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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Der fremde Gott der reinen Liebe. Einige neustzeitliche Abwegigkeiten zur Gnosis Marcions (Retro III (1995-2005), 2006, Essen, Die Blaue Eule, 62-71)
(aus: Ich und der Andere. Aspekte menschlicher Beziehungen, herausgegeben von R. Marx, G. Stebner, Röhrig, St. Ingbert 1996)
Vorbemerkung: - Was ich vorhabe? In die Vollen zu gehen und dem Ich den ganz-Anderen/das ganz-Andere zu konnotieren, um Chancen zu erkunden, das Opfer-/Schuld-/Gewaltverhältnis zwischen beiden quittieren zu können. Die Antipsychiatrie ist ein moderner Ableger dieses gnostischen, an der historischen Gnosis abnehmbaren Unterfangens, an der ich allerdings dessen Undurchführbarkeit zu demonstrieren nicht umhinkomme. Also kehre ich zur konservativen Progressionsansicht der Neuzeit als der „zweiten Überwindung der Gnosis" wider das „gnostische Rezidiv als Gegenneuzeit" - zum Beispiel als Antipsychiatrie - zurück? Nein, gewiß nicht. Denn die Antipsychiatrie und deren Sanktionskriterium, das „gnostische Rezidiv der Gegenneuzeit" und die „Neuzeit" als „zweite Überwindung der Gnosis", sind eines phantasmatischen gnostischen Wesens; fallen, wie Krankheit und Normalität immer, letztlich zusammen. Soviel wird man neustzeitlich behaupten dürfen. Ob mehr wohl, darüber hinaus, auf eine Alternative zu dieser Scheinalternative hin auch noch?
Wahrscheinlich reicht unser aller Bildung noch so weit, daß ich nicht genötigt bin, über die gnostischen Lehren, zumal die des Marcion, vorab hier referieren zu müssen. Deshalb nur so viel zum Wesen der Gnosis:
Charakteristisch für die Gnosis ist die Aufteilung der beiden göttlichen Grundeigenschaften, der Gerechtigkeit und der Güte, auf zwei sich an diesen entsprechend hierarchisierenden Gotte. Nur der letztere, der höchste Gott der reinen Liebe, den der niedere Gott der bloßen Gerechtigkeit, der Weltschöpfer, nicht kennt, erlöst in einem acte gratuit die Menschheit durch seine Selbstoffenbarung im - folgerichtig doketisch aufgefaßten - Christus. Der menschliche Vollzug der erlösenden Offenbarung Gottes durch Christus besteht in Askese. Diese allgemeinen Charaktere treffen alle auch für die marcionitische Gnosis zu.
Die Aufkündigung des Opferverhältnisses, das ist das Hauptmerkmal der Gnosis. Diese Aufkündigung aber kommt nicht umhin, sich in den Widerspruch des Opfers des Opferverhältnisses selbst hineinzubegeben. Die
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Aufkündigung des Opferverhältnisses als die Bestätigung desselben, auf sich selbst bezogen, ist unabweislich methodisch, bedarf dieses in sich widersprüchlichen tätigen Selbstbezugs. Es ist die Methode des anderen Gotts der Liebe im Gegensatz zum bloß gerechten Gott der Welt. Der Vorentwurf, auf den sich diese Methode bezieht, ist dieser fremde entzogene Gott. Die Vermittlung dieses Vorentwurfs für den Menschen der Christus/Erlöser. Der Vollzug derselben aufgrund dieser Voraussetzung und Vermittlung Askese, totale Askese eben als der Widerspruch der Opferung des Opferverhältnisses als solchen. Auffällig insbesondere noch die durch den besagten Widerspruch hervorgebrachte Dialektik dieser Methode der Askese: Unmäßig pflegt sie zwischen letzter Körperverwerfung und süchtiger Körperletztrechtfertigung zu schwanken. Mehr wohl schon abgeleitete Schwankungen sind die zwischen Erzählungskargheit bis -feindlichkeit und Erzählungswucherungen, auch zwischen Heiliger-Schriftbereinigung und zutätlicher