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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Conscientia. Zu einer nicht mehr psychoanalytischen Genealogie des Gewissens (Pathognostische Studien II, 1987, Die Blaue Eule, Essen, 57-80)
Vorbemerkung. - Die Machart des Vortrags legt es nahe, seine bevorstehende Lesung als "Philosophenlesung" und nicht eigentlich als Vortrag zu bezeichnen; mit welcher Umbenennung ich mich von didaktischen Schuldgefühlen vorbefreien möchte. Die oftmals eingesetzte theologisierende/mythologisierende Sprachlichkeit der Lesung ist nicht eigentlich travestisch gemeint; sie stellt vielmehr das vielleicht geeignetste Mittel dar, genealogische Philosophie gegen die Anfechtung wissenschaftlicher Verschlußformen als eine Art von "Schrift des Realen selber", als "Realparabolik" durchzusetzen. Die Lesung bezieht sich durchgehend auf eine am Anfang erzählte Essensszene in einem Restaurant, die sich auf eine alimentäre Krankheit (Adipositas) hin verdichtet. Diese Szene fungiert nicht als ein "anschauliches Beispiel", vielmehr als Inbegriff von dinggebundener Gewissenssituativität. Die folgenden Thesen sollten als nicht mehr denn begriffliche Wegweiser gelten; Wegmarken aber haben es an sich, selber den Weg nicht mitzugehen.
Thesen
  1. Zu unterscheiden ist das volle Schamgewissen (letztes Wissen, Mitwissen) vom Schuldgewissen, das diesen Titel insofern nicht verdient, als es auf die Vernichtung dieses Wissens, Mitwissens ausgeht.
  2. Das volle Schamgewissen weiß den sterblichen Körper und zugleich die immer nur aufgeschobene "Sterblichkeit" seiner Hülle, generalisiert: der Dinge, mit. Damit wehrt es der Phantasmatik der Hülle/der Dinge, Sterblichkeit zu transzendieren, und zugleich der Allausbreitung von Schuld.
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  1. Nicht aber ist es möglich, das volle Schamgewissen ausschließlich zu machen; seine Exklusivität wäre der Tod. Die Macht des vollen Schamgewissens besteht einzig darin, die Grenze des Schuldgewissens selbst auszumachen, insofern das Hüllen-/Dingphantasma sich als die unabdingbare Voraussetzung dieser seiner Binnenlimitation erhält.
  2. Nicht nur geht das Schuldgewissen dem vollen Schamgewissen als dessen rein immanente, als solche nicht realisierbare Grenze voraus; es muß auch verdächtigt werden, daß das Pathos des Schamgewissens gegen das Schuldgewissen von der gattungsgeschichtlich progredienten Vernichtungsgewalt des letzteren provoziert wird; ferner daß die Wissensniederschläge des Schamgewissens von der Allmacht des Schuldgewissens absorbiert werden könnten.
  3. Ein Paradigma der eo ipso mißlingenden Abwerfung des Schuldgewissens durch das Schamgewissen ist Krankheit. Indem sie dieses ausschließlich zu machen sucht, verfällt sie jenem allererst ganz. Die hypertrophe Behauptung des sterblichen Körpers zitiert die Gerichtsbarkeit der Hüllen-/Dingphantasmatik bis hin zum tödlichen Ende der Identität mit diesem Aggressor als kurzschlüssige Aufzehrung des Fleisches: der vergeblichen Prophylaxe der Kriegsobjektivität.
  4. Die herkömmliche Psychoanalyse versagt kriterial dergestalt, daß sie - man möchte meinen, wider besseres Wissen - die dingliche (institutionelle/technologische) Vorgegebenheit des Schuldgewissens in seiner Allmacht als subjektives (supplementär paranoisches) Vermögen bestätigt.
  5. Der pathognostisch genannte gewissensgenealogische Einspruch dagegen ergreift einzig Partei für das volle Schamgewissen als Binnenkritik, inneren Widerpart des unabdingbaren Schuldgewissens; er umfaßt die Unabdingbarkeit des letzteren wissend mit. Selbst auch dieses Wissen beruht
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untranszendent auf der Hüllen-/Dingphantasmatik, nur daß es diese in deren Schutze (wie dem einer Glashaut) haltlos querstehend intellektuell aufbraucht.
Man wird sagen können, daß die Gesamtheit der "Zivilisation" (Technik/Institution etc.) - als Dingekstatik des Körpers - das Schuldgewissen selber ist. Zivilisation nämlich ist anfänglich von der Anmaßung stigmatisiert, den Körper nicht nur zu überbieten, sondern abzuschaffen: die absolute Differenz zwischen Körper und Ding derart zu überziehen, daß beider zugleich gegebene Identität (Homogeneität) einseitig bloß noch als die der totalisierten toten Dinglichkeit gilt. Konsequenz: der nackte, bedürftige, sterbliche Körper - Sterblichkeit/Tod - wird so allererst als Schandbarkeit geschaffen. Dies indessen abermals einseitig so, daß an die Stelle der fälligen Krisis des Dinglichkeitsanspruchs - also des sogenannten vollen Schamgewissens - a fortiori die Positivierung desselben als in sich selbst auflösbarer Fluch der Schuldverpflichtung an Zivilisation tritt; je terroristischer die Schuldobligation, umso aussichtsreicher die Befreiung/Erlösung (bis hin zum soteriologischen Aberwitz der Erlöstheitsbehauptung). Wahrscheinlich aber ist das System dieser Widersprüche, das erfolgreichste der Gattungsgeschichte, längst von einer solchen reifizierten Mächtigkeit, daß die apostrophierte Krisis des Dinglichkeitsanspruchs, die ja eh nicht vor diesen gehen: die immer nur post festum kritisch ansetzen kann, als "Gegenkultur" des vollen Schamgewissens mit seiner konsequenten Pointe der Anerkennung unabtragbarer Schuld vergeblich bleibt. (Genesis, 3)
Lassen Sie mich mit einer wahren Begebenheit beginnen. Während eines Tagungsabendessens imponierte ein Kollege, der als umfassend gargantuesk charakterisiert werden dürfte, durch diese Art und Weise, wie er die Speisen bestellte: "Bitte Herr Ober bitte: ein Mineralwasser, nein zwei Mineralwasser bitte. Und als Vorspeise X (ich habe die Speisen im einzelnen vergessen, es waren aber gebührende Ladungen), als Hauptgericht Y, und zum Hauptgericht noch dazu A, B, C bitte, und als Nachspeise Z. Und bitte Herr Ober bitte, servieren Sie das Essen lückenlos, lückenlos. Haben Sie gehört bitte: lückenlos." So die Gerichte-Bestellrede. Der jüngere Ober versuchte seine merkliche Irritation durch besondere Beflissenheit aufzufangen, konnte sich im Abgang aber, halb schon abgewandt,
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den Anflug eines kurzen hämischen Grinsens nicht verwehren. Die weiteren Kollegen in der Runde, so sie nicht durch die Musterung der Speisekarte abgelenkt waren oder auch nur zu entfernt vom Ort des Geschehens saßen, taten weitestgehend so, als hätten sie nichts davon gehört; was ja als probate und nicht unvornehme Reaktion auf Peinlichkeiten notorisch ist. Im Gesicht des peniblen Kollegen aber erinnere ich deutlich noch eine Art von Blickrückzug, der nicht vollends gelang und kompromißhaft also in ein passageres Augenflackern überging; und überhaupt, gestisch, motorisch, ein leises Erzittern - Hungeraufregung, gewiß, mehr aber Beschämtheitstremor im Übergang zu Angst vielleicht, was dann alles an Expression sich auffing und justierte in der durchaus herrisch-heischenden Bestellrede: "Bitte Herr Ober bitte ..", die wie ein Nachhall mindest der Hungertyrannei des Säuglings wirkte. Ich aber geriet dabei wie Publikum erstarrt in den Sog von Sehen und Hören, erfuhr mich wie den Zeugen eines heiligen Spektakels und mußte, am Essen außerdem stark gehindert, die Starre, die mich befallen hatte, post festum durch memorieren lösen; und löse sie jetzt zumal, da ich endlich die Gelegenheit habe, von dieser wahren Begebenheit öffentlich gar zu sprechen.
