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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Fortschreibungen zum Problem einer »Psychoanalyse der Sachen« (Retro III, 2006, Essen, Die Blaue Eule, 98-109)
(aus: Psyche - Körper - Material. Analysen von Menschen und Gegenständen, herausgegeben vom Institut für Gegenwartskunst an der Akademie der Bildenden Künste, Wien und der Neuen Wiener Gruppe/Lacan-Schule. Passagen, Wien 1997)
Vorbemerkung der Herausgeber
An anderer Stelle1 hat R. Heinz die von Sartre formulierte Frage, ob es eine "Psychoanalyse der Sachen" geben kann, aufgegriffen, eingehend erörtert und mit Überlegungen zum psychoanalytischen Symbolbegriff angereichert. Die vom Autor verfaßte Zusammenfassung dieser Arbeit sei hier dem nachfolgenden Beitrag vorangestellt:
Nach Meinung der Psychoanalyse besteht die Symbolbildung darin, einem - irgend dafür geeigneten - Gegenstand ödipale Gehalte beizugeben. Der Zweck dieses Vorgangs besteht in einer Art positiven Projektion.
Gegen dieses psychoanalytisch zentrale Theorem - die Heterogeneität des sexuellen Symbolgehaltes und des symbolisch beanspruchten Gegenstandes sowie die Nachträglichkeit beider symbolbildenden Verknüpfung - wird zu bedenken gegeben, ob nicht der sexuelle Symbolgehalt selbst schon, vorausgehend, der Produktionsgrund des betreffenden Gegenstandes und dieser entsprechend ein ursprüngliches, nicht wiederzubereinigendes Sexualsymbol sei.
Von dieser Wendung her entstände die Nötigung, Theorie und Praxis der Psychoanalyse auf eine "Psychoanalyse der Sachen" hin umzuschreiben.
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1 R. Heinz, Kann es eine "Psychoanalyse der Sachen" (Sartre) geben? Überlegungen zum psychoanalytischen Symbolbegriff. In: texte. psychoanalyse. ästhetik. kulturkritik. 15. Jg. Heft 3, 1995, 7-19.
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1.
Gemessen an den Proliferationen nachgerade einer Psychoanalyse der Sachen in Kunst - freilich ebendort nicht unter diesem Titel und durchaus auch weitergefaßt sowie mitnichten nur in der Moderne (und danach) -, mutet der Nachdruck auf dieser Problemstellung fast borniert an: "Viel Lärm um nichts", um längstens schon Vorhandenes, Etabliertes (keineswegs aber diesbetreffend Gleichrangiges damit schon). Innerhalb der Psychoanalyse indessen hat dieses Ansinnen, einem "Kategorienfehler" gleich (dem quid pro quo von Mensch und Ding), nach wie vor skandalisierende Kraft und wird entsprechend, wenn es hoch kommt - etwa in Kontexten von Kunsttherapie (des Scheins deren Unverbindlichkeit wegen) - marginal vielleicht toleriert. Ein deutlicher "cultural lag" demnach zwischen herkömmlicher Psychoanalyse und Kunst, der seinen Grund im äußerst zählebigen Subjektivismus jener hat, in einem Spaltungs- und Isolierungsphänomen: der folgenreichen Abtrennung des Subjekts, inklusive seiner Körperkontexte, den nächsten, stammfamilialen Verwandtschaftsbeziehungen, kurzum: von seiner dinglichen - zivilisatorischen/kulturellen - Umwelt. Versteht sich, daß beide in der Konterkarierung der tautologischen Untiefen der Zweckrationalität übereinkommen, nur daß fürs erste Kunst nur sach-lich/Ding-bezüglich ein Anderes anmahnt, das sich nicht mehr so einfach - nicht sogleich, nicht bis zuletzt, nicht durchgehend - sei es im Szientismus der Produktion, sei es im warenästhetischen Vorübergang des Tauschs, sei es in den Anpassungspflichtigkeiten des Gebrauchs - unterbringen läßt. Aber das ist ja trivial und ließe sich, nur zum Beispiel, paradoxerweise an jeder ordinären Photographie, eben weil sie so garnicht hintergründig ist, einem Photo irgend mit Kunstanspruch oder auch nur zufällig zweckrational deplaziert, erweisen.
