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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Weshalb wohl der Traum keine via regia in den Körper sein könne? (Pathognostische Studien IX, 2004, Essen, Die Blaue Eule, 26-28)
Längst schon besteht der Plan, die vorliegende, auf die Autosymbolik versierte Traumphilosophie, die ja im Sinne des Innenwegs nach außen die Kulturexterriorität, auch Menschwelt genannt, ursprünglich aufzuschließen sich unterstand, durch den Mitaufschluß der entsprechenden Körperpendants zu ergänzen. Was der pathognostisch modifizierten Organprojektionstheorie nichts als naheliegt. Was ist denn das Problem, wo doch alle Außenwelt, jegliche Dinglichkeit, solchen projektiven Ursprungs sei? Mehr noch, wenn dem so wäre, es des Traums aber dann als des Aufschluß-Mediators nicht bedürfte, höchstens dieser noch zur "Wunschmaschinen"-Vertiefung der "Maschinen", also zur Prononcierung des Primärprozesses als des manifestierbaren Unbewußten der Dinge, Verwendung finden könnte? Untauglichkeit des Traums auf ganzer Linie dafür - man mag gar den Eindruck haben, daß die traumkriteriale "Rücksicht auf Darstellbarkeit", die Bildprärogative, die Äußerlichkeit des Außen derart unterstützt, daß der Traum die gesuchte Körperabbildung in ihm, den Körper, den gesuchten, absperrt. Vielleicht stellt sich dieser Umstand auch in der Physiologie des Traums dar: daß der Körper, mit Ausnahme des Gehirns, im Schlaf funktional auf Sparflamme brennt? Und vielleicht machen die Traum-substitutionellen Schlafpathologien den Mangel an Körperspürung symptomatisch wett?
Gewiß, die Untauglichkeitsthese verfängt, und fürs erste macht die Organprojektion, sofern ausführbar, den Traum in der intendierten Funktion bis auf mögliche dingliche Primärprozeßvertiefungen überflüssig. Gleichwohl muß es dabei bleiben: Traum ist immer auch Körpertraum, der Körper träumt sich selbst in seiner Veräußerung, der Innenweg nach außen ist zugleich seine eigene Umkehrung. Wie aber kann diese Intuition aufrechterhalten und ausgewiesen werden, ohne erneut in ihrer Verunmöglichung zu landen?
Annäherungsversuch: Der "corps matière" als reine Körperäußerlichkeit taugt zum gesuchten Körperaufschluß schlechterdings nicht, wohl aber mag er morphologisch wie funktional der organprojektiven Technikexplikation insonderheit dienlich sein. Und dagegen der "corps propre", das phänomenologische Schibboleth "Leib", das allzeit die Frage nach der leiblichen Selbst-Erfahrungsreichweite provoziert? Es scheint nicht sehr weit damit herzusein, denn der Großteil dieses Innen bleibt, innenkriterial, kryptisch, untersteht aber eben dadurch dem phantasmatischen Begehren, a fortiori erfahrbar, repräsentierbar
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zu werden. Hier befindet sich auch die Eingangsstelle der Esoterik, die, wenn sie gelänge, rechtens den Anspruch stellt, mit der deliranten Naturwissenschaft des Körpers, allem medizinischen Wissen, auf ihre Weise schrittzuhalten. So aber ebenso der pathognostische Anspruch: des den "corps propre" transzendierenden "dritten Körpers", durchaus mit Seitenblick auf den "corps matière", habhaft zu werden, und dabei gerade des Traums insofern bedürftig zu sein, als die Gnosis der Dingprojekte als Körpereinstand ohne diese somniale Mediation flach bliebe.
Warum der Seitenblick auf den "corps matière"? Ob der zweifelhaften Hoffnung, daß die Rätselmorphologien der Organe überschießend spekulative Informationen über ihr inneres Wesen hergäben? Inwiefern bleibt die Körper-einständige Dinginspektion ohne Traumsubsidium aber plan, wird der Traum in seinem inneren Außenvor so nicht wiederum überfordert? Ja und nein. Ja, insofern die Organprojektionen nicht mehr als organische Gestalten und Arbeitsweisen enthalten, und der Traum diesbetreffend, wie gesagt, nicht mehr (aber auch nicht weniger) als deren Surrealisierung besagt - hier sind bloß Verdopplungen am Werk, die somnial höchstens irgend entstellt erscheinen. Verallgemeinernd wird man hier gar sagen können, daß, sobald geträumt wird, der gesuchte "dritte Körper" nicht thematisiert sein kann - ist doch der Traum ein "bildgebendes Verfahren", zweifellos aber überboten durch Film/Video; überboten der "Bildregie" und der Außenvor-Fixierung (als Kondition der unbegrenzten Reproduzierbarkeit) wegen, die als sichere Exterriorität meiner selbst in Permanenz - "ungetrennt und unvereint" - nahezu eine Kultur gefaßter Affektionen gewährleistet. Nein, weil alle bildliche Äußerlichkeit vom Odium eines unbildlichen Selbstüberschusses, der Taubstummheit desselben wegen, nicht loskommt, und insofern die Traumentstellungen einen - wiederum imaginären - Fingerzeig auf eben dieses seltsames Surplus geben.
