonomie, nichts als infinite Selbstdarstellungen, Autosymbole, „funktionale Phänomene" (wie ich mich mit Herbert Silberer vorzugsweise ausdrücke) der formal identischen Funktion des Bildschirms als solchen selbst; Software, die die Hardware präsentiert. Sie können wohl ahnen, daß die „haecceitas" vielleicht noch angeht, aber das „funktionale Phänomen" (mein Steckenpferd außerdem, insbesondere wiederum traumtheoretisch)? Ich darf Sie aber anhalten, sich auch diesem göttlichen Indifferenzschwung vorbehaltlos anzuvertrauen; was Sie als Fernsehbenutzer eh ja auch tun, nur daß Sie sich gegen meine offene Benennung desselben, rechtens durchaus, zur Wehr setzen mögen. Die rettenden Vorbehalte nämlich werden Ihnen durch dieses Wunderding selbst geschenkt; fürs erste müssen Sie dafür nichts tun. Womit ich zu den nächsten Gedanken, avisiert schon in den Andeutungen zur gottmenschlichen Binnenkontrareisierung des Gottes, übergeleitet hätte.
Also wandern Sie mit mir bitte doch noch diese Sie allzeit rettende Kontrareisierung, das Heil der Binnen-kenosis des göttlichen Sohnes im Vatergott in allen ihren Dimensionen ab (wer a sagt, möge doch auch b sagen); durchaus nach der Maßgabe des menschlichen Derivats dieses inneren göttlichen Widerspruchs, namens Symptom, ganz nach dem Vorbild des
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Ursymptoms der Schöpfung selbst durch den erscheinenden göttlichen Logos. Abgenommen ist Ihnen die Soteriologie der (Re)differenzierung aller Differenzen im Bildschirmbild, das ich verwegenerweise schon einmal, als den Christus, eine „Himmelstunte" nannte (in: Welchen Geschlechts sind Fernsehapparate? a.a.O.). Und so ist es um die Dinge, die Gedächtnisdinge, die Medien, zumal, bestellt: wenn sie den (Un)grund der Indifferenz (re)differenzierend nicht an sich selbst zugleich brächen, nicht unspaltbar gottmenschlich, um es wiederum christlich zu sagen, wären, so müßten sie sich sogleich wie sich selbst zerstörende Waffen, Bomben in actu, benehmen; was sie freilich apokalyptisch als letzter göttlicher Vorbehalt der Absolutheit sind. Bis dahin aber machen sie sich, in aller Souveränität Differenzen in die haltende einzige Indifferenz (ab)bruchlos eintragend, dem Gebrauch erbötig.
En detail (wir haben ja unsere Augen und Ohren im und am Kopf, und der Bildschirm demonstriert es einem nachgerade didaktisch):
  1. Die unendliche Kugel bescheidet sich zur Fläche, zum Quadrat, nein: am besten, weiterhin differierend (= aufschiebend), zum Rechteck. Göttliche Selbstbescheidung, therapeutisch (= dienstbar), ohne Verlust. Selbstverständlich gibt es - um die ansonsten menschlich bedrängendsten Raumdimensionen wenigstens anzuführen - ein Hinten sowie ein Innen, je geöffnet jedoch, ohne Entzug, und da. (Darüber habe ich zu handeln vergessen: wenn Sie - probieren Sie es in Ruhe bitte! - diese wunderbare Fläche vierteilen, so repräsentieren sich alle Raumdimensionen in diesen Flächenausschnitten, und zwar: links oben: außen; rechts oben: vorne; links unten: innen; rechts unten: hinten. Rechtsobenvorne ist sodann das ganze des Vorne, das alle seine Dimensionsgeschwister auf sich enthält.)
  2. A fortiori ver-mißt sich die Un-mäßigkeit von Stimme/Gehör, diese ultima ratio, in diesem spatial alles seienden Ausschnittkarree, wie eine Sichtdisziplin des verlautenden Hörens. Ungezwungen gibt das Hören das Sehen frei; und vergibt sich, sich, alteriert, also gewährend nichts. Weltzuspruch, „höre: siehe" (Heide Heinz). (Wie wenn Alfred Adler, der wie beiläufig einmal als letzte Ursache von Psychopathologie die Diskordanz von Hören und Sehen erwog, widerlegt wäre, gibts so auch keine vestibulären, die Vermittlung beider höheren Sinne also betreffenden, Probleme.)
