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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Rund um die Uhr. Gedanken zu Kontinuität und Bruch in Schlafen, Träumen sowie Wachen (Retro III (1995-2005), 2006, Essen, Die Blaue Eule, 47-54)
(aus: Bruch und Kontinuität. Jüdisches Denken in der europäischen Geistesgeschichte, herausgegeben von E. Goodman-Thau, M. Daxner, Akademie Verlag, Berlin 1995)
Wo der Übergang in einem irreparablen Bruch endet, wo der Übergang unaufhörlich kontinuiert zugleich? Im Transit des traumlosen Schlafs in den Tod sowie - dasselbe am anderen Ende - des Wachens in das Wachen-Wachen, die "unsterbliche Seele". Coincidentia oppositorum der vollbrachten Absolutheit des Tiefschlafs als Tod mit der des Wachens als "Unsterblichkeit". Alle Kontinuitätsbrüche dazwischen sind bloße Unterbrechungen eines in sich distinkten, in diesem Sinne stetigen, Geschehens, es sei denn - so ja der Kriegs- und Krankheitsfall - die Unterbrechungen wären doch fast wie der peremptorische Todesbruch, und die Distinktheit fast wie die immerwährende Kontinuität, der "Un-Tod", unmöglich nicht minder. Wenn aber nun, und sei es, aufgehalten, bloß martialisch und pathologisch, der doppelte selbe Jenseitsübergriff auf das Diesseitsinterim nimmer ausbleibt, dann ist diese Zwischensphäre, das Weltverhältnis, gezwungen, vergeblich erfolgreich sich gründend in sich selbst hineinzutreiben, um grundlos zu sterben oder zu leben; zu leben und zu sterben; zulebenzusterben zu
Und die anscheinend harmloseren Übergänge je dazwischen, die gleichwohl gefährdeten, verkommensanfälligen? Notorisch die des Einschlafens und Erwachens, einschließlich der nämlichen Transitorik innerhalb des Schlafs selbst: Erwachen des Schlafs in den Traum hinein sowie Einschlafen des Traums in den Schlaf zurück (und dies regulär drei bis fünfmal des Nachts: sich öffnende Schließung, wiederum geöffnet). "Der Mensch rührt in der Nacht ein Licht an. Lebend rührt er im Schlaf an den Toten." (Heraklit, Fragment 26) Krisis des Übergangs allemal, weil immer auch erzwungen; Übergang, der sich in einer Art soteriologischen Schmach wider die unaufhaltbare Selbstreferenz des vorausgehenden Zustands aufhaltend um des folgenden willen durchzusetzen genötigt ist. So als wäre das Begehren
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des Gottes - der normalgrammatisch verbotene genitivus absolutus - mitsamt dessen Ablaß als Schöpfung ubiquitär; und als wäre die Rettung der Absolutheit durch den Abfall der Opferalterität von Welt um dieser Rettung willen dementiert; und als Dementi - Krieg und Krankheit - zwingend real.
Übergänge? Jedenfalls in Richtung des Einschlafens sind sie keine, sofern die Selbstempirie des Zustands, in den hinein übergegangen wird, ja fehlt. Kein Übergang demnach, ein Abbrechen, Aufhören vielmehr, das sich als solches aber ebensowenig selbsterfährt. Wie also angemessen benennen? Verlöschen, Verglühen? Auch diese Worte bleiben mehr als ungenau. Angenäherter wohl das Übergehen wie in: "Die Augen gingen ihm über": Über-Sehen, selbstbezügliche Hypervisualität, entropisch. Doch diese ist immer noch zu schwach, nämlich sensorisch partiell, um die thematischen Übergänge in ihrer Übergängigkeit zwischen den unmöglichen Übergangsextremen und -grenzen im ganzen zu reproduzieren. Übergang demnach, der - in der anderen Bedeutung von Übergang - übergangen ist; übergehendes Übergehen.
