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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Logik und Inzest (Die Eule Nr. 4, 1980, Wuppertal/Düsseldorf, 3-86)
I. ÖDIPUS UND DIE SPHINX. EINIGE PROBLEME DES HERRSCHAFTSTRANSFERS
Vorbemerkung
Der vorliegende Text zum psychoanalytischen Stammythos Ödipus ist - in der nachfolgenden Serie weiterer - das erste opus einer vorsätzlichen Rücksichtslosigkeit, rücksichtslos nämlich im Verfolg der Emanzipation angewandter Psychoanalyse vom notorisch schlechten Gewissen und deren überfälligen Fortschreibung in Anti-Psychoanalyse und genealogische Philosophie hinein; so fing es an. Weniger rücksichtslos denn experimentell indessen kommen mir - unberufen - die Heterogeneitäten der Darstellung vor; und ebenso weniger rücksichtslos als überaus vorläufig die noch mangelhafte Stringenz der vorveranschlagten ontologiegenealogischen Gesamtkategorialität inklusive der Reichweite von Genealogie selber darin. Offensive riskante erstaunte erste Freilegung der lange schon fast schuldverzagt
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gesuchten Genealogiemotive - nicht höher und nicht tiefer, zumal jetzt aus der kleinen Rückschau, die Ambition.
Nicht zu Unrecht mag man bemerken, daß die Anbindung der zweiten psychoanalytischen Revolution mitsamt der zeitgemäßen Regenealogisierung von Philosophie an den Mythos die Denkverhältnisse zusätzlich komplizieren müsse. Doch bin ich recht sicher, daß ohne das mythische subsiduum der unterstellten Gedächtnisoffenheit am Legitimationsbeginn von eben erst etablierter Rationalität/Ontologie im Mythos der anti-psychoanalytische/genealogische Durchbruch sich nicht sogleich derart wirksam hätte vollziehen können. Wie auch immer des einzelnen erklärbar - vielleicht auch als Schuldausgleichsinsinuation? -, die memoriale Auflassung vor aller Zeit in Mythologie aufrechterhält sich als großes, wenn schon nicht genetisches, so genealogisches Geschenk, dessen a-regressiver Gebrauch ein Stück jener fortgesetzten ebenso nötereichen wie serenen Arbeit am Mythos mitausmachen mag, der Hans Blumenberg - das Thema scheint virulent - seine jüngste überquellende Publikation widmete. (Arbeit am Mythos, Frankfurt/M., Suhrkamp, 1979)
Einlaßstelle der Folgetexte waren die "Thesen am Mittag". Differenzierung und Korrektur der hier veranschlagten Kategorien vollzogen sich hauptsächlich durch Reibungen am zeitgenössischen Poststrukturalismus und - mit gesteigertem Absetzungsschwung danach - an der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, aber auch unmittelbar philosophisch, systematisch direkt und in Extrapolationen auf bestimmte Ontologiebereiche wie Kunst. Darüber wird in der Eule über die Veröffentlichung der Sadismusstudie in der letzten Nummer hinaus weiter noch zu berichten sein.
Einleitung
Was soll's? Ödipus - zum wievielten Male? Deleuze und Guattari mögen uns die vorgelegte, noch etwas wildwüchsige initiale Untat, die erste im Projekt einer ganzen Serie gleicher Untaten, verzeihen! Wir sind, den Ödipus betreffend, auch ganz anderer Meinung. Die Analyse seiner Ubiquität, seines Ewigkeitsgebarens, wovon wir ebenso ausgehen, dünkt uns nicht gründlich genug. Auch meinen wir,
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seine Allmacht, die nur halb demonstrierte, es nötig hat, sich zu verbergen; auch wenn wir es wissen, so dürfen wir keine Kenntnis davon haben, und also ist der Beweis seiner Omnipotenz selbst für Adepten mitnichten geschenkt. Endlich hat sich uns die Meinung gebildet, daß sich der Kreis seiner Herrschaft rigoros immer dann schließt, wenn ein Fluchtweg - der wievielte? fragen wir - nach draußen hin angelegt und beschritten wird: die Grenzen werden dicht, das Niemandsland bleibt jenseits, und wer sich gleichwohl auf ihm stehend wähnt, vollstreckt im Landesinnern nur umso brutaler den Bann, den er aufzulösen vorhatte. Der Gipfel der Deterritorialisierung ist die ärgste Form der Landnahme. Wir denken dagegen - unbehelligt unterdessen - a-utopisch.
Was wir vorhaben? Sicher nicht die eingedenkende Rettung der Vorzeit als Eschaton in praktisch-politischer Absicht, die aktuellste, vom klassischen amerikanischen Feminismus bis zum Neostrukturalismus faszinierendste Utopie. Nein, wir sind der Vorzeit in der höchsten Geschichte - hier und jetzt und davor - auf der Spur. Uns leitet das überwertige Ziel, die Vorzeit der Geschichte, in die sie bruchlos eingebildet ist, zu entreißen, jene in diese hineinzubannen, logisch ebendort einzusperren, magische Großgefängnisse, innen ganz transparent, in mente aufzubauen. Nicht ohne freilich angsterfüllte plaisir wollen wir den Gedanken davon befreien helfen, bloß ideeller Vorspann der großen Tat zu sein. Wir heften uns der Tat an die Fersen, um logisch ihr die tätliche Substanz zu entwinden und in Gedanken als Gedanken in aller Sichtbarkeit zu internieren. Nichts soll geschehen, wirklich, ohne die offene Vorbildung des betreffenden Tatgötzen, des eingeschnürten mitzutragenden Tatbegleiters. Wir wissen zwar, daß wir den Taten verspätet hinterher laufen und auch, daß mit der Haltbarkeit unserer Fesseln nicht gerechnet werden kann. Unbesehen werden sie morsch, und der Götze selbst schreitet entfesselt todbringend einher. Gleichviel, wir denken weiter.
Inwiefern wir das können? Wir wollen uns selbst nicht als causasui-Kugeln vertreiben. Doch scheint uns die ratio so ins Schwitzen geraten, daß sie drauf und dran ist, von sich her ihren Ursprung preiszugeben, nachdem sie jahrhundertelang es verstand, dieses ihr
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Geheimnis zu hüten. Wie schon in der Ödipusmythe, gilt die Sequenz: zuerst die Pest und dann die Aufklärung. Gewiß, wir laufen hinterher, doch wir brauchen nur wenig, verhältnismäßig wenig, nachzuhelfen. Von uns her aber tun wir unsere ganze einschlägige Kontingenz, die aufhellbare und gefräßige, dazu: mangelhaft angepaßt, keine überzeugten Sachwalter des Ödipus, eher Neuauflagen des Teiresias, der weiland schon zwischen die Stühle geriet und sich doch nicht verdrießen ließ. Noch läßt sich unsere Apokryphie organisieren, und selbst der Zugang zum Hofe ist uns noch immer nicht gänzlich verwehrt.
Warum aber greifen wir auf den Mythos zurück? Nicht um das Alter zu ehren, doch um eine besondere Erkenntnischance zu nutzen. Allein der Mythos nämlich bewahrt das Ursprungsgedächtnis unser aller Anpassungsformen; deren Genesis erscheint hier noch restlos integriert in den zuständigen soziosexuellen Kontext, der sich fortschreitend dann als Folie absetzt, verblaßt und schließlich ganz verschwindet; und übrig bleibt die einsame Form. Der Lesart des Mythos als erste Historie sind wir noch nicht genügend mächtig. Lesen wir ihn dagegen als erste Geschichtstheorie, so greift unser rationalitätsgenetischer Anspruch, so er auf die geschichtliche Faktizität der Vernunftsentstehung ausgeht, ins Leere; ist doch die historische Abbildungsvalenz dieser ersten Geschichtstheorie weniger nur nicht ausgemacht, vielmehr überhaupt zweifelhaft, die Genesisabbildung nämlich von der verstellenden Normativierung des Hervorgehenden ganz durchdrungen. Begeben wir uns einfach dieser, wie es scheint unlösbaren, Probleme, nutzen wir den Mythos als zugestanden außerordentliches didaktisches subsidium zur Exposition unserer Fragen, so will der Einwurf nicht schweigen, daß der Rekurs auf ihn letztlich dann verzichtbar sei. Nun, wir nehmen es hiermit genau und sagen: die Verknüpfung von Historie und sanktionierender Geschichtstheorie im Mythos kommt uns, wenn sie einmal als solche identifiziert ist, im Gegenteil als besondere Gunst vor; denn der Genauigkeitsgrad des rapports müßte doch in einem solchen frühesten Legitimationsfeld überaus hoch sein. Auch sind wir nur dann auf die Entzifferung des Mythos als blanke Historie - schön wärs! - auf Gedeih und Verderb angewiesen, wenn wir auf die vollständige Kontingenz der Genesisbedingungen unseres thema probandum aus wären.
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Ohne damit so etwas wie die relative Autonomie eines hoch kontingenten Entstandenen mitzubehaupten, geht unser Bedürfnis just in die andere Richtung, umgekehrt nämlich dem aktuellen Bestand der Anpassungsformen genesisbesessen auf den Leib zu rücken: die unsichtbare Ätherhülle um sie herum in eine sichtbare Folie rückzuverwandeln und diesen ihren Hintergrund ihnen selbst sodann als sexuellen Produktionskontext wiedereinzubilden. Die einsame Form kehrt in die alte Gesellschaft zurück. Es ginge nicht mit rechten Dingen zu, wenn diese Absicht nicht auf den Mythos stieße, sich seine apostrophierte Exaktheit nicht zunutze machte, nicht auch die Geschichtsschreibungslesart praktizieren wollte, um es noch genauer zu wissen. Die Brücke dahin aber ist nicht das Interesse am Mythos, vielmehr der rationalitätsgenetische Impuls, das Relativierungsbedürfnis, der Resonanzboden des eigenen Unbewußten, der vor den Anpassungsformen, den verinnerlichten, spezifisch erzittert und spezifisch schweifende Gedanken freisetzt, die am äußerst hilfreichen Mythos zum ersten Gestalt gewinnen können. Abgeschleckten Resultaten abhold, verschmähen wir es nicht, solche Konzeptionsvorgänge in der Darstellung nicht zu unterdrücken. Außerdem weisen wir darauf hin, daß schon Teiresias - und wir sind zu zweit - sich, Absolutheiten betreffend, nichts vormachen ließ; ihm fielen sogleich die Szenen ein, ob seines immensen Alters, aus denen das Absolute einstmals hervorging.
Und die Psychoanalyse, die aus allen Ecken und Enden hervordringt? Freilich, wir substruieren sie sogleich unseren am Mythos festgemachten Genesisgedanken. Vor der scheinheiligen Frage nach ihrer wissenschaftlichen Gegründetheit, mit der doch unser ganzes Unternehmen stehe oder falle, werden wir devot zu bloßen Phänomenerettern - ohne weitere Ambition. Was uns aber reizt, das sind die Sperren, die das Gesamtcorpus psychoanalytischen Wissens - nach wie vor unsere große Liebe - gegen unser Ansinnen ob seiner Tributpflichtigkeit an den Geist des großen Ödipus ausbildet. Nimmer also wenden wir Psychoanalyse an, wir erschließen vielmehr ein fast neues Terrain, und indem die Psychoanalyse dort schon ihr neues Werk mühsam verrichtet, verändert, bereichert, begrenzt sie sich in ihrem Innern. Wohlan!
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Was aber geschieht mit der Rationalität? Mehrerlei - vorerst in unseren Köpfen. Sie wird in ihren Ursprungskontext rückeingebildet und ist als retransfigurierte dort kaum mehr wiederzuerkennen. Die große ratio fällt auf die Stufe eines frühen Autarkiephantasmas, dessen Realisation auf einen Schlag so tödlich wäre, wie sein logisches Transfigurat, die ratio selbst, es langfristig wirklich ist. Bis dahin heimgekommen, schaut sie sodann in den Spiegel und muß sich eines Wesens mit dem gewahren, wogegen sie sich so vehement erhob: ratio als Produkt eines mimetischen Exzesses; Logik und Inzest als identisch! Wenn sie sich einmal derart freigäben, daß ihre erstarrte Identität ganz und gar totes Bild, ikonisch also, bliebe und das namenlose Freigesetzte kein Opfer mehr wäre? Vorher aber muß diese Identität bekannt sein.
Prätention
Der Titel "Logik und Inzest" moniert die Chance, Mythen als Ursprungsgedächtnis der reüssierenden Herrschaftsformen von Rationalität zu lesen, die den Subsistenzstandard der Menschheit ausmachen. Die Male ihrer fernen Herkunft sind an ihnen selbst fast ausgelöscht, und dauerhaft suggerieren sie den Grad an Autonomie, den sie brauchen, um an ihren scheinbar heterogenen Ursprung zurückzufallen und so ihre Allmacht einzubüßen. Die Einrückung in ihr Ursprungsfeld ist das hartnäckigste Tabu, es auch nur in mente zu brechen allenthalben verrucht. Keine Philosophie hat diese Vermessenheit direkt und nachhaltig riskiert; ja selbst die Psychoanalyse, allein doch kompetent, das verdeckte Sexualitätsprofil der herrschaftlichen Rationalitätsformen als Realität zu bewahren, kapituliert allzu oft. Statt - in ihrem psychogenetisch disponiblen Rahmen - des Ursprungs der Vernunft radikal einzugedenken, inthronisiert auch sie Vernunft, bürgerlich probat, als den banalen Tabuhüter der Ichautonomie - um nur eine ihrer Restaurationsmaßnahmen zu nennen - mit deren zahlreichen pseudologischen Folgen 1), konform außerdem mit den modernen Gestalten an Philosophie, die rationalitätskritisch anheben, doch nach einigen waghalsigen Schritten halbherzig umkehren und sich zurück in den Pseudoschutz der Erinnerungslosigkeit ihres - also wiederbeglaubigten - Kritikvorwurfs
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begeben. In diesem entscheidenden Punkt wird diese moderne Galerie plötzlich indifferent: ob Seinsfrage, Dialektik der Aufklärung, klassenlose Gesellschaft, Schizo-Lachen, von den besonders parasitären Vernünftigkeitsreverenzen der Wissenschaftstheorie fast ganz zu schweigen, keine dieser avanciert kritischen Denkformen reinszeniert auf der Bühne der Imagination wahrhaft den Ursprung von Vernunft, Geschichte, Herrschaft. Keine steigt wirklich hinab in den Abgrund bei Theben, in den sich die Sphinx, den Gebrauch ihrer Flügel dispensierend, selber stürzte, als Ödipus das Rätsel löste, und traktiert an Ort und Stelle die fällige Moderarchäologie allen erhabenen Denkens. Ist denn die Sphinx damals nicht zu Tode gekommen? Oder haust dort noch ein Rest der Ratten, die aus dem Aas des armen Menschentieres die Pest nach Theben einschleppten? So gefährdet ist die Autonomie der Vernunft, daß sie selbst die Toten gänzlich ruhen lassen, ja den historischen Abgrund bei Theben permanent zuschütten muß, auf daß eine eherne Halde - hauptsächlich aus allem Positivismus - darauf als unerkanntes Grabmal entsteht?
Kaum eine Philosophie, die der Okkupation des Ursprungs durch die historische Sequenz von Rationalitätssteigerungen heftiger wehrte und die korrespondierende Autarkiedeklaration rücksichtsloser unterliefe als die Existentialontologie Heideggers. Allein, die radikale Öffnung der Kontingenzdimension führt nicht deren Ausfüllung nach sich; im Gegenteil, die Öffnungsstelle wird leergelassen und mit dem Pseudonym des Seins verdeckt, das dann konsequenterweise unerfindlich dafür sorgt, sich in den definiten Formen der Rationalitätssteigerung auszulegen. So wird das beschworene Sein paralysiert und seine Selbstauslegungen als Irrationalia gleichwohl bündig abgesegnet: die notorische faschistische Beglaubigungsformel!
In der Kritischen Theorie Adornos erscheint der Inbegriff der Subsistenz, die Rationalität, in sich zum Inbegriff der Zerstörung sogleich verkehrt, und dabei bleibt es. Entsprechend muß sich die Utopie (die opferlose Nichtidentität des Subjekts) in die Gegenläufigkeit des radikalen Vernunftdispenses, der das rationale Gewaltverhältnis auf der anderen Seite repetiert, verlieren. (Dasselbe gilt für den Schizo-Fluchtweg Deleuze/Guattaris!) Und die angemessene Öffnung der Genesisdimension bleibt zugunsten des Wirkungsnachweises der Dialektik von Aufklärung fast ungenutzt.
Im Marxismus scheint die seltenste Nähe zum Grund der Rationalität nahezu verraten. Nicht der volle Rationalitätsbestand, nur eine Selektion, fällt - also partialisiert - unter sein Verdikt; und die grassierende objektivistische Verzauberung hintertreibt selbst im Teilbereich seiner Wahl die ganze Emanzipation des rationalitätsgenetischen Kritikpotentials. Nicht der Ökonomismus ist seine Schwäche, vielmehr das Tabu über den Sexualitätsgrund der Ökonomie, dessen Zulassung zugleich wohl auch die ökonomische Rationalitätspartikularisierung als alleiniger Gegenstand der Kritik auflösen
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könnte.
In der Wissenschaftstheorie erscheint alle transzendierende Kraft der Genesis fast ganz im Innern der immanent durchaus kritischen Rechtfertigungsdistinktionen eingeschlossen: magische Aussperrung also unseres Projekts!
Die hohe Autonomie der Vernunft hat es wahrlich nötig, die Erinnerung ihres Ursprungs gewaltsam zu tilgen. Verdankt sie sich doch - und das ist das Thema alles folgenden - einer blutigen Opfersukzession ganz aus der behaupteten Gefahr heraus, selbst noch ungeboren zum Opfer zu werden. An der schwächsten Stelle weiblicher Macht schlägt Ödipus zu, und die erste männliche Machtergreifung decouvriert sich als Anverwandlung, mimesis an vorgegebene Herrschaft, bestätigt sich nicht als Neuschöpfung, wie sie jahrhundertelang vorgibt. Das Rückerstattungsverlangen solcher gewaltsam assimilierter, verwandelter Potenz aber schweigt so wenig still wie das Oberpriestergebaren reiner Vernunft, die das immerwährende Opfer - mindest der Sphinx - vollstreckt, schwinden kann. Ob wir den Preis dafür zahlen können, dieser Autonomie, unsere Prätention, offen zu trotzen? Wer aber willens ist, in die Vorgeschichte der Rationalität hinabzusteigen und deren Opfergewalt als sexuelle Ursprungsszene mit der Exaktheit des Mythos wiedereinzubilden, dem wird die Erfahrung vergönnt, daß die verwischten Spuren dieser Genesis sich allenthalben wieder konturieren: apokryph, inkognito, und bestens aufgehoben in Schnark und Dinxbums und Flabby Jack. 2) Daß die unermüdliche Reminiszenz dieses Ursprungs, der versuchte Bruch mit der erinnerungslosen Pseudoautonomie der Vernunft deren Terror mildern könnte, weicht als die größere Hoffnung fürs erste aber unserem Schutzbedürfnis; und es wäre nicht wenig, uns derart wirklich auch schützen zu können.
Familienneurose
Das Ursprungsgeheimnis der harten Rationalität liegt mit in der Sphinx beschlossen; sie ist die eine nicht isolierbare Größe, von der aus der Herrschaftstransfer zu Ödipus hin vor sich geht, um sich - in einer Progression des Ursprungsvergessens - als Mythos, Philosophie, Wissenschaft niederzuschlagen. Die ganze Kontingenz
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dieses Übergangs wird schwerlich schon objektivierbar sein - wir jedenfalls vermögen es nicht -, Konjekturen jedoch, deren Masse schließlich zu einer plausiblen Erklärungsfigur zusammenschießen mag, bieten sich, dem Mythos als der ersten Geschichtstheorie entnommen, vielfach an. 3)
Die Sphinx ist die schwache Stelle der "Vorzeit", an der diese einbricht, und die Bedingungen dieser Schwäche stehen zunächst als die Elternimago der Sphinx in Frage. - Die Elternmitgift läßt Schlimmes für die Sphinx-Tochter erwarten: als Vater gilt Orthros oder aber Typh(a)on - die Vaterschaft also wie billig ungewiß! - und als sichere Mutter Echidna oder gleichwie, Chimaira, ebenso Tochter Typhons und Echidnas. Ist Orthros der Vater, dann ist die Sphinx des Orthros, des zweiköpfigen Hundes, Tochter und Schwester zugleich; denn Orthros ist der Sohn des Typhon und der Mutter Echidna. (Das inzestuöse Grauen beginnt.) Sollte Typhon aber der Vater sein, so gerät die Familienhypothek nicht minder erdrückend: Ge gebiert dem Tartaros Typhon, den Wirbelsturm, das Monstrum mit den hundert feuerspeienden, im Winde flackernden Schlangenköpfen, das mit Menschen- und Tierzungen spricht. Ein Ungeheuer also wie die ganze Ungeheuerserien gebärende ungeheuerliche Mutter Echidna, ihrerseits Nymphe wie auch gefleckte Schlange, und als Straßenräuberin, die alle Vorüberkommenden packt und auffrißt, berüchtigt. - Faszinierende Verdammungsverdikte über die "Vorzeit", die der Mythos als erste Form von Rationalität fällt, keine bare Münze, vielmehr patriarchale Legitimationsartefakte, die den "vorzeitlichen" Mangelzustand labiler Menschheitlichkeit und ausfallender männlicher Emanzipation voll der Nachhilfe und sich gar auf erhabene Natur erstreckend - welch ein Kampf! - beschwörend desavouieren? Durch die dämonisierende Verzerrung hindurch plaudern sie indessen besonders offen aus der Schule; genauer nämlich ist die "vorzeitliche" Fesselung des Phallus kaum mehr darzustellen. Traumatisch, doch schon ans Firmament der "Vorzeit" gebannt, erdrückt totale Mutterheit, indifferent zum Tierreich und kosmisch fast ausgebreitet, alle Virilität, die höchstens, allerhöchstens als anhängender Exekutor matriarchaler Herrschaft geduldet vorkommt, davon losgelöst, auf sich selbst gestellt aber taumelt, sich ins Gegenteil ihrer selbst verlieren muß. - So - ein Kopf und noch ein Kopf, der
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mögliche Bruder-Vater der Tochter-Schwester Sphinx - der Hund Orthros mit seiner offenen Homosexualität nicht jedoch indifferenter zweier Hirne, sondern - beides liegt doch nicht von ungefähr so dicht beisammen? - welcher Hohn und hinten zynisch welche Häme! - zweier reißender Mäuler, Muttermünder. So auch, noch weniger emanzipiert, Typhon: das verzehrende Vulkanfeuer nota bene aus der Erde, die glühende Erdmasse, der Sprachverzerrer 4), der hundertfach gefesselte Phallus, das exekutive Männerheer an der großen Mutter, ja selbst noch in dieser Dienstbarkeit abermals matriarchalisch eingeholt: als hundertköpfige Schlange. Diesen traumgenialen Formen versklavter Männlichkeit entspricht die Absolutheitssuggestion der Mutter Echidna. Nicht genug, daß sie Nymphe ist, auch herrscht sie als gefleckte Schlange, phantasmatisch alles Männliche ausschliessend, über das weitere Weibselement, die Erde. Als Nymphe ist sie, ungeboren fast, so der Mutter zueigen, daß es keinen Dritten, Vater, Mann mehr gibt. Doch läßt sich diese unio mystica nicht als stilles Selbstgenügen halten; die Leugnung des Mannes reklamiert vielmehr Kampf - als gewalttätige Frigidität der Verweigerung, ja mehr noch, ganz ins Aktivische gewendet, als straßenräuberische Phallusfresserei, die in direkter Erbfolge an die Tochter-Sphinx übergeht und in der sich das blutige Opfer alles Männlichen mit der inzestuösen Raserei der Aneignung des Vaterphallus, maßloser phallischer Begehrlichkeit nymphomanisch vermischen. (Ist doch die Leugnung des Dritten Inbegriff aller Gewalt.) Zwingender aber noch als im Wassergeist repräsentiert sich das Grauen der Eingeschlechtlichkeit, die notwendig mörderische Absolutheitsüberzeugung des Weibes, in der gefleckten Schlange. Deren Epiphanie bezeugt die mißglückte Individuation, signalisiert den Tod als unsterbliche Mutter, die Unaufhebbarkeit der Selbstinhibition - deshalb das Grauen. Psychoanalytisch ist das so vorzustellen: die aufgefressene, einverleibte, intestinal zerstörte (oder auch nur in eine gute - assimilationswürdige - und in eine böse - beseitigungsbedürftige - aufgeteilte) als unkenntliche faeces-Leiche defäzierte Mutter wird als gefleckte Schlange sogleich wieder lebendig und nimmt nun ihrerseits die Verfolgung auf: vergilt Gleiches mit Gleichem, indem sie, vorher Fraß, sich notorisch durch Projektion - in eine gefräßige Rächerin verwandelt. Die Erscheinung der Schlange indiziert das Scheitern der Ausformung der "depressiven" als Rückfall in die
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"paranoide Position" 5), die sich - in den Darstellungsmitteln der "depressiven" (als lebendige faeces) - zur Unzeit wieder einfindet. Der Muttermord ist mißglückt, die allmächtige Mutter begeht die Resurrektion von den Toten, und an die gebührliche Stelle der Depression, dem fäkalischen Einswerden mit der Mutterleiche (und den möglichen Restitutionsformen dieses Entwicklungsniveaus), tritt erneut der paranoide Status, allerdings im Gewand des depressiven. Das heißt für die frühe Elternimago, daß der Vater als Garant und Helfer dieser urtümlichen Diskrimination der Mutter ganz und gar ausfällt, viel mehr noch ausfällt, als wenn es zur Depression gekommen wäre, in der immerhin doch die Tötung (und bestenfalls auch das magische Einswerden mit der Getöteten?) zu Gunsten weiterer Adaption gelingen kann. Regelmäßig führt dieses totale Vatermanko sodann zur ebenso totalen Konfusion der realen Verhältnisse; schließlich ist einzig der Vater nicht nur die Schuld allen Übels, er wird gar, phantasmatisch identifiziert mit der unsterblichen Mutter, zum Verfolger bestellt (und damit liquidiert), und diese treibt inkognito ihr Schlangenunwesen immer weiter. Derart unkenntlich gibt sich die Schlangenmutter folgerichtig Söhne und Töchter mächtig anlockende verführerische phallische Qualitäten vor, doch indem sie die Ungeschicklichkeit, den Automatismus, die mangelnde Funktionsvielfalt des Phallus nichts als verhöhnt. Die Erektion ist doch keine Kunst, seht da! Doch dieser Phallus, der ich selber ganz bin, ist dreifach tödlich: er erdrückt das Opfer, vergiftet es und verschlingt es schließlich en bloc. Eine schöne Schwangerschaft außerdem, nach jeder Hauptmahlzeit sogleich voll im neunten Monat, aber dann geht es umgekehrt rasch wieder bergab. Freilich, so spricht die Schlange nicht, sie ist sprachlos; denn sprechen bedeutete schon zu viel des Tributs an den Logos, den transfigurierten Phallus, den Mann. Wenn nun Echidna auf dem Lande wider Erwarten in Bedrängnis geraten sollte, so steht ihr immer noch das Wasser als letzte Zufluchtsstätte offen; und die gefleckten faeces lösen sich in diesem Urelement, das Wasser trübend, giftig machend, langsam auf. Hatte sie denn nie etwas von einer Tochter an sich? Nein, da sie sich häutet, ist sie zugleich der Darm der Tochter mit, durch den sie ohnedies nur scheintot bis zum Ende wandert: intestinal nicht minder causa sui, auch hier den anderen restlos substituierend; und nur weil Argos Panoptes, ihrem hundertäugigen
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Mörder, der Schlaf, zumal der tagsüber, nicht heilig war, konnte er sie morden.6)
Das war nur ein Bruchteil der Möglichkeiten, das Papa- und Mama-Spiel, dessen wunderlichstes Produkt wirkliche Zeugungen sind, in der Familie der Sphinx zu besorgen. Um zum Ausgangsproblem ordentlich zurückzukommen: die Sphinx sei die Einbruchstelle der "Vorzeit", die selbst im Mythos schon - als der ersten Rationalitätsgestalt - patriarchalisch kompromittiert (und quasi magisch eingesperrt) erscheine. Wie nun wirkt sich diese Elternfiguration auf die Sphinxtochter dergestalt aus, daß Ödipus' Siegeschancen nicht eben gering zu veranschlagen sind?