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  1. Entsprechend auch entläßt der Tiefschlaf den Traum, so wie wenn er dieser selbst, aller Selbstimperialität, allen Narzißmus' ledig, wäre. (Eine tolle Sache! Ist man so nicht der Tödlichkeit des Selbstbezugs, der immer nur Fünfvorzwölf, wenn es gar nicht mehr anders geht, um sich nicht selbst und alles Andere zu zerstören, erzwungenermaßen, diese Not jedoch als die eigene Tugend der Generösität ausgebend, differierend/differenzierend von sich abläßt, endlich entkommen?)
  2. Endlich auch: das Ding ist restlos materiell und restlos zugleich nicht, in aller Lässigkeit. (Ist das nicht wie eine homöopathische Potenz über die Hundert, die höchste Wirksamkeit eines einzigen Atoms im Weltenmeer?)
  3. Entsprechend negentropisiert die „haecceitas" zum schönsten Ausgleich zwischen Idealität und Materialität, Allgemeinem und Individuellem, Notwendigkeit und Zufall. (Schillers „Spieltrieb" doch, und er ist Ding, just der Bildschirm geworden: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet,/kam in die Welt./Er war in der Welt,/und die Welt ist durch ihn geworden,/und die Welt erkannte ihn durchaus./Er kam in sein Eigentum,/und die Seinen nahmen ihn wohl auf./Allen, die ihn aufnahmen,/gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, ..." Bitte lesen Sie doch den gesamten Prolog des Johannes-Evangeliums diesbetreffend nach.)
  4. Schließlich: mitnichten kassiert das schaffende Wesen seine geschaffenen Erscheinungen. Daß alle proliferierenden Bildschirmbilder bloß „funktionale Phänomene" selbst des Einen Bildschirms sind, diese Bloß-heit macht keinerlei Restriktion, keinen Kollaps beider ineinander, ist vielmehr die Be-dingung (buchstäblich) der göttlich gehaltenen Fülle der Welt; Differenz(en) nurzumal immerdar in der Indifferenz. (Wenn wir schon einmal bei Schiller und Johannes, unseren Bürgerahnen, angekommen sind - das ist wahrlich erfüllte Klassik. Denn so sehr ist das Medium medial, vermittelnd, rein dienstbar, therapeutisch, daß es in seinen durch es mediatisierten Gehalten zu verschwinden scheint. Der Christus unter den Brüdern.)
Schön, schön (haben Sie schon Ihre Lesepause eingelegt?). Allein, man reibt sich die Augen und fragt sich ernsthaft, weshalb, gleichwohl, die Welt nicht in Ordnung ist. Das macht doch, angesichts solcher nützlichen Großartigkeiten, keinen Sinn? Wie also kommt das Übel, dem herrlichen Bildschirm mit seinen movies gänzlich zum Trotz, in die Welt? Sehen Sie:
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indem ich Sie, vor dem Bildschirm sitzend, zu wecken und sich erheben zu machen vermochte (oder auch nicht - das macht keinen Unterschied letztlich, denn dieser Ort bleibt, wie subtil intellektuell auch immer, der des Konsums), haben Sie Blut geleckt, Gottesblut, um es drastisch genug zu sagen. Wir können es mit dem allerbesten Willen eben nicht unterlassen, mit diesem göttlichen Ding in seiner generösesten Gottmenschlichkeit kurzzuschließen und, jenachdem, diesen Kurzschluß bis zur Hypertrophie des eritis sicut Deus, mit der verheerenden Folge des immerwährenden Sündenfalls dann, zu übertreiben. Wenn nämlich nicht, so stürben Sie, die Körper, alsbald vor den verrottenden, wenig nur länger überlebenden Dingen. In der Tat: ohne diese fundamentale Anmaßung gäbe es keine Bildschirme und, wenn es sie gibt, ihre Erhaltung und Perfektionierung nicht. - Aber das stimmt doch nicht, werfen Sie ein, wir gehen just doch nicht hops, sondern bringen der Bilder