apokrypher -„verunreinigung". Als Grundfrage drängt sich die Auflösbarkeit des Widerspruchs, im Opfer des Opferverhältnisses das Opfer voraussetzen und bestätigen zu müssen, auf. Man mag sogleich den Eindruck haben, daß die Auflösung dieses Widerspruchs ins Nichts führt? Die Frage ist aber dann die, ob es so etwas geben könne wie ein existentes Nichts, das diesen anderen Gott in strengster Absetzung vom üblichen Gott vor-zustellen vermöchte. Die differentia specifica der Gnosis Marcions besteht in mythologischer und auch ritueller „Askese".1
Es kann nun nicht meine Sache sein - weder bin ich Philologe noch Historiker -, das historische Wissen über die Gnosis zu mehren. Auch darf ich mich fürs erste noch der Stellungnahmen zur jüngeren geschichtsphilosophischen Debatte um die Gnosis enthalten. Stattdessen werde ich den Versuch unternehmen, die einschlägigen Mythologeme, wie in aller Kürze eben zusammengefaßt, als besondere Aufschlußmittel bestimmter allverbreiteter gegenwärtiger Dissidenzphänomene nutzbar zu machen. Es geht also um spezifische Aktualisierungschancen der Gnosis in Hinsicht der Herstellung besonderer Erkenntniszugänge. Auf der Suche nun nach möglichen intellektuellen Zusammenfällen von solchen Tatsächlichkeiten und gnostischen Theorien kommt mir, wie ich meine, meine Zwischenpositionierung zwischen Philosophie und Psychiatrie besonders zugute. Um
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1 A. v. Harnack: Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie der Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche. Im Anhang: Neue Studien zu Marcion. 2. verb. und verm. Aufl. 1924. Nachdruck: Darmstadt 1985, insbesondere S. 64 f, S. 89-92, S. 196f.
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es sogleich voranzukündigen: Meine, Ausführungen werden darauf hinauslaufen, die Gnosis als Krankheitstheorie und vielleicht auch -therapeutik lesbar zu machen.
Am besten teile ich Ihnen sogleich meine - im folgenden ausgeführte, belegte, begründete - Intuition des gesuchten Rendezvous' zwischen Krankheit und Gnosis mit: Beispielhaft ist es die Anorexie.
Die Anorexia nervosa besteht in der lebensgefährlichen Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Unschwer zu ersehen, daß die Nahrungsaufnahme das Opferverhältnis, zusammengezogen auf das Opfermahl (die konsumatorische Bestätigung der Zuträglichkeit des Opfers), ausmacht. In der Nahrungsaufnahme wirkt demnach, so umfassend wie es die dadurch gesicherte Subsistenz ist, der gerechte Gott, der insbesondere in diesem elementaren Bereich zugleich wie der blanke Hohn auf die Tugend der Gerechtigkeit anmuten muß. Die Aufkündigung aber des also elementarisierten und auf das Opfermahl verdichteten Opferverhältnisses kann nur geschehen wiederum in der Art des Opfers dieses Opferverhältnisses, kurzum in der Art der Verweigerung der Nahrungsaufnahme, die letztlich zum Hungertod führt. Daß innerhalb dieser Krankheit die Askesephasen oftmals durch solche eines nachgerade süchtigen Fressens unterbrochen werden, dieser Widerspruch läßt sich sogleich durch die angeführte Dialektik des Opferwiderspruchs erklären: Körperverwerfung und Körperrechtfertigung, die im Extrem zusammenfallen. Nicht zu vergessen schließlich, daß das asketische Wesen der Anorexie auf die Generationssexualität übergreift.
Also wird man behaupten dürfen, daß die Anorexie das leibhaftige Modell der Gnosis als Erlösung sei? Es hat den Anschein, gewiß; dagegen aber scheinen schwerwiegende Gründe zu sprechen.
