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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Verfehlungen von und zwischen Psychoanalyse und Surrealismus (Pathognostische Studien VIII, 2003, Die Blaue Eule, Essen, 97-105)
(Vortrag innerhalb des Symposions "Allgewaltig ist der Traum. Surrealismus, Eros und Religion in der Gegenwart", Düsseldorf, Evangelische Stadtakademie, 8.X.2002)
Erlauben Sie mir bitte, einige Bemerkungen zur laufenden Surrealismus-Ausstellung meinem Vortrag, für diesen, seine Ausrichtung, einschlägig aber schon, voranzustellen.
Über das Ausstellungswesen möchte ich hier nun garnicht richten. Ich selbst jedenfalls - nehmen Sie es als Symptom - fühle mich regelmäßig verpflichtet, wenn eben möglich, alle Exponate zu passieren (buchstäblich zu passieren - mit wieviel Zeit für das einzelne Exponat?!), mit dem allzeit ärgerlichen Ergebnis, nicht nur schwere Beine, vielmehr Kopfschmerzen und Andeutungen von Depersonalisation/Derrealisation am Ende zu erleiden. Selber schuld? Ja, gewiss. Aber ich wünsche mir dann, im Museum so zu verfahren, wie es Gertrude Stein tat oder auch nur vorschlug, nämlich vor den Ölgemälden einzuschlafen und zu schlafen. Wie überhaupt es mir nicht vergönnt ist, konventionell, so wie ein gebildeter Bürger auf Kunst reagieren zu können; was sich doch angesichts moderner Kunst, angesichts des Surrealismus insbesondere, angemessen ausnähme? Denn: gibt es nicht ein arges Missverhältnis zwischen den Abweichungen der Moderne und deren superordentlichen musealen Rezeption? Die Verhältnisse stehen imaginär auf dem Kopf, doch fast jedermann nickt dazu beifällig, als ob nichts geschehen wäre. Welche Funktion also kommt dann noch dem Surrealismus mitsamt seiner schönen Ausstellung hier am Ort heutzutage zu?
Nicht nur zu meiner Freude fand ich mich im Ausstellungsbesuch aber auf der Seite des ordentlich-konventionellen Reagierens wieder. Auch Du bist alt geworden, sagte ich mir, wie zum Troste. Sprich: das Bildungserlebnis, so wie ehedem durchaus durch surrealistische Bilder hervorgerufen, blieb aus. Im flach erinnernden Nachhall ehemaliger Erschütterungen regte sich, fast kompensatorisch, das Interesse, ein Interesse nicht ganz ohne ästhetische Lust, an den Macharten, der poiesis, der Artistik der Surrealismusgebilde - immerhin.
Ein Gesichtspunkt außerdem, der mir dann auch über die Inhomogeneität der Ausstellung - was da alles unter Surrealismus firmiert! - bestens hinweghalf.
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Ich beginne meinen Vortrag mit unseres Ahnherrn Freud Reaktion auf die künstlerische Moderne, insbesondere auf den Surrealismus, die, denke ich, ein wenig schon bekannt ist. Wider Erwarten, jedenfalls einstmals meinen Erwartungen ganz entgegen, verhielt sich Freud dieser gegenüber reserviert, sehr reserviert. (Hier wäre über Dalis Besuch bei Freud und sein eierköpfiges Portrait Freuds zu berichten.) Woran liegts?