Gewiß könnte eine sachlich subvertierte Psychoanalyse mehr aufbringen als etwa einige aus Eigenem stammende Äquivalenzen zu längst schon passierten Vorausleistungen zum selben in Kunst. So jedenfalls meine Erfahrung als Supervisor der Gruppe "Unart" (!), einem Zusammenschluß bildender Künstler, die im Sinne einer Psychoanalyse der Sachen dissidente Kunsttherapie als Dienstleistung in psychiatrischen Kliniken, insbesondere in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, anbieten. Vornehmlich hier gelang es, außerdem recht undramatisch und eher insinuativ, dem psychoanalytischen Subjektivismus den Garaus zu machen, gewiß begünstigt durch den Umstand, in dieser psychoanalysekritischen Einstellung die schon nicht mehr subjektivistische Psychoanalyse der Kunstsachen als Vermittlung
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derer der Sachen selbst dann nutzen zu können.2 In diesem Zusammenhang haben außerdem Selbstreferentialitätsphänomene in Kunst (Silberers "funktionale Phänomene/Autosymbolismen") eine die Sachsubversion der Psychoanalyse eminent vermittelnde Funktion: sie sperren nämlich den Subjekt-konstitutiven Subjektbezug wie a priori ab.3
2.
"Ist es auch Tollheit, hat es doch Methode". In ihrer Dinglichkeits(Sub)version ist fachintern die Psychoanalyse genötigt, die Psychosen als ihr Hauptsujet anzunehmen, und mit diesen alle "dinganimistischen" Phänomene (Übergangsobjekte, Fetische) und nicht zuletzt den Traum. Um sich, auf Philosophiekurs dann, zu artikulieren: einen intellektuellen Mehrwert abzuschöpfen, kommt sie nicht umhin, sich mimetisch diesen Dissidenzen gegenüber zu verhalten. Nicht aber nur, daß sie damit ein Enteignungsverhältnis zu diesen eingeht, in mimetischem, antipsychiatrisch scheinexkulpiertem Überschwang läuft sie Gefahr, weiterhin vorauszusetzen, was sie zugleich als nichtig erklärt, aufrechtzuerhalten, was sie in einem zu liquidieren meint - eben das Subjekt, das, so nur zum Scheine dispensiert, sich zum Hypersubjekt überhebt, zur stabilen Eintragungsfolie nämlich seines eigenen Kontrariums. Womit es in die schärfste Opposition zu seinem mimetischem Hauptsujet, der Psychose/Schizophrenie, gerät. Wenigstens mag das Monitum mimetischer Verschuldung als Kautele dienlich sein, der Verwechslung von Subjektdispens und Hypersubjektivität, dieser masochistischen Tücke nahezu, dem in Sondersolidarität eingewickelten Parasitismus, der apostrophierten Enteignung/der Ausbeutung der Geisteskrankheit, zu widersagen. Der Schizophrene sei der eigentliche Ausgebeutete der neueren Geschichte - steht im "Anti-Ödipus" geschrieben. Frustran wird man nach Fluchtwegen der Nichtschuld, der scheinlosen Exkulpation suchen, und die Versuchung wird dieser Vergeblichkeit wegen wohl nicht ausbleiben, zur alten Psychoanlyse wiederzurückzufinden?
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2 Zu "Unart" siehe: Kunst und Schizophrenie. Einige Unart-Beteiligungen. In: Pathognostische Studien III. Psychoanalyse - Krisis der Psychoanalyse - Pathognostik. Die Blaue Eule, Essen 1990. Genealogica Bd. 20. S. 275-286.
3 Zur Selbstreferentialität siehe u.a.: Ideen zu einer (mehr-als-) Psychoanalyse literarischer Texte als Texte. In: Psychoanalyse und die Geschichtlichkeit von Texten. Königshausen & Neumann, Würzburg 1995. Freiburger literaturpsychologische Gespräche. Bd. 14. Hg. v. J. Cremerius/G. Fischer/O. Gutjahr/W. Mauser/C. Pietzcker. S. 65-80.