1. Ist es nicht so, daß die Anorexie, wie schon angedeutet, nur einen Teil des gesamten Opfervorgangs aufkündigt, nämlich das Opfermahl, die Konsumtion? Das trifft zu. Doch, für Krankheit charakteristisch, stellt diese bloße Teil-haftigkeit ein pars pro toto dar. Wovon man sich leicht überzeugen kann. Denn: Fällt die Konsumtion aus (Gebrauchsstreik), dann werden die vorhergehenden Teile des Opfervorgangs - Produktion, Zirkulation - sinnlos (Überproduktion, Deflation). Zudem erweist sich die Konsumtion, sozusagen von innen betrachtet, als der heikelste Bereich im Ablauf solcher Opferzyklen: Der Konsumtion kommt die besondere Aufgabe der Opferbeglaubigung, genauer noch: der Entschuldung der Opferprodukte zu; Entschuldung in aller Spürbarkeit zumal durch den Lusteinschuß als
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Bestätigungsgipfel. Wird so der Teil a fortiori zum Ganzen, so schlägt das erste Argument gegen das Gnosis-Modell Anorexie in ein Argument dafür um. Freilich will sogleich hier schon sich der Zweifel nicht beruhigen - und solche Zweifel scheinen das Scheitern dieses gnostischen Vorhabens im Ganzen voranzukündigen -, ob nicht diese Auswahl eines Teils, der zugegebenermaßen auszeichenbaren Konsumtion, in der Anmutung eines Auflaufenlassens, einer rächenden Beschämung von Produktion und Zirkulation, den mißglückenden Versuch des Ausgleichs einer unabdingbaren anfänglichen Schwäche ausmacht: der Schwäche nämlich kurzum, daß die Nahrungsmittel dem hungernden Körper je schon vorausgegangen sind, daß Produktion und Zirkulation konsumatorisch nicht eingeholt werden können. Konsumtion als pars pro toto bleibt, aller Auszeichnungen unbeschadet, Krisis-pars, und entsprechend scheint Krankheit auch Krankheit zu bleiben?
Ein weiteres, wohl der gleichen Dialektik anheimfallendes pars pro toto sei noch erwähnt: der Teil der Nahrungsmittel für das Ganze aller Dinge. Man muß es gnostisch eben eilig haben - ist doch die ansonsten bei den Gebrauchsdingen gewährleistete Auflängung des Gebrauchsverschleißes in den Lebensmitteln auf der Stelle, zusammengezogen, da. Nicht unerheblich würde in diesem Zusammenhang die Frage an die historische Gnosis nach der Reichweite der Askese: Umfaßt diese auch Gebrauchsgegenstände, Nicht-Lebensmittel, mit? - Nicht minder dringlich bedarf es auch der weiteren umfassendsten pars pro toto-Erwähnung: daß die sogenannte psychosomatische (Nicht)Krankheit Anorexie - Beispiel des Beispiels - für alle (Nicht)Krankheiten als Modell gnostischer Erlösung steht. Umfassendst, insofern sie für die dann auf alles ausgebreitete Vermittlung, Psycho-somatik, steht. Man wird aber befürchten müssen, daß sich in dieser Besetzung der allesbesetzenden Vermittlung dieselbe Dialektik steigert. Stellt sich in solcher gnostischen Positivierung von Krankheit nicht die ganze Überwertigkeit von Krankheit mehrfach selbst dar?