Feminismus
Bei so viel Matriarchalität in der (Pseudo)Familie wird es notwendig, daß die Tochter, um überhaupt noch existieren zu können, die Leerstelle des Vaters mit sich selbst besetzt. Das unvermeidliche Tochterdebakel löst sich im feministischen Diskriminationsphantasma auf, sich selbst der Vaterphallus zu sein, um vor der monstruösen Mutter - symptomatisch geschlechtskonfundiert, doch mit einem Restbestand an labiler Individuation begabt - zu bestehen. Der Todesepiphanie der Schlange, die sich gar noch ins Wasser flüchten könnte, wenn es nötig würde, vermag nur der totale Phallus zu trotzen, und die Sphinx kann nicht umhin, sich in den - auf eine kleinere Wegstrecke existenzsichernden, doch letztlich letalen - Widerspruch zu begeben, als Tochter, Frau phallisch paroli zu bieten. Die Rache der Leugnung des Vaters, Mannes trifft die herrschbegierige Mutter spätestens also in der unterm phallischen Diktat stehenden emanzipierten Tochter, in der die Dialektik der exklusiven Mutterherrschaft durchschlägt und den schwächsten Punkt in der matriarchalen Front ausbildet. Angefochtene Herrschaft aber greift zu besonders blutigen Konservierungsmaßnahmen. Die Sphinx partizipiert an dieser speziellen Gewalt, doch ist sie zugleich auch schon deren Opfer. Schließlich scheint es nicht abwegig, ihr den Selbstvernichtungssinn einer Erlöserfigur, die selbst der Erlösung vom Banne brüchig gewordener Herrschaft harrt, zu unterstellen.
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Allein schon wie sie ausschaut, die adlergeflügelte Löwenjungfrau mit dem Schlangenschwanz, beweist diese grausame Ohnmacht. Dem Wasser ist sie abhold; und auf der Erde in ihrer gutherzigen Offenheit des Löwenkampfes mit sichtbar reißenden Raubtierkrallen, aber Menschenzähnen (!) muß sie der tückischen Schlangenmutter unterliegen. Womit sie Echidna aber zu überbieten scheint, mit ihren Adlerflügeln, die sie hoch in die Lüfte tragen, dieses unendliche Flugprivileg, es übertreibt allzu sehr die männliche Emanzipation der Tochter, als daß es zum Maßstab wirklicher Überlegenheit taugte. Fliegen zu können ist der outrierte Gipfel des phallischen Diskriminationsphantasmas, und der Aufprall auf der geleugneten Erde gerät entsprechend hart: die Todesart der Sphinx steht jetzt schon fest. Psychoanalytisch gesagt, unterliegt die Sphinx dem Stigma der Verwechslung von Emanzipation und Manie, jener frühen Wahnbildung also (des Kontrapunkts zur Depression), in der die Defäkation der Mutterleiche die Bildung des spirituellen Leibes - das ist der fliegende Vaterphallus, die hochgemute Pneumatisierung - nach sich zieht. Gleichwo man sonst aber noch, indiskret genug, hinblickt, die weiteren Vorzüge entpuppen sich alle als krisenanfällige Stellen, Absonderlichkeitsmale, Homogeneitätseinbußen. Das sympathische Menschwerdungsverlangen - der Menschenkopf und -oberkörper, abermals Zeichen des männlichen Experiments, mit aller "Vorzeit" zu brechen - bringt die arme Tochter, die erstemanzipierte der zweiten Schöpfung, mindest um das Löwenmaul. Nichts Halbes und nichts Ganzes! Der Schlangenschwanz - die frischausgekrochene lebendige Mutter, die ewig an der Tochter bleibt und, welch ein Hintersinn, ihren Höhenflug gar steuert! - suspendiert das Sein zu Gunsten bloßen dekorativen Bedeutens, also von Allegorie. Auch die dysfunktionalen Brüste kommen nur noch zum Anschauen vor. Und alle derart vorlogisch gebrochenen oder auch - wie Mutterarme und -hände - ausfallenden Weibskriterien beschweren die Sphinx wie ein absurdes Kleid. Jungfräulich uneinnehmbar, steril, auf dem Sprung, wie ein unlösbar quälendes Traumproblem sitzt sie hoch oben auf der thebanischen Stadtmauer und harrt, wenn sie ihre Tage hat, besonders blutrünstig, der jungen Männer aus der Stadt. Tiermensch-Halbheiten; Dispens (Arme, Hände), Dekorisierung (Busen), Allegorisierung (Schlangenschwanz) der Körperweiblichkeit (wo bleiben außerdem die Genitalien?) und manische Übertreibung usurpierter Virilität: aus
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dieser Himmelfahrtserektion tropft kein zeugender Samen auf die Erde. Arme Tochter! Eine unsterbliche Mutter und die haltlose Substitution der Leerstelle des gefesselten oder seiner Wege gehenden Vaters durch dich selbst - das sind keine guten Lebenserwartungen.
"Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt." Sie rauscht herein mit ihren Flatterärmeln; die lange Zigarettenspitze steht ebenso auf Himmelfahrtskurs. Der tiefe Ausschnitt (oben) des bepelzten und belederten Schlitzkleides (unten) läßt vieles an Köderbusenallegorie einsehen. Und wenn man ganz scharf hinsieht, unten, fährt das prächtige Gespann des Laios aus ihrem Unterleib heraus. Spätestens dann liegen ihr alle Jünglinge, die jungen wie die alten, zu Füßen. Den Schlangenschwanz hat sie heute aber eingezogen.
In der Allegorisierung kündigt sich ein weiteres ausschlaggebendes Element männlicher Identifikation der Sphinx an, dessen ganze Tragweite allererst in der Begegnung mit Ödipus darstellbar wird: die Assimilation des Logos. Unter dem Blickwinkel mangelnder Eignung, die matriarchale Herrschaft zu verteidigen und zu tradieren, sind ihre "logischen" Taten Ausdruck gesteigerter Schwäche. Kann man sich Echidna singend, sprechend, rätselstellend, für sie selbst riskante Überlebenschancen, den Opfern anbietend, vorstellen? Nein, sie langt unmittelbar zu! Es ist der dubiose Vorzug der Tochter Sphinx, die vollkommene Disjunktion (reim dich oder ich freß dich) und vorher, etwas milder noch, das hypothetische Urteil (wenn du dich nicht reimst, werde ich dich fressen) aufzubringen: Sprache, Geist als rituelle Verlängerung der Qual des Opfers mit dem Risiko freilich, in in diesem Interim des Triebaufschubs einmal doch den Herrn und Meister zu finden. Ja, so stellt sich die Tochter arglos den Logos vor: als Tischgebet, nichts mehr. Eine Beleidigung für diesen und doch schon Verrat an der Schlange. Und die logischen Inhalte, die pseudologischen - darüber bald noch mehr - potenzieren die Injurie. Das nennt man vor Theben Schindluder treiben und sich mit angemaßten Gaben prostituieren, sagt sich Ödipus. Kennt die Sphinx überhaupt des Rätsels Lösung?
Die törichten Jünglinge
Die ganze Haltlosigkeit des phallischen Phantasmas der Sphinx bekundet sich spätestens in ihrem kulturell gedehnten (vor)logisch
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dilatierten Gelüst auf die Jünglinge Thebens. Ein Flügelschlag ein Jüngling! Das Quid pro quo des Geschlechts kann nicht nicht Morde nach sich ziehen; allein schon der Anblick dessen, was man trotz aller Anstrengung doch niemals ist, muß zum unerträglichen Ärgernis werden, und je näher noch das andere Geschlecht zum eigenen ausfällt als Jüngling, der, seiner sexuellen Identität nicht ganz sicher, noch nicht gezeugt hat - um so quälender der Neid. Die Parole gilt: just alle jungen, nicht despotischen Männer seien ausgerottet! Valerie Solanas schoß ja auch auf Andy Warhol, und viel früher mußte der arme aus lauter Verliebtheit transvestitische Hyppolit daran glauben (in der Daphne-Mythe). Der Despot bleibt ungeschoren; Zielscheibe ist der Jüngling-Überläufer. Ja, die Feministinnen brauchen eben klare Fronten! 7)
Doch abermals tritt die Schwäche der Sphinx hervor; denn sie braucht die Jünglinge, die Mahlzeit ihrer Wahl. Sie richtet kein indifferentes Blutbad an, praktiziert vielmehr voll Disziplin ihr Speiseritual mit dem Pathos höherer Gerechtigkeit wohl gar. Solange es nämlich keine richtigen Männer gibt, dürfen die von der anderen Sorte geopfert werden; sie machen selbst ja zur Genüge deutlich, wie wenig sie von sich selbst als Männer verstehen. (Als Homosexuelle aber, die sich gewiß über die Ereignisse in Theben amüsieren, wären sie gerettet.) Doch die Folie aller Gewaltrationalisierung ist die unabdingbare Bedürftigkeit der Sphinx, in permanenter kannibalistischer Kommunion ihr phallisches Phantasma buchstäblich zu nähren. Wer weiß - die Chronik berichtet nichts davon -, vielleicht hat sie sich in einem rationalen Selektionsprogreß auf die Genitalien der Jünglinge kapriziert? Jedenfalls kann es ihr nicht genügen, zwischendurch einmal kurz die Flügel zu erproben, also mimesis daran zu üben, wie die Jünglinge in hohem Bogen zu pissen, ja mehr noch, dieser Wasserstrahl (aus der Klitoris freilich) fliegend selbst zu sein; nein, von innen heraus, urtümlich inkorporativ, muß sie die eigne Phallisation ohn Unterlaß vollstrecken, ohne die sie in sich zusammenfiele und - die Große Melancholie! - verfaulte. Warum kam kein Thebaner auf die Idee, die liebestrunkenen Jünglinge einzusperren, die Sphinx also auszuhungern?
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Die Sphinx stellt eine tödliche Falle. Sie spiegelt vor, der Urwunsch der Söhne sei erfüllt: es gebe den Dritten, den Vater nicht für sich, sie selbst als Frau enthalte ihn restlos aber mit. Die notorische Unwiderstehlichkeit der Epiphanie der phallischen Tochter-Mutter versetzt den Jüngling in den Zustand der Liebesraserei. Dessen tödliche Gefahr kann er insofern nicht gewahren, als die Sphinx die hilfreiche Mitpräsenz des Vaters (mitsamt verharmloster Mutterandeutungen) vorzugaukeln versteht, so die Paradoxie der Vatersehnsucht in der ephebischen Begeisterung mächtig anregt, und, nicht zu vergessen, die Partizipation am (Proto)logos, dem ihrigen, als den männlich-filialen Herrschaftsausgleich in Aussicht stellt. Wer könnte dieser Edelprostitution mit einigem intellektuellen touch widerstehen? Gerät der Enthusiasmus des Jünglings auf seinen Höhepunkt, ist er der Wunderdame ganz nahe gekommen, so verhält sie die Seinsnot dazu, das Blendwerk der Vatergegenwart verschwinden zu machen und den tödlichen status solitudinis des Jünglings vor der - jetzt nicht mehr harmlos allegorischen - Mutter zu erzeugen. Der vorgegaukelte Dritte besteht nicht nur nicht für sich, jetzt ist er ganz weg, und das Abendmahl, die umgekehrte perverse Geburt, beginnt. Das schreckliche Ende des ganzen Theaters: der gierige Sphinxschlund und die kastrierten toten Jünglinge! Hätten sie den in die Lüfte ausgeworfenen Köder des betörenden Sphinxgesangs ein wenig nur verstanden! Denn das schreckliche Ende hört man darin als Verheißung höchster Wonne präjudiziert: die Stimme der Mutter, die das Kind schon im Mutterleib hört, in der diese äußere, scheinbar fremde Eindringlichkeit triumphierend als Nicht-Vater erkennbar wird, so als gäbe es tatsächlich nur die jungfräuliche Mutter und den göttlichen Sohn in ihr. 8)
Der Ablauf der Sphinxmahlzeit ist trickfilmreif. Der Kleine wird ganz verklärt, als er sieht, daß die liebe Mutti den Vati sichtbar in ihrem Bauch trägt. Er eilt auf die Mutter los, winkt in seinem Laufe dem Vater begeistert zu, der recht verdrießlich den Gruß des Sohnes erwidert. Doch als er das Unglaubliche an Ort und Stelle untersuchen will, ist der Vater ganz plötzlich verschwunden. Ein gähnender Schlund tut sich am erblickten Ort der kurzen Seligkeit auf, und schreiend kommt der arme Kleine darin um. Vorher hat er
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kurz und vertrauensvoll noch geglaubt, Mutti zöge den Vati nur als Rute aus sich heraus, um die Familienverhältnisse, ganz in seinem Sinne und ihm die Seligkeit einer Züchtigung verpassend, wieder in Ordnung zu bringen. Doch nein! Diesmal war es Ernst geworden. 9)
Endlich Poesie
Die Sphinx wird an die vorderste Front des thebanischen Krisenherdes geschickt. Als kriegerisches Unternehmen gegen König Laios, dessen dezidiertes Interesse an Knaben, der wieder einmal auf Orakelreise, diesmal die verhängnisvollste, geht, scheint der Sphinxeinsatz erfolgreich auszufallen. Offensichtlich war die Lagerzugehörigkeit der Jünglinge überaus kontrovers, diese das Streitobjekt der Stunde. Gehören sie zu den Frauen - als Opfertiere, Freiwild für emanzipierte Töchter respektive schon als bestens gegen die Väter aufhetzbare putschbesessene Söhne verheirateter und also unterworfener Mütter? Oder zählen sie zu den Männern - ebenso als Opfertiere paranoider Despotie, vielleicht auch, etwas milder schon, als homosexuelle Autarkisierungskompagnons? Die ersten thebanischen Erfolge der Sphinx täuschen über die immense Gefahr, in der sie von Anfang an schwebt, wie billig hinweg. Anscheinend irrt sie sich in der Epoche. Denn als Sphinx-du-Saint-Phalle ist sie der Geneigtheit der Urmütter mitnichten versichert. Noch weniger kann sie mit den verheirateten Frauen rechnen, die ihre Söhne als mächtige Waffe gegen die Eheknechtschaft zu nutzen suchen, sie aber, die verschrobenste Daddytochter, als Überläuferin, Verräterin abstempeln. Auf der anderen Seite der Front aber wird sie nicht ernsthaft darauf bauen können, daß die Männer nicht nichts anderes im Kopf wiederum als Männer haben. Das könnte ihr nun schmeicheln - die apokryphe Verliebtheit des Laios in seine uneheliche Tochter Sphinx wäre wohl auch von diesem Schlage -, wenn sie nicht in Konkurrenz zu den Männern treten und blutiger Vamp sein müßte, was ihr diese weniger aus Solidarität mit der männlichen Nachkommenschaft denn aus eigener homosexueller Bedürftigkeit verübeln. Und gemeinsam mit dem paranoiden Vater-Despoten ganz in gemeinsamer Sache alle Jünglinge schlachten und fressen,
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damit überhaupt keine Frauen mehr auf der Erde seien, diese aberwitzige Umkehrung, in der die Tochter den Vater arschfickt, dies ist zu Lebzeiten der Sphinx trotz allen Despotismus des Laios und anderer längst schon Utopie, vorzeitlicher Wahnsinn. Ihre Lage, realistisch eingeschätzt, ist doch die: gleich von welchem weiblichen Aussendungspunkt her gedacht, aus diesem Heerlager wird sie immer in den Tod geschickt und vorher noch zu dessen Zwecken im Kampf gegen die Männer um die Jünglinge mißbraucht. In der Tat, im Kampf um die Jünglinge! In Wahrheit betreibt die Sphinx auftragsgemäße Jünglingsselektion, beseitigt die Jünglinge, die als Rächer der vorpatriarchalisch bereits unterworfenen Ehefrauen nicht in Frage kommen, selegiert auch Ödipus, der sie ja tatsächlich heimsucht. Nur mit der Hellsichtigkeit des Wahnsinns kann sie ihn erwarten, herbeiwünschen. Ist hier nicht ein Kalkül am Werk? Töchter aller Länder, vereinigt Euch! 10)
Wie Ödipus sich selbst zum Reim auf die Sphinx zu machen versteht, scheint rasch gesagt: "er ist geworden wie unsereiner". Nicht aber nur daß er wie die Sphinx Männer töten kann, seine Kongenialität schießt über diese hinaus. Ödipus nämlich hat den ausgewachsenen Laios, den eigenen Vater, umgebracht und mit diesem Mord real und in eigener Regie den status solitudinis des Jünglings vor der Mutter, die eo ipso aufgekommene Gefahr des tödlichen Rücksturzes auf diese, die Herrschaftsform der Sphinx, selbst produziert. Wer kann ihm noch etwas anhaben? Und mehr noch: Ödipus ist selbst schon Manns genug, um der Vater-Laios-Leiche im Rucksack nicht als Nahrung zu bedürfen; wirklich Mann, nicht permanent blutiges logisches Blendwerk, Virilitätsillusionismus. So daß mit der ödipalen Reimerzeugung, dem Schlußmachen mit den Jünglingsmahlzeiten, die Poesie sogleich auch schon aufhört. Was Du kannst, das kann ich längst auch schon, aber als Jüngling. Ich, vorgeblich Dein Spiegelbild, bin real und Du, umgekehrt, der bloße Spiegelschein dieser meiner Wirklichkeit. Und die Äquivalenz dieser Seite des Identischwerdens - der Realsetzung des Vatermords in eigener Sohnesregie - mit der Kraft des Logos vollendet die Depotenzierung der Tochtersphinx: Pseudologie ist ihr Pseudologos! Ödipus, kein Mann illuministischer Halbheiten, gelingt die phantasmatische Kastration der Sphinx, die schon in der leisesten Staunensregung
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(zum Feuchtwerden der fast schon verdorrten Genitalien muß es nicht kommen) passierte. Keine Spur einer neuen Existenzmöglichkeit aber für die todgeweihte Tochter. Die vollkommene Disjunktion gilt: ich oder Du, und aus diesem Rigorismus folgt, daß Ödipus, der hyperkongeniale, leichtes Spiel hat. Zwischen den Fronten des Kampfs der Geschlechter, längst auf (vor)patriarchalem Eheniveau angelangt und speziell in den Streit um den Besitz der Söhne eingetreten, wird die Tochter zur Doppelverräterin. Sie verrät mit der Notwendigkeit ihres grandiosen Phallusphantasmas die Mutter an den Vater, und umgekehrt, indem sie zur Ernährung dieses Verrats Jünglinge fressen muß, den Vater nicht minder an die Mutter. Und zwischen diesen unbeugsamen Extremen der Eltern liegt von Anfang an der Abgrund, in den sie sich schließlich stürzt, Ödipus brauchte also nur, logisch transfiguriert, den toten Vater als sein eigenes reales opus vorzuzeigen, und schon ist ihr die Seinsgrundlage entzogen. Ohne selbst exklusiv dieser Phallus zu sein, kein Leben, nur noch der brutale Aufprall auf der Erde, die Rückkehr zur Mutter als Tod. Allein, im Suizid nimmt sie die eigene Unmöglichkeit - letzte Selbstbestimmung! - selbst in Regie.
Wahrhaft arme Sphinx! Wer war bei Dir, als Du starbst? Vielleicht aber bist Du später im Christentum einer der Engel geworden, die hoch oben im Licht beim Vater, Deiner einzigen Liebe, wohnen und ganz von ihm gesättigt sind. Und die dann Botschaften, abgründige, doch Dir so gemäße, vertraute, jungfräuliche Mütter und vaterlose Söhne betreffend, zur Erde herabbringen. Allein, dann kam der Sohn an die Reihe. Jeder Flug zur Erde hinunter: die Geburt eines Helden. Jeder Rückflug zum Himmel zurück: ein Heldentod. Unser Requiem ist wohlfeil.
Maskerade
Was setzt Ödipus in den Stand, die Sphinx zu bezwingen? Daß er selbst sich ihr gleichzumachen weiß. Sicherlich; aber diese Gabe fällt so wenig vom Himmel wie sein Entschluß, es mit ihr zu wagen, nur punktueller Entschluß und überhaupt die ganze Gegenführung seiner Karriere letztlich Zufall sein kann. Hält nicht Iokaste die
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Fäden von Anfang an in der Hand? Stimmte dies nicht, so wäre Ödipus längst nicht mehr am Leben. Oder gibt es etwa doch ganz andere Lebenselemente als die erotischen Taten der Eltern, und schaffen es die Kinder also, wenigstens zum ausschlaggebenden Teile, causa sui zu werden? Nein, wir säßen, dies konzedierend, nur Iokastens raffinierter Maskerade auf, deren Verstellungseffekt immer dann am stärksten gerät, wenn ihr Ehemartyrium einem neuen Höhepunkt zutreibt; so zuletzt, als sie der eigne Bruder als Prämie für den Sphinxbezwinger aussetzt. Wüßte sie nicht, daß Sohn Ödipus allein diese Tat durch sie vermöchte, sie hätte sich nimmer derart verschachern lassen. Die folgende lautlose, kryptisch großräumige, die vorgeschichtliche Schlangenhaftigkeit geschichtlich reproduzierende Struktur beginnt sich abzuzeichnen: hinter der dezent exponierten Maske ausnehmender Ehefrauqualen, dem äußeren Habitus einer vornehmen Dulderin, mit der man es brutalerweise ja machen kann, spielt - Sieg durch Niederlage - Iokaste ihre grausame Racheintrige inkognito, deren blutige Kulminationen - Gattenmord, Selbstmord der Sphinx - mit den Höhepunkten ihres Leidens - Verlust des Gatten, Preis für den Sphinxbesieger - überaus täuschend korrelieren. Der Masochismus der Frau ist die Täuschung schlechthin. Im Ausdruck hingebender Qual liegt die Unbezwingbarkeit: die peremptorische Bewahrung des Phallusphantasmas, unerkennbar beschlossen, und mehr noch: in der verkappten Usurpation wird, für diese selbst auch schon gebüßt. Eine wahrhaft monstruöse Autarkiefigur wiederum, im Vergleich zu deren Kryptik die phallische Offenherzigkeit der Sphinx, die sich so ganz entblößt und verwundbar zur Schau trägt, fahrlässig anmuten muß. Der masochistische Mummenschanz aber erreicht seinen wirksamsten Punkt, das Raffinement steigernd und sich immerhin eine längere Wegstrecke im nicht suspendierten Racherahmen erotisch verdingend, indem Iokaste den masochistisch geretteten phantasmatischen Phallus dem Sohn als phallische Realität ausleiht. Dieser Realismus macht sie umso unangreifbarer, als sie hinter dieser Doppelmord-Exekutive als Märtyrerin ganz verschwinden kann. Alle Usurpationsaktivität erscheint also abgespalten, fern von ihr, dem Sohn überantwortet, so daß sie - wie unterschieden von der törichten Sphinx! - weiterhin scheinbar schuldlos bleibt. - Auch schon vorher in ihrer Ehe mit Laios mußte sie es verstehen, die masochistische Hermetik zu öffnen. Laios' homosexuelle Begeisterung für
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sie - daß sie stöhnend bußfertig seiner brüchigen Männlichkeit schmeichelte und dieser-zugleich durch den eignen phantasmatischen Phallus untergründig nachhalf - schwand rasch dahin. In kongenialer paranoider Hellsichtigkeit spürte er, daß sie ihn so selbst aller Männlichkeitsreste zu berauben wußte und daß es vollends um ihn geschehen wäre, wenn sich diese Fallstricke zur, Realität einer Sohnesschwangerschaft, deren Endzweck, knüpfen sollten. Er hatte wahrlich gute Gründe, der Mutter den Sohn zu verweigern. Iokastens Repertoire aber war noch nicht erschöpft; sie vertiefte das Regressionsniveau in die Oralität hinein, legte Laios an ihre Brust, nein umgekehrt, legte sich Laios an die Brust, und das malheur passierte prompt. Sie machte den Alten besoffen, und in seinem besoffenen Kopf konnte er nicht umhin, sich melken zu lassen. Derselbe "Realismus" also wie danach: ein Stück generationssexuell bestimmter Anerkennung, nicht selbst real Mann zu sein, um diese Konzession umso stringenter dann in das System der Rache einzuspannen. Männer, wirkliche Männer, außerhalb, für sich, der Gatte, der Sohn, repräsentieren das eigene Phallusphantasma. Wenigstens zum Schein sind Mann und Frau unterschieden, nicht mehr sphinxisch identisch.
