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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Todesbeschwörung. Zum Problem des Organischen, philosophisch und psychopathologisch (Pathognostische Studien VIII, 2003, Die Blaue Eule, Essen, 106-11805)
(Vortrag innerhalb eines Wochenendseminars zu Fragen der Architekturtheorie in der Sommerakademie des Deutschen Werkbundes, in Kleve, Schloß Gnadenthal, vom 7. bis 9.VI.2002)
"Todesbeschwörung" - ein paradoxer Titel doch angesichts der notorischen Assoziation von "organisch" mit "Leben" und eben nicht mit "Tod"!? In meinem Vortrag werde ich diese Paradoxie zwar auflösen, doch nicht umhinkommen, Ihnen die Zitation des Todes weiterhin zuzumuten. Denn die Art von Philosophie, die ich propagiere, ist, nicht minder beschwörend/magisch, immer dicht bei den "Letzten Dingen" angesiedelt; und die Mitaufnahme der Phänomene der Psychiatrie, des nähern der Psychopathologie psychoanalytischer Herkunft, wird diese - gewiss nicht nur genehme - Wendung eher begünstigen: beschwört doch Krankheit, unfrei und leidhaft, todesnächst ebenso den Tod. Da gibt es kein Entrinnen, auch im Geiste nicht, wenn ich von den Überschneidungsfeldern zwischen Philosophie und Psychopathologie her spreche; und dabei Ihre Liebe, die Architektur, mitzubetreffen versuchen werde, so dass ich unter dem Titel "Architektur und Tod" Sie als eine bestimmte Sorte von - freilich säkularen und lichten - Magiern, höchstwahrscheinlich wider Ihren Willen, beanspruche.
Zunächst erlaube ich mir, eine Hypothek anzumahnen, die auf dem Begriff des Organischen, unabgetragen immer noch und oftmals unerkannt, lastet. Eingestellt nämlich in die entsprechenden nicht nur philosophischen, vielmehr konkret-politischen Traditionen des fortgeschrittenen Bürgertums zur Jahrhundertwende und darüber hinaus, verliert der Terminus des Organischen jegliche Unschuld. Denn, üppig belegbar, fungiert er als Inbegriff einer heiklen lebensphilosophischen/vitalitätsmetaphysichen Option quer durch alle Disziplinen hindurch - selbst die Musikwissenschaft, beispielsweise, machte, wie ich zufällig weiß, die Ausnahme nicht -, bis hin zur Realisierung derselben im Faschismus, deutsch: dem Nationalsozialismus. Ich kann Ihnen nun kein Kolleg in "Lebensphilosophie" bieten, deshalb nur soviel dazu, bestimmt von den Maßgaben, dass die Greuel der politischen Verwirklichung einer Philosophie auf diese selbst zurückfallen; ferner dass die Herauspräparierung der wissenschaftlichen Substanz einer "ideologisch" überfrachteten Theorie diese, die betreffende Wissenschaft,
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nicht schon exkulpiert. Die Lebensphilosophie als Philosophie ist immer auch mit die Legitimation ihrer faschistischen Realisierung de facto, unbeschadet weiterer anderer womöglich konträrer Funktionen, wird demnach nicht, wenn legitimatorisch, missbraucht; und ebensowenig bleibt die lebensphilosophische Modellwissenschaft Biologie jungfräulich angesichts ihrer vitalistisch überformten - häufig dann ebenso missbräuchlich geheißenen - Funktionalisierung - wenn dem nicht so wäre, so befände sich Wissenschaft im Status unbedingter Wahrheit; worin sie sich ja gerne befände, auch wenn sie diese haltlose Auszeichnung andauernd dementiert.
Was macht nun die essentielle Gefährlichkeit der Lebensphilosophie aus? Inwiefern sind denn unsere philosophischen Ahnherrn Nietzsche, Dilthey, Bergson (!), in deren Gefolge dann Klages, Spengler, auch der frühe Heidegger, ebenso zu schelten wie die folgenden Naziphilosophen, die unbekannteren wie Hermann Schwarz, Ernst Kriek, Alfred Bäumler? Zur Beantwortung muss ich etwas weiter ausholen: Ihnen nämlich das Grundschema aller Metaphysik, einschließlich der lebensphilosophischen, skizzieren.
