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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Handys Ödipuskomplex (Pathognostische Studien IX, 2004, Essen, Die Blaue Eule, 175-190)
(Vortrag zum "Akademietag" über "Ödipus digital - die Psychoanalyse im Zeitalter der elektronischen Revolution" am 26. Vl. 2004 im Filmtheater BLACK BOX, Düsseldorf)
1. Lesetext
Rahmenüberlegungen
"La production n'existe pas", allzeit die Nibelungenwerkstatt unter Tag oder: die versäumte Aneignung. Wohl aber manifest die Konsumtion, im Unterschied zum produktiven Vater-Tochter-Inzest, eben konsumtiv, der Mutter-Sohn-Inzest, indessen nach außen gekehrt: im Vorgriff gesagt, sitze ich nicht im Handy, umgekehrt vielmehr haftet mir dieses ambulant mobil fetischistisch an. Die Handy-Funktion indessen spielt, den Konsumtionsinzest simulativ abdeckend, auf geschwisterinzestuösem Niveau, so als sei der Tod der Sphinx in seiner Voraussetzungsvalenz für den Funktionsaustrag reparabel. Und von dieser repräsentativen Inzestebene aus pflegen die stammfamilialen Beziehungen sodann vorzeitlich zu diffundieren, welche Diffusion fälschlicherweise ("Anti-Ödipus"!) als Ödipalitätsdispens ausgegeben wird.
"Alle Menschen werden Brüder": dieser Funktionsprärogative auf Geschwisterebene entspricht, wie klassisch kongruierend, das Vermittlungsbetreffen im Mediengerät Handy, die maschinell in Regie genommene Mediation selbst, letztendlich das Phantasma des absolut produktiven Gedächtnisses als solchen.
Handy-Ödipuskomplex - zu tun haben wir es mit dem Handy-Benutzer, der Benutzung. Gleich wer jener auch, ebenso dem Geschlechte nach, sei, er ist (ist!) Sohn Ödipus mit Ödipuskomplex, je - postmodern hier als Handy-Besitzer auf dem Stand der Zeit - als bewährende Teilhabe an diesem Element demokratischer gesellschaftlicher Synthesis. (Was wohl war vor hundert Jahren etwa ein solches soziales Zusammenhaltselement - die Diachronie derselben ist doch im technischen Progreß angelegt? Auch: "Und wers nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund" - welchen Status haben die obligaten Nicht-Handy-Eigner?) Und der einschlägige Ödipuskomplex des u.a. Handy-bestückten postmodernen Sohnes Oedipus rex? Ganz im Sinne der pathognostisch subversiven "Psychoanalyse der Sachen" gilt die absonderliche These, daß das Handy die Dingdokumentarität von Vatermord und Mutterinzest sei, deren
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technisch-reale "Rücksicht auf Darstellbarkeit" außenvor; und als solches, wie alle Inzestuösität, generationssexuell besonderte todestriebliche Todesepikalypse, die allzeit der progressiven Perfektionierung bis hin zum Endziel scheinbarer Körperemanzipation untersteht, in Wahrheit aber die Apokalypse: Koinzidenz von Abwehr und Abgewehrtem, Todestrieb und Tod, und davor nicht die Körperbefreiung, vielmehr das Opfer der Körperausschlachtung mit dem Ziel universeller Waffenproduktion, der destruktiven Reproduzierung der Inzeste. Solcher gar auch noch mediale Ding-Ödipus hat es in sich. In seiner dispositionellen Externalität, dem Vorstellen/vor-mich-Hinstellen (und bei-mir-Behalten) passiert wie infinit das Mirakel der außenverlagerten und verhüllten Kontamination von Endo- und Exogamie - jene die Inzest(e)implikation, diese deren dingliche Absolvenz; anders, wiederum im Vorgriff gesagt, die Idealität des (schon nach Freud) fetischistischen Inbegriffs: die Mutter mit dem Phallus. Und freilich müßte man für dieses höchste Glück der Erdenkinder nichts zahlen.
Zur Sache.
Totes Ding in der Hand, blickgeleitet zum Ohr geführt - wir treten ein in die fiction-Sphäre des ausgeschlachteten Hadeslebens der hier sensuell medialen Maschinen, sind als Handy-Benutzer also Hadesseelen. Aber das stimmt doch nicht, denn aller Hadescharakter dementiert sich in kriterialem Funktionsumstand solcher Wunderdinge an Kommunikationsgeräten, die wunderbarerweise isoliert phonetisch eine fast unendliche Beschleunigung bewerkstelligen, den Zwischenraum tilgend mit der zeitlichen Sukzession des miteinander-Sprechens auffüllen, so als gäbe es nur noch den "inneren Sinn". Nein, eben die gefeierte Kommunikation stellt die Imaginarität der Referenten zumal unter Beweis, schließt die Abgeschiedenheit je der Partner ab, verkehrt den Dialog ins Soliloquium, effektuiert das universelle Singlewesen wie eine posthum intrauterine Strafversetzung, der es vergönnt scheint, sich manisch zu verleugnen. So daß der wahre Handy-Nichtdialog, wenn überhaupt, je im Mailbox-Abhören besteht. Allemal gilt ja die gesamtkunstwerkliche Handy-Vervollkommnung in progress - jüngst das Foto-Handy. Was wohl hätte Wagner zu dieser Hades-fiction-Steigerung, mitnichten deren Dispens, zu der einzig wahren Elektronik-Revolution, gesagt?
