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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Programmatischer Vorschlag zu einer Ausweitung der Psychoanalyse auf Objektivität (Pathognostische Studien II, 1987, Die Blaue Eule, Essen, 9-40)
1. Theoretische Erwägungen
Die folgenden Überlegungen stehen im Zusammenhang mit neueren Versuchen, die Psychoanalyse mit den Sozialwissenschaften bzw. psychoanalytisch bedeutsame Subjektivität mit gesellschaftlicher - institutioneller und technologischer - Objektivität zu vermitteln. Ohne diese Versuche, die sich durchweg freudo-marxistischen Traditionen annäherten, hier diskutieren zu wollen, soll sogleich eine bestimmte Perspektivierung des Vermittlungsproblems geltend gemacht werden, die, wie man meinen möchte, zunächst ganz einfach, diejenigen Objektivitätsausschnitte, die in psychopathologischen Symptomen betroffen sind, in den Vordergrund der Betrachtung rückt. Wer mit solchen Symptomen vertraut ist, wird gewiß keine Schwierigkeiten damit haben, die betreffenden, sozusagen symptomatisch bestreikten Objektivitätssegmente markieren zu können. Bei den Phobien beispielsweise sind es meistensteils elementare i.w.S. technische Einrichtungen (Brücken, offene Plätze, geschlossene Räume etc.); beispielsweise bei der Anorexie die Nahrungsmittel usw. Auch ist offensichtlich, daß diese Krankheiten eine krankheitskonstitutive Gebrauchssperre den jeweils für sie charakteristischen Objektivitäten gegenüber an den Tag legen.
Eine solche Akzentuierung, die zunächst nicht mehr als eine Art von unerwünschter krankheitsimmanenter Vermitteltheit von Subjektivität und gesellschaftlicher Objektivität nahelegt, bleibt freilich solange nichtssagend, bis nicht die Art dieses Bezugs ihre spezifische Bestimmung erfährt, um die es hier, abweichend zwar von der herkömmlichen Psychoanalyse, doch ausschließlich auf ihren Grundlagen im Sinne einer Ausweitung derselben zu tun sein wird.
Üblicherweise - das wird man behaupten dürfen - geht man psychoanalytisch davon aus, daß die besagte Gebrauchssperre einzig ein Problem des pathologisch, also nicht intentional streikenden Subjekts - des Subjekts mit lebensgeschichtlichen Hypotheken - sei, und daß dieses seine
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Behinderung verschulde; daß also der Charakter der betreffenden Objektivität selber an Psychopathologie keinen ursächlichen Anteil habe. Üblicherweise bleibt die Objektivität wie unbeteiligt außenvor, ja sie müsse gar zum therapeutischen Nutzen des Kranken von dessen rein subjektiven, nutzlosen und verwirrenden Zutaten wieder gereinigt werden, damit der Gebrauch der Dinge wieder gewährleistet sei.
Ohne damit im geringsten einer gegenteiligen objektivistischen Verschiebung von Krankheitsverursachung das Wort reden zu wollen, soll die Behauptung gelten, daß die eben apostrophierte Psychopathologieauffassung - die Nichtbeteiligung des symptomspezifischen Objektivitätsausschnitts an Krankheit - nicht aufrecht erhalten werden kann. Weshalb nicht?
Im Sinne der Hinführung zu einer Begründung ist es fürs erste angebracht, sich dessen zu vergewissern, daß die Einschlagstelle von Psychopathologie, nämlich der Ort des Gebrauchs, in keiner Weise die für den Menschen wesentlichen Orte des Dingverhältnisses erschöpft. Ausschlaggebendere weitere - die Produktion und die Tauschverhältnisse - kommen hinzu. Verfolgt man nun die in Krankheit gebrauchsbestreikten Dinge bis zum Ort ihrer Entstehung, bis zur Produktion also zurück, so müßte sich hier eine andersartige Beziehung zur Objektivität einstellen als diejenige, wie sie sich im Gebrauchsbereich, der in Krankheit kollabiert, ergibt. Zur Bestimmung dieser Andersartigkeit wäre in der Psychoanalyse bestens vorgesorgt, wenn die entsprechenden Theoreme in den Zusammenhang einer psychoanalytischen Produktionslogik sozusagen angemessen aufgenommen würden. Es ist die Theorie der Übergangsphänomene und -Objekte, u.U. auch die des Fetischismus und insgesamt die des Todestriebs. Allemal wird man im Bereich der Produktion, der Hervorbringung dinglicher Objektivität bereits, jene Leidenschaft zumal am Werk erfahren, die die Psychoanalyse einzig zwar, doch, wie es scheint, in zunehmender Verengung, als die Passion des Ödipuskomplexes, gesteigert als die des Narzißmus und wiederum gesteigert als die des Todestriebs ermittelt hat und kennt. Es macht gewiß keinen Sinn, die technologische Kreativität des Menschen rein nur aus der Lebensnot ableiten zu wollen, also als
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Ichfunktion auszugeben. Auch hier sind andere Kräfte, wenn man es so will: Triebkräfte, die psychoanalytisch bekannten Triebkräfte, zu veranschlagen, die, wenn sie in ihren Produkten erfolgreich sind, seltsamerweise diese ihre Herkunft zu verleugnen scheinen: diese Herkunft zu einer bloßen Symbolik, über die sie hinaus ein ganz Anderes, allererst Wesentliches seien, abschwächen, unverbindlich machen, nur für den Ausnahmefall von Krankheit etwa zulassen. Überfällig wäre es demnach, eben psychoanalytisch - von woher sonst? - dieser allherrschenden Suggestion der Herkunftsverschließung, die Produktion dinglicher Objektivität betreffend, zu wehren; und dies durchaus mit psychoanalytischen Mitteln, nämlich in dem Sinne, daß die trügerische Überwindung des Ödipuskomplexes, die trügerische Erfüllung des Narzißmus und die trügerische Realisierung des Todestriebs die Dinglichkeit selber wäre.
In diesem Zusammenhang gibt es besonders zu denken, daß auch in der Psychoanalyse die Theorie der Produktion vernachlässigt worden ist. Offensichtlich maßgebend sind in der Tat die Produktivkräfte und nicht primär die immer irgend restriktiven Produktionsverhältnisse - die Produktivkräfte, auf die sich Psychopathologie gebrauchsverweigernd symptomimmanent, man möchte meinen direkt, bezieht; allerdings dergestalt bezieht, daß primitive Dingzusammenhänge die Bezugsobjekte ausmachen, so wie wenn in historischem Sinne zugleich an die Anfänge von Technik erinnert würde. Maßgeblichkeit der Produktivkräfte - gewiß. Doch die Produktivkräfte sind in keiner Weise marxistisch in positivem Verstande als historisch-materialistischer Auftrag der Gattungsgeschichte zitierbar. Im Gegenteil - pointiert psychoanalytisch ausgedrückt, gibt die allverbreitete Verleugnung der Triebherkunft der technischen und institutionellen Objektivität besonders zu denken. Inwiefern muß diese Art der Herkunft, die ohne jeden Zweifel zutrifft, skandalöserweise verleugnet werden? Offensichtlich doch, weil in dieser umfassenden Triebhinsicht jegliche Produktion eine Untat ist, eine "schlimme Tat", die suggeriert, nicht getan worden zu sein; will sagen: es gibt kein menschliches Produkt, das nicht Dokument des untergegangenen Ödipuskomplexes wäre, der zugleich darin nicht untergehen - im Sinne von Vernichtung - kann; das
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nicht Dokument des erfüllten Narzißmus wäre, der sich, wie bekannt, nur in Selbstinflation und in Zerstörung alles Anderen zu erfüllen vermag; und das nicht zuletzt - die theoretische Summe all dieser Einzeltheoreme - Realisierung des Todestriebs wäre, der das Tote mit der Kulmination des Lebens verwechselt. Es führt kein Weg daran vorbei einzuräumen, daß die Kräfte des Unbewußten längst auf die Produktivkräfte - je entfesselter, umso mehr - konzentriert sind; eine vernachlässigte, ja abgestrittene, verleugnete Konzentration - das gesellschaftliche Makrounbewußte sozusagen auf seinem Gipfel -, die ihren Grund darin hat, daß die ganze Untat der Produktion, diese erfolgreichste aller Haltlosigkeiten, ihre Verdeckung besonders erfordert.
Um zur Psychopathologie zurückzukommen - hält man die Ungeheuerlichkeit der Schuld der Produktion, die sich in ihren Produkten zu exkulpieren meint, bei Bewußtsein, so fällt auch ein anderes Licht auf den Gebrauchsstreik in psychopathologischen Krankheiten. Wenn nicht alles täuscht, thematisieren diese Krankheiten je spezifisch nach dem betroffenen Objektivitätsausschnitt die ganze Gewalt des abgedeckten Unrechts, das schon in der Produktion der jeweils in den Symptomen einschlägigen Dinge beschlossen liegt. Primär in der Produktion, aber nicht nur in dieser, freilich auch, was durchweg manifester sein dürfte, in den Produktions-, Tauschverhältnissen. Und diese Schuldthematisierung geschieht - in Krankheit immer am Ort des Gebrauchs - folgerichtig also dort, wo das Ziel all dieser Vorgänge, die Verwendung durch den Menschen, im Sinne der Bestätigung von deren schuldfreiem Gelingen abgerufen wird. Auf die Objektivitätsausschnitte in den psychopathologischen Symptomen hin gesehen, bricht also das betreffende gesellschaftliche Makrounbewußte an dieser Ziel- und Beglaubigungsstelle, der Konsumtion, zusammen.
