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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Shame and Scandal in the Family. Die Psychoanalyse als Wegbereiterin ihres eigenen Untergangs (II) (Rudolf Heinz / Georg Christoph Tholen (Hg.): Schizo-Schleichwege, 1983, Bremen, Impuls Verlag, 37-58)
Vorbemerkung
Nicht zuletzt aus Gründen des Umfangs konnte die gesamte Studie hier nicht abgedruckt werden. Um wenigstens aber einen Überschlagseindruck von ihr insgesamt gewinnen zu können und um das Verständnis des übriggebliebenen eher nachgeordneten exoterischen kleineren zweiten Rezeptionsgeschichte-Teils zu unterstützen, stelle ich das komplette Inhaltsverzeichnis sowie die Diskussionsthesen allesamt, die ursprünglich den Abschluß bildeten, anfangs mit vor.
Der Text hat bereits (fast rein nur für mich selber) Dokumentcharakter; als gezielter Eingriff in die anlaufenden Kontroversen über den Skandal des Poststrukturalismus geplant, blieb er weiland auf der Strecke - warum, das geht eben aus dem abgedruckten zweiten Teil durchaus hervor. Wenn ich derzeit abermals auf den Anti-Ödipus reagierte, geriete vieles freilich anders. So würde ich, so weit schon aufgenommen, des Anti-Ödipus' zweiten Teil, Mille Plateaux, mitberücksichtigen; ältere Kritikmotive (aus "Taumel und Totenstarre") wiederaufnehmen; weniger auf Metakritik der Kritik in polemischer Rücksicht abzwecken, denn kongeniale Rezeptionsformen (wie z.B. bei H.-D. Bahr) aufsuchen.
Inhalt
I. Die Einmündung der psychoanalytischen Bewegung in den Anti-Ödipus
Auf dem Wege zum verrückten Doktor
Kritik der psychoanalytischen Bewegung: Klinik, Anwendung, Kulturtheorie, Wissenschaftscharakter
Die Todesfreundschaft der Maschinen
Kritik und Rehabilitation der Todestriebhypothese
Recht der Heterodoxie: Klein (Kohut), Lacan, Subversionsvalenz der Kunstinterpretation
Anstalts-Hagiographie
Eschaton Schizophrenie
Diachronische Mensurabilität
Antipsychiatrische Politikkritik: Sozialismus, Kapitalismus, Faschismus, Regressionstheorien
Hypostasierte Antiproduktion
Geschichte der Anti-Psychiatrie: Daseinsanalyse, Guattari
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II. Metakritik der Kritik des Anti-Ödipus
Wie die Pest
Anti-Ödipus-Rezeption in Deutschland: Faschismusverdacht, psychoanalytische Orthodoxie, marxistischer Moralismus
Das verhangene Schwangerschafts-Vording
Feministische Anti-Ödipus-Kritik
Geschwisterinzestuöse Geschlechterversöhnung

Thesen zur Einmündung der psychoanalytischen Bewegung in den "Anti-Ödipus" und zur Metakritik seiner Kritik.
Auf dem Wege zum verrückten Doktor
I. 1. Die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung steht unter dem besonderen Unstern der Domestikation der eigenen zentralen Entdeckung, der des Unbewußten. Dessen Öffnung an Psychopathologie, dem Ursprungsort der Psychoanalyse, erweist sich als die gravierendste Hypothek, indem ebenhier der Wiederverschluß des Unbewußten seine stärkste Legitimation zu finden scheint.
2. Im klinischen Rahmen spezifiziert sich der Wiederverschluß des Unbewußten als die Hypostasierung der lebensgeschichtlichen Genesis von Pathologie. Die Infantilitätsqualifikation des Unbewußten, zentriert um den dem Untergang geweihten Ödipuskomplex, macht dieses zum exquisiten Schuldträger und läßt die tautologisierte Außenrealität, Objektivität ungeschoren.
Zudem geht daraus eine Therapierbarkeitshierarchie nach der Maßgabe des Auflassungs- und Befallsgrads des/vom Unbewußten hervor: Repräsentation/Neurose, Präsentation/Perversion, "Sein"/Psychose. Das psychoanalytische Verfahren, selbst repräsentativen Wesens, muß die erstere Pathologiespezies kapitulierend bevorzugen.
3. Im Kontext der angewandten Psychoanalyse mangelt Kongenialisierung an die Auflassungspotenzen der künstlerischen Moderne und überhaupt der Dispens eines höchstens implosiven Sonderhermeneutikwesens mit schlechtem Gewissen, das, anstatt auf den letztlich kranken Autor als wieder sichere Kasernierungsgrundlage zurückzukommen, den Auflassungssinn von Kunst - Objektivitätsenttautologisierung - anginge; anstatt Sprechmythologie, Mortalitätsfühlung im Objektiven.
Solche "Regressions"blockade macht auch den Grund der augenfälligen Vermeidung von Musik und nicht weniger von Mathematik/Naturwissenschaft/Technik als Sujet angewandter Psychoanalyse aus.
4. Die frühen objektivitätsekstatisch-kritischen Potentiale der in Kulturtheorie hinein verlängerten angewandten Psychoanalyse fallen der bezeichnenden Unheilsevolution nicht weniger zum Opfer. Die Prädisposition zum schließlich kulturreaktionären Konsensus auf neukantianisch-positivistischer Grundlage liegt in den dimensionalen und funktionalen Reduktionen des Sujet Kultur beschlossen: Kultur als Konsumtionsdisziplin bei epoché der Produktion und an den Aufzeichnungsvalenzen
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der Zirkulation vorbei, Religion als obsoleter Inbegriff dieses Gewaltreduktionismus, Anfälligkeit für tautologisierende Objektivitäts(Werte)schonung der übrigen Kulturspezies und entsprechend für das Pathologieverdikt über die KulturAutoren, Schuldspruch - Resubjektivation.
5. Die genealogische Selbstzerstörung der Psychoanalyse gipfelt in ihrem immer imperfekten Wissenschaftscharakter, dem Negativ der klassischen Kongruenz von "Form" (Wissenschaftsritual) und "Inhalt" (Unbewußte): die Realitätstautologisierung peremtorisch vollbracht. Dagegen kommen hermeneutische Reformversuche insofern nicht auf, als sie nämlich Sinn gegen den selbst allererst Sinn konstituierenden Mortalitätseinbruch inflationieren - womöglich bis hin zur existentialontologischen faschistoiden Tiefsinnsmaskerade.
Die Todesfreundschaft der Maschinen
6. Freuds unter blockierendem Wissenschaftlichkeitsstigma stehende Todestriebspekulation bedarf dringendst ihrer gnostischen Befreiung. Dann treten in ihr genealogisch unverzichtbare Elemente der intendierten Hominitäts-/Ontologietotalisierung auf, die sich als die Leitpotentiale der "zweiten psychoanalytischen Revolution" herausstellen. In strikter genealogischer Transskription bilden die geltend gemachten Sadismusformen (Ursadismus, ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus, Sadismus als Perversion) die besagten Genealogieelemente: Entropie vs. Negentropie der Herstellung der vorausgesetzten absoluten Eros/Thanatos-Differenz, je schon objektivitätsekstatisch. Bis dahin gekommen, wird die Neufassung der Sexualität (Opferungsund Rückerstattungsstoff, Grund-subiectum der Eros/cogito-Masse), des Unbewußten (Memorialitätsauflassung), der Pathologie (Triebvermischung, Todes/Maschineneinbehaltung) und der Psychogenese (Infantilität/Selbstarchäologie als genealogische Kategorie) insbesondere fällig.
7. Approximationen an die todestriebfundierte genealogische Totale sind - in verbleibender Nähe wenigstens zu Freud - insbesondere auffindbar in Melanie Kleins Infinitesimalisierung der Genesis (als schlechte Unendlichkeit von Genealogie) und radikal phantasmasierend auflassenden therapeutischen "Homöopathie", bar indessen der Objektivitätsekstase: Orthodoxie auf hoher Kippe, die H. Kohuts Narzißmustheorie orthodoxieinflationär wiederum aufzufangen sucht.
Die darin fortgeschrittenste ultimative Form von Psychoanalyse stellt aktuell der Freudianismus J. Lacans dar, in dem die konzedierteste Macht des Todestriebs u.a. als Visualitätsversion (Einführung des Sehens) beschrieben werden kann. In dieser Einräumung aber wird zumindest die Gefahr spürbar (wenn nicht schon mehr), den endgültigen Kollaps der Psychoanalyse durch verbalitätsregressive Rhetorik aufzuhalten.
8. Wahrscheinlich stellen sich in der objektivitätsekstatischen Fortschreibung angewandter Psychoanalyse bis ins Denken des (genitivus absolutus) Primärprozesses selber hinein, so wie wir diese bisher betrieben, Chancen der klinischen Extrapolation zum Zweck der überfälligen, doch besonders blockierten Umbildung der
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Psychoanalyse in Anti-Psychoanalyse ein. Grundriß dieser Metamorphose wäre die "Homöopathie" radikaler Phantasmasierung, entscheidend ineins mit deren einbezogener Spiegelung im Objektiven symptomentsprechender Ontologiedinge.
Anstalts-Hagiographie
9. Die Emanzipation des Todestriebes in der Psychopathologie leitet zum Rand der Gesellschaft, den Anstalten, wo mit fortschreitender innerer memorialer Auflassung in den entsprechenden Krankheiten die Kasernierungsmauern immer undurchdringlicher werden. Fürs erste sieht sich das anti-psychiatrische Engagement an jene, die Auflassung, vor der genealogischen Faszination, allein noch in der Psychose, speziell der Schizophrenie, die Sichtoffenheit der Strukturtotale von Ontologie/Hominität - im Modus freilich Pathologie ausmachender Indifferenz von Leben/Tod, Schuld/Unschuld - vorzufinden: der Grund dafür, daß die Psychose zur verstrickten Antezipation des Ontologieeschaton modernerweise avancierte. Diese Auszeichnung aber provoziert im Kontext neuzeitlicher Inkamationshypertrophie dazu, diese Psychoreinkarnation des Produktionsphantasmas als Hypothek auszugeben und an ihr dann paradigmatisch die Unbewußtheit konstituierende szientistische Abtragung zu vollstrecken; so daß man behaupten kann, die Schizophrenie sei das eigentliche Ausbeutungsobjekt der neueren Geschichte und diese (therapeutische) Ausbeutung selbst das Modell der Antiproduktion eines Ding gewordenen Idealismus.