Wir stellen uns die Ödipus am Leben erhaltende und zugleich ihn zur doppelt tödlichen Rachewaffe schmiedende Wirkung der Mutter Iokaste als deren Omnipräsenz vor. Verkleidet taucht sie immer dann auf, wenn Gefahr für den Sohn im Anzug ist und wenn es gilt, seine Schritte umwegsam konsequent zum Engpaß zwischen Delphi und Daulis, zum Berge Phikion, nach Theben zu lenken. Spielte sie dabei kein äußerst gefährliches Spiel, riskierte sie nicht immer wieder alles - an Ödipus, wäre das ganze heimliche opus magnum vertan. Dann nämlich spürte Ödipus nicht zur Genüge das volle Ausmaß der Gewalt des Vaterdespoten, und die Rachepotentiale in ihm erreichten nimmer den Stärkegrad, dessen er bedarf, um das gesamte feindliche Lager - Tochter und Vater - wegzuschaffen. Die Urszene dieser Waghalsigkeit trägt sich gleich in den ersten Lebenstagen zu: Iokaste verhindert es nicht, daß der übertölpelte Laios sich in einem akuten paranoiden Anfall den Säugling schnappt, ihn verstümmelt, als könne ein Baby vielleicht doch schon laufen und noch mehr, und wie ein abgeschossenes Stück Vieh aussetzen läßt. Doch dann, so meinen wir, macht sie sich unerkannt auf, um diesen abgerissenen, weggeworfenen,
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verunstalteten Phallus, ihren realen, lebendigen, verheißungsvoll von Vaterwillkür stigmatisierten Sohn aufzuheben und nicht eher zu ruhen, bis sie ihn in guten Händen weiß, und so fort. Subsistenzgrund des Ödipus ist diese Variante der jungfräulichen Mutter, der er verfällt wie nur ein thebanischer Jüngling der Sphinx verfallen kann; die den Sohn aber nicht sogleich tötet, ihm vielmehr einen spezifischen Existenzraum als Mittel zum Zweck der Restitution vormaliger weiblicher Herrschaft garantiert. In Iokaste erreicht das phallische Phantasma den avancierten, in der (vor)patriarchalen Eheknechtschaft äußerst wehrhaften Status des Masochismus, das heißt, abgeltendes Leiden als Maske unbeugsamer kryptischer Herrschaft aufsetzen, doch immerhin die Reichweite des verschlagen konservierten phallischen Phantasmas am Wahn der Sphinx vorbei derart realistisch einschätzen, daß es der Männer als seiner Exekutive bedarf: des Gatten, um einen Sohn zu bekommen, und des riskant hergerichteten Sohnes, um den Gatten zu beseitigen und die jungfräuliche Mutterschaft, nur noch mit dem Sohn verbunden, wiederherzustellen. In Ödipus reflektiert sich diese, voll der Gegentendenz heterosexuell geöffnete, masochistische Figuration wohl so, daß es kein Leiden gäbe, das nicht überwindbar wäre. Paradoxerweise aber kehrt er sich schließlich gegen den eigenen Überlebenshort, die Mutter. Woher bezieht er diese Kraft, Iokastens Maskerade, den Inbegriff seiner Existenz, zu zerstören? Limes der Drittenbeseitigung ist in dieser Epoche die masochistische Konzession des Mannes, zumal des Sohnes, zum Zweck seiner vorübergehenden Rachemedialisierung. Der wunde Punkt im Kalkül: wie soll die Mutter den Sohn daran hindern, nicht doch wenigstens eine Form der Vatermord-Sühne (wenn nicht gar der Versöhnung mit dem Vater) zu finden? Die für sie nutzlose Alternative zu dieser natürlichen Ingeniösität wäre der Tod des Sohnes, wenn er nicht wiederum der Gipfel der Sühne sein könnte. Und in der für sie ebenso nutzlosen, den Exekutivplan nämlich zerstörenden Homosexualität des Sohnes fusionieren höchste Verfallenheit und höchste Emanzipation unlösbar dialektisch. Entweder also direkte mörderische Drittensubstitution à la Sphinx oder scheinbare masochistische Drittenfreigabe im Stile Iokastens - weder für die emanzipierte Tochter noch für das Eheweib geht die Rechnung auf. Und die allein übrig bleibende Urmutter verschwimmt am Horizont der Vorzeit. Also keine Chance mehr für die Frau? 11)
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Enigmatissime
Das Rätseltischgebet der Sphinx definiert die protologische Dilatation des Jünglingstodes. Des Rätsels Wertverhältnis zum Logos ist eo ipso ambivalent: in seiner Logosspiegelung, der Konzession der Logos-Möglichkeit als Überlebenschance für die Jünglinge breitet sich nackte Verhöhnung aus - aber ja, die Sphinx kennt doch des Rätsels Lösung! Notwendigerweise aber kennt sie diese nicht genug, so daß sie sich auf Leben und Tod protologisch-künstlerisch zur Disposition stellen muß und allein schon dadurch die Macht der Vorzeit anficht. Ein Zweifrontenkrieg bricht aus: die offenste Äquivalenz zwischen dem sich im rhetorisch-poetisch-musikalischen Gestrüpp verfangenden Logos und dem sich in der weiblichen Genitalsphäre verirrenden Penis bezeugt den Transfigurationszusammenhang zwischen beiden Bereichen; gleichermaßen muß die Sphinx es auf den Kopf wie auf die Genitalien abgesehen haben. Allein, aller Macht über den Phallus/Logos zum Trotz, bedarf sie seiner permanenten Inkorporation. Also rührt selbst die Macht der Konfusion von dem her, was konfundiert, verderbt, zerstört werden muß! Und mehr noch: sie weiß mit dem usurpierten Phallus/Logos nichts Rechtes anzufangen, verbraucht sich in seiner Verderbnis und verunstaltet selbst ihr schönstes Künstlertum in tödlicher Herrschaft. Wird der männliche Vollbesitz männlicher Doppelpotenz inhibiert, so bleibt auch die Kunst, Pseudologie, im Bann der Opfergewalt befangen. So spricht der Mythos (und nicht nur der Mythos), doch er ist auch die früheste patriarchale Legitimationsstrategie.
Kunst als Herrschaftsmittel, Opferrechtfertigung zerstört wesentlich Sprache, Seinseinholung und -freigabe, Gedächtnis; ursprünglich Gedächtnis außerdem - jedenfalls nach der Maßgabe des Sphinxrätsels, das von den Musen, den Gedächtnishüterinnen, stammen soll - der Sequenz der infantilen Seinskrisen. Die Destruktion besteht darin, Sprache als Leitfaden der Reminiszenz, überhaupt als Einhelligkeit des Bedeutens, eindeutige Seinsbezüglichkeit, dergestalt zu verbiegen, verwirren, verderben, daß sich die Worte gleisnerisch reifizieren, selbst Sein vorgaukeln und das gemeinte Sein mitsamt seinem "Vermögen", dem Gedächtnis, eskamotieren. Dagegen kehrt sich die semantische Urleistung - als Sprachschöpfung und als Sprachverstehen
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unter der Voraussetzung ihrer Existenz nicht minder -: sie erzwingt Bedeuten gegen die Verlockung des Seins selbst und dessen späteren Vertreters, des emanzipierten Worts, Eingedenken. Wahres Sprechen sähe sich also permanent von der Frage bedrängt: Wer ist der Dritte? Und sein Gelingen bestände ganz und gar darin, in anamnestischem Hinsehen zu dem, was das Wort meint, durch dieses hindurch, es aber mitnehmend in das Gemeinte hinein, sich selbst ohne Anfechtung zur Potenz des ständig erfragten Dritten zu bestimmen, selbst das Sein zu substituieren mit der Hilfe des darin aufgebrauchten Worts. 0 weh! Welche Sohnesautarkie - wieder einmal! Wichtig für die Ophthalmologie stellt sich der Logos danach als transfigurierte Exhibition in den Blick (auch den inneren, das Denken) heraus, und zwar dies mindest. Das Sein, die Urmutter, erstarrt (diesmal, also umgekehrt als in der Vorzeit) und wird so vollendet disponibel im Zeichen der Großen Nekrophilie des Sohnesphallus im Geiste, der die Stelle des Vaters, des hilfreich toten, einnimmt. Wie liebenswürdig nimmt sich doch dagegen das "Denken" der Tiere aus, das der liebenswürdige Ferenczi auch dem Menschen zu imputieren versucht, obwohl er weiß, daß es damit fast ganz vorbei ist. "Für ein Wesen mit aufrechtem Gang wird schließlich statt der Nase das Auge zur Leitzone, auch im erotischen Sinne; ..." Gleichwohl: "Wir meinen nun, daß zwischen der Tätigkeit des Geruchsorgans und dem Denken eine so weitgehende Analogie besteht, daß das Riechen förmlich als biologisches Vorbild des Denkens betrachtet werden kann." (S. Ferenczi, Versuch einer Genitaltheorie, in: Schriften zur Psychoanalyse II, Frankfurt/M. 1972, Conditio humana, S. 379/380)
"Was ist das, das am Morgen auf vier Füßen geht, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei?" (Tripp)
"Welches Wesen, das nur eine Stimme hat, hat manchmal zwei Beine, manchmal drei, manchmal vier und ist am schwächsten, wenn es die meisten Beine hat?" (Ranke-Graves)
Das wissen wir allgemein: die Frage des Rätsels lautet: wer ist der Dritte? und die Lösung heißt: der Dritte bin ich, des Rätsels Löser. Als Sprachgebilde stellt es einen spezifischen Leitfaden dar, dem entlang der wahrhaft seinserschließende Mannesblick sich
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aktualisiert. Seine Nutzung - das Rätsel will gelöst werden! - verheißt den Besitz des Erschlossenen, das sich vor seiner möglichen Okkupation beim ursprünglichen Besitzer, wie es scheint, bedürftig prostituiert; dies aber in der Form eines Kampfangebots, der bekannten vollkommenen Disjunktion: du oder ich. Auf Logosebene verbleibend, wird die angebotene Okkupation dadurch erheblich erschwert - herbe Koketterie der Vorzeit, und das macht den Rätselcharakter wesentlich aus -, daß der sprachliche Leitfaden keinerlei Garantie dafür bietet, das zur Verfügung gestellte Sein wirklich auch zu treffen und zu disponieren. Die Garantielosigkeit des Leitfadens macht dessen gezielte Konfusion: das Rätsel hat es darauf abgesehen, den Blick zu entteleologisieren, den scharfen Intellekt poetisch einzulullen, den Exhibitionsphallus zu erschlaffen. Allein, das verächtliche Verdikt der Halbrationalität ist immanent sinnvoll nur post festum nach des Rätsels Lösung über dies kunstvolle System durchaus identifizierbarer Fallstricke zu fällen, so die tödliche vollkommene Disjunktion weiter in Kraft bleibt. Wie sind diese Fallstricke en detail beschaffen? Jetzt brauchen wir eine Lektion in Rhetorik und Poetologie.
Sprache selbst lenkt schon von dem ab, worauf sie verweist, zumal wenn ihre Leitfadenvalenz so wenig simpel wie beim Rätsel ausfällt, so geringe Sicherheit eindeutiger Zuordnungen fürs erste bietet. Die Verhüllungsmittel hier aber sind spezifisch; ein stolzes rhetorisches Kompendium passiert revue. Der durchdringende Blick wird aufgehalten, abgelenkt, verstrickt, je nachdem - durch Ausblendungen. Das Rätsel hebt auf die Beine, ja die Füße ab. Nicht daß die Komplettierung zu einem ganzen Tier von hier aus schwierig wäre, doch zieht es den Blick wie von Schwerkraft getrieben in ungewohntere bewußtseinsfernere Regionen nach unten. Dort soll er verweilen. Wozu? Auch fehlt die Erwähnung der Nacht; nur der Tag wird in die Tageszeiten differenziert. - Durch Springen, raschen Wechsel von oben nach unten (zum Beispiel), von einem Punkt zu einem entfernt recht heterogenen anderen, so daß eine unvermutete Assoziation resultiert. Derart springt das Rätsel (jedenfalls in einer seiner überlieferten Varianten) von der Stimme zu den Beinen. In dieselbe Konfusionsrichtung zielt auch die von der Zahlenreihenfolge abweichende -sequenz vier, zwei, drei.
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- Durch Spielen mit Scheinwidersprüchen, verquerten Paradoxien von Einheit und Vielheit (nur eine Stimme, aber...) und von prima vista unverständlichen "Attribuierungen" (höchste Beinzahl mit der geringsten Kraft).
- Durch metaphorische Durchbrechungen - und zwar mehrfache und inhomogene - der üblichen Seinszuordnung bestimmter Worte. "Bein" bedeutet übertragen im selben Kontext einmal "Arm" ("Hand") und das andere Mal "Stock".
- Durch Metaphorisierungen, je nach dem Bezugspunkt diminuierende: die Lebensalter als Tageszeiten, oder aber augmentierende: die Tageszeiten als spezifischer Körperaktionsprozeß der Sphinx. - Wenn das keine Traumhexerei ist!
Die also ans Messer gelieferte - erlösungsbedürftige, todessüchtige, blutrünstige - Poesie treibt nicht bloß isoliert logisch sprachlich ihr Unwesen, sie ist auch in der hemmungslos expressiven Korporalität der Sphinx voll präsent. Ganz substanziell verwahrt sich die Hurenjungfrau als Körpermetapher, bedeutet nicht einhellig das, als was sie scheint, durchbrochen, paradox, changierend, nie ganz. 12) Doch käme es einer Verharmlosung gleich, in dieser Poesiegestalt, der Implikation ihrer möglichen Freiheit, die Verschärfungstendenzen zu übersehen, die, über die dialektische Zuspitzung der schönen Metaphorik beträchtlich hinaus, auf die abstrakte Negation des anderen ihrer selbst hinausdrängen, so daß diese Andersheit draußen geopfert und gewaltsam angeeignet werden muß. In diese Fährnisdimension wieder zurückgekehrt, wird das Rätsel zur publizierten, doch in seiner Veröffentlichung zugleich widerrufenen Falle, zur esoterischen Vorwarnungsskizze quasi auf dem Papier, Programmvorschau dessen, was sie tun wird, wenn niemand kommt, der dies Phantasma an rhetorischen Modellen, dieses vorlogische Gewirr, unter dem Bann des nichtexistenten Phallus stehend und eben nicht als Kunst freigelassen, wegschlägt. Übersetzen wir also zu unserem Schutz und Frommen ganz ödipal diese so überaus kunstvolle Geheimbotschaft in Klartext, reden wir prosaisch Fraktur! Was also tut die Sphinx, was führt sie vor?
Auf frühem Kinderniveau inszeniert die Sphinx komprimiert und artistisch drei psychogenetische Etappen, deren Abfolgestruktur
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sich jeweils etappenimmanent reproduziert. Diese vertikale wie horizontale Struktur ist später die der Hegelschen Dialektik - Hegeltanz im Sphinxrätseltakt der Löwenjungfrauadlerflügelschlangenhaftigkeit -: unmittelbare Einheit, Entzweiung, vermittelte Einheit, und dasselbe auf der nächsthöheren Stufe, der Entzweiung, vorher der unmittelbaren Einheit insgesamt abermals usf., bis es schließlich keine Jünglinge außer Ödipus mehr gibt. Inhaltlich definiert sich die Krisis einer jeden Entwicklungsstufe als das Problem der Existenz des Dritten, das durchgehend im dialektischen Takt nach den Absichten der Sphinx als dessen Verleugnung, Überflüssigkeit, und zwar immer nach kurzer Beschwörung seiner Virtualität gelöst erscheint. Auf die Jünglings-Sphinx'-, als frühe Mutter-Sohn-Interaktion hin gesehen, ist auf der ersten Stufe (am Morgen auf vier Beinen) die Frage triftig: wer frißt die kleinen Kinder? Auf der zweiten (am Mittag auf zwei Beinen): wem gehören die Brüste? Und auf der dritten (am Abend auf drei Beinen): woher kommen die Kinder? Nach Freud schon die Frage, die das Sphinxrätsel eigentlich stellt. Nun zu den einzelnen Stufen.
Die erste Stufe stellt die unmittelbare Einheit des intrauterinen Zustands, die Entzweiung des Geburtstraumas und die vermittelte Einheit - als spätere geburtstraumatische Exkulpation der Mutter vor. Diese erste Identität mit der Mutter - im weiteren Betracht freilich in sich keine Identität schlechthin - zerreißt; der os leonis muß passiert werden. Allein, nur keine Aufregung! Der Löwe, ganz kurz einmal vor dem geistigen Auge aufgetaucht, verniedlicht sich sofort zu einem putzigen Krabbelkind, einem lebendigen Spieltier, vorher noch zu einem Konglomerat von (Pseudo)Übergangsobjekten, die Sphinx selber (Felle, Federn, Quasten, Rollen), vielleicht auch von (Pseudo)Ubergangsphänomenen (ihr dauerndes Singen, das Lallen des Kindes übertönend), und täuscht so die Autonomisierungschancen des wirklichen Übergangsobjekts und -phänomens und des späteren Spieltiers, das eben nicht die Mutter selbst sein darf, nur vor. Auf diese Weise sabotiert - der Herkunft des Symbolisierungsmaterials nach so zwischen Geburtstrauma und, fortgerückt, insbesondere oral-kannibalistischen Ängsten - die Mutter den heilsamen Eintritt des Dritten-Vaters, indem sie diese probaten Diskriminationsmöglichkeiten des Kindes hintertreibt: sich selbst als
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die teilpaternalen Abtrennungsvehikel körperlich verfügbar hält und sich so an die Stelle des Vater-Dritten mitsamt der möglichen Symbolisierungsautonomie des Kindes setzt.
Auf der zweiten Stufe, der des Fressens, muß sich, ob der geburtstraumatischen Exkulpation der Mutter, dieselbe Dreitakt-Sequenz wiederholen. In der nimmer schwindenden Bedürftigkeit mit ihren unvermeidlichen Begleitängsten, dem Hunger, restituiert die Entblößung der Brüste - welcher Hungernde ist schon hellsichtig genug, die Allegorese der Sphinxmammae festzustellen? - die Einheit von Mutter und Söhnchen. Aber müssen sich nicht sogleich berechtigte Zweifel melden? Inwiefern zwei Busen? Wer außer mir hat hier noch Rechte? Die jungfräuliche Mutter aber vermag zum Teil, bar der Lüge gar, den Kleinen zu beruhigen: Glaub mir, es gibt niemanden sonst, auch keine Geschwister! Der Heldensohn ist ja Einzelkind. Von neuem also auf dieser avancierten Stufe dasselbe: die Synthesis: der Dritte bist Du, sprich: letztlich also ich und nochmals ich.
Auf der dritten Stufe, der eigentlich ödipalen-protogenerationssexuellen vs. den subsistenz- und "seins"sexuellen vorher kulminiert der Dreitakt der Dritteneskamotierung. Gewiß, ohne ihre Ausbildung zuvor, ihre Habitualisierung durch den gesamten Evolutionsprozeß hindurch, könnte diese Struktur nicht allein auf ödipalem Abschlußniveau sich derart exklusiv durchsetzen. Aber, auf lange Hand vorbereitet, allenthalben schon voretabliert, vollendet sie sich allererst, indem sie das Zeugungsproblem radikal und mit blutigem Ende schließlich erfaßt. Fragt das Söhnchen die Mutter, woher die Kinder kommen, ist seine fraglose Identität mit ihr, die so hochbewährte, immer wieder restituierte, erneut erschüttert; es traut dem Frieden abermals nicht, zu Recht! Jetzt aber holt die jungfräuliche Pseudomutter zum entscheidenden wohlpräparierten Schlag aus: Du kannst ganz beruhigt sein, mein Liebling, endgültig beruhigt. Es ist niemand sonst da, auch dort unten, zumal dort unten nicht, außer Dir. Der so gefürchtete Dritte, das bist Du, mein auserkorener Phallus, also kein anderer als ich selbst allein. Erfolgt hier nicht auf der Stelle vehement der Sohnesprotest nach dem Motto, nein, ich und der Vater sind eins mit der Himmelfahrtserektion der Rätsellösung - denn von der Sphinx ist nicht zu erwarten,
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daß sie in dieser letzten kritischen Phase das Steuer herumreißen und wenigstens auf Zeugungsniveau den besonders schmählichen Trug der Vaterleugnung vielleicht gar gegen den Protest des anderes gewöhnten Sohnes selbst aufgeben wird -, ja, dann streicht die Sphinx alle drei Stufen mit allen den immanenten Dreistufungen durch, läßt alle ohnedies auf Rückläufigkeit hin angelegte Evolution real zurückfallen auf den ersten Schritt der ersten Stufe: die total vermittelte unmittelbare Einheit - als Tod, die ausgeschlossene Nacht im Rätsel. Die Geburt und alles weitere werden im Opfer der Jünglinge revoziert; die Gebärende tötet im Geburtsvorgang die eigene Frucht. Libera nos de ore leonis, ne absorbeat nos tartarus, ne cadamus in obscurum! 13)
Die imponierende Fastvollständigkeit der im Rätsel erinnerten Sexualitätsformen und deren immanente Krisen - ontologisch: Geburt, subsistenzbezogen: Nahrungsaufnahme, (proto)generationsbestimmt: Zeugung - signalisiert die geschichtsbildende Bedeutung des Sphinxauftritts. Eine Sexualitätsetappe allerdings fehlt in dieser Reminiszenz, sie muß ausfallen: der Sektor der Subsistenzsexualität, der die anale Ausscheidung betrifft und der vordem in der Epiphanie der Schlangenmutter sich als zentral herausstellte. Warum aber bleibt die Vorstellung dieser Phase aus? Die einschlägige Frage würde lauten: wer sind die Exkremente? Dialektisch wiederum durchgespielt, ergäbe sich am Ende der bekannten Sequenz eine widersinnige Situation: die Synthesis nämlich, die vermittelte Einheit zwischen Mutter und Sohn liefe auf die ärgste Selbstdesavouierung der Mutter hinaus; müßte sie doch sprechen: der Dritte, diesmal die Exkremente, das bist Du, mein Goldschatz, also wiederum allein ich. Die eigenproduzierte Sinnenfälligkeit dieser Drittengestalt erlaubt die ansonsten probate dialektische Eskamotierungsform also nicht. Aber die Identifikation der Exkremente als Dritten-Vater - dieser Scheißkerl! - erlaubt doch, so könnte man einwenden, seine endgültige Disqualifikation, auf die doch alle Dialektikprozeduren gefährlich hinauslaufen? Gewiß; doch einmal davon abgesehen, daß die Sphinx sich mit dieser Identifikation - der phantasmatische Inbegriff ihrer Existenz als Abfall! - sogleich selber zerstörte, hieße das, mit unbillig offenen Karten spielen. Die zugelassene exkrementale Epiphanie des Dritten gerät eo ipso
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materiell, nicht bloß auratisch. Und allzu rasch könnte deshalb ein gewiefter Sohn auf die naheliegende Idee kommen, das ganze Dritten-Identifikationsmanöver sei Beschiß, die faeces seien umgekehrt die von ihm disponierten Mutterreste, was ja sozusagen stimmt. Oder mindest bedürfte es einiger zusätzlicher Kautelen, nicht etwa die hier inkompatible Dialektik doch noch durchzusetzen, vielmehr den Vater, den sinnenfälligen, restlos Scheißkerl sein zu lassen. Die Auslassung der analen Diskrimination ist also notwendig; sie bestimmt den wunden Punkt der doppelt - an beide "Eltern"teile - festgebundenen Sphinx. Die Steuerschwanzallegorie - unsichtbar von hinten verhöhnt die Mutter den mitermöglichten phallischen Höhenflug der Tochter - spricht das Todesurteil über sie. Und wir können jetzt schon ahnen, daß Ödipus an dieser Leerstelle eine besondere Potenz entwickelt hat: er schlägt rigoros mit dieser ausgelassenen Frage zurück und identifiziert die Exkremente mit dem Vater-Dritten (und verfällt so der Mutter)! 14)
"Was der Sphinx fehlte, das ist eben - 'harte Wissenschaft'. (N. Remeid) Ihre Misere hatte ihren Grund darin, daß sie ihre rhetorisch-poetisch-musikalische, überhaupt künstlerische Begabung, die ja keiner hier im Saal bestreitet, und zugegeben auch ihre durchaus vorhandene, wenngleich nur dialektische Philosophie so betrieb, als sei Kunst ein Herrschaftsmittel (welche Verkennung von Kunst!) und als sei diese Vor- und Generationsform von Philosophie wirklich schon Philosophie, wie sie als wissenschaftliche zu betreiben ansteht. Die Not der Stunde gebeut, dies der akademischen Jugend ins Stammbuch zu schreiben. Wir wissen ja, welche Vielzahl begabter junger Männer ihren Verführungskünsten zum Opfer gefallen ist. Ja, diese Idiosynkrasie den harten Wissenschaften gegenüber..." (Aus der Trauerrede eines Neopositivisten)
Das Sphinxrätsel, das ist das Schicksal der Sphinx selbst als Dokument der perfekten Vorenthaltung des Vater-Dritten, den sie substituieren muß mit den notorischen Folgen. Isoliert auf sie bezogen, sagt sie, die weibliche Potenz desavouierend, in den einzelnen Rätselschritten - der Vermittlung der unmittelbaren Einheit durch die Entzweiung hindurch und über sie hinweg, dem Substrat aller Kunstlogik -: Wie ist das, Kinder zu kriegen? Wenn ich an meine Kinderphantasien denke - ha, ein Phallus, endlich! Aber in Wirklichkeit, wie scheußlich! Und dieses fiese Stillen! Eine Schande, kein Mann zu sein! Und recht so, sagt Herr Borneman. Bedenkt er die Gefahr? Noch gibt es aber Kuhmilch. Nun haben wir große Sorgen,
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daß sich auch die Kühe emanzipieren. Wie stehen wir dann da? (E. Borneman, Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems, Frankfurt/M. (Fischer) 1975, bs. VIII Die Zukunft)
Ödipus regulus
Unser Zeichentrickfilm bedarf der nunmehr eigentlich ödipalen Fortsetzung. Es geschieht nämlich - nach etlichen Repetitionen der Herstellung des os leonis, wie bekannt, wiederum ein schier Unglaubliches. Eben in dem entscheidenden Moment, wo der Vater in der Mutter plötzlich verschwindet, befindet er sich, irritierend genug, noch verdrießlicher dreinschauend, im Schlepptau des Söhnleins Ödipus (jeder Zoll ein kleiner König!), abgeschlafft wie die Leiche noch vor der Starre. Ödipus zerrt ihn vor die Mutti. Und - das geht alles überstürzt vonstatten - mit einem Schrei nackten Entsetzens, auch weil Ödipus dazu noch die Hose aufknöpft, stürzt sie sich kopfüber aus dem Etagenfenster. Die Kamera fährt ihr nach: Aber wo ist denn die zerschellte Mutter? Nicht zu finden. (Schwenk) Im nicht weiten Theben irgendwo an einem Fenster steht sie - wie normal sie im Vergleich zu vorher aussieht! - und, nicht ganz deutlich zu sehen, scheint sich auf ihrem Gesicht ein Anflug von Triumph, Hohn, Erwartung abzuzeichnen: Iokaste?
Ödipus allein bringt den männlichen Protest zustande; er entreißt als einziger Jüngling der Sphinx das pseudologische Vermögen, den Dritten-Vater so zu exterritorialisieren, daß die höchst wirksame Suggestion verfängt, der Sohn sei bereits dieser Dritte, und also die Pseudomutter mit diesem onanistisch ganz verwachsen bleibt und se1bst den Dritten substituiert. Dann freilich haben die Akteure keine andere Wahl, als diese Exterritorialität des Dritten als die "Nacht" der zu Ende vermittelten unmittelbaren Einheit zu zitieren; die Sphinx, indem sie, wie bekannt, diniert (permanent abtreibt), und die Jünglinge, indem sie wenigstens im Tode noch die Macht des Dritten negativ peremptorisch erfahren. Denn der reißende Löwe ist aus der Sterbeperspektive des Sohnes die finale Erscheinung des rächenden Vater-Despoten (vorher, im Leben noch, der paranoide Verfolger), und der große Beschiß nimmt also kein Ende. - Das Rätsel
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ist Ödipus maßgeschneidert. Fürs erste überzeugend, vermag er auf allen veranschlagten Entwicklungsstufen dem Trug der Sphinx paroli zu bieten und ihr unangefochten zu bedeuten: der Dritte, der bin wirklich ich, nicht wie Du es aber nur zum Scheine schmeichlerisch sagst. Der Vater nämlich existiert von Anfang an - als Urheber all meiner Sohnesleiden. Doch sieh, ich habe mich an ihm gerächt, habe ihn getötet, bin an seine Stelle getreten; Deine verschwiegene Nacht vermag nichts über mich. Ich bin der Dritte, real, kraft meiner Leiden und meiner Rache. - Auf der ersten Sexualitätsstufe, der geburtstraumatisch-ontologischen, gedenkt Ödipus der großen Leiden seiner Aussetzung. Zum ersten liefert sich die Sphinx ans Messer, indem sie den Blick nach unten auf die Füße lenkt. Aber so ist doch kein Ödipus zu verwirren, nein, im Gegenteil! Erinnerungslos erwacht sein Gedächtnis in hellem Zorn: das ist wieder der Vater, zum dritten Mal - phantasmatisch bei der Geburt (er packt den Neugeborenen bei den Füßen, um ihn endgültig von der Mutter zu trennen), real bei der Aussetzung (er hängt ihn an den durchbohrten Füßen auf) und abermals real im Engpaß (Laios' Wagen streift seine wehen Füße)! Ich aber habe überlebt, und mehr noch - auch hier gilt die vollkommenste Disjunktion -, mein Überleben ist dein Tod. Wider die eigene Absicht, fürwahr, bietet die Sphinx dem Ödipus am Morgen auf vier Beinen die initiale Chance, dieses ontologischen Anteils des Vatermords und der ausnehmenden Sohnesstärke triumphierend, vergangenes Sein eindeutig zum Einstand bringend, zu gedenken. Je früher aber die Quelle dieses Triumphes, umso fundierter das Bewußtsein der Unversehrbarkeit trotz aller schlimmen Versehrtheit. - Auf der zweiten Sexualitätsstufe, des oralen Teils der Subsistenz - Mahlzeit! am Mittag auf zwei Beinen - gräbt die Sphinx an ihrem eigenen Grab weiter, indem sie Ödipus, wiederum in der konträren Absicht, ihn am Gedächtnis seiner Ernährungsleiden wahnsinnig zu machen, die systematische Gelegenheit anträgt, seiner weiteren fortgeschrittenen Stärke kräftig eingedenk zu sein. Von den Brüsten der Amme weggerissen,mußte sich Ödipus vor der Zeit aufrichten, gegen den Sog der wunden Füße aufrecht gehen, wie für sich selbst alleine aufkommen. Der zweite abstillungstraumatische Anteil des Vatermords: Ödipus ist gleichwohl nicht verhungert und nicht verdurstet; denn der Vater, der dies vorhatte, der sich an alle verfügbaren Ammenbrüste nach seiner Aussetzung legte, ist sein Fraß. -
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Und schließlich die letzte Etappe (am Abend auf drei Beinen). Die Sphinx versetzt sich jetzt den endgültigen Todesstoß, indem sie, den letzten Trumpf ausspielend, Ödipus die Klimax seiner Sohnespotenz ungewollt - oder schon mehr als nur ungewollt? - zur freien Gedächtnisdisposition, der abschließenden Logosgeburt, überläßt. Das funktioniert wie ein Kurzschluß: kaum daß sich Ödipus Vater-Männer, etwas übertrieben zwar, doch keineswegs immer ganz falsch, als Greise, am Stock, sich künstlich hochhaltend, intensiv vorstellt (er vermeidet dies, so gut er kann!), hat er eine, pardon, überaus triumphale Erektion, in der das Bild des Alten ganz verschwindet. Einmal hat es einen solchen Alten ja auch wirklich gegeben! In Wahrheit ist er der einzige Mann auf der Welt (und alle Frauen sind ihm untertan). Im Übergriff von der Subsistenz auf die Sexualität im engeren Sinne vollendet sich die Sohnesautarkie. Diese Bannung der Kastrationsangst beseitigt zu guter Letzt alle Traumareste von vorher. Wenn ich will, behauptet der Ödipus-Sohn, kann ich sogar im Mutterleib bleiben, kein Vater holt mich da heraus. Und die Brüste gehören alleine mir. Die Mutter gibt mir den Vater zur Speise, und was ich von ihm ausscheide, das macht sein wahres Wesen aus - Scheißkerl! Und vor allem bin ich der Mutter einziger Mann - bei so einem Penis! Der Alte aber humpelt am Stock in sein Grab.