Also würde es zwingend zu konzedieren, daß in dieser ausgreifenden Schuldthematisierung in Krankheit, in dem besagten nichtintentionalen Gebrauchsstreik, ein Wahrheitsmoment als ein sinnvolles, ja aufgeklärtes Protestelement gegen die Gewalt des abgedeckten Unrechts der Produktivkräfte wie auch der Produktionsverhältnisse, kurzum: gegen das gesellschaftliche Makrounbewußte inbegriffen ist? Das wird man in dieser
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Perspektive behaupten müssen, und zwar durchaus im Sinne eines initialen, sozusagen antipsychiatrischen Votums, das sich dem psychoanalytischen Wissen zugesellen ließe: daß nämlich der Kranke von dem, was in seiner Krankheit an Objektivität betroffen ist, immer auch mehr weiß als die Nichtkranken. Sogleich aber ist es überfällig, ebenso stark zu machen, daß die antipsychiatrische Rechnung nicht aufgeht; will sagen, daß Krankheit, unbeschadet ihrer den Betrieb störenden berechtigten Schuldanmahnung, Krankheit bleibt. Worin bestehen dann aber die Krankheitskriterien? Was läuft in der in Krankheit doch veranschlagten außergewöhnlichen "Gedächtnisleistung", die Triebherkunft der Dinge betreffend, gleichwohl falsch? Worin besteht der verbleibende schwere Fehler im pathologischen, auf Objektivität mitzielenden Schuldmonitum?
Zunächst erweist sich die Nichtintentionalität des Gebrauchsstreiks, der Überfallscharakter der Schuldthematisierung als ausschlaggebend. Anscheinend ist das Erschrecken über den Schuldaufriß und die Schuldkomplizenschaft mit der betreffenden Objektivität im Symptom derart eingefleischt heftig, daß es mit dem besten Willen für den Kranken selber keineswegs zu der apostrophierten höheren Erkenntnis kommt - was aber soll ein Ausnahmewissen taugen, wenn es für den, den es doch in erster Linie angeht, überhaupt nicht vollzogen werden kann? Aber nicht nur das: in dieser Ignoranz spielt sich der für Krankheit entscheidende Vorgang ab, nämlich der getätigten Schuldthematisierung auszuweichen, diese zu fliehen, erst recht zu fliehen, insofern sie in die scheinbar schuldfreie entsprechende Gebrauchsnormalität hinein nicht vergessen werden kann. Es ist dies das bekannte Gezerre in Krankheit: diese verhinderte Flucht. Pointierter noch ausgedrückt, schüttet Krankheit das Kind mit dem Bade aus: sie versucht nämlich, indem sie mit dem gesellschaftlichen Makrounbewußten der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse zu brechen ansetzt, in einem auch mit diesen selber, mit der Dingherstellung und den Tauschverhältnissen als solchen, zu brechen; was menschlich nicht möglich ist, in ein Niemandsland führt. Diese unmögliche Situation sucht sich sodann dadurch in sich abzuschließen, daß im Sinne der Identifikation mit dem Aggressor der Kranke selber zum Schuldaufriß des
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jeweiligen Ausschnitts des Makrounbewußten würde, also zur Unbewußtheit der Untat der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse. Dieser Abschlußvorgang, der Inbegriff der Anmaßungspassion von Krankheit, steht folgerichtig unter Strafe; dieses Sanktionselement aber fungiert als zirkuläres Abdichtungsmittel - Selbstbestrafung - des Symptoms sodann.
Diese Erwägungen haben schwerwiegende Folgen für das Verständnis der Normalität als des Gegenteils von Krankheit. Es bedeutete eine Kompromittierung des Abweichungsfalls Pathologie mit ihrer - freilich "ungekonnten" - Thematisierung der Schuld der produzierten und ausgetauschten Objektivität selber, wenn sie einfach in den Kontrastzustand einer gar auch noch lustprämierten Gebrauchssouveränität therapeutisch - und so lautet ja durchweg die therapeutische Norm - übergeführt werden soll. Ist doch eine solche Gebrauchssouveränität nichts anderes als die blinde Letztbeglaubigung und neuerliche Anregung aller Produktionsund Tausch-"kriminalität", einschließlich ihrer Abgedecktheit, Unbewußtheit. Kompromittierung von Krankheit - gewiß; doch - um es nochmals zu sagen - aus dieser Art Beschützung von Krankheit ist kein antipsychiatrisches Votum zu machen, insofern diese denselben buchstäblich verheerenden Normalitätsbegriff letztlich nur auf die Spitze treibt: die Schuldthematisierung zu widerrufen, mit dem Aufriß der Unbewußtheit der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse diese selber abzuschaffen, ja mit diesen in ihrer Unbewußtheit schließlich einszuwerden versucht. Worin aber kann dann noch die andere, bessere therapeutische Norm bestehen? In dieser Perspektive einzig im paradoxen aufgeklärten Erlernen der in Normalität und zumal in Krankheit verloren gegangenen Fähigkeit, sich allererst verschulden zu können, ohne Aussicht darauf, daß diese Verschuldung jemals gesühnt werden könnte. Auch die hier veranschlagte Art von Aufklärung ist keinerlei Exkulpationsform. Meint man, es gäbe solche Exkulpationsmögliclikeiten doch, so geriete man sogleich wiederum in die verheerende Normalität und in ihren Schatten, die Krankheit, rettungslos hinein. Hier aber könnte sich eine Auswegslosigkeit auftun: es könnte sich nämlich herausstellen, daß dieser Gegenführungsversuch
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wider den Schein der unschuldigen Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse längst zu spät kommt und vor deren Fortschrittsrasen also kapitulieren müßte. Vielleicht liegt darin auch ein leicht übersehbarer Grund der wahrscheinlich zunehmenden Therapieresistenzen der Krankheiten im Zuständigkeitsbereich der Psychoanalyse beschlossen?
Woher aber rührt dieses zwar nichtintentionale, doch negativ sinnvolle Krankheitsgebaren, dessen Verursachung bisher ja noch nicht befragt worden ist? Als Ätiologie bietet sich die Hauptleistung der Psychoanalyse, nämlich die lebensgeschichtliche, psychogenetische Herkunftserklärung freilich an. Vollzieht man aber die vorgeschlagene Objektivitätswendung mit, so hat diese unvermeidlicherweise auch Einfluß auf diese Herkunftserklärungsart. Und zwar kann es beim Subjektivismus auch in dieser Dimension nicht mehr bleiben, es muß vielmehr dieser Herkunftsbereich, kurzum die infantile Sexualität, im Sinne von horizontalen Längsschnitten mit auf das gesellschaftliche Makrounbewußte bezogen werden. Dann aber wird die Infantilität in Hinsicht von Krankheitsgrundlegung als nicht hintertriebenes und zugleich verworfenes Zuvielwissen spruchreif; oder anders ausgedrückt, es wird von Seiten der Eltern, der Familie zu wenig Unbewußtheit und in einem zu wenig Bewußtheitsfreiheit einsozialisiert, also double-binds, immer schon auf das Makrounbewußte im ganzen je spezifisch bezogen, praktiziert. Hinzukommt zu dieser in der Herkunftsdimension von Krankheit schon geltend zu machenden Objektivitätswendung, daß diese Dimension nicht die letzten ursächlichen Bestimmungen für Krankheit enthalten kann. Lebensgeschichte, Psychogenese ist keine Letztätiologie; diese besteht vielmehr in so etwas wie einem gesellschaftlichen Bedarf an Abweichung zum Zweck der umso erfolgreicheren Rechtfertigung des Stands der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse. Versuchte man einmal so zu denken, so macht man regelmäßig die Erfahrung, daß sich im Rahmen des psychoanalytischen Subjektivismus die Verursachungsspuren in Fatalitäten hinein verlieren, die nicht mehr vom isolierten ödipalen Familienspiel einfach verantwortet sind und die es durchaus nahelegen könnten, selbst im Falle psychoneurotischer Erkrankungen sorgfältiger nach organologischen Mitverursachungen zu suchen,
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nach Zufällen also, die in den Sog des besagten Abweichungsbedarfs so hineingeraten, daß man meinen könnte, sie seien als basale Konstituentien dieser Bedarfsdeckung wie ausersehen. Man machte es sich in diesem Zusammenhang allzu leicht, solchen Versuch der Öffnung des psychoanalytischen Subjektivismus mit dem Verdikt des Ausweichens vor dem Ödipuskomplex abzutun. Der Ödipuskomplex treibt sein Unwesen im Objektiven zumal; dieses aber ist vom Menschen, seinem wesensmäßig projizierenden Körper gemacht. Man kommt also vom Regen in die Traufe.
Diese theoretischen Erwägungen nun in thesenhafter Raffung.
Geht man das Vermittlungsproblem zwischen den psychoanalytischen Belangen von Subjektivität und gesellschaftlicher (institutioneller und technologischer) Objektivität von der Psychopathologie her an, so zeigt es sich, daß in den einschlägigen Krankheitssymptomen durchweg ein direkter Bezug zu bestimmten Objektivitätsausschnitten gegeben ist.
Die Art dieser Beziehung ist die eines krankheitsgemäß nichtintentionalen Gebrauchsstreiks; der Einsatzort von Krankheit ist der Gebrauchsbereich.
Nicht ist es so, daß dieser Gebrauchsstreik sich letztlich überflüssigen und sinnlosen Zutaten des kranken Subjekts zur dadurch unbrauchbar gemachten spezifischen Objektivität verdankt; es ist vielmehr so, daß die Gebrauchsverhinderung die Schuld dieser Objektivität im Rückgang auf die Untat ihrer Hervorbringung und auch des Unrechts ihres Tauschs thematisiert. Der Gebrauch soll die Abdeckung (die Makrounbewußtheit) dieser unabtragbaren Schuld bestätigen. Reißt aber diese Schuldverhüllung auf, so ist es um den Gebrauch geschehen.