Und in der umgekehrten Richtung des Erwachens? Fehlt hier gleicherweise die Selbstempirie des Zustands, aus dem heraus in den folgenden übergegangen wird. Dieser folgende nimmt sich wie ein Einschlag aus, ein urplötzliches "Da", Dasein, rätselhaft endlich und unbegrenzt, so als stelle sich der Gesichtskreis und motil auch - Wahrnehmung und Bewegung - die Kugeloberfläche selbst als solche darin dar. Ausnahme dieser cogito-Expansion und -kontraktion des Erwachens: der unforcierte Übergang vom letzten Traum ins Wachen hinein, insofern dieser ja im Repräsentationsverhältnis übergängig, dieses bloß modifizierend, bleibt? Nein - das Erwachen ins Wachen hinein geht just, überaus verkürzt indessen, über den Abgrund des Rückschlags der Todesentropie des Schlafrückfalls vonstatten; welcher pointierte Krisisvorgang sich durchweg zuvor selbstträumt auch; so daß diese Sonderart des Erwachens die Konzentration des "Daseins" zumal erheischt; und die besondere, nicht mehr verfolgbare Eile liegt daran, daß es brandeilig ist und sich die Zeit verkürzen muß, weil sonst der Tod einträte.
Kontinuität mit Diskretheitslöchern, die als solche indessen schlechterdings unerfahrbar sind? Nein, im Letzten immer Doppelanzug und -abprall durch und vom DoppelNichts, der doppelten Todeswand, und dazwischen dasselbe im Letzten nicht bis zum Letzten (und im Letzten dann bis zum Letzten, letztlich, nicht). Immer das übergehende Übergehen, ohne Gewähr. Inbegrifflich dies das Gedächtnis: im Abprall der Hochrißreflux von
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Welt; dessen haltende Begleitung; wie notwendig verkannt zu dessen Kreation; mitschwindend zu dessen Erhalt zumal und nicht. Nachts aber bleibt das Gedächtnis rein bei sich selbst; memorialer Selbstbezug Selbstkundgabe Traum. Schliefe man nicht weg (bis in den Tod), wachte man nicht auf (bis in die "Unsterblichkeit"), so wäre es dem unmäßigen Gedächtnis in seiner nächtlichen Selbstheimischkeit gelungen, nicht nur der Obergnostiker von Welt, der Demiurg vielmehr zu sein. Unglücklicherweise zum Glück gelingt es ihm nicht; gelingt es ihm nur martialisch und pathologisch. Indessen
Exkurs für die Sekte der Logiker. - Gottesfahnder sind sie, immer im Sinne des untersagten genitivus absolutus; Doppelagenten im Auftrag des Gottes, beauftragt gegen denselben, nichts (nichts!) als hinter der Kontradiktion her, doppelt immer zurecht und zuunrecht in einem. Zurecht, weil die weltliche Prätention des schieren Widerspruchs in doppelter Rücksicht zerstört: die Körper wie die Dinge - Krankheit und Krieg. Zuunrecht, denn beide Destruktionen einzig motivieren dasselbe, die Epikalypse der Produktion, abgedeckt in ihrer nämlichen Widersprüchlichkeit. Also hütet man die ordentlichen Kontraritäten, die übergangenen Übergänge, wider die Kontradiktion, und dient auf solche willkommenste polizeiliche Weise dem zugleich gejagten Gotte, der Urkontradiktion der Absolutheit, als immer gerechterweise gejagter Jäger. Gebührend weit weg auch vom Abgrund der Schaffung, Erzengelwache Produktions-epoché, Assekuranz rein des Gebrauchs, und an diesem Orte vom Dauerfrohlocken erfüllt, daß selbst diese meine indolente gnostische Rede, ja, auf den Satz vom Widerspruch angewiesen ist, um überhaupt gesprochen werden zu können und vernehmlich zu sein. In der Tat, man hört es doch! Eben: auch wir sind fromm, wenngleich wir die Frömmigkeit zu ihrer Selbstaufklärung verbrauchen, was zumal dann den Zorn unserer feindlichen Brüder der Logik erregt. Warum wir solches tun? Der hypermagischen Logiküberbietung wegen? Ja, aber nein
Spricht denn nicht alles dafür, der Koinzidenz von absolutem Bruch und absoluter Kontinuität, dem Tod und der "Unsterblichkeit", diesen zusammenbezogenen Jenseitigkeiten des Tiefschlafs und des Wachens, das Selbstsein derselben selbst, die ewige Selbsterfahrung der Absolutheit, dieser Urkontradiktion, attribuieren zu müssen? Denn was wäre ein Gott, der nicht zumal rein auch für sich als dieser existierte? Nein - der Gottesbeweis mißrät am Umstand, daß just die isolierte Absolutheit, dieser göttliche Pleonasmus, sich selbst zerstörte, wenn sie den Schein des Abfalls
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der Schöpfung als des Selbstopfers als des Opferstoffs für sich selbst nicht ausfällte, je schon ausgefällt hätte. Womit der Beweisgedanke nirgendwo anders als beim Menschen mitsamt seiner unabweislichen Selbstüberbietung zum "unmenschlichen Geschlecht", einschließlich des ganzen Wissens dessen, (wieder)angekommen wäre. Kosmos atheos, und eben deshalb des Gottes voll. Nicht aber hieße solche Nicht-Reduktion des Gottes auf den Menschen schon mit, daß es statthaft wäre, Sein/Existenz exklusiv dem übergangenen Übergang, der Welthabe bloß im Zwischen von Traum und Wachen, ja nur dem Wachen, vorzubehalten; was ja nichts anderes wäre, als die altneue Jagd der Kontradiktion im Extrem aufzunehmen, an welchem Verfolg die monierte Seinsausweitung freilich teilhat, wie gehabt, und memorial insbesondere.