wegen brauchbarste Bildschirme hervor - wo ist denn da die Anmaßung? - Ja, eben, ich präzisiere: felix culpa: Bildschirme schaffend, biegt unsere Urprätention vor ihrer letalen Erfüllung ab, indem wir, post festum, die Differenz des Gottes und des Menschen als die des heilbringenden Gottmenschen, des Bildschirms, konzedieren. - Quatsch! Nicht nur, daß ich keine Konzession spüre, das klingt jetzt unsinnigerweise gar so, als sei der Tod aus der Welt. - Aber bitte, die Konzession, das sind die Dinge, der Bildschirm selbst, und deren Gebrauchbarkeit (und mehr noch als bloße Gebrauchbarkeit), die ich gewiß nicht in Abrede stelle. Und der Tod ist tatsächlich aus der Welt, wenn immer er nicht mehr sein sollte (was ich indessen gründlich bezweifele) denn seine Re-präsentation als der sozusagen schaffende Tod der Dinge, des Bildschirms hier. - Eine elende Mystik, mit der Pointe, den Konsum letztlich doch zu verteufeln. Also, noch mehr, an die Arbeit?! - Ja, gewiß: fernab der Unterstellung subjektiv-schuldhafter Intentionen gesagt, ist es so etwas wie die fundamentale Faulheit, die Opferverweigerung, die den Absturz des gleichwohl notwendigen Sündenfalls so bodenlos, vielleicht davor eben noch in Krankheit aufgefangen, macht: nicht-durch-Arbeit-gerechtfertigt-zu-sein. Doch diese letzte Satisfaktion ist nicht nur nicht alldisponibel, im Opfer arbeitet sie, abermals nach dem besten Vorbild des Christus, seines Sühnetods, exklusiv dem Telos des Opfermahls zu, und also fängt die chose - göttliches Blut, das wir lecken - sich vervollkommnend wieder von vorne an. Was sahen Sie nun? Also: das Böse ist der immerwährende Effekt der unvermeidlichen Begehrlichkeit, ohne die nichts wäre außerdem, nicht Rand halten zu können: es auf die Indifferenzierung der Indifferenz mitsamt der Differenz in der Indifferenz ankommen lassen zu
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müssen. Und also sind Sie nicht davor gefeit, vor unserem Wunderding Bildschirm, als dieser selbst, alle Greuel dieser Welt zu gewärtigen, nicht ausschließlich zwar, doch wenn wie zwischenzeitlich nicht, dann bar der Garantie des bloß Passageren dieser horrenden Erfahrung.
A part darf ich hier noch die Gelegenheit wahrnehmen, um Glanz und Elend der Kittlerschen Medientheorie anzudeuten. Längst zwar ist es nichts als sträflich banausisch - und banausisch bin auch ich bislang geblieben -, die medientechnische Realisiertheit der spekulativen Begriffe, die Reifikation der Phantasmen, das schwindende Jenseits der Götter, theoretisch nicht zu reproduzieren (und auch mitzuproduzieren) - wer kann das besser als Er? -, längst zwar auch muß es entsprechend überfällig sein, eingelöst auf neumarxistisch, hätte ich beinahe gesagt, die Konsumtionshypostasen durch den allenthalben empfindlichst fehlenden Aufschluß der Produktion abzulösen, die mechand selbst und nicht bloß deren blendende subjektivistische Effekte zu traktieren. Gewiß - hier ist sicherlich ein Paradigmenwechsel am Werke -, aber, aber, ... es dünkt mir, daß er sich allzu oft allzu mimetisch an sein großes thema probandurn, homöopathisch fast gar, verhält. Und unter dem Strich resultiert sodann doch der intellektuelle Pyrrhussieg der Indifferenz: Begriffe, die in ihrer Technologie, was sie ja eh schon tun, auf Nimmerwiedersehn verschwinden, sowie eine Produktionsprärogative, die, widersinnig, hyperkonsumatorisch dann nur noch ausfallen kann. (Aber wie will man, wie kann man epochal überhaupt noch ohne solche Verwerfungen zurechtkommen?)