Weshalb diese Anekdote? In ihr vorgestellt habe ich die Aktualität des Gewissens, und zwar derart erschöpfend, daß die beabsichtigte intellektuelle Nachstellung derselben hier als Vortrag vor Ihnen unendlicher Zeit bedürfte, also zumal ein begrenztes Unterfangen wäre. Was aber bedeutet Aktualität? Damit bezeichne ich denjenigen universellen Seinsmodus der Nachträglichkeit, der sich, obzwar nichts als Nachträglichkeit, auf keinerlei Vorgabe, die er bloß bestätigte, beglaubigte, bezieht. Ein paradoxes Imnachhinein also, das keinerlei Bezug zu einem Imvoraus als das Dispositionspseudos einer Metaposition aufweist. Alles Ausschlaggebende ist schon vorhanden, doch muß es, indem es da ist, zugleich hergestellt, reproduziert-produziert werden. Am Beispiel, wie man solches nennt: als die erzählte, grenzenlos überbordende und auch in sich grenzenlos implosive Szenerie passiert die Produktion des Gesamtbestands des Gewissens als dessen Reproduktion und vice versa die Reproduktion desselben als dessen Produktion. Diese Situativität inklusive der einbegriffenen Dinge
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alle darin zeichnet auch den veranschlagten Begriff von Genealogie. Meine Selbstplazierung in der Szene fernab von Souveränität haben Sie ja schon vernommen; sie kann nachstellend genealogisch nicht für sich beanspruchen, eine Art von Ursprungsdisposition zu sein, ist vielmehr ausschließlich ein höchst konditioniertes Binnenphänomen in Situativität selber, und als solches höchstens ein grenzbesetzender Aufenthalt, eine Sistierung, die nichts aufhält und die sich auch in sich selbst hinein verliert.
Inwiefern (re)produziert/re(produziert) sich die Gesamtbedeutung Gewissen in der memorierten Szene? Sie entsinnen sich wohl der anrührenden Schamexpressivität des exponierten adipösen Kollegen, zentriert ums Sehen als nur halbwegs gelingende Blickabwendung (und deshalb wie kurz vor dem Weinen); auch der nicht minder nicht durchgeführten Fluchtbereitstellung des Motilitätskörpers: des leisen Zitterns; des flüchtigen Ober-Erschreckens, transformiert in ein nicht mehr adressiertes beschämendes Grinsen. Der Diskretion der mithörenden Kollegen: dieses umhüllten scheinbaren Hohlraums des vorenthaltenden/vorbehaltlichen Schweigens. Auch meiner kleinen Katatonie, die ich bis hin zu diesem meinem Vortrag vor Ihnen in die grausame Rede des Erbarmens hinein solviere. Schameinfall also allenthalben.
Was aber ist Scham? Die Grundaffektion, das hominisierende Grundwissen: Erkenntnisüberfall nämlich der Sterblichkeit letztlich - der Sterblichkeit als Grenzultimatum und Grenzzusammenzug aller ihrer Ableitungen/Vorausgänge an menschlichen Bedürftigkeiten. Erkenntnisüberfall der Sterblichkeit derart, daß sich das Transzendenzbegehren des Erkennens im Angesicht seines Erkannten als gescheitert erfährt; daß das Erkenntnissujet, der sterbliche Körper, das abhebensbegierige Erkenntnisvermögen an sich festklebt/schon festgeklebt hat (so wie der Fliegenfänger die Fliege); daß beide, Sujet wie Vermögen, aus einem Stoffe sind, homogen, und in ihrer Homogeneität zugleich absolut different. Erkenntnisüberfall der Sterblichkeit demnach als genitivus absolutus. - Was also ist Scham? Scham ist die Atheismus-Schande der Nicht-Heterogeneität und darin zugleich der absoluten Differenz des sterblichen Schandkörpers und
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seines toten Hülleninbegriffs, des "organlosen Körpers"; die buchstäbliche Unabdingbarkeit des Todes im pseudos der Lebenserfüllung als indifferente Hüllenmortalität, kurzum: als Dinglichkeit.
Der Terminus meines Vortrags - conscientia/Gewissen - ist jetzt schon spruchreif. Auf der Folie der vorausgeschickten Anmahnungsskizze zur Scham, der in der Restaurantszene allverbreiteten, darf ich behaupten - und ich tue es hiermit wie mit einer These -, daß die volle Bedeutung der conscientia/des Gewissens diese Fundamentalaffektion der Scham selber sei: der restlose Aufriß von Mensch als der in sich/an sich zurückfallenden Menschekstatik selber. - Inwiefern aber behauptet sich dieses unüberbietbare Wissen als Ge-Wissen? Mitgewußt ist die heillose Selbigkeit des Gottes des Menschen, eben die Nicht-Transzendenz des Wissens, des organlosen Körpers, der reinen, sich in Sicht-Nichts auflösenden differenten Hülle. Mitgewußt je situativitätsgemäß intersubjektiv sodann der Selbigkeitsdurchgang dieses heillosen Gottmenschen in der Menschgattung überhaupt. Das volle Ge-Wissen ließe sich demnach als die Scham-bewußte Komplizität dieses Un-Heils bestimmen und wäre - ja, wäre: wenn es sich halten ließe - das Selbst-Erbarmen des Gottmenschen, also des Menschen, des wissend sterblichen Körpers als Unmöglichkeit des rettenden reinen Gottes, der Hülle.
Ich verhehle durchaus nicht, daß ich den Schambegriff damit insofern überstrapaziere, als ich mir die paradoxe Ausdehnung der Scham auf die Hülle selber, die die Blöße des sterblichen Körpers eben nicht bedeckt, herausnehme. Und nur in dieser vielleicht ungewohnten Extrapolation wäre der akzellerierte, ja augenblickliche Übergang der Scham in den ganzen Illusionismus der Hüllenleistung, der Übergang in die Schulddimension aufhaltbar. Vielleicht könnten sich die Scham der Blöße und die kapriziöse Scham der Hülle, wenn sie zusammenkämen, aneinander wie neutralisieren, und es geschähe dann der Hervortritt des gottlosen Menschen in seinem unablegbaren Gottesgefängnis.