An Freuds persönlichem Geschmack, seinen zufälligen Vorlieben und Empfindlichkeiten, seinen unbeherrschten Idiosynkrasien, die durchaus ja in Widerspruch zu sonstigen seiner Meinungen und Reaktionsweisen treten können - sein Kunstverständnis also konservativ bis reaktionär, seine Psycho-Option, seine Erfindung Psychoanalyse progressiv, ja revolutionär? Aber das reicht zur Erklärung nicht, ja ist gar keine solche. Wie aber diese Ungereimtheit anders erklären? Eine Freudsche Empfindlichkeit, keine solche betreffend irgend Inhalte, vielmehr das Konkurrenzproblem scheint hier am Werke: Freud war um die Originalität seiner Entdeckungen immer sehr besorgt. Die Blüte dieser Besorgnis: dass ihm unser psychoanalytischer Modellpsychotiker mit seinem famosen Eigenfallbericht: die "Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken", der Senatspräsident Schreber, Psychosen-, Schizophrenie-theoretisch die Schau gestohlen und ihn womöglich zum Plagiator gemacht habe. Eine kuriose Geschichte. Nun, die Konkurrenzsituation liegt anscheinend auf der Hand: der Surrealismus sei, so sagt mans allenthalben, exemplarisch die Kunstart der Veräußerung des "Primärprozesses", des "dynamischen Unbewussten", der "Traumarbeit", der "Symptombildung" - welche Kunsttendenz sei der Psychoanalyse näher als der Surrealismus, dieser der künstlerische Folge- oder Parallelausdruck der Psychoanalyse selbst?
Konkurrenzsituation? Selbst aber, wenn der Konkurrenzfall, also das Wetteifern um den ersten Platz im Erreichen eines gemeinsamen Ziels nicht gegeben ist, und er ist ja immer dann nicht gegeben, wenn der Mitstreiter sich, unkonkurrent, auf den originalen Schöpfer einer Sache beruft und sich zu dessen bewundernder Gefolgschaft erklärt, wenn anstatt des Bruderzwistes eine Art von verschobenem Vater-Sohn-Verhältnis statthat, sind in solchem Lehrer-Schüler-, Meister-JüngerVerhältnis die Probleme mitnichten schon aus der Welt. Nicht nur, dass die Bruderhorde in sich zwistig bleibt, sie hat es allzeit auf die Ausplünderung und den Tod des Alten, des Schöpfers abgesehen, so dass die Sorge des Vaters sinnvollerweise fortbesteht. So auch Freuds Verhalten in diesem gewiss nicht nur schmeichelhaften Nicht-Konkurrenzfalle, der großen, immer ambigen Ehrung des originalen Produzenten, nachweislich so seinen Schülern gegenüber, und mehr als nur zu vermuten nicht zuletzt auch angesichts des wilden Heers der Surrealisten. Das kann man doch verstehen? Bedenken Sie die platonische "Herrenlosigkeit der Schrift", die "ohne Beistand des Vaters", des Schriftautors ist, über die man sich demnach wie nach Belieben hermachen kann. Welchen Autor gelüstet es folglich nicht, jedem seiner Rezipienten bei der Rezeption
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streng über die Schulter zu schauen und jede Abweichung vom eigenen Selbstverständnis zu ahnden? Freilich, das ist eine unrealistische Autorenparanoia.
Weiter nun - ich versuche im folgenden, mich vermessen in Freud hineinzuversetzen und, wohl in seinem Sinne, stärker aus der Sache heraus, bedenklich gegen den Surrealismus kurzum als Kunst der Psychoanalyse, insbesondere als Traum-Kunst zu argumentieren.
Die These, dass surrealistische Bilder Traumikonisierungen seien, provoziert den Vergleich beider, solcher Bilder und des Traums. Diesen Vergleich, nicht indessen kasuistisch, sondern theoretisch auf der allgemeinen Ebene dieser Genres selbst, werde ich mich jetzt widmen, und zwar, so denke ich, auch im Freudschen Sinne, auf die Unterschiede zwischen beiden hin, die das Pathos der Übereinkunft, die überhaupt Bedenken gegen diese, die ja Klischeecharakter angenommen hat, zum Ausdruck bringen könnten.
Bekanntermaßen der grundlegende Unterschied zwischen Traum und (Traum)Bild:
Der Traum ist ein uneinsehbarer Binnenvorgang, auf bestimmte Nachtphasen eingeschränkt, bloß über erinnernde Medialisierungen, hauptsächlich durch Sprache, mitteilbar. (Sie können den Kopf eines Träumers bis in alle Ewigkeit observieren, seinen Traum werden Sie nimmer miterleben können .... Freilich ist es in Anbetracht dieser skandalösen Reservationslage wissenschaftliche Utopie, dass Gehirnmeßgeräte, weit über EEG hinaus, Träume direkt filmisch projizierten.) So die Grundcharaktere des Traums. Bilder dagegen sind Außengebilde, der Möglichkeit nach universell und jederzeit anschaubar.
