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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Pathognostik für Philosophen (Pathognostische Studien II, 1987, Die Blaue Eule, Essen, 41-56)
Ich habe in den folgenden Überlegungen vor, eine Begründungsskizze des pathognostischen Ansatzes zu formulieren; nicht mehr und nicht weniger als eine Begründungsskizze, die, wie ich meine, alle wesentlichen Problemstellungen einer solchen enthält und, vielleicht schon darüber hinaus, die entsprechenden Antwortorientierungen enthält. Zusammen mit diesem Philosophiekontext-gemäßen Vorgehen, das sich anderswo - etwa klinisch - anders ausnimmt, kann ich wohl auch mein Versprechen einlösen, Pathognostik und Logik zu konfrontieren, mich also in pathognostischer Logikkritik zu versuchen.
Als Psychopathologieexempel wähle ich abermals die Brückenphobie aus; und ich erlaube mir, mit einem Heideggerzitat zu beginnen, insofern dieses eine für die Grundlegung meiner Disziplin entscheidende Alternative, ebenso am "Verständnis" der Brücke festgemacht, enthält.
"Die Brücke ist - und zwar als die ... Versammlung des Gevierts - ein Ding. Man meint freilich, die Brücke sei zunächst und eigentlich bloß eine Brücke. Nachträglich und gelegentlich könne sie dann auch noch mancherlei ausdrücken. Als ein solcher Ausdruck werde sie dann zum Symbol, ... Allein die Brücke ist, wenn sie eine echte Brücke ist, niemals zuerst bloße Brücke und hinterher ein Symbol. Die Brücke ist ebensowenig im voraus nur ein Symbol in dem Sinne, daß sie etwas ausdrückt, was, streng genommen, nicht zu ihr gehört. Wenn wir die Brücke streng nehmen, zeigt sie sich nie als Ausdruck. Die Brücke ist ein Ding und nur dies. Nur? Als dieses Ding versammelt sie das Geviert."
("Bauen Wohnen Denken", in: Vorträge und Aufsätze, Teil II, Pfullingen 1954, S. 27 f)
Ich setze mich nun von Heideggers gnomischen Philosophiestilistik ah und präpariere zur Vorbereitung des Einsatzes einer argumentativen Gegenstilistik aus den zitierten Gedanken die folgende Alternative heraus: (Daß daraus mehr resultiert als eine eher unerhebliche Stilistikkritik, ist ein später miteingebrachtes Problem für sich.)
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Entweder gilt im Sinne erkenntnisontologischer Voten die Objektauffassung der symboltoleranten Tautologie (des "Gestells") oder die des "Dings" (des "Gevierts"). Diese Alternative ist exakt die von herkömmlicher Psychoanalyse und Pathognostik: entweder ist in diesem Psychopathologiezusammenhang die Brücke eine Brücke und sonst nichts, und ihre pathologische Symbolisierung eine heterogene abtrennbare Zutat zu dieser (Psychoanalyse) oder aber die Brücke ist weder das eine wahre noch das (jedenfalls in Krankheit) irrige andere, weder Tautologie noch Symbol, vielmehr Dokument der umgekehrten Objektversion, in der die scheinbare (in Krankheit gar nicht mehr tolerierbare) Symbol-Zutat in der Umkehrung der Rangfolge Tautologie - Symbol den ersten Platz einnimmt, soweitgehend womöglich, daß die Tautologie den Grenzpunkt ihrer gänzlichen Liquidation nur mehr besetzen kann (Pathognostik).
Wenn diese Alternative zur Begründung des einzigen Wahrheitsanspruchs der Pathognostik überhaupt taugen soll, so muß sie eine strenge Alternative sein, eine vollkommene Disjunktion. Und das heißt, daß ihre andere Seite, die Psychoanalyse, der Widersprüchlichkeit zu überführen ist. Um den Nachweis der Verletzung des Widerspruchssatzes in dieser einen Seite wird es im folgenden entsprechend zu tun sein.