Also die imitatio Christi - nicht geht sie ohne dessen Dauerversuchung ab. Sprich: die ganze Hölle passiert, wenn der Körper der Bildschirm selbst zu sein begehrt. Nicht nur werden jenes Schwächen offenkundig - das wäre nicht weiter tragisch, wenn es dabei bliebe -, nein: die angesichts der exkulpativen Dingüberbietung offenkundig werdenden Körperdefizite sind immer zugleich in sich auch sanktioniert, härtest bestraft, verworfen. Das kommt davon, von dieser basal pathogenen Rückübertragung von Operationen auf den Träger, der dolentesten Rückeinschneidung des Dings, des Bildschirms, ins Fleisch, den Kopf. Was sein muß, auch wenn es kracht - nein, weil es krachen muß, weil es ohne crash keinen Fortschritt gibt. Inbegriff aller Fährnisse des Bildschirms: die Psychose (Schizophrenie):
  1. Sichtverzerrung,
  2. Stimmenhören,
  3. Dauerträumen,
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  1. (Koprophagie),
  2. Dingzerbersten,
  3. Weltuntergang.
Im „Anti-Ödipus" steht zu lesen, daß der Schizophrene der eigentliche Ausgebeutete der neueren Geschichte sei. In der Tat; auch wenn seine Rehabilitation schwerlich darin bestehen kann, die objektiv psychotischen Ströme zu entsperren, beschleunigt die „Produktivkräfte" zu entfesseln; was ja in vollem Gange ist. Und einen Rest von verurteilter Philosophie gäbe es einzig noch intra muros der Psychiatrie, bei den Schizophrenen, wenn diese nicht sogleich einschlägig neuroleptisch therapiert werden müßten. Insofern kann ich Ihnen leider nicht nahelegen, Philosophiepraktika ebendort zu absolvieren. Wenn es aber noch ununterbrochene floride Psychosen gäbe, so müßte ich freilich dafür plädieren (und mehr), auch Sie in solchen Einrichtungen, um der Initiation der Aufklärung der Aufklärung willen, eine Weile wenigstens einzusperren. (Wo bin ich hingeraten!? Solches wollte ich überhaupt nicht sagen.)
Und so bin ich denn am Ende meiner Weisheit, so daß es zum Schluß meines Sendschreibens hin naheliegen mag, mich, um der Stabilisierung meiner Gedanken willen, zu duettieren, und zwar, wie zu erwarten, als Sozius von Dietmar Kamper, dem alle postmoderne Jubilatorik ebenso fern liegt wie mir. Wie der Umstellung des Imaginären entkommen, wie aus der Bilderhöhle ausbrechen? Da nun die Abwendung zum Ultimatum der Zuwendung, der besagten Prätention, körperlich Dinge selbst sein zu wollen, verkommen muß, denke ich, kann es nicht ausbleiben, daß Dämonen den Ausbruch(Einbruch) zu vereiteln suchen.
„Der Ausbruch aus der Bilderhöhle, aus der Immanenz des Imaginären, sei er aggressiv, sei er reflexiv, hat ... eine Schwierigkeit auf sich. Die Rückseite der Bilder ist von Ungeheuern besetzt, und zwar für jeden Ausbrecher genau von denen, die ihm am meisten angst machen. " (a.a.O., S. 8)
Wenn denn auch der große Ausbruch mißlingen muß, so wirft die flüchtige Inzendenzbewegung immerhin doch -jedenfalls dann, wenn es gelingt, die Kraft des Imaginären von sich aus gegen sich zu verwenden - möglicherweise den intellektuellen Mehrwert der Einsicht in diese basalen Prozesse, die Genealogie der Herrschaft des Imaginären, ab.