Nun zu diesem Übergang der Scham zur Schuld. Mit diesem Pathos der Scham und deren vollen Gewissens habe ich mich wohl übernommen. Denn in dieser umfassenden Erkenntnis darf nur so viel an - man ist
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versucht zu sagen: schamhafter - Weile sein, wie notwendig ist, daß überhaupt noch etwas und freilich in einem, on dit, ganz anderen Seinsregister sodann sei. Die Probe aufs Exempel: die reine Scham nämlich als die letzte Beschämung und in einem die letzte Diskretion, die letzte Unverschämtheit und die letzte Schamhaftigkeit zugleich, die keine metabasis mehr in die fraglose etablierteste Seinsausdehnung des Un-Wissens veranlassen könnte, das ist die Leiche. Nicht aber daß die Leiche weilte, doch so etwas wie die Schamkultur der Erde als voller organloser Körper, un-beschriebene Reflexion der Scham selber, skandalisiert zumal und wird zum Daueranlaß der be-schreibenden Verklärungsumwendung derselben in die dingliche Erfüllungsform der Dinge, in Waffen hinein: Scheinsouveränität des toten Körper, mit seiner toten Hülle identisch, erfüllte Indifferenz im Toten als Hüllensprengung, Explosion.
In der Restaurantszene wird dieses Nicht-moratorium der schamhaften Scham, die ganze Flüchtigkeit des vollen Schamgewissens manifest. Hören Sie sich bitte in Gedanken den Protagonisten noch einmal an ...: er betreibt den, wie es scheinen mag, unvermeidlichen Übergang der Dimension der Scham in die der Schuld, und dies mit den entsprechenden Folgen für die Veranschlagung des Gewissens, die ich vorsorglich schon mit etabliertestem Un-Wissen, einem vermeintlich anderen Seinsregister vorattribuiert habe. Offensichtlich wirkte die so auffällig herrische Bestellrede meines adipösen Kollegen befremdend schamlos, ja unverschämt; will sagen, daß sie das kaum merklich Schamerleiden wie üblich prompt umwendet in eine schamlose/unverschämte Bedürftigkeitsattacke mit dem grotesken Inbegriff der Order der Lückenlosigkeit des Speisenauftrags. Imponierend dabei der überflüssige Aufwand: wo ist denn die Not in einem gut bürgerlichen, wohl funktionierenden Restaurant, die eine ordinäre Speisenbestellung wie einen Gründungsakt anzugehen nötigte? (Wo überhaupt gibt es in unseren Regionen noch solche Gründungsakte?) Gewiß; doch hielt mich die ungewöhnliche Offenlegung des Hervorgangs von Verschulden, von Arbeitsobligation, aus der Schampassivität, verwandelt in den Übergangsaktivismus der Schamparade der Schamlosigkeit/Unverschämtheit, insofern besonders fest, als sich in dieser
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Auflassungsredundanz, auf der gewiß keine Prämien stehen, die ganze Haltlosigkeit der Lösung des Schamproblems kurzum durch die metabasis in Schuld, durch die buchstäbliche Schuldverdingung an die Pseudologie der Absolutheit der Hülle avisiert. - Nochmals dieser für die Einrichtung des anderen Gewissens, des Schuldgewissens, entscheidende Übergang. Das Szenenexponat, der Riesenkollege setzt den Gewissensbiß an: moniert die besinnungslose Bereitschaft, nichts als das Opfer der Arbeitskraft, scheinermäßigt nur ob der akuten Zirkulations-, Distributionsphäre, zu vollbringen; er implantiert den nagenden Gewissenswurm mindest ins Oberhirn; er fährt den Stachel des Gewissens aus. Gottestravestie des verhungernden Säuglings, nein, der Gott untravestisch selber, der den Schuldbann des immerwährenden Opfers, der Industrie, terroristisch verhängt. Schon die geringste Lücke in diesem dichtesten Schuldgewebe wäre die Katastrophe schlechterdings, der Einbruch, die Wiederkehr nämlich der überglücklich doch darin vertilgten Scham. "Lückenlos, lückenlos ... ": so lautet das Paradigma der Stimme des Schuldgewissens, Gottesverlautung aus Unsichtbarkeit. Würde der Ober diese Stimme in sich buchstäblich machen, diese selber sein, so hörte er psychotisch, endgültig gerettet und verurteilt, Stimmen, und diese dann schließlich auch phonetisch lückenlos: lückenloslückenlos. - Ich sagte schon, daß auf einem solchen unvornehmen Legitimationsverrat des abendländischen Betriebsgeheimnisses an elementarem Orte keine Prämien stehen. Der Aufwand springt vielmehr derangierend auf die Szenenzeugen über. Immerhin durchzuckte die Furcht des Herrn den Kellner flüchtig dergestalt, daß er zu einer ebenso flüchtigen Racheminiatur ansetzen mußte: Häme über den komischen Gott, der allzuviel von seinem Mysterium, sichtbar bleibend ja, preisgab; Beschämungsretourkutsche als Wissensrest gegen den Debilismus der Allschuld. Auch die Diskretion der mithörenden weiteren Kollegen bezeugt den Übersprung: laßt uns so viel unangemessene Schamlosigkeit/Unverschämtheit, exekutiert zum Arbeitslager der Schuld, mit Schweigen, der Schulderfüllung, umhüllen und die Hülle sodann, gebührend kollegial plaudernd, ablenkend abdichten. Und auch was mir widerfuhr: von irgendeiner Metaposition keine Rede, ich mußte mich vielmehr
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zu einem gemäßigten Schuldblock katatonisch machen, das ins Sein gerufene Dinglichkeitsphantasma der Industrie auf Zirkulation-, Distributionsniveau an mir selbst transitorisch vollstrecken, nicht zuletzt um der Scham ein wenig die Treue zu halten, ohne ihr damit aber die Treue halten zu können. Und was ich danach noch tun mußte und hier in der Fortsetzung dessen tue, das gehört ganz dahinein und dazu.
Eben versuchte ich, den Übergang des vollen Schamgewissens ins Schuldgewissen nachzustellen. In diesem Übergang, dessen Notwendigkeit zur Disposition steht, geschehen schreckliche Dinge, und zwar die Etablierung des reinen Schuldgottes, der Theismusphase, der/die sich imperial ausschließlich macht. Das Seinsareal insgesamt tritt unter die Anamnestik-Prärogative der absoluten Hülle; Hülle, herkunftslos, die unendliche Oberflächenschichtung, explosiv sich in Unsichtbarkeit - Blendung, Blindheit - hinein erfüllend; wider den Selbstvorbehalt beim Wort genommen nichts denn Blutgerichtsbarkeit der lückenlosen Opferbeschuldung und -entschuldung danach, Widersinn der absoluten NichtsRealie, der Hülle als Moloch allen Fleisches. Dieses Gewissen - am besten man streicht die Wissensbehauptung und den Mitwissens-Übergriff auf Menschheit darin sogleich durch - dieses Schuldgewissen ist im Widerspruch zum vollen Schamgewissen die Verstellung schlechterdings: als erfolgreichst-apokalyptisches Hüllen-(Un)ding scheinbar das andere und zugleich nicht andere zum Körper, unendliche Opazität als das unendlich Superfizielle, der Schein restloser In-sich-Exkulpiertheit, der Schuldabsorption, ja -vernichtung und deshalb im pseudos der Nichtkontradiktion - freilich ist dies ein schreiender Widerspruch - die letzte opferheischende schulddistributive Inquisition, in stringentester Beliebigkeit beschuldend und entschuldend/begnadend danach. Das Schuldgewissen, durchgestrichen (doch keine Bange, es bleibt) ist die Erfüllung des Un-Wissens, das sich als All-Wissen ausgibt; die Erfüllung vernichteter Intersubjektivität, sich unterstellend als der Menschheit Stimme; Wesen, Tod also, das die eigne Existenz notwendig mitverbürgt; die universelle Herrschaft des Todes - der Paraphrase ist kein Ende.