Es wäre ein einmaliger Aufklärungsakt in Krankheit, wenn diese sich nicht in das, was sie aufzuklären ansetzt, bis hin zur bestraften Identifikation mit diesem Aggressor verstrickte. Krankheit stellt sich so dar als die Unmöglichkeit einer Hypernormalitätsverdichtung, die die ihr eigene Schuldthematisierung widerruft, indem sie den Aufriß der Makrounbewußtheit der schuldhaften Produktion und des schuldhaften Tauschs in deren Beseitigungsversuch hinein überzieht.
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Therapeutische Norm kann nicht die lustbesetzte Gebrauchssouveränität sein, vielmehr das auf diesen Normalitätsbegriff sich miterstreckende Erlernen, sich unabtragbar zu verschulden.
Die lebensgeschichtliche, psychogenetische Ätiologie von psychischer Krankheit reduziert sich, immer im Bezug auf Objektivität auch hier, auf den double-bind der Zulassung und gleichzeitigen Verurteilung von Infantilität als Zuvielwissen. Dieser krankheitskonstitutive double-bind aber erhält seine letzte Zweckbestimmung durch den gesellschaftlichen Bedarf an - die Anpassungsnorm a fortiori rechtfertigende - Abweichung; ein Bedarfskalkül, in dem sich die lebensgeschichtlichen, psychogenetischen Ätiologiespuren oft bis zur Unkenntlichkeit (u.U. in organologische Zufälle hinein) verlieren.
Es ist zu vermuten, daß diese Objektivitätsausweitung, die Versetzung des Unbewußten als des Makrounbewußten in die Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, auf die Dauer einzig noch und zeitgemäß die Aufklärungspotentiale der Psychoanalyse zu bewahren versteht. Diese selber bleibt in ihren wesentlichen Annahmen - das Unbewußte, die Sexualität - unangetastet, ja mehr noch: in dieser Ausweitung zeigt sie erst das ganze Ausmaß ihrer Aufklärungspotenz. Nicht zu übersehen auch, daß die Psychoanalyse immer dann, wenn sie Objektivität zu thematisieren nicht umhin kann (Übergangsobjekt, Fetischismus, insbesondere Todestrieb), die Grundzüge der vorgeschlagenen Ausweitung bereits in sich enthält. Um diese nutzbar zu machen, bedarf es nur der Aufgabe ihrer subjektivistischen Einschränkung und darin zumal der Kritik des den Subjektivismus hauptsächlich tragenden Symbolbegriffs.
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2. Vorüberlegungen zur praktischen Anwendung dieser Ausweitung der Psychoanalyse
Im folgenden soll versucht werden, die Anwendbarkeit der vorgestellten theoretischen Erwägungen auf Krankheit zu demonstrieren; dies allerdings nicht im Sinne eines Fallberichts, sondern in der Art eines applikativen Gedankenexperiments, das, dem Erscheinungsbild von Krankheit entlang, die Chancen der Ausweitung der Psychoanalyse auf die in Krankheit selber betroffene Objektivität zu diskutieren vorhat. Als Krankheitsbeispiel wurde die Anorexie gewählt, und zwar zufälligerweise aus Anlaß einer intensiven Beschäftigung mit derselben in klinischen, nicht direkt therapeutischen Zusammenhängen.
Die Anwendung müßte prinzipiell darauf hinauslaufen, direkt an den Symptomen zu arbeiten, und zwar an diesen, insofern sie die skizzierte Schuldthematisierung an den Tag legen. Auf die Anorexie bezogen, verhält sich der/die Kranke so, als sei die Nahrungsmittelaufnahme ein zutiefst schuldhafter Vorgang, dessen Schuldhaftigkeit wie unabdingbar scheint. Worin aber besteht diese Schuld? Wo ist ihr Ort zu suchen? Der in der Anorexie thematisierte Ort der Schuld ist das Nahrungsmittelwesen insgesamt. Und in dieser objektiven Größe besteht der Gehalt der Schuld darin, daß die alimentären Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse ein Unmaß an Nichtäquivalenz, Nichtausgleich aufweisen. Es bedarf keiner besonderen Einsichtsfähigkeit, um wahrnehmen zu können, daß der um der Subsistenz willen ausgebeuteten Natur so gut wie nichts rückerstattet wird; und ferner daß - was eher schon ins kritische Bewußtsein zu fallen pflegt - das Verteilungssystem global dem "Recht der Ungleichheit" untersteht. Man mache sich einmal nur an einem Grundnahrungsmittel, einem Stück Fleisch zum Beispiel, klar, wie unzählig fast schon die Äquivalenzverwerfungen, ja -vernichtungen in allen Ökonomiedimensionen bis hin zum Verzehr beschaffen sind! Je höher der Kulturationsgrad des Nahrungsmittelwesens sich ausprägt, umso stärker fällt die Verfänglichkeit aus, das System des Unrechts, des Sichverschuldens darin, zu übersehen. Offensichtlich begünstigt die elementare Kraft des nutritiven "Stoffwechsels
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des Menschen mit der Natur", die Lebensnot, die hier in der Tat immer gegeben ist, in besonderem Maße die Verdeckungs- und Verschließungsgepflogenheiten, die den Kulturleistungen, zumal wenn sie elementare Triebe betreffen, wesensmäßig zu eigen sind. Dann auch pflegt sich die Besetzung des Konsumbereichs insbesondere zu verdichten, so als gäbe es so etwas wie ein natürliches Recht auf lustvolle Sättigung für die Nöte des Hungers und die Arbeit womöglich auch, die umwegsam mit allen ihren Kulturierungsüberschüssen für deren Aufhebung sorgt.
Diese Gedanken zum Schuldgehalt in Anorexie verfolgen nun keineswegs die Absicht, gesellschaftskritisch und gar marxistisch diese Krankheit einseitig zu entschulden und alle Schuld dem Nahrungsmittelwesen zuzuschreiben - man wird gerade hier mit Revolutionen zum Zweck der Herstellung von Äquivalenz bald an ein Ende kommen -; es gilt vielmehr fürs erste nur die Behauptung, daß diese unabweislichen objektiven Schuldverhältnisse im Gebaren der Anorexie eine spezifische, unerwünschte Empirie finden. Der/die Kranke verhält sich zum Essen so, als sei die Nahrung tabu, behaftet also in sich selber mit schwerer verschlossener Schuld, die sich im Verzehr, den Verzehrenden letztlich vernichtend, freisetzt. Auch auf die Gefahr hin, daß eine solche Wendung als animistisch und dergleichen abgetan würde, macht es doch keinen Sinn, ein solches Krankheitsgebaren zu einem bloßen Als-ob, einem bloß subjektiven Schein, einer ungehörigen Zutat herabzuwürdigen. Es muß dabei bleiben, daß das Nahrungsmittelwesen selbst als solches in dieser Krankheit einen nur scheinbar ungehörigen Riß, in dem die Schuldhaftigkeit desselben zum Thema wird, bekommt.
Wie schon angedeutet, wäre die Anorexie aber keine Krankheit, die sie ist und bleibt, wenn sie diesen Schuldaufriß mit vollem Bewußtsein aushielte. Das ist eben nicht der Fall. Krankheitsentscheidend vielmehr kommt es zu einem derart vehementen Schuldbefall - man möchte meinen, fast schon zu einer Art von Todeserfahrung, die darin bestände, selber nicht-äquivalent und endgültig getauscht zu werden wie als Strafe für alle getätigten Nichtäquivalenzen -, daß Angst vor der eigenen Courage,
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nichts als Flucht vor der eigenen "Gedächtnisleistung" die einzige Devise ist. Es gibt nun ein ganzes System von vergeblichen Fluchten, die sich als Symptomatik der Anorexie manifestiert. An erster Stelle ist das Erbrechen zu erwähnen, ein Vorgang also, der gezielt die Nahrungsaufnahme rückgängig macht, also gegen das schuldhafte Beisichbehalten und die vorgesehene Verwendung des Essens angeht. Dem voraus geht meistens ein Freßanfall, dessen offensichtlicher Suchtcharakter, wie Sucht immer, den Zweck hat, das Aufkommen von Schuld, selten in der Form ausdrücklicher Schuldgefühle außerdem, im vorhinein zu unterlaufen und zunichte zu machen. Oft tritt der Fall ein, daß sich die Schuld dieses oftmals von Nahrungsobsessionen durchsetzten Suchtverhaltens mit der ohnedies aufkommenden Schuld der Nahrungsaufnahme selber schon schuldsteigernd verbindet und das Erbrechen umso dringlicher werden läßt. Unstillbare Gier, die die Rhythmik des Hungergefühls außer Kraft setzt, als insbesondere schuldhaftes Unterlaufen der aufkommenden Schuld des Essens selber und das Erbrechen als Sühnemaßnahme für die potenzierte Schuld stellen die Hauptsymptomatik der Anorexie dar. In höchster Steigerung kommt, wie eingegrenzt wahnhaft, das bestrafte, vergiftete selber-zur-Nahrung-werden ebenso ins Spiel wie umgekehrt die Bestrafung der Nahrung, die dieses Einswerden verweigert, durch ihr Erbrechen.