10. Die sich aus solcher Kritik heraus organisierende neue Antipsychiatrie sieht sich - fernab von pseudorevolutionärem Ontologie-Transzendenzpathos und unbesehen indolenter Funktionalisierung, und sei es auch nur philosophisch-genealogischer Funktionalisierung, der einschlägig Kranken - vor der Aufgabe einer Mensuralitätsarbeit: der Maß-rahme des geschichtlichen Ontologie-Erfüllungsgrads durch Selbstdiachronisierung sowohl gegen dessen schizophrene Unzeitigkeitsverzerrung als auch a fortiori gegen die übliche Besetzung der Ontologie-Erfüllungslücken durch Anti-Produktionsherrschaft (des Menschen über den Menschen), die eben die Schizophrenie"reminiszenz" des ontologischen eschaton auszulöschen suchen muß. Diese Messensarbeit kulminierte im Wissenschafts-, Nichtwissenschaftskonzept der sogenannten Realhermeneutik: produktiver Produktions-, Konsumtionskurzschluß im Kollaps der sich erhaltenden maßgeblichen Zirkulationsspitze Aufzeichnung.
11. In politischer Rücksicht setzt sich solche Antipsychiatrie gegen marxistische Orthodoxien (real existierenden Sozialismus) mit deren Zirkulations-, Aufzeichnungsdispens und dem resultierenden depressiven Fusions-, nicht Freigabekurzschluß von Produktion und Konsumtion entschieden ab. Aber auch vom Spätkapitalismus - dies umso dezidierter gar, als dieser am Freiheitsdouble-bind (der Reaxiomatisierung des Prozesses im Objektiven) festhält. Gegen faschistische Insinuation, die Natur- und Unmittelbarkeitsmaskerade von Opferrechtfertigung, ist sie, beifallssicheren modischen Anwürfen entgegen, durch die strikteste Diskrimination Paranoia versus Schizophrenie im Objektiven bestens gefeit. Und schließlich, auf aktuelle ökologische Regressionstheorien bezogen, wendete sie sich nicht zwar gegen die emphatische
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Thematisierung der Antiproduktion, wohl aber gegen deren drohenden und wiederum faschismusanfälligen Regressionismus.
12. In klinisch-politischer Operationalisierung bedürfte es der vorbehaltlosen Adaptation der Gesamtproduktionsverhältnisse an das Modell Schizophrenie. In dieser Radikalität erwiese sich selbst auch das monierte schizophrene Überhaupt-Synchronie-Delir als Artefakt der Produktionsblockierung, so daß sich diachronische Mensuralität, strikte diskriminativ für diese, die Paranoiablockade, einerseits und den Götterausstand, historische Ontologieerfüllungsdesiderate andererseits, mit der entsprechenden Sühneopferregulation einstellte. Diese Utopie wäre eben gegen die ständige Erfahrung ihrer faktischen Unmöglichkeit - das Verbot der Aufklärung der Produktionsblockade, permanente Reparanoisierung, überflüssige Grenzverschiebungen zurück - wahrhaft revolutionär zu behaupten.
13. Die Geschichte der Psychiatrie ist hauptsächlich in ihren Philosophiekontiguitäten (Existentialontologie usw.) von antipsychiatrischen Spurenlegungen keineswegs frei. So vermag der daseinsanalytische Philosophieüberbau in seiner therapeutisch uneffektiven Ataraxie dem höheren Beschuldigungswesen von Psychoanalyse immerhin einen Riegel vorzuschieben; nur daß solche antipsychiatrisch nicht genügend radikalisierte Philosophie leicht dann noch wiederum zur faschistoiden Feiertagsfassade degeneriert. In den nicht mehr halbherzigen antipsychiatrischen Richtungen expressis verbis aber standen Guattaris Lancan noch nähere ingeniöse Antipsychiatrieversuche im Schatten der angelsächsischen Paralleluntemehmungen; durch den Anti-Ödipus, in dem der frühere Guattari aufgehoben erscheint, hat sich diese Situation indessen geändert.
Wie die Pest
II. 14. Akademisch stand die Anti-Ödipus-Rezeption in Deutschland weitgehend bisher unter dem beschämenden Fehlgriff des Faschismusverdachts. Wenn nicht alles täuscht, ist dieser rührige Argwohn eine einfache Projektion: Parade des Anti-ÖdipusAngriffs auf die subjektivitätsinternen Urstaat-, Despotiekomponenten, die Binnenparanoia, strukturell en miniature, deren nicht nur mehr deklamierte, vielmehr "stilistisch" vollzogene A-ufscheuchung ganze Massen von blinder Wut, und dies gar mehr bei Jung als bei Alt, provoziert. So weit solche Reaktionen schon greifbar sind, erwehrt sich psychoanalytische Orthodoxie derart mit Pathologisierung und Kriminalisierung (Enuresis, Pyromanie, Paranoia), daß sich in schönster reaktionärer Offenheit alle Vorurteile des Anti-Ödipus gegen die Psychoanalyse bewahrheiten. Nicht weit von solchen Verdikten entfernt, betreiben "freie" marxistische Positionen die moralistische Verdammung der Hyperwarenästhetik des Anti-Ödipus, dies im absurden Bewußtsein einer proletarischen Moralismustranszendenz und projektiv blind für die nicht-moralistische schizoanalytische Aufhebung der Hyperwarenästhetik an ihr selber.
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Das verhangene Schwangerschafts-Vording.
15. Feministische Kritik derselben Herkunft wie der Anti-Ödipus an diesem (Irigaray) zentriert sich auf die Schizophrenie-Camouflage des Mutterleibs (Gebärpotenz) als Abschlußform von Patriarchat, Endivirilismus der "symbolischen Ordnung". Da feministische Emanzipation eo ipso aber nicht umhin kann, nicht nur den ontologischen Herrschaftsbrückenschlag des Tochterstatus (Tochter-Schematismus), vielmehr - genealogische Doppelbesetzung - nicht weniger das Opfer der Arbeitskraft, selbst weiblich mitokkupiert, zu radikalisieren, enthält der Feminismus-Kontrapunkt wie sein Widerpart Potentiale einer zeitgemäßen Versöhnung der Geschlechter, einer quasi angelologischen, geschwisterinzestuösen: exkulpierende Spiegelung des Sinns der selbst angeeigneten Mutterleibverhängung einerseits (weiblich) und dialektische Ultimatisierung dieser Mystifikation andererseits (männlich), übereinkommend in zusammenstürzend- sich erhaltenden Sinn dieser Maskerade.
16. Der Geschwisterinzest, zunächst geschichtsphilosophisch rechtens eingeführt als Sicherung der Heiratsverbindung vs. der der mutterinzestuösen Filiation im Kontext der despotischen Übercodierung scheint in seiner aktuellen soteriologischen Funktion indessen nicht mehr adäquat dargestellt: scheint schizophren derart überzogen, daß die Ontologieerfüllung Mutterinzest nur mehr als vehement desavouierte Produktionsblockade (Ödipus) aufkommt, sowie objektiv nicht gespiegelt. Dagegen bedürfte es a fortiori der Sicht auf den angelologisch- geschwisterinzestuösen Maschinenstatus und der - eben doch nichts als mutterinzestuösen! - Ausstandsmarkierung darin, des verbleibenden Ausstands, der freilich zum Inbegriff des Alibis sinnloser Herrschaft dann wird. Also doch Ödipus am Ende, nicht indessen das kleine schmutzige Familien- und Couchgeheimnis, vielmehr Oedipus rex?
17. Ontologie-Pfingstfest - aber ja! Doch strikte geschwisterinzestuös und in voller Objektivität. Und nicht zuletzt auch als diachronisches Ausstandskriterium, damit der Ausstandsrest nicht immer erneut zum Vorwand sich festsetzender Antiproduktion werde: durch deren Sigl Ödipus hindurch der Anti-Ödipus das eschaton - Oedipus rex, objektiv - "erinnern" kann.

II. Wie die Pest
Schleichwege - Evokation der lautlosen Urmutter Schlange und ihres teuflischen Sohnes-Exekutors, des Allesverderbers . . . In der Tat, Angst und entsprechende Wehrrepressalien - von der indolentesten persönlichen Attacke bis hin zur philosophischen Großrationalisierung fast reuiger Rückkehr zu ordentlicheren Formen mehr wieder positivistischen, also die eisernen Gedächtnistore zuschlagenden Denkens, ein neues abergläubiges Inquisitionswesen mit immer jüngeren wissenschaftlichen Inquisitoren außerdem - beginnen sich allem Anschein nach zu häufen, wenn immer es unvermeidlich wird, mit unseren französischen Hexenausgeburten Fühlung aufzunehmen. Mag auch das naheliegendste Parierensmittel, schallendes Lachen und ordinärer Spott über die terroristische Angst vor dem gefürchteten "Dammbruch", dem
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"Sumpf", dem "Schuß in den Ofen", nicht nur wohlfeil, auch für den arglosen Spötter gefährlich sein ("dein Lachen wird vergehen, ehe der Tag graut": in der Tat, die geringste Spur eines Schuldgefühls bewirkt, daß dies Malheur - ich spreche aus eigener Erfahrung - auf dem Fuße folgt), so geht es doch wohl nicht an, in der zweiten Hälfte des wissenschaftlichen 20. Jahrhunderts den Inquisitor mit seinem Provinzterror als exzeptionelles Sujet des Erbarmens auszuwählen und ans Herz zu drücken, damit er sich dafür insbesondere rächen kann. Eines jedenfalls wird man zu dieser unangenehmen Situation erklärend schon sagen können, nämlich daß der aberwitzige Apriorismus des Kreditentzugs durch die Ruchbarkeit der Beschäftigung mit Paris-Vincennes, diese Witterung der neothebanischen Pest (zeitgemäß diesmal freilich geschwisterinzestuös verursacht: Ödipus heiratet die Sphinx), kein Zeichen für eine antifaschistische Hochsensibilität bundesrepublikanisch ausmacht, so als garantiere gebührende Entrüstung schon diese rare Gabe; im Gegenteil, - muß man nicht vielmehr den Eindruck gewinnen, daß der durch den Anti-Ödipus aufgeschreckte Innendespot, die subjektivitätsinterne Strukturparanoia des üblichen Ich, Selbst oder wie auch immer benannt, sich nicht anders zu helfen weiß, als den eigenen Binnenfaschismus demjenigen wütend anzuhängen, der sich untersteht, dieses Letztrefugium des Urstaats, ganz drinnen, aufzudecken: nichts denn eine gewöhnliche Projektion? Vielleicht erklärt sich so auch die erschreckende Jugendlichkeit der strammen Philosophiegeneräle: ist es doch der Nachteil der Jugend, daß das Ich noch nicht recht gefestigt ist. Und die augenfällige Diskrepanz zwischen der Angst eben derer, die sich für den Orden zur Rettung des Abendlandes verdächtig machen, und dem, was, jedenfalls dokumentiert publikatorisch, in Deutschland mit dem Anti-Ödipus geschieht, vermag dann auch kein Affektionskorrektiv zu sein.
