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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Die Scham und die Schrift (Pathognostische Studien I, 1986, Essen, Die Blaue Eule, 149-160)
Caliban: Ihr lehrtet Sprache mir, und mein Gewinn ist, daß ich weiß zu fluchen. Hol die Pest Euch fürs Lehren Eurer Sprache!
(Shakespeare, Der Sturm)
Echo, das ist die zeitverschobene Reflexion von Verlautetem, jedenfalls dessen letzten Passagen, eventuell eine Mehrfach-Reflexion bis zu ihrem Verschwinden. Inwiefern wird dieses Naturphänomen menschlich relevant - immerhin ja so relevant, daß es eine Einsatzstelle von naturwissenschaftlicher Disposition abgibt? Das Echo ist die projektive Außenabbildung des Sprechgedächtnisses. Und zwar die getreue Abbildung desselben, insofern ja auch im zusammenhängenden Sprechen jeweils dessen letzte Passagen memorial nur verfügbar sind und zudem die Gedächtnisstabilität sich Repetitionsakten, solchen der Vergewisserung in Fortsetzung, verdankt; was selbst dann wohl noch gilt, wenn es nicht zur Wiederholung des Gesagten expressis verbis kommt.
Die humanistische Attraktivität des Echos ist also analog der des Spiegels, und ihr kommt wohl auch dieselbe jubilatorische Hypokrisie zu, von der man nicht so recht weiß, ob sie nicht doch immer auch von sich selber weiß. Wer ist's? Ich bin's! Überbrückt der Abgrund der Differenz, befreiendes Lachen deswegen oder, umgekehrt, Verlachen hinwiederum dieses Lachens: ich bin es ja nicht.
Somit ist das Echo die phonetisch-auditive Proto-Aufzeichnungs- und Wiedergabe-Maschine, dieses Naturphänomen der Ur-Recorder. Als Vor-Maschine noch gebührend imperfekt, und zwar wegen der allzu präzisen Naturabbildung des Sprechgedächtnisses mit seinen aufgeführten Durchschnittsmängeln und nicht zuletzt auch wegen der Unselbständigkeit dieses Proto-Maschinen-Doubles in Hinblick
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auf sein Mensch-Vorbild: das Echo ist immer wieder neu auf Lauteingaben angewiesen, die Aufnahme geht sogleich in Wiedergabe über, die der unbegrenzten Reproduzierbarkeit von sich her enträt.
Nun bedarf es aber, um sich selbst sprechend hören zu können, durchaus keines Echos, ganz im Unterschied zum Sich-selber-Sehen, das, jedenfalls das Gesicht, die Augen etc. betreffend, des Spiegels bedürftig ist. Oder, mit einem Sprung in die Moderne hinein formuliert: dem Sich-selbst-Sehen durch Video entspricht dergleichen nichts durch Audio, das nichts anderes ausmacht als eine Pedalisierung - eine überflüssige, wie es scheint - dessen, was eh auch ohne technisch vermittelte Reflexion geschieht. Wie sehr nun diese Differenzierung verfängt, so reicht sie doch nicht bis dahin, das Echo selber wegen des Zusammenfalls des sprechend Sich-selber-Hörens als einen irgendwie reizvollen, letztlich jedoch gänzlich verzichtbaren Überfluß anzusehen. Nein, selbst bei der allergeringsten Sinnveranschlagung, also der von Sprache, ist Gedächtnis/Selbstreflexivität eo ipso vorausgesetzt, und diese notwendige Voraussetzung impliziert das Echo restlos; Echo-Charakter des Sprechens also auch dann, wenn dieses nicht ausdrücklich im Sinne der ausgeführten Proto-Maschine fungiert.