Als häufige Begleitsymptome begegnen in diesem Zusammenhang die Verstopfung (oft mit Blähungen verbunden) und die Amenorrhoe. Beide Begleitsymptome haben den allgemeinen Sinn, die Aufhebung der Körperrhythmik und schließlich des organischen Körpers insgesamt zugunsten des Undings eines sozusagen organlosen Körpers zu verallgemeinern und wie bei der Amenorrhoe auf die generativen Sexualfunktionen auszudehnen. Als spezieller Sinn der Verstopfung kommt hinzu, daß die im Körperinneren verborgene Schandbarkeit der Nahrungsaufnahme, diese zuhöchst schuldige Komplizenschaft mit der Schuld der Nahrungsmittel selber, nicht ruchbar werden darf. Die Exkremente nämlich sind wie ein Geheimnisverrat dieser "kriminellen" Innenvorgänge, die ebenso verborgen bleiben sollen, wie man den Nahrungsmitteln, insbesondere den kultiviert
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aufgemachten, die Schuld, die sie beinhalten, nicht ansehen darf. Es ist zu vermuten, daß der Austritt des Menstruationsbluts demselben Verdikt des Geheimnisverrats untersteht; wie überhaupt die Anmutung stark ist, daß in dieser Krankheit die einzelnen Organsysteme - die Nahrungsaufnahme, die Ausscheidung sowie die Menstruation - nicht recht unterschieden werden können. Der gesamte Körper soll ja entkörperlicht, zum organlosen Körper, der gleichwohl lebt, werden, der als Inbegriff von Schuldfreiheit sich illusorisch durchzusetzen sucht.
Auch die für die Anorexie typischen Verhaltensweisen, die nicht im engeren Sinne zu deren Symptomatik zählen und doch nicht den Krankheitsrahmen überschreiten, haben alle die Bedeutung, den besagten Schuldaufriß wieder zuzudecken. Allgemein charakterisisert, huldigen diese Verhaltensweisen als Symptomableitungen bis hin zu Symptomgrenzfällen, wie bekannt, einem unverwechselbaren Ästhetizismus, der im Sinne einer Reaktionsbildung in krassem Mißverhältnis zu den "Schmieragen" im engeren Symptombereich steht. Dieser Ästhetizismus spielt in erster Linie im ursprünglichen Bezugsbereich der Anorexie, dem Nahrungsmittelwesen. Es bedarf keiner langwierigen Untersuchungen, um in Erfahrung zu bringen, daß der/die Kranke ein hierarchisches System der Nahrungsmittel nach der Maßgabe der Offenbarkeit der Schuld in diesen ausbildet. Entsprechend steht des öfteren eine Art von Konditoreivegetarismus an der Spitze dieser Hierarchie, nur daß der Schein der Schuldentlastung in dieser Nahrungsmittelart trügt - es ist umgekehrt nämlich so, daß die schuldfreien Nahrungsmittel ihren Verzehr stärker beschuldigen - und die Verführung zur Gier, von diesen ausgehend, am stärksten ist. An solchen vergeblichen Hierarchiebildungen ist die ganze Groteske des "Kulturbetrugs" ablesbar. So ist es doch ein einziger Kulturwitz, daß in beruhigten Phasen der Krankheit beispielsweise italienische Salami, freilich hauchdünn geschnitten und mit so kleinen Fettstücken, daß sie nicht mehr sichtbar sind, genossen werden kann. (Der darin mitverwurstete Esel hat es als Esel ja auch nicht anders verdient, geschlachtet zu werden.) In der Hierarchie zuunterst rangiert häufig sichtbares Tierfett, in dem sich - was einmal bis in die Physiologie des Fettstoffwechsels hinein
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dargestellt werden müßte - die ganze Schuld von Nahrung zu konzentrieren scheint, so daß man von hier aus vielleicht auch nachvollziehen kann, inwiefern in zahlreichen Opferriten insbesondere das Fett des Schlachtopfers dem Gotte vorbehalten ist. Gewiß sind damit längst nicht alle typischen Merkmale in diesem ästhetizistischen Reaktionsbildungsbereich, auf Nahrung bezogen, erfaßt. Darauf kam es aber auch nicht an; es sollte vielmehr gezeigt werden, daß es im Rahmen der Anorexie keine Verhaltensweise gibt, die nicht um die Thematisierung der Schuld in den Nahrungsmitteln selber, vornehmlich in Hinblick auf die Zudeckung des Schuldüberfalls im Verzehr, kreist. Hier liegt sicherlich eine Chance beschlossen, am Leitfaden der anorektischen Hierarchiebildungen, fernab von Krankheit, die ja das Prinzip dieser Hierarchisierung, die objektive Schuld, nicht erträgt, das Schuldproblem im Objektiven überhaupt erst einmal als Problem zu sichten. Geschähe dies, so geht es auch nicht mehr an, die anorektischen Hierarchien einfach auflösen zu wollen. Sie müßten vielmehr Anlaß bleiben, das Nahrungsmittelwesen zu kritisieren; wozu es ja wahrlich genügend Anlaß gibt. Vielleicht auch könnte therapeutisch diese Kritikgabe aus ihrer kranken Verstrickung ins Kritisierte herausgeschält und dem Kranken als eine besondere Befähigung rückerstattet werden, zumal ja keine Hoffnung besteht, die Anorexie therapeutisch einfach wegzuschaffen. Sie vermag nur, wie angedeutet, vielleicht verwandelt zu werden?
Eine weitere Eigenart der Anorexie, vom Zentrum der Symptomatik zwar entfernt, doch nicht eigentlich außerhalb derselben befindlich, besteht in der besonderen Besetzung der Kleidung. Die Symptomzugehörigkeit der auffälligen Sorgfalt, sich anzuziehen und überhaupt aufzumachen, zeigt sich fürs erste darin, daß die Kleidung so ausgewählt wird, daß die Körperumrisse in ihr verschwinden. Aber nicht nur dies: die Kleidung, die tote Hülle sozusagen, gilt als das Ideal des Körpers als organloser Körper selber; sie ist der allverfügbare, unbedürftige, "rein geistige" Körper, der konsumatorisch kein Schuldverhältnis zu Nahrungsmitteln eingehen kann. In aller Häufigkeit tritt bei der Anorexie auch die Leidenschaft zu tanzen auf, insofern der tanzende Körper sich am ehesten dem organlosen Körper
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als schwereloser, schwebender, ätherischer Körper annähert. Leicht und nochmals leicht wie ein Windhauch ist die Parole. Im Zusammenhang eines modifizierten Balintgruppenverfahrens, das von A. Drees (Duisburg) ersonnen, auf die Körperempfindungen, die Krankenvorstellungen in den Gruppenmitgliedern hervorrufen, abhebt, kam es - so die eigene Erfahrung - gehäuft zu Empfindungen des Schwebens, Fliegens, der räumlichen Orientierungslosigkeit - es dürfte also durchaus möglich sein, das gefährliche Körperideal dieser Kranken am eigenen Körper sympathisch zu simulieren. Daß dann aber diese Art der Reaktionsbildung umkippte und die widrigsten Empfindungen von Aufplatzen, Herausquellen, Besudeln aufdringlich wurden, so als könne man ebenso nachstellen, daß ein solch reiner Geistkörper nichts als stinkt, das ist die materielle Kehrseite der geistigen Medaille. Noch weiter schließlich vom Mittelpunkt der Symptomatik entfernt, doch trotz dieser begrüßenswerten Entfernung oft umso einbruchgefährdeter - handelt es sich doch um Reaktionsbildungen (höchstens mit "Funktionswechsel") - sind die charakteristischen Tätigkeiten, Berufstätigkeiten dieser Kranken, als deren allgemeines Merkmal eine Art von pragmatischem Rationalismus angegeben werden kann. Jedenfalls muß in irgendeiner entschiedenen Hinsicht professionell, also in sublimierten Formen, ebenso die Garantie, mit organlosen Körpern sich zu beschäftigen, gegeben sein, wozu gegenwärtig nicht zuletzt die Medien zählen.
Warum aber diese Ausführlichkeit in der theoretischen Beschreibung des allbekannten Erscheinungsbilds der Anorexie? Allein um die vorgeschlagene Objektivitätswendung probeweise theoretisch an einem Krankheitsbeispiel vorführen zu können. Um es anhand dieses Beispiels nochmals zu sagen: es gibt keine Symptomdimension, die nicht davon gezeichnet wäre, der konsumatorischen, normalerweise abgedeckten Schuldkomplizität mit der abgedeckten Schuld der betroffenen Objektivität, hier der Nahrungsmittelindustrie und dem -handel insgesamt, vergeblich auszuweichen. Und es kann schlechterdings nicht angehen, diese Schuldkomplizität, wie dies üblicherweise (oft auch psychoanalytisch) geschieht, in einen rein subjektiven, lebensgeschichtlich, psychogenetisch höchstens
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abgeschwächten Illusionismus des Sich-schuldig-Fühlens hineinzuverfälsehen. Therapieziel kann es demnach nicht mehr sein, schuldfreies Essenkönnen herzustellen, vielmehr die Übernahme der thematisierten, doch sogleich geflohenen Schuld im Essen auf der Grundlage der Schuld der Nahrungsmittel selber zu erlernen.