Welthabe? Es hat einen mehr, als daß man hat. Da im Traum sich das Repräsentationsvermögen memorial rein auf sich selbst bezieht, kann es sich die selbstreferentiell vorerst gedeckte Dramatik herausnehmen, das Spiel von Bruch und Kontinuität bis zum bitteren Wunschende des Tiefschlafs und/oder des Erwachens auf die Spitze zu treiben: also wie unerschöpflich in-sich-reflexiv ("fraktal", sagt man heutzutage) übergehendes Übergehen zu manifestieren. So die mimesis von Tod = "Unsterblichkeit" mitten im nächtlichen Leben, dem Traum, bestens bezeichnet mit "Verdichtung" und "Verschiebung", mit welchen mundanen Gottesminiaturen die "Traumarbeit" folgerichtig auskommt. Zusammengenommen: der Aufschub (différance), Weltschöpfung memorial apo-kalyptisch, davor und danach, davordanach. Jedenfalls ist es entschieden zu wenig, traumhermeneutisch die obligaten zwei Isolate zu bilden: den/einen aus seinem generischen Kontext herausgebrochenen Gehalt einerseits und das ebenso entstehende Subjekt andererseits, und beide dann psychistisch-moralistisch aufeinander zu beziehen: immerdar der Standpunkt der hypostasierten Konsumtion zu deren, die Epikalypse des gesamten Existenzprozesses bedeckthaltenden abschließenden repressiven, Bestätigung - "das also war es/das also bin ich". Als ob es nichts anderes als diese einzige Dummheit, die Pseudologie des satten Nur-Kontinuums, gäbe.
Das bedrängendste Theoriedesiderat aber, es ist das Wachen, der Tag. Jedenfalls verliefe das Erwachen in dieses Wachen hinein tödlich, wenn sich dem drohenden Wachen-Wachen (der unaufhörlichen Vigilanz, der absoluten Kontinuität, der "unsterblichen Seele") nicht auf der Stelle, wie einfangend, rückbindend, limitierend, die Realie der Weltausfällung beigäbe; Welt, Menschwelt, Kultur, im Zustand der Umhüllung, Verdeckung
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(Epikalypse), des Tautologiestatus derselben - alles ist nur, was es ist, und sonst nichts. So das Initial des ordentlichen Repräsentationsverhältnisses, in dem sich der Tiefschlaf als Dinglichkeit unmöglicherweise gleichwohl re-präsentiert, verschoben, entstellt sich selbstdarstellt. Wie sich danach dann auch - im Sinne eines diesen Vorausgang ermöglichenden Danach - alle Vermittlung, mit ihrem Inbegriff Geld, als die ebenso qualifizierte - gelingend mißlingende - Re-präsentation des träumenden Schlafs realisiert. Bruch des Seelenkontinuums an der Todeswand der Dinge, den Tiefschlafrevenants. Todeswand, die sich im Tag-Traum der Kulturarbeit re-kontinuierend erschließt; bis zum Wiedereinschlafen bis. Des Nachts im Tiefschlaf aber nähren sich die Dinge von den Körpern; und tagsüber, umgekehrt, die Körper von den Dingen; und je dazwischen reserviert sich der rettende Mehrwert, das Gedächtnis dieses Metabolismus; Mehrwert, der sich selbst wiederum den Mehrwert des Nichtaufgangs in ihm selbst, der memorialen Repräsentation, reservieren muß, damit es nicht doch passiere, daß nichts sei, und nicht nicht vielmehr nichts.