Der Mythen-Kontext Narziß und Echo ist vindizierbar als Genesis/Genealogie des Sprachvermögens (und im Vorgriff ebenso des von Schrift). Damit wird ein seltsames Jagdabenteuer freilich mitnichten zur Allegorie menschlicher Binnenkonstitutiva; der mythische Zusammenhang kann vielmehr ausschließlich als das funktionale Phänomen der thematischen Vermögensbildung fungieren; die Jägergeschichte ist - ist: transsubstantiativ - Sprachtheorie.
Der verirrte Narziß. Im Sinne der Synchronie fortwährender Hominisationszumutung zu deren Beginn kommt das Verhältnis des Repräsentationsvermögens zu seinem Repräsentierten, oder besser zu dem, worauf das Repräsentierte verweist, sprachbezogen intersubjektiv als traumatisiert auf. Das Verhältnis zwischen
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beiden stellt sich sogleich proto-wissenschaftlich versus -ästhetisch (Jagd versus Haltung) als Opferverhältnis dar; das heißt, das Repräsentierte muß um seiner Repräsentation willen vernichtet werden und geht dann als Opferstoff in deren Mortalität, die sich allemal Ursprünglichkeit anmaßt, ein. Imponierend außerdem der Vernichtungs-Opfer-Modus: Rückgängigmachen der Geburt, weiblichkeitsmimetischer tückischer Rücksog, wie Ertrinken, wie ein Spinnennetz; Einbruch des arglosen Repräsentierten in die Grabkammer des Gedächtnisses hinein, Krypta-Ernährung (Narziß der Jäger, Fallensteller, Netze-Jagd). Auffällig nicht minder die Eigenart des zum Opfer auserwählten Repräsentierten selber: phallische Torheit, redundant dekorative Pseudopotenz, Schwulheit (das Jagdtier par excellence der Hirsch); so daß das Repräsentationsvermögen, das Gedächtnis, wie mit weiblichen Mitteln tötet, folgerichtig Weiblichkeit am Manne also verfolgt und vernichtet und als Vernichtetes sich selber zuführt. Und so war's schon, als Narziß entstand: Flußgott Kephissos, der die Nymphe Leiriope, Narziß zeugend etc., ertränkt; Hypothek des Geschlechts - quid pro quo von Anbeginn, freilich als das ganze Geheimnis des sich darin etablierenden Patriarchats.
Wie gesagt ist in Narziß' Verirrung das Gedächtnis anfänglich traumatisiert. Die Garantie entfällt, daß die zu Göttern/Ideen ursprünglich hochgetriebenen Toten dieser inneren Leichenkammer sich nicht doch zu ihrer rächenden Resurrektion zu regen beginnen könnten; daß nicht die Pointe aller Schuldabsorption darin, in diesen ideellen Disponaten, sich auflöste, die Schuld als deren Gerichtsbarkeit und Kriegswesen wieder hervordringe. Reißt solche Labilisierung der Opferdisposition ein, so sind die Leichendisponate ebenso dabei, als Intersubjektivitätsgaranten unbrauchbar zu werden; Narziß, der sich der Sprachgemeinschaft begibt, indem das Pseudos der Unschuld des Repräsentationsvermögens, der Sprache, haltlos wurde; weiße Magie der Gesellschaftssynthesis, die kollabiert. Die Hominisation als solche bestände demnach in einem psychotischen Zusammenbruch, der sogleich in seine
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Selbstverstellung hinein, humanistische Gewalt, aufgefangen würde und der nur um den Preis schwerster Krankheit, der leidlich aufgehaltenen Todesfahrt des Subjekts im Allkontext seiner Gewaltverstellung, reaktualisiert werden dürfte. Post festum pathologisch benannt, wäre die Hominisation Psychose, Paranoia im Übergang zur Schizophrenie, bedrängendstes Schweigen im Transit zum Stimmenhören. Narziß, der fatalerweise damit anfängt, sich selbst nicht fremd zu bleiben, indem er den Abgrund der Selbstentfremdung sprechend/hörend exekutiert.