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„Das Ziel ist die Rückseite der Spiegel, die Jen-Seite der Bilder, um ein wenig mehr zu wissen vom Abgrund, aus dem das Sichtbare stammt." (a.a.O., S. 31)
„Die geforderte Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung (sc. Wahrnehmung sowie Wahrnehmung der Wahrnehmung) löst zwar die Passion (sc. der Telepathie/des Fernsehens) nicht auf, wohl aber ihre Dumpfheit. Das Telepathische bleibt dem Pathischen, womöglich auch dem Pathetischen verhaftet. Aber es kann - an der Mauer des Unmöglichen - immer wieder in Hellsicht umschlagen, die den offenen Blick bevorzugt und auch die düstersten Bilder für ihre Geschichte transparent macht. " (a.a.O., S. 101)
Also beschieden und geschützt, mag es durchaus vergönnt sein, sich mit dem Teufel und nicht zuletzt mit des Teufels Großmutter, die einstmals doch die blühende Göttin der Liebe gewesen ist, häretisch selbstbewußt, fleischlich-gnostisch sozusagen, als anderer Favorit dieses anderen Jenseits anzufreunden.
„Die ältesten griechischen Sagen, die eine Transformation des Chaos in lineare Vorstellungen mittels blitzender Spiegel (Gorgo, Medusa) vollziehen, und der Nullpunkt der Literatur kommen dahin überein, daß das Jenseits der Fläche, der Leinwand, des Papiers der Mutterschoß der Geburten ist, Ort der Fertilität, Raum im Raum, Körper im Körper, Wurzel, Geflecht, Labyrinth. Wird diese Rückseite der Spiegel, die immerhin noch lange mit dem Teufel assoziiert wurde, abgetrennt, gehen die Menschen in den Bildern verloren und sind auch sprachlich unerreichbar geworden. " (a.a.O., S. 25f.)
„Es gibt eine Stimme hinter dem Spiegel, der hinter dem Vorhang ist ... Sie wiederholt einen einzigen Satz. Es ist die Stimme der Frau als Tochter: ,tour ground is my Body `. Der Satz ist die Quintessenz der Häresie seit einigen tausend Jahren." (a.a.O., S. 11)
Da hilft garnichts, zumal kein Gezeter, zumal kein moralisches: selbst der Rest des intellektuellen Pathos, dieses Psychosenabfangs, müßte sich in der Solidarität, ja der compassio mit der unmöglichen condition humaine, der unüberwindlichen, brechen. Daß Mensch sich mit Imaginarität umstellt, die selbst schon die conditio sine qua non des ordinärsten Akts natürlicher Wahrnehmung ausmacht, das ist keine bösartige Pläsier, blanke Not vielmehr, die, erpresserisch fast, selbst die blühendste Debilität, und damit eben auch den unsäglichen bundesdeutschen Schwachsinn video et audio, legitimiert. (Schmerz macht dumm.)
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„Bildflächen schirmen ... Körper ab. Der Zweck ist die Aussperrung der Angst auf die Rückseite des Spiegels. Das Bild schützt vor dem Schmerz, der Schmerz stützt das Bild. Sie wissen nichts voneinander. " (a.a.O., S.64)
„Angst, Verletzung, Schmerz sind, wenn es Bilder gibt, auf deren Rückseite verbannt. Die Körper sind jenseits der Bilder im Exil. Umgekehrt bestehen die Bilder aus massiven Verletzungen, aus irgendwie unerträglichen Traumata. Sie verhüllen sie; sie hüllen sie ein; sie sind Hüllen von Schmerzen ... Was sich von der einen Seite als Abschirmung interpretieren läßt, erscheint von der anderen Seite als Nahrung. Schmerzen nähren einerseits Bilder, die sie andererseits bis zur Unkenntlichkeit vergessen machen. " (a.a.O., S.65)
Mehr aber noch: die Phantasmen der Imaginarität, schmerzernährte Schmerzepikalypsen, sind in sich selbst auch dieses extremen, nämlich martialischen Wesens, konsequenterweise. Und, wenngleich ihr eigenes Tempo anders, langsamer, ihre Verfallsdaten dinglich wesentlich länger sind, so haben sie es doch nicht weniger an sich, ihre außendestruktiven Potenzen zu invertieren, um sich in ihrem Suizid absolut selbstzuvollenden: der Krieg der Vater aller Dinge. Angesichts der Kriegsförmigkeit der Medien als solcher mag auch das Befremden darüber schwinden, daß, mediengehaltlich, „nach wie vor viele Bilder vom Krieg zu sehen sind", insofern die Generalisierung des „funktionalen Phänomens" schließlich nur noch solche Bilder, Kriegsbilder, zulassen kann, so daß, klassisch fürwahr, Form und Inhalt, Hardware und Software sich zur Deckung brächten.