Zurück wieder zu den Träumen. Träume sind ferner durchweg szenisch, in diesem Sinne filmisch, und der führende Sinn ist das Sehen, nicht aber dieses ausschließlich: das Traumszenarium ist quasi gesamtkunstwerklich, gar mit Einbezug der sogenannten niederen Sinne verfasst. Dagegen die Bilder: per definitionem sind sie keine movies, vielmehr Szenenstasen, -stillstellungen, und als solche rein dem Sehen, selbst stumm, überantwortet.
Einverstanden? Ich selbst nicht ganz, denn ich sagte eben doch, dass Träume im Durchschnitt szenisch, also nicht immer so organisiert seien. In der Tat gibt es des öftern unszenische Traumteile, und diese sind entweder Tiefschlafträume oder aber unter anderem Ausgestaltungen des Traumfinales, fungieren als Entropie des bewegten Bildes in ein stehendes hinein, als eine Über-"Rücksicht auf Darstellbarkeit", ein Zuviel derselben, passend als möglicher Anfang des Traumendes. (Ich komme alsbald auf diese hier noch unausgewiesenen scheinbaren Traummarginalien zurück.)
Weshalb aber diese meine genaue Reproduktion dieser - hoffentlich nicht nur trivialen - Unterschiede? Eben der Bedenklichkeit der These vom Surrealismus in Bildender Kunst als Traum-Kunst wegen.
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Des einzelnen nun dagegen:
Die "Rücksicht auf Darstellbarkeit" ist nach Freud der Grundvorgang der "Traumarbeit": die besagte quasi gesamtkunstwerkliche Szenifizierung mit der Prärogative des Sehens. Wenn nun das Traumszenarium, so wie in surrea_ listischen Bildern, bild-haft nach außen gewendet, veröffentlicht wird, so ändert sich der Status der dargestellten Szene einschneidend: der unflüchtige, bleibend gemachte "Primärpozess", das "Unbewusste", das "wiedergekehrte Verdrängte" wird so exponiert, ja exhibiert: dem Voyeurismus aller Welt, unverschämt nackt obszön, beschämt schamvoll zugleich, ausgesetzt. Das gerüchtehafte Vonungefähr des verstimmlichten/versprachlichten "Unbewussten" geht damit in die gar fixe Materialität eines Sehobjekts, dieser einzigen depressiv-aggressiven Schande, über. "Die Sonne bringt es an den Tag..."
Ich sagte eben, dass sich in ihrer Bildveröffentlichung die innenvorbehaltliche Traumszene einschneidend verändere, dass sie im Sinne der "Wiederkehr des Verdrängten" zur Schau und wie an den Pranger gestellt werde; was aber hieße, dass surrealistisch nicht Träume, sondern, wenn schon, dann Symptome, allein schon der bildlichen Träume-Veräußerung wegen, dargestellt werden. Man müsste hier soweit gehen, dass Träume, außerhalb ihrer selbst und gar auch noch einseitig bildmäßig/ikonisch dargestellt, überhaupt keine Träume mehr sind; dass sich Träume schlechterdings nicht im Sinne eines gesicherten Abbildungsverhältnisses darstellen lassen.
Ein wenig weiter noch auf dieser Bahn:
Wir kennen unterdessen wohl den hohen Preis dieser bildlichen Außenbannung des "Unbewussten" - es gerät so in seinen Kopien wohlfeil in die Kaufhäuser, und, originaliter, gehobener eben in unsere Surrealismus-Ausstellung, nach deren Funktion ich anfangs ja schon fragte. Die Antwort: an Angstabwehr kriegt man nicht genug, nur dass diese in dieser ihrer im Surrealismus selbst angelegten Übertreibung diese ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen kann, indem sie zum klischeeierten, historistisch neutralisierten Bildungsgut zu verkommen droht. Und so sind (auch) dem Surrealismus, dem daran freilich nicht unschuldigen, die Zähne gezogen.