Die Anorexie ist ausnehmend eine psychische Frauenkrankheit, und es ist nicht von ungefähr, daß feministische Therapien sich auf sie (und die Adipositas) weitgehend spezialisiert haben. Es ist gewiß mehr als nur verfänglich, den "weiblichen Protest" darin hervorzuheben, das Moment also, daß gegen die Enteignung von Weiblichkeit, des mütterlichen Körpers, der Aufstand erprobt wird. Gegenstand der Kritik ist der nutritive Kulturbetrug, der ganze Schein der Unschuld der Nahrungsmittel, wodurch der Anlaß auf Dauer gestellt wird, die körperliche Vermittlung der Nahrungsmittelindustrie, die Mutterbrust und die ganze Mutter zum Scheine umso berechtigter zum einzigen Schuldträger zu erklären, es sei denn, sie gäbe sich, sich selbst opfernd, nur noch dazu her, selbst schon wie ein allverfügbares totes Ding, wie ein vollautomatisiertes Restaurant etwa, dienstbar zu sein. Gewiß tendiert der Trieb, der menschliche Hunger, hauptsächlich zur Abdeckung seiner Schande, kultiviert dahin; doch diese kulturschaffende Unmäßigkeit bleibt sowohl aufklärbar als auch brechbar, und vor allem ist es unverständig, den Widerstand des mütterlichen Körpers dagegen bloß als einen zu beseitigenden Störfaktor anzusehen und, wenn er als solcher nicht beseitigt werden kann, zum einzigen Schuldträger zu erklären. Man wird also behaupten dürfen, daß die Anorexie im Ansatz gegen diese aberwitzigen allüblichen Schuldverteilungsmaßnahmen aufbegehrt, den mütterlichen Körper also gegen seine kultivierte Verdinglichung einschließlich deren scheinbaren Unschuld zu retten versucht. Doch dies ist nur die eine nicht isolierbare Seite dieser zutiefst weiblichen Krankheit. Sie wäre keine Krankheit,wenn sie nicht zugleich dem, was sie einschneidend zu kritisieren ansetzt, mit Haut und Haaren verfallen wäre. Auch in dieser speziellen Hinsicht betreibt sie letztlich nichts anderes als Identifikation mit dem Aggressor, vollstreckt in vergeblicher Überwertigkeit das bloßgelegte Urteil über den weiblichen
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Körper an sich selber und macht sich so zum leidenden Opfer dieses Urteilsspruchs, und dies unter Umständen bis zum bitteren Ende, ohne Aufschub und Zwischenwerte des immer-noch-leben-Könnens, wie eingeschränkt auch immer, zum organlosen Körper, toten Ding, reinen Geist zu werden; so als sei es möglich, wenn überhaupt noch, sich außerhalb des Körpers zu ernähren, und zwar rein nur noch durch den verbleibenden Blick. In diesem Zusammenhang noch ein Wort zu den häufigen exhibitionistischen Träumen. Sie sind nicht eigentlich im engeren sexuellen Sinne exhibitionistisch, laborieren vielmehr an der Herstellung des organischen (versus organlosen) Körpers im Ausgang von der sichtbaren Körperoberfläche her. Meistensteils kommt es im Traum dazu, sich hüllenlos (sogar mit Ablegung der Haare) im Spiegel irgend verbotenerweise anzuschauen und zu betrachten, wobei der Rücksog zum organlosen Körper als dem reinen Spiegelbild immer noch mitgegeben sein mag. Ein Fortschritt könnte dann darin bestehen, daß dieses doppeldeutige Sich-selber-Ansehen durch den Blick von Anderen, deren Status aber zunächst ebenso uneindeutig bleibt, ersetzt wird. Schließlich könnte noch erwogen werden, ob es unterdessen nicht vielleicht zu einer Ablösung der Initialkrankheit für die Psychoanalyse, der Hysterie, nicht zuletzt durch die Anorexie, die dabei ist, epidemische Ausmaße anzunehmen, gekommen ist?
Die vorgeschlagene Objektivitätswendung hat weitreichende Folgen für den zentralen Vorgang innerhalb der psychoanalytischen Behandlung, für die Übertragung. Man wird davon ausgehen können, daß der/die anorektisch Kranke sich den Nahrungsmitteln gegenüber so verhält, als seien diese lebendig, so als stellten sie einen lebenden Teil des mütterlichen Körpers dar; so als sei die Nahrungsaufnahme ein verbotener "inzestuös-kannibalistischer" Akt. Diese Unfähigkeit, zwischen dem lebendigen mütterlichen Körper und den toten Nahrungsmitteln unterscheiden zu können, fällt insofern besonders schwerwiegend aus, als der "orale Inzest" des Säuglings mit der Mutter, der Muttermilch, vorgesehen und erlaubt ist. Dieser Teil des mütterlichen Körpers ist für den Säugling nicht tabu, untersteht durchweg keinem Vorbehalt der Mutter und ist nicht
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unbedingt gehalten, über den Tabuverletzer zu richten, diesen zu bestrafen in dem Sinne, daß die Schuld, die dieser Körperteil enthält, in abweisende Sanktionsgewalt umgewandelt würde. Es muß nun, um dieses gefährliche, unter Umständen tödliche Unvermögen der Nichtunterscheidbarkeit von Körper und Ding aufzulösen, sinnvoll erscheinen, auf den lebensgeschichtlichen, psychogenetischen Ursprung desselben zurückzugehen, kurzum auf das Elternverhältnis mit dem Schwerpunkt auf dem Verhältnis zur frühen Mutter, die, wie immer auch im einzelnen, durch Verweigerung oder Überangebot des "oralen Inzestes" den autonomieausbildenden Übergang zu den nicht mehr mutterkörperlichen Nahrungsmitteln beeinträchtigte, wenn nicht zerstörte. Ferner muß es ebenso sinnvoll erscheinen, dieses frühe Drama in der Übertragung wiederzubeleben und aufzuklären, um schuldfreies Essen sicherzustellen. So die Auffassung der Psychoanalyse, wie bekannt. Es sollen hier nun nicht die besonderen Schwierigkeiten in der Übertragung bei der Anorexie psychoanalyseimmanent diskutiert werden - nur eine Bemerkung dazu: vielleicht bietet es sich bei solchen Krankheiten an, das Trauma bis in den Mutterleib vorzuverlegen und im Sinne einer Suchhypothese Plazenta-Erkrankungen der Mutter einmal mutzumaßen, womit dann auch die besonderen Übertragungsschwierigkeiten bei der Anorexie eine weitere zur Vorsicht mahnende Erklärung finden könnten? -, es ist vielmehr hier nur darum zu tun nachzuweisen, daß die psychoanalytische Verfahrensweise nicht mehr stichhält, wenn die vorgeschlagene Objektivitätswendung auch in diesem praktischen Bereich zugelassen wird. Wie aber wirkt sie sich hier verändernd aus? Zweifellos bleibt die Unterscheidbarkeit von Mutterkörper und Nahrungsmittel weiterhin mehr als nur wünschenswert; sie bleibt eine Notwendigkeit, zumal wie im Krankheitsfall die Nichtunterscheidbarkeit ein unannehmbares Übermaß an geflohener und in der Flucht letztlich zur tödlichen Identifikation mit dem Aggressor führenden Schuld mit sich führt. Allein, immer dann, wenn diese notwendige Unterscheidung, wie üblich, hin zu einer Schuldaufteilung, die einseitig dem Körper alle Schuld zuschreibt und die Dinge von Schuld ausnimmt, überzogen wird; wenn sie auf der Seite des Subjekts, diesem unzulässigen Dingbegriff entsprechend,
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die durch sie gewährleistete Ichautonomie ebenso als schuldfreie Instanz ansieht, so verdirbt sie, hält nur zum Schein, was sie verspricht, setzt gegen jeden authentischen psychoanalytischen Anspruch Unbewußtheit (ja im Extremfall Unbedingtheit) wieder ein. Die Objektivitätswendung bricht also nicht nur theoretisch mit der Ausnehmung der Dinge von Schuld im Sinne der Ausweitung des Begriffs des Unbewußten auf diese nicht nur als "narzißtische" Grenze, sondern als die sozusagen apriorische Überschrittenheit dieser Grenze - eine Wendung, die immer dann vordringlich wird, wenn man, wie zu Anfang ausgeführt, geneigt ist, nach den Triebmotiven der Produktion der Dinge zu fragen. Zusammenzudenken wäre die Notwendigkeit der Unterscheidung von Ding und Körper sowie - dies allererst gegen den Strich - die diesen Unterschied zugleich aufhebende Schuldbeinhaltung der Dinge.
In lebensgeschichtlichem, psychogenetischem Betracht motiviert diese Wendung, die man als die Behauptung stark machen kann, daß nicht zuletzt die Dinge Dokumente des untergegangenen, nicht aber etwa in diesem Untergang vernichteten Ödipuskomplexes sind, am Leitfaden der schon angeführten psychoanalytischen Theoreme (in erster Linie des Übergangsobjekts) den primären Charakter des Dingverhältnisses schon in der frühesten Frühe zum zentralen Untersuchungsgegenstand zu machen. Primärer Charakter - das bedeutet, daß immer schon in vielerlei Rücksicht die "narzißtische" Grenze der Dinglichkeit in Verhältnisse zu Dingen hinein überschritten ist, und ferner, daß die Subjekte, oder genauer: die Körper, nur unter der Bedingung ihrer funktionalen Nichteinpassung in die Zusammenhänge ihrer Ding-"Doppelgänger" sozusagen einen übertriebenen, abgehobenen Stellenwert, der sich pathogen auswirken kann, erhalten. Der primäre Charakter des Dingbezugs schließt aber - um es immer wieder als die Pointe der Objektivitätswendung zu sagen - keineswegs ein, daß die Dinge in dieser Perspektive einschließlich der zugeordneten Charaktere der subjektiven Vermögen (Ichautonomie) fraglose Garanten der Entschuldung sein könnten. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn sie als solche, wie es fast ausschließlich geschieht, firmieren, so spiegeln sie nur die Kehrseite von Schuld, nämlich blinde Gewaltverhältnisse
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wider, die, selbst wenn sie lebensnotwendig sind, nicht zugleich auch blind, unbewußt, unaufgeklärt bleiben müssen. Allem Anschein nach müßte sich Aufklärung in der Nachfolge der Psychoanalyse insbesondere auf diesen Punkt konzentrieren: daß nämlich der Untergang des Ödipuskomplexes im autonomen Dingbezug ein immer labiles, einbruchgefährdetes Dokument des nämlichen Ödipuskomplexes bleibt. Sofern man dieses wissen kann, sollte man es nicht darauf ankommen lassen, diesem Zusammenbruch, der sich schließlich als die Erfüllungsform der Dinge zu behaupten pflegt, nicht vorzubeugen, und zwar mittels des Versuchs, es eben nicht zum Illusionismus der Unschuld der Dinge, des Dingbezugs kommen zu lassen. Vielleicht wäre hier von Kindern einiges zu lernen, wenn immer man die Vor- und Frühgeschichte des kindlichen Dingbezugs genauer zur Kenntnis nähme. Diese aber im Vergleich zur üblichen Rationalität des Erwachsenen als animistisch, magisch oder dergleichen abzutun, übersieht, daß es ohne den freilich abgedeckten Bestand und das Fortwähren eines solchen Archaismus keine Produktion gäbe, auch keine solche, die in der bedenklichen Weise der besagten Dingunschuld so rasend fortschreitet; worüber die Oberfläche der naturwissenschaftlich-technischen Rationalität, die zum Inbegriff des Unbewußten geworden ist, insofern sie überhaupt nicht mehr nach den Triebmotiven ihrer selbst fragt (man möchte meinen, überhaupt nicht mehr fragen kann), hinwegtäuscht. Indem nach der Maßgabe psychischer Krankheiten selber fast ausschließlich der Ort des Gebrauchs isoliert zum Problem wird, fällt selbst auch in der Psychoanalyse diese Ausweitung auf Objektivität in Hinsicht ihrer Produziertheit, die die gesamte Sichtweise, wie skizziert, verändert, weitestgehend aus.
