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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Was ist ein literarischer Text - psychoanalytisch? Vorbereitungen zu einer psychoanalytischen/nicht mehr psychoanalytischen Texttheorie (Omissa aesthetica, 1987, Essen, Die Blaue Eule, 61-76)
Vorbemerkung
Erstveröffentlichung des Vortragstextes in KAUM. Halbjahresschrift für Pathognostik, hrsg. v. R. Heinz, Nr. 3, Wetzlar 1986. - Da der Text in diesem Kontext allzu leicht marginal werden könnte, wurde er hier, also plazierter, wieder aufgenommen.
Der Titel meines Vortrags scheint nicht nur auf den ersten Blick ungereimt zu sein - Was ist ein literarischer Text - psychoanalytisch? -. Die auf Literatur angewandte Psychoanalyse nämlich, die psychoanalytische Literaturhermeneutik, ist, höchstwahrscheinlich ausnahmslos, auf den sogenannten Gehalt i.w.S. von Texten kapriziert, darauf, was Texte an Sinnabwurf aufbringen, und eben nicht auf Text als solchen, auf dessen Begriff. Diese Reduktion hat sich wie eine unproblematische Selbstverständlichkeit ins psychoanalytische Hermeneutikwesen eingeschlichen und wird entsprechend als solche - als eine Eingrenzung - kaum noch wahrgenommen. Und machte man sich die Mühe, nach der Begründung derselben nachzufragen, so erginge sicherlich der Bescheid, der Text als Text, der sei eben der Träger, die Vermittlung, das Medium der Sinnfigurationen, die in der psychoanalytischen Hermeneutik dann als deren einziges Anwendungsfeld der Ödipalisierung als des Inbegriffs dieser Prozedur offenständen. Als psychoanalytisches Thema aber, isoliert, käme der Text als solcher in dieser seiner Funktion, Träger, Vermittlung, Medium von einschlägigem Sinn zu sein (um diese Rätselworte abermals zu gebrauchen), nicht in Frage. Wie sollte man dieses auch bewerkstelligen? Eine Psychoanalyse von solchen Dinglichkeiten könne es nicht geben - ein Text ist ein Text und sonst nichts -; und ein anderes sei es, könne es werden, wenn ein Text als solcher - in einem Traum etwa - symbolisch -
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hintergründig werde. Solcher Symbolismus aber habe mit dem apostrophierten Text-Begriff, seiner, kurzum, Medialitätsfunktion selber, nichts zu tun.
Das klingt alles recht plausibel und brächte meine Fragestellung a priori zu Fall. Gleichwohl gebe ich noch nicht auf, begebe mich vielmehr in der Psychoanalyse (der psychoanalytischen Theorie, der sogenannten Metapsychologie) auf die Suche nach Begriffsinstrumentarien, vielleicht doch etwas psychoanalytisch Belangvolles über Text als Text selber aussagen zu können; und dies wohlwissend darum, daß es vielleicht der modernerweise viel gescholtene Subjektivismus der Psychoanalyse sein könnte, meine Fragestellung als psychoanalytisch irrelevant abzuweisen?
Erster Einfall
Hilfreich sein könnte in diesem Zusammenhang das sogenannte Strukturmodell mit seinen Elementen Es - Ich - Überich. Offensichtlich also ist der psychoanalytischen Theorie die Sicht auf Organisationsprinzipien für "Materialien" nicht ganz fremd; offensichtlich berücksichtigt sie nicht zuletzt auch Gesichtspunkte der Strukturierung, der Systembildung, und dies in Hinblick auf Grundmodi derselben, die in den Elementen des Strukturmodells benannt sind: den anarchischen (Es), den polemisch sakralen (Überich) und den souverän irenischen (Ich). Vielleicht gibt's von hierher Chancen eines Brückenschlags hin zu einer psychoanalytischen Texttheorie?