Sei es drum - unterzieht man sich der Mühe, diese Rezeptionslandkarte zu mustern, so zeigt sich fürs erste nur Weniges, in diesem Wenigen recht Vorläufiges, um nicht sogleich zu sagen, schon Überflüssiges und auch massiv Unrichtiges. (19) Also dürfen wir, zum Zweck unserer Metakritik vielfältig legitimiert, eine Auswahl treffen: zunächst eine orthodox psychoanalytische Kritik und dann die eines "entrückten"Marxismus.
Psychoanalytische Orthodoxie, wie sie Werner Brede - man schlägt freilich so den Sack und meint den Esel! - in seinen "Anmerkungen zum 'Anti-Ödipus' von Deleuze/Guattari" (20) repräsentiert, verdankt sich derjenigen traditionsreichen Fehlversion des Fachs, die aufzulösen sich eben der Anti-Ödipus vorgenommen hat. Inbegriff dieser Fehlversion ist, wie immer so auch hier, ein letztlich szientistischer Subjektivismus, zentriert ums Telos des zünftigen Untergangs des Ödipuskomplexes auf Nimmerwiedersehn. Gilt dieses große Ziel, so muß sehr zu Recht die durch Lacan eingeleitete philosophisch-genealogische Metabasis der Psychoanalyse in Anti-Psychoanalyse als Angriff auf deren Substanz aufgefaßt und entsprechend abgewehrt werden: Stop dieser Philosophie - war doch der Ödipus der Philosophen von jeher recht dubios. "Sie ist überhaupt keine Philosophie, sie ist allerdings fähig, den Wunsch, die Psychoanalyse möge Philosophie sein, zu deuten." (S. 784) In der Tat, und wie sie dies kann, ich weiß es genau; nur daß sie sich so auf Urstaatebene
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despotengemäß dem zuschlägt, dessen Auflassung zu besorgen sie einstmals aufbrach, nämlich dem anhaftenden deplazierten Makrounbewußten als Superüberich-Verschluß, um nur nicht die Philosophie wieder freikommen zu lassen, die sich endlich im harten Griff blinder pseudopsychoanalytischer Hypersignifikation, den läppischen Deutungen, befindet: "Dies also war es" - nein, ich Dummkopf, jetzt weiß ich also, warum die Psychoanalyse zu Philosophie werden sollte; mein Ödipuskomplex ist viel stärker noch als ich bisher ahnen konnte: es fällt mir wie Schuppen von den Augen - (da ist doch wieder eine Honorarerhöhung drin) ...
Brede setzt den Hebel also korrekt an: an der ursprünglich lacanschen Psychoanalyse-Subversion, und zumal dann an deren Politisierung, wo der rein philosophische Spaß allerspätestens aufhört. Mit Sicherheit (wie klug!) leistet die schändliche Verphilosophisierung von Psychoanalyse die Implosion des Protestes in die inneren Despotieinstanzen hinein - nicht Eskapismus, vielmehr historisch sensible Neuplazierung des Widerstandes -, und entsprechend ist dieses Praktischwerden von Theorie auf deren Ebene selbst a fortiori ödipal verwirkt: es fällt nach Brede unters Herostatik-Verdikt (!) einer typisch imperialen ich-kratz-die-Kurve-Deutung: der Anti-Ödipus als das generalisierte Waisenhaus; endlich sind Papa (und Mama) futsch, doch welch ungeahnte Pein!
"Um die Melancholie des Scheiterns der Protestbewegung gegenüber den Institutionen aufzufangen, wird die Revolte in den Prozeß der Ichbildung selbst hineingetragen, was freilich nur zu einem herostratischen Erfolg führen kann. Im Todeswunsch gegenüber der ödipalen 'Instanz' zeigt sich der genuin narzißtische Charakter dieser zweiten 'psychologischen' Protestwelle. Mit der Auslöschung der ödipalen Eltern sollen die Zeugen der infantilen Schmach beseitigt werden, was wiederum zum herostratischen Paradox führt: Sind alle infantil, kann sich der Kampf kaum gelohnt haben." (S. 784)
Die wohlfeile Verunglimpfung der französischen Kollegen, sie ist nur unverschämt, wie außerdem das meiste, was das gros der Psychoanalytiker in privater Tagesgnomik verlautet: Deleuze und Guattari - die intellektuellen Zwillingsverbrecher aus Ruhmsucht, immerhin, freilich sublimiert, symbolisch nur. Übersieht Herr Brede hier aber noch, was er mit der Zitation seines antiken Modellkriminellen evoziert? Schwerlich. Das arme Söhnlein Herostratos - der scheiternde Wegbereiter des Großen Alexander. In der Nacht der Heldengeburt nämlich zündete dieser Wahnsinnsmensch den Tempel der Artemis zu Ephesus an; machte sich selbst also, mit Zeus ursupatorisch kurzgeschlossen, zu dessen die superjungfräuliche Tochtergöttin verzehrendem Feuer. Was man freilich nur en gros, auf den Erdkreis verschoben, wohl dosiert, arbeitsam, opferbereit und abgedeckt tun darf. Jetzt wissen wir es also, wir Anti-Ödipus-Waisenkinder - wir sind alle - Bettpisser. Wie hieß es eben doch: "Mit der Auslöschung der ödipalen Eltern sollen die Zeugen der infantilen Schmach beseitigt werden,..." Ja, die ödipalen Eltern von Waisenkindern selbst sind eben keine pisserischen Waisenkindern gewesen, denn Waisenkinder pflegen vom Himmel zu fallen. Armer Herostratos! Auf denn, verschaffen wir den Armen doch einen Papa ersatzweise, der ihn mores lehrt, einen Psychoanalytiker freilich, sonst nämlich gibts keine mehr;
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dem wirds in Wahrheit aber nur aufgedrängt - wegen der ebenso vom Himmel gefallenen Löcher an der Väter Stelle -, wozu er sich, scheinbar nur papa-geil, scheinbar nur anbiedert, jetzt nämlich erst so richtig anonym und avanciert wissenschaftlich die rechte innere ödipale Buchführung auszurichten. Kippt Bredes Räsonnement nicht fast um - wenigstens in eine Diagnose-Versteinerung des bösen psychoanalytischen Treibens hinein? "Der Sozialisationstypus der vaterlosen Gesellschaft hat dieses Problem enorm verschärft, so daß heute der Analytiker, zu dessen Geheimnissen ja seine relative soziale Anonymität gehören soll, was ein kluger Schachzug Freuds war, als ödipaler Ersatzvater tendenziell universal wird. Das ist ja wohl auch das Geheimnis des sogenannten Psycho-booms." (S. 785)
Und so breitet sich denn über Bredes Rezension selber unvermeidlich die "paranoische Befindlichkeit" aus, die er - mit Caroline Neubaur - dem Anti-Ödipus generös attestiert: Projektionsunwesen, Schwarzer-Peter-Hin-und-Hergeschiebe, modernste Urstaatdespotie, wie üblich.
"Die paranoide Schreibweise des 'Anti-Ödipus' ('Machtübernahme des Totalobjekts') wird... sehr deutlich. Mit Recht spricht Caroline Neubaur... von der 'paranoischen Befindlichkeit', die das ganze Buch durchzieht... Gleichwohl scheint das Antiödipale unter dem Zwang zu stehen, fremde 'Totalobjekte' ständig introjizieren zu müssen. Auch der kranke Nietzsche zeigt dieses Symptom" (S. 789). Psychotisch totalisierte Enuresis: vom Bettnässen über Pyromanie zur Paranoia, selbstverständlich rein subjektiv und also einer wie immer dann auch noblen Mohrenwäsche des Objektiven - Kapitalismus und Schizophrenie - verpflichtet. Kurzum, es ist jetzt der Reverenz genug: die Anti-Ödipus-blessierte fortgeschrittene psychoanalytische Rechtgläubigkeit kann nicht umhin, reaktionär im Sinne der Festigung einer inneren rein konsumptionsdisziplinären Bürokratie zu reagieren. Der philosophisch-antipsychoanalytischen Todessekstatik droht immer neu die ordentlich ödipale Gedächtnisverschließung (dies also war es: reiner Kinderkram); dem zeitgemäßesten Impuls der Befreiung nicht von der Macht des Todes, vielmehr aberwitzig antiproduktiver Todesusurpation nicht zuletzt im eigenen Innern des großen Ich werden die Mittel der zuverlässigsten Erstellung von Innendespoten offeriert (wenn du diese nicht erträgst, willst du doch selber wie diese sein: abermals Kinderkram). Wohlan, schafft also nur ordentliche Väter (Väter?), deren Reklamation doch Legion ist, nicht wahr, dann wird es kein Waisenhaus-Vincennes mehr geben müssen, das schließlich doch nur die Polizei auf den Plan ruft. Bleibt nur noch der Gerechtigkeit halber zu erwähnen, daß - schöne Ausgewogenheit - eine weitere Psyche-Rezension des Anti-Ödipus von Gunzelin Schmid Noerr (21) sich von solcher auf die Spitze getriebenen reaktionären Orthodoxie erstaunlich frei erweist.