Ich hatte mich in Freud hineinversetzen wollen, um seine Bedenken gegenüber der künstlerischen Moderne, zumal dem Surrealismus, jenseits seiner Sorge um Originalitäts- und Besitzstandswahrung, versachlicht nachzuarbeiten. Hatte er demnach nicht gute Gründe, Ansprüche des Surrealismus mit einigen Fragezeichen zu versehen? So die äußerliche Fixierung des "Unbewussten", dessen Prostitution (Herabwürdigung, öffentliche Preisgabe, Bloßstellung); so die Vertauschung auch, streng genommen, von Traum und Symptom; so, nicht zuletzt, die Rache des "Unbewussten" an diesen Untaten seiner übertriebenen Bannung: deren profanisierender, trivialisierender Verschleiß? Gewiss - gleichwohl müsste
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sich Freud im Gegenzuge fragen lassen, denke ich, ob solche Misshelligkeiten, so es solche überhaupt sind, nicht auch in traditioneller nicht-moderner Kunst vorfallen, ebendort auch nicht ausbleiben, sich vielmehr nur, höchstens, im Vergleich bedeckt halten. Und wenn sie, als Kriterien Bildender Kunst überhaupt, sich in der Moderne, im Surrealismus gewiss nicht an letzter Stelle darin, offensichtlich machen, so hätte Freud so etwas wie die innerkünstlerische Selbstaufklärung des Genres mit dessen Disqualifikation und Ausverkauf verwechselt, und sich damit nicht gerade als ein kunstverständiger Mensch gezeigt? Ich selbst bin von solcher Selbstaufklärung, wie sie in der Moderne expressis verbis vollzogen erscheint, besonders angetan und nutze sie - die "aisthetische Intellektualität" - als Auslegungsschlüssel und künstlerische Qualitätsanzeige; womit ich mich von der herkömmlichen Psychoanalyse absetzen dürfte. Allein, um mich Freud gegenüber nicht zu überheben, die Art wiederum dieser Aufklärung, ihrer Funktion, ihrer Wirksamkeit, bleibt nicht minder fraglich.
Noch eine Weile weiter auf dieser Bahn:
Ich komme jetzt auf den Titel unseres Symposions: "Allgewaltig ist der Traum". Unverdächtig bin ich, der ich den Traum favorisiere, wenn ich hier ein wenig passe. Die Verfänglichkeit ist nämlich groß, das "Unbewusste" und seinen Kundgabeort, den Traum, mit göttlichen Attributen - "Allgewalt"! - auszuzeichnen, abermals also eine ursprungsmetaphysische Wendung, einen Beleg der Erstursache/des Letztgrunds auszumachen; und dies, wie im Falle des Surrealismus des öftern, mit einem notorisch äußerst zweifelhaften irrationalistisch-lebensphilosophischen Einschlag. Doch diese Tendenz, in der selbst Freud im Verein mit Teilen der psychoanalytischen Bewegung mit Komponenten des Surrealismus übereinkommen mag, wird bei beiden vielfältig durchbrochen; und zwar im Ganzen durch den Umstand, dass dieser neue-alte Gott erscheint, bei uns wohnt und weilt als weltlich Ding, will sagen: dass beide in ihrem Säkularismus ihren Beitrag dazu leisten, den als das "Unbewusste" deklarierten Ursprung kniefällig verfügbar zu machen, ihren gewiss nicht unerschöpflichen Beitrag.
Zudem darauf dann durchbrochen erscheint die erhabene Metaphysik-Abdrift des "Unbewussten" in den wenig respektvollen Umgangsformen mit diesen, dem auf Du-und-Du mit diesem Gott, dem "Witz und seiner Beziehung zum Unbewussten", dessen Kompendium Surrealismus nahezu. Auch in dieser Hinsicht bleibt die besagte "aisthetische Intellektualität" mein auserwählter Zugangsschlüssel und Wertmaßstab, den Freud nicht nutzte.
