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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Der exkrementale Ödipuskomplex. Ein Programmentwurf (Pathognostische Studien IX, 2004, Essen, Die Blaue Eule, 29-31)
Der vollendete orale Ödipuskomplex bestände in der restlosen Assimilation des Mutterkörpers, zum -teilkörper der -milch reduziert.
Fragen dazu: Inwiefern gibt sich das ödipale Begehren auf diesem Entwicklungsniveau mit diesem pars pro toto, selbst ja auch zur Verausgabung gedacht, zufrieden? Wie wohl gleicht sich das Begehren der stillenden Mutter zu dem des Säuglings aus? Wieweit reicht die Differenzerfahrung in der Sättigung? Beidseitige Stillensarbeit als Differenzeinbruch? Indifferenzförderlichkeit der flüssigen Nahrung? Die oral-sadistische/kannibalistische Folgephase als Leidenskompensation? Wie unterscheidet sich der männliche vom weiblichen Ödipuskomplex zu dieser Zeit?
Also fungiert die Laktation als einzig erlaubter partialisierter und in sich differentiell vielfältig gebrochener Mutter-Sohn-Inzest versus Mutter-TochterInzest, den es nicht geben kann. Inwiefern ist aber auch die Vatertötung einbegriffen? Die Unzugehörigkeit, die Absenz des Vaters macht die Potenz dieses Inzestvorgangs aus. Was sich quasi ontisch darstellt im Umstand, daß der Vater die Mutter wie eine sublime Mutter - insbesondere zur Zeit der Schwangerschaft, der Geburt, des Stillens - versorgt. Nicht zuletzt wäre hier zu bedenken, daß die Vatertötung für den Großvater, den Vater der Mutter, mitgilt: Frau, die sich in der Sohnesgeburt den eigenen Vater (und überhaupt alle Mannsposten mit) erschafft.
Die Scheiternspointe aber des oralen Inzests gibt sich als Exkrement; es ist das inkulpierende Differenzmonitum schlechthin, der fundamentale Skandal, sofern der insbesondere geruchliche Geheimnisverrat des Urverbrechens im Opfertempel des Körperinneren, dessen schamlose „Rücksicht auf Darstellbarkeit", Mutter- sowie Vaterleichenrest.
Fragen dazu: Wie stellt sich diese rettende inbegriffliche Differenzerfahrung vor der analen Mutter-Kind-Polemik, in der oralen Phase also, dar? Urethrale versus exkrementale Differenzanmahnung? Flüssige Milch, die in den Exkrementen kompakt geworden ist? Außenverschiebung, Exterritoritätsstigma - aber doch Hinten-Umständlichkeit? Bezeugen Form und Farbe mit auch das Inkriminierungselement in dieser Differenzdokumentation Exkrement?
Die anale Retention mit ihren notorischen Zweikampffolgen bedeutet den verzweifelten Letztversuch, den oralen Inzest aufrechtzuerhalten. Indem die Mutter die Exkrementenhergabe dawider erzwingt, tritt sie in die Position des
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analen Doublebinds: Mutter, selbst die Vaterfunktion der Inzestsperre ausübend. Zumal aber verhindert werden muß - Steigerung des Doublebinds! - die konsequente Abhilfe der exkrementalen Veräußerung: die Koprophagie; das hominisierende Grundtabu, das zur Überbesetzung des bloßen Sehens verhält; primärer Sekundärinzest nekrophilisch mit halbwegs Totem.
Aber der Ödipuskomplex - wo bleiben jetzt Vatertötung und Mutterinzest? Zunächst, paradoxerweise wie man meinen könnte, in der Art der striktesten Tabuisierung beider Ödipuskomplex-Elemente, auf die Weise der Errichtung des repressiven Überichs schlechterdings. Abermals, wie angesprochen, als Doublebind der den Vater repräsentierenden Mutter, der Pointe des Verzweifeltmachens. Hier steht die Kulturmenschheit auf dem Spiel, die an erster Stelle den koprophagischen post-festum-Inzest im Außenvor der Exkrementation abzuhalten, die radikalste Spaltung durchaus konkretistisch herzustellen, die Verdammnis der faeces zu exekutieren gebietet: Koprophagie, die zweittiefste Stufe im Souterrain des Selbst, oberweltlich bei Tageslicht in der Psychose und, notorisch ganz anders, beim Kind (welchen Alters?, wie veranlaßt?).
Keine Tabuisierung aber ohne Mehrwert-erzeugende Unterlaufung des Tabus, versus Tabubruch das Raffinement sexualisierender Mimesis ans anale Großüberich und insbesondere wiederum deren sublimativen Objizierungen. Erstere, Nachstellung, in der sich die „inklusive Disjunktion" der Hyperzensur rediskriminiert, schafft die Perversion des Sado-Masochismus, subjektiv abstrakt auf Körperniveau und objektiv grosso modo martialisch, nicht ohne die Letztversion der „Triebentmischung", das ist der Despekt der Eros-ThanatosMixtur, nicht zu erhalten. Lebbarmachung so der exkrementalen Depravation, todestrieblich totalisiert zu derselben des sterblichen Kadaverkörpers im Ganzen: Lustmord, zugleich erlitten. Aber der Defäkationsakt macht dafür mitnichten das Modell, fungiert vielmehr bloß als Artefakt der nachträglichen Usurpierung derselben Perversion; und der infantile exkrementale Sado-Masochismus moderierte sich so zur entwicklungstypischen nothaften Vor-verfassung der nämlichen Aneignungsphantasmatik, und bliebe ansonsten allzeit gänzlich davor.
Und die sublimativen Objizierungen solcher Perversion? Inbegrifflich bilden sie die Geldentstehung, das heißt die Imaginarität des Rigorismus, am einzigen Wert des Exkrements zugleich festzuhalten und es in seiner tiefen Abspaltung zu belassen - das zivile Subjekt, das aus dem nekrophagischen Abgrund gesplittet besteht. Mitgeburt aller Medien demnach dabei (welcher genau und wie dann des einzelnen zusammenhängend?). Freilich, das Imaginäre erscheint immer auch dinglich prothetisiert, kurzum zum universellen Warenfetisch.
So dann ebenso die abendländisch-metaphysische Folgerichtigkeit der Judenmorde als Brandopfer, der diesem Gotte wohlgefällige Rauch in seiner
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geistgierigen Gewaltnase. Zuerst werden die Juden verhungern gelassen, dann der Verhungerungsabfallstoff ihnen als tödliches Ruchgift wiederzugeführt und schließlich mit letzter spiritueller Konsequenz verbrannt. Also das realkonkretistische Ultimatum, triebentmischt, der Geldgeburt auf Radikalkosten derer, die es zumal mit dem Geld haben mußten; so, geschichtlich, die Genealogie der elektronischen Revolution.
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