Ein weiteres Argument gegen das gnostische Erlösungsmodell Anorexie:
2. In der Anorexie - und das ist nicht zuletzt ein Maßstab für Krankheit - wird die Anorektikerin von der Methode Askese überfallen; die Erlösung, so es eine solche wäre, widerfährt ihr bloß, kommt nicht durch die selbsttätige Ausführung eines erkenntnisgeleiteten Entschlusses zustande. Also ist die fragliche Modellhaftigkeit widerlegt? Nein, dieser Widerlegungsgrund
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verfängt nicht - jedenfalls fürs erste nicht. Der Wunschvorgang der Erlösung ginge nämlich dergestalt vonstatten, daß die Einsicht (etwa im Sinne eines ethischen Intellektualismus) nicht etwa zur Entscheidung und zur folgenden Tat kontinuierlich nötigt, daß diese Nötigung vielmehr nicht zuletzt in der Art der Bewußtlosigkeit vonstatten geht. „Unbewußt -, höchste Lust!" - kaum zu übersehen, daß diese Idealität die Männerphantasie des weiblichen Begehrens darstellt. Im Inneren der Gnosis kommt man demnach der Positivierung des Krankheitsmaßstabs der Unabsichtlichkeit schwerlich bei. Vielleicht aber im ganzen von außen, und zwar auf der angedeuteten Spur der Männerphantasie? Aber selbst wenn es weibliches Begehren außerhalb dieser Phantasie gäbe, so quittierte es keineswegs damit schon den Opferzusammenhang, den es zu quittieren meinen muß.
Ein jetzt besonders naheliegendes weiteres Argument gegen das gnostische Erlösungsmodell Anorexie:
3. Selbst im gnostischen Christentum geht die Erlösung nicht über Frau vonstatten; sie bleibt, jedenfalls bei Marcion, männlich bestimmt: Der Vater-Gott der Liebe offenbart sich in seinem Erlöser-Sohn, dem Christus. Die der Erlösung besonders bedürftige Frau wird miterlöst. Wie also soll ausgerechnet die Anorektikerin Modell der gnostischen Erlösung sein?
Gewiß; die männliche Ausschließlichkeit im Erlösungswerk bedarf jedoch einer weiteren Ableitung, an der die Gnosis bis zum anstößigen Punkt der Umbesetzung von Vater und Sohn durch Mutter und Tochter mit allem Nachdruck laborieren dürfte. Der Rechtsgrund dieser ketzerischen Ersetzung besteht darin, daß Weiblichkeit - scheinbar im Widerspruch dazu, daß sie der Erlösung besonders bedürftig sei - die Aufkündigung des skandalösen Opferverhältnisses von sich her vorgibt, daß sie den Anschein erwecken muß, sie sei auf die fragliche Opfernötigung hin nur in einer unerheblichen, wenn nicht gar überhaupt nichtigen Notlage. Weshalb? Weil dem Geschlecht nach Mutter und Tochter eben gleich sind. Und diese wie naturwüchsige Gunst der Gleichheit steigert sich in der Anorexie zum schieren Zusammenfall des Restunterschieds im Verwandtschaftsverhältnis von Mutter und Tochter in dieser Gleichheit. Also bliebe die Anorexie umso ausgewiesener gnostisches Erlösungsmodell? Buchstäblich umso ausgewiesener, als die männliche Abdeckung von beispielhafter Weiblichkeit wenigstens nicht mehr zur Ruhe kommt, wenn sie nicht - gnostisch eben - durchsichtig wird und sich in dieser Durchsichtigkeit auflöst? Das
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hieße aber, daß die himmlischen Geschäfte zwischen Vater und Sohn die bloße Enteignungskopie derjenigen der Vor-geblichkeit von Mutter und Tochter wären, hauptsächlich dadurch veranlaßt, daß Mütter - das ist der Hauptskandal - Söhne gebären. Witz der ausgleichenden Gerechtigkeit demnach: Frauen in Fortsetzungsserie dienen dann nur noch als Gefäße der Auffüllung durch Vätersöhne; und die ausgleichende Gerechtigkeit würde dann erst vollkommen, wenn diese schon ermäßigte Form weiblicher Unterwerfung der Unmäßigkeit einer vermittlungslosen Geburt des Sohnes aus dem Vater wiche; wie ja im Christentum behauptet.