Anstatt sich abermals dem gerechten Zorn auch über Rüdiger Hentschels Verkennung des Abgrunds zwischen Schizophrenie und Paranoia klinisch wie makrostrukturell ausfällig hinzugeben (22), soll die - diese Differenz gewiß wieder einholende - umfassende Frage gelten, von woher eigentlich diese Kritik eines in Firnißhöhen entrückten Marxismus, ausgewiesen und die angebliche Korruption des Anti-Ödipus hinter sich lassend, spricht; worum sich der Autor selbst freilich nicht mehr kümmert
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(nicht kümmern kann). Was macht also den Ort dieses Rigorismus aus?
Hentschels eigenes Exempel ist in seinen Verratsvalenzen fast ebenso ingeniös wie die diagnostisch genutzten ingeniösesten Benjaminschen topoi diesbetreffend: heroische Humanisierung der Ware, Sex-Appeal des Anorganischen. "Ich kann mich in den gereckten Po der Motorradfahrerin auf dem Honda-Werbeplakat vergaffen; ich kann mir aber auch, ohne weniger vergafft zu sein, der Vergaffung in den 'Sex Appeal des Anorganischen' bewußt bleiben. Nur im letzteren Fall wäre ich, der ich einmal mehr das Bewußtsein meiner Bewußtlosigkeit geschärft hätte, ein Moderner. Er erfährt den Rausch nur durch den Katzenjammer hindurch. Natürlich ist das Kapital von ihm nicht beunruhigt. Eher ist er sein exponiertester Warentest. Einzig desjenigen Reflexion, die nicht nur melancholisch die Höhe der Ware hält, sondern diese auch aufhebt, der proletarischen, ist umwälzende Kraft versprochen." (S. 59)
Unbestritten begibt sich Hentschel mit dieser schönen offenherzigen (oder besser offen..., also topographisch nach unten und hinten versetzt) säkularisierten olympischen Skandalgeschichte ins rechte Areal, zunächst jedenfalls und auch fast genau. Es wäre mehr als nur bigott, eben die Spitzen von Intellektualität eben im Stile des Anti-Ödipus nach allem Genesis-Wissen davon nicht an den äußersten Höhepunkt des Tempels/Marktes, der registrierenden bis messenden Rückspiegelung des Opfergaben-/Warenumschlags zu plazieren: in der Tat - Intellektualität als Hyperwarenästhetik, die sich in sich selbst dann überschlagen mag; womit wir nicht zuletzt das Problem der Prärogative des Tauschs (und davon abgeleitet der Urteilskraft, der Produktion der Aufzeichnung, numen) als gesellschaftlicher Synthesis und Kategorienursprungs am Halse hätten. Gewiß, das ist der Vorzug der Studie Hentschels. Doch leider hat es sich dann auch mit dieser rechten Platzanweisung; denn allem Anschein nach verbietet fürderhin moralistische Zaghaftigkeit die Indolenz des Blicks, des frechen, auf den Gesamt(re)produktionsköder, der unverhohlen hier ausliegt - der apostrophierte gereckte Po der neuen Pallas Athene -; verbietet die volle Nutzung der verstrickten genealogischen Valenzen dieses Götterbilds mit seinem mehrfachen memento mori; und mehr noch, wie immer über Genealogie hinaus, - und dies erst macht die höhere proletarische Moral so recht reaktionär und für den Kern der von eigenen Intentionen nicht abliegenden Botschaft des Anti-Ödipus blind - verbietet insbesondere den Kollaps der vordem hypostasierten Aufzeichnung aufzeichnungsbewahrend in die dynamische Identität von Produktion und Verzehr hinein, das schizophrene Produktionsmotiv (Fehlzündung der Wunschmaschine: Aneignungsinbegriff).
Tragen wir also der Reihe nach die von Hentschel vornehm und proletarisch ausgelassenen Genealogie-Perversität und die allererst Anti-Ödipus-adäquate Schizophrenisierung nach; dann wird auch deutlicher werden können, wo sich Hentschel auf dem intellektuellen Nobelmarkt einsam festsetzte, wenn er nicht diesen schon quittierte.
0 überfließendes Licht der Gottheit: das anstößige Werbeplakat kaserniert seinen Inhalt, dieses zentrale Himmelstück - Sicherheitsverwahrung im Bilde - ;und dennoch, jenseits dieser Rahmenmortalität wahrlich des Sex-Appeals des anorganischen bedruckten Glanzpapiers schlägt es den also bestens geschützten Betrachter, Hentschel
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zunächst jedenfalls inklusive, erotisch in seinen Bann: Eros tritt, prinzipiell, nur in Kraft über solche Thanatos-Bildlichkeit vermittelt. - Und der Bildgehalt reproduziert und reproduziert sodann dasselbe bis zur Restlosigkeit. Die Honda-Maschine - Motilitätsprothese (noch mit Bodenhaftung), sie präsentiert die jungfräuliche Göttin, gänzlich erfüllt vom himmlischen Vater, als Raumliquidation: so die weitere - erste - Todesbegegnung im Bildinneren. Doch das kann des Sex-Appeals der Honda-Maschine noch nicht genug sein. Zudem okkupiert die Göttin durchaus feministisch den Konsumtionsplatz selber, schließt also mit sich selbst totalisiert zölibatär onanistisch kurz: Selbstsignifikation der eigenen Signifikatsvorgabe, Wiederaneignung weiblicher Verzehrsproduktivität, endlich Autoprostitution, rühr-mich-nicht-an. - Konsequent bleibt für das a fortiori und bisher privilegiert verzehrslüsterne arme Erdensöhnlein nur ein Rest des Sozius-Sitzes, im Geiste einladend freigelassen, übrig. Auch Herr Hentschel hats ja körperlich gespürt, fürwahr, wo er hingehört: ebendorthin als Beifahrer der göttlichen Tochter. Die eh fetischistische Macht des Sozius (welch trefflicher Anti-Ödipus-Begriff!) schwindet in diesem Hyperfetischismus allermodernst ganz dahin; selbst konsumatorisch gar tritt er aus dem Progressionsprozeß des Opfers der Weiblichkeit oder, wenn man es so will, der Männlichkeit, was dasselbe ist, eben nicht heraus; nur noch vermittelt über die Maschinen-Aneignungsmasturbation der göttlichen Tochter - fornicon - ist es ihm vergönnt, die raumliquidierende Maschinenproduktion der Konsumption zu praktizieren, dies freilich nicht ohne Lust, mitnichten ohne Lust, wenn er es zuläßt. Welch Vergnügen also, ein Moderner zu sein - muß ich sexuell noch deutlicher werden, wo der Olymp doch schon von unmäßigem Lachen widerhallt? Weitere - zweite, abschließende - Todesbegegnung also im Bildinneren am gereckten Pofleisch der Göttin.
Wir übersehen hier nun pornographisch keineswegs - mit Jean Baudrillard (23) -, daß "die Zeichen aber nur dazu da ... sind, um aus dem Körper, mit einer langen spezifischen Verfälschungsarbeit, einen vollkommenen Gegenstand zu machen, in dem nichts mehr von dem wirklichen Arbeitsprozeß des Körpers durchscheint (die Arbeit des Unbewußten oder die physische und gesellschaftliche Arbeit): diese lange Abstraktionsarbeit und was sie in ihrer Systematizität verleugnet und zensiert, macht den Reiz jener fetischistischen Schönheit aus." (S. 324), - Körper-Idolatrie, "dem perversen Wunsch als vollkommener Phallus dargeboten," (S.325) -; daß "diese semiologische Reduktion ... den eigentlichen ideologischen Prozeß ... bildet." (S. 329) Wir können dies gar gegen die Baudrillardschen Ambivalenzen, nämlich die Huldigung an die künstlichen Paradiese (welcher Wunsch ist in seiner Tiefe nicht solchermaßen pervers? Vgl. S. 220) mit offensiver Depression zu versetzen - nur bestätigen und am Hentschel-Beispiel auch en detail belegen. Es ist in der Tat so, und darauf läuft die kapitalistische Warenästhetik ja hinaus, daß die vorgängigen Produktionsopfer (Opfer der Arbeitskraft als Herstellung des Unbewußten) an den Opferprodukten, den warenästhetisch präsentierten Waren, in deren Konsumtionsprämienanlockung hinein verschwinden; mehr aber noch - denn diese Aufhebung, allein für sich, abstrakt, wäre nur wenig tragisch, auch dann nicht, wenn in solcher traditionell bürgerlichen Schönheit, dem Ästhetikabwurf der Tauschsynthesis, die Nichtäquivalenz von
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Opfer und Prämie (Göttervorbehalt, Urmehrwertabschöpfung, Widerspruch von Wert - und Äquivalentenform, Zahlung und Finanzierung im allgemeinen) mensural sich eo ipso manifestiert - ; mehr aber noch, daß in der Opfersichtausblendung die produktionsimmanenten Usurpationsverhältnisse (die Klassenkämpfe also), die auf der anderen Seite gegen alle Opferlogik als inverse Prämiendistribution, das Usurpationswesen allererst erfüllend, imponieren, untergehen; das ganze verheerende Recht der Ungleichheit realiter eskamotiert erscheint in dem läppischen Anflug einer perversen Peniserektion angesichts eines fotographierten Frauenhinterns. Fernab jeglicher moralfundierter Übertreibung, in der diese hypokritische Aufgeilung ja allererst zu sich selbst käme, indem sie begänne, unendlich auf der Stelle zu treten - was ist schon konservativer als Moral? -, verkommt Ästhetik (immer Warenästhetik) und deren Intellektualitätspotenzierung unabweislich so zu der besagten Verfälschungsarbeit, die die Zeichen leisten: Betrugsdienstbarkeit, die beste Schützenhilfe zur permanenten Restitution des Urstaats (Paranoia, Despotie) inmitten seiner nachweislichen Überflüssigkeit.