"Ist jemand zugegen?" So lautet der Ur-Satz, paranoisch gedoppelt zwischen Drohung und Rückzug, Anherrschen und Nachfragen. "Wer da?" Die Grabkammer des Gedächtnisses hat einen Riß bekommen, schon regt sich in ihr zu seiner Auferstehung von den Toten der Inbegriff des Gedächtniseinsatzes, die Idee, der weiland getötete Hirsch, der im Christentum außerdem dann als Christuszeichen konsequent fungiert (in der Hubertus-Legende). Echo kommt auf in der Unmittelbarkeit des Nicht-Audio, dem hermetisierenden, selbstvergewissernden Kurzschluß von Sprechen/Hören, darin als Homogeneitätsraptur, eingebracht in der besagten Zeitversetzung etc. So gerät das Selbst in eine prekäre Distanzierung zu sich selbst, ja zur Selbstabdrift ins schlechterdings Fremde seiner selbst. Differenzmonitum als Todeserfahrung, Sündenfall. Im entfremdeten Selbstdouble der Mortalität des Geopferten regt sich dieses, der Opferstoff, geschlechtsdifferent weiblich; (Gespenster)lebendigkeit dessen, was davor/danach an Feminität am Manne hinwiederum durch Feminitätsmimesis der Opferexekutive vernichtet ward; dies eo ipso als Weiblichkeitsfiguration Nymphe, der Umkehrung also der mit weiblichen Mitteln geopferten Weiblichkeit am Mann. Selbstdouble, ins Wasser gefallen durch Phallusanlockung - Männlichkeit an der Frau - und zum Halbtier (Fisch) geworden. Aber ja, das andere Selbst der Selbstreflexion ist (ist!) eine Nymphe, die Verfolgerin, genauer: Auflauerin des anderen Selbst. In einen scheinbaren Widerspruch dazu aber stellt sich deren indolente Verliebtheit. Müßte man nicht eher argwöhnen, daß
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Artemis sogleich die Rachepartei für das getötete Wild ergreift und den tückischen Jüngling verfolgt? Diesmal interveniert sie zu spät und also schier fortschrittsbegünstigend - offensichtlich war Narziß' feminitätsmimetische Tücke: das Gedächtnis als toter Mutterleib, die resorbierten invers abortiven Kinder Ideen: Sprache allzu stark ausgeprägt. Sie ist zugleich auch der Grund von Echos Entflammtheit, in der sich das Racheansinnen alles Differenten neutralisiert. Des nähern in diesem Rahmen korrespondiert dem weiblichen Begehren, dieser Basisverschuldung von Weiblichkeit, nicht tot, maschinisch zu bleiben, Narziß' Verirrung, der Selbsthomogeneitäts-Riß der Sprachgenesis, in dem die Möglichkeit weiblicher Platznahme gegenimperial verheißen scheint; Platznahme indessen, die dem angerissenen Homogenen von Mann (ubw Frau) restlos botmäßig, buchstäblich hörig ist. Wenn's hoch kommt, ein knappes Viertel der männlichen Rede, und zudem rein nur kopiert als Besitzstand von Frau in diesen sogleich schon recht fortschrittlichen Verhältnissen. Wie soll unter diesen Bedingungen einer Selbstkonterkarierung, die demselben Selbst in hoffnungsloser Dummheit verfällt, dieses Selbst zunichte werden? Versteht sich, daß sich in dieser Echolalie die Bestraftheit der verräterischen Tochter durch die Göttermutter, die so freilich nur wie fast immer dem Patriarchat zuarbeitet, auswirkt. Das Durchsichts-Initium des hörenden/sprechenden Selbst, der Beginn des Selbstzerfalls - diese Souveränität des Echos wird sogleich demnach hegemonial selbstinflationierend kassiert; Echo als Krankheitsindiz Echolalie zwischen weiblichem Debilismus und Psychose. Die Platznahme des Differenten in der durch es traumatisierten Indifferenz erfährt so ihre die Indifferenz stabilisierende Sanktion, Selbstopferstoff, der fortwährende, zur höheren Ehre des herkunftslosen Selbst. Die Echolalie zählt zu den Nachahmungshandlungen im Kontext der (katatonen) Schizophrenie; sie indiziert, gedeutet, eine Befehlsautomatie.