Diese Umakzentuierung bis in die Psychogenese hinein macht es schließlich erforderlich, auch den Übertragungsbegriff neu zu bedenken und gegebenenfalls umzuformulieren. Es kann gemäß der Ausweitung der Psychoanalyse auf Objektivität nicht mehr angehen, den beim Menschen vom ersten Anfang an gegebenen Dingbezug in Bestimmungen personal-körperlicher Interaktion aufzulösen; ein solches Ansinnen nämlich käme einer Art von "Paranoisierung" gleich. Diese Vorsicht müßte auch für den
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Krankheitsfall Geltung haben, auch wenn hier diese im buchstäblichen Sinne "Para-noia", die Nichtunterscheidbarkeit von "Person" und "Sache", das zentrale Problem ist. Denn: wie sollte es möglich sein, durch die Vereinseitigung, ja Isolierung der einen Seite, der Person, in der Nichtunterscheidbarkeit von Person und Sache - eine Vereinseitigung, die durch die Anregung der Übertragung doch verstärkt wird? - eine angemessene Bereinigung dieser Nichtunterscheidbarkeit zu erreichen?. Die Folge müßte - als Klippe der psychoanalytischen Übertragungspraxis insbesondere wohl bei Krankheiten in der Art der Anorexie - eine Inflation des Krankheitsvorgangs sein oder, was dasselbe wäre (und wenn es therapeutisch gelänge, was fast immer zu bezweifeln ist), die Herstellung eines blinden und gar womöglich lustprämierten Vermögens, das der ganzen objektiven Gewalt des gesellschaftlichen Makrounbewußten nur zuarbeitet. Selbst wenn man, wie für die Anorexie angeregt, mit organologischen Vorverursachungen sympathisieren könnte, so änderte sich an der vorgebrachten Skepsis gegen den Subjektivismus, zu dem die Psychoanalyse sicherlich neigt, nichts; im Gegenteil, denn anzunehmen ist ein genaues Spiegelungsverhältnis zumal zwischen organologischen Fatalitäten und denselben fatalen Entgleisungen im Objektiven, die im Krankheitsfalle immer auch entsprechend mit angemahnt werden.
Welche Rolle aber spielt dann der Psychoanalytiker, falls er so überhaupt noch bezeichnet werden kann? Er müßte die Kunst besitzen, sich auf dem Grenz- und Übergangspunkt zwischen Körper und Ding konstant zu plazieren und zwar so, daß der Abgrund der Unterschiedenheit beider ebenso deutlich bleibt wie die letzte Haltlosigkeit des Ding-Jenseits zum Körper, auf das sich ja alle Entschuldungshoffnung vergeblich zusammenzieht. Auf diesem Wege nur dürften begründete Aussichten aufkommen, die tödliche Nichtunterschiedenheit beider Seiten in Krankheit wie auch in Normalität, hier nur mit dem Unterschied, daß diese als Gewaltumwendung von Krankheit verschlossen bleibt, auflösbar zu machen. Auf die Gefahr hin, daß dies allzu schlagwortartig klingt, hätte der Psychoanalytiker die nicht wechselnde Funktion eines Übergangsobjekts, verallgemeinert sozusagen zum sprachlich geäußerten Wissen dieser entscheidenden
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Verhältnisse, wobei die Sprachverfassung nicht dieselbe wie die des Symptoms ist - bei der Anorexie: Sprechen ist nicht Essen - und demnach immer nur als solche den Wert der Anregung, die Wissensgehalte, die sie vermittelt, auf den Symptombereich übergreifen zu machen, haben kann; ein Anregungswert, der außerdem sehr bald auf seine Grenze wegen der Unterschiedlichkeit des Sprechens und der Funktionsbereiche, in denen sich das Symptom festgesetzt hat, stößt.
Im Rückblick auf die Ausführungen dieses zweiten Teils würde es, auf Krankheit bezogen, demnach allgemein fällig, Zwischenwerte zwischen Krankheit und Normalität stark zu machen. Der Inbegriff aber solcher Zwischenwerte bestände darin, die schlechterdings lebensnotwendige Unterscheidung von Körper und Ding, Person und Sache, nicht mehr so zu wenden, daß die eine Seite, die des Dings, der Sache, die in sie eingegebene Schuld der Körper, der Personen, aufzulösen jemals imstande wäre.
Wie sich nun diese Veränderungen auf der Grundlage der zur Diskussion gestellten Ausweitung der Psychoanalyse auf Objektivität verfahrensmäßig praktisch im einzelnen darstellen, bedürfte der praktischen Erprobung, also des Versuchs der Operationalisierung der vorgestellten Gedankenexperimente. Sobald dazu hinreichende Erfahrungen vorliegen, wird darüber zu berichten sein. Schließlich sei um Nachsicht gebeten, daß keine Literatur - was allenthalben ja nahegelegen hätte - mitherangezogen worden ist. Der Grund dafür: die Einarbeitung von Literatur hätte die zusammenhängende Vorstellung der Programmatik eher gestört als gefördert.
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Nachträge
Die Passage über die Exhibitionsträume bedarf der Ergänzung und auch der Korrektur. Offensichtlich nämlich stehen diese Träume in einem weiteren wohl charakteristischen Zusammenhang, der die folgende durchgehende Struktur aufweist. Die Träumerin ist zunächst so von sich getrennt, daß sie sich selber sieht, und zwar so, daß ihr Körperdouble von ihr selber, dem Blickkörper, blickabgewandt ist; ferner, daß dieser zweite materielle Körper das bekannte Stigma der essensbedingten Unförmigkeit aufweist; ferner daß er ganz oder teilweise, die Schande der Unförmigkeit offenbarend, entblößt ist; und schließlich daß dieses Szenarium zwar äußerst beschämend, nicht aber beängstigend ausfällt. Danach schließen sich regelmäßig beide Körper zusammen, und dies ist sogleich der Augenblick, wo dieser Körperzusammenschluß zum verfolgten Körper wird, dies bis hin zur Einholung des Opfers durch den Verfolger, was konsequent immer Erwachen zur Folge hat. Die Verfolger sind durchgehend (in Sequenzen, deren Folgerichtigkeit einer genauen Identifikation bedürfte) solche, die den zuhöchst schuldhaften Körperzusammenschluß aufzufressen trachten: Schlangen, Reptilien, Nagetiere, Hunde, einmal außerdem auch eine nur noch aus Fett bestehende Riesenadipöse, die zugleich ein kleiner Junge gewesen ist. Diese Abfolgestruktur könnte man wohl als den Übergang einer Traumschizophrenie in eine Traumparanoia bezeichnen, die eine, wie skizziert, in sich differenzierte Selbstportraitierung darstellt; ein Selbstportrait, das exakt die lebensrettende, wenngleich noch gänzlich unbewältigte Schuldthematisierung effektuiert. Man siehts: die Tiersklaven werden zu den Herren, und diejenigen, die den Kampf aufnehmen, sind keine Schlachttiere. Auch macht ja die paranoisch verhinderte Tierwerdung den ultimativen Versuch der Exkulaption aus. Und der Zusammenschluß beider Todeskörper ist eben der rettende Punkt der Motivation aufschiebender Schulddynamik. Der materielle Körper muß außerdem sowohl entblößt als auch unförmig sein; denn die Dopplungsleistung des in sich entscheidend abgeschwächten Sich-selber-Sehens ist rein die Leistung der Hülle als dieses Sehen, eine Art von
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Hüllenentnahme dahinein, die den Körper in ihrer Außensichtübertreibung in keiner Weise mehr zu justieren, zu organifizieren vermag. Dies ist wohl der Status nach der Geburt: bin ich dick oder dünn, Hülle oder Körper, innen oder außen? Keines von beiden, indifferent; so blockieren sich auch Raum und Zeit aneinander.