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Das verführerische Pathos aber, die Scham gegen die Schuld auszuspielen, das volle Mitwissen dem Un-Wissen wie den Anhalt eines anderen entgegenzuhalten, muß ich abermals ermäßigen, wenn nicht widerrufen. Denn: die Scham kann nicht mehr sein als der Binnenlimes der Schuld-Vorgabe, implosiv womöglich zwar an diesem ihrem Grenzort, doch eben hypostasiert nicht haltbar, ja - so mag es einem hoffnungslos vorkommen - immer weniger haltbar im rasenden Fortschritt der Absolutheitsexekution der Schuldsphäre, der Hülle. Das Restaurant als ganzes ist bereits da, längst bevor sich in ihm, ausnahmsweise und äußerst flüchtig, ein bißchen flüchtiger Scham realisierte. Die Phantasmatik der Hülle/ der Schuld (des wesentlich existierenden Gottes) geht dem Aufriß des Körpers/der Scham, dieser Konterkarierung immer post festum, dergestalt voraus, daß sie sich in dieser Brechung mitnichten auflöst, umgekehrt vielmehr sich als die selbsteigene unantastbare Transfigurationsgrundlage in ihrem eigenen Schamriß nichts als behauptet; Eigenkonterkarierung also, durch sich selbst in ihrem Gegenteil gehalten - die reine isolierte/hypostasierte Scham, sie wäre ja, wie schon angesprochen, der Tod selber. Da ist nichts zu machen. Und also müßte sich das Erbarmen des vollen Mitwissens der Scham auf diese Unvermeidlichkeit des dingbaren Apriori der Schuldaktualisierung mit allen ihren Greueln zumal miterstrecken; und dies zumal gegen die vielleicht naheliegende Versuchung, schamhypostatisch bei lebendigem Leibe die prophetisch-paranoische Rede der Beschämung/der Beschuldigung zu führen, die sich je schon übernommen haben wird; das Restaurant als ganzes ist ja schon da, bevor ... und so weiter, und die zeitgemäße prophetische Rede wäre die Zerstörung des Restaurants, die sich sogleich darin verfängt, dessen Zerstörung als objektive Kriegskulmination solcher Gebilde alle wie magisch bloß vorwegzunehmen. - Umso dringlicher demnach die Sorgfalt der Recherche nach denjenigen Seinsmodi, in denen sich der Scham-Binnenriß des ganzen unabkömmlichen Schulddebakels, als Selbstriß desselben, sich darin selber verbrauchend, einstellt. Es möchte nämlich möglich scheinen, daß sich das Schuldgewissen als Schamgewissen selber selbstkritisch aufzubrauchen verstände; dies jedoch keineswegs im Sinne einer währenden
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rückstandslosen Selbstverbrauchung, die, wenn sie währen könnte, sich als die Realie des anderen behauptete, der Tod ja selber wäre. Es bleibt dabei: die Scham ist eo ipso, eben wenn sie sich durchsetzte, von Gnaden der Schuld. Von Gnaden der Schuld nicht zuletzt auch in dieser Rücksicht, daß die eschatologischen Ausmaße der Schuldexklusivität - des Schuldgewissens als der Vernichtung des Gewissens, die ganze Haltlosigkeit dieses Absoluten - daß diese Schuldverfassung die Binnenkontrapunktik der vollen Scham allererst ermöglicht und hervortreten läßt; daß diachronisch der Progreß der Gewissensvernichtung überhaupt erst die Gegenführungspotenzen des inneren Grenzwerts der Schuld selber immanent gegen sie selbst mobilisiert. Von Gnaden der Schuld nicht zuletzt auch in dieser heiklen Hinsicht, daß selbst der womöglich gelingende Austrag schamhafter Grenzbesetzungen von der ehernen Vorausgesetztheit der Schulddimension kassiert werden könnte, diese in sich weiter bloß inflationierte. Nochmals: die volle Scham ist die Selbstkritik der Schuld, kein anderes; das Schamgewissen setzt das Schuldgewissen voraus; als dessen unüberschreitbare Grenze ist es kein heterogener Anfang, der wunderbarerweise in seinem Fortgang ganz anderswohin gerät. Zuerst die Pest und dann die Aufklärung, und die Aufklärung geht womöglich in die nächstpestigere Pest unaufhaltbar sodann über.
Ein imposantes Szenenelement habe ich mehrfach schon wechselnd benannt, jedoch noch nicht in den Problemzusammenhang des Gewissens aufgenommen: die sogenannte Fettsucht des Szenensubjekts. Eh ja auf solche Dissidenz, die Krankheit, psychiatrisch kapriziert, nehme ich dieses Bestandstück, jetzt wohl vorbereitet genug, zum Anlaß, mehr noch und Genaueres zu den Fährnissen, das volle Schamgewissen gegen das Schuldgewissen auszuspielen und sich dabei womöglich verheerend zu irren, vorzutragen. Erlauben Sie mir also diesen gebührend indiskreten Akzent und mehr als Akzent: schamhaftest/schamlosest/unverschämtest nämlich nimmt sich just eine solche direkt fleischlich visible Unförmigkeit aus, und in dieser Pathologie verdichtet sich denn auch der Organisationsplan der Szene als das dissonante, ja letztlich buchstäblich tödliche
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Zusammenspiel beider Gewissen. - Was aber ist Krankheit in dieser unbeliebigen Rücksicht? Krankheit macht die Leidenschaft, die Passion schließlich aus, die Vorausgesetztheit der gesamten Schulddimension in derjenigen der vollen Scham als Grenzwert der Binnenkritik dieses Apriori selber zu vernichten; den Terror der absoluten Hülle wie mit einem letzten Gegenschlag um des Körpers willen zu treffen; den allbewiesenen Schuldgott mit seinem aberwitzigen Widerspruch selbstgenugsamer Exkulpiertheit zu seinem Opferterrorismus gegen die eigne Schöpfung/wider das Fleisch zu stürzen; den Debilismus des Schuldgewissens zur einzigen Ehre des einzigen Schamerkennens endgültig aus der Welt zu schaffen.