Unübersehbar, daß mit den Delirien der - schwerpunktmäßig phonetischen - Atopisierung deren Gegenteil, Topie/Termin Hand in Hand geht, quasi als anankastische Raum- und Zeitdifferentialität der Bemächtigung der Sterblichen aus göttlicher Indifferenz. Konsequent demnach der Handy-Kerygma-Debilismus: wie stenographischer Orts- und Zeit-, Ab- und Ankunftsangaben, inbegrifflich metaphorisiert durch die statistisch weitaus führende Stereotype: "Ich liebe
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Dich", sprich: Ich liebe mich, der ich selbst das Handy bin; wie alle Botschaften nichts denn "funktionale Phänomene/Autosymbolismen" von Handy-Funktionen ausmachen - so werden in Ortung und Datierung, diesem Schein von Differenzdevotion, Raum und Zeit phantasmatisch in Wahrheit zur Omnipräsenz, der "Fülle der Zeit", und Ubiquität transfiguriert; Omnipräsenz, die in sich Sukzession, Sprechen, souverän ver-gibt, zumal in geschäftlicher (tauschwertabstraktiver) Fama-Hin- und Rücksicht. - An- und Abkunftsglück - paradigmatisch dafür, wie die Rückverdinglichung des Handy-phoné-Zaubers, der Flughafen, stärker noch der "Boxenstopp". Allein, auch bei Funktionsidentität aller Flughäfen und dergleichen und der Insgesamt-Aufinachungsangleichung derselben bleibt das Management der Körper-provenienten Defizite unendliche Aufgabe, bis endlich es gelänge, die Fahrten selbst als solche, indem sie ihren Anfang und ihr Ende absorbieren, auf Dauer zu stellen; eben wie das Handy es in phonetisch hypostasierter Totalität zu leisten imstande scheint.
Totes Ding in meiner Hand, blickkontrolliert ans Ohr geführt - ein besonderer Fall des Dings-mit-mir, fetischistisch gesteigert zum Ding-bei/an-mir: so die Gunst des Mobilfunks - "Ich trage, wo ich gehe, ein Handy stets bei mir". Fetisch? Ja, im allgemeinen Sinne einer demokratisch säkularen erotisierten Dingsakralisierung, in der sich immerhin, wie immer auch selbstverstellt, die superfizielle Zweckrationalität des Dinggebrauchs konterkariert und so einen intellektuell emanzipierbaren Rückhalt der Dinggnostik, unserer Problemstellung nach: "Handys Ödipuskomplex", ausmacht. Hier drängt sich auch das Diachronie-Problem, Ding-Ödipus, allzeit historisch indiziert, auf: welches sind die Bedingungen der Kür von Dingen zu modischen Kultgegenständen, deren pornographisierenden Potenz, welche die überholten von ehedem zu einsamen Objekten einsamer Perversionen degradiert?
Wie aber zum Ding-Ödipus gelangen? Durch die schwindende Kunst der Ausspürung des Ding-, Warenfetischs. Warenfetisch? Zwar gibt es kein Ding, das nicht essentiell Ware wäre, doch schlägt das alte Perversionskriterium des Fetischismus im real existierenden Sozialismus seiner Pomographisierung allzeit derart durch, daß sich der Warencharakter eines jeglichen zugleich zu dementieren pflegt: so in der Warenproliferation, folgerichtig liiert mit unbesehenem Schuldenmachen; so dann die negativ erfüllte Utopie des reinen Gebrauchswerts. "La production n'existe pas, mais le troc n'existe pas surtout". So dann auch der wirklich gewordene Horrortraum der Rest-Utopie der "opferlosen Nichtidentität des Subjekts" (Adorno: "Negative Dialektik"), wenn immer man in diesem ultimativen Illusionismus der Nicht-Arbeit die dissoziierenden Effekte der Multioptionalität hinzunimmt. Also: wie zum Ding-Ödipus kommen? Mittels der Rückverwandlung der globalen Handy-Pornographie in die -Perversion, der intellektuellen Nachausspürung des -Fetischismus, transgressiv letztendlich in die -Psychotik hinüber. Leicht gesagt, doch sehr schwer getan, besteht die
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Methode der Dinggnostik eben in intellektueller Psychosenmimesis, in der sich der Abyssus horrender Transsubstantiation, die Begegnung mit Untoten/Wiederkömmern, einstellte, freilich - sonst wäre aller Aufklärungsmehrwert dahin - medial abgelöst, nicht pathologisch involutiv, schuldhaft jedoch immer auch parasitär an dem entsprechenden Pathologieabsturz Psychose. Medial arbeitsentsühnter Aufriß des Dingunbewußten, der Untat der Produktion, statt Pathologie, bei vollem Erhalt der abgegolten-abgeltenden Dinglichkeit verschoben und entstellt des nämlichen Unbewußten. Allein, die DingAssekuranzen halten nicht ewig, denn dem psychotischen Zerfall entspricht vorausgehend der Kriegsstatus der Dinge, deren Waffencharakter, Götterdämmerung, Tod Gottes, indessen als letzte dingliche Vollmacht.