Ödipus hat sich also ganz einfach die Mittel, eine phantasmatische Motivationsstruktur, angeeignet, durch die die Sphinx die Jünglinge anzulocken und zu töten versteht; deren kunstvolle, logisch schon vorvermittelte Vorspiegelungen vindiziert er substanziell als sich selbst. Die Einbruchstelle aber definiert, um es nochmals zu sagen, Ödipus' Komplettierung des Rätsels um das ausgelassene Exkrementenproblem, das herrschaftskriteriale, das sich alle Entwicklungsstadien vorher und nachher unterwirft. Der perfekten Herrschaft mangelt jetzt nur noch die umgekehrte Fütterung der Mutter mit dem toten Vater, die Usurpation der mammae, in denen der Vater sitzt und ständig das Schicksal der Liquidation erfährt. Arme Sphinx! Diese Suggestion vertreibt alle Chancen, dem neuen Jahrtausendbetrug ihres Inhalts zu wehren. Ödipus' Gabe der lebensgeschichtlichen Synthesis stellt sich sogleich als Sich-selbst-überleben dar. Eine wahrhaft monstruöse Fähigkeit, Reminiszenz zur Prospektion
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derart rücksichtslos zu steigern, daß die Zeit in der Ikonie der Lebenskulmination stillesteht - der Phallus hochaufgerichtete Zeugungsmacht als Todesbild! -, den eignen Untergang, mitnichten autark, des sterbenden Vaters vielmehr hochbedürftig und restlos auf die ausgelassene Nacht, die Mutter, mimetisch bezogen, zur höchsten Machtfigur zu verformen. Wehe, das nennt man Perversion! Das tödliche Mißverständnis der Sphinx besteht also darin, Ödipus nicht bloß die Phallus-Emanzipation zuzutrauen, nein, weit darüber hinaus - als logische Hypertransfiguration dieser Befreiung, Genesis der Begriffe, der Ontologie als der magischen Urresistenz gegen alle Kastration - Unsterblichkeit! Er muß ihr wie ein Gott vorgekommen sein, und also hat sie mit dem Vater in Heiliger Hochzeit geschlafen, der sie so total in sein Himmelreich aufnimmt, daß sie ihre sterbliche Hülle, die ontologische Scheißhaufen-Mutterleiche, und damit alle Erinnerung an die Mutter im Abgrund zu Theben, der ontologischen Urtoilette, zurücklassen kann. Gleichwohl, am Mittag steht die Zeit nur zum Scheine still, und Abend und Nacht sind frei erfunden der hohen Zeit der Exhibition als deren nekrophile Bedingungen der Möglichkeit anverwandelt. Sie lösen sich also aus der Klammer ihres Verbrauchs, die Zeit läuft weiter, umso bedrängender, je stärker der Griff der Unsterblichkeit nach ihr. Der Logos bleibt so inkomplett (und ist es fortan geblieben).
Diese Unvollständigkeit des Logos, der vollständig nicht mehr er selber wäre, der tückische Muttervorbehalt in deren phantasmatischen Assimilation, macht die ödipalen Handlungen offen, einholbar, läßt ihr letztes Geheimnis disponibel draußen und verhält so zu gewalttätigen Surrogatfüllungen ihrer Lückenhaftigkeit. Ödipus ist kein mörderischer Irrer, Gewaltherrscher vielmehr, außenbezogen, und der Abhub der Rationalitätsformen, die dieser Phase seiner Geschichte entstammen, fallen dementsprechend aus. Jetzt aber muß sich seine ganze Tyrannei auf die Integration der Nacht richten, von der er exklusiv zehrt, aller Restposten von Mutter Echidna, jeder Schlangenallusion, gleichwo - die Sphinx ist ja schon tot. Nichts anderes nämlich als die Schlangenepiphanie, die schon reduzierte, bedeutet der voll ersetzte Darstellungsausfall der dritten, anal-diskriminativen Krise im Rätsel. Wie geht das vor? So herrschaftsrelevant auch das Bewußtsein der Zeugung sein mag, der
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triumphal vatermörderisch erigierte Generationsphallus reicht noch nicht aus, die Vorzeit aufzuheben; diesen Phallus, auch wenn er ehern bleibt, wird die Schlange umwunden halten. Was ist darüber hinaus fällig? Der rücksichtslose Übergriff auf die gesamte Sphäre der Subsistenzsexualität, die analoge Einrichtung der Zeugungsdominanz ebenso hier, der "Arbeitsratio", die so abstrakt geraten muß wie ihr Generationsmodell, der zeugende Samen im Vergleich zu dem aus der Mutter geborenen Kind (so abstrakt wie die indifferenten faeces, gemessen an den qualitativ differenten Nahrungsmitteln), und die dergestalt die vollendete Kontrolle über alle Subsistenzdimensionen (Produktion, Distribution, Konsumtion) übernimmt. Der "Mensch", des Rätsels hohes Lösungswort, das ist also die logische Nachbildung des Samens zur Entelechie des Geldes als Inbegriff männlicher Herrschaftsexpansion jetzt auch subsistenzsexuell auf das Mutterprivileg. Direkt im sexuellen Substrat vorgestellt, verfüttert der Sohn den toten Vater an die Mutter, säuft die darauf beruhende Milchproduktion aus und frißt die Vaterleichenfaeces auf. Ein einfacher Metabolismus: es gibt nichts mehr als Mann, toter Vater. Aber die eignen Sohnesfaeces? Ibidem! Und dieselben Verhältnisse herrschen in der Generation.
Viel Klatsch und tolle Geschichten für die unbekannten thebanischen Jungfrauen, die sich fast ausnahmslos auf dem kleinen Iokastetrip befinden. Von Solidarität mit der skandalösen Rosa von Theben - so nennen wir die Sphinx etwas verschämt vor uns selbst - kann keine Rede sein; und die offizielle moralische Entrüstung verdeckt nur den Neid auf die Brüder, die eher einmal aus dem Hause kommen, wofür sie zu Recht dann sterben müssen, für Ödipus aber, den plötzlich berühmten Fremden, steigert sich das Jungfrauen-Interesse von Tag zu Tag. Gewiß, er ist nicht das, was man einen schönen Mann zu nennen pflegt, wie er etwas mühsam, angestrengt, doch äußerst diszipliniert dahergeht. Sein wahres Alter läßt sich schwer erraten. Auch wirkt er nicht eben einladend, eher kühl, abweisend, arrogant und so gar nicht künstlerisch. Aber welch ein Unterschied zu seinem hilflosen, dienerbedürftigen, vertrottelten, unberechenbaren Vorgänger Laios! Ja, Ödipus ist ein freier Mann!
Ödipus scheint also, im Jargon gesprochen, am ehesten dem
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zwangsneurotischen Typus angenähert. Statt mimesis an die "Bisexualität" unmittelbar wie auch immer, gilt das permanente Adaptionsexperiment, schlechterdings alles gegengeschlechtliche Weibliche von sich abzuspalten, zu veräußern und mehr noch - denn mit diesen Sanktionen allein wäre es gefährlich freigelassen - in seiner Externalität rigoros zu bemächtigen, ja nichts anderes mehr zu tun, als seinen immer drohenden Aufstand draußen zu verhindern. Die männliche Autonomiesuggestion auf dieser radikalen Split- und Externalisierungsbasis fällt freilich ebenso chimärisch aus - wir kommen auf Ödipus' Schwäche zurück - wie alle solche Suggestionen eh. Schon ihr unmittelbar sexuelles Körperparadigma - ursprünglich der intestinale Mord an der Mutter, deren totale Disposition, die Zerlegung in brauchbare und unbrauchbare Bestandteile - lehrt Bedürftigkeit, erzwingt Repetition, lädt Wiedergutmachungsobligationen auf. Welche Anstrengung, die Ursühne der Einswerdung mit der faeces-Mutterleiche - die Depression also - aufzuhalten; welche Mühe nicht minder, sich des Muttertodes permanent vergewissern zu müssen, die Schlangenwiederauferstehung, den Rückfall in die paranoide Position zu stoppen; welche Last selbst noch für den bildenden Künstler, der die Restitution an dieser Stelle, wo er festsitzt, besorgt! Und um im Repertoire der zwangsneurotischen Schwächen fortzufahren: diese unvermeidlichen Gefahrenpunkte im sexuellen Körperparadigma erzeugen wohl einen besonderen Transfigurationsdruck, dem stattzugeben - im Sinne eines Autarkisierungsprogresses - endgültig Remedur schaffen soll. Einmal davon abgesehen, daß die Kontrollprobleme auf dieser höheren logischen Ebene schwerlich aber nicht äquivalent ausfallen können, bleibt das zwangsneurotische Berührungstabu doch von der verbotenen Berührung, einer Fernberührung mindest, stigmatisiert: ist und bleibt doch der Inbegriff von Rationalität, der Geldphallus, die - freilich männlich emanzipierte - Überbietungsmetamorphose der mammae und überhaupt der weiblichen Potenz. Der Fetisch Rationalität liegt in der Transposition des Mannsphantasmas des Samens auf die Subsistenz. Es gilt die rationalitätsschaffende Proportion: wie der abstrakte Same, das exklusive Formprinzip, bereits den ganzen konkreten Menschen in sich enthält, so umfaßt - transfigurierterweise logisch und damit allererst herrschaftlich komplett - der Begriff die Mannigfaltigkeit des Seins als begriffenes; später dann - heutzutage - beispielsweise das Geld die
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Menge aller Güter als Waren mitsamt deren absoluter Herstellungs-, Verteilungs- und Verzehrsdisposition. Wie soll das gut gehen? Im Doppelaberwitz dieser Unsterblichkeit erfüllt sich das ständige Opfer des "Inhalts" durch die "Form": die absolute Zeugung gibt nur todgeweihtes Leben frei wie der absolute Begriff sein begriffenes Sein permanent opfert, wie die absolute Wirtschaft ohne Unterlaß ihre Erzeugnisse der Zerstörung anheimgibt. Begriff, Geld und Samen aber währen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Nicht zu vergessen auch, daß der logische Samendeplacement aus der Generation in die Subsistenz hinein letztlich (und oft schon davor) jene - als genitale Potenz - dieser - als anankastischer Kontrollhoheit - ausliefert und unterordnet; und der nur-noch-Phallus, seiner Geldphallizität entblößt, hängt fast nur noch herunter. Der Patriarch treibt eo ipso Prostitution. Der weibliche Aufstand dagegen aber blieb bisher aus; denn die Töchter erliegen fast alle der sadistischen Muttersubstitution, dieser männlichen Leistung sondergleichen. Und die Söhne nicht minder. So schließt sich, so scheint es jedenfalls, der patriarchale Kreis.
Auch der zwangsneurotische Auswegversuch unterliegt, wie sollte es anders sein, der Dialektik. An allen Ecken und Enden seines großen Kontrollsystems - schon wieder eine Krise des Kapitalismus? - quillt der Inhalt gegen die absolute Form hervor. Im Zwangsextrem bricht nun nicht die starre Front zwischen den Geschlechtern, der reinen Mannsidentität und dem versklavten oder auch nur scheinversklavten weiblichen Exterritorium sogleich zusammen; die Demarkationslinien bleiben, doch die geschlechtlich so eindeutigen Lagerinhalte hüben und drüben nähern sich - das ist die Rache für die sture Grenzziehung und den imperialistischen Übergriff auf das feindliche Terrain! - einem quid pro quo an. Die ödipale Konfusion liegt im wesentlichen darin begründet, daß Sohn Ödipus die Versklavungsadresse phantasmatisch umdefiniert: nicht wie billig auf die Leidensmutter, sondern allein auf den Schlappmannvater zielt. Diese Umkehrung legt den Keim zu seiner später dramatisch durchbrechenden Feminisation. Über die zwangsneurotische Basisrealität lagert sich, letztlich stärker, deren einfache Umkehrung, die aber dann nur den tödlichen Rücksturz auf die Mutter, den Zusammenbruch der Fronten aufhält, wenn der Vater daran glaubt und die Vaterleiche disponibel
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wird. Geschlechtskonfundiert schon von Anfang an, bedeutet Ödipus in Permanenz: der Vater ist an allem schuld. Iokaste aber hat sich unterdessen unsichtbar, nur noch im elementarischen Zeichen der Erde omnipräsent, aufgemacht. Als Erde, von der niemand abstürzt. Die Nahrung hervorbringt. Die den festen Schritt des Wanderers fundamentiert. (Dieses phobische Gesindel von Laios und der Sphinx: beide konnten sie nie richtig gehen!) Die sich zum Felsenengpaß öffnet und sogleich disjungiert: den heraushängenden Gattenphallus ("Welch prächtiges Gespann,/ doch mehr Diener, Pferde als wirklich Mann.") dem gestählten Wanderersolisten Ödipus preisgibt. Und die - um das Wichtigste nicht wiederum dem Rätsel gemäß zu vergessen - die große Not der schweren Schuldgefühle wegen der vielen faeces-Leichen beträchtlich mildert und ganz von sich - als Diskriminationsobjekt: alle Wut dem Vater bitte! - wiederum ablenkt: die sich alles Tote anverwandelt und wieder fruchtbar macht. 15)
Prima philosophia
Es gilt nun Abschied zu nehmen von der Sphinx. Die Geschichte ist zur höheren Tagesordnung fortgeschritten, nachdem der Antipoet, der Kunstkiller und Superbanause Ödipus in Theben einzog, der sich ja nur auf die restmatriarchale Vamptödlichkeit der Rätselartistik der Sphinx mit seinem grandiosen Mordlosungswort reimte, ansonsten aber die radikalste Asymmetrie, den dissonantesten Unreim zwischen Rhetorik, Poetik, Dialektik einerseits und naturwissenschaftlich-technischer Rationalität andererseits für alle Zeiten gültig hervorstrich. "Dieses Herumhampeln, dieses unerträgliche Gepimpele, diese Betrugsvermischung von Ja und Nein! Da muß ein Mann her, der klare Verhältnisse schafft... Sie will mich wohl durch ihre Selbstpersiflage, daß sie sich zur Karikatur macht, verführen? Raffiniert! Denn da bin ich noch am ehesten anfällig. Hat sich hinten das Hohnbild der Schlange als Steuerschwanz angesteckt. Hebt ab, und dieses Grinsen auf ihrem Steuer-Hintergesicht. Schön! ... Nein, darüber lache ich nicht." Und als Ödipus nicht mehr lacht, zur eisigen Maske erstarrt, das wissenschaftliche Pokerface aufsetzt, beginnt der casus ab alto der Sphinx; im Sturz wird die hintere Schlangenallegorese an ihr lebendig, und als sie im Abgrund aufschlägt, löst
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sich der lebendige Schlangenschwanz von der frischen Leiche und verschwindet unbemerkt, nur leise raschelnd im Gebüsch. (Tatsächlich fehlte am aufgefundenen Skelett der Sphinx der Schwanzteil!) Die Verhältnisse sind also komplizierter als das Klischee es will: im Mythos selbst schon differenziert sich der "Mythos" vom "Logos" in dramatischem Geschlechterkampf und gibt den Blick frei auf die spezifische "Logik" des "Mythischen", ja dessen Identität mit dem "Logos" vom anderen desavouierten Ende her.
Die Grundfunktion des Logos, des Heraustritts aus dem Sein, ist das Gedächtnis. Das Sphinxrätsel veranstaltet die Feuerprobe seiner Potenz, indem es das Gesamtrepertoire der Existenzkrisen zur anamnestischen Disposition stellt, und zwar derart rhetorisch kaschiert, daß es die tödliche Pseudolösung jeweils dieser Krisen als echte Lösung verfänglich vorspiegelt. Das Grundthema des Gedächtnisses und die fundamentale Ursache seines Scheiterns sind damit in ihrem sexuellen Substrat bestimmt: die von der Psychoanalyse eruierten Traumen der Geburt, der Abstillung, der intestinalen Tötung, der Kastration, und die Ignoranz ihres mutterbedingten Aufkommens durch die Verleugnung des Dritten, des Vaters, als seiner tödlichen Dauerzitation. So erscheint die Möglichkeit des Gedächtnisses, wohl zu unterscheiden von der Erinnerung, und das heißt nichts anderes als die Freisetzung des Dritten respektive die Konzession der Mutterschuld, als Inbegriff des Überlebens als Mann. Die Mannwerdung wird aber nun eo ipso mit der Gedächtnisfunktion verknüpft vorgestellt, als Kampf auf Leben und Tod präsentiert, und also muß das männliche Gedächtnis, insofern die weibliche Exkulpationskunst der "Dialektik" der Sphinx den Untergang des Mannes zum Ziel hat, selbst auch eine tödliche Waffe sein. Dann ist der Punkt erreicht, an dem sich das Gedächtnis angreifend zur ratio streckt und reduziert: dem Äquivalent zur "Dialektik", in der sich die weibliche Macht (in ihrer Urrepräsentation als Schlange) allerdings schon unter dem Vorzeichen des phallischen vorlogischen Tochter-Phantasmas einschränkt und in dieser Einschränkung ausliefert. Die ratio ist in ihrem vollentwickelten Aussehen also nichts anderes als das geschlechtsverkehrte Spiegelbild der Leugnung des Dritten auf der anderen Seite, und insofern ohne Chance, den Bann vorzeitlicher Gewalt zu durchbrechen. Sie lebt mit Notwendigkeit aus der
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Gewaltintention, den eigenen Ursprung endgültig einzuholen, und zwar durch Vatermord und Mutterinzest in der durch und durch magischen Form lückenloser Mutterversklavung, ja mehr noch: ihrer männlichen Totalsubstitution. Das heißt fatalerweise aber, daß die Leugnung des Dritten überhaupt nicht aufgehoben worden ist, sondern nur in ihrer nähern Gestalt freilich entscheidend geändert erscheint: der Vater tritt aus seiner Leugnung hervor, als der er darin je schon eingeführt war: als Sohnesmörder ohne fortune. Und diese reale Erscheinung macht ihn verletzbar; tatsächlich stirbt er dann ja auch real von Sohnes Hand. Auf den getöteten Vater indessen bleibt der Sohn in einem äußersten Maße angewiesen: er braucht seine Leiche, um nicht in der Mutter aufzugehen, sich als Mann zu bewahren, und er erreicht diese männliche Selbstwahrung transfigurativ durch die Schaffung der ratio, des männlichen Gegenprinzips, das selbst aber wiederum nichts anderes sein kann als die besagte magische Muttersubstitution durch die männliche Hypermutter. Das sagten wir schon: die ratio sei das geschlechtsverkehrte Spiegelbild der in der Sphinx (noch rhetorisch, poetisch, musikalisch, dialektisch) vorgeführten Verleugnung des Dritten. In der Tat: es gibt den Vater schließlich nicht mehr, nur die bruchlose Einheit von Mutter und Sohn. Jedoch, noch schlimmer als vorher - deshalb kapituliert die Sphinx, bis dahin künstlerisch gekommen - ist der Vater durch Sohnesmord wirklich tot, und die Einheit von Mutter und Sohn bildet die effektivste Gestalt aus, daß dieser jene per rationem, das heißt durch die männliche Überbietungsmetamorphose, ersetzt. Nunmehr ist der Sohn, wie es nur scheint, wahrhaft "hen kai pan" und gar noch am Leben. Das bedeutet zusammengefaßt für den sexuell genetisch angegangenen Rationalitätsbegriff: Rationalität meint den Gebrauch der Vaterleiche durch den Sohn zum Zweck der männlichen Nachbildung der Mutter, die in dieser Nachbildung verschwinden soll. Dann aber ist es wohl so gewesen, daß Ödipus der Sphinx das Terrain junger Männer streitig machte; denn auch er braucht Opfermänner, um diese seine muttersubstitutive Männlichkeit im großen Stile unterhalten zu können. (Wie ist das wohl des nähern gewesen? Ödipus rex als Oberbefehlshaber?) Im nächsten Schritt zahlt Ödipus den vollen Preis für diese ratio-konstituierende Übertreibung. Von Anbeginn nämlich ist diese, ihrer hohen Effektivität unbeschadet, gebrochen. Verdankt sie sich letztlich doch der Racheintrige der Mutter
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Iokaste, die selbst es ist, die das Trugbild ausschließlicher Vaterschuld und der Vaterüberflüssigkeit mitsamt ihrer eignen männlichen Substitution und Überbietung durch den Sohn - diese so wenig offenkundige Iokaste-Variante der Leugnung des Dritten im ausgeführten quid pro quo von Vater und Mutter - verleugnet. Diese letzte Mutterfundierung der ödipalen Rationalität ermöglicht einen noch präziseren genetischen Rationalitätsbegriff durch die folgende Ergänzung: Rationalität meint den Gebrauch der Vaterleiche durch den Sohn zum Zweck der männlichen Nachbildung der Mutter, die in dieser Nachbildung verschwinden soll, doch so, daß die Mutter als verborgener Regisseur all dieser Maßnahmen diese in ihrer ganzen Übertreibung als Mittel der weiblichen Rache unerkannt nutzt. Gehen wir - der Dauermittag der Rationalität macht es uns schwer - dem Schattenwurf der philosophischen Grundbegriffe in sein Inneres nach, so wird uns, wenn wir das nicht nur zum Scheine tun, die Rückkehr nie mehr ganz gelingen. Die Verhältnisse kehren sich um: der erhabene Begriff wird bald zum Pseudonym des wahren Sexualitätsnamens, hinfort also entmystifiziert, notorisch. Das will ihm freilich nicht behagen, um es gelinde auszudrücken; fortwährend nämlich verspürt er den Drang, alle Spuren der Ursprungserinnerung an ihm auszubrennen. Er meint ja immer noch, auch diese Spuren stammten vom Vaterdämon, getreu der Einflüsterung Iokastens, der Unsichtbaren. Wie er sich doppelt irrt! - Ödipus' emphatisches Lösungswort "der Mensch" beschließt die (pseudonymische) Ontologie. Der Ausdruck "Ontologie" sagt es: nichts weniger als der Logos des Seins steht an, dessen erinnerungsloses Dauergedächtnis wenig später hauptsächlich dann als Philosophie (Ontologie) den Charakter der Aufforderung trägt, die Herrschaft des Logos - diese Absolutheitsfigur von Vatermord und Muttersubstitution durch den Sohn, die Phantasmagorie des endgültigen männlichen Vernichtungsschlags gegen die in ihrer Herkunft mißidentifizierten Krisen der Existenz und deren als solche unerkannte matriarchale Ausschlachtung - auf alles und jedes unablässig auszudehnen. Philosophie, zumal in ihren Anfängen, würde verharmlost, sähe man in ihr nicht mehr den Gedächtnisrigorismus des pseudonymischen Befehlsgebarens, mit der logischen Expansion Ernst zu machen. Erst wenn es blutiger Ernst damit geworden ist, mag sie, die Daueranmahnung der Logos-Herrschaft, es sich leisten können, das eh ja magische Element jetzt aber als
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Metamagie der Selbststabilisierung, als eine Art bannender Kasernierung, einzuräumen. Oder bestand die philosophisch-ontologische Metamagie immer schon in Beschwörung in diesem dreifachen Sinne des Herbeizitierens, des Festhaltens, des Einsperrens (Abwendens): der Logos, der es schließlich doch mit der Angst zu tun kriegt, wenn er seiner genau innewird? Was aber der Logos zu tun hat, das steht, gleichwie philosophisch auch des nähern gehandhabt, außer Zweifel, und, in der Tat, er hat seinem Wesen gemäß gar manches getan. Der "Mensch", des Rätsels Lösungswort, generalisiert sich ontokratisch zum Begriffe des Wesens (vs. Erscheinung), des Allgemeinen (vs. Besonderen), der Substanz (vs. Akzidenz). Immer wenn sich jene zum Herrscher über diese aufwerfen, aufersteht des Ödipus exklusiver Mittagsphallus, stürzt sich die Sphinx in den Abgrund: läuft die ontologische Opferhandlung an. Der Logos-Sohn ist der oberpriesterliche Beherrscher des os leonis der Großen Mutter. Indem er alle fremden Vater-phalloi (und alle töchterlichen Phallus-Phantasmata) der Mutter opfert, glaubt er koprophagisch, sich diese restlos botmäßig zu machen - als Totalversorger und Sohnesgattenficker -, ja sie als Hypermuttermann schließlich zu substituieren. Um es nochmals - mit verwegenem Blick unter das Rationalitätssublimat - wir sind aber nicht verantwortlich für die Geschehnisse dort! - zu sagen: Ödipus, blind gehorsam, schlachtet Vater und Schwester, gibt sie der Mutter zum Fraß, melkt dann diese, frißt ihre Scheiße, fickt sie und meint dann allen Ernstes, selbst die Mutter, aber komplett als Mann, zu sein. (So geht dann außerdem unser Zeichentrickfilm weiter, als Ödipus König geworden ist!) Wo in der Philosophie ist dieser rationalitätsgenerative Grundritus, diese ontologische Urpornoszene geblieben? 16) Selbst an den Einbruchstellen, den von uns favorisierten, wo die Narben, ja noch die Wunden der Heldentaten des Logos referiert werden, fanden wir solche Ursprungserinnerung nicht. Das kann ja auch nicht sein. Die Logos-Utopie, das Sein in ein einziges analytisches Urteil apriori der Hygiene zu verwandeln, bewirkt, daß auch des Rätsels Antwort, der "Mensch", die ursprüngliche Rätselfrage nicht mehr eindeutig rekonstruierbar ist. Deshalb - dieser Uneindeutigkeit wegen - muß diese in der herrschaftlichen Ontologie-Emphatik ihre Existenz einbüßen: das Gleichungsresultat hat - kurzer Prozeß! - seine verstreuten Zufallselemente linkerhand schlicht aufgefressen. Allein, die überschwengliche
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Idee bezeugt die nicht zu Ende geführte Temporalisation. Als inkomplette aber das Mißverständnis des Abends, muß sie todbringende Herrschaft begründen. Als Logos soll sich der Mann selbst noch im Tode überleben, und also wird der Ödipus-"Mensch", der Begriff, am Mittag zum Todesbild. Endlich hat es der Mann erreicht, logisch das einzuholen, was die Erscheinung der ungeheuerlichen Schlange an Seinstetanie einstmals - so die fama jedenfalls - bewirkte. Doch er ist selbst dabei erstarrt am hohen schattenlosen Mittag, wenn die Mittagsfrau umgeht und Gericht gehalten wird. Das nennt man Mutterverfallenheit, mimesis - dieser Ausdruck ist zu schwach. Iokaste hat nach Urmutterbrauch Ödipus wie einen Hund dressiert, doch er hat die Macht.