Kommt man auch diesmal, in diesem zentralen Bereich des Geschlechts, der nahezu feministisch anmutenden gnostischen Folgerichtigkeit nicht so einfach bei? Der Fehler im Ganzen besteht einzig darin, daß sich auch von der weiblichen Gegenseite, dieser ihrer gnostischen Offenlegung her, die nämliche Ausschließlichkeit ausbreitet: Es ist die Tochter, die schließlich als die andere Erlöserin alle Geschlechtsposten besetzt; so als sagte sie: Ich und die Mutter sind eins', und in dieser Einheit gehen Vater und Sohn dann unter. Das kann sogleich nicht gutgehen; denn der ausnehmende weibliche Protest der Anorexie, pointiert: das Ansinnen der Befreiung der Mutter, kann im Zusammenzug allen Geschlechts in der Erlöser-Tochter nicht nicht wiederum deren Todesweihe, deren Opfer sein. Es ist nicht zu sehen, daß die Unterstellung umgekehrt weiblicher Unbedingtheit nicht ebenso tödlich ist, tödlich un-umwegsam sogleich. Es führte hier nun zu weit, diese Tödlichkeit an Hypothesen der Verursachung der Anorexie im einzelnen belegbar zu machen. Auch bedürfte es des Nachtrags, wie in der Gnosis über Marcion hinaus sich dieser Feminismus` mythologisch niederschlägt - es ist nicht unwahrscheinlich, daß die wuchernden gnostischen Mythologerne durchaus in der Art der Fortführung antiker mythologischer Bestände auf hellenistische Weise die offiziell christliche männliche Monosexualität andauernd problematisieren.
Muß man nicht in diesem erneuten pars pro toto des Geschlechts - die Tochter als alle Geschlechter - das Deckbild von Krankheit, in der ja der Teil wider das Ganze aufsteht, argwöhnen? Krankheit wird man kaum mehr los, Krankheit sogar zum Tode, so daß die Gegenargumente gegen das gnostische Erlösungsmodell Anorexie immer zwingender werden dürften. Hier das weitere fortgeschrittene Gegenargument:
4. Die Anorexie als gnostisches Erlösungsmodell - in dieser Behauptung bezeugt sich eine verzweifelte Todes(trieb)-versessene Antipsychiatrie, die Krankheit und Tod über alles Leiden hinweg als Erlösungsmethode und
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-ziel zu positivieren sucht. In der Tat, so muß es scheinen. Umsonst ist der Tod, der aber kostet das Leben: so viel, nein, so wenig zum acte gratuit.
Dagegen aber kann eine andere säkularisierte` Lesart geltend gemacht werden, die das ewige Leben der Erlösung, diesen Tod bei lebendigem Leibe/dieses Leben der Leiche hiesig/irdisch angemessen übersetzt. Die Erwägung drängt sich auf, ob nicht die menschlichen Körperdoppel, die Dinge/alles Dingliche, Erlösungsrepräsentationen des Todes seien: die toten Dinge als das, was wir um des Körpers willen äußerlich selbst zu sein nicht umhinkommen. Wenn sich diese Übersetzung halten ließe, so wäre die Gnosis mitnichten ein beispielhaftes Zeugnis zweifelhafter Todesleidenschaft, vielmehr eine extreme Theorie der Dingerzeugung, um nicht sogleich zu sagen der „Entfesselung der Produktivkräfte"; eine Vorwegnahme, so möchte man meinen, des Kommunismus (und gewiß nicht nur des Kommunismus) mit seiner Arbeits-/Produktionsutopie. Der Mangel in solcher Vorwegnahme aber - daß die technische Realisierung dieses Erlösungsbegriffs längst noch nicht hat spruchreif sein können - scheint in der Gnosis durch eine Überbetonung der Erkenntnis, eben Gnosis, ausgeglichen zu sein; angespannteste Erkenntnis, einschließlich deren Aufzeichnung, die als vorwegnehmender Ersatz der entsprechenden späteren Industrie eingesetzt ist, wie wenn es möglich wäre, den Todesübergang in unendlichem Aufschub derart auf Dauer zu stellen, daß sich als vorläufige Opferausfällung der Querstand der restlosen Selbstansicht dieser Verhältnisse insgesamt ergäbe. Was will man noch mehr?