Der zitierte Spiegeltraum bedarf der Einordnung in diesen Zusammenhang. Er stellt einen mißlingenden Vorgriff der Verhinderung der apostrophierten Traumschizophrenie und -paranoia vor: eben durch die Einführung des Spiegels. Aber um welchen unzahlbaren Preis? Es handelt sich um den Aberwitz der Entkleidung des Spiegelbildkörpers bis zur perfekten Nacktheit (Ablegung der Haare sogar) dergestalt, daß der Körper vor dem Spiegel aufgeht in die reinste Form der Hülle als nur-Blick; dies so weitgehend, daß dieser reine organlose Körper als Blick selber zum einzigen Spiegel würde. Oder anders ausgedrückt: der entkleidete Spiegelbildkörper ist gar kein Körper, apriori vielmehr tot. Fehlanzeige also einer Lösung; es darf den organischen Körper nicht geben. Geburtsarchäologisch wäre demnach eine Totgeburt geschehen; die Passage der Geburt ist nicht zu leisten. Nabelschnur-, Plazenta-Defekt, der Spiegel hat solche Organe nicht.
Daß ein eintretender blickender Mann den Vorgang wie sanktionierend stört, damit hätte es dann die folgende Bewandtnis. Das zum-reinenBlick-werden des Körpers vor dem Spiegel als letztendliche Identität mit demselben, inklusive der Mortalität des entkleideten Spiegelbilds selber, das ist zugleich die Absorption des Anderen-Blicks überhaupt. Deshalb der Hervortritt des Mannes, der die Usurpation des Phallus als die unendliche Iteration des toten Spiegelbildes rückgängig macht und so die ganze Unmöglichkeit der Körperbildung, zumal der des weiblichen Körpers, avisiert. Geburtsarchäologisch wiederum bestände Mann/Phallus darin, diese unerschöpflichen Totgeburten aufzufressen.
Im Kontext der Leidenschaft des organlosen Körpers als die besagte Kleider- und überhaupt Aufmachungsbesetzung wäre nicht zuletzt auf die Farben - Kleiderfarben, Schminke - zu achten. Es ist ja die Verfänglichkeit
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der Farbe als virtuose Färbung des organlosen Körpers, der toten Figurationen/Gestalten, über deren phantasmatisch besetzte Mortalität hinwegzutäuschen: Belebtheit zu suggerieren, also das Schuldverschwinden in der Hülle, diese Pseudologie bis hin zur Suggestion der Wiederauferstehung des Fleisches zu potenzieren. In der Färbung kulminiert die Attraktion des Fetischs; ja sogar die Haut vindiziert sich im make-up (diesem Anmachen) zur gefärbten toten Hülle, in letzter Folgerichtigkeit den organlosen Körper von der Außenoberfläche her zu kreieren. Leichenkosmetik: der eingekleidete und, da wo noch Körper konventionell sichtbar bleibt, angemalte Kadaver als der ganze Kitsch an Beglaubigung, daß die Farbe als Färbung Gefühle und die mit Scheinleben farbig also inskribierte Form die Verstandeskräfte evoziert; freilich auch der Gegensatz von männlich und weiblich, so als mache die Farbe/Weiblichkeit den Schaden der Opferdestruktivität ganz wieder gut so weitgehend, daß der Farb-Inbegriff des dann nur noch Toten die Hegemonie als reines Gefühl übernimmt.
Was aber wäre Farbe losgelöst aus dieser dienstbaren Verkommenheit? Sie ist so etwas wie die noch-repräsentative Brechung des organlosen Körpers, des Selbstbewußtseins also selber oder, sogleich gebührend naturphilosophisch ausgedrückt, die notorische Lichtbrechung, des Lichts, das die Totale dieses Nicht-Ursprungs selber ist. Spirituelle fühllose Weichteilubiquität, so daß die Anorexie einesteils Farbe zumal als Färbung total verwirft und anderenteils nicht umhin kann, diese konsequente Verwerfung zugleich nichts als zu affirmieren: verklärter Lichtleib eben als Leichenkosmektik.
Insbesondere wäre im Sinne einer "Wesensschau" der Farben selbst als solcher einmal genau zu erkunden, wie sich dann in den von der Färbung emanzipierten Farben der organlose Körper in dieser seiner authentischen Farbe-Repräsentation skaliert. Dabei könnten sich Paradoxien einstellen, etwa die, daß "Rot" nur einen Grenzwert von Farbe ausmachte und "Blau" dagegen die stärkste, erfüllteste Farbe wäre; sich also die Hierarchie der Färbung umkehrte. (Vielleicht drückt solches der Körper selber schon aus, indem die erogenen Körperöffnungen zu Rot hintendieren
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und entsprechend in ihrer make-up-Verschließung - duldet doch der Fetisch keine Bedürftigkeitsöffnung - nachgefärbt werden. Vielleicht auch sind die auffälligen Farbdifferenzierungen des Auges als des "Lichtbrechungsorgans" nicht von ungefähr. Und die Farbigkeit des Körperinneren? Wahrscheinlich wären die Organfunktionen aus der Gnosis je ihrer Farbe, wenn eine solche Erkenntnisart zur Verfügung stände, erschließbar.)
Die Unerträglichkeit von Farbe als solcher (oder besser vielleicht unsere notorische Unfähigkeit, Übergänge auszuhalten) führte nicht zuletzt in der Disziplinierungsinstitution der bildenden Kunst dazu, die Farbe zur Färbung bis hin zum Selbstdementi derselben zu domestizieren; was im einzelnen nachzuzeichnen gewiß aufschlußreich wäre. Man kann diese Farbeskandalisierung durchaus wie selbstexperimentell nachstellen: reine Farbe isoliert das Sehen, verhindert den inneren Übersprung der Visualität in Bewegung etc.; das reine Sehen aber vermag sich nicht als solches zu halten, allgemein gesagt, quittiert es die Formspitze der Zahl. Selbstüberhebung. Hier liegt auch das Dilemma der honorigen monochromatischen Bilder beschlossen: die Farbe an sich verzieht sich und verschließt sich in sich selber hinein, und der Betrachter muß zu seiner Selbstrettung, wenn er nicht sogleich einschliefe (oder davor verrückt würde), ins Färbungswesen hinein fliehen. Welche Farben also setzt die Anorektikerin ein? (Wahrscheinlich ist auch hier eine Indifferenzierung am Werk.)
Farbe und Traum. - Freilich das Größenselbst, aber als Ästhetik des Atompilzes. Anders aber dürfte die Traumfarblichkeit eben nicht durch narzißmustheoretische Begriffe desavouiert werden, umgekehrt wäre es vielmehr fällig, die eh geringen Chancen der Aushaltung der Übergänge zu stärken.
Schwarz und weiß. - Freilich handelt es sich um Unfarben als Erfüllung des organlosen Körpers, doch in der Art dessen letzter usurpatorischer Repräsentation. Also machen sie an sich selber den Übergang zur Form, "Idee" aus. Idee, die dann anheimelnd bunt gefärbt wird, um überzugehen ins reine Licht des phoné-donnernden Gottes.
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Es gibt keinen bunten Schatten, dieser ist immer dunkel. Schatten als die permanente Annonce der Lichtbrechung in Form und Farbe der Dinge hinein als deren Rückkehr ins reine Licht. Schattenlosigkeit des anorektischen Körpers: siehe die Traumsequenzen. Schwarz und weiß auch hier das beschriebene Blatt; und die Schrift wirft keinen Schatten.
Konditorei-Vegetarismus und dergleichen, gewiß - aber warum? Auf Geheiß des Herren fraß der Prophet Ezechiel eine doppelseitig mit schwarzen Gehalten beschriebene Schriftrolle auf; diese aber schmeckte süß wie Honig. Notorisch geht ja Zucker fast rückstandslos direkt ins Blut über und wirkt auch - als Honig, als Süßigkeiten - schleimlösend. Die Kriminalität der Verdauung wird also schuldentlastend umgangen und zudem die phon6 freigesetzt. Man kapiert dann auch direkt, wie es zum Ritus, abwechselnd Salmiakpastillen und dicken Nudelsalat zu verzehren, hat kommen müssen.
Anorexie und Trinken - worüber man auch fast nichts weiß. Wasser fungiert vor aller Hygiene-Adaptation etc. sicherlich als Schulddämpfer, wenn nicht sogleich als Schuldliquidationsmedium. Entsprechend ist der Urin dann auch bei weitem das schwächere/schwächste Dejekt, das dem Verrat der Binnenkriminalität des Körpers entrückt. Vielleicht sorgt eine Art von Hypostasierung der phon8-Verzerrungen im Fruchtwasser dafür mit, daß sich solche phonetische Unschuld als Blockierung des Schuldverdikthörens bis hin zur Leerheit lautender Sinnaufnahme durchsetzt. Und diese kontinuierliche Binnenlautung müßte dann auch eine besondere Markierung der Peristaltikgeräusche, die ebenso keine Schuld indizieren, zur Folge haben. Nur daß um aller Himmel willen diese diffundierenden Nichtschuldgeräusche sich nicht zum austretenden verräterischen Flatus konzentrieren dürfen. (Siehe Heide Heinz: "Anorexia nervosa", Objekt 1981, publiziert in: Heide Heinz/Melanie Heinz: Frauen tauschen Frauen NICHT, Frauenmuseum Bonn 1984)
In letzter Steigerung aber ist Wasser so etwas wie der noch materialitätsbehaftete und deshalb noch nicht vollendete organlose Körper hinwiederum
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selber; deshalb auch das gehäufte Wasser- und en gros Meermotiv in den Träumen. Oft dicht am Wasser gebaut sind die Häuser, so daß der erdene Zwischenbereich von Strand und dergleichen entfällt. (Dicht am Wasser gebaut, heißt ja folkloristisch auch eine Heulsuse sein.) "Der Traum-Leib-Phallus dringt in den Schoß ein und verläßt ihn zugleich." (G. Roheim, Gates of the Dream, 58), und dies kurz vor der Koinzidenz dieser Doppelbewegung. Das nicht mehr vermeidbare Sichselbersehen stellt sich entsprechend regelmäßig als Ertrinken des gesplitteten materiellen Körpers dar. Freilich ist das Wasser dabei Phantasma des Spiegels und des Spiegelbilds in einem. Die Folgerichtigkeit dieser Vorgänge liegt auf der Hand: um der Herstellung des reinen Licht-Blick-Körpers willen muß der materielle Schandkörper in die Nochmaterialität des organlosen Körpers als Wassertotale eingehen.