Alle Metaphysik ist in sich dualistisch organisiert: lebt aus dem Unterschied eines letzten, eines höchsten Ursprungs, abgesetzt von dem aus ihm allzeit minderen Entsprungenen (Gott vs. Schöpfung immerdar...). Dieses, das Abkünftige, aber harrt, seines irgend selbstverschuldeten defizitären Charakters wegen, immer irgend seiner Erlösung in seinen Ursprung hinein zurück. Was indessen ist schon dabei? Mögen Sie sich fragen. Inwiefern sind denn solche höheren Märchen gefährlich? Über die Binnenverfassung dieser aberwitzigen menschlichen Notgeburt, der "Abendländischen Metaphysik", kann ich hier nicht handeln, wohl aber deren ganze - wissenschaftlich ja mitnichten gebannte - Gefährlichkeit verdeutlichen, die spätestens dann eintritt, wenn sich der besagte Dualismus, was er allemal tut, "säkularisiert": wenn seine weltlich-politische Aufhebung zur grosso modo gattungsgeschichtlichen Zielbestimmung, wenn die menschlich getätigte Geschichte als Heilsgeschichte zum Purgatorium alles Entsprungenen, Abkünftigen, Minderen erklärt wird.
So geschehen in der Lebensphilosophie, als politischem Auftrag, verwirklicht im Nationalsozialismus, der Deutschen Revolution: allenthalben begegnen Ihnen hier, wie fraktal, im Ausgang vom Begriff des Organischen im metaphysischen Sinne eines Letztprinzips und als solchen Widerparts des ranguntersten Anorganischen, Mechanischen, Toten, die einschlägigen Dualismen, in denen je das abgeleitete Element, die rechte Seite, zum Abschuß freigegeben ist - hätte ich beinahe gesagt:
Es stehen sich gegenüber als Ursprung vs. Entsprungenes, wie gehabt, der Seinsregion, dem -rang nach:
Leben vs. Tod
Körper vs. Ding
Organismus vs. Mechanismus;
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den epistemischen Vermögen nach:Gefühl vs. Verstand
Intuition vs. Vernunft
Evokation vs. Begriff,
der Siedlungsart nach:Land vs. Stadt;
der Rasse nach:Arier vs. Jude;
der Assoziationsweise nach:Gemeinschaft vs. Gesellschaft;
dem Geschlecht nach:Frau vs. Mann;
Letztere Kontrastierung, vorgestern noch virulent, begründet den lebensphilosophischen wie den radikalen Feminismus, diesen mit seinem Projekt der "Gesellschaft zu Vernichtung der Männer" ("S.C.U.M.", "Society for cutting up men" - "scum" = Abschaum...); nur dass dieser Androzit so nicht stattfand, wohl aber der Genozit an Millionen von Juden und anderen Anderen mehr. Im Geiste der Rache gesprochen, haftet dem Begriff des Organischen in metaphysischem Verstande Blutschuld an - das ist die Hypothek, die er mittradiert: sein zutiefst paranoisches Wesen projektiver Selbstbereinigung in der erlösendsten Opferung des einzig schuldig verderbten Anderen.
Den Abtrag dieser Hypothek kann ich bloß über die patho-philosophische Aufklärung der Metaphysik des Organischen angehen. Also: Worin besteht die Faszination, die metaphysische, des Organischen - eine Faszination, die selbst auch das Motiv seiner Wissenschaft, der Biologie, ausmacht, auch wenn diese davon nichts mehr weiß oder nichts mehr wissen will? Es sind, besonderer metaphysischer Eignung wegen, ausgesuchte Merkmale dessen, was wir "Leben" heißen, von denen ich hier ein Hauptmerkmal auswähle, um an diesem die besagte zweifelhafte Attraktivität aufzuzeigen. Es sind die Bio-Charaktere des Zusammenhangs/Zusammenhalts, kurzum: der Integration - Kriterien, die Freud dem "Eros"/den "Lebenstrieben" zuschreibt, im Unterschied zum "Todestrieb", der desintegriert, auflöst, zerstört. Notorisch begegnen in diesem Kontext der nicht weniger historisch belastete Begriff der "Ganzheit" sowie auch, wesentlich neutraler und übergreifender, der des "Systems" - Termini, die alle die Auszeichnung eines gefaßten, in sich gefahrlos unterschiedenen, als solches auch bewegten, in seinen Bestandteilen auf Gedeih und Verderb zusammengehörigen Ganzen markieren. Worin die Auszeichnung besteht? Unübertrieben in der Attribuierung göttlicher Qualitäten, denn solches Ganzes ist gänzlich bei sich selbst, unzwiespältig, wenngleich in sich different, ohne nothaften Außenbezug, des Abfalls und der Abgabe ebenso ledig; autonom/autark/absolut. Allem Anschein nach säkularisieren sich diese überschwenglich haltlosen, weil widersprüchlichen Prädikate in der neuerlichen Konjunktur des Autopoiesis- und Selbstreferentialitätsgedankens? Widersprüchlich, weil - um es kurz zu machen - es nichts Opferbegierigeres gibt, als was sich absolut geriert. Und überschwenglich sind
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solche Prädikate auch in der Rücksicht, dass kein einzelnes organisches Gebilde diese jemals erfüllen kann.