Recht so? Man könnte versucht sein, solchen Absichten zu akklamieren. Endlich der Aufbruch anderswohin, endlich die Sprengung des Hüllenphantasmas, endlich die Rückkunft des Menschen rein nur noch unverstellt zu sich selber zurück? Nein, zugleich begeht Krankheit den schrecklichen Irrtum, die Allpräsupposition, kurzum dies scheußliche GottesSchuld-apriori, mit den Mitteln der selbsteigenen Selbstkritik der-/desselben eben doch aus der Welt schaffen zu können, wodurch die vielleicht möglichen Insistenzen dieser post festum-Kritikart gänzlich verderben. Endlich die Sprengung des Hüllenphantasmas - aber nein! Dafür sorgt diese als progrediente Kriegsverfassung aller Dinge, universelle Waffenhaftigkeit, als die eigene suizidale Absolutheitskulmination objektiv selber schon zur Genüge; das Krankheitsbegehren ist von diesem seinem Inbegriff, der in objektiver Mortalität rein aus sich selber und sich darin erfüllend aufbringt, was ihm groteskerweise subjektiv kongenial angetan werden will, je schon überholt. Pathologie demnach ist kindisches Kriegsspiel, das sich als Kriegsrealie überwertig lebensgefährlich verkennt; Flucht nach vorne als Rückzug an den Unort, der in sich abermals zum Unort wird: Aufriß-Blockade, Grenzhypostasierung, entropisch; Flucht, eingeholt von der darin freigesetzten Sanktionsvollmacht dieses Schuldgottes, der das Pathologiespiel mit dem Feuer schmerzend zur Raison bringt, den ungedeckten Fleischeseinbruch in seinen Martialitätsvorbehalt mit der
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ganzen Vergeblichkeit magischer Prophylaxe gegen diese seine höchste Macht letztlich vernichtend schlägt. Was ist vom Aufbruch anderswohin geblieben? Letztlich eine schreiende Gotteskarikatur, der man das Maul zu stopfen pflegt in der Art einer Barmherzigkeit, die zum überwiegendsten Teil weniger Mitleiden als Intoleranz der erhellenden Krudität dieses Unternehmens gegenüber indiziert. Just das volle Schamgewissen, dessen Freisetzung der Pathologieaufbruch, anderswohin aufbrechend, wenigstens doch mitverheißen möchte, bleibt schmählich auf der Strecke. Die Großattacke gegen den Trug der Soteriologie des Schuldgewissens zerstört zugleich die Unabdingbarkeit der Scham und damit zumal diejenige schamgebundene metabasis in die Schulddimension, die deren Verheissungen zurückbiegt zur Schuldübernahme, die gleichermaßen unabdingbar, der Katharsischancen der Entsühnung ledig sein muß, sich nur um den Preis eines Widerspruchs zum Begriff der vollen Scham, die ja schlechterdings nicht auf die Erlösung durch die Hülle setzt, die umgekehrt vielmehr das pseudos des Hüllenanspruchs ebenso mitweiß wie die Haltlosigkeit des nackten sterblichen Körpers - sich nur um den Preis dieses Widerspruchs anders, schuld-gewissentlich nämlich, gerieren kann. Man darf wohl behaupten, daß sich das volle Schamgewissen in der Unentsühnbarkeit dieser schamkonsequenten Schuldanerkennung pointiert. Und zumal wird sich das schammotivierte Selbsterbarmen dieses Nichtgottes auf den Irrtum der Krankheit miterstrecken. Irrtum der Krankheit: das ist tödliche Identifikation mit dem Aggressor Schuldgewissen unter dem Anspruch seiner Vernichtung; sie zerdrückt das Schamgewissen in einem mit. Gewissenlosigkeit in beiderlei Rücksicht - Gewissenlosigkeit schlechthin, wenn nicht die Strafe dafür instantan und ohne Absolutionsvalenz sich diesem Doppeldefekt krankheitskriterial einbildete. Tückische Binnensühne letztlich als Vorwand aber sodann, die Gewissenlosigkeit ob ihrer Mitsanktion abgedichtet zirkulär unendlich, letal also zu kultivieren. Die unmögliche Abschaffung der Hülle tout court - die tendenzielle Abschaffung des Körpers demnach mit.
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Es macht nun im Stile dieser - gewiß der Gewalt von Krankheit gewaltkongenialen - theoretischen Abhebung keine Probleme, diese Pathologiekriterien alle in der besagten Fettsucht zwingend am Werk zu sehen. Die Schulddimension insgesamt hält sich in der Vernichtungsattacke gegen sie nichts als aufrecht dadurch, daß es dem zum letzten entschlossenen Angreifer ausschließlich vergönnt ist, zu dieser selber zu werden; dies in modi der Aufschiebung freilich, die als beendete ja der Tod wäre. Und diese frustrane Attacke, der in sich differierende dilatorische Eingang in die zu vernichtende Nichts-Prätention, geht auf die Aufhebung aller Bedürftigkeit, allen Mangels, kurzum des sterblichen Körpers selber aus. In der Fettsucht elementarisiert sich dieser Vorgang spezifisch subsistenzsexuell derart, daß die Betrugsverheißungen des Schuldgewissens der Nutrimente beim Wort und buchstäblich genommen werden: der Adipöse wähnt - und er wähnt dies freilich zu Recht -, daß der Hunger abzuschaffen wäre dadurch, daß er unmittelbar selber zu Nahrungsmitteln würde, daß er diese im verbleibenden Sinne der Identität mit dem Aggressor auf einen Schlag martialisch zerstören könne. Er wähnt dies zu Recht, weil ja das Schuldgewissen/das Gottesphantasma allenthalben suggeriert, daß es als Nahrungsmittel eben keinen Hunger hätte, keinen Hunger haben könne; daß der hungernde nutritive Gott eine contradictio in adjecto sei, nur daß diese den ganzen Schuldbetrug tragende Kontradiktion sich im terroristischen Opferheischen dieses Gottes, seinem Hyperhunger, seiner vor nichts zurückschreckenden Gier je realisiert: Nahrungsmittel demnach, ganz umgekehrt, das hungrigste von der Welt. - Im genauen Sinne dieser Bezeichnung vollzieht sich die also menschlich irrende Fettsucht als Sucht. Sucht, das ist die Schuldvernichtung als letale Schuldakkumulation im Körper als Korrespondenz zu den Waffen. (Wen kann es noch wundern, daß Sucht die Pathologie-Signatur der Epoche ist? Je souveräner nämlich die Disposition der Hülle, der unendlichen Superfizialität, umso vehementer auch die Versuchung, diese kolapsische Großartigkeit, die sich dingabdriftend progredient entzieht und sich in sich hinein verschließt, subjektiv direkt anzueignen.) Sucht, das ist die Totalaushöhlung dieses einzigen Schuldgottes, wenn schon, seiner Nullwerthülle, der
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unendlichen Oberflächenabtragbarkeit der Opazität des Dings. Unvermeidliches Fazit: letztlich dann körperlich zu diesem selber zu werden, zu diesem phantasmatischen Ding, der Gottesleiche, deren überhaupt nicht großartigen fleischlichen Diffusion man tunlichst rasch waffenproduktiv zuvorkommt.
Krankheitskriterial aber schiebt sich dieses Todesultimatum der Dingwerdung ein wenig, in diesem Interim durchaus aber zählebig, auf. Dies geschieht fettsuchtspezifisch so, daß der Dingeingang, die Aushöhlung der nutritiven Schulddimension - immer im Sinne der apostrophierten Identifikation mit dem Aggressor - sich als unbrauchbare Hülle um den anmaßenden Körper zieht, die Hülle progredient verdickt, den Körper schließlich, von dieser durchsetzt, erdrückt, zerquetscht. Dieses mörderische Werk leistet real korporell (in keiner Weise symbolisch) das Fett, notorisch ja der organische Stoff, der nicht zuletzt dem Gott als Opfer, verbrannt zu seinem Wohlgeruche, vorbehalten ist. Hier wäre nicht weniges an Fettgnosis zu recherchieren fällig: etwa den Exzeß der Indifferenzierung der Fettfunktionen (Speicher-, Bau- und Isolationsfett) zu dieser einzigen tödlich redundanten Indolenz von nur-noch-Fett, autarkem Gottesbraten, auf unendlichen Selbstvorrat, undurchbrochene Selbstimmunität, schiere Glätte, Nichtreibung eingestellt; auch die Vorgänge der Innenverfettung im einzelnen etc. Buchstäblich sieht man's: wehe dem, der diesen Gott, das Schuldgewissen, beim Wort und buchstäblich nimmt. Jedenfalls wird mit dieser Art des vergeblichen Krankheitsangriffs auf das Schuldgewissen, das sich in dieser seiner Aushöhlung grausam rächt, das volle Schamgewissen mitvernichtet; der sterbliche Körper und die Haltlosigkeit seiner Hülle, diese ausnehmende Erkenntnischance der vollen Scham, verschwinden in der Absolutheitsusurpation der Hülle als das letzte Gericht bei noch lebendigem Leibe.