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Nein, dabei wenigstens kann es bleiben, daß die Schizophrenien nicht nur kontingenterweise faktisch (etwa der Unzulänglichkeiten der therapeutischen Prozeduren, auch der tödlichen Konkurenz der Psychopharmaka wegen) sich wider den Zugriff der traditionellen Psychoanalyse sperrig erweisen, mehr noch: diese ihre antipsychistische, -subjektivistische Renitenz/Resistenz hat sich als Wesensgrenze derselben herausgestellt, und diese peremptorische Sperre, das zwingendste, sozusagen objektive Argument gegen sie, wird somit zum optimalen Leitfaden der Initiation - sinnvollerweise also "pathognostisch" zu nennender - solcherart intellektueller Philosophie, in der die Psychoanalyse, wenn sie es nur wollte, sich bestens aber "aufheben" könnte.
Zum heiter-bösartigen Beleg der antisubjektivistischen schizophrenen Resistenz (Sankt Schreber!) kann der "Anti-Ödipus" herhalten. "Der Psychoanalytiker sagt, im oberen Gott Schrebers müsse der Vater aufgedeckt werden, und er sagt auch, warum im niederen Gott nicht der ältere Bruder. Dann wird der Schizophrene manchmal ungeduldig und verlangt seine Ruhe. Zuweilen steigt er ins Spiel ein, bringt noch mehr ein, bereit, seine ihm eigenen Bezugskategorien in das ihm angebotene Modell einzufügen und es derart von innen aufzubrechen (ja, das ist meine Mutter, aber meine Mutter ist die Jungfrau Maria). Vorstellbar, wie Schreber Freud zur Antwort gibt: aber ja, ja, ja, die sprechenden Vögel sind junge Mädchen, und der obere Gott, das ist mein Vater, und der niedere mein Bruder. Aber stillschweigend schwängert er wieder die jungen Mädchen mit allen sprechenden Vögeln, seinen Vater mit dem oberen, seinen Bruder mit dem niederen Gott, mit allen göttlichen Formen, die in dem Maße sich komplizieren oder sich desimplifizieren' wie sie unter den allzu einfachen Begriffen und Funktionen des ödipalen Dreiecks hervorbrechen."4
Antipsychiatrisch gleichwie aber kommt das genannte Schuldverhältnis, selbst ja präsent in solchen Ausführungen (und auch in meinen Ausführungen wiederum darüber), nicht dadurch aus der Welt, daß man gemeinsam mit dem Schizophrenen auf Himmelfahrtskurs seine Vereinnahmung in entfesselte, freilich dann nicht nur künstlerische, zuvörderst vielmehr technologische Kreativität promoviert - in eine Emphatik, die ihn mehr noch umbrächte als alle Trägheiten der Produktivitätsfesselung, und die
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4 G. Deleuze/F. Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie 1. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1974. S. 21f.
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sich selbst ja auch umbringt: sui-zidiert.5
Eher möge man es hierbei mit Adornos "Negativer Dialektik" halten: daß sich der Horizont dieser Freiheit, objektiv, schwarz verhänge: "Stürzt es (sc. das Selbst unter dem unmäßigen Druck, der auf ihm lastet, als schizophrenes) zurück in den Zustand der Dissoziation und Vieldeutigkeit, dem geschichtlich das Subjekt sich entrang, so ist die Auflösung des Subjekts zugleich das ephemere und verurteilte Bild eines möglichen Subjekts. Gebot einmal seine Freiheit dem Mythos Einhalt, so befreite es sich, als vom letzten Mythos, von sich selbst. Utopie wäre die opferlose Nicht-Identität des Subjekts."6
Fast im dubiosen Sinne eines Selbstbeweises ließe sich in diesem Theorierahmen der klinische Beweis der Subjektivismusrepulsion der Psychose führen, und zwar im Widerstreit von Psychose und Neurose, insbesondere an der Grenze von Zwangserkrankung versus Schizophrenie, die, an dieser Stelle sich oft zum Verwechseln ähnlich, sich, je in sich hinein differenzierend, vehement aber voneinander abstoßen. Es ist dies der Ort der Genese des Subjekts aus den zitierten Abwehrmechanismen der Spaltung und Isolierung, der nichts als wahr-haftigen grandiosen Jammergestalt desselben als des einzigen Verantwortungsträgers, der untragbaren, vernichtenden Responsabilität dafür, die