Totes Ding in meiner Hand - möge sich die skizzierte Methode, Weg, den ich gegangen werde (Ödipus' Orakel-motivierter Countdown), in dem meine Aktivität sich auf die Aufrechterhaltung des Überkommenwerdens einschränken muß, aktualisieren. Lassen wir uns also vom Todeshauch des toten Dings berühren, vom doppelten Erschrecken der Todeszitation des Dings ineins mit dessen Todesüberwindung, kurzum: von der "Sterbehilfe der Dinge" (HH) wider alle Manie des normalen, also Angst-motivierten Gebrauchs. Ding, das mich überbietet: als totes den Tod überwand, das alle Schuld der Körper zu absorbieren verstände; Ding, das zugleich als ein gemachtes in meiner Verfügungsmacht steht, ja einzig zu diesem Gebrauchszweck geschaffen wurde: die ganze Dialektik des Götterwesens. Aber "Maschinen sind sterblich wie Leute" doch? Gewiß,. aber, wie schon angedeutet, als Ausdruck des Gipfels ihrer Absolutheit: die suizidale Potenz der Dinge als deren apokalyptische Erfüllung in Martialität. Demgemäß mag der Schrecken der Verfügung, der Gebrauchsdisposition des toten Dings, gar stärker ausfallen als die einschlägige Todesangst; und sich notorisch nicht zuletzt in Pathologie-definierenden Gebrauchssperren (vorgängig als Ding-immanente: Verwendungsstreik, die "Fehlzündungen der Wunschmaschinen" [Anti-Ödipus]) kundtun. Ängstigungsgefälle, das die a fortiori schreckende Verfügungsmacht vom Körper-überbietenden Ding gebetshaft erbeten muß - enthält das Ding wesentlich ja schon alles selbst, was es zuläßt und gewährt. Nochmals: kriterial ist am Dinggebrauch die perenne Reproduktion seiner Produktion: die Urphantasmatik der dinglichen Todesrepräsentanz, gebrochen zur dinglichen Todestriebrepräsentanz, gebrochen zum Todesmonitum, restituiert wiederum zur ersteren, und so zirkulär immerfort. Man könnte hier im Sinne einer neuerlichen Terminologisierung vom (Unter)Pfandcharakter aller Dinge sprechen - Pfand, die Anmahnung einer Obligation: angemahnt wird der Tod, sogleich als dessen Parierung Todestrieb, und also die Obligation des immerwährenden Opfers menschlicher Kulturarbeit. Man möge sich hier auch der betreffenden Zeitform des Körper-Medien-Ding-Verhältnisses entsinnen: Allpräsenz, dieses Nichts, die sich im "Irrealis des n-ten
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Futurs" (HH) differierend seinserhaltend verliert: es würde der Körper das Ding gewesen sein werden gewesen sein werden gewesen sein werden - so die erstletzte Medialität (Tauschwert demnach, der niemals sündenfällig hinzukommt, vielmehr den abgeleiteten Grund des Körper-Ding-Verhältnisses ausmacht).
Vor dem Todestrieb der Narzißmus - das tote Ding in meiner Hand, die Handlichkeit aller Welt -"selbst dann bin ich die Welt"; das allzeit exzessive pars pro toto, aktualisiert im Sinne eines narzißtisch prekären Induktionsschlusses. Existierbar ist bekanntlich solches nur eben als pars pro toto: der Brechung des totum im pars und der Motivation beider ineins durch das totum. Das bedeutet aber nichts anderes als die platonische methexis an der Idee, diese Fundamentalbescheidung. Das wiederum gebrochene Selbstsein der methexis selbst ergibt, in einem Sprung gesagt, die Medien, also das Handy mit, dessen besonderer Rang darin besteht, daß es das apostrophierte Selbstsein der Teilhabe wunderbar realisiert und gar auch noch auf die einzige Mediation der Idee hin, eben phonetisch, verbalfamos. Arme Hand und armes Ohr?
Spätestens jetzt wird der im engeren Sinne thematisierte Handy-Ödipuskomplex spruchreif als die nämliche Verfaßtheit auf generationssexuell restringiertem Niveau. Dies tote Ding in meiner Hand, sehensgeleitet zum Ohr geführt, das ist diesem Niveau nach Ding-verschoben und -entstellt der dahinein untergegangene, sprich: ver-wahrte Ödipuskomplex, allzeit aus der Zentralperspektive des Sohnes: Schwestersuizid, Vatermord und Mutterinzest; weil dinglich gelungen, körperlich ausgesetzt; die Dinge, das sind die Vikariate dieses Komplexes. Ausgesetzt? Je gebrauchsaugenblicklich ja, doch selbst in diesem Gelingen wird sich ein Rest der Unzahl störender Symptome dieses KörperDing-Arrangements einfinden, Symptome, die in ihrer ganzen Ambiguität der Parteinahme das Versagen der peremptorischen Dingkryptik, des Dingunbewußten, ebenso unter Beweis stellen wie das Scheitern des fraglosen körperlichen Dinggebrauchs. Symptome, die nicht zuletzt unsere Gnosis dieses Verhältnisses mitsamt ihrer fürs erste (und im Ganzen?) abstrakten Hilflosigkeit provozieren. Hier nährt sich denn auch aller Therapieauftrag als Restitution dinglichen Gelingens des Ödipuskomplexes als dessen körperliche Aussetzung, dies Faß der Danaiden. Auch in diesem trieb- und objekttheoretischen generationssexuellen Register begegnet das Angst-affektionierte Double von Überbietung und Verfügtwerden, immer versionsgenötigt zur Gnadenbitte der Dispositionsgewährung, der rettenden Lizenz der Mutterleibleichen-Fledderei durch den mächtigen Masochismus dieser Leiche selbst. Sind doch die Dinge alle, mit dem Blick auf diesen Hauptteil des Ödipuskomplexes gerichtet, Mutterleibleichen in göttlicher Position.
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Vatertötung - Vorausgang als Nachtrag; von rückwärts bedarf es auf dem Stand des Dingphantasmas, der Ding-verschobenen Inzesterfillung, der Wieder-holung dieser Präsupposition. Perhorreszenzen nämlich bleiben an diesem EndeAnfang des Dinggebrauchs nicht aus, Ängstigungen, betreffend die ganze Schuld des objizierten Mutterinzests, dieser Untat, des basalen crimen; Horror ebenso, angehend die Not, trotz dieser Schuldkatastrophe "ich-stark" konsumtiv bestehen zu können. Sohn muß den Platz des Vaters einnehmen, verdinglicht je schon eingenommen haben, und zwar dergestalt, dieser sein nachgeordneter Teilursprung selber zu sein, also den getöteten Vater allzeit bei sich im Rucksack zu tragen, mehr noch: die Vaterleiche zu inkorporieren. Man muß sich eben schon einiges einfallen lassen, um unvermittelt als Sohn vor der Mutter Bestand haben zu können, und selbst dies im Toten, ja in dieser Metonymik zumal. Filial solo ist der Kollaps beschlossene Sache, wenngleich die Antinomie dieser Beziehung nicht auf sich warten läßt, daß nämlich der Unvater, paradigmatisch Laios, das Mordmotiv sich doch überaus schwächend im Sohne ausbreitet und die letzten Dinge immer noch schlimmer macht als die ersten, und so jede Intention exogamer Öffnung a priori versperrt? Was insbesondere für die dingliche Verschiebung dieser Gründungsvorgänge, unbeschadet aller durch diese gewährleisteten Differierungen, gilt. Man kann garnicht ernst genug nehmen, daß der Ödipuskomplex in den Dingen keineswegs bis zum Jüngsten Tage nichts als kryptisch subsistiert. Weiter gedacht, muß sich die notgeborene Sohneshypertrophie dahingehend steigern, daß sich der Sohn zum eigenen Großvater, also zum Vater der eigenen Mutter illusioniert, und zum guten Schluß, nicht weniger illusionär, sich zum Bruder der Mutter, also zu deren Mutter-Onkel, geschwisterinzestuös aufwirft (siehe isoliert sodann das eigentliche Paar: Kreon und lokaste). Unvermeidlich potenziert sich auf diesem einzigen Pfad der Tugend die filiale, nunmehr Doppelschuld-bedingte Bestehensnot, anstatt sich wunschgemäß zu schwächen.