Nicht zuletzt auch enthält dieser Begriff des Organischen eine nicht eben belanglose Krankheitsauffassung, vor der und deren Folgen ich nicht umhinkomme, abermals zu warnen: Krankheit nämlich als Aufstand des Einzelnen gegen das Ganze, jenes strafwürdige Unbotmäßigkeit diesem gegenüber, unwillentlich freilich und sich selbst bestrafend - sonst wäre ja nicht Krankheit, Verbrechen vielmehr gegeben. Woraus, transferiert sozial, ein Naturrecht, ein biologisch begründetes Recht auf Verfolgung und gar Vernichtung widerständiger selbstbezüglicher Partikularität abgeleitet wird, sozialdarwinistisch inszeniert etwa als "Recht des Stärkeren", das Abweichung nach eigenem Gusto definiert und dann verfolgt. Spätestens in seiner Übertragung auf menschliche Sozietät offenbart der lebensphilosophische Zentralbegriff des Organischen seine ganze Zerstörungsmächtigkeit.
Erlauben Sie mir bitte noch - es könnte dem vertieften Verständnis der Lebensmetaphysik dienlich sein -, psychoanalytische Aufklärungsmittel dafür einzusetzen, um von daher auch auf den Haupttitel meines Vortrags: "Todesbeschwörung" zu sprechen zu kommen. In diesem Register besteht die Faszination des Organischen in metaphysischem Betracht in der erhabenen Vorstellung, dass in diesem alle erdenklichen Trennungs- und Verlusttraumata, Einheits- und Ganzheitseinbußen, mangelerzeugende Unterschiede und Gegensätze null und nichtig seien. Namentlich sind es die Traumen der Geburt, der Abstillung, der Hergabe der Exkremente, der ödipalen Kastrationsdrohung - hominisierende Katastrophen, die im metaphysischen Begriff des Organischen alle außer Kraft gesetzt seien. Großartig, nicht wahr?! Nur dass bei näherem Hinsehen der dubiose Inbegriff dieser Gunst des Verlusts- und Trennungsdispenses, das Inzestproblem nämlich, aufkommt: der generalisierte, das ist der auf alle psychosexuellen Entwicklungsphasen ausgeweitete Ödipuskomplex, in Progress: Narzissmus und Todestrieb: das Phantasma demnach, sich selbst sein eigener Ursprung und damit ledig aller Gebrechen, zuvörderst der Sterblichkeit, zu sein. Womit ich in psychoanalytischer Sprachlichkeit das eben behauptete göttliche Wesen des metaphysischen Begriff des Organischen, mehr noch aufklärend, unterstrichen hätte. Was aber hat es mit der Todesbeschwörung, der magischen Wertigkeit solcher Begriffe, des Begriffs des Organischen, auf sich? Lassen Sie bitte seine eben geltend gemachten Kriterien Revue passieren: Ganzheit, Unwiderstreitlichkeit, Selbstgenügen; respektive (schon weniger enthusiastisch): Inzestuösität, will sagen: Selbsterzeugung, phantasmatisch. Aber das ist doch "Eros", unendliches Leben pur?!
Ja, aber nur der Schein desselben, in Wahrheit die Magieart der Abdeckung des Todes im Gegensatz zu der der Todesentblößung: die Anbringung einer -
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vermeintlich - undurchdringlichen Lebensblende, einer opaken Lebensmaske vor dem Tod: das pseudos der Lebensexklusivität.
Wiederum in der drastischeren Kritiksprache der Psychopathologie: der also beanspruchte Begriff des Organischen ist manischen, toxikomanischen, sprich: süchtigen Charakters - meint Manie doch die Himmelfahrtsabhebung des lastenden, verderbten, sterblichen Körpers, dessen Immaterialisierung/Immortalisierung, Blutrausch im Extrem. Womit ich zum Anfang meiner Ausführungen, der nicht-Unschuld des lebensphilosophischen Begriffs des Organischen zurückgefunden hätte.
Dieser Gedanken massive, wenn nicht skandalöse Voraussetzung aber macht, bisher noch nicht hervorgeholt, die Vorherrschaft des Todes über das Leben. Sonst wäre es ja nicht möglich gewesen, von einer abdeckend manischen Todesbeschwörung in der metaphysischen Auszeichnung des Organischen, dieses Erosinbegriffs dann, zu sprechen, sonst wäre dessen manische Aufladung keine solche: nicht Todesabwehr, Todesverleugnung, vielmehr die ganze Wahrheit über das Lebens-Todesverhältnis: die Umkehrung nämlich beider Hierarchie: Allmacht, invers, des Lebens. Inwiefern?