Womit auch der durchaus befremdliche Umstand, daß nur ein Bruchteil des Träumens erinnert wird, des Nachts hierin retrograde Amnesie herrscht, einer Erklärung zugeführt werden könnte. Was ist ein Traum, der als solcher nicht erinnerbar ist, in dem das Dabeisein ausfällt? Eine sich selbst Lügen strafende Repräsentationstätigkeit, die nur von außen, durch Meßwerte, sich indiziert? Gewiß kommen solche sich memorial nicht sättigende Überhänge der Motivik der auf Dinge versierten prothetischen Körper- und Naturausschöpfung, der Kulturkreation wie direkt irgend zugute. Wie anders auch der Erinnerungsauffang des träumenden Gedächtnisaufschlusses sich zugunsten der Vermittlungsstabilität nicht weniger rechnet (theoretisch unerfindlich noch, wie genau). Und wenn man sogleich mitbedenkt, daß beide nicht voneinander isolierbar sind, werden sich dingliche Rechnung und mediale Gegenrechnung, zusammen als Kulturarbeit, gewiß auch immer irgend ausgleichen. Und rücksichtslos, Krankheit und Krieg, Tod und Apokalypse einschließend, sind diese Großalgorithmen allemal.
Wenn denn nun der nicht erinnerbare Traum wie zwischen dem Tiefschlaf und dem erinnerbaren Traum - funktional darauf aus, das memoriale Surplus zu kassieren - plaziert ist, so stellt er die Basis der repräsentativen Welthabe, selbstverlustig sich -gewinnend, zur Verfügung: Mathematik/ Naturwissenschaft. Welchen man diese Provenienz durchaus noch ansehen kann: sie sind, im nachhinein, wie die einzigen Hüter des Schlafs der Dinge, immer um deren - freilich nachkommend vorausgehenden -
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Verwendbarkeit willen. Doppelt paradoxer, weil nicht erinnerbarer, Schlaf als Traum: Dinge, die sich dinglich in sich halten und sich dinglich aufeinander beziehen. Oft auch re-präsentiert sich dieses fundamentale Zwischen an den beiden Enden des Traums: als Phantasos, nach Ovid der Traumgott der Dinge. Fundamentales Zwischen Mathematik als Phantasma des letzten Halts der Epikalypse: Traum, der als Traum selbst in sich verschlossen bleibt, in Gänze dann außen vor(außen vor) - so das ganze Erfolgsmysterium dieses einzig "objektivitätsgenerativen" Vorübergangs Mathematik (abermals ja selbstbezüglich), die (on dit) allexkulpierende Spitzenwirksamkeit des strikte verborgenen Gottes, produktiv-schizophren der konsumtiv-paranoischen Logik durchaus überlegen.
Einzig auch, den nicht erinnerbaren Traum, diese Paradoxie der Paradoxie, betreffend, ist die neurophysiologische Exteriorität der Schwäche des cogito, als das Dabeisein selbst eben doch nicht dabei zu sein, voraus. Alle objektiven Zeichen sprechen für das Träumen, es wird aber nicht erinnert, es sei denn, man weckte den Träumer aus dem objektiv indizierten Traum auf. (Was heißt das? Fraglich bleibt auch, ob der Anschluß an die Meßgeräte bloß einer Gewöhnungsphase bedarf, nach der die nächtlichen Prozesse wieder wie natürlich verlaufen. Könnte diese artifizielle Situation nicht auch, jenachdem, die Kräfte der Opposition - die Traumerinnerung - oder der Adaptation - gerade die Nichterinnerung des Traums - auf den Plan rufen?) Jedenfalls bleiben im Tiefschlaf wie im erinnerbaren Traum Selbstwahrnehmung sowie deren Ausfall einerseits und deren gemessene Physiologie andererseits als Parallelgeschehen aufeinander beziehbar. Dadurch wird die einschlägige Ausnahme des nicht erinnerbaren Traums, eben als Parallelitätsbruch, zum Movens schlechthin, diese Lücke der Selbstempirie in deren eigener Domäne ersatzweise von außen zu füllen, ja mit den entsprechenden - entsprechenden? - wissenschaftlichen Pendants zu substituieren. Lückenbüßer Physiologie, wider den Bruch des Kontinuums des "psychophysischen Parallelismus". Wissenschaft basierend auf dem horror raptus (Lacan: "Die Wissenschaft näht das Subjekt"). Und dabei wird man nicht eben behaupten können, daß die Einsicht in diese Parallelität wissenschaftlich von der Außenseite her schon besonders fortgeschritten wäre - allein das Versprechen der gar "objektiven" Kontinuierung scheint zu genügen. Vielleicht auch wirkt der Maschinenanschluß indirekt therapeutisch, sofern die Meßapparate, als das dingliche Außenvor des Schlafs bis in die Paradoxie, schlafend nicht zu schlafen, also zu träumen, und wiederum träumend zu schlafen nur, also sich an das
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Träumen nicht zu erinnern, hinein, rückbezüglich die Körpervorgänge wenigstens ein wenig zu justieren vermöchten? Die hilfreiche Gottesepikalypse.