So aber ist der dialektische Progreß des Ödipuskomplexes immer noch unvollständig, er bedarf der Komplettierung durch die erstletzte Sache mit der Sphinx, die ja nach einer Mythologie-Variante als Halbschwester des Ödipus aus einer außerehelichen Beziehung des Laios firmiert. Fehlt also noch der letzte ödipale Kahlschlagakt, die Stammfamilie insgesamt im vor/nachhinein umzubringen. Weshalb aber muß sich der monstruöse Bastard Sphinx, dies Kind der Liebe, suizidieren? Des Rätsels Lösung: Mensch, pure Menschlichkeit wider allen Krankheitsunrat, kann die Sphinx ihrem Wesen zuwider nur noch nichten. Ihr Tod aber, Ödipus' indirekter Schwestermord, entzieht dem kastrierenden Unvater Laios die Gehilfin beim Sohnesmord, präfiguriert so die Vatertötung; Vater und Tochter müssen zusammen daran glauben - immer schon ist der Daddytochter-ledige Vater machtentblößt -, damit sie als Doppelinkorporat den
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Sohnesbestand garantieren. Gewiß, aber sägt Ödipus damit nicht auch an dem Ast, auf dem er sitzt, entzieht er sich so nicht die eigene Konsumtionsmaterie, wenn immer der Vater-Tochter-Inzest, essentiell verbunden mit dem Sohnesopfer der Arbeitskraft, im Extrem martialisch selbstdestruktiv, der dilatierte Inbegriff von Produktion, und das Produktionsvergessen an der Tagesordnung sind? Zudem wird Ödipus gehalten gewesen sein, Halbschwester Sphinx Vater Laios wegzunehmen, um das geschwisterinzestuöse Finale, in einem Sprung gesagt: im Dinggebrauch als dessen immer unsichere Sicherung, zu gewährleisten. Womit wir am anfänglichen Ende der rückwärtigen Vorwärtsreise des verdinglichten Ödipuskomplexes als Konsumtion wiederangekommen wären: Schwestersuizid, Vatermord, Inzest mit der Mutter, von hinten nach vorne gelesen.
Exkurs
Sphinx-Nachtrag als weibliche Parallele zum christlichen Heilsgeschehen:
- Parthenogenese (?) der Sphinx durch Echidna in der Vorzeit/"Parthenogenese" des göttlichen Sohnes aus Gottvater im Himmel;
- weltliche Verschickung der Sphinx, dann als Opferfigur, zum obliquen Zweck der Abschaffung des inzestuösen Kannibalismus/parthenogenetisch vermittelte Sendung des göttlichen Sohnes ob der Erlösung der Welt durch dessen Sühneopfer für alle inzestuösen Sünden, primär aber ebenso des Kannibalismus in eucharistischer Inversion;
- Hybrid Tier-Mensch, Hybrid auch dem Geschlechte nach: menschlich weiblicher Oberkörper, tierisch männlicher Unterkörper/Gott-Mensch (wie genau er wohl ausschaut?)
Telefon überhaupt trennt die Verlautung, das Sprechen/Hören, von den übrigen Sinnen, vorherrschend vom höheren Sinn des Sehens, ab, Augen, die in dieser phonés-Isolierung wie geschlossen sind. Mit dieser Absonderung geht zusammen die Selbstreferenz des Isolats, der grundsuchende Selbstaufgang im Sprechen/Hören, der seinen Grund auch zu finden scheint im notorischen Selbstzusammenschluß des sich-sprechen-Hörens, dieser fundamental selbstkonstitutiven Koinzidenz, dieser indifferenzierenden Simultaneität. Sprechen - Selbstexpansion und -penetration mit dem Effekt lösender kinästhetischer commotio; Hören, dasselbe passiv, Selbstempfängnis. Selbstaufgang also in mir selbst als dem Anderen meiner selbst rein als ich selbst, so daß es sich um den ganzen Schein eines Selbsthervorbringungsaktes, phonetischer Absolutheit, also handelte. (Fällig würde hier die Erörterung weiterer Selbstgründungsangelegenheiten, vorherrschend des Spiegelstadiums, dem die apostrophierte Verlautungseinheit,
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selbst noch unvollzogen, vorausgeht und deshalb aus diesem, dem Spiegelstadium, resultiert; so wie der besagte unvollzogene Vorausgang der Einheit von Stimme und Gehör nicht etwa den regressiv-pathologischen Status des sich-sprechen-Nichthörens, der mich selbst vernichtenden Anderen-Stimme, bedeutet.)