Das Leben verlöre sein Motiv, wenn es dem Tode übergeordnet wäre, ja, a priori gäbe es es nicht, das Leben, es verkäme todeserhaben sogleich, wäre wie die Vorwegnahme derjenigen Verderbnis, die es in seiner manischen Hypostase, gleichermaßen destruktiv dann wie der in dieser abgewehrte Tod, befällt. Gibt es Grausameres, Zerstörerischeres, als Leben ausschließlich zu machen? Ausschließlich - ja, je heftiger die Ausschließlichkeit, sprich: der Ausschluß des Todes, Tod, präsentiert sodann im Anorganischen/Mechanischen, im Begriff/ Verstand/Vernunft: Rationalität, in Stadt/Jude/Gesellschaft etc., umso gewalttätiger wird diese auf die Vernichtung dieser Widerparte angelegte Spaltung - das ist wie ein Gesetz.
Hoffentlich konnte ich Sie, der nationalsozialistischen Performanz der Lebensphilosophie eingedenk, von der Nichtunschuld des lebensmetaphysischen Begriffs des Organischen ein wenig überzeugen. Und nicht weniger angelegen war es mir, dagegen nun nicht exklusiv die Wissenschaft metaphysikkritisch ins Feld zu führen, sofern sie mit der Metaphysik nur dadurch bricht (und also nicht bricht), dass sie diese im doppelten Sinne der Bezeichnung blind exekutiert: je in vereinzelter Gründlichkeit weltlich, phänomenal, dinglich disponibel macht; was außerdem psychoanalytisch, des hybriden Charakters der Psychoanalyse wegen, nimmer perfekt gelingt - zum Glück?! Die im Obertitel meines Vortrags avisierte Pointe "Todesbeschwörung" meint, zusammengefaßt, die Funktion des lebensmetaphysischen Begriffs des Organischen, kurzum: der Ganzheit, nämlich den Tod mit Lebensausschließlichkeit, Thanatos mit Erostotalisierung zu maskieren - zum Beispiel nationalsozialistisch de facto: "Blut und Boden" und alles
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Gemeinschaftspathos als Blende vor dem versuchten Atombombenbau und anderem Martialischem mehr , mit der elenden Konsequenz der Tötung dessen, was, abgespalten projektiv, den Tod repräsentiert: Todesbannung, die dem Bann des scheinbar gebannten Todes verfällt, dessen Vorherrschaft bloß verstärkt.
Soweit meine theoretischen Orientierungsgedanken, psychopatho-philosophisch. Erlauben Sie mir nun noch einen ausführlichen Laienblick über den Zaun in Ihr Metier Architektur hinein. Der theoretische Ausgangsort dafür wird weiterhin das Überschneidungsfeld von Philosophie und Psychoanalyse-herkünftiger Psychopathologie sein, bar außerdem besonderer Hilfestellungen aus beiden Disziplinen: die Literaturvorgaben in Philosophie und insbesondere Psychoanalyse der Architektur fallen nicht eben üppig aus - warum eigentlich wohl?
Wie vorgehen? Für Sie als Laien gehe ich diesbetreffend in die Vollen, indem ich psychopathologische, im Extrem psychotische, Reaktionen auf organische Architekturelemente aufnehme und spezifisch interpretiere. Ebenso die Dokumente dazu sind spärlich; einzig angehend Reaktionen nicht auf biomorphe Architektur, vielmehr auf besondere Architekturspezies, gleich ob nun organismisch bestimmt oder nicht, ändert sich diese Situation: so erweisen sich die klassischen Phobien alle als Architektur-referent urbanisch (Klaustrophobie: Verließ, Akrophobie: Turm, Gephyrophobie: Brücke, Agoraphobie: Marktplatz - es führte zu weit ab, darauf einzugehen, schade!). Die angekündigte spezifische Interpretationsweise nun schlägt einen etwas devianten Weg ein. Er akzentuiert den dinglichen Außenweltbezug in Symptomen und unterstellt, dass psychopathologische Reaktionen keine subjektiv-projektiven Zutaten zu den in den Symptomen betroffenen Dingen ausmachen, dass sie vielmehr deren - deren Entstehungsbedingungen enthaltendes - inneres Wesen jenseits aller Zweckrationalität, deren objektives Unbewußtes sozusagen, angehen - jenseits von Zweckrationalität: vergleichbar den Künsten und dem Traum. So resultiert eine "Psychoanalyse der Sachen" (Sartre), die den intellektuellen Mehrwert von Krankheit abschöpft, durchaus in Widerstreit mit dem Kranken selbst, der ja über solche Aufklärung nicht verfügt, im Gegenteil: sie geschieht ihm, und er kann sie, jedenfalls nicht eindeutig, nicht mögen, weil sie ihn auf seinen gar auch noch unwillkürlichen Irrtum, seine unwillkürliche Anmaßung, der Herr des inneren Wesens der Dinge sein zu wollen, rückverweist.