"Wenn er allein war, war es ihm so entsetzlich einsam, daß er beständig laut mit sich redete, rief, und dann erschrak er wieder, und es war ihm, als hätte eine fremde Stimme mit ihm
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gesprochen. Im Gespräch stockte er oft, eine unbeschreibliche Angst befiel ihn, er hatte das Ende seines Satzes verloren; dann meinte er, er müsse das zuletzt gesprochene Wort behalten und immer sprechen, nur mit großer Anstrengung unterdrückte er diese Gelüste." (Büchner, Lenz)
Wenn es nun gelänge, die psychotische Konterkarierung aus ihrer destruktiv frustranen Opferhaftigkeit herauszulösen und "frei" dem grandiosen Sprachselbst entgegenzuhalten? Dann müßte sich Sprache an dem, was sie selber ist, brechen; eben zumal dann brechen, wenn sich jeweils ihr Abschluß rein nur, sich in sich wiederum repetierend, repetiert. Der überschußlose Reduktionismus der Echolalie als die weissagende Rede.
Sprechend/hörend ist die höhere Indifferenz des Selbst also gerettet; und die Differenz emigriert gänzlich in Pathologie hinein. Doch der Prozeß der großen Menschwerdung ist damit längst noch nicht an seinem Ende: bisher wurde nur Sprache etabliert; was heißt, daß die Funktion der toten transfigurierten Opferstoffe (das Hirschfleisch), die "Ideen", einzig sichergestellt worden sind. Fehlt als Sichergestelltes indessen - und dies ist nicht wenig - das Vermögen von Repräsentation insgesamt, das Gedächtnis als solches noch; das Netz, die Falle, die Leichenhalle, die Grabkammer, die memoriale Binnenverfassung demnach, die a fortiori Vernichtungsusurpation in dinglicher Verwandeltheit des Weibskörpers ist. Zweierlei Opferstoff also: solcher, fundamental-feminin, des Gedächtnisses selber als des Opferungs- und Rückerstattungsorgans einerseits; solcher des immanenten Vorstellungs-/Ideenregisters ebendort als die opfererkorene Feminität am Mannskörper, wie ausgeführt, andererseits. Versteht sich, daß sodann ersterer gedächtniskonstitutiver Opferstoff sich selbst humanistisch konstitutiv allererst über Sprache, die Domäne des zweiten, hinaus als Schrift erfüllt, deren Genesis/Genealogie in der Mythe am Umschlagspunkt von Hören und Sehen, von Narziß her gesehen, einsetzt. Kurzum wird schließlich die Katastrophe von Berühren und Sehen verwandelt in die Skripturalität erzeugenden Berührens und Sehens, Er-sehens als
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Erfüllungsversion des Gesprochenen/Gehörten. Viel terra incognita gäbe es an solchen Metabasis-Orten zu erkunden: so die Ableitung der Sinne aus dem Abruf jenachdem der Vorstellungen oder des Vorstellungsvermögens selber; so die selbstarchäologischen Phasen vor dem Spiegelstadium, betreffend die Initiation des Phonetisch-auditiven sowie dessen Fortschreibung ins Aufzeichnungswesen, vielleicht ein Stadium der Indifferenz von tot und lebendig sowohl von Personen wie Dingen etc.?