destruktive Einsicht in die ganze Herkunftsschande der geöffneten Dinge (deren Apo-kalypse), in die Verworfenheit dieses Gottes des Menschen aufgebracht zu haben. An einer Beispielminiatur: ein zwangskranker Patient kann das Haus nicht mehr verlassen, weil er sodann Kirchen (katholische Kirchen) passieren müßte, deren Türen sich öffneten und in denen bei geöffneten Türen sich der Tabernakel aufschlösse, dessen Inneres, den Leib des Herrn in realer transsubstantiierter Gegenwart er sogleich exkremental besudeln müßte und dadurch zerstörte. Voilä ... - die schönste Psychoanalyse der Sachen, jedoch als deren subjektivistisches Letztdementi: die Rettung vor der psychotischen Dekompensation in die Spitze von Zwangssymptomen hinein: der allverantwortliche Zwangskranke als der "Allesverderber"/der Teufel, kurzum das kulminierende Subjekt! Es ist dies die kriteriale Stelle, wo die Gewahrung der (pardon!) Unterweltsauereien der Opferreligion Christentum, der ganze,
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5 Zur Kritik des "Anti-Ödipus" siehe u.v.a.: Neuere französische Heimatlosigkeiten. Einige kritische Ausführungen zu Deleuzes "Nomaden-Denken". In Pathognostische Studien III. a.a.O. S. 260-274.
6 Th. W. Adorno: Negative Dialektik. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1966. S. 275 u. 279.
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dürftig nur abgedeckte Obszönismus des eucharistischen Christus, die Stelle, wo diese Gnosis sich vor der psychotischen Fusion mit dem lege artis Gnostifizierten vergeblich projektiv - vergeblich: denn das Projizierte schnellt auf den projizierenden Übeltäter instantan zurück - auf dem Vorausgang von Spaltung und Isolierung in Sicherheit zu bringen sucht und also projektiv/reintrojektiv das Subjekt schuldüberladen kollapsisch konstituiert. Dieses sein Zerrbild aber ist seine exklusive Wahrheit, die da spricht: Ich einzig bin diese Weltensau, schier nicht der Christus im Altarsakrament, der Inbegriff der Nutrimente ... . Mit Vorliebe nenne ich solches die Mohrenwäsche der Dinge, als einer deren Hauptagenten sich die herkömmliche Psychoanalyse betätigt, die demnach auf das Ultimatum anankastischer Abwehr hereingefallen wäre. Womit auch ihre historische Funktion namhaft gemacht ist.
Das Grauen der "Wandlung" ist die Anmaßungssanktion des mysteriösen Gott-Mensch-Vorbehalts: die Nekrophilie der Ganzlust der Selbsterweckung vom Tode, "Ding-mit-mir-Körper", autoaffektional apokalyptisch. Die herrschaftliche Totalausbreitung des Christus besteht folgerichtig in der Droge Eucharistie, subsistenzsexuell im Ganzen: Fleisch und Blut des geschlachteten Erlösers in den Gestalten von Brot und Wein. Die i.e.S. Sexualisierung dieser verstrickten Gnosis des Altarsakraments - Zugabe extremer "Rücksicht auf Darstellbarkeit", so als vermöchte die letzte Obszönität die Sterblichkeitsschande zu bannen - bringt die notorische Substitution der Brust durch den Penis auf: Christusamme - Effeminierung als Preis der strikten Homosexualität. Die teuflische Besudelung des Tabernakels steigert die tätig gnostische Prätention: letzte Häme exkrementaler Differenzanmahnung (mittels der Jaucheindifferenz der Dejekte!) - die toxikomanische Rechnung der Ununterschiedenheit geht eben nicht auf: zumal potenzierte Anmaßung, insofern diese Unterweltattacke die Rettung Gottes selbst mitprätendiert. Das kann freilich die Sache von Frau nicht sein, so wird sie eo ipso, wie bekannt, zur Zerstörungsrevenante des Apriori ihrer Verwerfung. Und selbst in einschlägiger Krankheit noch (wie zum Beispiel der Anorexie) - Mannskopie immerdar, als Loskauf des Mannes ja gedacht (das ist weibliche Pathologie!) - kommt sie nicht umhin, Überbietungsparodien der Transsubstantiation zu veranstalten (siehe Anm. 9!): Kuchen, mit Milch darinnen, metemphysiotisch als Repetilienfleisch als sie, die Anorektikerun, selbst. Und ebenso alle Nöte des intellektuellen Auffangs von Pathologie sind ihre Sache nicht.