Durch diese unvermeidliche Begründungspointierung stellt sich sogleich aber, wie es scheint, ein horrendes Problem ein. Anscheinend habe ich mich mit diesem Begründungsvorsatz in eine a priori schon absurde Situation begeben. Ich muß ja nichts Geringeres vorhaben, als im angestammten Herrschaftsbereich der Logik, der Tautologieversion von Objektivität etc., wo die ganze Mächtigkeit des Widerspruchssatzes zum Tragen kommt, diesen gegen ihn selbst einzusetzen; Logik gegen Logik gewendet - wie soll das geschehen, ohne mir selber darin wiederum letztpotenziert zu widersprechen? Nein - es wird sich "nur" um den Nachweis einer falschen (= widersprüchlichen) Verwendung des Widerspruchssatzes handeln, nicht aber um seine Aufhebung, aus der er zumal ungeschoren insofern hervorginge, als er zu dieser seiner Aufhebung vorausgesetzt bliebe, ja expressis verbis hier vorausgesetzt ist; wobei der Status der
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annoncierten Falschheit dieses seines Einsatzes der besonders sorgfältigen, wenn man es so will: ontologischen Bestimmung bedarf. Zugleich wird sich zeigen, daß der Gegenbereich, die "Ding"version von Objektivität etc., nicht nicht vom Widerspruchssatz spezifisch restlos determiniert sein kann und daß entsprechend jegliches Ansinnen der Abkopplung beider Objektivitätsversionen diesbetreffend voneinander - bis hin zur Nichtverwendetheit des Widerspruchssatzes ebendort - sich ebenso absurdifiziert; was wahrscheinlich gegen Heidegger stark gemacht werden könnte - siehe im Zitat das vorsorgliche (?) "Nur"? Und dieses Verdikt gilt für Pathologie (im Verein mit den weiteren "Ding"spezifikationen wie Kriminalität und Kunst) a fortiori gar mit, insofern diese - Krankheit - die ganze Unmöglichkeit der Abkoppelung beider Versionen/der Aufhebung des Widerspruchssatzes im "Ding"bereich unter Beweis stellt, so daß sie zum Schibboleth von Logik - freilich einer ontologisch Herkunfts-aufgeklärten Logik - werden könnte. - Aber habe ich mich mit diesen antezipierenden Vorbemerkungen nicht um die erforderliche strenge Alternative im vorhinein schon gebracht? Nein - die formulierte Alternative bleibt ebenso hinreichend streng wie der beabsichtigte letzte Einsatz des Widerspruchssatzes zum Zwecke der Alternativenentscheidung möglich. Betrifft dieser doch die Unbedingtheitsbehauptung diesmal für Logik selber, die sich, pseudologisch unbedingt, derart verschließt, daß sie nach außen - auf Philosophie hin, die den Ursprung der Logik, gewiß nicht unlogisch (das geht nicht) zu bedenken unternimmt - den Widerspruchssatz mißbrauchend, nur noch rasen kann. Es wird sich zudem herausstellen, daß Unbedingtheitsinsinuationen nicht nur in Logik (als i.w.S. Sprachreglement) vorfallen, de facto ubiquitär sind, daß sie vielmehr auch im Menschrealität-Prozeß zwar schlechterdings nicht vermieden werden können, doch zugleich nicht bestehen bleiben müssen. Insofern ist die strengste Alternative, deren Entscheidung mittels des Widerspruchssatzes ihre eine Seite beseitigte, bleibend in Nichts auflöste, nicht vergönnt. Auf dieser Unmöglichkeit aber beruht dann die Möglichkeit der veranschlagten wenigstens strengen Alternative, die dadurch den Charakter eines Spiegelgefechts nicht ablegen kann.
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Um nun die thematische nicht annihilationsbefähigte Alternative zu den ausschließlichen Gunsten der Pathognostik, der "Ding"version der Objektivität etc. entscheidbar machen zu können, wie vorgesehen, bedarf es noch weiterer, wie es zunächst wohl den Anschein hat, zusätzlicher Maßnahmen. Fürs erste wird die - dem Psychopathologiebeispiel gemäße - "lebensweltliche" Ausweitung der Domäne der Logik fällig; eine Maßnahme, die m.E. keine besondere Begründung nötig hat - umgekehrt vielmehr ist die Sprach- und "Zeichen"restriktion derselben ausweisungsfällig. Demnach gilt, daß das ungestörte, fraglose Begehen einer Brücke den Vollzug der logischen Prinzipien zu seiner hinreichenden Voraussetzung hat; wohlgemerkt diese Gebrauchs-, Verwendungsdimension, kurzum: die Konsumtion, an der Krankheit immer ansetzt und deren Prärogative damit auch zusammenstimmt, daß Logik notorisch nicht mehr als die Ermöglichung konsumatorischer Nachträglichkeit leisten kann (eine Nachträglichkeit indessen, die sich letztlich insofern auf den Realitätsprozeß insgesamt bezieht, als die Unvordenklichkeit der Seinsschaffung selber eine Unvordenklichkeit ist und bleibt).