So weit so gut. Doch solche Kritik der Warenästhetik, die nicht zu konzedieren erst recht ein krimineller Akt wäre, kann schlechterdings nicht bedeuten, daß die nichts-desto-trotz warenästhetisch aufgelassene Memorialität - bitte, das Honda-Werbeplakat existiert nicht nicht! - nicht das ubiquitäre, alle Produktionsdimensionen erfassende Produktionsmotiv selber, gar in diachronisierter, dem aktuellen Ontologiestand angepaßter, nämlich nicht zuletzt feministischer Version in aller wünschenswerten Deutlichkeit enthielte: schier alles, was wir genealogisch zur Ontologie/Hominitätserzeugung zu skizzieren versucht haben. Und eben an diesem einschneidenden Differenzpunkt stellt sich die prekärste Krisis ein: allenthalben läuft man hier Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten: mit den unübersehbaren Betrugsimplikationen in solcher dubiosen Gedächtnisauflassung diese selbst als solche mitzubeseitigen: Totalexstirpation der memoria mit dem notorischen Zwangsläufigkeitseffekt der Reinstauration der Moralinstanz (Überich), die in der Maske des Gegenteils, Demokratiemummenschanz, die Usurpationsverhältnisse stabilisiert - stabilisiert bis hin zum Überschlag in die Produktion von Todesprodukten selber hinein.
Hentschel suggeriert nun, pariserisch gesagt, daß der Anti-Ödipus die Aversionsbestände in der Denkambivalenz Baudrillards, der wie kein zweiter die Perversität der Ideologiebildung erfaßt, doch um sie depressiv-kritisch - Mimesis an den beschriebenen Fetischismus selber - wieder loszulassen, einfach durchstreiche, dies Debakel bis hin zur aberwitzigen ldeologieklimax, diese "Höhe der Ware" zu halten, sei "die gelungene Revolution" schließlich selber, schlicht affirmiere, so daß man zum wenigsten erbost allerdings fragen müßte, wieviele Honda-Fans täglich wohl auf den Straßen sterben; welcher Tatsache Baudrillard und nicht der Anti-Ödipus wiederum einen besonderen Sinn abzugewinnen versteht (24). Welch fataler Irrtum! Gewiß, Baudrillards aufreibende Ambivalenz legt der Anti-Ödipus ab, doch nicht als bereinigt einhellige modernistische Beglaubigung des Menschheitsunheils, vielmehr in aller Überfälligkeit eben als Wahrung des besagten kriterialen Unterschieds zwischen Betrugs- und Auflassungsvalenz der dubiosen "Zeichen"; und mehr noch als deren - der
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totalisierten seinsgemäß versus präsentativ/repräsentativ gemachten numenalen Offenbarung - sich bewahrender Doppeleinbruch in die Bewegungsidentität von Erzeugung und Verzehr hinein: Reproduktion/Produktion des Hominitätssinns selber, so wie oft schon angedeutet. Die Essenz der Schizoanalyse ging an Hentschel also vorüber; und wenn er sie phobisch streift, so verwechselt er sie beharrlich mit ihrem Paranoia-Kontrarium (und konzentriert alle Arbeit darauf, dies quid pro quo philologisch gar zu belegen): ein Vorgang, der die akademische Anti-Ödipus-Rezeption mit ihrem Faschismusverdikt allenthalben überschattet. Was aber stellt der Anti-Ödipus mit dem in seiner Vorhandenheit ja besonders beschworenen Honda-Werbeplakat nun an? (Also konkret werden!) Er wird sich das Amüsement darüber trotz des Motoradtods auf den Straßen und trotz des kriminellen Proletenbeschiß' und trotz der aufgegeilten blinden Hilflosigkeit und trotz der Umweltverschmutzung nicht verkneifen, wird so lange unmäßig lachen, bis es etwa in Picabias "Mutterlos geborene Tochter" hinein sich schizophrenisiert, nicht aber um der höheren Ästhetik willen, vielmehr damit das Lachen umso gestärkter die verderbliche Betrugseindämmung dieses schönen Götterbildes wegschwemmt: Weltschöpfungslachen. Kein marxistischer Moralismus macht um diese Antwort verlegen: wir schärfen nicht das Bewußtsein unserer Bewußtlosigkeit - Bewußtlosigkeit?; euphorisieren uns auch nicht in einem permanent dekadenten Initiationsmißlingen durch den Katzenjammer hindurch - Katzenjammer? woher zudem auf einmal diese orale Metabasis?; verordnen uns nicht pseudosolidarische höhere Bilderverbrennungen (zugunsten der Substitution der Bilder durch die nicht weniger hypokritischen Erfolgsmeldungen aus der Produktion sodann - laufende Spruchbänder am Dresdner Bahnhof); gehen nicht in Sack und Asche, sofern die Revolution abermals vertagt werden müßte. Wenn wir etwas tun, so eben dies: den Urstaat hier im Betrugswesen der Warenästhetik morallos bekämpfen.
Im dazu gegenläufigen quid pro quo von immanent verstrickter Aversion - a fortiori verstrickt ob des moralistischen Askesewesens dieser Flucht - mit dem Rückhalt proletarischer Transzendenz und allein so rechter Modernität; im Mißbrauch der ontologiegenerierenden Kraft, immer derselben, zum Zweck, die Memorialitätsbilder überhaupt verschwinden zu machen, das Gedächtnis wieder zu verrammeln, eben gerade Konsumtion disteleologisch zu maßregeln, schustert Hentschels marxistische Ethik der Moderne-Exekution des Anti-Ödipus diejenige Krankheit zu, an der er selbst doch in aller Offensichtlichkeit leidet: nämlich an Todesusurpation in der Form des "Überich", Abkehr von den Waren als die konservativste Weise ihrer Unterhaltung, ubiquitärer Askeseexzeß und notwendig korrespondierende Gier. Der Weisheit letzter Schluß: nur noch Bewußtlosigkeit und Rausch (und/oder Katzenjammer), nur noch blindes Vergaffen als Inbegriff umwälzender proletarischer Potenz, denn das Vergaffen wird erst mit dem Ende der Gattung Mensch, so sie menschlich bliebe, sein Ende nehmen? Blendet man den Wunschursprung der Maschinen allenthalben aus; betreibt man zudem nicht allenthalben die Rettung des Wunsches in seinen Maschinenprodukten, so befällt die dann ohnedies tödlich entfesselte Maschine zusätzlich den unpassendsten Ort, die Eros/cogitomasse Subjekt, und bildet sich hier zum blinden fühllosen Opfergeneral aus, gegen den dessen eigener Schattenwurf
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Terror scheinbar nur noch verschlägt.
Schließlich verschärft Hentschels pseudogeneröse Konzession einer erlaubten Platznahme des Anti-Ödipus-Modernismus in Kunst - gegen dessen dann allein nur noch verderbliche politische Metabasis - die monierten moralistischen Mißhelligkeiten bloß. Solche rechte Ortsanweisung, rein ästhetische Geltungslimitation, Maßregel gegen die angebliche Neuauflage einer neofaschistischen Ästhetisierung der Politik beschwört abermals den Schein einer genuin politisch intellektuellen Seriösitätsinstanz, die das wahre Wesen jenseits des angeblichen schönen, ästhetisch kaserniert erlaubten Scheins zu restituieren sucht: abermals der apostrophierte Scheinausweg, der einem weismachen will, daß die Streichung der Warenästhetik (eben nicht zuletzt auch in der herrschenden Form von Politik selber) - Wunder der "phänomenologischen Reduktion" - die allererst politisch wahrheitsgemäße Überbietungspotenz der hinter sich gelassenen memorialen Totalkorruption entbinde - anstatt intelektuelle Zeichenradikalisierung despotische Verjagung des vermeintlichen numen-Spuks in eine bundesdeutsche Spielart des sozialistischen Realismus. Welche Banausie eben im Angesicht der künstlerischen Moderne! Sperren wir Kunst nur tüchtig wiederum in sich selber ein, verbieten wir ihr die faschistoiden Politizitätsflausen - aber bitte, sie selbst hält ja nicht den Rand, warum nur diese antiästhetische Anmaßung -, dann wird die Welt marxistisch-proletarisch wieder in Ordnung kommen. Seltsam jedoch, wie stark muß die immanente Politizität der ästhetisch künstlerischen Moderne sein, wenn deren angebliche ästhetische Redisziplinierung einen solchen banausisch a-intellektuellen Kraftaufwand erfordert? Und es macht sich wahrlich dann wie ein empirischer Trost, das beispielhafte Formen dieses Modernismus - wie etwa das Wuppertaler Tanztheater Pina Bauschs - in ihrer politischen Nicht-Subsumierbarkeit politisch provokanter wirken können als alle provokant gemeinten wohlgeordneten politischen Deklamationen, und wollten sie gar nur der Apologie solcher Modernität dienen. Und dasselbe Los sei noch mehr dem Anti-Ödipus beschieden! (25)
Das verhangene Schwangerschafts-Vording
A.: Mit Deleuze-Guattari verläßt man den Gegensatz weiblich-männlich. Es gibt "n" Geschlechter. Es gibt sogar unmenschliche Geschlechter. (...) Es stellt sich die Frage, ob das Männlich-Weibliche, das Gleiche und das Andere darin noch zutreffen, oder ob man ganz woanders hin verlagert wird.
L. IRIGARAY: Ich persönlich würde fragen, ob diese Vielheit nicht wieder in die Ökonomie des Gleichen vereinnahmt wird.
A.: Nun, Sie geben die Antwort.