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Intellektualität - vielleicht aber geschieht in diesem memorialen Beisichselbstsein als letztem Selbstschwunddefizit zugleich die coincidentia oppositorum eben mit - darin wie infinitesimalisierter, wie peremptorisch darin also entfernter - Weiblichkeit? Denn - als Kontamination von Wissenschaft und Psychose, als Widerspruch vor-sätzlicher Pathologie, als mortale Vorstellungsisolierung bei vitalem Affekten(re)sentiment, als Infiltrat der Differenz (Besudelung) in die Indifferenz (corpus Christi), hypostatisch parasitär nur halt-bar als Halt des Dinglichkeitswiderscheins - ist sie doch nur im Kollaps ihrer selbst, dem Entweder-Oder, nein: dem Einen dessen, woraus sie sich zusammensetzt, Wissenschaft und Psychose vollziehbar.
3.
Was dagegen halten, wenn immer der philosophische Mitgang sein eigenes Gewaltwesen verkennte, ausbeuterische Hypersubjektivität mit dienstbarem Subjektdispens - Tücke des "Siegs durch Niederlage" - verwechselte? Es mag aber gelingen können, einen solchen Begriff von Intellektualität zu tätigen, der in voller Anerkenntnis deren untilgbarer Verschuldung an Psychose (und freilich auch mit unfreiwilliger Konzession deren tatsächlicher Dementiumringung nachgerade) wenigstens seine quasi Selbstgemäßheit erreichte und einnähme. Intellektualität - die hybride Kontamination prozessual von Wissenschaft (dem Verschluß/der Epi-kalypse des göttlichen Dingmysteriums) und Psychose (der Öffnung/Apo-kalypse des nämlichen) - vollzöge sich dann als Paradoxie eines unhaltbaren Dauerwitzes, der sich nimmer entscheiden könnte zwischen letzter Häme und letztem Erbarmen dem Opferarkanum der Dinge, diesem tragisch-komischem Gott des Menschen gegenüber; und der diese Indezision(en) rein in sich selbst hinein abführte als "transversale" unbemächtigende Weilereferenz auf seinen verrückten Comes. Niemandsland. So verabschiedet sich doch Therapie? Käme sie geläutert wieder?
Fast alles spricht gegen die Tätigung, gar die psychosentherapeutische, dieses intellektuellen Philosophiebegriffs; was am irreversiblen Stand der Dinge (buchstäblich) liegt. Es war die Rede von der historischen Funktion der Psychoanalyse, der Mohrenwäsche der Dinge, der Ausbildung einer mächtigen Dingblende - einerseits. Daß andererseits zugleich damit eine vehemente Rückerstattungsreklamation - die der Körperrückgabe von dessen Dingeingabe - passiert, ist zwar unübersehbar, doch wird diese von
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der erstgenannten konträren Schutzfunktion immer durchkreuzt und schließlich absorbiert: eben so der psychoanalytische Subjektivismus. Hat dieser aber nun ausgedient, welche Verabschiedung ja seine Kritik hier mitbesagt, so stellt sich bedrängend die Frage nach dem Status dieser Kritik wiederum, die ja, als "Kritik mit Alternative", das Andere der Psychoanalyse der Sachen an die Stelle der alten Psychoanalyse als neue Wahrheit zu setzen prätendiert. Autonome Einsicht in die Unwahrheit der traditionellen Psychoanalyse, die gleichwohl, wie wenn sie doch auch damit wahr wäre, funktionabel (und in sich nicht nicht erfolgreich) ausfällt? Nimmermehr - wie gesagt: es liegt buchstäblich am Stand der Dinge, der es verschmähen kann, auf psychoanalytische (und gewiß nicht nur auf diese) Weise reingewaschen und proper gehalten zu werden. Was aber genau effektuiert am Evolutionsstand der aktuellen fortgeschrittensten dinglichen Kultur solche horrende Souveränität? Träfe solches Eschaton zu, dann stände es um die subversive Potenz der Psychoanalyse der Sachen schlecht, ja sie wäre dahin. So nämlich liefe sie als Finalstadium der psychoanalytischen Tradition, rein wiederum nur von Gnaden des Stands der Dinge, in ihrer Rückbeschuldung, in ihrem Pathos der leib-haftigen Repropriation desselben, gänzlich leer - ein bloßer Spuk, höchstens ein Schmierentheater scheinbarer Enttabuisierung der fortgeschrittensten Dinglichkeiten, die sich, eh im ganzen exkulpiert, je schon unserer pathognostischen Sektenesoterik entzogen haben!?