Zurück des nähern zur Bestreitung des Surrealismus als Traum-Kunst. Als ein Hauptunterschied zwischen Traum und Surrealismus in Bildender Kunst wurde die Differenz statisches Bild versus bewegte Szene geltend gemacht, innerhalb derjenigen, der Grunddifferenz, zwischen träumender Innerlichkeit und symptomatischer Veräußerung, dies aber nicht ohne auf eine mögliche Überschneidung
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zwischen beiden hinzuweisen: der gelegentlichen Statik der Traumenden und der Tiefschlafträume - so wohl die nächtlichen Entstehungsstätten der unbewegten Bilder. Beide Stasen hängen derart miteinander zusammen, dass im Vorgang des Erwachens der Traum in den Tiefschlaf momentan zurückschnellt, um vorwärts dann über sich selbst hinwegzuspringen - ins Wachen. Die häufigen Erstarrungen zum Traumende hin stellen diesen Rückfall als solchen selber dar. Was nun die Gehalte dieser Stillstände angeht, so wird man behaupten dürfen, dass solche abweichenden Träume - ob man sie überhaupt noch Träume nennen soll? - die surrealsten: rätselhaftesten, absurdesten, abstrusesten, horrendesten sind; losgelassen schreckend zumal dann, wenn der Stillstand beginnt, sich in sich in Bewegung zu setzen: sich, im eigentlichen Sinne der Bezeichnung, dann zu träumen beginnt. Grenzwertige Träume, noch-und-nicht-mehr-Träume sind es, die aus psychotischen Sprengstücken bestehen. Weshalb aber der ausgeprägte Surrealismus/der surreale Inbegriff des Traums gerade hier? Dieser Gipfel des irgend geträumten, ansonsten per definitionem traumlosen Tiefschlafs besteht im off limits, dem rettenden Terror der Zugangssperre dichtest vor dem Allerheiligsten/"Unbewussten" als der letzten Erfüllung der Selbstbewusstlosigkeit und des Todes, in solchem "Zurück", dem unhörbaren Nur-Klang der abweisenden wilden Rätselzeichen.
Wäre damit nun die nächtliche Parallele zum Surrealismus in Bildender Kunst gefunden? Ja, in der Traumabweichung der Tiefschlafträumung, dieser Todesklausur; aber nicht im Sinne eines natürlichen Ursprungs etwa, sondern nur in dem einer Parallele, die mit der Grunddifferenz des Innen versus Außen freilich behaftet bleibt.
Ich sagte "Parallele", nicht "Ursprung", Grund. So dass ich mir durchaus vorstellen könnte, dass surreale Gebilde wie autonom und als autonom ohne Einbußen erfunden und also nicht nur kopistisch projiziert würden; und dass überhaupt ein Spielraum an sich in sich austragender, ausdifferenzierender, erfüllender Selbständigkeit des künstlerischen Machens veranschlagt werden dürfte. Mit Blick auf surrealistische opera stellt sich noch eine weitere Art von Spielraum, nicht nur einer der künstlerischen Autonomie, auch des reflexiv freien, also wenn man es so will, kritischen Umgangs mit dem beschworenen Schrecken des "Nichts" ein - auch in dieser Dimension der "letzten Dinge" hat oftmals der Witz, das Flunkern über das obligate Metaphysiktheater den Vorzug.
Ich habe keinen historischen - philologisch-kunstwissenschaftlich exegetischen - Vortrag zum Wechselverhältnis von Psychoanalyse und Surrealismus im ganzen gehalten (ausgelassen blieben so auch - u.a. - sowohl Lacans und Deleuzes/ Guattaris ["Anti-Ödipus"] Reaktionen auf diesen), vielmehr - im Ausgang von Freuds konservativen Optionen wider die künstlerische Moderne, zumal den Surrealismus - einige einschlägige, doch über den Rahmen der herkömmlichen Psychoanalyse hinausgehende, eigengeschaffene Theorieprobleme speziell zu
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Surrealismus (ausschließlich in Bildender Kunst) und (ebenso exklusiv) Traum eben gerade angerissen.
Die Ausführungen wandten sich des nähern gegen die plane These vom Surrealismus, immer eingeschränkt auf Bildende Kunst, als Traum-Kunst.