„Nicht, was in den Medien referiert wird, ist der Krieg - obwohl nach wie vor viele Bilder vom Krieg zu sehen sind -, sondern die Referenz selbst ... Die hard ware - Arrangement von Bildschirm, Bildfläche, Bildbrücke (über den Augenabstand hinweg) - hat selbst die Form des Krieges, Vernichtung dessen, was es gibt, Verachtung aller Erscheinung, Verlust der Welt mittels eines in einem kläglichen Karree (... die Mattscheibe, das magische, lächerliche Rechteck ... a.a.O. S. 63) installierten Blicks. " (a.a.O., S. 98f.)
Nicht gefolgt bin ich Kamper in seinen multiplen Suchbewegungen nach den Chancen einer realtranzendierenden Transzendenz der Medien (daß die Welt allererst auf der Rückseite der Bilder begänne; daß so sich der Umstieg vom Raum auf die Zeit und damit auch eine neue Epoche des Hörens reklamiere; daß es immer mehrere Gegenteile geben müsse ...), dies zugunsten einer intellektuellen Position, der Mehrwert-„Hellsicht" des ad hocVerbrauchs des sich progredient realisierenden Dingphantasmas:
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clairvoyance, die davon frei sein könnte, im Glauben, ausbrechen zu können, doch nur der Immanenz der Kriegsdinglichkeit der Medien rückanheimfällt, um diese nichts denn nur zu promovieren. Und dies aus dem einfachen Grunde, denke ich, daß die Abwendung Zuwendung, der Ausbruch Einbruch, die Prätention des korporellen Selbstseins der Dinglichkeit, eo ipso sei; und daß, davor, Körper und Ding hierarchisch ja aneinander entstanden und so auf Gedeih und Verderb voneinander abhängig sind, immer nach der Maßgabe der Indifferenz, die sich zu (re)differenzieren genötigt ist und. Was zumal dann auf dem Niveau des Gedächtnisses, der medial prothetisierten Vermittlung, der Vermittlung selbst, dem Scheitelpunkt von Nichts und Sein, gelten muß.
O pardon - ich habe mich in mich selbst hineingeschrieben und, esoterisch, Ihrer dabei ganz vergessen (abermals aber, wie wenn ich, obsoleterweise gar schriftlich, ein Bildschirm wäre). Haben Sie bitte auch Nachsicht mit mir, daß ich das Thema meines offenen (offenen?) Briefs verfehlt zu haben scheine: Video-Kunst. Nicht nur daß ich fast keine Ahnung von dieser habe, es bleibt mir auch keine andere Wahl, als mich mit meinen vorgeführten brotlosen Philosophiekunststücken in den Stand zu setzen, auf diese Kunstart, Video-Kunst, auch nur halbwegs angemessen, reagieren, sprich: meine eigenen Gedanken ebendort irgend wiederfinden zu können. Vielleicht auf ein neues demnach, demnächst?Mit viel Bangen, daß Sie mir doch wohl böse geworden sein könnten, verläßt Sie jetzt, schriftlich,
Ihr Onkel Alberich.

„...; es gibt kein Jenseits der Bilder, es gibt kein Jenseits der Abbildung der Welt. Dann wären die Augen einem doppelten Tod verfallen, der sich jeweils als Ewigkeit maskiert und einen Ausweg gar nicht zuläßt." (a.a.O., S. 87)
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