In dieser archeischen Phantasmatik reproduziert sich usurpatorisch inversiv die intrauterine phone-Isolation: des Fetus' sprach-loses Nur-Hören, Fremderlautung ohne lautendes Gegenhalten, umgewendet zum Spezial-Außenvor soziablen Sprechens, in die absolute Selbstersprechung, wohlgemerkt: Er-Sprechung, den verbalen Welteintrag in die Einheit von Mund und Ohr. "Im Anfang war das Wort". Parodistische "Rücksicht auf Darstellbarkeit" dieser ultima ratio: sprechende Ohren, hörender Mund. Avis so auch des Ödipuskomplexes von Schwestersuizid, Vatermord und Mutterinzest: das phantasmatisch überchargierte sich-sprechen-Hören als die Kassierung des tönenden Mutterleibs, inklusive der Stummheit des Kindes darinnen. Vorsicht aber, vorsorglich gesagt: am Ende führt die aufgehalten-unaufhaltsame Entropie solcher Selbsterschaffung, Tiefschlaf-analog, letztinzestuös freilich in Bewußtlosigkeit und Tod; selbst noch der nicht vollendete Selbstzusammenfall fordert sanktionell diesen Preis; und wenn er nicht bezahlt werden will, so ergibt sich Pathologie. Auch reklamiert das Sprechen zumal, weil am selben Organort, buchstäblich seine entabsolutierende Ernährung. Auch befindet sich hier die Einlaßstelle der Negentropie in die sensuelle Metabasis der rettenden Sehensetablierung hinein, objiziert das Gesamtkunstwerk, zu dem ja das Handy, im Foto-Handy etwa, hinlangt.
Wo aber bleibt dann der sprach-liche Andere? Kurzum: er ist das Artefakt der drohenden Entropie, der sich ausliefernden Bewußtlosigkeit meines endenden mich-Ersprechens. Entsprechend kann der Andere immer nur unter dieser meiner Selbstgründungsherrschaft, als von mir a priori ersprochen, sprechen; sprechend verifiziert er immer nur diese seine Mitersprochenheit, seine Erhörung; zumal in der technischen Realisierung der Selbstphantasmatik des Telefons und gesteigert des Handys; in welcher dinglichen Wunderverwirklichung die Kollapsgefahr solcher Apotheosen sich nicht mindert, sondern intensiviert.
Zur Leistung des Telefons, einschließlich des Handys, der technischen Realmachung phonetischer Göttlichkeiten, vulgo: von Phantasmen. Als konsumtives Substrat gilt die Wahrung der Selbst-Reflexion, immer mit der Substituierung des Anderen/aller Anderen durch das Selbst. En detail verwirklichen sich diese Reservationen:
- in der auf distanzlose Verinnerung tendierenden Nähe des Anderen-Selbst - ich, der ich den Anderen derart höre, wie ich mich selbst sprechen höre;
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- ferner in der imaginären Verfremdung der re-präsentativen Domestikation des phonetischen alter ego;
- ebenso in der Erwählung und Fixation des durch Näherung und Imaginarität disponierten Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung - das ist die besondere Handy-Leistung: daß ich rundherum (radio) in alle Welt spreche und also riskiere, das Gegenüber nicht zu treffen;
- und schließlich - im Sinne dieses technischen Apriori -, daß ich alles lautende Innen real-vor-gestellt verfügend extern in der Hand habe.
Aber es gibt ja Telefonphobien, in denen sich diese apparativen Wunderleistungen dementieren? Ja, aber doch nur auf des Subjekts, der phoné-Körper Seite, wo, wenngleich nur in der Kleinstsekte einschlägig Erkrankter, der dialektische Kollaps der technischen Realillusionismen droht oder auch schon eingetreten ist; wodurch die immerwährende Frage virulent wird, warum es denn diese telefonischen Exilanten geben müsse. Wiederum en detail die entsprechenden Kipphänomene:
- die souveräne Näherung des Anderen in der (fast) absoluten Akzelleration der Liquidierung allen (Zwischen)raums kann zugleich wie ein terrorisierender Fremdüberfall, -befall wirken;
- die dispositionelle Stimmverfremdung wie die Allmacht von Verlautbarung aus dem Jenseits, der Einbruch der göttlichen Höhenstimme aus Unsichtbarkeit, der vernichtenden Sanktionspotenz des Überichs am anderen nächsten Ende, die mich, umgekehrt, zu Geho/örsam zwingt und mich als Opfer seiner Subsistenz beinahe absorbiert;
- speziell beim Handy laufe ich mindest Gefahr, ohne Sprechmuschel (!) radiosprechend den angewählten Anderen nicht oder statt seiner einen Anderen zu orten; der, den ich erreichen möchte, kann mir ob meines überwertigen Rundherums entwischen;
- "Ei, ei, was mag darinnen sein? ..." - der Preis des Außendisponats macht die Wiederkehr eines Innen, das sich in seinem nach-außen-Tönen nicht vollends entbirgt; das, in einem Sprung gesagt, Sehen/Sicht provoziert bis zu deren Ultimatum der Ursprungs-visio, dargestellt als Auseinandernehmen der Apparatur; hardware-Attacke mangelnder Fundiertheit der software wegen, zumal im gegebenen Falle Sinnen-isolativer Einseitigkeit, in der die sensuelle Maschine selbst zu einem irritierenden symbolisch aufgeladenen Rätselding wird.
So bin ich denn als demokratisch eingemeindeter Handy-Besitzer im Register der "symbolischen Ordnung" phallozentrisch endlich zum Herrn der Schwangerschaft avanciert: in diesem durch-sprechenden Welt-Ersprechen im Welt-Innen außenvor, doch immer letztlich ungeschützt gegen den pathogenen Zusammenbruch all dieser schönsten Artefakte in mir subjektiv-körperlich selbst,
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präpariert in dem trop peu des mich-sprechen-Hörens und dem de trop des Anderen-Sprechens; oder in der Verlegenheit der Sphinx, sich selbst im Spiegel verbal selbst-identifikatorisch nicht sehen zu können und deshalb fortwährend die Frage nach sich selbst derart stellen zu müssen, daß das Monstrum zur Ernährung dieses unheilbringenden Zustands die thebanischen Jünglinge auffrißt; bis ihm schließlich die mit Notwendigkeit tödliche ödipale Antwort - was sonst als der "Mensch"? - wird. Auf den Telefonierer extrapoliert: wenn ich meinen Telefonpartner schaffe, was ich um meines Lebens willen zu leisten nicht unterlassen kann, dann ist er in der Tat geschafft, also weg, in Selbstmord getrieben tot. Zum eigentlichen Wundervorgang wird aber dann das gelingende Telefonieren, der Normalgebrauch. Nicht zu vergessen, daß wir uns damit bereits auf geschwisterinzestuösem Niveau, an den beiden Eckpunkten des ödipalen Geschehens, befinden; und ebenso, daß mit alledem die Geschlechtsdifferentialität des ödipalen Geamtverhältnisses spruchreif ist.