Solche schwergewichtigen geschichtsphilosophischen Desiderate sind nicht ohne den kritischen Angang des Historischen Materialismus, des in keinster Weise de facto irgend quittierten, thematisierbar. Wahrscheinlich führte kein Weg daran vorbei, es mit der - nicht-kausal determinierenden - Prärogative der Produktivkräfte, also der Autokratie des Dingphantasmas, intellektuell ernst zu machen. Fachintern wäre es dann als erstes fällig, die historische Genese der Psychoanalyse einschlägig zu reproduzieren,7 nicht zuletzt als Anfang auch der Feuerprobe ihrer Fortsetzung als ihrer Subversion als Psychoanalyse der Sachen.
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7 Zu den historischen Entstehungsbedingungen der Psychoanalyse siehe: Offener Brief an Fr. A. Kittler. In: Somnium Novum. Zur Kritik der psychoanalytischen Traumtheorie. Vol. 1. Passagen, Wien. 1994. S. 77-90.
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4.
Die Sonderchance, die Psychoanalyse der Sachen mittels der Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs zu begründen, bleibt weiterhin, auch auf Psychopathologie pointiert, nutzbar. Um dazu auszuholen: "Waren solche Gebilde (sc. wie der Kondensator) nicht ,erfunden`, sondern ,projiziert`, dann war ihr Gebrauch zu Metaphern nur die unverstandene Anamnesis ihres Ursprungs."8 Also: sind technische Gebilde, alle solche, nicht bloß "freie" Inventionen, vielmehr Organprojektionen, dann ist ihre Symbolisierung zumal die unverstandene Anamnesis/das verkannte Gedächtnis dieser ihrer projektiven Herkunft. - Die Allusion der Kappschen Organprojektionstheorie ist manifest. Doch diese kann nicht dergestalt durchgeführt werden, daß ein faktisch vorgegebener Organismus sich projizierend Technik schaffe; nein, beide, Körper und Ding, entstehen, um es so zu sagen: fundamentalprojektiv, aneinander miteinander und treten, also nachträglich erst, post festum generationis, in ein Provenienz-vergeßliches Analogieverhältnis als Substrat womöglich dann von Symbolbildung zueinander. Welche überfällige Revision außerdem akurat den guten Sinn der apokryphen Freudschen Todestriebtheorie als einer nachgeholten Kulturarbeits-, Produktions- und damit Opfertheorie aufnimmt. Somit sind in der Symbolbildung Symbol und Symbolisiertes auf Gedeih und Verderb liiert, und zwar als Ursprungsgedächtnis, als die Memorialität beider, von Körper und Ding zugleich. Unschwer dann nachzuvollziehen, daß Pathologie, Psychopathologie zumal, so etwas wie einen Gedächtnisüberfall, hypo- und hypermemorial auf Null und Unendlich hin in einem, ausmacht und als einzigen Gehalt den Terror der Transsubstantiation, das "Unheimliche", quid pro quo von lebendig und tot, behauptet; Psychopathologie - das rigoroseste Monitum der Opferprovinienz und der Gewalt- und Schuldimplikationen aller Kultur. Was dann die läppische Kontingenz eines symbolistisch ausschlachtbaren bloßen Analogieverhältnisses nachträglichst zwischen Körper und Ding, die Symbolisierung als resubstrahierbares subjektives Supplement zum Objekt überhaupt noch soll? Wie gesagt: die Wahrheit dieses Fehls der herkömmlichen Psychoanalyse besteht in dessen Funktion: kurzum - geht man so aber nicht aufs Eis tanzen? - in der Dingblende: "Und der Cherub steht vor Gott", der diese Abschirmung bitter nötig hat, um an der Macht zu bleiben, der Eröffnung eines Schuldfluchtweges also,
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8K H. Blumenberg: Das Ich. Aus: Begriffe in Geschichten - drei Sammelstücke. In: FAZ Nr. 89. 15.04.1987.