Ich wollte kasuistisch vorgehen, d.h. vom Einzelfall aus, der auch dann erklärungswürdig und -befähigt bleibt, wenn er einmalig sein sollte - also ein Beispiel bitte. Ich erinnere mich eines Spaziergangs im Park einer Psychiatrischen Klinik mit entsprechenden Patienten. In dessen Verlauf bemerkte ich, dass ein junger Schizophrener sehr irritiert auf ein großes steinernes, leicht
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verwittertes und bemoostes tulpenähnliches Gebilde mit dicken naturungetreuen Blütenblättern reagierte, hart an der Grenze, in Panik zu flüchten. Er drängte sich in eine dichtere Gruppe der Spaziergänger, mied strikte den Anblick des ängstigenden Objekts, wirkte erleichtert, als wir den Park verließen. Soweit die von mir - und auch vom begleitenden Klinikpersonal - beobachtete undramatische Szene, zu der ich folgend dann keine Gelegenheit hatte, den symptomatisch reagierenden Patienten zu befragen.
Wahrscheinlich wenden Sie jetzt ein, dass diese abweichende - womöglich schlechterdings einmalige - Reaktion doch nicht Architektur, vielmehr Steinmetzkunst im Kontext von Gärtnerei beträfe. Gewiss, das Beispiel mag nicht optimal sein, ist aber doch hinlänglich biomorphisch bestimmt? Was aber geht in einer solchen Reaktion vor? Das kann man schwerlich einfachhin erfragen, das muss man nach- und einfühlend "hineindenken", freilich mit fundiertem Theoriegeleit (und dann auch eventuell mit Hilfe des Patienten). Ein- und nachfühlend hineindenken? Es fällt mir nicht schwer, mich auf die Seite des Kranken zu schlagen, professionellerweise und darüber hinaus, und wenigstens den Kopf zu schütteln, wohlgemerkt aber nicht über den absonderlich reagierenden Patienten, vielmehr an erster Stelle über die absonderliche Verwechslung, die Dissimulation, die das anstößige Parkgebilde, die monumentale Steintulpe, zeichnet: es tut so als-ob, suggeriert als schier Totes Lebendigkeit, verführt womöglich zu deren dummen Feier, die auch ich überhaupt nicht mögen kann, diese Pseudologie eines "elan vital", die mir höchstens wie ein nicht unmaliziöser Witz vorkommt, über den der psychotisch Kranke aber überhaupt nicht zu lachen vermag: über die Vorspiegelung verhaltenen Lebens im bleibend Toten, beider Vermischung; der pflanzlichen "Rückständigkeit" wegen aber umso tückischer: paranoisch aufgeladener - soll man der minderen Lebendigkeit der also harmlosen Pflanzen trauen? Und erst recht: wie sollte man denn den toten Dingen trauen können? Und Plastik ist zudem unmittelbar dinglich-simulativ (dreidimensional), bringt so den Höchstgrad an Gaukelei auf. Gründe der Beängstigung genug angesichts dieser Phyto-Erosmaske, mit der Totheit des Steins durch und durch verwachsen?
Mehr aber noch und genauer (psychosenlogisch): gut, Dinge könnten lebendig werden, sich vergespenstern, "transsubstantiieren" (und Körper umgekehrt sich verdinglichen) - diese Unzuverlässigkeit ist schon schlimm genug: das reine Grauen. Doch wenn sie diesen Horror - so wie eben in dieser Riesensteintulpe - selbst schon an sich selbst vorwegnehmen, Lebendigkeit, und sei es auch nur pflanzliche, nein: und gar auch noch pflanzliche (und zudem derart vergrößert?), vortäuschen, ja, dann sind sie die maßlosen Herren selbst noch dieser buchstäblich dann objektivierten Transsubstantiationsgefahr, die sie kassieren, um sie in potenzierter Form dann, gefährdender noch, heraufzubeschwören: tote Dinge - solche Biomorphien -, die, wenn sie, wie sich für ihre Totheit rächend,
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lebendig werden, es als solche schon sind, ineinem zumal aber tot; und demnach äußerst explosiv - bombenästhetische Bombenaufhaltung.