L. I.: Die einzige Frage, die ich dem "Anti-Ödipus" stellen möchte, ist, ob Frauen mit ihrem Lustempfinden dabei auf ihre Kosten kommen. Das wäre meine einzige Frage. (...) Und nimmt die Wunschmaschine nicht noch einmal zum Teil die Stelle der Frau oder des Weiblichen ein? Ist sie nicht eine Art Metapher, von der die Männer Gebrauch machen? Oder: Können die Frauen sich in der im "Anti-Ödipus" beschriebenen
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Psychose in irgendeiner Weise "wiedererkennen"? Ist das ihre Psychose? (26)
Endlich eine kongeniale Kritik, von der anderen Abzweigung derselben Provenienz - Lacan - her gedacht? In der Tat: radikale feministische Kritik scheint nicht umhin zu können, die Wunschmaschine respektive dieselbe, nur zur Unzeit aus dem Himmel auf die Erde gefallen, Schizo, den Heros, also, als spiritualistische Letztcamouflage des Mutterleibs (der weiblichen Gebärpotenz) und damit als die unverschämteste Konterkarierung weiblicher Emanzipation anzugreifen? Wie der Teufel - er ist ein Sohn-Mann - spätestens ab dem Christentum die Urmutter substituiert (es darf nur im Märchen bloß mehr des Teufels Großmutter geben), so existiert die Schizomaskerade am anderen Manns-Ufer anscheinend in brutalster Usurpation das Phantasma der schwangeren Frau: endlich Spiegelung, großer Geist, der von sich behaupten könne, er habe es, nicht vorstellend, nicht schauspielernd, vielmehr peremptorisch real geschaffen, absolut zu sein. Luce Irigaray sagt es so, merklich aber ohne polemische Spitze, eher wie mit Verständnis und zurückgenommen... vielleicht ... zum Teil: das Unendlichkeitsdelir (n-Geschlechter, und gar unmenschliche darunter) im unendlich dilatierten Augenblick der Wiedergeburt aus dem Geiste, Bereitung des neuen Himmels und der neuen Erde, verbleibt als Produktivitätslimes restlos immanent, revolutioniert Ontologie in ihrem Virilismus des Symbolischen nicht; solche Geistekstatik, das männliche Schwangerschaftsdeckbild, lebt nur davon, den weiblichen Wunsch von Grund auf verzehren zu wollen - Schizo-Faszination als Klimax des Patriarchalismus der anarchischen Söhne. Allein - und also vermag Irigaray dezent zu intervenieren -, dieser säkularisierteste Gottesbegriff Wunschmaschine geht eben in seiner psychotischen Realisiertheit über bloße Real-Bildlichkeit sozusagen, verletzlichste ausschließende Phantasma-Existenz nicht hinaus; und als solche - liebevoll fast gegen die auflauernde paranoisierende gewalttätig machende Beschuldigungsblockade vindiziert - kann sie dann auch die ansonsten mit allen erdenklichen Mitteln verhinderte Selbstanamnesis des weiblichen Schwangerschafts-Vordings in ihr selber doch zulassen?
Anders als feministische Positionen ansonsten, deren extremste immer noch die instruktivsten sind (mit den anderen sieht es herzlich schlecht aus), scheint Irigaray ein Modell von Entzweiung und Versöhnung in einem, die einschlägigen feministischen Potentiale bis auf den Grund darin ausschöpfend, zu annoncieren. Die zitierten Feminismusfragen bleiben unkorrigierbar gestellt, zum einzigen Zweck jedoch, spezialisiert nun gesagt, daß auf der männlichen Gegenseite die eben am Beispiel angedeutete Abdrift in die Selbstvertochterung, ultimative Autoexkulpation - dann sind die Schotten endlich dicht - ausbleibe. Die Inhibition dieser sicheren Todesfahrt, und lande sie auch nur in der Normalität, führt notwendig über die Militanz der Irigarayschen Fragen: "Ist das Ihre (sc. auch der Frauen) Psychose?" Der große prekärste Krisis-Augenblick, letzte Restchance von "Heterosexualität" - um beim Hentschel-Bild von eben zu weilen -: entweder reckt die Göttin ihren Po über den Soziussitz hinaus (kein Platz mehr) und drischt blindrasend los oder aber wirft das arme Erdensöhnlein die Göttin von der Maschine runter und tut dann das nämliche oder aber - tertium bene datur - beide fahren, wie gehabt, in den Himmel, Picabia,
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regnend, davon. Welches sind die Konditionen dieser Zusammenkunft? Der frei umherlaufende Schizophrene meines Beispiels (siehe 1) versuchte sie mehrfach - vergeblich. Und es erging ihm dabei - unauffälliger, en petit - so wie auf der anderen Seite Valerie Solanas, die gewiß nicht zu Unrecht die Totalenteignung und -emanzipation des Mutterleibs/den Schematismusgebrauch der Töchterlichkeit zur Totalexpansion des allertotesten paternalen Geistes (mitsamt der Tochterbesetzung des Sohnespostens, der Opferstätte) blockiert erfährt durch die triefende Gier des real als Mann mißratenen Mannes - die Gewalt des paranoisch-despotischen "realen Vaters", der die göttliche Tochter von der Hondamaschine herunterwirft, des hypostasierenden y-Chromosoms - und dieses ganze Leid der Welt mit radikalfeministischem Gegenterror in die Welt schreit (und selbst darin schließlich umkommt). Solange sind sich die beiden tödlichen Fronten wechselseitig Masken apokalyptischen Patriarchalismus, bis sie sich beide in dieser identischen Maske als diese Maske selbst vereinigen mögen. (27)
Um zum Anti-Ödipus - einerseits - zurückzukommen: es verfestigt sich also dies eine Heerlager nur, wenn man in ihm isoliert selbst schon auf die Suche nach der eigenen Versöhnungsliquidation geht. Ärgerliche Fehlanzeige. Man wird nämlich einräumen müssen, daß Allusionen selbst schon feministischer Schizodemaskierung ebendort überaus rar sind (sein müssen). Der Mutterleib, das Vor-Ding - seltsam verhangen, entschwindend, absent -, als scheue Genealogie den letzten entscheidenden Schritt, um dadurch als ganze kulminativ zu verderben. Die fakultative Plazenta-Erwähnung - Anatomiereminiszenz des Heiliggeistbandes im Materiellen, des Protoinbegriffs von Nicht-reziprozität - richtet dagegen fast nur nichts aus. Und ebenso macht die Zitation der "mutterlos geborenen Tochter" noch keine Schematismustheorie des unabdingbaren Tochtersubsiduums der spirituell-paternalen Geist(nach)geburten. Auch wird man schwerlich behaupten können, daß der aufsehenerregende Dispens, die Macht der Ursprungsdisposition - Ursprung, inkarniert, als abzutragende Hypothek - psychiatrisch erproben zu sollen, das Modell von Frauenemanzipation eo ipso schon mitenthalte. Denn solange die Chiffrierung von Frau im Makroschizophreniemodell so aufrecht erhalten bleibt, wie der klinisch Schizophrene dies nicht umhin zu können scheint, solange auch ist im wahrlich äußerstem Ausmaß die ubiquitäre Bannmeile des Patriarchalismus festens beglaubigt. 0 Wunder: der Mann wird zur Frau; doch da sich die Schuld so dupliziert, büßt er auch doppelt und ist die ontologische Schuldigkeit also insgesamt quitt. Fehlanzeige - so resultieren nur gesteigerte Beschuldigungsmutualitäten. (28)
Ebenso erfolglos muß es dann auf der anderen Seite ausfallen, im oeuvre Irigarays die geschlechtsspezifischen Torheiten des Anti-Ödipus finden zu wollen; wogegen es sich in der verläßlichsten Weise resistent zeigt. Nein, wenn schon, so wird dagegen fällig die Rekonstruktion des virtuellen Berührungspunktes beider, in dem das zeitgemäße Profil von Sexualität - Geschlechterindifferenzierung eh mit beginnender Generationsvergleichgültigung - aufkommen mag. Wie lautet Irigarays Mitgift zu diesem Profil? Nicht minder antiregressiv hält ihre Psychoanalyse-Philosophie dem ontologischen Herrschaftsbrückenschlag des Tochterstatus unverbrüchlich die Treue, in
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dem sie die patriarchale Schuld der Urmehrwertabschöpfung am Mutterleib mit Tochterhilfe einzig tilgbar projektiert in deren - der Tochter -unmittelbarem Produktivitätszugewinn. Solche Progreßvorstellung aber kann nichts anderes in die Wege leiten wollen als die angespannteste Dialektisierung der Ontologie-Produktionsverhältnisse: indem die Tochter-Frau die tiefer noch und tiefer botmäßigere Magd des noch himmlischeren ferneren, abstrakteren, töteren Herrn zu werden sich anschickt, erwirkt sie das Recht, an des Sohnes Opferstatt die Herrschaftsfrüchte des einschlägigen Opferns ebenhier mitzuernten: feministischer Demokratisierungssprung.
Bis dahin gekommen, bedarf es sodann keiner Mutterleibverhängung mehr; denn es ist ja jetzt die Frau als Tochter-Frau selber, die ausnehmend exkulpativ im letztlich Homogenen von Feminität die Erlaubtheit der Urmehrwertabschöpfung am Mutterleib a fortiori ultimativ und in doppelter Hinsicht - radikalisierter Tochter-Schematismus und radikalisiertes Arbeitskraftopfer - vorzuexistieren vorhat. So schließt sich der Kreis, anders, neu-weiblich, auch hier. Ebenso im Feminismus Irigarays wird die "Vielheit in die Ökonomie des Gleichen" grundsätzlich gleichermaßen vereinnahmt. Zweck der feministischen Kritik kann es nicht sein, die "symbolische Ordnung" romantizistisch-regressiv verabschieden zu wollen - ein illusionistisches Plädoyer zu halten für die Parthenogenese, Selbstgeburt und -autarkie, diesen Abgrund des Grauens, der die Obsession des ontologischen Kopiewesens, die Gier des Mannes, jedoch als Mann, Phallus, Absenz, Mortalität, Weib zu werden, ja allererst in Gang setzt -; deren Zweck macht vielmehr einzig aus, diese mannsspezifische Ordnung durch den Eintritt expressis verbis der Frau in diese, wie gehabt, zu entsühnen und auf diesem Wege, gegen alle Antiproduktion reteleologisiert, in sich zu bereichern.