Υ Α ∞
Ödipus' Regentschaft dauerte etwa zwanzig Jahre und nahm dann unerwartet ein jähes Ende. Als er etwa so alt wie Laios bei seinem Tode war, dankte er, der Dauererfolgreiche, unter dramatischen Umständen ab.
Von den zwanzig Regierungsjahren - eine lange Zeit! - ist nichts besonders Auffälliges zu berichten. Wie allgemein bekannt, heiratete Ödipus nach Beseitigung der Sphinx die schon nicht mehr ganz junge Iokaste. Recht kurz hintereinander gebar sie vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Die Geburten verliefen alle nicht eben leicht, doch Iokaste trug nach alter Gewohnheit klaglos alle Leiden, war eine immer aufopfernde Mutter und sah in den allein schon nach Zahl und Geschlechterverteilung so harmonisch geratenen Kindern voll dezenten Stolzes die eigentliche Erfüllung ihres Lebens. Freunden der Familie freilich erschien ihr Verhältnis zu den Kindern nicht recht geheuer. Doch da sie ihre Irritation nicht zu formulieren wußten, gaben sie sich schließlich selbst dafür die Schuld und glaubten, sich versehen zu haben, als sie in den Zügen der unbeobachteten Iokaste den Ausdruck eines unverständlichen, das Gesicht total entstellenden Hohnes erblickten.
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Und Ödipus? Er kam vor allem anfangs nicht ganz davon los, sich als eine Art von Prinzgemahl zu fühlen, der, selbst nur ideell und auf Zukunft hin vermögend, reich geheiratet habe, und dem man nachsagen könnte, daß ihm nur deshalb die Alte recht gewesen sei. Doch der deprimierende Gedanke, als verkrüppelter hergelaufener Habenichts angesehen zu werden, setzte sich nicht in ihm fest. Immer wieder sah er sich durch die Zeichen des anhaltenden Respekts, den man ihm zollte, reichlich entschädigt. Die Thebaner vergaßen es ihm nicht, daß er den gefährlich um sich greifenden Sittenverfall damals kraftvoll abgewendet hatte, und er konnte vor sich selbst versichert sein, und machte davon ausgiebig auch Gebrauch, der bloßen Tradition von Macht die ganz eigene Leistung wirksam entgegenzusetzen. So gab es denn auch keine schwerwiegenden Probleme ob der hintergründigen Mitherrschaft des Schwagers Kreon und überhaupt des ganzen Adelshauses des Schwiegervaters Menoikeus, der als betagter vornehmer Herr am reichen Hof zu Theben mitlebte.
Letztlich hatte Ödipus das Sagen. Er erwies sich als ein zuverlässiger Staatsmann, der erfolgversprechendes gezieltes Tun den großen Worten notorisch vorzog und auch außenpolitisch die Interessen des Landes oft nicht ohne Härte durchzusetzen verstand. Zu seiner vorbildlichen fast schon militärischen Selbstdisziplin gesellte sich eine eigentümliche Intellektualität, die, des Künstlerischen abhold, sich auf technische Fragen der unmittelbaren Lebensbewältigung warf und sich fortschreitend auch historisch interessiert zeigte. So gingen zwei Jahrzehnte, angefüllt mit Arbeit, wohlgeordnet vorüber.
Auf der Schwelle zum dritten Herrschaftsjahrzehnt begannen sich die intellektuellen Interessen zu verstärken. Ödipus verspürte noch mehr Neigung, allein zu sein und ungestört nachzudenken. Unter der Hand ermäßigte ein grüblerischer Zug die alte praktische Zielstrebigkeit seiner Überlegungen, die auch den Gegenwartsfragen das Interesse immer mehr entzogen. Wohl eine typisch altersbedingte Erscheinung? Auch die nächtlichen Besuche bei Iokaste, der passioniertesten Mutter, wurden merklich spärlicher. Wie immer zwar vermittelte sie ihm in ihrer grenzenlosen Hingabe das Bewußtsein, ganz über sie zu gebieten, doch vor kurzem überfiel ihn der Gedanke wie ein Hauch von Zweifel, ob er denn wirklich ein Gott sei, wie sie
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immer sagte, oder ob nicht vielmehr sie ihn nur benutzte, um sich selbst zu vergöttlichen - sozusagen. So schreien doch keine Menschenfrauen, wenn der Gatte sie durchdringt? Unwillkürlich auch mußte er in diesem Zusammenhang an den Schwiegervater und den Schwager denken, so als sei eine Verschwörung gegen ihn im Gang. Doch welch ein Unsinn! Unangenehm berührt von der eigenen Wortwahl seines inneren Sprechens gelingt es Ödipus, diese Gespenster zu verscheuchen, und alles geht wieder seinen gewohnten Gang.
Und doch ist alles, unausdrückbar wie genau, anders geworden. Als Ödipus Iokaste arglos erzählt, er sei auf seinen Wanderungen, diesmal einer besonders langen, am Berge Phikion vorbeigekommen und habe dann auch noch den Engpaß zwischen Delphi und Daulis aufgesucht, meint er auf ihrem Gesicht offene Mißbilligung zu sehen, die er sich nicht erklären kann. Warum soll er denn nicht die Orte aufsuchen, an denen sich für seine Karriere entscheidende Ereignisse zutrugen? Iokaste könne doch nicht eifersüchtig sein: er habe doch das Sphinxbordell nicht frequentiert, sondern - geschlossen! Von der Engpaßbegehung ganz zu schweigen! So ein anmaßender ältlicher hilfloser Geck! Und von diesem einzigen Mal, wo ich die Beherrschung gänzlich verlor, kann sie nichts wissen. Und wenn schon... Allein, der Eindruck der Mißbilligung wirkt ungebührlich lange nach.
Doch dann häufen sich recht plötzlich im Regierungspalast Meldungen über Fälle von Sittenverderbnis anderer, jedoch vergleichbarer Art zu damals: eine wahre Krämerinvasion sei im Gange und etliche fleißige Bürger seien bereits die Opfer ihrer raffinierten erpresserischen Geschäftsmethoden geworden. Ödipus wäre sicherlich bestürzter und zum Handeln entschlossener, wenn er nicht- seltsamer Parallelismus der Ereignisse - durch sich selbst unbehebbar abgelenkt wäre. Spuren davon gab es früher schon, doch eben nur geringfügige Spuren. Jetzt aber ist er ganz und gar gehalten - kein Bissen geht ihm sonst durch die Kehle -, nur noch Rohkost zu essen, fein säuberlich in der Zusammensetzung nach den einzelnen Gemüsesorten getrennt und nur noch für ihn recht genießbar, wenn er sich selbst diese asketischen Mahlzeiten zubereitet. Allein schon der ständige Kampf mit der Hofküche um die letzteren hat zur Folge, daß die unverzichtbare Sonderernährung fast zur Vollzeitbeschäftigung für Ödipus
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wird, der die Vernachlässigung der Regierungsaufgaben nur noch mit seinem Gesundheitszustand und den Maßnahmen seiner Restitution durch Ernährungsumstellung entschuldigen kann.
Kreon, der einzuspringen bereit ist, scheint keinen Rat zu wissen, und sucht, des Schwagers Verdikten über den Aberglauben entgegen, eine high-society-Wahrsagerin auf, zu der es Laios schon hinzog, die ein Gespräch mit Ödipus einstmals aber strikte ausschlug, woran dieser nicht gerne erinnert wird. Wie zur Bestätigung der Ablehnung solcher unseriöser Praktiken fällt die Auskunft dieses Orakels mehr als unwahrscheinlich aus: die überhand nehmende ökonomische Korruption im Lande - die Hilfeappelle an den Hof, hart durchzugreifen, werden immer eindringlicher - habe darin seinen Grund, daß es beim Tode des Laios nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Welch lächerliche Kausalität! Ödipus aber, auf den sich alle Hoffnungen konzentrieren, will keine Alternative einfallen, und betreten pflichtgemäß verurteilt er öffentlich die Korruption und verspricht eine rücksichtslose Untersuchung der einzelnen Fälle.
Aber schon während der Ansprache, in der er zu seiner eigenen Überraschung das Aufkommen von Wutgefühlen spürt, kommt er sich wie gelähmt vor. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich fortwährend. Er ißt fast nichts mehr, fühlt sich impotent, und seine Gedanken kreisen ausschließlich um die Ernährungsumstellung, nicht nur für die eigene Person, nein für das ganze Volk. Stark geschwächt aber rafft er sich unerwartet auf und aller ungewohnt heftigen Bitten der Gattin, davon abzulassen, zum Trotz nimmt er stur Verbindung mit dem renommierten Psychiater Teiresias auf. Wie das so in der Oberschicht zu geschehen pflegt, kommen sich beide auf halbem Wege entgegen und schonen sich derart, daß sich Ödipus nicht wie ein subalterner Patient und Teiresias nicht wie ein Hoflakai vorkommen muß.
Man wußte in der Tat nicht genau, mit wem man sich im Falle der Konsultation des Teiresias einließ. Gewiß kein Scharlatan, aber auch kein richtiger Arzt, in seinem wahren Alter undefinierbar, hatte er sich einiges Ansehen erworben und wurde immer dann gerufen, wenn die medizinische Orthodoxie das Ende ihrer Weisheit
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einbekennen mußte. Sein Auftreten bereitete durchweg aber Unbehagen. Der Blick hatte die Starre eines Blinden, doch konnte er aus seiner Absenz heraus plötzlich, kaum bemerkbar wie, in eine lüstern verwegene, triumphale Penetranz umschlagen. Nicht weniger beängstigend wirkte seine Angewohnheit, die Augen zu schließen und nur noch Hören, tief innen, zu sein. Die meisten fragten sich ängstlich: wohin geht das, was ich sage, wenn Teiresias es aufnimmt? Wenn es bei ihm innen ankommt, ist es nicht mehr dasselbe, nicht mehr mein! Verheiratet konnte man sich ihn schwerlich vorstellen, doch ging ihm der Ruf voraus, mehr von Frauen als alle Ehemänner Thebens zusammen zu verstehen. Unerfindlich aber, warum die immer so beherrschte Iokaste sich fast vergaß, als jetzt unaufhaltsam Teiresias vom Gatten reklamiert wurde. Schon nach den ersten Gesprächen zwischen Ödipus und dem Psychiater kamen die Dinge schnell ins Rollen. Wie Teiresias dabei vorging, wissen wir nicht; er schrieb keinen Fallbericht darüber. Gewiß hatte er einen Behandlungsplan, der, einmal an einer kleinen Stelle ausgeführt, die komplette Ausführung zwangsläufig und wie von selbst verlaufend nach sich zog. Jedenfalls gerät Ödipus in eine besessene, ja fast süchtige Abhängigkeit von seinem behandelnden Psychiater, und auch die Behandlungsergebnisse mögen jedem eine Warnung sein, sich auf eine Therapie dieses Schlages einzulassen.
Die schändliche Ergebnisfolge ist rasch mitgeteilt. Iokaste regt sich in einem Gespräch mit dem alten Vater Menoikeus so unmäßig auf, daß dieser einen Gehirnschlag bekommt, an dem er bald darauf stirbt. Ödipus beschließt - und das nach zwanzigjähriger Ehe und vier fast schon erwachsenen Kindern -, sich von Iokaste scheiden zu lassen. Kreons altes Ressentiment gegen den hergelaufenen Schwager erhält so die beste Nahrung. Er stellt sich mitsamt den beiden Söhnen hinter Iokaste, während sich die Töchter, wie zu erwarten, auf des Vaters Seite schlagen. Der Zwiespalt der Familie ist perfekt. Ödipus kann sich am Hofe nicht mehr halten. Wie die meisten Krämer, die sich durch diese Wirren um ihre Geschäftsgrundlagen gebracht sehen, verläßt er, von Tochter Antigone begleitet, die Stadt.
Wie aber sieht es im Innern dieser Menschen aus? Menoikeus starb rasch, kam nicht mehr zur Besinnung. Doch bestimmte ihn zuletzt das
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umfassende Gefühl, sich dem Urteil einer höheren Gerechtigkeit zu beugen, ja für unbekannte Schuld rechtmäßig zu büßen und damit ein gutes Werk zu tun. Iokaste erlitt einen schweren Zusammenbruch, wirkte auch nachdem sie sich erholt hatte, lange Zeit noch wie leblos, versteinert, fand auf die Dauer aber zu ihrem bekannten unaufdringlichen Leidensausdruck zurück. Kreon in seiner unverbrüchlichen Treue zur Schwester und auch die beiden Söhne eiferten dafür umso heftiger und wirksamer gegen den Schwager und Vater. Obwohl es keine Miene verriet, empfand Iokaste doch Genugtuung, daß Ödipus die Stadt verlassen mußte. Nun selbst auch Teiresias zu konsultieren, lehnte sie entschieden ab. Ödipus glaubte zu bersten, als er die Scheidung einreichte. Ohne Teiresias' Kunst und die selbstverständliche Hilfe der Tochter Antigone, in der die Idee heranreifte, daß soviel Zerstörung nur durch die Unabdingbarkeit reiner Liebe wiedergutzumachen sei, hätte er diese schlimmen Tage kaum lebend überstanden. In der Nacht, bevor er Theben endgültig verließ, hatte er einen Traum. Er und dieser ältliche hilflose Geck aus dem Engpaß halten sich zärtlich umschlungen, und eine ungekannte Wärme erfüllt ihn. Er betastet die Augen des Alten, die sich öffnen, und, ohne daß dies erschreckend gewesen wäre, nehmen sie den Ausdruck der Teiresiasaugen - wie erblindet, Höraugen - an. Er löst sich von dieser Männergestalt ab, nimmt sie aber doch ganz mit, ja in sich hinein. Und der Gesang der Sphinx wird hörbar, ein verquertes Rezitativ mit dem Refrain: ich habe der Schlange widerstanden, der Schlange widerstanden mit dem pere retrouvé. Nicht daß Ödipus den Durchbruch zu einer neuen Existenz erfahren hätte, er war ein gebrochener Mann, unfähig wiederaufzunehmen, woran er Jahrzehnte gearbeitet hatte. Und doch regten sich in aller Verstörtheit, Trauer, Entrüstung die ersten Spuren eines anderen Bewußtseins voller Leiden, als er in Begleitung der Tochter aus Theben auszog. Teiresias schließlich hat sich die Prozedur einiges kosten lassen. Die Rechnung schickte er an Iokaste und Kreon, was diese äußerst erboste. Er hatte es nicht an sich, therapeutische Siegesfeiern mit sich selbst zu veranstalten und scheute auch das öffentliche Aufsehen. Seine Hauptsorge die ganze Zeit über war, Ödipus am Leben zu erhalten und auch um ihn herum kein Trümmerfeld zu hinterlassen. Daß die Krämer verschwanden, registrierte er als Nebeneffekt. Doch bei peinlichster Selbstkritik entdeckte er schwache Regungen einer
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tiefen Genugtuung, die ihn professionell lange beschäftigten. Gewiß, wie hätte dieser scheußliche Betrug anders auffliegen sollen? Doch, meinte er, müsse er beim nächsten Mal noch achtsamer sein, nicht selbst in eine Art Rachestimmung, besonders gegen solche Frauen wie Iokaste, hineinzugeraten. Schwierig allerdings! Sei das bei seiner Lebensgeschichte wohl ganz vermeidbar?
Der fulminante Drittendurchbruch, die Entfesselung des Vaters, beschreibt den Effekt einer zweiten, in der Menschheitsgeschichte apokryph gehaltenen Rationalitätsform, welche die herrschende authentische gleichwohl limitiert. Auch auf diese subakute Rationalitätskonkurrenz fällt des Mythos helles genesisträchtiges: die sexuellen Konditionen aufklärendes Licht. Wir gehen jetzt den Etappen der Drittenfesselung dem eben narrativ gedeuteten und auch ergänzten Mythos selbst entlang nach. - Ödipus' kritisches Zweibeinealter, wohl das ungefähre Todesdatum des Vaters, spiegelt maßlos sich, die Drittenvirulenz ihrem Höhepunkt zutreibend, in den vier Inzestkindern, mittels derer Iokaste die infernalische Besiegelung der Drittenzerstörung betreibt. Alle Harmonie - der Zahl, gar der Individuationszahl, und der Geschlechterverteilung - verkehrt sich in den blanken Hohn der mütterlichen causa sui, die, indem der eigene Sohn der Vater ihrer Kinder ist, phantasmatisch nur noch aus Eigenem hervorbringt. Glätte, Geradheit, Harmonie geben sich derart exzessiv, daß einen das Grauen packt: so muß sich das verhöhnte Gegenteil zur Rache organisieren... Der erste unwiderrufbare Durchbruch erscheint, immer auf seine Ursprungsstätte bezogen, extern. Die rationalitätsgenerierende Sauerei hält in gänzlich entsublimierter Außengestalt dem Rationalitätssublimat seinen also nur wenig sublimen Ursprung - in grausamer Schonung auf Zeit und draußen schon wütend - vor. Die Hoffnung trügt nicht, daß eine solche Konfrontation dieses Sublimat (die Abwehr, die Reaktionsbildung obendrauf, das Überich) auf die Dauer brüchig macht und zerstört; Ödipus' Abwehrressourcen sind begrenzt. Der Mythos stellt diesen Vorgang als Pestausbruch dar. Das heißt: die rationalitätsgenerativen faeces-Leichen von Vater und Schwester (Vater - Tochter) werden vom Organismus des nekrophagen Ödipus nicht mehr assimiliert, vielmehr nach außen abgestoßen und treten als stinkende Pestbeulen hervor. Ödipus' Herrschaftsform verrät ihr Geheimnis. In dieser
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Veröffentlichung bricht sich die Resurrektion des getöteten Vaters als rasender Gott der Rache Bahn, dessen Zerstörung - als Lungenpest - bis an den Anfang der extrauterinen Existenz, das Atmen, reicht. In der Pest setzt der pater redevivus auch der getöteten Tochter rächend ein vielfaches tödliches Denkmal: die Pestbeulen am Körper der Befallenen - das sind Reproduktionen der nicht beerdigten, auf der Erde faulenden Tochterleiche. Und - nicht schon genug der rächenden Wiederherstellung - in den Ratten und deren Flöhen, die diese Krankheit auf die Menschen übertragen, aufersteht animalisch und aufgeteilt einerseits die nagende, beißende und andererseits die hüpfende, fliegende Sphinx. In unserer wilden Psychosomatik symbolisiert sich die Pest nicht zuletzt auch zur perfektesten unverhohlenen Außendarstellung der Rationalität, die aufweicht: sind es tatsächlich doch die Innenabwehrorgane, die Lymphknoten, die so übel erkranken. Der Spiegel am Hof ist nicht mehr verhangen, Ödipus muß sich als Pestengel sehen, die Rationalität selbst wird siech. (So geht dann auch unser Zeichentrickfilm bewegt weiter.)
Wie aber ging Teiresias vor? Zunächst ad personam. Die entscheidenden Begebenheiten seiner Lebensgeschichte weisen eine identische Handlungsstruktur auf, die sich zu einem umfassenden, keine Möglichkeit der Selbstbewährung auslassenden System ausweitet. Teiresias zeigt sich immer wieder mächtig affiziert vom Kosmos des weiblichen Raffinements, den Dritten auszuschließen; sucht die Praxis dessen in ihrer Totalität schlafwandlerisch sicher auf; genießt deren Variantenvielfalt gewiß nicht ohne bedeutende Lust; bietet dann aber mannhaft hämisch paroli; kann nicht umhin, sich für diese Unverschämtheit aus Genuß und Desavouierung zugleich hart bestrafen zu lassen; empfängt dann regelmäßig eine Entschädigung, die das vorgängige Strafmaß reparativ zu übersteigen neigt. Diese präzise voyeuristische Sequenz 17) findet ihre Darstellung in Teiresias' Beobachtung der Schlangenpaarung: des Bilds des weiblichen homosexuellen Akts der aus sich allein weiblich zeugenden causa sui; ferner in seinem Urteilsspruch beim Schönheitswettbewerb der Chariten, in der die des Manns bedürftige mittlere künftige Gattinnen-Frau von den darüber erhabenen Autarkiefrauen rechts und links außen verspottet wird; ferner - die Gretchenfrage an die Feministinnen - im Streit um die Potenz der Frau zwischen Hera und Zeus, währenddessen
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die ausgereifte Göttergattin die ganze Streitbarkeit ihres Neids auf den Mann hervorkehrt; und schließlich im Anblick der badenden jungfräulichen Göttin Athene, die er in ihrer Blöße überrascht. Es gibt also keinen Typus weiblicher Drittenverleugnung, an dem Teiresias nicht engagiert sein müßte: die weibliche Homosexualität, die feministische Hetze gegen heiratswillige Mädchen, der streitbare Penisneid der verheirateten Frau, die zölibatäre Waschonanie. Teiresias' Verstrickung aber in dieses System der Verleugnungsformen besteht darin, lüstern damit fürs erste zu konsentieren: den Vatermord also gutzuheißen, zu beglaubigen, daran mitzutun, genüßlich zuschauend des eigenen Phallus ganz zu vergessen, dann aber just ins Gegenlager überzuwechseln, dem Vater umgekehrt voller Weiberverachtung kräftig beizuspringen, ja sich mit ihm zu verbrüdern. Sein Voyeurismus trägt diesen Sprung in sich, vollzieht dies Widersprüchliche von Vatermord und Hypersolidarität mit dem Gemordeten, oft gar simultan, dialektisch ineins. Immer wenn buchstäblich Not am Mann ist, tritt Teiresias in Aktion: eilt dem doppelt betrogenen männlichen Part in der Lesbierei, dem verspotteten verliebten Mädchen, dem durch den verlogenen Neid der Ehefrau gebeutelten Ehemann und sich selbst auch als Mann zu Hilfe und provoziert damit den Zorn der attackierten Phallususurpationsfrauen umso heftiger, als er doch vorher noch suggerierte, er stehe ganz auf ihrer Seite und arbeite an ihrem großen Werke mit; ein Versprechen, das er gewiß nicht nur zum Scheine abgab, denn die Weibertücke fasziniert ihn überaus, das er aber als Maßnahme männlicher Selbstwahrung nicht halten kann und in eine verächtliche homo-Solidarität letztlich mit dem Vater als negative Erfüllungsform pervertiert. Der Voyeur ist der Kollaborateur, der sogleich Verrat begeht. Die weibliche Strafe fällt entsprechend hart aus: folgerichtig muß Teiresias selbst zu dem werden, von dem er sich besessen zeigte und das er gleichwohl schmählich verriet: zur Hure, Hexenvettel, zum schwer hypochondrischen, notorisch augenleidenden Onkel, Zwangsonanisten. Verläßliche Verräter sind aber im Gegenlager als künftige Meisterspione höchst willkommen. Hier harren ihrer dicke Prämien. In letzter Instanz gibt der geschundene Papa, dem Teiresias verräterisch beispringt - er hatte sich geirrt, ihn mitschinden zu wollen -, dem Sohn die angeschlagene Männlichkeit so weit wie noch möglich und kompensatorisch zurück: sich nämlich
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nicht mehr von der männlichkeitswütigen Frau versklaven zu lassen, umgekehrt vielmehr sich eine, wie man so schön sagt, weibliche Frau auszusuchen und selbst das Regiment zu führen; etwas auch vom schmucken Jüngling, in den man sich gerne verliebt; besonders aber die Superintuition, nicht die ödipale ratio, die sich durch die Gunst von Longitudinalbeobachtungen über ganze Generationsserien hinweg zu einsamer Höhe hat ausbilden können (hohes Alter als die Voraussetzung der psychoanalytischen Prognosenfalsifikation!); auch einen dauerhaften Sinn für jugendliche Schönheit und das tiefinnerliche narzißtische Bewußtsein der Begünstigung gleichwohl - Athene! "Mach blühen, Göttin, den Wildkirschenstab, den Du mir gabst, Du Frühlingskluge. Er lenkt mich sicher den steinigen Pfad. Du bist bei mir." 18) In der jungfräulichen Göttin vereinen sich die bestrafende Mutter und der belohnende Vater: Lohn und Strafe von einer - weiblichen - Hand. Welch sanfte Verwirrung des Gemüts, selbst noch beim alten Teiresias im Traume, der seine Misere längst doch professionalisiert und sozialisiert hat! Athene nämlich weiß nicht mehr, welcher der beiden kontaminierten Teiresiashälften sie in Wirklichkeit Gram gewesen ist, als er sie im Bade beobachtete, der huldigenden oder der verachtenden. Der huldigenden? Nein, das wäre widersinnig! Der verachtenden? Das hätte allein doch Sinn! Aber halt! Die huldigende zollt doch der Mutter Tribut und die verächtliche gibt dem Vater die Ehre. Soll ich ihn also, so spricht Athene bei sich, widersinnigerweise für die Huldigung bestraft und die Verachtung belohnt haben? Und Athenes Paradoxie, in Teiresias reflektiert? Er weiß es auch nicht, doch weiß er liebevoll Athenes Verwirrung zu nutzen und sich auf dieser schwankenden Basis vorzuspiegeln, daß die bestrafte Huldigung und die belohnte Verachtung eins seien in der so wiedergefundenen einzigen jungfräulichen Mutter.