Dem Mythos entlang aufgenommen, geht Narziß, nachdem es klarsteht, daß es kein Anderes geben kann, sich selbst folgerichtig als Netz/Falle in der Dimension von Berühren und Sehen nunmehr an. Es kann dann nicht nicht sein, daß dies Jagdinstrumentarium, sich darin hinein auflösend, die Nymphe Echo hervortreten läßt, und zwar deren Fallensystem: Hände, Arme und die entblößte Scham zumal. Narziß' Jägertum steht damit auf dem Spiel; die Hierarchie der Jagd mit ihm, dem Jäger an der Spitze, kehrt sich um - der spröde Jüngling nunmehr das Jagdwild. Doch da die Nymphe nicht als Göttin der Jagd aus ihrem Versteck als dieses selber hervorkommt, vielmehr als schier Verliebte, neutralisiert sich zugleich das invertierte Gefälle: nicht nur wird der Jäger zum Wild, die Jagd als solche ist nun dahin, und dies getreu der Thematisierung des Gedächtnisses selber, und nicht bloß des Gedachten/Gedenkenden. Womit die exklusive Todesleidenschaft des Narziß, das männliche Begehren, der Kurzschluß von Selbst und darin generierter Maschine über jedwedes Körperinterim hinweg, diese einzige Nekrophilie schwerstens gefährdet ist. Entsprechend gewaltsam die höhere selbstrestitutive Parade: Narziß verjagt Echo, treibt die Epiphanie des gedächtnisfundierenden Opferstoffs selber in seiner Differenzinkarniertheit ins Unbewußte tötend zurück. Das Netz bleibt Netz, und sonst ist es nichts.
Im System der Ur-Krankheiten folgt demnach auf die Paranoia/die Schizophrenie die Katatonie; diese Psychosenkulmination als Krankheit freilich konsequent hinwiederum delegiert an den
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differenzstigmatisierten weiblichen Körper und als (on dit) nicht-pathologische progrediente Anpassungsfiguration als offizielle Gewaltspezies transfiguriert ins Schreibenkönnen/Schrift: Bewegungssturm, der sich umgekehrt körperzeugend in diese Zeugensmotilität der Arme, Hände/des Auges rigide hineindiszipliniert und sich dabei selber abliest. Freilich, nur nicht beim Linkshänder liegt in dieser offiziellen Schreibensstarre und -stürmischkeit in unseren Breitengraden des phonetischen Schriftwesens die linke Seite brach. Das grausame Endlos der Echo just also diese Schreibszene selber; die sich im Mortalen von Schrift projizierende/reflektierende Memorialität (Skelett der Echo in ihrer Grabeshöhle, das zu Stein wurde); Stimmenwiderhall - Sich-selber-Vorlesen des jeweils zuletzt Geschriebenen, um so anknüpfend weiterschreiben zu können -, der sich auf der Oberfläche des Steingrabs, des nicht leeren, vielmehr durch sich selbst gefüllten, in tote Rätselsichtbarkeit verwandelt. Schrift. Die Echolalie tritt vornehmlich ja in der katatonen Schizophrenie auf.
Scham der Echo davor. Scham am Ort derselben indiziert die ganze Haltlosigkeit des Hervortritts des Differenz-tragenden geschlechtlichen Körpers aus dessen mortaler Maschinität heraus; die Nichtigkeit der Gewalt-Hierarchieinversion zumal auf der Grundlage der Gewaltneutralisierung durch Begehren, dem bloßen Spiel von Opfer. So erführe der Affekt Scham eine besondere Auszeichnung, insofern er, visuell/haptisch dimensioniert, das Fleischessubstrat des Gedächtnisses selber mitsamt dessen Schriftexternalisation initiativ betrifft. Die Frau, das ist die Scham des Mannes, sein Gedächtnis selber; ebenso Schrift, nichts als bedeckte Blöße, Schamhaare Urschrift.