Also darf man doch getrost geltend machen, daß die skizzierte Schizocamouflage diese höchst dialektische Feminitätsautarkisierung nicht eo ipso aufheben muß, vielmehr nicht zuletzt auch nur abspiegeln kann? Wo liegt der Zwang beschlossen, den großen Unterschied weiterhin zu behaupten? Man könnte gar auf die Idee kommen, daß die rest- und klimax-patriarchalistische Blindheit des Anti-Ödipus nichts denn Ausdruck des schönen Anstands sei, die Exkulpations-Zitierung des Mutterleibs als des Urausbeutungsstoffs eben denen zu überlassen, die allein dies dürfen sollten, den Frauen selber nämlich, insofern einzig sie die letztdialektische Feminitätstotalisierung mit ihrem immanenten Sprung doch vermöchten. Brüderliche Noblesse? Diesseits des untiefen Tales bei den Männern also der Charme der Mystifikation, neuritterlich fast; und jenseits im weiblichen Lager hingegen genealogische Nacktheit und einzig Exkulpationseffizienz. Und höchstens noch Anamnesis-Restposten der alten symbolischen Ordnung hier (Maßlosigkeit des männlichen Kopiewesens des Mutterleibs, Ineinsbildung von Zeugung, Schwangerschaft, Geburt an diesem anderen thanatologischen Ufer, ultimativ schizomarkiert) und dieselben (schweigende Weiblichkeit, patriarchalisches Mutter- und Tochterdebakel, geschlechtsspezifisch hypostasiert homosexuell versus schizophren) dort. Die Sphinx-Schwester nimmt dem Ödipus-Bruder die Mensch-Maske ab (wie weiland Schwester Kundry Bruder Parsifal die Rüstung, ohne letztendlich auf der Gralsburg zu sterben), löst die letztmagische Mutterleibeskamotisierung im Schizoheros auf: zeitgemäße Versöhnung der Geschlechter im Angesicht
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der Maschinenobjektivität eben Desselben; und das Ganze der Ontologie erzittert von dieser Hochzeit, der Maskenvereinigung und dem Maskenabwurf, durchdrungen. Also sollten wir Irigarays nackte Frage an den Anti-Ödipus - "ob die Frauen mit ihrem Lustempfinden dabei auf ihre Kosten kommen" - als Männer (Nomadenkavalliere) nicht beantworten wollen; und nicht weniger einräumen, daß die Wunschmaschine buchstäbliche Magiemetapher der Mutterleibmaterialität sei - unser Beitrag hier zur weiblichen Possedierung der "im 'Anti-Ödipus' beschriebenen Psychose" der angekommenen Zukunft.
Kurzum, fiele die zeitgemäße Sexualitätsverfassung geschwisterinzestuös aus; wäre so etwas wie moderne Angelologie ganz wie unser ominöses Honda-Werbeplakat die Selbsterfüllung des Warencharakters in seiner Reklamepräsentation, Aufgang alles Fleisches im bebilderten Tod, Paradigma der "semiologischen Reduktion der symbolischen Funktion" (Baudrillard). Die inzestuösen Geschwister substituieren Vater und Mutter, indem sie Eltern präsentieren, spielen: das Vater (eingesperrte Mutter)/Tochter-Inzestsignifikat, mit sich selbst kurzgeschlossen, das ist die Schwester, und der Mutter (toter Vater)/Sohn-Inzestsignifikant, ebenso nur sich selbst berührend, das Brüderlein - Geschwisterinkarnation des Produktionsphantasmas selber, christlich gesagt, immerhin schon bis zu den Engeln gediehen, die sich geistig vermählen, indem sie selbstaffektioniert wechselseitig Signifikats- und Signifikantenteile aneinander abtreten. Wie schrieb doch schon Hegel, wahrlich den Himmelsfrieden über diese Verhältnisse ausbreitend - Wagner dann machte diese Ruhe, fürs erste remythisiert, die Opfer erinnernd, produktiv -:
"Das unvermischte Verhältnis aber findet zwischen Bruder und Schwester statt. Sie sind dasselbe Blut, das aber in ihnen in seine Ruhe und Gleichgewicht gekommen ist. Sie begehren daher einander nicht, noch haben sie dies Fürsichsein eins dem anderen gegeben noch empfangen, sondern sie sind freie Individualität gegeneinander. Das Weibliche hat daher als Schwester die höchste Ahnung des sittlichen Wesens;..." (29)
Damit wären wenigstens neuere Traditionspunkte der Auflassung der späteren Sexualitätsutopie des Anti-Ödipus wie des Irigarayschen Feminismus genannt. Im Anti-Ödipus selbst aber begegnet diese "progressive" Inzestfigur expressis verbis bloß geschichtsphilosophisch, doch in der zuträglichsten Weise: der Geschwister- und der Mutterinzest, den der Held (paradigmatisch Ödipus) begeht, bilden in ihrer differenten Funktionalität - Konstitution der Heiratsverbindungen versus der Filiation - den Inbegriff der despotischen "Übercodierung", der Aufrichtung also des doppelten Inzesttabus.
"Der Inzest mit der Schwester und der mit der Mutter sind zwei sehr verschiedene Dinge. Die Schwester ist kein Substitut der Mutter: die eine gehört der konnektiven Kategorie der Heiratsverbindung, die andere der disjunktiven Kategorie der Filiation an. Ist die eine untersagt, so in dem Maße, wie die Bedingung territorialer Codierung es erfordert, daß die Heiratsverbindung nicht mit den Filiationen verschmilzt; und die andere, daß in der Filiation die Deszendenz sich nicht auf die Aszendenz beschränkt. Deshalb ist, dank des Neuen Bundes und der direkten Filiation, der Inzest des Despoten zweifach. Der Held heiratet zunächst seine Schwestern, dann seine Mutter. Daß
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beide Akte, auf unterschiedlichen Stufen verwachsen, sich gleich sein mögen, hindert nicht, daß darin zwei Sequenzen aufweisbar werden: die Vereinigung mit der Prinzessin-Schwester, die Vereinigung mit der Königin-Mutter. Der Inzest verläuft zweifach. Der Held sitzt immer zwischen zwei Gruppen, der einen, in die er sich begibt, um seine Schwester zu finden, der anderen, zu der er zurückkehrt, um seine Mutter wiederzufinden. Nie hat dieser doppelte Inzest zum Ziel, einen selbst magischen Strom zu erzeugen, vielmehr alle existierenden Ströme zu übercodieren und zu erreichen, daß kein einziger intrinsischer Code, kein zugrundeliegender Strom der Übercodierung der despotischen Maschine entrinnt; daher garantiert der Inzest vermöge seiner Sterilität die allgemeine Fruchtbarkeit. Die Heirat mit der Schwester geschieht außerhalb, ist Heimsuchung der Wüste, bringt die räumliche Differenz zur primitiven Maschine zum Ausdruck, beendet die alten Heiratsverbindungen, begründet in der allgemeinen Aneignung aller Schulden der Heiratsverbindung den Neuen Bund. Die Heirat mit der Mutter ist Rückkehr zum Stamm; sie bringt die zeitliche Differenz zur primitiven Maschine zum Ausdruck (Generationsunterschied); konstituiert durch verallgemeinerte Akkumulation des filiativen Bestandes die direkte Filiation, die aus dem Neuen Bund entsteht. Beide sind, gleich den zwei Enden eines Bandes für den despotischen Knoten, für die Übercodierung unabdingbar." (30)
So weit, so gut - geschichtlich diagnostisch jedenfalls. Dann aber, in der Kafka-Studie, scheint das Malheur zu passieren, das die Irigarayschen Fragen umso legitimer werden läßt.