Ödipus stößt in seiner Not in Teiresias auf ein manifest identisches Problemsubstrat, das indessen zu ebenso deutlich differenten Adaptionsformen fand, und im Vergleich beginnt er, gewiß zum ersten Mal, sich selbst zu sehen. Wie Teiresias vorging? Es war ihm bald klar, daß Ödipus' rationalistische Verkrustung, seine affektive und emotionale Armut, durch eine behutsame Affektionsfreisetzung in der Reinszenierung seiner Lebensgeschichte auf der Übertragungsfolie
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seiner eigenen aufgeklärten, zum guten Teil als Wissen disponiblen lebensgeschichtlichen Affinitäten angegangen werden müsse. Als Inbegriff dieser Verhärtung gewahrte er Ödipus' vollendete Unfähigkeit, Sohn zu sein in dem präzisen Sinne, im Zustand permanenter Unversöhntheit mit dem Vater und überhaupt mit allem fremden Männlichen zu verharren. Er konnte im voraus schon ahnen, welch unmäßige Widerstandskraft sein Patient jeglichem Versöhnungsansinnen, der schlimmsten Zumutung, entgegensetzen würde, encouragierte sich bald aber mit der hilfreichen Tatsache, daß Ödipus immerhin doch Pflegeeltern - die wesentlich abgeschwächte, quasi humanisierte Konstellation der leiblichen Eltern - genossen habe, und auch ein wenig mit sich selbst: seinem einschlägigen Versöhnungspathos, mit dem er sich so oft in des Teufels Küche gebracht hatte. Nicht zuletzt um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, nahm er sich vor, zunächst auf Ödipus' Sphinxtrauma als der Brücke, schrittweise dann zu Vatermord und Mutterinzest zu gelangen, abzuheben. So ging denn auch die Behandlung vonstatten. Teiresias hielt fürs erste die Sphinxszene mit ihrer kruden vollkommenen Disjunktion: entweder Du oder ich, den gefressenen Jünglingen, der abgestürzten Sphinx und dem triumphierenden Ödipus als Ausgangspunkt einer Alternativenbildung parat, die sich durch Ödipus' einsetzende affektive Reminiszenz an Polybos - immer wieder behelligt durch Scheinbarkeits-, als-ob-Gefühle in dieser ganzen Pflegeelternregion - und kräftig unterhalten durch seine eigenen auserwählten Alternativekenntnisse langsam zu konturieren begann. Im einzelnen - nach der Maßgabe der Sphinxszene und zugleich deren Korrektur: nämlich den zahlreichen, längst in sicheres Wissen verwandelten Voyeurerlebnissen des Therapeuten selbst - emanzipierte Teiresias (recht idealistisch und komprimiert ausgedrückt) die sexuelle Erregung, die immense besinnungslose Lust, die den jungen Mann befällt, wenn der Dritte absentiert, der Vater von der Mutter einvernehmlich mit dem Sohne "getötet" wird; ferner das Erschrecken, die Große Angst des status solitudinis des Jünglings vor der Mutter danach und die schreiende Reklamation der väterlichen Gegenwart, Überlegenheit, Hilfe; ferner den Teil der betretenen sühnebedachten Sohnesliebe, der in Schuldgefühlen ob der so voreiligen Einstimmung in den Vatermord gründet; ferner auch den noch schwierigeren Part der Sohnesliebe zum Vater, der auf die homosexuelle Kumpanei gemeinsamen Mutterverrats hinausläuft;
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ferner dann die besonders tiefliegenden verheerenden Schuldgefühle, die den Sohn überkommen, wenn er halbwegs glücklich am anderen Ufer gelandet ist, sprich: nicht ohne gefährliche Verachtungssolidarität mit dem Vater leidlich zum Manne wird, die Achtsamkeit auf Straf-, Sühne- und Reparationsbedürfnisse besonders auch hier. Erfahren wie Teiresias ist, kontrollierte er sich mit besonderer Mühe an der prekären Stelle, wo seine eigne lebensgeschichtliche Erfahrung (mit dem unwiderlegbaren Resultat allein schon seines Aussehens) für Ödipus (und nicht nur ihn) hätte zum Vorurteil werden können: nämlich die Diskriminations-Schuldgefühle der Mutter gegenüber zusätzlich zu überziehen und die zum Vater hin letztlich als geringfügig zu erachten. Teiresias gelang es also - um es kurz zu machen -, Ödipus ein Stück in einen der Jünglinge vor der Sphinx rückzuverwandeln und ihn über die Klippe des Jünglingstodes hinweg zu der Imagination einer Existenzform zu führen, die nicht schon beim ersten Anblick der Sphinx mit dem Monstrum von Lösungswort, der "Mensch", herausrücken muß - dies immer mit Polybos und Periboia in der Erinnerung und von ihm selbst an solchen notorischen Krisisstellen logisch besonders intensiv gehalten. Freilich konnte Ödipus, unbeschadet dessen, auf seinen monstruösen "Menschen" nicht schon verzichten, und Teiresias war auch vorsichtig genug, hier keinen weiteren Druck auszuüben. Oft ging es gar nicht anders, als diesen Menschen Mensch sein zu lassen, um die ständigen Entfremdungsgefühle in der Reminiszenz der Pflegeeltern nicht in schwerwiegende Verwirrtheitszustände ausarten zu lassen. Aber immerhin begann Ödipus zu verstehen, daß es neben seiner rigorosen vollkommenen Disjunktion auch eine mögliche unvollkommene Konjunktion auf dieser Erde geben könne, die allerdings, genau betrachtet - und Teiresias hatte wahrlich keine Ursache, dies zu verharmlosen -, Wechselseitigkeit (statt Exklusivität) als Zwang zu mutuellen Einbußen, als Gläubiger-Schuldner-Beziehung realistisch zu bestimmen. Nun ging Teiresias keinen Augenblick davon aus, daß damit schon das Vatertötungstrauma, vom Mutterinzest noch zu schweigen, hinlänglich bearbeitet sei. Die Depersonalisationsphänomene im Kontext der durchaus gelingenden Erinnerung an die Pflegeeltern sowie die korrelierenden Rückfälle in den Rigorismus, von der Dauertötung der Sphinx doch nicht abzulassen (die zwangsneurotische Abwehr also) machten jeden Optimismus in diesem Punkt
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zunichte. Entsprechend laborierte Teiresias lange daran, die membra disiecta der Elternimago wenigstens an einer bescheidenen Stelle so zusammenzufügen, daß der Riß zwischen beiden in Ödipus selbst nicht total ausfiele, um eine Basis einzurichten, sich dem Vatermord und seinen Folgen überhaupt erst einmal nähern zu können. Die therapeutische Aktualität der Bedeutung der Pflegeeltern war mitsamt den Verwirrtheitsepisoden passé, und erfundene Restposten an Elternharmonie zählten selbstverständlich nicht. Wo also haben sich Iokaste und Laios unmerklich einen Augenblick lang vertragen? Teiresias geriet in eine quälende Verlegenheit. Fand er diese entscheidende Dissidenz zu allem Übrigen nicht, so war es um Ödipus geschehen. Sich selbst solistisch mit eigner lebensgeschichtlicher Kompetenz als Kompensation des befürchteten Totalausfalls anzubieten, das hatte keinen therapeutischen Sinn, wäre nur zu einer blanken Realsetzung der Übertragungsbeziehung mit den allzubekannten atherapeutischen Konsequenzen ausgeartet. Also muß zunächst dieser Minimalpunkt in Ödipus' eigenen Eltern gefunden werden, und er befindet sich auch dort, denn sonst hätte es Ödipus bis hierher nimmer geschafft. In solchen Notsituationen pflegte sich Teiresias vorbewußt besonders intensiv mit dem Versöhnungsarrangement der eignen Eltern abzugeben, nicht etwa um es bei den Patienten zu substituieren, vielmehr um die Wachheit des Verstehens in diese Richtung zu schärfen. Und, wie das so geht, parallel dazu, daß ihm die Geschichte mit Athene immer wieder durch den Sinn ging, sah er plötzlich auch Schemen der konsentierenden Ödipuseltern. Wir kommen gleich auf diese Einsicht zurück. Diese Wochen der Krisis, der unvermeidlichen Unsicherheit, waren die schlimmsten. Ödipus wirkte schwer leidend; der Dreck drang ihm buchstäblich aus allen Poren: ein Verwahrlosungszusammenbruch besonders im Geiste, auch von Ausschlag begleitet (urtikaria gangraenosa?). Teiresias aber war recht getrost, nachdem ihm die Lösung, die ihn nicht eben vollendet tragfähig dünkte, dämmerte. Er sah Laios vor sich, der zum endgültigen Vernichtungsschlag ausholt, doch davon abläßt und den Säugling schließlich, als ob er davon ausgehe, daß da jemand sei, der ihn aufhebe, weitertrage, erhalte, auf die Erde legt. Das war die gesuchte Wahrheit, die er mit sich selbst zünftig zu stabilisieren verstand und zwar mit Athenes Paradoxie, dem seitenverkehrten Analogon zu diesem Schattenriß der Ödipuseltern: der Sohn
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hatte genug gelitten durch mich, den Vater, ich lege ihn lebend jetzt in die Arme der Mutter zurück. Und Ödipus räsonierte bald nicht mehr nur mit superber Indifferenz über die Engpaßangelegenheit, er zeigte sich über den Tod des Alten ein wenig betroffen, ja entwickelte etwas Mitgefühl. Also ging Teiresias' Rechnung bis dahin leidlich auf.
Die Hauptsache aber war noch durchzustehen, therapeutisch. Zwar hatte die angemessene Bearbeitung der Vatertötung viele Schattierungen der Sohnesliebe zum Vater freigesetzt, doch jetzt mußte der Muttermord gegen seine exzessivste (scheinbare) Inzestinhibition geprobt werden. Denn die vorzeitige zweite Sohnesgeburt, die antizipierte Pseudoversöhnung mit der Mutter hintertreibt den Endeffekt der Psychotherapie. Auch dieser Punkt fand seine glimpfliche Lösung: immerhin brachte es Ödipus fertig, sich von Iokaste scheiden zu lassen, ja sich vom thebanischen Hof nicht nur notgedrungen und gar noch mit der Lieblingstochter zu absentieren. Damit aber endete auch Teiresias' Therapie - nicht nur zu seinem Leidwesen; denn eben zuletzt stieß er schmerzhaft auf eine bekannte Grenze bei sich: wie sollte ausgerechnet er, der, nicht zu vergessen, auch von Athene hart Bestrafte, kompetent sein für den therapeutisch notwendigen "Muttermord"? Er konnte im Ausgang vom etwas überstürzten Ende der Behandlung her nur hoffen, daß Ödipus am Leben bleiben werde, bedingterweise, wenn es ihm gelänge, alle seine Leidensdimensionen, jetzt aber ganz in eigener Regie, quasi autonom zu existieren. Das wäre nicht wenig. Mein Gott, wie war ich verblendet! waren immerhin seine Abschiedsworte. Doch Teiresias' Schüler zu werden, daran hat Ödipus nie ernsthaft gedacht.
In der Tat, diese Leidensumkehrung in Tun nach der exakten Maßgabe des Leidens - mehr nicht, gibt es mehr? - trat auch ein; hierin hatte sich Teiresias nicht geirrt. Die Selbstblendung wird zum Inbegriff dieser Umkehrung, in der die Symbolisierungsautonomie, die freilich keine Selbstbestimmung, dem Inhalte nach, sein kann, und die Intensität und Dichte der Verinnerlichung des formal autonomisierten, tätig ergriffenen Leidenszusammenhangs ihren Höhepunkt erreichen. Die phantasmatische Substitution der Mutter, intrauterin nicht nur mit ihr verwachsen, vielmehr ganz sie selbst von innen
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her seiend, ist indifferent zugleich die empfindlichste Privation der selbst vollstreckten Rache des Drittenvaters als Sohnessühne; die dem Teiresias angenäherte, und doch nicht in seinem Sinne existenzbestimmend aufgefangene Elternimago des Ödipus. Allein, sie wäre nichts als ein Bild des Todes, gewährte Laios, die Sonne, die Ödipus nicht mehr erblickt, dem Sohn nicht die von den Toten auferstandene und selbst auch geläuterte Sphinx, die Schwester-Tochter Antigone, die seine Schritte führt und lenkt, wie die göttliche Athene die des blinden Sehers. Und auch die Erde unter den Füßen bleibt beständig fest. Die tödliche Elternimago gibt elementarisch als Erde und personell als schwesterlich-töchterlicher Schutzgeist ein Stück Eros, allseitige Versöhnung, unabdingbar aber vermittelt über gewalttätige Sühne für praktizierte Gewalt als Umkehrung erlittener Gewalt, frei. Das war Ödipus' menschlichste Zeit, als er mit Antigone umherzog - menschlich aber um welchen Preis? Schließlich gilt der Verdacht, daß Ödipus rückfällig geworden ist. Wir fragten uns, was denn er und Antigone, solange sie ihn begleitet, den ganzen Tag über tun, und wir meinten, daß sie denken. Ödipus transfiguriert die Wanderschaft in den Kopf; auch dort lenkt die Muse federführend die logischen Schritte, doch wohl nicht unbegrenzt. 19) Als nämlich Ödipus mehrere Augenblicke ihrer ganz vergißt, kann er nicht umhin, allem Eros und aller Versöhnung, Teiresias und Athene, tief innen und radikal zu kündigen und an seinem "Menschen" konsequent und anamnestisch weiterzubilden. Dies aber hat den destruktiven Umbruch der Elternimago und zugleich die Metamorphose Athenes-Antigones in die mörderische Sphinx zur notwendigen Folge, die diesmal mit ihrem Rätsel, aber um Teiresias' Aufdeckungsrationalität ergänzt, den Geist des Ödipus verwirrt; er wird wahnsinnig und verschwindet - gleichwie, es ist dasselbe - in einer Erdspalte oder fährt gen Himmel auf. Sein Menschwissen aber ging nicht verloren. Vielleicht hat er es doch jemandem mitgeteilt, noch bevor sein großer Geist verdarb? Jedenfalls finden wir es nicht viel später an seinem rechten Ort in den Anfängen der Philosophie wieder.
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Thesen am Mittag
Unseren Ausführungen gemäß besteht die Genesis von Rationalität in der Substruktion familialer Sexualitätsprofile. Diese Profile beinhalten hypertrophe Individuationsfiguren, deren Ursprung entsprechend umgekehrte Inzestfiguren ausmachen.
Diese Umkehrung ist als spiegelverkehrter mimetischer Prozeß der Metamorphose von Leiden in Tun beschreibbar; aus dem aufzehrenden Ursprung wird - inhaltsgleich seitenvertauscht - der aufgezehrte Ursprung.
Das Resultat dieses Prozesses, die hypertrophen Individuationsfiguren, fällt umso dialektischer aus - dialektisch in dem primären Sinne verstanden, daß etwas zugleich und in gleicher Hinsicht das Gegenteil seiner selbst ist -, je mehr die spiegelverkehrte mimesis und die Passivitäts-Aktivitäts-Umwandlung darin - konstitutiv für seine Etablierung - der Vergessenheit anheimfällt.
Diese Figuren begegnen immer spezifisch institutionalisiert (psychopathologisch, künstlerisch, wissenschaftlich). Soweit sie überhaupt als solche thematisiert sind, machen sie bisher das Hauptsujet einzig der Psychoanalyse aus und entbehren in deren Verfahrenskontext, der nicht alle ihre Institutionen umfassen kann, nicht der empirisch-wissenschaftlichen Legitimationsvirtualität.
Der rationalitätsgenetische Substruktionsvorgang selbst - als durchaus exoterisch darstellbarer Ritus, der von den Rationalitätsformen über die familialen Sexualitätsprofile, die hypertrophen Individuationsfiguren also, zu den fundierenden Inzestfiguren fortschreitet und dabei den umgekehrten Bildungsweg des Ausgangs, der Rationalitätsformen, nachvollzieht - ist die Retransfiguration einer vorgängigen Transfiguration. Dieser Vorgang kommt am ehesten der Entsublimierung nahe. "Er (sc. der Sexualtrieb) stellt der Kulturarbeit außerordentlich große Kraftmengen zur Verfügung, und dies zwar infolge der bei ihm besonders ausgeprägten Eigentümlichkeit, sein Ziel verschieben zu können, ohne wesentlich an Intensität abzunehmen. Man nennt diese Fähigkeit, das ursprünglich sexuelle Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, aber psychisch mit ihm verwandtes, zu vertauschen, die Fähigkeit zur
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Sublimierung." (Freud, GW III, S. 150 (Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität, 1908)) Auf der untersten Stufe, die Inzestfundamente betreffend, ist die bis dahin verlängerte Substruktion durch den Nachweis der inhaltlichen Identität, der Spiegelung und der -Umdrehung von Inzest- und Individuationsfigur bestimmt.
Die Genesis von Rationalität derart vollziehen, ist mit deren Realliquidation gleichbedeutend. Unser transparentes magisches Genesisdenken scheint als Mittel gegen die notorisch katastrophischen Rationalitätstendenzen alternativelos. In seinen Festen hat es der ödipalen Ratio ein Stück gekündigt.
Der Übergang von den Inzest- zu den Individuationsfiguren wurde bereits skizziert. Fehlt noch der Übergang von den letzteren zu den Rationalitätsformen, dieser für unsere Problemstellung entscheidende Teil des Transfigurationsprozesses (und entsprechend des rationalitätsgenetischen Substruktionsvorgangs an dieser Stelle). Wohin sind die hypertrophen hochdialektischen Individuationsfiguren diesmal - so sie immer institutionalisiert sind - geraten? Buchstäblich in den Kopf! Vorher zwar waren sie schon, gleichwo spezifiziert, Symbolisierungsleistungen, unter Umständen höchstgradige, und mitnichten "Natur", so wenig selbst die fundierenden Inzestfiguren "Natur" sind , doch indem sie in den Kopf emigrieren und die Ratio bilden, gründen sie eine Sphäre sui generis und von anthropologisch ausschlaggebender Bedeutung.
Daß die Rationalitätsbildung (und -erhaltung) adaptives Grundkriterium ist, bedarf keiner weiteren Demonstration; ein Vergleich dieser kriterialen Transfigurationsform mit den übrigen substratidentischen Formen (etwa der künstlerischen) erwiese ihre Hegemonie sogleich, eine Hegemonie freilich immer nur im systematischen Zusammenhang mit diesen andersartigen Transfigurationen. Per rationem - im Sinne der naturwissenschaftlich-technischen Rationalität - wird der Mensch zum Gott der Welt; in dieser adaptiven Matrix kulminiert seine Herrschaft über Natur. Sie ist begründet, wie gesagt, in der dialektisch-inzestuösen Stigmatisierung des Ich: die gewalttätigste Inzestumkehrung imponiert - transfiguriert - als historisches
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Artefakt der Rationalität.
Der rationalitätskonstitutive Transfigurationsvorgang gleicht in allen wesentlichen Punkten der psychoneurotischen und auch psychosomatischen Symptombildung. Die Inzestbedrohung wird durch ein rabiates, in sich hochdialektisches Autarkiegegenbild pariert. Dieses Gegenbild aber bricht als solches nicht aus, wird nicht unmittelbar zur Tat, es sucht sich vielmehr einen bestimmten Platz, der von sich aus geeignet ist, es in larvierter Gestalt wirksam werden zu lassen: deplacement, Verhüllung, underground, in offiziöser Gestalt. Dieser Gottheitstransport in den Kopf transzendiert aber an keiner Stelle den Gehalt des hypertrophen Individuationsansinnens gegen die Inzestvernichtung; das heißt, dieser Gehalt definiert restlos ein Gewaltverhältnis, und die Privilegien der erotischen Implikationen darin gehören - ohne Garantie eines ausreichenden Stärkegrads - per definitionem dazu, ohne den Rahmen dieses Gewaltverhältnisses jemals zu sprengen.
Der Sinn dieser Transfiguration ist, wie immer, Flucht vor dem Schuldspruch und der Strafverfolgung, die auf der Manifestation des hypertrophen Autarkiegebarens steht. Die Wehr gegen den Inzesttod will als das erste Gegenverbrechen zwar getan, doch in seinen Sanktionskonsequenzen verhindert, das unvermeidliche Schuldgefühl abgeschüttelt werden. Deshalb wird die radikale Individuation - die phantasmatische, doch höchst real-effektive - transfigurativ zum Inkognito: die Rationalität letzthin das stärkste Inzestpseudonym. Je schwerer die Inzestbedrohung - und subsistenzsexuell-intestinal fällt sie am schwersten aus -, umso stärker der Individuationsgegenschlag, umso stärker die Schuld und die Strafprovokation, umso nachdrücklicher die Versteckensnötigung, umso ausgeprägter die Aktionstotalisierung des also Versteckten.
Der Kopf ist die Befallstelle; er wird von den Elementen des reaktiven Urverbrechens systematisch übersät: das ist das Geheimnis der zweiten Menschwerdung, des Anpassungssyndroms Rationalität. Die Frage ist nur, inwiefern sich der Kopf diesen Import gefallen läßt, und mehr noch: sich zum Hauptsubstrat inzestuöser Herrschaftsstigmatisierung schickt. Der Kopf als adaptiver Apparat der
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Außenweltbewältigung, gewiß; das nennt jedoch nur die vorgezeichnete Funktion, nicht aber schon die Eignungsgründe, auf dieser Vorgabe - fragt sich, ob sie überhaupt abstrahierbar ist - Rationalität ausbilden zu können. Weiter kündigt die Nennung dieser Funktion bereits das Kriterium von Rationalität, naturwissenschaftlich-technischer Rationalität, an, nämlich, ganz im Unterschied etwa zur Kunstratio, "ranzugehen", ein bereits außen Vorhandenes wenigstens theoretisch zu bemächtigen, die Einsicht aber in die inneren Eignungsgründe der Befallstelle Kopf, Rationalität, wie gehabt, zu ermöglichen, fehlt dann immer noch. Das Problem der Neurosenwahl, übertragen gesprochen, der Selektion des passenden Austragungsortes, stellt sich hier quer. Wenn nicht alles täuscht, müßte die Eignung der Befallsstelle darin bestehen, daß sie von sich her das ganze Ausgangsmaß der Inzestbedrohung - symbolisch auf Ichebene - umfaßt und den Rettungseinspruch der Individuation, die sich dann also genau einpassen könnte, anzieht. Eben was den Kopf angeht, ist diese zwingende Überlegung zur topos-Selektion nicht abwegig; denn Ichvorgabe und Außenwelt verhalten sich - schwach ausgedrückt - zueinander wie David und Goliath. Erst die Rationalität schafft dem David die Schleuder herbei.
Die zweite Menschwerdung kommt zu historischer Stunde zustande und ist auch nicht mit einem Schlage da. wir machen uns zwar anheischig, diesen Genesisprozeß allgemein und immanent bereits beschreiben zu können - Arbeit, Naturbeherrschung mit dem Letztziel, das Inzest(Mutter)verhältnis ganz als Autarkie (Vater)figuration "wieder"herzustellen -, doch die historischen Bedingungen seiner innen erfaßten Möglichkeiten scheinen sich in noch unerfindliche Kontingenzen zu verlieren (und auch ohne die Historie der ersten Hominisation nicht auskommen zu können). Wir sind hier auf den Mythos angewiesen. Der Mythos gibt die familial-sexuelle Entstehungsfolie - der frühesten Rationalitätsapologie zum Trotz, ja umgekehrt deretwegen - gewiß exakt wieder, und zwar umfassend genug, um die Arbeitsverhältnisse nicht auszuschließen. Allein, bei allen immanenten Intentionalitäten ist es hier oft so, daß die realisierten Zwecke überschießend, ja konträr ausfallen, und mehr noch: dies ganze Feld insgesamt keiner Teleologie gehorcht, nur in seinem Inneren Teleologien ausbildet, die auf die Dauer dann adaptive Institution
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werden, sich zu tradieren und in der Tradition zu modifizieren beginnen. Quasi-Notwendigkeiten im generellen Zufall? Thematisch jedenfalls ist diese zweite Menschwerdung nicht mit beliebigen, auch nicht hervorragenden, historischen Fakten kompatibel; ist sie doch die Grundlage von Geschichte.
In dieser Genesisperspektive ist die Entwicklungsgeschichte der Rationalität nicht ausdrücklich eingebracht. Durchweg herrscht noch eine Hypersynchronie mit der Unsicherheit, im sexuellen Substrat schon die entsprechenden Evolutionsmotive genau bestimmen zu können, und oft auch scheint der Beginn Extrapolat der institutionalisierten Gipfelpunkte der Rationalitätsdominanz zu sein, wenn immer auch das Ganze der Ratio wohl schon am Anfang ganz präsent sein müßte.
In der Philosophie jedenfalls kulminiert die rationalitäts-konstitutive Transfiguration im Pathos des Selbstbewußtsein: die absolute Selbsteinholung als das unendliche Sein selbst. Der Gott der Welt - restlos, ohne Unterschied, ganz als dieser Tod! Das Gesicht am Mittag sieht den schattenlosen, ausgedörrten schwarzen Engel in der Sonnenglut auf der ausgebrannten Erde.
Die Alternative gilt: bis dahin gekommen, müßte sich dieser Mensch selbst fesseln, sich selbst zum Fetisch machen, oder aber er stößt losgelassen in das Herz des Seins. Woher die Fesseln aber nehmen? Philosophie, von jeher und noch dazu verspätet zwischen Magie und Absegnung plaziert, hält den fortgeschrittenen ödipalen Mittagsdämon nimmer auf. Wir versuchen es dagegen - bisher am gründlichsten - ausschließlich nur noch offen magisch und offen ursprungseingedenkend. Und das wäre auch die Zukunft der abgedankten Philosophie.
Dem genauen subsistenzsexuellen Inhalt nach ist das Transfigurationssubstrat der Rationalität die intestinale Assimilation mit ihrem Doppelassimilationsgipfel, der Koprophagie; die Ratio - die Transfiguration des Verdauungslustmords und der koprophagischen Leichenschändung in den Kopf hinein. Wegen des ausnehmenden Schweregrads der daraus resultierenden Diskriminationsschuld ist der Transfigurationsdruck auf dieser Basis auch entsprechend ausgeprägt, und als psychopathologische Sühnechancen lauern gefährlich auf -
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je nachdem - der Rückfall in die paranoide Position (die Resurrektion der Schlange), die Depression (das Einswerden mit der Schlangenleiche) und später auch die phallisch-exhibitionistisch-urethrale Lüge (die früheste mißratene - proto-generationssexuelle - mimesis an die lebendige Schlange). Jeweils an den prekären Umschlagspunkten setzen sich freilich dann - im Kontext der hier thematischen Rationalitätsentstehung - die einzelnen Kunstgattungen als mögliche Auffangmittel, und zwar - der angedeuteten psychosexuellen Evolution entlang - die Musik, die bildende Kunst, die Dichtung. Doch allemal kann Kunst, auch wenn sie allgemein denselben Umkehrungs- (Inzest -Autarkie) und Transfigurationsmechanismen willfährt, nicht leisten, was die naturwissenschaftlich-technische Rationalität vollbringt: die Disposition der materiellen Außenwelt von innen.
Am Ursprungsort der Rationalität, in Ödipus selbst, erscheinen diese subsistenzsexuellen Substrate in der Form eines totalen quid pro quo; derart exzeptionell dialektisch, daß die Inzest- von der Autarkiefigur nicht abtrennbar ist und die einsetzende Transfiguration zur Rationalität entsprechend noch auf schwachen Füßen stehen muß. Mörderische Vatersubstitution und totale Mutterbeherrschung durch die Hypermutter als neuer Sohnesvater - diese patriarchale Autarkiefigur (mit den Konsequenzen beginnender Monopolisierung der Generation, der Monogamie, des primären Geldphallus, der allgemeinen Prostitution) schlägt fortschreitend in sich in ihr Inzestgegenteil um: die Muttergottheit tötet durch den Gatten-Sohn den Vater; der Gatten-Sohn füttert die Muttergottheit mit der Vaterleiche, saugt den Vater aus ihr aus, ersetzt den Vater als Gatten und frißt die Vaterleichenfaeces auf.