Allein, nichts in dieser Gnosis, auch nicht in deren Antipsychiatriefassung, ist haltbar. Der Produktionsersatz Erkenntnis hat auf Aufzeichnung/Schrift hin dieselbe Entropie wie die Produktion selbst, die, je mehr sie fortschreitet, umso widergnostischer auch die Erkenntnis in sich einzieht und wie verschwinden macht. Wo zudem ist die entscheidende Aufkündigung des Opferverhältnisses als Opfer desselben geblieben? Es ist die Ersetzung der Produktion durch Erkenntnis, die den Schein der Opferlosigkeit aufdrängt und abdeckt, so daß eine fast schon bürgerlich zu nennende extreme Opfernötigung vorausgesetzt bleibt. Kurzum: Es bleibt der reinste, wenngleich wirksamste Schein, daß es vergönnt wäre, den Tod tatsächlich zu repräsentieren. Womit das garnicht erfreuliche Schicksal von Weiblichkeit innerhalb dieser Repräsentationsunterstellung besiegelt ist. Zugespitzt: die Anorektikerin als die Offenbarkeit dieses Scheiterns letzten Endes, rein nur an sich und für uns sogar.
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Letztes Argument gegen die Anorexie als gnostisches Erlösungsmodell, in dem sich alle bisherigen Gegenargumente versammeln:
5. Fazit dieser überzogenen Lehre: Der andere Gott der Liebe ist bloß ein Binnenteil des Weltgotts. Oder auch umgekehrt; was noch schlimmer wäre. Die Gegenführung des anderen Gottes verschuldet sich einer Isolierung - der Isolierung der Opferausfällung der Dinge und ihres lustbestätigten Gebrauchs, in der Gnosis wie noch dinglos übersteigert zur Erkenntnisekstase. Der Schein einer uneinholbaren Andersartigkeit ist nichts anderes als diese Isolierungswirkung. Man täte gut daran, in der Anorexie das Suchtmoment (Pubertätsmagersucht) zu betonen: die Drogierung (Toxikomanie), die den Wahrnehmungs- und Bewegungskörper in die Immaterialität des Klangs als reine Energiespürung (wie Elektrizität) im Sinne einer umgekehrten Weltschöpfung auflöst.
Die Ehrenrettung dieses erneuten allgemeinsten pars pro toto kann nicht mehr gelingen. Man muß dieses schreckliche Ende der Gnosis einräumen. Die Unverdrossenheit, immer weiter anzunehmen, solche Krankheit zeige den Aufbruch ganz anderswohin an, verfängt schwerlich mehr. Also bliebe nichts anderes übrig, als reuig ins Vaterhaus der Neuzeit als der „zweiten Überwindung der Gnosis" heimzukehren und ebendort dafür Sorge zu tragen, daß die Drohung des „gnostischen Rezidivs als Gegenneuzeit" schon im Keime erstickt werde? Ja, mehr noch, die Miterfassung der Krankheit in diesem Zusammenhang hätte diese antignostische Position noch bestärkt? Nein, nicht um des Himmels, sondern um der Erde willen, nochmals nein. Unsereiner kommt nicht eben zu seinem Vorteil nicht umhin, diese ehrenwerte Gesellschaft einschließlich ihrer teilweise offenen McCarthyanischen Unverschämtheiten zu fliehen.2 Um es kurz zu machen:
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2 Siehe u. a.: O. Marquard: „Das gnostische Rezidiv als Gegenneuzeit. Ultrakurztheorem in lockerem Anschluß an Blumenberg", in: J. Taubes (Hrsg.): Religionstheorie und Politische Theologie, Bd. II: Gnosis und Politik, München/Paderborn/Wien/Zürich 1984, S. 31-36. - Immerhin gerät man so, bloß metaphorisch freilich, nicht nur in die Psychiatrie, vielmehr in die Onkologie und Pathologie. Selbstverständlich aber bedarf es der genauen Unterscheidung der an dieser Gnosis-Diskussion beteiligten konservativen Autoren. Wenigstens bei Blumenberg darf man wohl einige (bis zu seiner Arbeit über die Matthäus-Passion sich erstreckenden) Sympathien mit der Gnosis (Marcions) unterstellen; wenngleich seine Art von - sei es auch noch so vornehmem - Historismus von der Torheit der skizzierten Verwechslung lebt. (Man möge es in diesen Angelegenheiten besser mit Richard Faber, ebd., halten.) - Die neuere Gnosis-Befassung - P. Sloterdijk / Th. H. Macho (Hrsg.): Weltrevolution der Seele. Ein Lese- und Arbeitsbuch der Gnosis von der Spätantike bis zur Gegenwart, 2 Bde., München 1991 - habe ich nicht mitberücksichtigt; sie hat die „Pathognostik" auch nicht mitaufgenommen.