Freilich, der Kollaps passiert nur auf des Subjekts, des Körpers Seite, und nicht auf der der Dinge. Gewiß, doch auch diese haben essentiell, gar ihre Göttlichkeit so vollendend, ihren Pathologie-analogen Kriegsstatus; sicher am Ende der Zeiten, davor aber schon im geschichtlich realen Krieg und wiederum davor in ihren bislang unausbleiblichen diversen Defekten sowie anderen Imperfektionen. Nur daß sie, die Dinge, ganz im Unterschied zu den Körpern, jedenfalls zu Zeiten der Warenproliferation, wenn ausfallend, ersetzbar sind, und in dieser ihrer wie fraglosen Substituierbarkeit zugleich dem Dauerprogreß ihrer Vervollkommnung unterstehen. Ja, alle Ding-Defizienz macht sich als Motiv dieses Fortschritts erbötig und überbietet so die pathologische der Körper, die sich schwerlich in Gänze vergleichbar motivierend geben kann.
Also empfehlen wir u.a. der Telekom, Trainingsseminare für Telefonphobiker, ähnlich wie die längst eingerichteten für Flugängstler, anzubieten, parallel dazu aber an der Perfektionierung der Apparate auf Natürlichkeit und Gebrauchserleichterung hin zu laborieren. Ob sich solche Verhaltenstherapie (eventuell von Medikation flankiert) aber lohnt? Und ob nicht alle Ingenieurskunst der Dingoptimierung den drohenden Gebrauchshorror nur steigert?
Resümee
Ödipuskomplex - in letzter Reichweite der Gebrauch, der unter dem Stigma des Durchschlags des Begehrens selbst die Herstellung wäre und sich im effektiven pseudos dieser Substitution hypostatisch vollstreckt.
Generationssexuell übersetzt, die Gewährleistung des Inzests mit der Mutter mittels der inkorporierten Gewalt des Schwestersuizids und des Vatermords;
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Inzest als Übergang des Sohnes in die Mutter: Vollendung des pars pro toto familialen henkaipan, körperlich im Extrem der Tod und dinglich die Schaffung des Todeslebens der Maschinen, nachgeschaffen-geschaffen im Gebrauch.
Konsumtiv Mutter-Sohn-inzestuös sensuell kriterial ist die Sprechens-/Hörensisolierung, externalisiert in die Verlautungsdimension selbst; Verlautung derart die dispositionelle Inversion des intrauterinen Zustands, allzeit die größte Versuchung zur Absolutheit ob der Koinzidenz von Sprechen und Hören.
Was heißt, daß die Dinge, jedenfalls bis auf weiteres (spätestens bis zum Ende der Tage), das Gebrauchsgelingen in sich enthalten und dessen Scheitern, nicht weniger ihnen innewohnend, in sich bannen und als Pathologie sodann dem Subjekt/Körper inkulpierend überantworten.
Was auch heißt, daß das Telefon, modernisiert das Handy, als ödipal ausgezeichnete Gerätschaft firmiert. Zur Demonstration dieser Auszeichnung bedarf es nur noch der Wiederholung der ödipalisierten Telefonleistungen mitsamt deren Kollapsentsprechungen fürs erste einseitig bloß in den Subjekten/Körpern.
Diese sind:
  • die dispositionelle Selbst-Anderen-Näherung, ja Verinnerung
    versus der indispositionelle Befall;
  • die - im positiven Verstande - ver-/entfremdende Imaginarisierung
    versus - negativ gedacht - die Ver-/Entfremdung: die paranoische Höhenstimme;
  • die Fixierung
    versus das Verfehlen;
  • das Innen von innen
    versus das entzogene Innen, epikalyptisch, von außen;
  • de trop des Selbst
    versus trop peu des Anderen, und umgekehrt.
König Ödipus und Ödipus auf Kolonos ineins; sowie ja femme n'existe pas"
(aber es gibt doch auch weibliche Handy-Benutzerinnen!?).
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Handys Ödipuskomplex
Inneres Zwiegespräch eines Handy-Phobikers
II. Vortragstext
Bitte Ihre Handys anschalten!
Um es mit den Rahmeninformationen kurz zu machen:
ein "mittelalterlicher" Akademiker bekommt von seiner in einer entfernteren Stadt lebenden Freundin arglos ein betriebsfertiges Handy geschenkt, nicht zuletzt, um den Sprechfunk zwischen beiden zu optimieren. Er hätte sich - Gott bewahre! - keines gekauft, da er sich bereits mit der Benutzung "normaler" Telefone schwertat. Das Handy aber, es schlägt dem Faß den Boden aus: mobil ist es, es haftet mir an, ich soll es in aller Öffentlichkeit bei mir tragen, auch fehlt seiner Gestalt die Ohr-Mund-Verbindungsprothetik - geriert es sich nicht wie ein animoses Tier, gar wie der Widerspruch eines lebendigen Dings, das sich von selbst bewegt und sich in seiner Ungestalt in mich verbeißt, ja, Ding-Konkretismus der Stimme, in mich eindringt? Peinlich, peinlich! Er legte es angst-, scham- und schuldvoll - die Freundin wußte nichts von seinem Leiden, er hatte es bisher geheimhalten können - in eine Schublade seines Schreibtischs beiseite. Und es kam dann, wie es kommen mute: eines Tages, während er ebendort gedankenverloren arbeitete, läutete es ihn unvorbereitet mit schriller identischer Tönesequenz an ...