Diese, wie ich denke, unanstößige Ausweitung nun am Pathologiebeispiel: Ohne Poesieanspruch erlaube ich mir, ein besonders bekanntes Gedicht von Gertrude Stein ("Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose") auf das Problem der Brückenbegehung strukturell zu extrapolieren und zu behaupten, daß diese Sequenz (bei Stein gewiß im Sinne einer hier nicht weiter auszulegenden Travestie gemeint) die Trias der logischen Grundsätze als die hinreichende Bedingung des Brückengebrauchs besagt:
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Der Satz der Identität ist (o copula!) das Betreten der Brücke; der Satz vom Widerspruch das Passieren ihres Scheitelpunktes; und der Satz vom ausgeschlossenen Dritten das Verlassen derselben.
Diese Motilitätsbeglaubigung der Logik ist selber nicht beredt; die apostrophierten Grundsätze beherrschen vielmehr stumm, doch nicht minder wirksam die Fortbewegung - Logik also ganz in den Beinen auf der Brücke. Diese Stummheit aber hört im Krankheitskontext durchweg auf. Wenn es nämlich dem Brückenphobiker gelingt, sein phobisches Objekt überhaupt noch verwenden zu können, was ja keineswegs irgend garantiert ist, so gebraucht er dabei regelmäßig magische Formeln, Zaubersprüche, Gebete, unter denen ich einmal auch die obige Bannungsformel vernahm: eine Brücke ist eine Brücke ist eine Brücke ist eine Brücke. Krankheitsgemäß betrifft dann die Identität den Übergang der phobischen Signalangst in die phobische Angst expressis verbis; der Widerspruch den Gipfel der letzteren Angst: Schweißausbruch, Schwindel (auf dem Weg zur Ohnmacht) etc.; und der ausgeschlossene Dritte die verstohlene Rückschau und den Schwur: nie wieder!
Deplazierung und Mißbrauch der verbal subsidiär hilfreichen logischen Prinzipien (weitere krankheitsimmanente Subsidien stehen hier nicht zur Diskussion)? Schwerlich - am Ende der Begründung der Pathognostik wird es zwingend anzunehmen, daß der Kranke eben in seinen begleitenden Sprechanankasmen ein Ausnahmewissen von der Entstehung und der Funktion (= Genealogie) der Logik bewahrt - ein für ihn selber aber unbrauchbares Wissen, das zur Beseitigung dieser kleinen genealogischen Spaltöffnung, also zur stumm-souveränen Verwendung des dann nicht mehr phobischen Objekts nichts als hindrängt, zur Opferung seiner selbst überbereit ist. Wenn aber nun die phobische Konsumtionsblockade die logischen Grundsätze sprachlich als magische Hilfsmittel des Besprechens, der Konsumtionsrettung buchstäblich fast ausschwitzt, welchen Status hat dann die über Sprache i.w.S. laufende emanzipierte Logik als philosophische Disziplin? Keine Magie? Scheinbar doch nur dadurch nicht, daß die
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Genealogie von Logik abgekappt und in einem damit Unbedingtheit selbst dann auch für diese behauptet wird, wenn diese Unbedingtheitsbehauptung, was sich gehört, sich nichts als verleugnet; wozu ja das Normalitätsbegehren von Krankheit - die fraglose stumme Brückenbegehung, die zu Hause dann ebenso fraglos Logik betreibt - a fortiori hintendiert.
Soviel zur kontextgerechten "lebensweltlichen" Ausweitung der Herrschaft der Logik fürs erste. Ferner bedarf es in diesem Zusammenhang einer weiteren Maßnahme, die mit innerer Verschärfung des Logikanspruchs bezeichnet werden kann und die, wie ich denke, ebensowenig eine besondere Begründung notwendig macht; wahrscheinlich ist diese Verschärfung, die dann keine Zutat mehr wäre, diesem Anspruch sogar wesentlich.
Der Inbegriff der Verschärfung besteht darin, daß die Veranschlagung der logischen Prinzipien im Pathologiebeispiel hier - die Brücke ist eine Brücke und sonst nicht, und dies in strenger Alternativität - sich rein auf das negierte "Nichts" konzentriert, und nicht etwa darauf, daß dieses Ausgeschlossene die Totalität des selben Anderen, des Anderen auf gleicher Ebene enthält. Die Art dieses radikalen Ausschlusses kann es nicht aufkommen lassen, daß das Ausgeschlossene ein beliebig selbes Anderes derselben Ausschließlichkeit ist; nicht "betet" der Phobiker: die Brücke ist eine Brücke, und eben kein Ufer, kein Fluß, keine Schlucht etc., nothaft vielmehr potenziert er den Ausschluß zur reinen Form desselben, zur Ausschlußhaftigkeit als solcher, zu dem besagten ominösen "Nichts", mit dem ich nun freilich keinen existentialontologischen Gegenzauber zu betreiben vorhabe, auf dem ich aber als der Pointe der Absolutheitspseudologie des Widerspruchssatzes in Krankheit selber (und nicht nur hier) bestehen muß. Jedenfalls überhebt sich die hinreichende Bedingung der Brückenbegehung, der Widerspruchssatz, zur Groteske einer Apotheose, in der ein sperriges Einzelding zu Allem, der Totalität im Absolutheitsstande wird.