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der Epi-kalypse des Urverbrechens der Kulturproduktion, dessen exzeptionelles Gedächtnis, nicht zuletzt der Schmerzen wegen, Krankheit ist; frustranes Memento indessen, oftmals rein schon immanent, der Ambiguität wegen, das Urverbrechen nämlich negierend und affirmierend zugleich. Fortschreibungen dieser Symbolkritik hätten Parierungen an vielleicht naheliegenden Einwänden wider die behauptete generelle Reichweite derselben abzuleisten. Notorisch so des Bedenkens, daß Natursymbole und damit auch naturbetreffende Phobien etwa im Unterschied zu menschlichen Technikartefakten nicht "objektiv ödipalisierbar" seien; und, mehr noch, daß selbst die Elemente der Technik letztlich immer doch naturprovenient ausfielen, so daß sich die kriteriale Ödipalisierung - die scheinbar subjektiven symbolgenerierenden Zutaten zum Ding als dessen unzutätlicher Produktionsgrund schon - selbst im genuinen Bereich derselben nicht eigentlich halten lasse. Nicht aber genügt es, dagegen geltend zu machen, daß es Symbole freilich nicht gebe: daß sie rein verbale Verknüpfungsmaßnahmen seien. Darüber hinaus - auch das sind alles Desiderate - müßte sich, naturphilosophisch dann, der Nachweis führen lassen, daß selbst der Naturstoff im ganzen wie im einzelnen eben das schon vorenthält, was auch in diesem Falle scheinbar nur supplementär das Subjekt/der Mensch diesem supponiert. Wenn schon Psychoanalyse der Sachen, dann bitte auch solche von Steinen zum Beispiel. Der Traum machts möglich.
5.
Zum perseverierenden Paniktraum einer anorektischen Patientin.
Sie ist dabei, Kuchen, Cremetorte, zu essen, und als sie ein gehöriges Stück in den Mund steckt, verwandelt sich dieses in ein lebendiges Kleinreptil.
So äußern sich auch die obligaten Bedrängnisse der Behandlungssituation - ich betreibe nämlich viel weniger Stammfamiliengeschichte als Nahrungsmittelkunde, und zwar speziell daraufhin, daß man sich nutrimental hoffnungslos verschuldet, nein, mehr noch: daß die Nutrimente von sich her immer schon hoffnungslos verschuldet sind.
Worauf die Patientin in eine Art von Konditoreivegetarismus auszuweichen sucht - die reinste Schuldflucht, so daß die letzten Vegetarismusdinge schlimmer noch würden als die tierfleischlichen ersten.
Dann folgten diese verständnisinnigen, therapeutisch günstigen Panikträume, die fast keiner Deutung mehr bedürftig sind.
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Ich habe diese Träume mit bösartiger Absicht für die bildenden Künstler ausgesucht. Denn: das Essen, das Verschwinden von Dingen unrepräsentativ in einem sich nicht repräsentierenden Innen, ist der ärgste Feind der "Rücksicht auf Darstellbarkeit", des Bildes. Essen im Schlaf, das wäre so etwas wie das anmaßend unmögliche Träumen des Tiefschlafs selbst, in der entsprechenden Umkehrung des Gefressenwerdens ins eigene Anderenfressen (der Wachzustand schon), worauf die gebührend gerechte Strafe des Himmels steht: die besagte Panikweckung dann. Worin sich, am Terror der Transsubstantiation, zugleich die Anorexie aufschließt/selbstaufschließt. Die Psychoanalyse der Sachen, psychopathologisch, somnial/memorial gar, comme il faut vorgeführt! Passierte einem solches wachendhalluzinatorisch, so handelte es sich um eine "dinganimistische" psychotische Reaktion. (Beispiele solcher Transsubstantiation in der bildenden Kunst?)