Anmerkungen
  • Zur - noch konventionellen - Kritik der psychoanalytischen Ichpsychologie: siehe R. Heinz, Heinz Hartmanns "Grundlagen der Psychoanalyse" (1927). Eine wissenschaftslogische Fehlkonzeption, in: Psyche 6, 28. Jg., Juni 1974, S. 477-493, und: ders., Heinz Hartmann: Psychoanalyse und moralische Werte, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Vol 1975 LXI/4, S. 152f. - Die schon etwas gewagtere Version dieser Form von Kritik, die außerdem die Anfälligkeiten der neukantianischen Psychoanalyse-Adaptionen,
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die unmittelbar zur Ichpsychologie führten, für den Nationalsozialismus dokumentiert (Psychoanalyse und Kantianismus. Ein Beitrag zur Theoriegeschichte, in: Elrod/Heinz/Dahmer, Der Wolf im Schafspelz. Erikson, die Ichpsychologie und das Anpassungsproblem, Frankfurt/New York (Campus) 1978 (Kritische Sozialwissenschaft, Psychoanalyse, S. 127-167) fand dann - bezeichnenderweise? - nicht mehr die Gnade der Psyche-Redaktion. Auch H. Kohuts in Deutschland vieldiskutierte Narzißmustheorie fällt ob seines Konzepts einer Art von Autonomie des Selbst gesteigert unter dieses Idealismusverdikt. Siehe: R. Heinz, Heinz Kohut: Narzißmus, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Vol 1975 LXI/1, S. 129-132, und: ders., Jean Paul Sartres existentielle Psychoanalyse - Kritik der Metapsychologie und narzißmustheoretische Antizipationen, in: ebd., Vol 1976 LXII/1, S. 61-88. - Das sind alles freilich Themen, die erst in der geplanten Dauerstudie einer "Kritik der Psychoanalyse" zur vollen Entfaltung kommen können.
  • L. Leonhard/O. Jägersberg, Glücksucher in Venedig, Frankfurt/M. 1974. In der Tat: "Flabby Jack hatte einen Freund verloren. Aber wie konnte Dinxbums auch so töricht sein, einen Löwen mit Flügeln, die zweifellos von einem Erpel stammten, für einen Schnark zu halten." (Ebd., S. 14)
  • Diesmal ohne Provokationsabsichten, müssen wir wohl des Zorns der Mythenphilologen gewärtig sein. Wir nahmen uns nämlich heraus, was wir brauchten, und berufen uns dabei auf: R. v. Ranke-Graves, Griechische Mythologie, 2 Bde., Reinbek 1960 (rde 113/ 115), und E. Tripp, Corwell's Handbook of Classical Mythology, New York 1970 (= in deutscher Übersetzung: Reclams Lexikon der antiken Mythologie, Stuttgart 1974)
  • Am tragenden männlichen Element des Logos, der Luft, dem sinnlichen Medium des Sprachtransports, reproduziert sich also die anti-logische Mutterkonfusion: akustisches Flattern, Verzerrung, vor-semantische Unverständlichkeit, das Kind im Mutterleib hört die Stimme der Mutter, Tierlaut. Immer der gleiche höhnische Mannsdispens! Der fortgeschrittene Inbegriff dessen aber ist der Furz. Die geheime Vorbereitung des intestinalen Lustmords an der Mutter-Schlange fliegt im Flatus auf; es gelingt ihr, das innerlichste schändliche Geheimnis der Großen Virilisation publik zu machen: der unsterbliche Äther selbst von Leichengeruch erfüllt! Das Patriarchat erreicht seinen Höhepunkt also, wenn der Patriarsch vehement die Winde losläßt - never mind -, dasselbe aber allen anderen bei schwerster Strafe verbietet. Er kann es sich leisten, führt er gar noch die Regie über den Verrat des Geheimnisses seiner exklusiven Mannheit. Frauen hingegen furzen nur als Töchter, und zwar - als Töchter - ganz und gar und wiederum gar nicht. Die Schlangenmutter selbst hingegen furzt schlechterdings nicht. Furzende Jünglinge aber leben, so sie sich nicht-patriarchalisch daran ergötzen, gefährlich. Warum gibt es keine ausgiebige Psychoanalyse des Flatus? (Ich kenne nur einen Titel: S. Ferenczi, Der Flatus, ein Vorrecht der Erwachsenen, in: Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 1, 1913) Das patriarchale Tabu darüber ist überaus stark. Man muß nur einmal erlebt haben, wie ein durchschnittliches
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Theaterpublikum auf den Auftritt der Ida Mortemar in Roger Vitracs "Victor oder die Kinder an der Macht" reagierte: mit langwährender Verleugnung, verstörter Zulassung des Verleugneten (ein Raunen geht durch den Saal) und bei denjenigen, die sich nicht voller Entrüstung zurückzogen, schließlich mit selten exzessivem Lachen von einer schwer beschreibbaren Entfesselungsqualität: das an die Töchter und Söhne delegierte Urlachen der stummen Urmutter? So muß auch - nach dem Bericht seines Sohnes - Joseph Pujol, "Le Petomane",gewirkt haben. "Die Zuschauer - und besonders die Frauen - gerieten außer sich vor Lachen. Sie schrien vor Lachen. Viele wurden ohnmächtig und fielen um und mußten wieder zu Bewußtsein gebracht werden." (Programmheft zu Vitracs "Victor...", 5.7, Wuppertaler Bühnen 1970/71)
  • Siehe M. Klein u.a., Das Seelenleben des Kleinkindes und andere Beiträge zur Psychoanalyse, Stuttgart 1962 (Beiheft zur "Psyche"). Es ist nicht von ungefähr, an dieser entscheidenden Stelle auf Melanie Klein hinzuweisen. Denn sie öffnete - halb heterodox - allererst diese Dimension. Inwieweit recht unzureichend, doch gewiß auch gegen den latenten (und nicht einmal latenten) Patriarchalismus einiger Tendenzen der orthodoxen Psychoanalyse, in der man auch heutzutage oft immer noch nicht über das frühe Mutter-Kind-Verhältnis ohne gebührende Kautelen sprechen kann, sei weiteren Überlegungen u.a. im Kontext der geplanten Kritik der Psychoanalyse, die wohl nicht umhin kann, G. Groddeck und vor allem O. Rank diesbetreffend zu rehabilitieren, vorbehalten.
  • Echidna ist nicht immer so. Wenige Male schlüpft sie ganz in den Körper der Tochter und macht sie zur Frau ohne Knochen aus dem Variete. Immerhin: ein weniger blutiger Lebensunterhalt! Wir können es trotz aller Laboruntersuchungen nicht wissen, doch liegt es nahe, daß sie am Ullrich-Turner-Syndrom litt. (Entwicklungsstörung der Gonaden auf der Grundlage einer Ovarialagenesie!) Von dieser Störung befallene Frauen lächeln sphinxisch. Wir gönnen es ihnen, sich kompensatorisch als Frauen doch wie Männer zu fühlen - o Götternot! - und dies anlockend zum Ausdruck zu bringen.
  • Siehe V. Solanas, Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer S.C.U.M., Frankfurt/M. (März/Zweitausendeins) 1975. "'S.C.U.M. versucht, Warhol, den Voyeur par excellence, umzubringen.' - (Time) - Warum schoß Valerie Solanas auf Andy Warhol? 'Ich habe eine Menge schwerwiegender Gründe', antwortete sie auf diese Frage, 'lesen Sie mein Manifest und Sie wissen, wer ich bin." (Ebd., Rückseite des Einbands; vgl. auch die Einleitung von P. Krassner (Waisen-Weib trifft Super-Neutrum"), ebd., S. 7-21). Zur weiteren Rezeption Solanas' siehe H. Heinz, Faschistische Analogien in feministischen Publikationen, in: mamas pfirsiche - frauen und literatur 6, Münster (verlag frauenpolitik) 1977, S. 4-110. Wir werden uns künftig noch mit Valerie Solanas beschäftigen müssen; in ihrem ganzen Wahne nämlich skizziert sie eine Patriarchatstheorie, die unseren Auffassungen in den Grundzügen nahekommt: das Patriarchat als Urwunsch des Mannes, zur Frau zu werden.
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  • Wir glauben unterdessen, wenigstens dies schon psychoanalytisch von der Musik zu wissen: daß sie regressiv-akustisch vor dem vollen Anblick des Vater-Dritten ausweicht bis in die Lautumhülltheit des Mutterleibes flieht, aber doch mittels des dorthin durchaus mitgenommenen unentbundenen Vater-Dritten aktivste mimesis an alle Mutterlaute in eigener Regie leistet. Es ist, wie man meinen könnte, eine mildere Form von Inzest, identisch außerdem mit der christlichen Mythe (Heilige Familie, Opfertod Christi, Dreifaltigkeit), die allein schon durch die avancierteste Musiksyntaktik - die Dur-Moll-Tonalität -, also schon »formal«, sich ihrer selbst ansichtig macht. Hauptsächlich über mögliche empirische Substrate dessen informieren insbesondere die Beiträge von R. Heinz in: Psychoanalyse und Musik. Dokumentation und Reflexion eines Experiments psychoanalytischer Musikinterpretation in der Gruppe. Herausgegeben von R. Heinz und F. Rotter, Herrenberg (Döring) 1977. Vgl. dazu auch: R.-G. Klausmeier, Musik-Erleben in der Pubertät, in: Psyche 12, 30. Jg., Dezember 1976, S. 1113-1135.
  • Zu letzterem siehe die extraordinäre Studie G. Deleuzes über den männlichen Masochismus (G. Deleuze, Sacher-Masoch und der Masochismus, in: L. v. Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt/ M. (Insel) 1968). So spricht das masochistische Ich zum Vater: "»Du siehst, was immer du tust, du bist schon gestorben, du existierst nur noch als Karikatur, und auch wenn die Frau, die mich schlägt, dich vorstellt, so bist doch nur du es, der in mir geschlagen wird... Ich verneine dich, denn du verneinst dich selbst.« Das Ich triumphiert, es erlangt seine Autonomie im Schmerz und seine parthenogenetische Geburt am Ende der Schmerzen, weil diese Schmerzen erfahren werden als das, woran das Über-Ich zugrunde geht." (Ebd., S. 281f.)
  • So wird der Mythos freilich als - wie auch immer tendenziöse - Geschichtsschreibung geltend gemacht. Das ist er sicher auch, doch unsere Ingeniösität reicht hier noch nicht aus, ihn derart auszuschlachten. Folgende wilde Konjekturen aber sind uns in diesem Zusammenhang schon sympathisch:
    1) Die Erstemanzipierte der beginnenden Geschichte ist die Tochter, nicht der Sohn. Sie muß sich insofern eher auf die Suche nach dem Vater-Dritten aufmachen, als sie sonst in der Mutteridentität versinkt.
    2) Simultan dazu oder gar dadurch mitbedingt kommt so etwas wie eine vorpatriarchale paranoid-despotische Unterjochung der Frau durch den Mann auf.
    3) Die Söhne treten allererst als Streitobjekt der »Eltern«zugehörigkeit in den Blick und schweben sogleich an zwei Fronten in Lebensgefahr: gegenüber den emanzipierten Töchtern und auch dem Vater-Despoten, die sich beide darüber entzweien.
    4) Diese Verhältnisse selegieren den Jünglingstypus, der unter dem besonderen Schutz der unterjochten Mutter sich an beiden Fronten behauptet, gleichwohl, totalisiert dialektisch, an die Mutter zurückfällt: Ödipus.
  • Es gibt zu berichten, daß der Unwillen der ersten Hörer und Kritiker dieses Textes diesem Kapitel gegenüber am stärksten
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ausfiel. Stellenweise kam es fast zu einer Art von hermeneutischem Streik, den wir als Abwehr der erneuten Schlangenresurrektion mit den Mitteln der beginnenden Geschichtszeit gemeinsam verstehen konnten. In diesem Streikzusammenhang regte sich dann auch das Bedürfnis, Iokaste ein wenig wenigstens zu exkulpieren: probat zu diesem Zweck ihre Lebensgeschichte zu recherchieren und auch den Schuldanteil des Laios nicht außer acht zu lassen. Zum ersteren - vom Hölzchen aufs Stöckchen! - stießen wir auf Menoikeus, den Vater der Iokaste, einen der "gesäten" Männer. Kann der Herrschaftstransfer zum Mann hin noch plastischer dargestellt werden? Die Drachenzähne (die Kastrationsinstrumente der vagina dentata) werden zum lebenspendenden Samen, der bloß noch bergenden umhüllenden Erde (der generalisierten Mutter, zum Behälter reduziert) anvertraut, transfiguriert. Und sogleich entstehen ganze geharnischte Männer daraus (Eisenphalloi), die sich bis auf wenige gegenseitig umbringen. (Der Vater als das Vorbild für den Sohn über den Gatten hinweg?) Zum letzteren fiel uns besonders Laios' frühe Verbannung auf. Also steht er unter Reproduktionszwang, wenn er Ödipus aussetzt. Ein Äquivalent zur homosexuellen Chrysippos-Episode ist in der Ödipusmythe (i.e.S.) nicht zu finden. Wir wissen warum: Iokaste muß alles daran setzen, diese vorzeitige extreme Form von Sohnessühne zu hintertreiben.
  • Diese Aufzählung ist rhapsodisch; die Ableitung der rhetorischpoetischen Fallstricke aus dem Vexierspiel der Dritteneskamotierung, den subakuten dialektischen Sequenzen des Rätsels, fehlt. Wir sehen noch kein brauchbares Ableitungsprinzip; psychoanalytisch ist man es ja auch weniger gewohnt - nicht zu Gunsten der Psychoanalyse -, "Formen" zu interpretieren. Hingegen machte die gelehrte Identifikation dieser Fallstricke, die wiederum nur rhapsodische, als rhetorische Figuren und als Primärprozeßformen, Traumlogismen à la Lacan, kaum Probleme.
  • Auf einen Blick:
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  • Ohne künftigen Arbeiten vorgreifen zu wollen, drängt es uns, doch schon einiges zu Hegel im voraus zu sagen. Der Unverträglichkeit von formaler und dialektischer Logik sind wir also auf der Spur: die exkrementale Epiphanie des Dritten läßt sich eben nicht dialektisch auflösen, und daran, an dieser, kriterialen Ste11e, macht sich die formale Logik fest. Es ist zum Totlachen, welche aberwitzige Mühe darauf verwandt wurde, Hegels Dialektik formallogisch zu widerlegen! Dem Hegelschen Präventivschlag, der umgekehrten Aufhebung der formalen Logik in die dialektische, wäre dann besonders nachzugehen. Wir prognostizieren, um einmal etwas zu untertreiben, daß Hegel nicht umhin können wird, zu diesem Zweck die Verfallenheit der formalen Logik (des Widerspruchssatzes) an das tiefste anankastische quid pro quo des Geschlechtes, gegen das er sich selten immun erweist, zu demonstrieren. Es ist fürs erste schon unerfindlich, wie Hegel es zuwege brachte, an allem geschichtlichen Triumph des Ödipus vorbei die Sphinx und die thebanischen Jünglinge in ihrer christlichen Version, zuzüglich also der himmlichen Dreifaltigkeit, dem Spiegelbild der Heiligen Familie nach dem Opfertod des Sohnes, zur Totalsubstanz seines Denkens zu machen. Welch seltsame Opposition, an keiner Stelle aus dem Bannkreis dessen, was als Kunstlogik schließlich imponiert, herauszutreten! Oder täuschen wir uns hierin? Doch wäre die Dialektik, nota bene die Dialektik, des christlichen Spiritualismus also noch herrschaftlicher als der wenigstens doch an seiner Oberfläche herb undialektische Anankasmus des Ödipus und seiner Folgen?
  • Nach unserem Schema (Anmerkung 13) ergeben sich. also für die Sphinx, Ödipus und Iokaste die folgenden dialektischen Sequenzen:
    Sphinx (für sich)Ödipus (rex)Iokaste (elementarisch)
    Peniskinder(Löwen)wanderertragende Erde
    StillaversionVaterfresserNahrung hervorbringende Erde
    ExkrementenleugnungVatermörderExkremente assimilierende Erde
    PenisneidMuttergatte(disjunktiv) geöffnete Erde
    Den Mythos wiederum auf Verdacht als Geschichtsschreibung gelesen, hat Ödipus die Monogamie etabliert: Disziplinierung der Sexualität auf Zeugung hin, Entfernung von Homosexualität und Promiskuität. Vielleicht auch deutet die imponierende elementarische Mutter-Omnipräsenz als das Existenzfundament des herrschaftlichen Sohnes auf einen männlich versierten Fortschritt im Ackerbau - einer Urform von Wissenschaft? - hin. Zur Patriarchatsbegründung könnte außerdem auch gut passen, daß Ödipus ein Kalenderreformator gewesen sei, der dadurch die thebanische Mondgöttin Sphinx stürzte und ihre Priesterin Iokaste zur Besiegelung seines Reformerfolgs heiratete: Kalenderreform bedeutet doch auch Empfängnisdisposition, oder?
  • Sie sind und bleiben verschwunden. Doch ist es schon recht
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viel, wenn überhaupt einmal genetisches Bewußtsein in der Philosophie aufkommt, wie überraschenderweise zum Beispiel im Positivismus des vorigen Jahrhunderts, den Franz Austeda, bezeichnenderweise ohne viel fortune, aufgearbeitet hat. Welch fremde antikantianische Töne ein wenig in den Spuren Nietzsches: die "Kategorie" der "Substanz" sei eine "Projektion des Persönlichkeitsbewußtseins". (Siehe R. Heinz, Das Problem des kategorialen Denkens. Zur Kausalitätsdiskussion im Positivismus (Laas, Jodl, Schultz, Austeda), in: Zeitschrift für Philosophische Forschung, Bd. 25/1971, Heft 4, S. 535-547 - außerdem ein harmloser Aufsatz, der nur ganz zum Ende hin einige Backenzähne zeigt.) Selbstverständlich sitzt A. Sohn-Rethel diesbetreffend bei uns im ersten Rang. Doch, abgesehen von noch anderen Problemen, lüftet er das ödipale Inkognito immer noch allzumarxistisch nicht ganz: Substanz = Geld, immerhin, aber wo bleibt unser Ontologie-Porno? Schließlich stellten wir fest, daß wir wider jedes Erwarten Konkurrenz haben: steht doch tatsächlich auf dem Wasserzug des Damenklosetts eines Amsterdamer Restaurants "Sphinx"!!
  • Der Phallus muß hier voyeurismuskonstitutiv in den Blick hoch- und hineingenommen werden; an Ort und Stelle als Penis nämlich könnte er die hier entscheidende metabasis nicht leisten. Wie sollte das vor sich gehen, die Penisabsenz schlagartig in eine volle Peniserektion exhibitionistisch zu verwandeln? Sowohl ist der Bruch zwischen beiden Zuständen zu groß als auch die Absenz auf Genitalniveau nicht eigentlich darstellbar, etwa durch die-Hände-vorhalten, sich Umdrehen oder ähnliches. Das voyeuristische Raffinement besteht darin, in der Phallustransfiguration in den Blick - im Identifikationsdoppelspiel seines Suspens und seiner Hervorkehrung hier - den Penis unten, wenngleich im Status der Indifferenz, kaschiert voll zu wahren. Nur dadurch - die mehrfache Anmaßung - wird die Härte der Bestrafung des Teiresias verständlich: eine ganze Ichfunktion, das voyeuristisch hypertrophe Transfigurat Sehen, wird ausgelöscht.
  • Überliefertes Fragment (leider das einzige!) der Matutin aus einem Brevier für Psychoanalytiker, das Teiresias zur Zeit der Behandlung des Ödipus, mehr oder weniger laienhaft, nicht ungeschickt und auch nicht ohne authentisches Empfinden, dichtete. Wahrscheinlich stieß es in Fachkreisen eher auf Befremden.
  • Überraschend viel von diesem Philosophieambiente, unmittelbar szenisch bewahrt, findet sich in Boris Anomunomos "Im Zeichen des großen Bären" (Zürich 1974, bs. S. 317ff): der Philosoph denkt im abgedunkelten Zimmer, sonnenhungrig vor der Rotlichtlampe (immerhin!) mit entblößtem Oberkörper, seinen Wermuth vor sich, und rechts von ihm hängt ein Sphinxbild an der Wand, sein Denkmaskottchen. Wohlan, gehen wir auf die weitere Suche nach diesem Gedächtnis in unserem Fach! Anomunomo zitiert a.a.O. auch die folgende von Melanie Heinz überlieferte Sphinxbegebenheit: "Sphinx ist es gewöhnt, täglich zwei bis drei unwissende thebanische Jünglinge zu verspeisen. Als sich jedoch in der Stadt die Kunde herumsprach, daß Sphinx' Zähne schief ständen und nicht mehr anlockend wirkten, da wurde ihre Kundschaft geringer, die mutigen Jünglinge verschwanden aus ihrem Revier,
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so daß sie eigentlich verhungern müßte, wenn nicht folgendes Ereignis eingetreten wäre: Es kam ein Kiefernorthopäde zu Sphinx, der sich für ihr Gebiß sehr interessierte und den das Volk mit seinen Gerüchten und Geschichten neugierig gemacht hatte. Er dachte aufgrund seines Fachinteresses gar nicht an die Gefahren, die mit Sphinx verbunden waren, sondern ging kühn auf sie zu und beschaute sich ihren beachtenswerten Mund mit sachlichem Blick. Sphinx war natürlich hungrig und wollte zubeißen, doch der Kiefernorthopäde besänftigte sie, indem er ihr versprach, ihren Mund in einen glänzenden Zustand zu bringen. Erst einmal brachte er einen Eimer und eine Schuhbürste, um ihre Zähne zu putzen. Dann fertigte er ihr eine Zahnklammer an. Er wollte damit ihre - durch Ausbeißen an Knochen - schief gewordenen Zähne regulieren. Schließlich gab er der Sphinx Anweisungen, wie sie die Klammer im Munde zu tragen habe. Dies war sein exakter Wortlaut: 'Man hat die Klammer am Nachmittag und in der zahnmedizinischen Nacht zu tragen. Die zahnmedizinische Nacht beginnt um 18.0l Uhr und hört um 6.00 Uhr auf. Während dieser Zeit darf man nicht essen und muß vorsichtig und enthaltsam leben. Gelegentlich wasche und spüle man die Klammer in klarem Wasser. Auf sorgfältige Zahnpflege ist zu achten!' Sphinx fiel es schwer, während der Zeit, in der sie die Klammer trug, nichts zu essen. Doch sie versuchte sich mit dem Gedanken zu trösten, daß sie nachher sehr schöne Zähne habe, mit denen sie noch mehr Jünglinge anlocken könne als je zuvor."


II. ÖDIPUS UND DIE SPHINX UND UNSERE PSYCHOANALYTISCHEN AHNEN
ERSTES PROLEGOMENON ZU EINER KRITIK DER PSYCHOANALYSE
Ödipus-Überschwang oder: sie wissen nicht, was sie tun
Es begann 1906 um Freuds fünfzigsten Geburtstag herum. "Die Gruppe seiner Schüler und Mitarbeiter hatte dem österreichischen Bildhauer Karl Maria Schwerdtner (1874- 1916) den Auftrag für die Medaille gegeben. Auf der einen Seite ist eine Darstellung des Ödipus, vor
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der Sphinx stehend, wiedergegeben. Der Sophokles-Vers aus König Ödipus lautet übersetzt: 'Der das berühmte Rätsel löste und ein gar mächtiger Mann war.' Über diesen Spruch berichtete Ernest Jones in seiner Freud-Biographie (Bd. 2, S. 27f): 'Bei der Überreichung der Medaille ereignete sich ein merkwürdiger Zwischenfall. Als Freud die Inschrift las, wurde er blaß, unruhig und fragte mit erstickter Stimme, wer diese Idee gehabt habe. Er benahm sich wie ein Mensch, dem ein Geist erschienen ist, und so war es auch. Nachdem ihm Federn gesagt hatte, er sei es gewesen, enthüllte er ihnen den Grund seines Verhaltens: Als junger Student sei er einmal um die großen Arkaden der Wiener Universität herumgegangen und habe die Büsten früherer berühmter Professoren betrachtet. Damals habe er sich in der Phantasie ausgemalt, daß dort seine künftige Büste stände, was an sich für einen ehrgeizigen Studenten noch nichts Besonderes gewesen wäre - aber auch, daß darunter eben gerade diese Worte graviert seien, die er nun auf der Medaille vor sich sehe."' (Sigmund Freud, Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1976, Anmerkungen zum Bildteil, S. 333) Und Freud schreibt an Jung: "Das Beste und für mich Schmeichelhafteste ist wohl die Plakette, die K.M. Schwerdtner zu meinem fünfzigsten Geburtstag angefertigt hat." (Ebd., S. 186, Brief an C.G. Jung vom 19.9.1907)
Wir werden also Zeugen der kollektiven Witterung einer fest- und tiefsitzenden Größenphantasie, deren durchaus brüderliche und reverenzvolle Identifikation traumatisch wie ein Schuldspruch bei ihrem Autor wirkt und jenseits dieser Erschütterung zum Emblem dann wird. Wie immer, wäre jetzt schon ein ganzer Roman darüber zu schreiben, in dem mit den Mitteln der Psychoanalyse paradoxerweise ihre eigne institutionelle Konsolidierung, freilich zum Zweck der Emanzipation aus diesem Konsolidierungsrahmen, interpretierbar würde, und halten wir im Vorgriff kritisch fest, daß die Psychoanalyse von Anfang an sich an dieser Stelle selber fesselt. Die Konsolidierungsgeschichte aber geht, den Romanstoff beträchtlich anreichernd, ein Stück noch weiter. "S. Ferenczi hat in einem schönen Artikel auf eine Stelle in Schopenhauers Briefen hingewiesen, in welcher der Philosoph den thebanischen Heros als Vorbild jedes ernsten Forschers rühmt, der unbekümmert um sein Wohl und
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Wehe die Wahrheit sucht." (Th. Reik, Oedipus und die Sphinx, in: Imago VI (192o), S. 95) Das geschah 1912 in der ersten Imagonummer. (S. Ferenczi, Symbolische Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips im Ödipusmythos, in: Imago 1 (1912), S. 276-284. Es handelt sich um einen Brief Schopenhauers an Goethe vom 11. November 1815.) 1920 ist das Ödipus-Sphinx-Emblem über die Freudsche Geburtstagsplakette hinaus perfekt: "Die Leser der 'Imago' finden auf dem Umschlag dieses Heftes eine kleine Zeichnung, die nach einem Vorschlage von Otto Rank alle Veröffentlichungen des Internationalen Psychoanalytischen Verlages schmücken wird. Sie stellt Oedipus dar, den Blick fest und unerschrocken auf seine furchtbare Gegnerin gerichtet." (Reik, a.a.O.) In dieser Imagonummer (S. 95-131) veröffentlicht Reik seinen Aufsatz über "Oedipus und die Sphinx", in dem er die Emblemtradition bestätigend - und wie bestätigend! - aufgreift. "Das beziehungsreiche Bild des Rätsellösers Oedipus und der Sphinx darf so, wie wir meinen, mit gutem Recht vor die Arbeiten der psychoanalytischen Forschung gesetzt werden - zumal es zur ständigen Mahnung wird, sich nicht mit dem Erreichten zufrieden zu geben." (Reik, S. 96)
In der Tat, Vatermord und Rätsellösung, der Selbstmord der Sphinx genügten schon Ödipus nicht; er mußte noch die eigne Mutter heiraten, dies mindest. Wohin also schickt Reik die psychoanalytische Bewegung? Nach unserer Interpretation der Begegnung Ödipus - Sphinx wird es schier unerfindlich, was sich unsere Ahnen dabei dachten, just diese Szene als psychoanalytisches Exempel zu empfehlen. Es steht fest, daß sie zu den rationalitätsgenerativen Grundszenen des Mythos zählt: sollen also virile Gewalt und inzestuöse Verstrickung der Inbegriff psychoanalytischen Prozedierens sein? Die Psychoanalytiker Hohepriester der mörderischen Ödipusratio?