Dagegen spricht
  1. Nicht ist der Traum, im Sinne eines metaphysischen Irrationalismus, der natürliche Urgrund surrealer Kunst, vielmehr eine - die künstlerische Schaffensautonomie wahrende - Parallelerscheinung dazu.
  2. Überhaupt unterscheidet sich der Traum von Kunst:
    reservatives Binnenphänomen jener, sich darbietende Außengegebenheit diese, die jenen schlechterdings nicht abzubilden vermag.
  3. Die genaue Kunstentsprechung zum Traum besteht nicht im statischen Bild, vielmehr im Film.
  4. Wenn überhaupt, so korrespondierte dem statischen Bild der unszenische "Tiefschlaftraum" oder dessen Äquivalente im Traum/male, die sich in der Tat durch besondere Surrealität/Psychotik ausnehmen.
  5. Das surrealistische Beschwörungswesen zeigt sich, künstlerisch wohl qualifizierend, oftmals - wahrscheinlich wesentlich stärker als sein Traumpendant - als im ganzen reflexiv.
Demnach haben sich, um meine Problematisierungen zum Verhältnis Psychoanalyse - Surrealismus auf die Spitze zu treiben, beide, gewiss wider Erwarten, am Traum auflaufend, nicht zuletzt wechselseitig verfehlt: jene ihrer vorherrschend gehaltsfixierten Banausie wegen, und dieser durch deren, der Psychoanalyse, gelegentlich metaphysischen Beanspruchung, durch das Pathos des "Unbewussten" als Ursprung. Und diese Verfehlung zwischen beiden, in denen sie sich paradoxerweise wiederum treffen, sind zugleich auch Verfehlungen je beider für sich und möglicherweise dann auch anderswohin je gerichtet. Deshalb der etwas verschraubt klingende Titel meines Vortrags.
Bemerkungen
Die angesprochene Ausstellung betrifft "Surrealismus 1919-1944. Dali, Max Ernst, Magritte, Miró, Picasso ...." in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen vom 20. Juli bis 24. November 2002.
Neben der Begegnung von Freud mit Dali wäre ebenso von den Besuchen Lacans bei Dali und von beider wechselseitiger Beeinflussungen zu handeln.
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Mehrere Einlassungen Deleuzes und Guattaris im "Anti-Ödipus" - und das wäre, wenn es zuträfe, ein Argument wider die Homogeneität der Surrealismus-Ausstellung auch - spielen den Dadaismus, mehr aber noch "Artaud, den Schizo", im weiteren Zusammenhang der Konfrontation einer ödipal-neurotischen mit einer anödipal-psychotischen Kunstauffassung, gegen den Surrealismus, der disqualifizierend zur ersteren gehöre, aus. So zum Beispiel 173f. (in: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie 1. Frankfurt/M. Suhrkamp. 1974.):
So tönt die scheinheilige Mahnung: ein wenig Neurose ist gut für das Kunstwerk, ist eine gute Materie, aber keine, ja keine Psychose; wir treffen eine Unterscheidung zwischen dem virtuell kreativen Aspekt der Neurose und dem psychotischen Aspekt, der entfremdend und zerstörerisch wirkt .... Als ob jene großen Stimmen, die die Grammatik und Syntax zu durchbrechen wussten, die die ganze Sprache in einen Wunsch verwandelten, uns nicht aus der Tiefe einer Psychose sprachen und uns nicht einen höchst psychotischen revolutionären Fluchtpunkt aufgezeigt hätten. Es ist richtig, die etablierte Literatur mit einer ödipalen Psychoanalyse zu konfrontieren: weil jene eine Form des Überichs verbreitet, die noch schädlicher ist als das nicht geschriebene Überich. In der Tat ist Ödipus literarisch, bevor er psychoanalytisch wird. Es wird immer einen Breton gegen Artaud, einen Goethe gegen Lenz, einen Schiller gegen Hölderlin geben, um die Literatur mit einem Überich zu überziehen und zu sagen: Achtung, nicht weiter! Keine Taktlosigkeit! Werther ja, Lenz nein! Die ödipale