Entsinnen Sie sich der Szene? Diese leibhaftig verfettete Gottesschande, so etwas wie das Aufquellen der vollen, "absoluten", noch nicht geblendeten, nicht schon an die Oberflächen verdingten Sicht, diese
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visible letzte Gewissenlosigkeit kann nicht nicht auf ihre schämige Unsichtbarmachung aus sein. Deshalb die Ablenkung auf die phon6, die rascheste Sinnenmetabasis in Hören/Sprechen hinein: Befehlsstimme, Inquisitionsverlautung als Schuldobligation am besten sogleich aller Welt an das immerwährende an dit schuldabtragende Opfer für diesen Gott: lückenloslückenloslückenlos. Adam-wo-bist-du-for-ever. Verschuldender Lautabwurf der erfüllt sichtentzogenen Opazität des Dingphantasmas selber, das also gelingende lautende Nichts, die Stimme des Gewissens, die nichts mehr wissen kann, zumal nichts mehr mitweiß über den Anderen und nur noch darauf aus sein muß, die verfänglichste Indifferenz des SichSprechen-Hörens, diesen trügerischsten aller Zusammenschlüsse, als Selbstrückhalt und -rettung hermetisch durchzusetzen, und dies durchaus ablesend aber nur von der Schriftgesetzestafel der Speisekarte.
Den überfälligen Exkurs in eine Theorie der Sinne mit ihren überkommenen schwersten empiristischen/rationalistischen Hypotheken muß ich mir hier versagen. Es ist ja überhaupt so, daß solche scheinbar trivialen Szenen einem buchstäblich über dem Kopf zusammenschlagen, einen wie klaustrophob umhüllen und selbst noch in der tätigen Erinnerung so etwas wie die Panik intrauteriner Zustände reproduzieren - also gewaltig erweist sich selbst im Kleinsten, wenn immer man es zuließe, die Allgewalt des Schuldgewissens, das diese Bezeichnung fürwahr nicht verdient. - So ein banales gutbürgerliches Speiserestaurant stellt sich ja nicht minder als ein umfassendes hochdiffiziles System von Umhüllungen heraus; und die verschiedenen Hüllentopoi spezifizieren dann auch das Gewissen in Küche = Produktionsgewissen, Restaurant im engeren Sinne = Zirkulationsgewissen, das Mahlzeiten selber = Konsumtionsgewissen und - solches wird aus falscher schuldverfallener Scham fast immer vergessen, ja verleugnet gar - die Toilette = das Exkrementations-/Hygienegewissen; die Toilette, die es kriterial an sich hat, als je spezifische Obligation in all diesen Ökonomiesektoren aufzukommen, um sich als Toilette expressis verbis, konsumtionsbezogen bezeichnenderweise, gesondert institutionell zu erfüllen: Arkandisziplin; was schon Anlaß genug sein müßte, diesen kulminativen
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Gewissensort mit der größten Sorgfalt zu bedenken. - Unübersehbar schließlich der Außenanschluß des Hüllensystems Restaurant an weitere Hüllensysteme nach der Maßgabe abermals der apostrophierten Ökonomiebereiche je mit ihren Gewissensspezifizierungen wiederum und so weiter lückenlos.
Nicht aus falscher Scham, vielmehr aus Gründen der immer auch zweifelhaften Selbstentlastung muß ich noch eine Weile memorierend im Restaurant im engeren Sinne bei der veranschlagten Szene weilen, also in der ausgewählten Sphäre der Zirkulation, dort, wo "selbst von der Natur ... angenommen ... wird, daß sie gleichsam im Warenkörper ihren Atem anhält, solange der Preis der gleiche bleiben soll", wie Sohn-Rethel sich so trefflich ausdrückt (in: Geistige und körperliche Arbeit, edition suhrkamp 555, S. 47). Wir befanden uns/befinden uns memorierend nach derselben Maßgabe dieses Stillstands jetzt im Kontext der Hohen Zeit des Schuldgewissens, dort also, wo die Abstraktion, um nicht zu sagen: die Freiheit, kulminiert; wo der Gott/die Speisen transitorisch in reiner blinder publiker Sicht (allerhöchstens noch auf den Verzehr hin versiertem Riechen mit ein wenig dazu) aufgehen; wo in diesem Vorübergang keine Hand, weder produktiv noch konsumtiv, an diese gelegt ist; wo der Aberwitz des reinen Mehrwerts, dieser disziplinierteste Exzeß der Übercodierung, als das flüchtige nunc stans der Warenästhetik Platz greift. Freilich hier, wo das Schuldgewissen vermeint, zu sich selbst gekommen zu sein, ist just sein ästhetisch eskamotierter Terror an Penibilität zu sich selbst gekommen. Es ist der prekärste Moment des insonderheit drohenden Zusammenbruchs, des casus ab alto des vermeintlich hier nicht mehr schuldabsorptiv-beschuldigenden Gottes-Gerichts (man bemerke den schönen Doppelsinn dieser Bezeichnung) ob der vermeintlichen Entsühntheit seiner selbst, des Versöhnungsscheins - der prekärste Moment dieses Höhenabsturzes in die Abgründe der tiefsten Scham. Vorsicht demnach: im festgehaltenen Übergang der Schönheit kulminiert das immer ja dinglich-institutionelle Schuldgewissen im schönen Scheine der Abdankung seiner Blutgerichtsbarkeit als die Vernichtung von Wissen, Mit-Wissen
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schlechterdings. Auf der Folie dieses Schuldgewissensgipfels, des Scheins des Gerichts als der Anblicksgnade des Nicht-Gerichts in der Sphäre des Tauschs, extremisiert sich entsprechend die diesen Visibilitätsüberschwang durchkreuzende anderssichtliche Schandhaftigkeit des gottesverräterischen adipösen Kranken. Wie peinlich er ist und ohne die geringsten Revolutionschancen eben insbesondere hier in dieser Imaginaritäts-Unterweltspiegelung Desselben der lichten, für die Identitätsreflexion in ihrer Blankgeputzheit bestens sorgenden Oberwelt des Restaurants. Auf ewig konservativ, das Schuldgewissen nur umso zwingender motivierend, akkumuliert sich in der Fettsucht die gesamte Materialität des Mehrwerts aus allen Ökonomiesektoren, zumal aus dem der ausgezeichneten Zirkulation, der ausgewählt örtlichen also selber: die Materialität des Mehrwerts als assimilierter Abfall, Unverwertbarkeit, Dejekt, Exkrement. Adipositas, das ist die in der Tat gewissenlose Körpermüllkippe aller Küchenabfälle, allen Geschirrs, aller Ausscheidungen von nebenan aus der Toilette, das Fleischeskonzentrat aller Abfallströme, geistvorgeblich, Leichen-Metonymie. Je erschöpfender die Fettautarkisierung, umso penibler nähert sich dieser vergebliche Gottescorpus der verwesenden Leiche bei lebendigem Leibe, der letzten Unverschämtheit der Schuldimplikation überhaupt an. Letzter Widerspruch von Krankheit, die anderswohin aufzubrechen schien, demnach: in der konsumatorischen Dingaushöhlung, dieser fortschreitenden Identifikation mit diesem Aggressor als zu-diesem-selber-Werden, geht die Körperpassion sofort auf den göttlichen Vorbehalt, das ist das Unbrauchbare, Abfällige, kurzum: den Mehrwert, dergestalt aus, daß sich dieses/dieser also passioniert total macht: alles Brauchbare in den Sog der schieren Unbrauchbarkeit hineinzieht. Paradoxerweise ausgehöhlt werden will die totalisierte Verpackung, die Überall-Hülle; und vernichtet wird damit todeszitierend die einzig lebenspendende Differenz in der Unimateriatur von Körper und Hülle, der Riß der Scham, das volle Schamgewissen selber.