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Diese vielleicht so zu nennende (?) haecceitas-Version dann des Zaubersatzes vom Widerspruch läßt auch weitere zentrale logische Akte indifferent werden. So die Spezifizierung der Brücke als technisches Medium u. dgl. Ging es in der verschärften Fassung des Widerspruchssatzes um den Ausschluß als Ausschluß - und nicht um die Mitsichtung des Ausgeschlossenen, die die Identitätssicherung insofern nur störte, als an einem jeglichen Ausgeschlosenen sich dieselbe Sicherungsobligation - ein nicht realisierbares Unterfangen - reproduzierte -, also um den dicken Daumen auf dem immer drohenden Unterweltleck der Identität, so entbehrt nicht zuletzt die Spezifizierung/die genera proxima jeweils als Gesellungschance für jegliches in dieser Pathologienot der Identität jeglicher Sicherungsvalenz; ja, man könnte sogar annehmen, daß diese universelle Art der Kohärenzbildung innerhalb des jeweils Identischen nur die gegenteilige Wirkung, eine zusätzliche Labilisierung nämlich, nachsichzieht. Entsprechend "betet" der Phobiker ebenso dergestalt nicht, daß nach der Zitation des Widerspruchssatzes noch die Vergewisserung ergänzt würde, daß sein Dingdämon, der vielleicht doch identische, selbstverständlich spezifiziert sei: die Brücke - ein technisches Medium unter vielen anderen mit spezifischen Merkmalen. - Krankheit kann diesen Normalfall der Essentialitätsdistanz, -entrückung, diese (sekundäre) Souveränität, zumal wenn sie sich als Ideenemphase feiert, keineswegs dulden; in der Art der haecceitas (?) vielmehr macht sie, nothaft zugespitzt, das reinste kontextlose Konzentrat der Ideenimmanenz, des Zusammenfalls der Idee mit dem einschlägigen Einzelding - hier dem phobischen Objekt, der Brücke - geltend, und in diesem Zusammenfall bricht - so mag man sich ausdrücken dürfen - die Existenz ins Spiel der Essenz ein, diejenige Bestimmung also, die die Existenzphilosophie als Konterkarierung nicht zuletzt der Logik (als Erfüllungsform von Wesensphilosophie, soweitgehend gar, sich, wie es scheint, von dieser Provenienz lösen zu können) stark zu machen sucht. Kriegsfall der Logik, eine Situation wie auf Leben und Tod. - Schließlich verfängt pathologiegemäß der Mathematik-kontitutive klassenlogische Übergang in den Begriffsumfang (Anzahl/Menge, Zahl) ebensowenig, ja ultimativ nicht. Die daraus resultierende
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letzte (tertiäre) Souveränität, die auf Logik insgesamt aufruht - als Problem der Genealogie der Zahl, die zumal in den (modernen) Philosophien der Mathematik nicht mehr thematisiert wird, sei sie hier noch ausgesetzt -, muß insbesondere perhorresziert werden: daß es gar auch noch mehrere Brücken gibt, wo sie sich ohnedies schon überall (selbst oft nicht als Brücken expressis verbis) einstellen, macht die Not der behelligten Konsumtion nur umso größer, ist vollends des Teufels.