Vernünftigerweise ist dies alles freilich blühender Unsinn, und akademisch untragbar. Denn ein Stück Cremetorte besteht mitnichten aus ungenießbaren Reptilien ... 0 doch, eben nur daraus! So würde ich sogleich replizieren. Denn: die hilflos vegetabilen Kuchenzutaten haben sich die dem Menschen phylogenetisch fernen, den Pflanzen jedoch näheren Reptilien als Rächer zum Zweck des Schuldausgleichs erwählt. "Du bist der Natur einen Tod schuldig." Cremetorten sind in der Tat aus geschlachteten Reptilien gemacht, die rächend wiederauferstehen (resurrectio mortuorum), um die Kuchenesser umgekehrt aufzufressen. Und schließlich wird man mir auch zugestehen müssen, daß, wenn Milchprodukte verbacken worden sind, die armen dummen Kühe nicht weniger rächender Hilfstruppen bedürfen ...9
In einem anderen Zusammenhang der psychosentheoretischen Nutzung der antagonistischen basalen Denkformen Substanz und Ursache wurde dargelegt, daß die Transsubstantiation einen massiven Angriff gegen beide Kategorien unternimmt. Die Kausalität - real-halluzinatorisches Monitum der Ver-schuldung der Dinge - wird derart übermächtig hyperkausal, daß die Einheit der Dinge zu Bruch geht und diese ihre Gebrauchbarkeit einbüßen (!). Womit sich die Kausalität selbst aber mit aufs Spiel setzt; denn
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9 Weitere Ausführungen zur Anorexie u.a.: Programmatischer Vorschlag zu einer Ausweitung der Psychoanalyse auf Objektivität. In: Pathognostische Studien II. Psychopathologie - Logik - Sinne/Affekte - Musik - Bildende Kunst. Die Blaue Eule, Essen 1987. Genealogica Bd. 17. S. 9-40.
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im Aufgang der Substanz in ihr gibt es auch nichts mehr zu verursachen. Transsubstantiativ vollzieht sich ein terrorisierender Ebenenwechsel von Aktivität (Fressen) zur Passivität (Gefressenwerden), von einem Kulturprodukt (Nahrungsmittel) zu einer Naturgegebenheit (Vorzeittier) und insbesondere vom Toten zum Lebendigen. In diesem gewaltigen Schuldaufkommen gerät die Schuldbilanz insgesamt aus den Fugen: die Schuldbindung im Toten versagt, und, lebendig geworden, klagt es seine Racherechte ein. Man erinnert den frühen Spruch des Anaximander: "Woraus die Dinge entstehen, dahin müssen sie auch wieder zurückkehren gemäß dem Schicksal; denn sie müssen Buße und Strafe einander zahlen für ihr Unrecht nach der Ordnung der Zeit."
Fassen wir zusammen:
Die "Psychoanalyse der Sachen", diesen vermeintlichen Kategorienfehler betreffend, verschuldet sich dem merklichen "cultural lag" zwischen (bildender) Kunst und traditioneller Psychoanalyse, deren Subjektivismus.
Die kriteriale Pathologiereferenz solcher Ding(sub)version, in der die Psychoanalyse in intellektuelle (gnostische) Philosophie überginge, ist die Psychose (Schizophrenie), selbst - wider alle antipsychiatrischen Optionen - von jener in beider Gehaltsidentität modal wesensverschieden.
Der "Psychoanalyse der Sachen" subversives Pathos bricht sich im Ganzen an der Universalmaßgabe der Evolution der "Produktivkräfte": dem aktuellen Stand der Dinge (Medien), der seine vordem nicht zuletzt psychoanalytische Tabuisierung verschmähen kann - so seine Kritik-absorptive horrende Souveränität.
Im Zusammenhang der Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs - Symbol als verkanntes Herkunftsgedächtnis Körper-fundamentalprojektiv der Dinge - fungiert (Psycho)pathologie eben als deren verstricktes Ursprungsmonitum. Dessen Inbegriff: das Grauen der "Transsubstantiation", wie beispielsweise am Traum einer anorektischen Patientin - Metamorphose eines Stücks Cremetorte in ein lebendiges Kleinreptil - drastisch ablesbar.
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