Fehlt nur noch die Apokalypse, das Selbstverhältnis zum Phantasmaultimatum des nur-noch-Selbst, die End-Entbindung der progredient absorbiert gemachten Schuld in den dinglichen Humania. Dieses letzte Selbstverhältnis ist nicht mehr exekutierbar, insofern es Tod und Apokalypse selber wäre/ist. Denn, sich selbst, diesem nur-noch-Selbst gegenüber vermöchte man nicht mehr der alte
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passionierte Jäger sein; der Stoff, aus dem das Gedächtnis ist, verkäme dann nur zum Selbstsubstrat selber, wenn dieses sich dadurch zu Ende verzehrt, und zwischendurch müßte als selbstaushungernde Gewaltneutralisierung ja das Begehren spielend ins Spiel kommen, das Vorbild der Echo also, von der man aber nicht annehmen kann, daß sie nicht auf Rache sinnt. Tritt aber Begehren auf, so enträt es in diesem letzten Selbstverhältnis als Nicht-Verhältnis, in dem - das versteht sich - als funktionales Phänomen der Spiegel auftreten muß, eo ipso der Gewähr, weibliches Begehren sein zu können: Körperepiphanie nämlich rekursiv aus/als Maschine; umgekehrt vielmehr getreu der Konstanz des männlichen Begehrens besteht es in der (Vor)Maschinisierung (mindest) des Körpers. Narziß, der sich in dies Schemen verliebt; Letalität des abschließenden Umstands, daß Narziß selber in diesem letzten Selbstverhältnis etc. zur toten Echo geworden ist; Selbstkurzschluß des Gedächtnisses mit seinem Schriftexternalisat, das zum Schluß, inklusive seiner organismischen Version, schuldemanzipatorisch und endgültig schuldlöschend in Nichts explodiert.
Die Erfüllung ist der Tod - das immerhin sagt doch der Mythos nicht zuletzt auch betreffend die großen menschheitlichen Errungenschaften. Tod in der Konsequenz der Katatonie, so daß sich Arme und Hände blicksekundiert wie ein tödliches Netz dem Körper vernichtend einschreiben. Narziß, der sich selber suizidal zu Tode tätowiert. Écriture automatique als Hinrichtungsmaschine. Wasserschrift.
Holdrio holdrio holdrio
Liebes Echo kleines Echo
Bist du hier bist du da bist du do
Ach mein Echo ich liebe dich so
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Referenzen / Nachträge
Ovid, Metamorphosen III, 354ff
rororo Tierlexikon Bd. 1, 6059, S.159ff.
Echos Höhle als das erste Haus. Menschwerdung, das Stationärwerden auf dem Lande. Der Mensch als das höchste Landtier. Hausbau indessen aus Scham; Frau, die sich selber ins Netz/Falle des toten Mutterleibs hineinbegibt. Dies ihre Heimkehr und ihre Ortlosigkeit zugleich. Indessen geht es überhaupt nicht an, die bessere, angemessenere Vorzeit - das Meer etc. - zu zitieren; denn dies andere ist dasselbe als Kriegszustand. Das brennende Haus (das Meer).
In christlicher Progression dann besteht die Produktivität des allemal toten Mutterleibs im Geistgebären des Verbum Dei/des göttlichen Sohnes, dem Allsubstitut des Nymphenwesens als Geistfisch. (Fische sind stumm.)
"Der Muttermund, lichter Schoß, generiert tatsächlich das Verbum Dei. Eine akustische Geburt aus dem Schall, den ein realer Atem trägt, überschreibt die biologische Determinante der Frau. Dieser Muttermund ist geheiligt, weil sich ihm die biologische Dimension versagt. Dafür wird er mit der propheta zum Sprechen gebracht. Aus ihm erklingt das Klangwort, mit dem sich die göttliche Trinität als Schallereignis realisiert. Während der Liturgie. Dort repräsentifiziert der zum mystischen Leib geeinte Frauenchor die Institution der Wiedergebärerin. Und mehr." (Wolfgang Scherer, Nunsexmonkrock oder Die gewissen Gnaden Davids. Musik und Minnemystik bei Hildegard von Bingen, Ms, S.29f)
Imponierend die Dissidenz inmitten des unangetasteten Christentums, die in der mystischen Auflassung dieses Hervorgangs besteht. Und heutzutage: trotz Cixous (Weiblichkeit in der Schrift, Merve 94, z.B.) ist Echo also mitnichten zu retten; sie ist Echo.