Da ich der Psychoanalytiker dieses Handy-Phobikers bin, habe ich leidlichen Einblick in seine einschlägigen Gedankenfluchten, bei deren sprachlichen Symbolisierung ich behilflich bin, deren nachhelfenden Notate ich Ihnen jetzt vortrage.
Der Anruf war wie ein Wecker, der in meine abschweifenden Tagträume heftig einschlug. Was wohl deren, gewiß verbotene, Inhalte gewesen sein mögen? (Aber Tagträume selbst schon, nicht nur ihre Inhalte, sind dubios!) Mein tosendes Überich, die "Höhenstimme" des göttlichen Gerichts - es kam mir so vor, als hätte mich, den Diener Leporello, die Stimme des Standbilds des toten Komturs auf dem Friedhof todesverkündigend ereilt.
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Es dauerte sehr lange, bis ich, nach dem Abbruch des Anläutens, die Schublade öffnete. Was sah ich: ein quakendes Froschgesicht, das mich womöglich betrügerisch davon ablenkte, eine Handgranate vor mir zu haben. Ist überhaupt noch Verlaß darauf, daß tote Dinge wirklich tot sind und tot bleiben - sie verlauten sich doch?!
Ich unterließ es darauf indessen nicht, das Handy in der Schublade wenigstens anzublinzeln, und ich nahm so ihren, meiner Freundin, eingeblendeten Namen und ihre Telefonnummer halbwegs wahr. Allein, anstatt daß mich beruhigende Vertrautheitsgefühle überkommen hätten, begann ich zu wähnen, daß ihr Name und ihre Rufnummer nicht ihre, vielmehr die meinen seien: Flammenschrift an der Wand; "Ich habe dich beim Namen gerufen, und du bist mein"; "Adam, wo bist du?", auch bin ich bereits als Todeskandidat registriert, habe eine eineindeutige Nummer.
Warum eigentlich wende ich dieses Erleiden kontraphobisch nicht in den auf dem Fuße folgenden Aktivitätsposten meines Rückrufs um? Die Herrschaft der Anderen über mich, diese dumm penible Handy-Paranoia, hätte so doch ein Ende? Weit gefehlt, denn ich kann keineswegs sicher sein, daß ich ausgerechnet für meine Freundin nicht zur trügerischen Gottestravestie, dem quakenden Frosch, in Wahrheit aber zum Jüngsten Gericht, einem seiner Engel als terroristischer Handgranatenwerfer werde; und, a part, will ich wirklich denn dieses waffenhafte Teufelsding zerstören? (Nein, dafür ist die abgründige Liebe zum phobischen Objekt zu groß!)
Kein Wunder, daß ich in der letzten Zeit auf diesen unsichtbaren Menschen hinter mir mit seiner milden Befehlsstimme besonders empfindlich reagiere, denn die Lautung aus Unsichtbarkeit am anderen Empfangsende des Handys, dieser Lärm, ohne daß ich seine ferne Quelle zu orten, zu stellen, zu beseitigen vermöchte (natürlich könnte ich das Handy ausschalten!?), ängstigt mich, des Kontrollverlustes wegen, zutiefst.
Selbstverständlich sinne ich auf Abhilfe, die darin bestehen müßte, eben diesen sichtentzogenen dröhnenden Gott, wie eine Epiphanie des Jahwe im AT, zur sichtbaren Erscheinung zu zwingen. Wie aber? Vor allem: wie entrate ich seiner Halluzination, dieses Wahnsinnsschreckens? (Auf dem Wege zum Akoasma, scheinbar überwunden durch Photopsie!?)
Die flüchtigen Schemen normaler Imagination reichen zur Rettung nicht hin. Also müssen objektivierte statische Bilder her. Ja, gewiß, ich weiß aber schon im Voraus, daß es mich keineswegs entängstigt, wenn ich das freilich vorhandene Porträtphoto meiner Freundin neben dieses ihr Danaergeschenk lege; oder, besser noch: sie darum bäte, dieses also noch imperfekte Sprache-und-Schrift- durch ein Photohandy - man erzählte mir neulich davon - auszutauschen. Nein, dieser Rettungsschein führt nur ins größere Verderben, er kollabiert, seiner anmaßenden
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List, des hypokritischen Betrugs darin wegen; nein, unbeschadet der medialen Grandiositäten, der Inflation dieser weltgewordenen Götter, bin ich dazu verurteilt - warum wohl? -, dieses schlotternde armselige erbärmliche körperliche sterbliche Menschengeschöpf zu bleiben. (Bin ich dazu etwa geboren?)
Wenn ich meine lästige Unruhe recht verstehe, so möchte ich, wohlgemerkt körperlich real, zu ihr eilen, am besten mit Überschallpotenz zu ihr fliegen, um sie wirklich zu sehen, wenn sie auf Handy-Distanz zu mir spricht. Sind doch Raum und Zeit, diese einzigen Differenzorgana, tele-fonisch grauenvoll gerichtet. Wie aber soll das vonstatten gehen, diese Austreibung des Teufels mit ihm selbst? Auch legte ich nur eins drauf, wenn ich den weiteren Fortschritt guthieße, nämlich das Photo- verbessert zum movie-Handy, und verrückterweise, mehr noch, daß ich sie, während sie spricht, von Ferne videorisiere und sie dann auf meinem Film-Handy dabei sähe. Bei Gott ist ja kein Ding unmöglich; nur daß jetzt der Wunsch in mir zunimmt, sie einfach bei mir zu haben, sie realiter zu sehen, indem sie, an mich gerichtet, ins Handy angstfrei spricht.