Damit sind wohl alle Überlegungen zusammengetragen, einlösbar zu machen, daß die eine Seite der strengen Alternative, die Tautologieversion der Objektivität etc./die herkömmliche Psychoanalyse, sich in sich widerspricht. Und es versteht sich, daß einzig dieser Widerspruchsnachweis den Anforderungen einer strengen Begründung entspricht. Worin also besteht die Widersprüchlichkeit paradoxerweise dieses Herrschaftsbereichs der Logik selber? Und inwiefern vermag ich, unbeschadet dieses Widerspruchs (so sein Nachweis gelingen sollte), dieses logische Mittel nicht widersprüchlich auf Logik selber zu applizieren? Und schließlich: wie steht Krankheit zu diesen - scheinbar absurden - Maßnahmen? - Wie schon angesprochen, stellt sich diese Zuspitzung durch die Absolutheitsbehauptung des Widerspruchssatzes ein. Diese entscheidende Kondition bleibt selbst aber auch dann noch, ja umso mißlicher in Kraft, wenn sie sich durch Kautelen (meistens Denkzensurmaßnahmen) bloß die Spitze abzubrechen versucht, sich dabei aber aufrechterhält: eine Lauheit, die, wenn sie sich denkethologisch festschreibt, bestens dafür sorgt, daß philosophisch, durchaus traditionell philosophisch, nichts mehr geht. Auch sei nochmals daran erinnert, daß Krankheit der Passion dieser logischen Unbedingtheit als dem letzten pseudos der Beschwörung des Zusammenbruchs derselben nichts als willfährig ist; nur daß sich Krankheit und dezidierte Normalität dann nicht mehr unterscheiden lassen: diese zeigt sich als Gewaltverschlußform jener nur mehr. Dies konzediert und bei Bewußtsein gehalten eben im Ausgang von der Absolutheitspassion von Krankheit und Normalität gleichermaßen, hält es wohl nicht schwer, die
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Widersprüchlichkeit im Selbstbegründungsansinnen der - wie gehabt ausgeweiteten und radikalisierten - Logik zu demonstrieren.
Zur Vorbereitung dieser Demonstration seien die angesprochenen (vage gesagt) Verquerungen in der causa-sui-Version zumal des nothaft magisch applizierten Widerspruchssatzes zusammengestellt - Verquerungen, aus denen seine Verletzung an ihm selber herauszupräparieren dann fällig wird.
Diese Version erweckt den Anschein, als gebe es nichts als Konsumtion (mißbraucht also die Unerweislichkeit der Seinsproduktion als vernichtende Exklusivität der Konsumtion gegenüber den weiteren ExistenzVorgabedimensionen Zirkulation und Produktion); in dieser Nachträglichkeits-Totalisierung der Konsumtion erlaubt sie in mehrerlei Rücksicht keine Differenzierung mehr; sie indifferenziert unterscheidbare Funktionen (Fortbewegung, Sprache) (nimmt also die "lebensweltliche" Ausgeweitetheit der Herrschaft der Logik verdichtend beim Wort); sie indifferenziert zumal Alles außer dem Einen, dessen Konsumtion durch diese Indifferenzierung gesichert werden soll - alles Anderen außer Diesem zu "Nichts" (totalisiert also die haecceitas (?), überführt die essentiale Distanzierung in existentiale Bedrängnis und mehr); mißachtet in der Konsequenz dessen auch alle weiteren logischen Maßnahmen, kurzum die Definition sowie insbesondere die darauf beruhende Quantifizierung.
Die - durchaus gelingende, konsumatorisch ja effektive - Absurdität dieser Maßnahmen liegt auf der Hand. Ihre Widersprüchlichkeit, die des widersprüchlichen Einsatzes der logischen Prinzipien selber, besteht darin, daß Eines, essential vorbestimmt, logisch qualifiziert, diese Bestimmtheit aufhebend, sich in einem und nicht anderswohin zu Allem aufwirft, also ein kontradiktorisches Verhältnis effektuiert. Im Beispiel: die Brücke = das Absolute. Es kann nichts geben, was nicht bedingt wäre; eines aber von diesem ist unbedingt. Denkt sich - zumal wie in Krankheit - der Widerspruchssatz unter dem Stigma des sich-selbstBegründens zuende, so wird er also von sich selbst ereilt; die eine Seite der besagten strengen Alternative, die Objektivitätsversion der Tautologie (mit ihrer Symboltoleranz, das "Gestell") und damit die herkömmliche
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Psychoanalyse, kollabieren. Freilich hat dieser hyperlogische Machtspruch nicht die Kraft, den widersprüchlich gemachten Widerspruchssatz als Inbegriff gelingenden Gebrauchs tatsächlich zusammenbrechen zu machen; doch sorgt die ubiquitäre Herrschaft dieser Widersprüchlichkeit selbst noch für die Faktizität dieses Zusammenbruchs (als notwendiger Kriegsstatus der tautologisierten Objektivität) - Selbstkollaps, der die Absolutheitserfüllung, den onto-logischen Einspruch letztentmachtend, ausmacht.