Gewiss, das sind keine Ausgeburten eines kranken Hirns, darin besteht vielmehr die im Durchschnittsfall gnädig abgedeckte Wahrheit der Dinge selbst. Also hätten wir endlich denjenigen, die Instanz gefunden, die in dieser Wahrheit lebt, just den Schizophrenen in anti-psychiatrischem Verstande, und müssten folglich das Todesurteil über alle Biomorphie, diesen Lug und Trug, im Verein mit diesem Kranken fällen? Nein, so einfach ist das nicht. Denn: die psychotische Attacke bleibt durchweg untätlich implosiv: siehe das Beispiel: der Kranke flüchtet ja, greift nicht an. Und das Motiv seines gegen ihn selbst, typisch pathologisch, rückgerichteten Angriffs auf das besagte Sonderding, die Steintulpe, ist mitnichten Aufklärungsbegehren, sondern die fundamentale Enttäuschung, nicht sogleich selber wie diese göttliche Plastik mit ihrer (Selbst)Zerstörungspotenz im Wartestand, dieser heuchlerische Rüstungsinbegriff, selbst zu sein: letztlich in Selbstzerstörung umgekehrte Fetischdestruktion. Aber auch unsereiner auf der anderen Seite der Theke, solidarisch den Krankheitsmehrwert intellektuell abschöpfend, betätigt sich ja ebensowenig als Plastikoklast, hält sich eher schadlos am Witz dieser letzten Dinge. Weshalb? Letztlich womöglich aus mühsamer Einsicht, dass nichts geht ohne solche todesmagischen verdinglichten, hier simulativ-künstlerischen Phantasmen: einzig sie erzeugen, erhalten, motivieren, insbesondere sexuell, den davon isoliert sogleich zerfallenden Körper. Kurzum: die Dinge als "Todestriebrepräsentanzen", die Dingphantasmen wecken das Fleisch. Fazit: weder Lob noch Tadel für den Biomorphismus, doch man sollte tunlichst genau wissen, womit man es zu tun hat: mit einem existenznotwendigen realisierten Phantasma nämlich. Dabei aber kann es gleichwohl bleiben: Psychopathologie gilt als Leitfaden ins Wesen der in ihr angängigen Dinge, oft gar als einziger noch, und stark in der Defensive in unserer säkular-wissenschaftlichen Welt.
Und abermals der Vorrang des Todes vor dem Leben - man mag in geschichtlicher Rückschau den Eindruck gewinnen, dass der architektonische Biomorphismus - weder Bewachsung noch vegetabile Ornamentik, Mimesis vielmehr an organische Formen direkt - die doch sehr weit fortgeschrittene Mathematisierung/Physikalisierung der Biologie künstlerisch vorwegnimmt oder parallelisiert. Jedenfalls wird man zur Zeit, moderner- und postmodernerweise, das lebensmetaphysische Pathos einer endgültigen Diskrimination von organisch vs. anorganisch, wissenschaftlich ja schon ehedem nicht voll gedeckt (?), nicht einfach wiederbeleben können, denn dieses, das Tote, obsiegte allenthalben (siehe Fraktalgeometrie, auch Chaostheorie), lebens-, ja selbst bewusstseinsverschlingend bis hin zur vollen Widersprüchlichkeit unseres unbehelligten szientistischen Materialismus, und mäßigte in seiner Allverbreitung mitnichten die Gewalten der dinglichen Todesbannung, ganz im Gegenteil. Entsprechend wie
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sachgerecht pflegen die - abgeleiteten - Vitalitäten, unsere Eros-Berauschungen, längst nicht mehr den Anspruch, als Widerparte des Lebens gegen den Tod zu wirken, vielmehr als das, was sie allemal nur sein können: Anreize, Ausrichtungen, Beglaubigungen der Gewalt der" Todestriebrepräsentanzen ", der Dinge.
Überleitend zu weiteren Pathologie-bezüglichen Dimensionen an Architektur, bewegt mich im Zusammenhang des architektonischen Biomorphismus die Frage, wie es dagegen mit dem architektischen Therio- und auch Anthropomorphismus steht. Obwiegt der Phytoismus/Botanismus/"Florismus", so dass "Biomorphismus" mindest hauptsächlich diese letztere Spezies meinte? Wenn dem so wäre, so hätte dieser Vorzug einen guten Sinn: beider, der Architektur und der Pflanzen stationären Wesens wegen - wehe, wenn der Wald sich wie in "Macbeth" bewegt...!