Am größten aber gerät der Horror, wie schon angeklungen, in der scheinbar nur rettenden inversen Vorstellung, nicht passiv der Angerufene zu sein, vielmehr tätig couragiert mit quasi soldatischer Tapferkeit mich als Anrufer zu betätigen. Ich käme mir nämlich vor wie ein in die Flüstertüte schreiender Diktator, dränge durchs Ohr der Anderen in den Reservationsbereich ihres Innersten ein, und dies buchstäblich un-mittelbar, wie höchstens um die nächste Ecke herum, trotz der über hundert Kilometer Entfernung von ihr. Geist-Invasion aber doch, die Sublimation der "Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr" (mein Analytiker gab mir unlängst diesen schönen Jones-Text)? Nein, schlimm die Haltlosigkeit dieser Erhöhungen, denn sie verdanken sich der Abwehrform der bekannten Verschiebung von unten nach oben. Und selbst in den dadurch quasi beschmutzten oberen Regionen - die Sinne beginnen mir zu schwinden - reißt die inzestuöse Stigmatisierung dieser Verhältnisse auf - Himmlischer Vater und auserwählte Menschentochter, die "Magd des Herrn"; zugleich aber der MutterSohn-Inzest: den toten Vater in Händen (!), dringe ich in die Mutter ein (welche Blasphemie auch!); meine Freundin und ich, wir sind aber doch exogame Partner?, ja umso schlimmer: sündiges Geschwisterpaar, das die ausgefallenen Eltern nothaft simuliert (und in dieser Simulatorik vor- und nachbildlich übereinkommt mit just den Mediendingen, dem Handy nicht an letzter Stelle).
Das durfte nicht kommen. Was soll ich denn überhaupt noch erwidern, wenn mein Analytiker hinter mir nicht zwar sein Handy (hat er eines?), vielmehr, übertragenerweise, den Ödipuskomplex triumphal aus der Hosentasche zieht? Gar nichts! Dem Gespött aller Welt bin ich ausgeliefert; und selbst meine gesunden Freunde bedeuten mir ekelhaft liebevoll, ich hätte wohl zu viel Groddeck gelesen.
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Wie ein Schuldbündel laufe ich herum, ohne dingfest zu machende Schuld. Es schickt sich an, zu meinem Lebenswerk zu werden, diese lächerliche Krankheit sogar vor mir Nächststehenden zu verstecken; was die diffusen Schuldgefühle nicht aber mäßigt, sondern steigert, da ich, wegen des Ausfalls irgend der Fremdbeschuldigung, umso stärker mich selbstbezichtige. Kann man mir verdenken, daß ich oft den Drang verspüre, dieses ganze unsinnige Theater in mir zu ertränken? (Noch aber widerstand ich dieser Versuchung.)
Also: wer ist der Schuldige?, "haltet den Dieb!", ich muß es wissen. Ich selbst? Aber ich darf doch sehr bitten! Alle meine Untaten reichen nicht hin - größtenteils sind sie bloß in meinem Kopf -, ein solches Ausmaß an "archaischem Überich" auf den Plan zu rufen. (Oder sollte ich mich irren?) Nächste Schuldinstanz: die Eltern freilich. Ja, gewiß, als guter Analysand bin ich der rechten, letztlich auf Versöhnung abzweckenden Elternbeschimpfung unterdessen kundig; nur daß sie wenig wohl dazu beitrug, meine Handy-Phobie zu mildern. (Oder sollte ich mich diesbetreffend ebenso vertun?) Bleibt noch, als ultima ratio der mich aufzehrenden Schuld, das Handy selbst? Vor kurzem brachte ich unseren Stein des Anstoßes deshalb mit in die Analysenstunde, legte ihn demonstrativ auf meinen Bauch und trug meinen rezenten Verdacht, es sei das Handy selbst, das mich verfolgt, etwas verlegen vor. Was mein Analytiker daraufhin tat? Er meinte ein wenig indigniert, er sei kein Verhaltenstherapeut. Aber von der Psychoanalyse her gesprochen, sei diese meine neue Beschuldigungsadresse auf meinem Unterbauch (es war tatsächlich nach unten gerutscht!) ein Zeichen meiner Abwehr, des Abwehrmechanismus' der Verschiebung von mir, meiner Lebensgeschichte, auf dieses Gerät, das mit den wahrhaften Ursachen meiner Krankheit letztlich nichts zu tun habe. Wir müßten schon bei mir und meinen Eltern bleiben, und was die Schuld beträfe, so käme ich wohl nicht umhin, alle meine, zugegeben, Nicht-Schuld doch zu der meinigen zu machen, sie in meine eigene Verantwortung zu nehmen ...
Nun, ich werde es versuchen, vielleicht doch mich nebenher an jemanden wenden, einen etwas abweichenden Psychoanalytiker, von dem ich hörte, der diese von meinem Analytiker abgewiesene Wendung bevorzuge (wenn nicht mehr), ohne dabei die Abwehrgefährdung derselben zu übersehen. Der von mir mit einigen Hoffnungen vorbesetzte Abweichler geht nämlich, wohl zu Recht, davon aus, daß die Qualen meines nicht untergegangenen Ödipuskomplexes, am Handy in dessen Übersymbolisierung sozusagen ausgetragen, im Vorhinein schon die Motive der Herstellung des Handys ausmachten; so daß in der Tat das Handy selbst den Ödipuskomplex a priori in sich trage, ja dieser, aufgehoben, selbst sei. Auch vertritt er die Ansicht, daß solche Leidenschaften - selbst schon der Produktion vor dem Gebrauch - allererst durch die "Todestriebtheorie" ihre angemessene Darstellung fänden. Klingt zwar verrückt, könnte jedoch wahr sein
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(und bedürfte weiterer Erörterung)? Jedenfalls fühlte ich mich so wider das Heer aller Handy-Normalgebraucher - wie können sie nur?! - ein wenig rehabilitiert.
Mal sehn.
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