Nun zum wohl brisantesten Problem: der scheinbaren Widersprüchlichkeit des Einsatzes des Widerspruchssatzes gegen sich selber in seiner folgerichtigen Absolutheitsverfassung. Ich habe, gewiß nicht widersprüchlich/den Widerspruchssatz verletzend, diesen gegen seine eigene Absolutheitsdeklaration gewendet, nicht um dieser halbherzig nur die Spitze abzubrechen, sondern um eine Philosophie (Genealogie) der Logik allererst initiieren zu können. Solcher kritische Einsatz der Logik gegen sich selber, der diese in einer genau angebbaren Weise nichts als aufrechterhält, beruht auf einer durchgehend in meinen Ausführungen vorausgesetzten - ausweisbaren und eben nicht mehr absoluten - Begründung des Widerspruchssatzes, ontologisch nämlich auf der "absoluten Differenz": dem Sein-Nichts-Unterschied, der Selbstäquivokation im Selbstbewußtsein, also dem, wenn man es so will, Fundamentalwiderspruch. Dieser Fundamentalwiderspruch aber ist als solcher eo ipso verletzt, nicht nicht verletzbar, nicht nicht aufgehoben, der ontologische Chorismus überbrückt, überschritten, und entsprechend alles Sein Nichts-explosiv homogeneisiert, Nichts-usurpatorisch gewalthaft. Die Letztrechtfertigung der Aufgehobenheit des ontologischen Fundamentalwiderspruchssatzes ist der logische Widerpruchssatz, insofern er sich aus sich selbst, absolut, zu begründen sucht - Letztrechtfertigung als (konsumtionshypostasierte) Seinsermöglichung und -entropisierung ineins. - Nicht zuletzt drückt sich die Unaufhebbarkeit dieses Verhältnisses (die Nicht-Abkoppelung beider Objektivitätsversionen) darin aus, daß diese meine querstehende logikkritische Philosophierede restlos ebenso die Aufgehobenheit des Fundamentalwiderspruchssatzes als die post festum-Absolutheit des logischen
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Widerspruchssatzes voraussetzt, nur das sich - und allein darin besteht ihr Querstand - in ihr die unangetastete Herrschaft der Logik in deren philosophischer Herkunftserklärung - nur in diesem transitorischen intellektuellen Vollzug - aufbraucht, in dieser Selbstansichtigkeit verzehrt. Mehr ist philosophisch nicht zu machen; was an Kritik mehr zu sein vorgibt, läßt sich in der Tat mit einfachen logichen Mitteln notorisch widerlegen. Die Logik aber stammt nicht von sich selber her. Versteht sich, daß hier das empfindliche Desiderat einer Theorie der Intellektualität aufkommt (mit ihrer Hauptaufgabe: der Austreibung aller Metastandpunkte).
Fazit (nie habe ich anderes behauptet): der logische Widerspruchssatz gilt uneingeschränkt; uneingeschränkt selbst dann, wenn er sich gegen sich selber in seiner Absolutheitsbehauptung wendet. Seine uneingeschränkte Geltung aber gründet sich auf die Aufgehobenheit des Fundamentalwiderspruchssatzes, die er - nachträglich und wiederum nachträglich als Konsumtionsgewährleistung - eben im Absolutheitsstande vollstreckt. Fazit nicht minder (nie habe ich anderes behauptet): in der Philosophie kommt man nicht umhin zu argumentieren. Die gebotene Argumentativität aber bricht sich spätestens/frühestens im Vollzug der Einbringung der Ontologiedimension, und da diese eh eingebracht ist, bricht sie sich sogleich. (Was selbstverständlich aber nicht heißen kann, daß die vorgeführte grobe Skizze zur "absoluten Differenz" etc. nicht vollzugsausweisend weiter ausgeführt werden könnte.)
Zum Schluß nun zurück zum daraus sich ergebenden pathognostischen Krankheitskonzept. - Krankheit - hier im Beispiel die Brückenphobie - beruht, jedenfalls in ihrem Extremfall, auf dem scheiternden Versuch der Aufhebung des logischen Widerspruchssatzes. (Die weitere Komplikation, daß in der ausgewählten Phobie das phobische Objekt Brücke als "funktionales Phänomen" der Chorismus-Überschreitung deplaziert im Chorismos-bereinigten Seinsbereich fungiert, lasse ich hier außer acht.) Also sollte man den Kranken Logik lehren? So mag es nicht nur scheinen, so prozedieren letztlich alle herkömmlichen Therapiearten in der Tat. Allerdings genügen therapeutisch logische Lektionen keineswegs - man
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bedenke nur die apostrophierte "lebensweltliche" Ausweitung der Logik, die erforderlich macht, daß der Widerspruchssatz vom Kopf in die Beine hinabfährt (durchaus nach der Maßgabe der zitierten logischen Zaubersprüche des Phobikers unter Umständen selber); und das Therapieparadigma Psychoanalyse zeigt zudem, daß, psychoanalyseimmanent gesprochen, die lästigen Enttautologisierungszutaten zur Objektivitätstautologie, hier der Brücke (die nur eine Brücke sein soll, und sonst nichts), als solche eigens separiert und in ihre Provenienz rückgeortet werden müssen (erinnernd in die Lebensgeschichte, kurzum: den Ödipuskomplex, hinein), um diesen kranken Symbolisierungsspuk, der also nur recht umwegsam vertrieben werden kann, vertreiben zu können, sofern er überhaupt vertreibbar sein sollte. Allein, diese Prozeduren, die der Logik als ihrer hinreichenden Bedingung ebenso unterstehen wie die Vermögen, die sie zu restituieren suchen, haben eine schier unabdingbare Ohnmacht an sich, die immer darin besteht, daß der logische Widerspruchssatz nicht davon loskommen kann, "Metonymie" und "Metapher" (Lacan) des Fundamentalwiderspruchssatzes, also Verschluß-Vertretung des gelingenden pseudos der Aufgehobenheit desselben zu sein.