Mit der wahrscheinlichen Hegemonie des architektonischen Phytomorphismus verbindet sich ein weiteres einschlägiges Problem: so etwas wie ein Innenverweis nämlich, und zwar auf die Stoff vechselinnereien, die nach naturphilosophischer Tradition menschliche Ableger des Vegetabilen seien: verborgen, bewusstlos, wenn manifest gemacht, dann gestaltig fürs erste rätselhaft (früher nur im Toten, an der Leiche überhaupt sichtbar zu machen). Man könnte also damit rechnen, dass die im Beispiel apostrophierte psychotische Beängstigung mit auch durch diesen allein schon durch die "Sesshaftigkeit" der Pflanzen provozierten, außerdem auf Klang verweisenden, Binnensog mitbedingt sein kann.
Weiterhin Architektur-bedeutsam ist damit auch das "organprojektive" Motiv des Taburaums angesprochen, und überhaupt die Umfassungs-, Hüllungsfunktion, inklusive der Probleme der Öffnung.
Was habe ich vor Ihnen psychopathologisch skizziert? Die Sonderchance, ins transrationale Wesen der Dinge, hier Architektur, dadurch vorzudringen, dass dingbezogen psychopathologischen, vorzüglich psychotischen Symptomen deren intellektueller Mehrwert entrissen wird, durch diesen patho-philosophischen Enteignungsakt. In diesem Zusammenhang könnte biomorphe, insbesondere phytomorphe Architektur zum höchst erotisierenden Paradigma abgelöst objektivpsychotischer Kongenialität avancieren: im apostrophierten Doppeltod: der Lebensmaske vor dem Toten als dieses selbst zugleich schon. Die Witzbrechung dieser Verhältnisse macht die Brücke zwischen Psychose und deren Dingpendants.
Hoffentlich konnte ich Ihnen für Ihr Metier ein wenig brauchbare Anregungen, vermittelt über den lebensmetaphysischen Begriff des Organischen durch den historischen Exkurs zu Anfang, bieten. Und Sie nicht weniger zu professionell erweitertem Nachdenken durch die Einführung der Aufschlußwertigkeit von Psychopathologien mit auch für Ihr Sujet, Architektur, veranlassen. Was nun diesen letzteren Anstoß betrifft, so hat er wohl die meisten Desiderate
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aufgebracht. Vorschlag zum Schluss deshalb: einmal separat und ausgiebig über "Architektur und Krankheit" zu handeln. Dann auch könnte ich die ausgesetzte exquisit Architektur-referente Psychopathologie, die Phobie nämlich, einbringen. (Und nicht zu vergessen auch die Philosophie der Architektur.)
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Marginalien
Zur historischen Funktion der Lebensphilosophie
Freilich wird man die "Lebensphilosophie" (Lukacz: "Die Zerstörung der Vernunft"!) als Einspruch wider die rationalistische Vereinseitigung des "positiven Zeitalters"/der ersten "industriellen Revolution" geltend machen können; nur dass sie nicht mehr als deren "abstrakte Negation" aufbringt - Indiz deren sich alle Oppositionen assimilierenden Übermacht.
Zum erweiterten Ödipuskomplex
So die Raffung der einschlägigen Theoreme, hier ohne den Anspruch weiterer Erklärung markiert:
  1. Die basale Inzestform, ödipal i.e.S., ist der Mutter-Sohninzest.
  2. Inzestuösität, also vom Sohne her konzipiert, betrifft alle psychosexuellen Evolutionsphasen.
  3. Deren Inbegriff besteht im Phantasma, sich selbst sein eigener Ursprung zu sein, und ist demnach a fortiori narzissmus- und zumal (reformiert) todestriebtheoretisch darzustellen.
  4. Diese Verhältnisse bilden den Kern der psychoanalytisch aufklärbaren Metaphysik, hier der "Lebensphilosophie", speziell des überlasteten Begriffs des Organischen.
  5. Dessen Überschwenglichkeit unterliegt dem Widerspruch des Gottes der Metaphysik: der Anderen-vernichtenden bedürftigsten Unbedürftigkeit.
  6. Den Aufschub der Destruktivität desselben macht einzig die menschliche Kulturkreation, die, dieser metaphysischen Herkunft wegen, selbst dann nicht nicht "Kultur zum Tode" (die Dinge = "Todestriebrepräsentanzen") sein kann.
zu 5) Zur Kontradiktion der Absolutheit: Die verstreut angeführten Paraphrasen der Kriterien des metaphysisch überfrachteten Organischen versammeln sich, kurzum, im traditionell metaphysischen antinomischen (Un)Begriff des Absoluten: des Unbedarften schlechthin, nach außen wie nach innen - bis hin zur Bewusstlosigkeit und dem Nichts.