So weit die Krankheit. Was ich alles nicht mitaufgenommen habe? Unverzeihlich vieles: nicht die weiteren, ebenso vergeblichen Dissidenzen im
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Objektiven wie im Körper (so zum Beispiel das Verbrechen); nicht, wie schon angedeutet, die sinnenphilosophischen Desiderate (die Zuordnung von Scham und Visualität, von Schuld und phone); nicht die Fehlanzeige von Weiblichkeit in der säkularen Abendmahlrunde der Restaurantszene - Weiblichkeitsabsenz, die, wie immer, indiziert, daß Weiblichkeit als universeller Usurpationsstoff fungiert. Ist doch der eine Gott, das Schuldgewissen, der tote Mutterleib selber.
Ich breche ab und widme mich zum Abschluß einem Teil zunächst der Titelannonce, nämlich nicht mehr psychoanalytisch vorzugehen. Dies ist geschehen, insofern in keiner Zeile das Gewissen, weder das eine noch das andere, als subjektives Vermögen auftrat. Nicht daß es als ein solches sich nicht permanent behauptete, doch als Vermögensgewissen kann es nicht mehr sein als das eingedenkende Rückeinbildungsartefakt der institutionell-dinglichen herzustellenden Gewissensvorgabe, nicht mehr als die Reimagination einer Erinnerung sozusagen, hypostasiert zum Unort, genannt autonomes Subjekt, das, wenn es sich nicht also verkennte, im wörtlichen Sinne sub-iectum des ob-iectums dieser immer zu produzierenden Vorgegebenheit je in Situativität wäre. Das Vermögensgewissen, das ist dieser Verdopplungswiderschein, der sich groß damit tut, das in ihm Widerscheinende in dieser seiner obiectum-Valenz wegzutun, um sich selber verrückterweise, obiectum eben als Subjekt, man kennt's: souverän, autonom, autark, absolut, zu werden. So als sei der Vorausgang der Selbstabgetretenheit aller Vermögen immer schon an dingliche Kontexte so wie ein Restaurant zum Beispiel, diese Dingekstatik-Verlorenheit des Subjekts die Schande schlechthin, passiert sodann paradierend dies schrecklichste aller Wunder, daß die rein memoriale Vergewisserung, die Reminiszenz bloß von dinglicher Vorgegebenheit eh, sich zum Ursprung derselben und zugleich ihrer selbst aufzuspielen pflegt. Man wird also behaupten dürfen, daß sich in dieser subjektivistischen Vermögensversion des Schuldgewissens die Vernichtung allen Wissens, inklusive dessen Intersubjektivität, schließt; und daß sich entsprechend alle Greuel dieser Welt in diesem kurzum absoluten Vermögen, diesem Internalisat, dem zu
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Ende gekommenen Gott, verdichten: anankastische Schuldverpflichtung mir selber ganz als Sucht gegenüber so weitgehend, daß die Sucht in diesem medialen Zwang als Zweck an sich selbst restlos aufginge. Und dies - das versteht sich - sorgfältig auf Intersubjektivitätskurs, als einzige Sorge um die Menschheit, sprich: als paranoische Verfolgung des Anderen, so er es nur ein bißchen anders vielleicht zu halten im Sinn haben könnte; erfüllte Eigenparanoia expansiv-imperial der Menschheit Stimme.
Aber die Psychoanalyse? Als Hort der Gewissensgenesis und -genealogie wirkt sie, wenn immer sie sich noch auf diesen ihren Kritikausgang freudianisch besinnen könnte, wenigstens im Subjektiven dem Vermögensabschluß des Schuldgewissens dezidiert entgegen. Allein, in ihren Traditionen (Lacan ausgenommen) blieb dann die verhießene Emanzipation kurzum des vollen Schamgewissens insofern auf der Strecke, als sich trotz aller dazu, wie man meinen möchte, bereitstehenden Mittel das Subjekt, wenngleich es kein solches mehr sein kann, von seiner Dingekstatik weg subjektivistisch rekasernierte; sich im gebrochenen und eben deshalb umso inflationierteren Verdopplungswiderschein der Dinglichkeit paranoisch festbiß; sich nur in die dingabgeschiedene Scheineskstatik eines isolierten Gewalt-Intersubjektivismus rein als Generationenverhältnis/Generationssexualität hinein öffnete; sich als Vermögenshypertrophie nicht zuletzt des Schuldgewissens a fortiori restituierte. Die Wahrheit über das Schuldgewissen auf Vernichtungskurs desselben als die Erpressung seiner Hyperrestitution.
Diese hier nur angedeutete Krisis der Psychoanalyse bezeichne ich mit Genealogie, wenn ich nicht sogleich von Gnostik/Pathognostik spreche; womit das letzte Rätselwort des Vortragstitels zur Paraphrase anstände. Genealogie, das Auflesen und Zusammenstellen des Ursprungs, das wäre so etwas wie Lumpensammeln im Geiste. In der Tat läuft dieses Unterfangen darauf hinaus, sich zur Beseitigungstransfiguration des Abfalls in die Scheintranszendenz des Mehrwerts hinein querzustellen und es entsprechend eben mit dessen Materialität spezifisch zu halten. Es eben mit
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dieser Materialität spezifisch zu halten: rein binnenpositioniert in diesem Gottesgefängnis, freilich in sich nichts als bedingt; ein einziger Grenzgang voll der Gefahren in seiner kontingenten Obligation an Dasselbe seiner solistischen Feindeslanddurchkreuzung/Grenzabschreitung, den vorausgesetzten gegnerischen Besitzstand unter seinen Transversale-/Peripheriefüßen für seine immanenten Gegenzwecke verbrauchend; mitnichten mehr. Kein Ursprung bläst zum großen Gegenangriff der Unterwelt gegen den Schuldgott der invisiblen Permanenz der Lautungshöhe des Visiblen; es gibt nur Welt als das eschaton der Fusion beider, wenn schon, dann der Explosion des Restaurants. Genealogie ist der Situativität zumal untertan im exakten Sinne von Verspätung, die kein Maß eines leitenden Früher, also kein Früher kennt, dessen Bürgereingedenken die Welt in allen Sinnen verstopft. Genealogie ist und bleibt Parasit dieses maßlosen unmöglichen Früher, aber regt sich als Parasit Desselben sui generis: als die verstrickte Kraft des Verrats. Und in ihrem Verratswesen ist sie der Gefahr der Zerquetschung der Lückenlosigkeit der Schuld immer ausgesetzt; und selbst noch in der Mortalität des Imnachhinein soll sie OpferOpfer der Schuldvirtuosität der Nahtlosigkeit der Nahtstellen dergestalt sein, daß ihr das der Vernichtung preisgegebene Rißresiduum in seiner Vernichtung die eh schon tote Stimme erstickt und die eh schon tote Hand zerquetscht; so daß selbst das adaptierbare höflich-herrische "bitte" in der Lückenlosigkeit der Bestellrede der Lückenlosigkeit, diese Lückenminiatur, des Risses und des Verrats zu viel ist. Insofern wäre die rechte Alternative zu meinem Vortrag hier die Vorführung einer Videoaufzeichnung der Restaurant-Szene (und avancierter noch Video exklusiv in dieser Szene für diese/als diese selber). Sie würden dann Nachträglichkeitszeuge der sofortigen Tötung des eh schon getöteten Geschehens als Absolutheit von Historie; und dies dann freilich am besten sogleich lückenloslückenlos ... ohne die tote Distanznahme des verdichtenden Sprachkommentars dazu (die Einlassung des "bitte"), am besten sogleich als geschehenskoinzidentes Delir des nicht-mehr-Sehens und des ununterbrochenen Stimmenhörens ineins. Wie soll man dagegen ankommen? Schon im ordinärsten Filmausschnitt der Szene ist meine genealogische Rede vernichtet.