Allein, die Reihe derer, die an diesem scheußlichen Exempel wirkten, ist in diesem Betracht, der Huldigung an antifeminine Logosherrschaft, unglaubwürdig. Freud selbst? Federn, der Sozialist, der die "Vaterlose Gesellschaft" schrieb? Ausgerechnet Ferenczi? (Reik übersieht außerdem, daß Ferenczi mehr den älteren Ödipus, den lebensgeschichtlichen Wahrheitssucher vs. dem politischen Rätsellöser, im Sinne hat und also einem Teil des Mythos folgt, der eher
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als frühes Beipiel psychoanalytischen Vorgehens gelten kann!) Rank mit seiner notorischen Neigung, die Relevanz des Mutterverhältnisses nach Meinung der Orthodoxie zu übertreiben? Schlechteste Gewährsmänner also dafür, sich im heterogenen Medium der Psychoanalyse gleichwohl patriarchalisch das Mütchen zu kühlen?
Wenn wir recht sehen, so drückt sich in dieser Unglaublichkeit die tiefste Ambivalenz aus. Der Emblemcharakter liegt ja auch zwischen Kunst und Handlungsanweisung, Magie und Programmatik, Projektion, externaler Einsperrung und (Re)Introjektion, Motiv. Das Emblem verbreitet das Zwielicht von Bannung und tätlicher Freisetzung seines Gehalts. Wie pflegt es die Psychoanalyse im nicht revozierten Zeichen von Ödipus und der Sphinx damit zu halten? Reiks Studie gibt darüber weiteren Aufschluß.
Theodor Reiks Gynäkodektomie
In seltener Offenheit und ungetrübt von der Fälligkeit der Reflexion der Psychoanalyse auf sich selbst macht sich Reik um die Empfehlung ordentlicher Zustände in der Theorie und der institutionellen Organisation der Psychoanalyse verdient. Der Inbegriff des Maßstabs der Zugehörigkeit ist das Mutterverhältnis; je nachdem die Voten dazu ausfallen, ergeht, wie billig, das Anathema, ganz oder halb oder nicht. Jung und Rank sind diesmal die Brüder, deren antipatriarchale Sympathien dingfest gemacht werden müssen; und obgleich die Dissidenzunterschiede in dieser Sphinxangelegenheit minimal sein dürften, wandelt nach Reiks Verdikt Rank nur auf der Grenze zum Feindesland hin, während Jung, christlich ausgedrückt, schon von Klingsor angelockt in Kundrys Armen liegt, um als Neuauflage des siechen Amfortas sein Leben in Klage zu verzehren oder gar Nachfolger Klingsors zu werden. Das kritische Stichwort heißt: Mutterdoublierung. Darin kommen Jung und Rank (in: Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage, Wien/Leipzig 1912, und in: Wandlungen und Symbole der Libido, in: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, IV. Bd., Leipzig/Wien 1912) überein: die Sphinx repräsentiere "einen ursprünglich inzestuös abgespaltenen Libidobetrag aus dem Mutterverhältnis" (Reik, S. 100). Die im
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immer schwelenden Ketzerprozeß entscheidende haarspalterische Differenz aber liegt, wenn wir recht sehen, darin beschlossen, daß Jungs einschlägige Formulierungen, jedenfalls im Reikschen Referat, vor lauter theriomorpher archaischer Mutterimago den Phallus anscheinend ganz verschwinden machen, während Rank, indem er auf die homosexualitätsgenetischen Sphinxkomponenten und auch auf die intellektuellen Transfigurationen hinweist, diesen wenigstens in seiner usurpierten Kümmerform, für den Inquisitor fürs erste beruhigend, zu retten versteht. Gewiß, Rank mag die angemessenere Interpretation aufweisen, indem er, so würden wir das ausdrücken, den Bruch zwischen Mutter Echidna und Tochter Sphinx, deren phallisches Phantasma also usf. implizit stärker berücksichtig als Jung. Doch wird dieser diskutable Unterschied letztlich wiederum indifferent vor der Großen Metamorphose von Frau, gleich ob Urmutter oder Vater-Tochter, in Mann, die Gynäkodektomie, die Reik interpretatorisch zur Beseitigung der Dissidenzen allen Ernstes propagiert.
Die Perversion dieser Empfehlungen besteht darin, daß der Sphinx und Iokastens Selbstmord nicht genügt - Rank und Jung haben doch nicht vergessen, daß Ödipus in beiden Frauen - einmal durch Protoontologie, das andere Mal durch Protopsychoanalyse - bereits in sich gebrochene matriarchale Vorzeitrestitutionen bezwingt, unbeschadet der herben Dialektik dieses Doppeltriumphes? Nein, daß die Sphinx überhaupt noch etwas mit Frau zu tun hat, muß ganz und gar revidiert werden - wann wird in der Psychoanalyse auch Iokaste zum Mann? Die Sphinx jedenfalls ist nach Reik eine Variante des totemistischen Vaterersatzes und als solche umgekehrt eine Vater(Laios)Doublette. ". ..:die Sphinx, eine späte Fortentwicklung des göttlichen Totemtiers, steht dem jungen Ödipus gegenüber. Er tötet sie im Kampfe, und die Stadt fällt ihm als Preis zu. Glauben wir den in der Analyse der Entstehung des Totemismus gewonnenen Erkenntnissen, so müssen wir annehmen, daß die Sphinx letzten Endes eine Doublierung des Laios, des Vaters des jungen Helden sei, ihre Tötung wiederholt dementsprechend die Ermordung des Königs... Wir erkennen also in dieser Einkleidung eine Doublette jenes großen Geschehens, das den Kern der sozusagen menschlichen, allzumenschlichen Geschichte des Oedipus ausmacht: die Tötung des Vaters und die Besitzergreifung der Mutter." (Reik, S. 122/123)
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Jetzt sind die Männer wieder unter sich, und der Rest ist Harmonisierung. Warum aber diese Verdoppelung, versteht sich: Vater-Verdoppelung? Reik ist um eine Antwort nicht verlegen: "Hier, in der Ermordung des Laios, spielt sich gewissermaßen alles in Rahmen des Bürgerlichen, das der Zone eines allgemeinen Gesetzeskodex angehört, ab, in der Tötung der Sphinx aber, von der jene Tat nachträglich erst die stärkste unterirdische Resonanz empfängt, wird ersichtlich, daß die Tat des jungen Heilands Oedipus ein Verbrechen gegen die Gottheit war, da sie an ihr begangen wurde. ... Oedipus hat nicht nur seinen Vater erschlagen, sondern in ihm auch die höchste Autorität, den Gott selbst getroffen." (Reik, S. 124) Warum aber die Mensch-Tier-Kontamination in der Gestalt der Sphinx? Als eine "sehr späte Erinnerung an den primären Totemismus wird uns die Gestalt der Sphinx erscheinen, denn der Gott der grauen Vorzeit ist noch als Resterscheinung in dem Tierleib angedeutet, während der menschenähnliche Gott jüngerer Zeit sich in dem Gesichte der Sphinx widerspiegelt." (Reik, S. 104) Wie aber konnte es zu dem Rankschen und Jungschen Irrtum kommen? Rank wird exkulpiert und sein Platz in der Brüderschar bestätigt; er hat eben ein Früheres mit einem Späteren verwechselt. Aber Jung? "Nun ergibt sich die Möglichkeit, die Ranksche Deutung mit der unseren zu vereinbaren. Die eine ergänzt die andere, wir meinen nur, die Ranksche Hypothese gebe ein Bild einer späteren Gestaltung. Die Sphinx als Mutterdoublette hat sich verdeckend vor das ursprünglichere Bild des totemistischen Vaterersatzes geschoben wie die menschlich-bürgerliche Bildung des Oedipusmythus vor die heroisch-religiöse. Die Tötung der Sphinx ist ursprünglich der Mord am Totem, ebenso unzweifelhaft aber ist es, daß sie später zur Vergewaltigung der Mutter wurde, wie Rank es darstellt." (Reik, S. 127)
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Was heißt das wohl psychoanalytisch, die Sphinx sei eigentlich eine Vater/Laios-Doublette auf totemistischem Niveau? Unsere Verlegenheit ist groß. Gewiß, die Sphinx steht exklusiv unter phallischem Diktat, ihre Weiblichkeit fungiert als Usurpationsmittel und in diesem von uns selbst ausgeführten Sinne konzedieren wir Reik auch den "homosexuellen Einschlag": "sie ist Mann und Weib, weil beide als Sexualobjekt gewünscht werden;..."(Reik, S. 129) Reik jedoch setzt in seiner Interpretation - so verstehen wir ihn - das phallische Phantasma der Sphinx real, indem er sie zum Vater-Totem umstilisiert; beglaubigt und verstärkt damit ihren Wahn in seiner ganzen Tödlichkeit; richtet sie, tief ödipal identifiziert und ohne Einspruch, der sie vor Ödipus schützte, zum Opfer zu. - Und von den thebanischen Jünglingen und dem Superjüngling Ödipus her gesehen? Sicherlich, auch hier gilt wiederum das Homosexualitätsverdikt. Die Jünglinge suchen den Vater in der Mutter, wohlgemerkt aber den Vater in der Mutter, und bestätigen so das phallische Phantasma ihrer Mörderin. Aber nicht minder von hier aus zitiert die Reiksche Interpretation den Großen Ödipus mit seiner Vaterleichenpotenz - überflüssigerweise doppelt, und mehr noch: Reik beraubt die Sphinx auch ihrer Faszination und ihrer Nahrungsmittel, hungert sie aus. Was interessiert die Jünglinge denn noch an der Sphinx, wenn sie nur ein Mann ist oder sich nur wie ein Mann geriert? Die
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interpretatorische Realsetzung des phallischen Phantasmas der Sphinx depotenziert diese also auf ganzer Linie. Noch bevor Ödipus kommt, wäre sie vor Theben verhungert, hätte schleunigst weiterfliegen müssen.
Auch die hermeneutische Möglichkeit, die Begegnung Ödipus -Sphinx als Urszenenphantasie anzusehen, räumen wir Reik ein. "...; sie (sc. die Sphinx) wird getötet und geschlechtlich gebraucht, weil beide Aktionen in der sadistisch-masochistisch gefärbten infantilen Auffassung des Geschlechtsverkehrs beim Kinde ebenso zusammenfallen wie vielleicht in der frühesten Zeit der Differenzierung der Geschlechter in der Entwicklung der Organismen in Wirklichkeit." (Reik, S. 129) Das ist im Ansatz psychoanalytisch konsequent und verheißungsvoll und definiert einen eindeutigen Bezugspunkt: das Kind - übertragenerweise der Interpret - vor den vereinigten Eltern - hier dem mythischen Un-Paar Ödipus und die Sphinx. Doch abermals führt uns Reik auf einen Weg, den mitzugehen wir verweigern müssen. Am Ende steht die Opferung der Frau, der Mutter. Das mag dem Mythos gemäß trotz aller hermeneutischen Grobheit an dieser Stelle, die Sphinx betreffend, mehr nur als angehen; auch scheint uns Ödipus' (Urszenen)Sadismus in der Exposition der im Rätsel ausgelassenen Frage: wer sind die Exkremente, wie gehabt, wohl begründet. Doch nicht genug damit: Reik behauptet unter der Hand die Ubiquität dieser Urszenenversion und mehr noch - welch ein patriarchalischer Imperialismus! - diese Version, wahrlich nicht die einzige (unbeschadet der in der Tat ubiquitär als gewaltsam vorgestellten Urszene), habe vielleicht sogar ihr phylogenetisches Vorbild, und, wenn dem so wäre, so könnte die Opferung der Sphinx, die in der Reikschen Interpretation - zum wievielten Male? - reproduzierte, sich endlich "natürlich" nennen! Das ist hyperödipal, übel und ungeheuerlich. Nicht nur wird so die zum Bersten angespannte Dialektik dieser entscheidenden Szenerie mißachtet, diese selbst kann auch nicht mehr in ihrer Eigentümlichkeit voll wahrgenommen werden. Zum Beispiel ist von einem masochistischen Pendant auf der Seite der Sphinx im Mythos, wie wir ihn verstehen, streng genommen nicht die Rede. Selbst wenn sich die Sphinx nicht ganz verweigert haben sollte, mit Ödipus schlief, so wäre sie in Heiliger Hochzeit zum Himmel aufgefahren und abgestürzt. Manie und Masochismus sind zweierlei. Wird so nicht Iokaste dergestalt antizipiert, daß sie,
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auf ihre Vergewaltigung beschränkt, sich zu einer Sphinxdoublette verharmlost, wenn nicht diese Doublierung insgesamt sich im Bereich des Nicht-Genuinen, Rankschen und Jungschen, abspielt? Und auch das Rätsel, die negative Logospräsenz als Pornographie, scheint bei Reik verschwunden. Reik sistiert also die Dialektik der interpretierten Begegnung Ödipus -Sphinx, verwischt ihre spezifische Gestalt, nicht zuletzt dadurch, daß er Künftiges eilig in sie mit hineinzieht, reduziert Ödipus auf diese Gewalttat, die große, als bliebe die Geschichte in diesem Augenblick der Ewigkeit des Mittagsphallus stehen. Urszenenpathologie also, beglaubigt! Wäre es nicht schon längst um die Psychoanalyse geschehen, wenn diese Szene, ihr Emblem, wirklich ihre Wahrheit wäre? Oder ist sie ihr notwendiger Anpassungs- und Überlebenshort? Und immerhin: wenn die Sphinx eigentlich ein Mann ist, geraten die Frauen dann nicht - welche Schonung! - aus der Schußlinie? Aber seit wann darf man denn Männer ungeschoren und sogleich zweimal töten?
Metapsychologische Mimikry
Nun weiß man bei Reik recht bald, wo man dran ist; er sagt es ja in aller Offenheit, wie er es meint. Anders die Lage im Kontext der Metapsychologie expressis verbis, in der die Neigung grassiert - typisch für den Rationalitätsprogreß außerdem, deren eher "neurotische" Organisation -, all diese Dinge zu entbildlichen, emphatisch, mit einem eigentlich unpassenden Ausdruck genannt, Theorie daraus zu machen. Diese Neigung kulminiert in der theoretischen Festschreibung kontingenter entsinnlichter Szenen über ihre methodologische Empfehlung dazwischen hinaus zur anthropologischen Grundtatsache.
Wie gesagt, der Tummelplatz einer solchen intellektuellen Symptombildung ist in der Psychoanalyse die Metapsychologie, die, immer wieder als nutzlose Last empfunden, gleichwohl offensichtlich nicht einfach abgeworfen werden kann. Wir wollen hier nicht wiederholen, was alles schon an Argumenten gegen sie ohne tiefgreifende Modifikationseffekte vorgebracht worden ist, vielmehr nur auf einen charakteristischen Mangel dieser Argumente hinweisen, daß sie
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nämlich fast nie die Unangemessenheit der Metapsychologie zu ihrem Objekt (mitsamt den Gründen, diese Unangemessenheit eben nicht abzuschaffen) psychoanalytisch aufzuklären suchen. Dieser Freibrief, ein Teil des idealistischen Freibriefes der Psychoanalyse für Theorie überhaupt, nimmt umso mehr Wunder, als Freud selbst doch die Metapsychologie eine Hexe nannte, und das heißt doch, daß sie - das sagt ihr Autor! - in sich verderbte Rationalität, deren höhnisches Trugbild repräsentiere!
Nach diesen Rahmenüberlegungen wollen wir im besonderen auf die Suche nach der Reikschen Gynäkodektomie in den metapsychologischen Abstraktionen gehen. Wenn wir recht sehen, so sind Heinz Hartmanns Theoreme, die in der Konzeption der Ichautonomie gipfeln, die perfekteste Transformation des ödipalen Sphinxopfers und seiner Folgen. Kurz dazu des einzelnen (siehe R. Heinz, Heinz Hartmanns "Grundlagen der Psychoanalyse (1927). Eine wissenschaftslogische Fehlkonzeption, in: Psyche 6, 28. Jg., 1974, S. 477-493): der Inbegriff der Hartmannschen Theorie liegt in der Intellektualisierung des Unbewußten als eines Hinzugedachten (wohl zu unterscheiden vom Ichleistungscharakter unbewußter Bildungen), die sich später in der Ichautonomie in verdinglichter Gestalt peremptorisch zu etablieren sucht, beschlossen. Dieser intellektualistische Fehlbegriff des Unbewußten wird spätestens in der Tabuisierung der Wertgeltungen, die jegliche psychoanalytische Kritik verbieten, manifest dialektisch: schlägt in das Gegenteil seines Herrschaftsanspruchs in diesem scheinbar heterogenen Wertbereich um. Die quasi naive Vorbildung dessen, doch am anderen Ende umgekehrt, beinhaltet Freuds "Ontologisierung des Unbewußten" (das Unbewußte als Ding an sich, "Metapsychologie als Metaphysik" (Lorenzer)): Ichparalyse und Ichallmächtigkeit als identisch!
Man wird Freud zubilligen müssen, daß er episodisch ernsthaft (ohne seine Kantadaption recht zu übersehen) bis ironisch mit vollem Bewußtsein (sein eigentliches theoretisches opus als Hexenwerk!) die Verfallenheit der ödipalen Mannsratio behauptet und aufrecht erhält. Gewiß, diese prekäre Ontologisierung steht auf der Kippe zur Archetypenlehre Jungs, doch ohne jemals wirklich darin überzukippen. Diese aber als Abzweigung dieser psychoanalytischen Ontologie
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fetischisiert das Unbewußte zu einer Unmittelbarkeit, die von jeher ein Trugbild von Allmacht suggeriert, in deren Innerem die krudesten Formen von Usurpation um sich greifen: der Kniefall des Sohnes vor der phallischen Mutter geht lautlos über in die Substitution dieses Phallus durch den Sohn, der, selbst zum Fetisch geworden, die Mutter aufzuzehren beginnt. So jüngst im Faschismus geschehen, die Archetypenlehre ist unvermeidlich faschistoid.
Doch am anderen Ende bei Hartmann sind die Verhältnisse nicht anders. Umgekehrt tritt an die Stelle trügerischer Unterwerfung ein intellektualistisches Herrschaftsgebaren, das zum bloßen Aufsatz über dem, worüber es herrschen will, verkommt, in sein Sujet hinein nicht mehr greift. So wird das Unbewußte unberührt freigegeben und kommt - wie sollte es anders sein? - unbewältigt wieder hervor, konsequent jedoch maskiert als autonomes Wertreich (vs. Natur!), und das heißt, die höchste Epiphanie der Mutter wird in die des unberührbaren Übervaters verkehrt. Dem ersten fatalen Schritt der Hartmannschen Intellektualisierung des Unbewußten entspricht bei Reik die Umwandlung der Sphinx in ein Vatertotem, wenngleich die maternale Vorzeitherrschaft in der Sphinxtochter doch schon rhetorisch/poetisch/musikalisch/dialektisch gebrochen ist, und etabliert die Banausie der Psychoanalyse. Der nächste Schritt, die Tabuisierung der Wertgeltungen, findet in Reiks Interpretation keine Korrespondenz. So weit treibt er es noch nicht, daß selbst Iokaste (und die Serie der Vorzeit-Mütter hinter ihr) sich in Götterväter verwandeln müssen und also die Männer jetzt endlich vollends unter sich sein können. Welche Freude! Aus dem Unbewußten als dem Hinzugedachten resultiert das tabuisierte Über-Ich: hier biegen sich die extremen Enden Jung und Hartmann als identisch zusammen, und es kann auch nicht mehr überraschen, daß sich die neukantianische Metapsychologieversion in Deutschland als faschismusanfällig herausstellte (siehe R. Heinz, Psychoanalyse und Kantianismus, Anmerkung 1, S. 65). Zum Abschluß ein Beleg der Identität von archetypischer Ontologieattitude und psychoanalytischem Neukantianismus, der in David Rapaport seinen neopositivistischen Vollstrecker fand, der, ohne es zu bemerken, die Ichautonomie in Symptomnähe rückt und daraus die Tugend höherer empiristischer Operationalisierbarkeit macht. "Die psychoanalytische Konzeption
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der Autonomie schränkt den Charakter der Grundtriebe als hervorragende unabhängige Variablen weiterhin ein, indem sie auf weitere, gleichermaßen hervorragende Variablen hindeutet. Der Begriff der Autonomie setzt voraus, daß Strukturen primärer (und sekundärer) Autonomie eine relative Unabhängigkeit von Trieben beibehalten (oder erwerben) können. Die Funktion autonomer Strukturen kann, selbst wenn sie von Trieben ausgelöst wird, doch unabhängig von letzteren bleiben. Auch abgeleitete Motivationen (die im allgemeinen Beziehungen zu Strukturen haben) können eine derartige Unabhängigkeit erlangen. Die Folgerungen aus diesem Autonomiebegriff für die Wahl unabhängiger Variablen stehen im Gegensatz zu den Folgerungen aus dem Begriff der Überdetermination: da die Autonomie mit dem Abstand von den Grundtrieben zunimmt, erscheinen Variablen (Strukturen oder Motivationen), die hoch in der Hierarchie rangieren, als systematisch hervorragende unabhängige Variablen. Als unabhängige Variablen eines Experiments haben sie den Vorteil, daß die unabhängige Variable nicht eine implizite Funktion der näher an der Basis der Hierarchie liegenden Variablen sein muß, und daß (im Idealfall) keine vermittelnden Variablen zwischen letzteren und der abhängigen Variable eingeschaltet sind." (D. Rapaport, Die Struktur der psychoanalytischen Theorie. Versuch einer Systematik, Stuttgart 1961, S. 73) - "In den Gestalten von Anima und Animus drückt sich die Autonomie des kollektiven Unbewußten aus. Sie personifiziert dessen Inhalte, welche, aus der Projektion zurückgeholt, dem Bewußtsein integriert werden können. Insofern stellen die beiden Gestalten Funktionen, welche Inhalte des kollektiven Unbewußten an das Bewußtsein übermitteln, dar. Sie erscheinen oder verhalten sich aber nur so lange als solche, als die Tendenzen von Bewußtsein und Unbewußtem nicht allzu sehr divergieren. Entsteht aber eine Spannung, so tritt die bis dahin harmlose Funktion personifiziert dem Bewußtsein gegenüber und verhält sich annähernd wie eine systematische Persönlichkeitsabspaltung resp. eine Fragmentseele. Dieser Vergleich hinkt allerdings beträchtlich, als von der Ichpersönlichkeit nichts, das ihr zugehört hätte, abgetrennt ist; die beiden Gestalten bilden vielmehr einen störenden Zuwachs. Der Grund und die Möglichkeit solchen Verhaltens bestehen darin, daß zwar wohl die Inhalte von Animus und Anima integriert werden können, nicht aber sie selber, denn sie sind Archetypen und somit die Grundsteine
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der psychischen Ganzheit, welche die Grenzen des Bewußtseins überschreitet und daher nie Gegenstand unmittelbarer Bewußtheit sein kann. Die Wirkungen von Animus und Anima können zwar bewußt gemacht werden; sie selber aber bilden bewußtseinstranszendente Faktoren, die der Anschauung und der Willkür entzogen sind. Sie bleiben daher autonom, trotz der Integration ihrer Inhalte, und müssen deshalb stets im Auge behalten werden." (C.G. Jung, Beiträge zur Symbolik des Selbst, in: Welt der Psyche, Kindler Taschenbücher 2010, München 1965, S. 86f)
Gehen wir weiter auf die Suche! Allem Anschein nach bringt Heinz Kohut in seiner Narzißmustheorie (H. Kohut, Narzißmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen, Frankfurt/M. 1973, Literatur der Psychoanalyse) eine subtile gynäkodektomische Verschärfung zustande. Psychogenetisch in früheren Zeiten als Hartmann beheimatet, macht die Autonomie des Selbst die Selbstkonstitution eigentümlich mutterlos: Iokaste, abermals und noch früher, totaler ein Mann? "Ohne der fälligen klinischen Auseinandersetzung mit der Narzißmustheorie vorgreifen zu wollen, sei noch die folgende Bemerkung erlaubt, deren Inhalt der Leitfaden weiterer Recherchen sein könnte. Wahrscheinlich ist die Einschätzung des Stellenwerts der narzißtischen Übertragungsformen - und diese sind ja der Inbegriff der Narzißmustheorie Kohuts - falsch. Ihre Fehleinschätzung anzumerken bedeutet selbstverständlich nicht die Leugnung der möglichen Existenz ihres Gehalts, ebensowenig die Banalisierung von Kohuts Monitum, ihren spezifischen Charakter nicht durch einfache 'objektlibidinöse' Verkürzungen zu verkennen. Was aber ist an ihrer Einschätzung falsch? Wahrscheinlich schon der Umstand, daß sie überhaupt als Übertragungsformen sui generis geltend gemacht werden. Denn wahrscheinlich sind sie nichts anderes als spezifische Widerstandsformen, die selbstverständlich in der Übertragung ihre uneingeschränkte Explikation finden sollen, die aber keineswegs in der von Kohut propagierten Weise - fernab nämlich von ihrer Widerstandsvalenz - aufgelöst werden dürften. Stark verkürzt formuliert, stellen diese angeblichen Übertragungsformen alle den Versuch dar, den 'Muttermord' durch 'Einswerden mit dem Vater' zu verhindern, die totalisierte homosexuelle Symbiose. Davon, vom verhinderten Muttermord,
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ist nun bei Kohut überhaupt nicht die Rede, umgekehrt vielmehr macht er aus dieser Not die Tugend der Autonomie des Narzißmus, und entsprechend ist auch an tragfähigen ätiologischen Aussagen seine Theorie auffällig arm. Damit reduziert sich die Bedeutung der Narzißmustheorie darauf, eine differenzierte Typologie homosexueller Ausweichversuche entworfen zu haben, die als - oft episodisch wahnnahe - Widerstandsformen in der Übertragung bearbeitet werden können und bearbeitet werden müssen. Vieles an Erfahrung spricht dafür, daß sich diese vermeintlichen Übertragungsformen als Widerstände aufzulösen beginnen, wenn - aus der Dynamik dieser Verhältnisse selbst, übertragungsgemäß - der 'Muttermord' artikuliert werden kann, und es wäre eine fatale Blockierung dieser Dynamik, den Zustand des Widerstands dagegen narzißmustheoretisch festzuschreiben: das hieße doch, den narzißtisch gestörten Analysanden auf eine sublimierte Homosexualität festlegen, die Basis seines Konflikts unberührt lassen. Ließe es sich als zutreffend erweisen, daß die spezifisch narzißtischen Übertragungsformen nichts als spezifische und umfassende Widerstandsformen sind, die freilich besonders geklärt und namhaft gemacht werden müssen, so wäre Kohuts Narzißmustheorie nichts als eine einzige Rationalisierung dieses Widerstands, die insbesondere in der Autonomie des Selbst metapsychologisch auf Dauer gestellt erscheint. Das mimetische Moment dieser Theorie, ihre 'Mutterlosigkeit', wäre dann so ausgeprägt, daß es ihren Theoriecharakter (mitsamt ihrem therapeutischen Wert) durch Distanzlosigkeit an der klinisch entscheidenden Stelle zerstört." (R. Heinz, Jean Paul Sartres existentielle Psychoanalyse. Korrektur der Metapsychologie und narzißmustheoretische Antizipationen, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Bd. LXII/1 (1976) , S. 82f)
Ein desolater Zustand also, in dem sich die psychoanalytische Metapsychologie befindet? Gewiß, sie erwies sich als bevorzugtes Projektionsobjekt wiederum psychoanalytisch verstehbarer Willkür und dies in einem Ausmaß, das klinisch extrapoliert verheerend wäre. Vielleicht sind die Anforderungen an die narzißtische Askese in der Praxis so hoch, daß die Metapsychologie als Tummelplatz ungeschlachter Subjektivität herhalten muß? Doch so verdirbt die psychoanalytische Theorie, ja die Psychoanalyse ist bisher theorielos und intellektualitätsfeindlich geblieben. Ein erster Schritt aber,
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diesen Mangel anzugehen, wäre, die Metapsychologie respektlos wiederum psychoanalytisch zu lesen.
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