Zu 5) ebenso, und zu 6) Zur Differierensvalenz der Dinglichkeit. Haltlos der Gott der Metaphysik, weil, gänzlich widergöttlich, bedürftig, und, wenn bedürftig, dann sterblich. Nach aller kritischen Tradition versammeln sich,
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projektiv, wie man sich ausdrückt, die menschlichen Inzestbegehrlichkeiten in diesem Begriff des Gottes, der sich diese für sich, noch nicht einmal abgedeckt, deren Anmaßung strafverfolgend, reserviert, auf dass sich Mensch in dem zur Kreatur mindernden Ausschluss davon wenigstens vorübergehend erhalte dergestalt, dass aus der allentscheidenden DifferenzIndifferenzbewegung sich, rettend und zugleich verderbend, Kultur, dingliche Kultur, der Inbegriff der Seinserhaltung und -zerstörung ineinem, ausfälle. Nochmals: Was für Mensch, als menschliches Artefakt, Tabu, das ist das innerste Wesen des Gottes, und als solches Präjudiz auf dessen Tod zumal, sofern jegliche Absolutheit Opfer, das Opfer des Anderen/alles Anderen, verlangt - bis hin zum Gipfel der Selbstaufopferung, in der der Gott und sein Geschöpf dann kontaminieren (Christologie wäre hier angesagt!). Davor aber schiebt sich das Endopfer des Todes opfernd in dingliche Kulturproduktion hinein auf - eo ipso ist Kultur "Kultur zum Tode"....
Zur psychotischen Misere der Biomorphie
Es gelingt dem Psychotiker nicht, die toten Dinge tot sein zu lassen, und umgekehrt ebensowenig den lebenden Körper lebendig. Er befürchtet permanent - so drücke ich mich gerne aus - die "Transsubstantiation" derselben. Weshalb?
Weil alles Tote Getötetes sei und also auf Rache lauere; obzwar das Lebendige, der apriorische Verfolger dann, sich als ebenso unaushaltbar gibt. (Pathologisch aber ist dieses Gebaren bloß als nackte Pointe von Normalität bezüglich des Produktionsmotivs!) Versteht sich folglich, dass biomorphe Dinglichkeit psychotisch zum Horror schlechterdings werden muss: sie nämlich streicht die Lebens-Todesdifferenz, den "absoluten Unterschied", sogleich doppelt ein, blockiert kurzschlüssig die besagte Transsubstantiation so oder so herum: Dinge, die, wenn sie rächend lebendig werden, als solche es schon sind, ineinem aber bereits tot.
Zur Dingverpflichtung des Körpers
Körper (nachträglich) erzeugt, erhält, motiviert/sexualisiert sich exklusiv an der Konzession der apostrophierten metaphysischen Dispositionsphantasmatik in aufgeschoben repräsentativer Fassung: kurzum: der Kulturkreation. "In Staub zerfielen sie", die Körper, sogleich, ohne ihre prothetischen "Projektionen", die Ding-Doubles. So auch der Inbegriff der Kritik des Triebcharakters der Sexualität.
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Zum Arkanum der Interiorität
Wie automatisch nimmt das kryptische Innen die Position des Absoluten ein: fremdentzogen selbstbezogen, in sich gleich-gültig/indifferent bis zur Bewusstlosigkeit ("unbewusst höchst Lust"), und insofern dann vegetabilisch/intestinal repräsentierbar. Sensuell erzeugt der verfügungswidrige Sichtentzug tiefschlafhaft die Binnenausschließlichkeit von - unabgegebenem: unhörbarem - Klang, dessen visuelle Verwandlung, der Sichthervortritt (Austritt!) des Innen, allemal eine Krisissituation mitsichbringt, sprich: die Befürchtung, dass irgend ein erschreckendes "Erhabenes" todesgemäß verfolgend/bestrafend erscheine - der rettend also abgestoppte Binnensog, rettend aber um welchen Preis?
Binnensog, zu einer Vorbehaltlichkeit hin, die sich hinwiederum in sich selbst sich vorbehält (Bewusstlosigkeit), deren Austritt/Hervortritt die innerlichen Verweigerungen sichtlich zwar, doch wahrnehmungsabweisend vollstreckt (Schrekken, Rätselhaftigkeit) - das reinste Gottesspiel: Du kannst mich, geöffnet, tot nur haben, aber diese Deine Habe ist erst recht nur zum Schein! Nicht zuletzt auch, wie wenn jede Geburt eine Totgeburt wäre, exkremental verwechselt im ganzen. Man bemerkt die inzestuöse Kontamination des Psychotikers, die freilich äußerst lehrreiche, für uns.
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