Bruch der Kontinuität nicht minder (in selbstreferentieller, sich wie aus sich selbst heraus erzeugender Sensualität). Wiederum von der Schlüsselstellung des nicht erinnerbaren Traums her gesagt, enthält dieses Mathematikgenerativum in sich retrospektiv den Ton und prospektiv das Bild, Partitur und Bühnenbildentwurf, sozusagen; hält beider auseinanderfliehende diskriminative Entropie wie indifferent als volles Substrat der Repräsentation zusammen: lautlose Verlautungsexklusivität des Tiefschlafs, sich vor der ultimativ selbstbezüglichen Selbstvernichtung (sprechendes Ohr/ hörender Mund) rettend in die lautende Stille in Un-sicht zerfallender Sichtgestalten des träumenden Schlafs hinein (Traumgott Morpheus, vom mittleren Traumgott Icelos/Phobetor immer angefochten), sich vor der ultimativ selbstbezüglichen Selbstvernichtung (sich sehen sehendes Auge) rettend in die lautlose Verlautungsexklusivität des Tiefschlafs zurück, dieser Übergang selbst. Im erinnerbaren Traum, der Re-präsentation dieses Übergangs, droht konsequenterweise immer der Wecker, die angriffig rettende Veräußerung des Tiefschlaf-Allklangs, der, wenn man ihn gewähren ließe, wenn man nicht aufwachte (und sei es nur in den Traum hinein), den Körper auffräße. Klangfraß (absoluter Geschmack), die unsterbliche immaterielle Seele dann am anderen Ende (absoluter Geruch). Im (erinnerbaren) Traum selbst aber ordnen sich, moderiert, der Ton (Geschmack) der Verdichtung und das Bild (Geruch) der Verschiebung zu bis
Wider die männlich filiale Zentralperspektive nicht zuletzt auch des Schlafens, Träumens und Wachens verfängt zwar keine Positivität der entsprechend weiblichen Alternative(n), doch wird man immer damit rechnen müssen, daß die Alterität des anderen Geschlechts sich nicht nur auf der weiblichen Seite selbst als Übertreibungswesen von Indifferenz und Differenz spezifisch kundtut, auch daß sie diffundierend auf Mann in seinen Nacht- und Taggeschäften übergreift. Weiblichkeit als motivierende Krisis der Männlichkeit, jedenfalls. Krisis, die davor schon in der Immanenz dieser Vorgänge als System der Inzestformen herrscht, freilich nimmer subjektiv, vielmehr strukturell. Kriterial darin wiederum die Version des Tiefschlafs in den nicht erinnerbaren Traum hinein: unvermeidlich vom Manne her dargetan, die Abwendung des Mutter-SohnInzests (Konsumtion) in den Vater-Tochter-Inzest, die Grundlegung von Rationalität (Produktion). Und der erinnerbare Traum macht aus dem
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Eltern-Kind-Verhältnis inzestuös ein solches heterosexueller Geschwister (Aufzeichnung): der Aneignung des Ursprungs mittels der Simulation schon desselben, also reminiszent. Parallelismus der definierten Verwandtschaftsverhältnisse und der dimensional differenzierten Ökonomie.
Erinnerbar, de facto erinnert, das ist aber nicht schon verständlich, verstanden. Verstehen, philosophisch basal, bezieht die erinnerungsvermittelte, selbst eo ipso selbstreferente Memorialität wiederum auf sich selbst dergestalt zurück, daß das ganze Seinsverhältnis seiner selbst zwar ansichtig wird, doch in dieser seiner ganzen Selbstansichtigkeit sich ebenso verlustig rettend vernachträglicht in das memoriale Repräsentationswesen lesbarer und zumal auszulegender Skripturalität. Schrift, Lektüre aber, die wiederum von sich abzulassen genötigt ist, denn sie avisiert - das Hauptavis - das Ende des Träumens. Sprechen im Tiefschlaf jedoch, dieser verbale Somnambulismus, ist der Inbegriff von Pathologie und Krieg: Tod als "Unsterblichkeit", Bruch als Kontinuität, der Einbruch des Gottes des Menschen, aufgeschoben (aufgeschoben, als Philosophie).
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