"Erst der von der Berührung abgeschnittene Blick, in sich umherirrend, entwirft zugleich die Oberfläche und das Unsichtbare der Innenräume. Ebenso zerfällt die Berührung in die Seite des Faßbaren und die des Verschwindenden, dem nicht mehr nachgejagt werden kann."
"... dieser da ist imago, nur ein Bild, nichts als Oberfläche, und Ich: ich bin die unsichtbare Überallheit des Innenraumes."
"Der Einfall (sc. des 'isto ergo sum') ist doppelt: ein Zusammenbruch und eine Imagination, als Identifizierung zweier Oberflächen
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Die äußere Oberfläche wird zur Ikone, zur Abbildung, wogegen die eigene Oberfläche, die seines Körpers, zum willkürlichen Zeichen eines Ego wird, ..." (H.-D. Bahr, Der Spiegel, das winzige Wasser und die Maschine, Konkursbuch 3, S.39-72)
Es hätte demnach zudem ausgeführt werden können, daß eben Schrift die Indifferenzierung der Oberfläche und der unsichtbaren Überallheit des Innenraumes, des Verschwindenden und des Faßbaren, die Identität der Ikone und des willkürlichen Zeichens eines Ego exekutiert.
"'Ich' rette einen inneren Hof nur, indem ich ihn in 'mir', bei mir, nach außen stelle.
Es geht dabei um das, was insgeheim stattfindet, um sich irgendwo außerhalb eines Ich in einem Ich (...) gesichert zu erhalten." (J. Derrida, Fors, in: N. Abraham/M. Torok, Kryptonymie. Das Verbarium des Wolfsmannes, Ullstein Materialien 35003, S.10)
Schrift, die den cogitionalen Binnenraum leert und als leeren versiegelt; er ist nicht mehr ... Schrift freilich auch als Tagwerk in der Nacht. (Man benötigt Licht zum Sehen, nicht aber zum Hören.)
Nicht indessen nur hätten die Maschineneinschnitte (Scheidungen) als Sprache und als Schrift zumal spezifiziert werden können, es bedürfte wohl ebenso einer Nachprüfung, ob nicht so etwas wie ein pränarzißtischer und auch präechohafter Zustand als die Wahrheit der beiden supponiert sind; was wie alle prä-Statuten nicht angehen kann: kein Einschnitt schneidet in eine Substratvorgabe ein, die als solche gegen diesen ihren Sündenfall irgend doch zu retten wäre. Insgesamt aber verbraucht sich die imponierende Textur in einer Art fortgeschriebener Phänomenologie, die, um noch mehr sein zu können, sowohl das Geschlechtsverhältnis als auch die einschlägigen Pathologien miteinbeziehen müßte.
"So bliebe denn übrig, zu sprechen und die Stimme in den Gängen widerhallen zu lassen, um den Mangel an Präsenz zu supplementieren. Das Phonem, der Laut ist das Phänomen des Labyrinths. So ist der Fall der phoné beschaffen. Sich gegen den Himmel erhebend, ist sie die Spur des Ikarus.
Im Gegensatz zu dem, was die Phänomenologie ... uns glauben machen will, im Gegensatz zu dem, was unser Begehren nicht zu glauben nicht versucht sein kann, entzieht sich das Ding unausgesetzt.
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Husserls wenig später gegebener Versicherung zum Trotz vermag 'der Blick' nicht zu 'dauern'."
(J. Derrida, Die Stimme und das Phänomen, edition suhrkamp 945, S.165)
Siehe auch: Parallelophonie zu Schwarzundweißund (Heide Heinz) von Melanie Heinz und Rudolf Heinz mittels der Narziß-Echo-Tonmaschine von Michael Breer mit Texten von René A. Spitz und Luce Irigaray (Vorgesehen für: Ommissa aesthetica, Essen 1987)
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