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Wenn ich mit der Tür ins Haus hätte fallen wollen, wozu ich durchaus verführt gewesen bin, so würde ich das ganze conscientia-Problem am Video-Wesen, diesem dernier cri des Schuldgewissens, gewiß noch stringenter dargetan haben.
Die Binnengefährdung von Genealogie aber fällt nicht minder gewichtig aus. Das Spiel nämlich mit dem Materialitäts-belassenen Waffenabfall, dieser Querstand von Intellektualität, vermöchte unbesehen in den Todessog desselben, den nicht anderswohin leitenden, vielmehr krankheitsgenerativen, hineinzugeraten: Waffenabfall-Fraß. Das Unglück steht vor der Tür, in solcher genealogischen Grenzbegehung/Durchkreuzung - es ist immer beides: Randbegehung am Nichts-Abgrund linker oder rechter Hand als Überquerung der Seinsnichtungen rechter und linker Hand - die Abständigkeit der einschlägigen Waffen-/Exkrementenschau einzubüßen, zu diesem Unrat selber zu werden, ansichtig-ungeblendet-sprachlos darin aufzugehen. Die immer drohende Katastrophe, daß das Glashaut-intellegere um diese Ausscheidungen herum, diese residual-ganze Reverenz an die Hülle, die Hülle wenigstens noch als Glashaut, reißen könnte. Als Realparabolik wäre die veranschlagte Genealogie durchaus umschreibbar (und enthielte als solche etliche hirnphysiologische und nicht nur hirnphysiologische Suchhypothesen), als keineswegs denkfaule Metaphernhypertrophie, die ihrer Erlösung durch anständige Begriffe harrt, bedenklich glashautgeschützte Auflassung vielmehr des Realen selber und als solche gänzlich alternativelos.
Entsinnen Sie sich bitte zum letzten jetzt der Restaurant-Szene. Was mich betraf, so sprach ich von einer ungewichtigen Starre, von einer kleinen Katatonie, mit der ich dem vollen Schamgewissen wenigstens für mich selber die Treue zu halten versuchen wollte, jedoch in eine Symptomminiatur hinein geriet. Solche gewiß nicht intendierten Zustände können als eine Art von Initial für Genealogie nützlich sein, den Anfang der Konzentration eines Kontingenzzusammenhangs ausmachen. Ein toxischer Bodensatz dieser Erstarrung aber verblieb irgendwo in mir, unbeschadet
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meines Konventionalitätseingangs in die Scham verschwinden machenden Schuldabsorptivitätsofferten des Restaurants, und diesen Blockierungsrest mußte ich absolvieren, autotomisieren, aus mir wegschaffen in die probate Hadeslebendigkeit von Sprache und Schrift zumal hinein. In diesem Entgiftungsvorgang geht der Waffenabfall in der Glashülle - schulderbötig darin durchaus alleine schon wegen der Hülle, wenngleich sie gläsern ist - in den Querstand seiner Literalität auf: Buchstabenwerdung, offenes Schand-Graffiti auf dieser Art von Haut, die ihre Transparenz in Schrift einbüßend behält. Voilä - hier meine und gar mit Schreibmaschine beschriebenen Blätter, mit denen ich das volle Schamgewissen unter der Apriorität des darin verbrauchten Schuldgewissens nach Berlin transportiere - gewiß; aber in dieser Version geht es mir zugleich empfindlich verloren, und zumal kommt es mir potenziert abhanden, indem ich mit diesem Schriftstück vor Ihnen Lektüre mache, Ihnen diesen Vortrag gehalten habe. Wie soll es möglich sein, daß solche Sequenzen an anamnestischem Binnenentzug - Memorialität hoch wieviel? - rückläufig würden und das sich Verlierende/Verlorene wiederbrächten und im Fleische restituierten? (Um von den Rücktransportchancen dieser Art Aufklärung an den Kranken am besten gleich zu schweigen.) Selbstwiderspruch dieser meiner Stimme der Höhe, die dementiert, daß sie eine solche sei; Selbstwiderspruch der Evokation von vollem absoluten Sehen, just des vollen Schamgewissens, wo es nichts zu sehen gibt. Mich sehen Sie ja nur medial als Zeugenboten/Referenten mit einer Botschaft/einem Referat, die/das je in Kontradiktion zu sich selber tritt. Vielleicht aber träte ich ob dieser Kontradiktion peinlicherweise allererst selber hervor. Selber? Was ist das? Eine rare Angelegenheit, als präsente empirische Person nicht nur so etwas wie der möglicherweise schuldausgleichende Begleitumstand der abgetrennten höheren Sinnkundgabe zu sein? - Aber Sie erst als das - wie zu charakterisierende? - Publikum, wenn Sie mich gar auch noch verstanden haben sollten? Auch in diese Ihre Richtung hin hätte ich den unseligen Widerspruch begangen, Sie in der notorischen Inversion des Gefüttertwerdens/Erklärens zum Moloch des Schuldgewissens, mich und mein Kerygma dahinein opfernd, gemacht zu haben, obgleich ich
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Ihnen doch das Gegenteil von Himmelsbrot nicht-spenden wollte. Der Platzwechsel des Schuldsinngotts ins aufnehmende Publikum als dieser selber sodann geschieht ja so rasch, daß der Vermittler, wenn er nicht selber fix diesen Wechsel als Nicht-Wechsel vollzieht, sich zu Tode hetzen müßte. Allein, sofern ich den Widerspruch zwischen meinem Vortrag und dessen Gehalt nicht umhin kam, in jeder Beziehung per institutionem auf die Spitze zu treiben, könnte es, so denke ich, geschehen, daß dieser Widerspruch als Mal der Nichtverlorenheit meiner Nichtbotschaft, Konterkarierung der verstehenden Lückenlosigkeit des Sinnfraßes und -vollgefressenheit, ankäme. Mitnahme in die Atopie von Intellektualität. Doch diese kommt immer zu spät und in ihrem prophylaktischen Kriegsbezug zugleich immer zu früh. Restaurants nämlich mit solchen Insassen funktionieren sicherlich vernünftigerweise weiterhin. Sie haben einem Spuk beigewohnt.
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