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Hellenistische Gnosis und die Neuzeit sind dieselben. In ihrer Selbigkeit aber schließen sie sich de facto wechselseitig in einem aus, und zwar durch den unterscheidenden Umstand, daß die hellenistische Gnosis Aufklärung mit verworfener industrieller Realisierung und dieselbe neuzeitliche Gnosis industrielle Realisierung mit verworfener Aufklärung ist. Was immerhin eine Gegenthese wäre, die die aberwitzigen Verkennungen in der angesprochenen jüngeren Gnosis-Diskussion - die Verwechslung des gnostischen Geheimnisverrats der Neuzeit mit der „Gegenneuzeit als gnostischem Rezidiv" - aufheben könnte. Um zum zutreffend scheiternden gnostischen Erlösungsmodell Anorexie, zu Krankheit, zurückzukommen: Entsprechend ist Krankheit, verteilt auf Spätantike und Neuzeit, beide Male, wie schwankend auch immer, auf der Aufklärungsseite (mit Kriminalität und Intellektualität zusammen) angesiedelt, einmal (vergeblich) nichts als gerechtfertigt und das andere Mal (ebenso vergeblich) nichts als verdammt. Beides geht nicht an. Um wenigstens noch deren neuzeitliche, angeblich antignostische Verurteilung ad absurdum zu führen: Wenn schon, so müßte die objektiv-industrielle Allgegenwart der Anorexie (und aller Krankheiten) mitverurteilt werden. Verurteilt wird der fast schon wie endzeitlich anmutende Stand der Dinge, daß wir, beispielsweise, auf dem besten Wege dahin sind, nur noch die Reklamebilder von Waren als diese selbst aufzufressen, und dies mit der unaufhaltsamen Folge, daß sich der Körper dann selbstkannibalistisch nur noch auf sich selbst kurzschlüssig rückzubeziehen gezwungen ist. Angesichts dieser Wirklichkeiten muß die Anorexie siebengescheit anmuten. Und deren (und aller Krankheit) Therapie widersinnig.3
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3 Auch dieser Vortrag steht im Zusammenhang der Entwicklung der Pathognostik, die eben diese widersinnige Situation deutlich zu machen (wenigstens deutlich zu machen) beabsichtigt. - Als überraschende Anorexie-Mythe im mythologischen Demeter-Zusammenhang stellt sich außerdem die Geschichte des Erysichthon heraus.
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Dimensionparsprototo
OpferausfällungNahrungsmittelDinge (Nahrungsmittel)
OpferzielDingKörper (Ding)
OpferphaseKonsumtionProduktion/Zirkulation/
(Konsumtion)
Opfermodusubwbw/vbw/(ubw)
Opferinbegriffpsycho-somatische
Krankheit
Krankheiten (psycho-somatische
Krankheiten)
OpferagenturTochterMutter//Vater/Sohn/(Tochter)
OpferwertLiebeGerechtigkeit (Liebe)
systematisch überlastete
(Stell)vertretung/Wegre-
präsentierung des
Repräsentierten

explosive/implosive
Verdichtung/Isolierung

Aufstand des Teils
gegen das Ganze
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