"... die von der an ληδη (Verbergung) her gedachte Verhüllung der Differenz als solcher, welche Verhüllung ihrerseits sich anfänglich entzogen hat." (M. Heidegger, Die onto-theo-logische Verfassung der Metaphysik, in: Identität und Differenz, Pfullingen 2/1957, S. 46f.)
Dieses unabdingbare Vertretungs-/Verschlußwesen thematisiert Krankheit spezifisch; spezifisch darin, daß die Unmöglichkeit der Abkoppelung umgekehrt der Ontologie von der Logik, die Unmöglichkeit des Seinseingangs ohne Logik zwingend unter Beweis gestellt wird. Das Abkoppelungsansinnen, in Krankheit auf die Hypostasierung einer logikfreien Ontologie ausgehend, erzeugt nichts anderes als Hyperlogik: die Verdammungsgerichtsbarkeit der logischen Prinzipien. Die logisch beherrschte Normalität indessen vermag in der umgekehrten Abkoppelungsrichtung mitnichten aber anderes, nur daß sie im Unterschied zur Opferposition von Krankheit diejenige des - durchaus auch oft ein wenig gnädigen - Täters einnimmt. Pathognostik, auf Krankheit zwar spezialisiert, doch nicht eingeschränkt, mahnt dieses, wie ich denke, einsehbare
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Verhältnis von Logik und Ontologie, nicht zuletzt auch tätig, an; in ihrer Sicht dann wird der gelingende Gebrauch zum Inbegriff des Sichverschuldens.
Thesen zu Krankheit und Logik
Krankheit stellt den notwendig scheiternden Versuch dar, die Logik außer Kraft zu setzen.
Die Art dieses Logikdispenses durch Krankheit besteht darin, ohne Vermittlung von Logik direkt Ontologie zu betreiben, ja, mehr noch, Ontologie sozusagen selber zu sein. Diese notwendig scheiternde Unvermitteltheit unterscheidet Krankheit von dieser ihrer ontologisch-logischen Theorie.
Unbeschadet des Scheiterns von Krankheit, Logik derart außer Kraft zu setzen, bleibt dieses Scheitern als solches Faktum, unter Umständen unkorrigierbares Faktum. Der Grund dafür, diesen Irrtum zu begehen, besteht in der Passion der Unbedingtheit als Selbstopfer daran. Die Unbedingtheitspassion rührt von der Fehlerfassung der unvollziehbaren Urdifferenz (Nichts vs. Sein) her.
Der Dispens der Logik durch Krankheit betrifft, weit über das Gebrauchsreglement von Zeichen hinaus, alle erdenklichen, Logik ebenso voraussetzenden Gebrauchskontexte. Das Scheitern des Logikdispenses in Krankheit stellt sich so dar, daß die attackierte Logik eine Art von inquisitorischer Verurteilungsmacht erhält, die sie der Verurteilung der Unbedingtheitspassion entlehnt. In diesem Zusammenhang kommt es oft auch zum rituellen Gebrauch der Logik als Zauberspruchwesen.
Wenn sich Logik gegen ihre ontologische Begründung sperrt und wenn sich diese Absperrung zur Unbedingtheitserklärung ihrer selbst steigert, so ist Logik nichts anderes als die Gewalt- und Verschlußinversion von Krankheit. Ontologisch herkunftsaufgeklärte Logik hingegen gilt als kritisches Universalmedium.
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Die skizzierte Theorie des Zusammenhangs von Krankheit und Logik, genannt Pathognostik, ist Logik verbrauchende, auf Krankheit spezialisierte Ontologie. Als solche ist Pathognostik keine Wissenschaft.