Form der Literatur macht ihre Warenform aus. Es steht uns frei zu denken, dass am Ende sogar in einer Psychoanalyse weniger Unredlichkeit besteht als in einer solchen Literatur: der Neurotiker erschafft schlicht ein einsames, unverantwortliches, unlesbares und unverkäufliches Werk, das im Gegenteil noch zahlen muss, um nicht nur gelesen, sondern auch übersetzt und übertragen zu werden. Es begeht zumindest einen ökonomischen Fehler, eine Taktlosigkeit und verbreitet seine Werte nicht. Artaud sagte sehr schön: Jedes Geschriebene ist Sauerei - das heißt jede Literatur, die sich als Ziel nimmt oder sich Ziele fixiert statt Prozess zu sein, der "die Kacke des Seins und seiner Sprache umgräbt", der Debile, Aphasiker, Analphabeten umpflügt. Erspare man uns wenigstens die Sublimation. Jeder Schriftsteller ist (ver)käuflich. Literatur ist einzig diejenige, die ihr Gepäck vermint, Falschgeld herstellt und aus ihrer Ausdrucksform das Überich, ihrer Inhaltsform den Tauschwert herausbricht. Doch antworten die einen: Artaud gehört nicht zur Literatur, er steht außerhalb ihrer, weil er schizophren ist. Die anderen: er ist nicht schizophren, da er der Literatur, und zwar der größten, der textuellen, angehört. Beide Parteien haben zumindest das eine gemeinsam, von der Schizophrenie eine gleiche kindische und reaktionäre, von der Literatur eine gleiche neurotische und marktfähige Vorstellung sich zu erstellen. Ein Schlaukopf und Kritiker schreibt: man muss nichts vom Signifikanten verstanden haben,
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"um unwiderruflich erklären (zu können), dass die Sprache Artauds die eines Schizophrenen ist; der Psychotiker erzeugt einen unfreiwilligen, gehemmten unterwürfigen Diskurs: folglich das genaue Gegenteil der textuellen Schreibart". Aber was soll dieser unglaubliche textuelle Archaismus, dieser Signifikant, der die Literatur dem Merkzeichen der Kastration unterwirft und darin die beiden Aspekte ihrer ödipalen Form heiligt? Und wer sagt diesem Schlaukopf dass der Diskurs des Psychotikers "unfreiwillig, gehemmt, unterwürfig" sei? Nichts weniger als das Gegenteil ist richtig, Gott sei Dank. Doch sind diese Gegensätze kaum angemessen, zu unscharf. Artaud ist die Auflösung der Psychiatrie in ihre Bestandteile, gerade deshalb, weil er schizophren und nicht, weil er es nicht ist. Artaud ist die Vollendung der Literatur gerade deshalb, weil er schizophren und nicht, weil er es nicht ist. Schon lange ist es her, dass er die Mauer des Signifikanten eingerissen hat: Artaud der Schizo. Aus der Tiefe seines Leidens und seines Ruhmes heraus gebührt ihm das Recht, aufzudecken, was die Gesellschaft aus dem Psychotiker macht, der im Begriff ist, die Wunschströme zu decodieren ("van Gogh le suicide de la societé"), aber auch, was sie aus der Literatur macht, wenn sie diese im Namen einer neurotischen oder perversen Recodierung der Psychose gegenüberstellt (Lewis Carrol oder der Feigling der schönen Literatur).
Tiefschlaftraum und traumfinale Szenenstase im Zusammenhang der Theorie des Erwachens als womöglich somniales Pendant zum Surrealismus in Bildender Kunst sind mehr noch Desiderat, denn in meinen traumphilosophischen Publikationen (u.v.a.: Traum-Traum 1999. Zum Zentenarium der Traumdeutung Freuds. Wien. Passagen. 1999. Passagen Philosophie) bereits gebührend systematisch ausgeführt.
Zur Publikation wurde der Vortragstext nicht in einen Lesetext umgeschrieben; und entsprechend auch auf weiteren wissenschaftlichen Dekor verzichtet.
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