Selbst freilich noch korporell als Körpergrenze im Übergang zum invisiblen organlosen Körper fungiert das Skelett, das sein Kontrarium am anderen Extrem ebenso als organlosen Körper, den reinen Weichteil-Fett-corpus permanent zu diskriminieren genötigt ist. Siehe den Traum von der verfolgenden Fettriesin. Weichteil-Inflation von Schwangerschaft, die sich durch keine Geburt reguliert; dies aber nicht etwa als Kopie des Lamentos der schwangeren Mutter etc., vielmehr strikte als Indifferenz von Innen und Außen; so daß es immer wieder naheliegt, ätiologisch irgendeine Schwangerschaftserkrankung der Mutter der Anorektikerin, am wahrscheinlichsten im Plazenta-System, mutzumaßen. (Die auf der Hand liegenden unlösbaren Probleme, diesbetreffend organologisch zu recherchieren, sind gewiß nicht zufällig, bilden vielmehr auf ihre Weise die Tücke dieser Krankheit ab.) Die Skelett-Apotheose macht unter anderem auch verständlich, daß sich Anorektikerinnen, zum Skelett abgemagert kurz vor dem Tode, nackt fotografieren lassen. Allemal außer Kraft gesetzt wird demnach die Muskulatur als die Vermittlungsdimension zwischen Knochen und Fett; Vermittlung nicht ja zuletzt auch des nahrungsbeschaffenden Motilitätskörpers, allgemein Zeitigung. So daß die Muskelkultur etwa über Tanztraining eine sinnvolle, nicht mehr symptomimmanente
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Selbsthilfemaßnahme wäre. Zumal aber muß die Verdauungsbinnenmuskulatur daran glauben, insofern sich in ihr, inklusive der inneren noch versteckteren Chemiekriminalität, die Schuldkomplizenschaft mit den Nahrungsmitteln erfüllt. Die angemessene Nahrung wären Wackersteine: siehe Rotkäppchen. (Anorexie und Basedow?)
Muskelatropie. Menschevolutionär ist ja der Muskelschwund in vollem Gange; und zum Erwerbsarbeitsideal für den weiblichen Körper wird folgerichtig die Anorexie, während die Adipositas den protestierenden Körperinbegriff der Hausfrau ausmacht.- Wider die sozialmedizinische Verdrehung der Pathognostik: es kann keineswegs so sein, daß das gesellschaftliche Emanzipationsideal der weiblichen Erwerbsarbeit mit seinen Virilisierungsanforderungen primär pathogen wäre, zumal wenn es sich in die Nahrungselementarität hinein radikalisiert. Die Verfehlung dieser Norm ist auch nicht primär schuldgenerativ. Woher kommt nämlich diese Norm? Sie entstammt der ausgebeuteten Anorexie selber, die als gesellschaftlich indifferente schwere Krankheit - wie schwere Krankheit immer - ganz direkt mit den einschlägigen Produktivkräften kurzschließt und deren Schuld mitaufreißt. Dagegen betreffen die freilich in sich stimmigen sozialmedizinischen Ableitungen allerhöchstens Bulimie-Induktionen, nicht aber die Anorexie als solche. Die strikte Objektivitätswendung, auf Krankheit selber bezogen, wirkt wie eine Schallmauer; sie möge aber weiterhin so wirken.
Imponierend das Leerheitsgefühl, das zur Generalisierung neigt: auch, ja insbesondere auf die gesamte Vorstellungstätigkeit überzugreifen pflegt. Diese Leere, sie ist der Status der Fusion buchstäblich mit den Inkorporaten und zugleich derjenige der absoluten Autotomie/Externalität derselben; so als ob es nichts anderes gäbe als den besinnungslosen Suchtzustand des Essens. Freilich impliziert diese Leerheit nicht zuletzt auf verbal-kommunikativem Niveau Alterität, den Anderen, dessen Restaufnahme, wenn überhaupt, das notorische Los der Nahrung, ausgebrochen zu werden, immer angedroht wird. Anorexie-Stalingrad: Ästhetizismus-Anlockung, um im Kessel aufgefressen zu werden zum Zweck der
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Herstellung einer Leere von Geistigkeit, die selber die tabula rasa von Nichts ist. Man möge es demnach vorsichtigerweise unterlassen, den erfolgreichen ersten Regungen der Wiederaufnahme des sexuellen Körpers im engeren Sinne zu akklamieren; primär ist die Regulierung des Zyklus nicht nur eine Restitutionsmaßnahme am authetischen Befallsort der Krankheit vorbei, vielmehr eine Kampfansage der Vernichtung von Alterität auch hier. Offensichtlich bleibt dabei die sexuell kriteriale sexuelle Phantasmatik zumal brachliegen.
Freilich ist die pathognostische Verfahrenstheorie fällig, doch keineswegs dergestalt, wie die Ausführungen indessen suggerieren mögen, daß dieses theoretische Konzept einer praktischen Operationalisierung bedürfte. Das situative Sprechen nach der Maßgabe dieser Gedanken ist vielmehr selber schon die ganze Praxis selber. Sie wäre das volle Sprechen zu bezeichnen als Sprecheingang in die spezifisch aufgeschlossene Logik der Symptome selber, und als solche effektuiert sie in diesem Eingang eine Art von Sprachverbrauch, ohne sich in subsumtionsmäßige Metabestimmungen hinein zu fixieren. Intellektualisierungsgefahren gibts hier überhaupt nicht. Selbst wenn nur Annäherungswerte an solches volle Sprechen gewährleistet sind, kann damit gerechnet werden, daß sich jenseits einer normal-verständigen Aufnahme der delirante Sinn der passierenden Krankheitslogik etwa in die Traumtätigkeit der Patienten insinuiert und hier oft fast schon Verständnisexzesse hervorzurufen vermag, denen man unliebsamerweise kaum mehr nachkommt. Wenn dann noch die üblichen Ablenkungen von dieser Art von vollzogenem Verständnis hinzukommen, so fühlt man sich wie jemand, der wie mit hängender Zunge dem beschworenen Sinn hinterherläuft. Ausschlaggebend ist und bleibt eben keineswegs die Bewußtwerdung und die Normalintelligenz des Verstehens, vielmehr diese subakute Art des Übersprungs der Krankheitslogik als solcher.
In diesem Übersprung bestände dann auch die reformierte Übertragung, die es verweigern müßte, die psychoanalytisch übliche IntoxikationsHomöopathie der paranoischen Personalisierung der Dingverhältnisse zu
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tätigen. Einziger Haltepunkt dabei ist die apostrophierte Grenzbesetzung kurzum zwischen Ding und Person, anders ausgedrückt (im Sinne meiner Ausführungen über das Scham- und Schuldgewissen) die Durchsetzung des vollen Schamgewissens, das die Scham nicht nur dem sterblichen Körper vorbehält, vielmehr zumal auf die Hülle in ihrer Befreiungsphantasmatik ausdehnt.
Die Bedenken gegen die Sprachwirkung wegen der Heterogeneität des Sprechens und der krankheitsbefallenen Funktionen müssen fürs erste zwar aufrechterhalten bleiben, doch mag das skizzierte Phänomen des Übersprungs dafür sorgen, daß sich dieses Heterogeneitätsproblem ermäßigen ließe. Immerhin ja vermöchte die sprachangeregte "Sprachlichkeit" des Traumes der lädierten einzelnen heterogenen Funktion den Kontext zurückzuerstatten, in dem diese Funktion umfassender sinnbestimmt spielt. Und daran würde wiederum deutlich, daß das apostrophierte Sprechen mitnichten dasselbe ist wie der übliche restringierte Spracheinsatz.
Im Zusammenhang der Anorexie - so unter anderem die Erfahrungen aus einer Fortbildungsveranstaltung in einer psychiatrischen Klinik darüber - ist die Verfänglichkeit groß, therapeutisch eine Reduktion der pathologischen Begehrensverfangenheit über alle Ansprüche hinweg in reines Bedürfnis anzustrengen: also dafür zu sorgen, daß die Anorektikerin in die Situation realen Hungerns hineinversetzt würde. Ferner läge es dann nahe, ein solches beherzt anmutendes therapeutisches Ansinnen bis ins Politische hinein zu steigern: der Kranken insgesamt ein noch mit Subsistenznöten durchsetztes einfaches, natürliches Leben vorzuschlagen, insbesondere Tiere zu schlachten etc. Nicht nur, daß ein solcher wohlmeinend prekärer Regressionismus künstlich bleibt, so wie das Vaterunser im Angesicht von Brotfabriken (Adorno), zudem ist es fraglich, zumal im Kontext solcher Künstlichkeiten, ob die veranstaltete Abflachung des Begehrens zum Bedürfnis überhaupt verfangen kann. Hält das Essen es jemals aus, bloß Bedürfnisbefriedigung zu sein, dieser Hohn auf die Anorexie? Gewiß nicht, nach allem, was man wissen kann. Also wäre
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es dagegen fällig, nicht das Begehren in seinen eigenen Bedürfnisgrenzwert künstlich hineinzutreiben, vielmehr es an sich selber zu brechen. Freilich ist diese pathognostische Brechung, die Anerkennung der Brechensmöglichkeit, gewährlos, und freilich werden die Rißchancen auch objektiv immer geringer.
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