Kontroverse Probleme
  • Die Grundsätze der klassischen Logik als hinreichende Bedingungen aller Gebrauchsfunktionen
  • Die Möglichkeit einer existentialontologischen Begründung der klassischen Logik
Zu 1.
Ich werde weiterhin behaupten dürfen, daß der Satz der Identität, des Widerspruchs und des Drittenausschlusses Grundsätze der klassischen Logik sind. Wenn sie in der modernen Logik zu weniger wurden (und wenn sie wie in der intuitionistischen Mathematik nicht mehr alle uneingeschränkt gelten), so lese ich diese Entwicklung als Ausdruck einer fortgeschrittenen Emanzipation der Logik von ihrem existentialontologischen Ursprung, in der sie notwendigerweise in notorische Begründungsnöte gerät. Je höher dieser Emanzipationsgrad, umso größer die Gefahr des Scheiterns von immanenter Begründung. Ferner darf ich weiterhin behaupten, daß die Grundsätze der klassischen Logik Universalgarantien aller konsumatorischen Funktionen sind (außerdem auch der von Hunden) und daß die Dreiteilung dieser Grundsätze das Grundmuster aller Gebrauchsfunktionsabläufe darstellt. Nicht diese Ausweitung der Logik, die in keiner Weise symbolisch oder allegorisch scheinbegründet ist, vielmehr ihre Einengung auf Zeichengebrauchs-Reglement bedarf der Rechtfertigung. Eine Nachordnung der Logik gegenüber der Grammatik kann ich in diesem Zusammenhang nicht sehen, es sei denn Grammatik werde als Herleitungsinstanz von Logik angenommen; was aber die traditionelle Bedeutung des Ausdrucks "Grammatik" nicht trägt. Gelten aber die Grundsätze der klassischen Logik als konsumatorische Letztkriterien,
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so ist die Redeweise erlaubt, ja geboten, sie seien die hinreichenden Bedingungen aller Gebrauchsfunktionen. Wenn immer diese Theoreme akzeptabel sind, so gibt es in der vorgelegten Begründungsskizze diesbetreffend keinen Passus, der unklar wäre; die Einbeziehung der Logik, durchaus nicht unprofessionell, macht dann auch keinen überflüssigen Nebenschauplatz von Kritik aus.
Zu 2.
Schließlich darf ich weiterhin die Krisis der ausgeweitet klassischen Logik und in der Folge der modernen Logik(en) als existentialontologische Begründung (= Genealogie) derselben betreiben. Die Meinung, dieses Projekt sei eine hoffnungslose Innovation, zeigt den fatalen Dis-kurs zwischen den positivistischen Philosophien und den genealogischen anderen, deren aktuelle Schwäche nicht viel mehr als ein philosophiepolitisches Problem bekundet, an. Genealogie aber ist in keiner Weise - phylogenetische, ontogenetische, psychologische, anthropologische - Genesis, die durchaus wissenschaftlich betrieben werden kann und im Falle der Logik auf psychologistische Logiktraditionen in dieser Hinsicht rekurrieren mag. Genealogie unterscheidet sich von Genesis gleich welcher Art durch die strikte Aufrechterhaltung des Geltungsproblems einschließlich der Abweisung, Geltung jemals genetisch angehen zu können. Insofern die adaptive Bewältigung von Lebensnot menschgemäß immer mehr ist als adaptive Bewältigung von Lebensnot; insofern Geltung entsprechend nicht in der ideologischen Zusatzstabilisierung von Adaptionserfolgen aufgehen kann, wird es überfällig, am Ort dieses menschgemäßen Überschusses das Geltungsproblem anzusetzen. Die Traditionen der Existentialontologie aber thematisieren einzig noch diesen Überschuß, der in keiner Weise wissenschaftlich objektivierbar ist. Leider reichte die Diskussion nur bis zu einem ersten Konzessionsansatz des Initials der existentialontologischen Begründung der Logik: der besagten Unbedingtheitspassion; worauf die Erörterung der - unvollziehbaren und in ihrer Unvollziehbarkeit verstellten - Urdifferenz folgen müßte. Alles in allem darf ich weiterhin demnach die Konsistenz einer Philosophie der Logik
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bezweifeln, die bei Verbot von Genealogie Genesis und Geltung auseinanderreißt, jene empirischen Wissenschaften (einschließlich aller Begründungsmißhelligkeiten derselben) anheimgibt und diese im Kontext einer hypertrophen Abhebung mit vorhersehbaren Begründungsnöten fortgesetzt aushöhlt.
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