Also repräsentiert sich der "dritte Körper", sodann rekonstruierbar, in der fürs erste unfaßlichen Redundanz allen Außens, bildlich oder materiell? Gewiß; aber wie? "Schläft ein Lied in allen Dingen..." In der Tat, es kann nicht nicht der im Bild- und Dinggefängnis kasernierte Ton sein, den der "dritte Körper" dahinein projizierte; der "dritte Körper" ist Klangphänomen ohne Phänomenalität. Das hieße nichts anderes, als daß der Nicht-Repräsentationsort dieses Körperbegriffs der traumlose Tiefschlaf ist; und daß sich in den paradoxen Tiefschlaf-Horrorträumen, diesen letzten Erhabenheiten, der sonorale "dritte Körper" sinnenmetabatisch sich entziehend selbstdarstellt. Solche Tiefschlafträume aber führen sich höchstwahrscheinlich auf Körperderangements, im Extrem Erkrankungen, zurück, so daß diese Traumart diagnostisch hochvalent wäre und in dieser Wertigkeit genutzt werden sollte: das Extrem der Sinnen-alterierten Repräsentation des "dritten Klangkörpers" als dessen a-repräsentativ letzter
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Entzug. (Und wenn, wie im Tode, alle Imaginarität versiegt?, dann bliebe nur noch das verlöschende hellste Licht als nur noch hörloser reinster Klang.)
Aber auch vor dem Pathologie-indizierenden Erhabenheitsextrem zeigt die moderiert erhabene Primärprozessorganisation des Traums, die Surrealität der "Rücksicht auf Darstellbarkeit", den "dritten Klangkörper" auf ihre Weise an; und also geht das Ansinnen, über den Traum vermittelt, die "Wunschmaschine in der Maschine" und damit jener Klangprovenienz zu recherchieren, mitnichten eo ipso ins Leere.
Allein, wie soll es denn geschehen, das in allen Dingen schlafende Lied traumvermittelt, im Extrem Tiefschlaftraum-subsiditär, aufzuwecken? Man übernimmt sich hier zumal (das verjagte Begehren!). Einzig das Nachkomponieren erhaben gemachter Sichtlichkeiten aufgrund der vorausgehenden, als solcher schlechterdings hörlosen Vor/Nachkomposition (befände sich hier nicht der Ort des schlechthinnigen, quasi absoluten Unbewußten: black box?) scheint vergönnt. Aber das wäre doch kein Schaden? - ist doch alle faktische Musik eben diesen Wesens: nämlich das schlafende Lied in allen Dingen, diese visuell mutierte Projektion des schlechterdings unhörbaren Tiefschlafsounds, zu wecken; und diese Reveille, der NREM-To/önung Dingveräußerungs- und -einschlusses wegen, diese Alterität buchstäblich ein-räumend verbrauchend, zu vermögen. So daß man denn das Begehren der Penetration des Ding-an-sich-selbst, des für sich klingenden Tiefschlafs, mittels der faktischen, erscheinenden Musik hat ermäßigen können, doch damit hat sich unser ominöser "dritter Körper" nicht schon de facto komponiert. Aber ist dieser Ausfall mehr als eine kontingente subjektive Schwäche? Komponistenvorbehalt? Hingegen könnte man nicht auch rezeptiv entsprechende vorhandene Kompositionen auf die Einstellung des "dritten Körpers" aussuchen? Allein, kommt diesem Vorgang nicht die Historizität von Musik in die Quere? Falsch gestellte und deshalb unbeantwortbare Fragen, die dem Phantasma letzter Selbstgründung unterstehen? ...
Hier befände sich ebenso das Tor zur Genealogie der proliferierenden "bildgebenden Verfahren", die es äußerst weit damit treiben, das reservative Innen nach außen zu zerren; was auf Traum-extrapolative Erhabenheitskreationen am "corps matière" selbst hinausläuft (Spitzenbeispiel wohl die Sonographie?), wodurch der "dritte Körper" verstärkt in sich selbst hineinjagt und zugleich extrem selbstverlustig veräußert erscheint. Radikale "Rücksicht auf Darstellbarkeit", das infinite Superfizium, das seine Wahrheits- und Wirklichkeitsexklusivität also befestigt.
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