"Was ist nun dieser Schizo-Inzest, den die kombinierte Formel bezeichnet? Er ist in vieler Hinsicht das Gegenteil des neurotischen Ödipus-Inzests. Dieser wird mit der Mutter vollzogen (oder als vollzogen vorgestellt oder als sich vollziehend interpretiert), also mit einer Territorialität, in einer Reterritorialisierung. Der Schizo-Inzest wird indes mit der Schwester gemacht; er ist ein Deterritorialisierungs-Inzest, denn die Schwester ist eben kein Substitut der Mutter, sondern sie steht auf der anderen Seite des Klassenkampfs, auf der Seite der Dienstmädchen und der Huren. Der ödipale Inzest entspricht dem transzendenten Paranoia-Gesetz, das ihn verbietet oder das er übertritt - direkt, wenn es soweit kommt, oder symbolisch, wenn es zu mehr nicht langt: rasender Vater ('Kronos, der seine Söhne auffraß, - der ehrlichste Vater') mißbrauchte Mutter, neurotischer und bald auch paranoischer Sohn - womit dann alles wieder von vorn beginnt im Familien- und Ehezyklus, denn die Übertretung war wirklich nichts, ein bloßes Mittel zur Reproduktion. Dagegen entspricht der Schizo-Inzest dem immanenten Schizo-Gesetz: Er bildet statt einer zirkulären Reproduktion eine Fluchtlinie aus, er vollzieht statt einer Transgression eine Progression (denn die Probleme mit der Schwester sind - Schizophrene wissen das - immer noch besser als die mit der Mutter). Der ödipale Inzest klebt an Fotos, Porträts, Kindheitserinnerungen, an einer falschen Kindheit, die es niemals gegeben hat, die aber das Verlangen in der Falle der Vorstellung fängt, von allen Verbindungen trennt und auf die Mutter zurückwirft, um es noch infantiler, noch kindischer zu machen (durch Überredung), um es niederzuhalten und unter der Last all der anderen Verbote noch tiefer zu drücken, um es daran zu hindern, sich im gesellschaftlichen und politischen
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Feld selbst zu erkennen. Dagegen haftet der Schizo-Inzest am Klang, an der Art, wie der Ton ins Schwingen gerät und wie die Kindheitsblöcke - ohne Erinnerung - sich ganz lebendig in die Gegenwart eindrängen, um sie zu aktivieren, voranzutreiben und ihre Verbindungen zu multiplizieren. Schizo-Inzest mit möglichst vielen Verbindungen in möglichst breiter Ausdehnung nach allen Seiten (polyvok), vermittelt durch Dienstmädchen und Huren und ihren sozialen Ort in den gesellschaftlichen Serien - im Gegensatz zum neurotischen Inzest, der sich definiert durch das Abkappen aller Verbindungen, seinen eindeutig-einzigen Signifikanten, das Festhalten an der Familie und die Neutralisierung des sozio-politischen Feldes." (31)
Freilich ist gegen diese ingeniöse, den üblichen Hermeneutikrahmen aufsprengende Anamnesis der eigenen Projekte in Kafka-Texten überhaupt nichts einzuwenden. Stellt man aber nun die schönen Entdeckungen nur einen Augenblick lang in den geschichtsphilosophischen Kontext, aus dem sie im Anti-Ödipus kategorial so plausibel hervorgehen, so werden sie fürs erste - Artefakt einer Deplazierung? - seltsam mechanisch defizitär und treiben also die Frage hervor, was denn das moderne splitting der beiden Inzestarten mit seiner eindeutigen Wertverteilung fernab von Literatengrillen oder dergleichen rechtfertige. Weshalb der Bruch in der Übercodierung - Liquidationschance für den einen Integralisierungsteil, eherne Beständigkeit des anderen, des desavouierten, den man am besten sogleich ganz beiseite läßt? Diachronisch bescheiden und durchaus auf der Linie der Geschichtstheorie des Anti-Ödipus selber ergibt die emphatische Diskrimination, schwarz und weiß, der Inzeste/Inzesttabus nur dann einen angemessenen Sinn, wenn die Freigabe des Geschwisterinzests, wie gehabt, den historisch gewährleisteten thanatologischen/erotischen Emanzipationsraum ausfüllt, limitiert, eben durch die konkurrierende Inzestart (Mutterinzest), die das vorbehaltliche Jenseits der Nichtdisposition, der ontologischen, definiert: Engel könnten wir schon werden, nur noch nicht der liebe Gott selber. Deleuzes und Guattaris wie es scheint paradoxe Schmähreden aber über dies Jenseits, das die doch objektive Freiheitsausdehnung mißt, sind nur dann nicht verquer, wenn man sogleich mitbedenkt, daß mit solcher Jenseitigkeit, den göttlichen Ausstandsresten, allenthalben übelstes Schindluder getrieben wird; notorisch nimmt man sie zum Anlaß - Reaxiomatisierung des Decodierten - in hyperdespotischer Pseudologie das Jenseits der Götter über das längst schon vorhandene Diesseits wieder auszubreiten, den mutterinzestuösen Vorbehalt schmählich also umzumünzen in die Generalität des familiaristischen Ödipuskomplexes, der (bonne chance) seines Untergangs dann sehnlich harrt. Quid pro quo von Ausstand, nichts als Ausstand, und wohlfeiler Herrschaft des Menschen über den Menschen, Göttervorbehalt als perverser Vorwand von Repression. So kann die Verwirrung wohl wieder schwinden: die Apologie des Geschwisterinzests, dessen Symbolismus: Strukturfreigabe im Schatten seiner objektiv maschinellen Realisiertheit, hält als Flucht-Inweg (fast schon - immerhin doch geschwisterinzestuös! - ein wenig feministisch zurückgepfiffen, gedrosselt) der "absoluten Grenze" des schizophrenen Prozesses, dem Phantasma des Produktionsgrunds selbst als solchen, Thanatos/Eros, verläßlich die Treue. Man mag dann - außerdem auch bei uns - nur noch vermissen und also reklamieren können die präzise Diachroniesicht auf die
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angelologischen/geschwisterinzestuösen Maschinen, die den Heros von sich selbst und seinem Solo der "Heimsuchung der Wüste" entbinden, insofern diese Maschinen selbst diese Heimsuchung und also diese zu generalisieren imstande sind. Und im Vorgriff - nicht der kleine schmutzige Provinzödipus, vielmehr Ödipus Rex am Ende: wohin führt diachronisch im Objektiven der Prozeß mit dem Telos der "Rückkehr zum Stamm", der absoluten Grenze selber? Wenn bis dahin nicht der tötend tödliche Mißbrauch des Ausstands als Dauerlegitimität ubiquitärer paranoischer Kriegsrüstung - in unserem speziellen Kontext hier das Gesundheitswesen, zumal das psychiatrische - die Erde nicht schon zerstörte...
1979/80
  1. Einige bibliographische Hinweise, die längst nicht erschöpfend sind:
    U. Raulf, Der nicht-ödipale Wunsch. Notizen zu Deleuze/Guattari: 'Anti-Ödipus, in: Über die Wünsche. Ein Versuch zur Archäologie der Subjektivität, hrsg. v. D. Kamper, München/Wien (Hanser) 1977, Reihe Hanser 226, S. 65-81;
    M. Makropoulos/R. Müller, Das Schillern der Revolte. Für eine entgrenzte Theorie der Subversion, in: Psychologie- und Gesellschaftskritik. Zeitschrift zur Kritik bürgerlicher Psychologie, 2. Jg., Heft 2/3. 1978 (focus), S. 169-189
    (Gekürzte Ausgabe von: "Zur Schwarzen Geiss", Flugschrift 1, Konstanz 1977. Eine veränderte Fassung ist abgedruckt in "Das Schillern der Revolte", Berlin: Merve, 1978)
    Caroline Neubaur, Verwünschter Wunsch, in: Wege des Anti-Ödipus, hsg. v. J. ChasseguetSmirgel, Frankfurt/M/Berlin/Wien (Ullstein) 1978, Ullstein Buch Nr. 3401, S. 136-185 (Nachwort)
    Die gescheite Seminararbeit mit ihrem propädeutisch vielleicht günstigen Informationswert und durchweg von der sympathischen Hoffnung getragen, endlich in neue zeitgemäße Regionen vorzudringen; der deutlicher noch politisch motivierte Assimilationsversuch, selten über ein erstes mühsames Assimilationsstadium hinausgekommen, in der Hoffnung auf neue linke Impulse, tabuisierte gesellschaftliche Empirie zu öffnen; die kultivierte journalistische Mimesis an dieses - schon mit vorliegenden Reaktionen bestückte - Denkfeld, die viel zu transportieren und selbst in der Arbitrarität eingestreuter Kritikpunkte oft brauchbare Spuren distanzierter Besinnung zu legen versteht.
  2. Psyche 8, 33. Jg., August 1979, S. 784-791
  3. Ethnologie des Unbewußten. Zum Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie 1 von Gilles Deleuze und F. Guattari, in: Psyche 12, 33. Jg., Dezember 1979, S. 1149-1156
  4. Exekution der Moderne. Zu E. Jüngers "Der Arbeiter" und G. Deleuzes/F. Guattaris "AntiÖdipus", in: Notizbuch, hrsg. v. H. Kurnitzky, Psychoanalyse und Theorie der Gesellschaft, Berlin (Medusa) 1979, S. 53-77
  5. Fetischismus und Ideologie: Die semiologische Reduktion, in: J. B. Pontalis (Hg.), Objekte des Fetischismus, Frankfurt (Suhrkamp) 1972, Literatur der Psychoanalyse
  6. Der Tod tanzt aus der Reihe, Berlin 1979, Merve 85, S. 100ff.
  7. R. Heinz, Tanzrhizome. Zur Asthetik des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bauschs, in: DIE EULE, Diskussionsforum für rationalitätsgenealogische, insbesondere feministische Theorie, Nr. 5, S.42-74
  8. Fragen an Luce Irigaray, gestellt vom Fachbereich Philosophie und Politik der Universität Toulouse, in: Unbewußtes, Frauen, Psychoanalyse, Berlin 1977, Merve 66, S. 26/28
  9. V. Solanas, Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer (SCUM), Frankfurt/M 1975, März bei Zweitausendeins.
  10. Anti-Ödipus, Appendix. Programmatische Bilanz für Wunschmaschinen, 2. Wunschmaschine und ödipaler Apparat: Rekursion gegen Repression - Regression: die Erwähnung von Picabia S. 202 (siehe W. S. Rubin, Dada, Stuttgart (G. Hatje) 1978, S. 60: Francis Picabia, Mädchen, ohne eine Mutter geboren, 1913-1915)
    Ob wohl Sätze wie die folgenden gehalten wären, die besagten Irigarayschen Fragen nicht mehr zu provozieren? (Anti-Ödipus S. 505f./509):
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"Das Problem der Wunschmaschine in ihrer wesentlich erotischen Dimension besteht allerdings keineswegs darin, herauszufinden, ob die Maschine tatsächlich jemals die vollkommene Illusion der Frau wird erzeugen können. Vielmehr in Folgendem: in welche Maschine die Frau setzen, in welche Maschine setzt sich die Frau, um derart nicht-ödipales Objekt des Wunsches, das heißt unmenschliches Geschlecht zu werden? Nicht im imaginären Paar Frau-Maschine, als Ersatz für Ödipus konstituiert sich Sexualität, sondern in allen Wunschmaschinen nur in dem Paar Maschine-Wunsch als realer Produktion einer mutterlos geborenen Tochter, einer nicht-ödipalen Frau (die ödipal weder an sich noch für andere wäre) ... Besteht in diesem Sinne nicht auch das oberste Ziel der M. L. F. (Bewegung zur Befreiung der Frau), gegenüber der maßlosen Schwärmerei und Erregung für Mutterschaft und Kastration in der revolutionären Maschinenkonstruktion der nicht-ödipalen Frau?" Eigene frühere Studien zu Irigaray (Wie das rote Blut alleine noch keine Revolution machen kann. Für Weibes Wonne und Wert: quäkt Loge) sind veröffentlicht in: Taumel und Totenstarre. Vorlesungen zur Philosophie und Ökonomie, Münster (tende) 1981, S. 80-114
  1. Phänomenologie des Geistes, Meiner-Ausgabe, S. 325
  2. Anti-Ödipus, S. 257f.
  3. G. Deleuze/F. Guattari, Kafka. Für eine kleine Literatur, Frankfurt/M 1976, edition suhrkamp 807, S. 92f.
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