Den Anschein kann es haben. Denn, ist man geneigt, so etwas wie dingliche Analoga zu solchen psychischen Strukturierungsgrößen anzunehmen, so liegt es zweifellos nahe, Texte als solche dafür in Anspruch zu nehmen. Die Analogien scheinen auf der Hand zu liegen, nämlich im tertium comparationis der Verläßlichkeit (freilich einer gewordenen, erschütterbaren, zerstörbaren Verläßlichkeit) von - in ihren Modi differenter - Sinnreproduktion; wobei die diese Verläßlichkeit garantierende Strukturgröße medial-dienstbar untergeht in dieser ihrer Strukturierungsfunktion,
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dies jedenfalls im Normalfall.
Also: dem psychischen Strukturphänomen als solchem entspräche der Text als Text als "Gedächtnisextrapolation". Ferner könnte man in diesem Zusammenhang noch erwägen, ob nicht auch die eigentümlichen Strukturierungsmodi per analogiam in Texten begegnen - und zwar, denke ich, Formgesichtspunkten angenäherter, als allgemeine "Textgesten": Texte des Aufruhrs, des heiligen Kriegs, des Friedens (post bellum freilich). Überhaupt stört mich aber an diesem ersten Einfall das Analogiebildungswesen sehr empfindlich. Was nicht alles kann, mal fester, mal loser (recht fest hier außerdem!) in Beziehung zueinander gesetzt werden? Und selbst wenn hiermit eine richtige Spur betreten wäre, so klafft spätestens an der Stelle, wo von einer - gar auch noch sachhaltigen - Extrapolation des Strukturmodells auf das Textphänomen die Rede gewesen ist, eine große Erklärungslücke auf: inwiefern denn schickt sich eine psychische Struktur an, sich aus ihrem Heimatbereich loszulösen und sich zu externalisieren, zu objektivieren? Das unangenehme Fazit dieses ersten Versuchs: so wurde die Bannmeile der psychoanalytischen Hermeneutik nur zum Scheine überschritten mittels einer in sich wohlgefügten Analogie zwar, die eo ipso aber nicht befähigt sein kann, das eine Analogat, den Text, psychoanalytisch wirklich betreffbar zu machen, nämlich über seine nichtssagende Medialität hinaus zünftig zu erklären. (Dasselbe gilt ebenso für die Psycho-Strukturen, die sich nicht minder wie Unbedingtheiten gerieren, also für die andere Analogatseite der Analogie ebenso.)
Widersinnigkeit der Fragestellung a fortiori? Ja - im Rahmen eben des psychoanalytischen Subjektivismus. Man stelle sich aber einen Augenblick lang im Vorgriff vor, daß alle Strukturbestimmungen selber von Gnaden dessen seien, was angeblich immer nur in den sogenannten Gehalten sich an Ödipalität aktualisierte - alle medialen Strukturbestimmungen, subjektiv oder objektiv, Exekutionen des (genitivus subjektivus und objektivus) Ödipuskomplexes?
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Zweiter Einfall
Hilft diesmal nicht die Narzißmustheorie, so wie sie Heinz Kohut ausgeführt hat, gebührend weiter? Notorisch hat dieser orthodoxieverhaftete Zweig der Fortschreibung der Psychoanalyse am meisten Sinn für Verdinglichungsphänomene - Verdinglichung des Anderen (Alterität, heteron) - entwickelt, so daß sie im Kerne den Vergleich etwa mit Sartres Ausführungen zum Verhältnis zum Anderen (in "Das Sein und das Nichts") nicht zu scheuen braucht. Zutiefst klinisch-empirisch operationabel reproduzieren die sogenannten narzißtischen Übertragungsformen - die "idealisierende Übertragung" und die "Spiegelübertragung" mit ihren Spezies jeweils - das narzißtische Uransinnen, den Anderen, alles Andere in den Zustand vollendeter Disponibilität überzuführen: der Hörigkeit, die ihre Erfüllung fände in der Substitution des Anderen durch ein entsprechendes Ding - eine Gerätschaft, eine Maschine -, die in der reklamierten Funktion, selbst willenlos, ohne Eigenwillen, Selbstbehauptung und dergleichen, aufginge, und dies aller Verschuldensverhältnisse ledig. Es wäre mir ein Leichtes, aus eigener klinischer Erfahrung zu belegen, daß der Grenzwert der narzißtischen Not in der Tat immer auf solche maschinellen Substitutionen hinzielt - so z.B. meiner Ersetzung - im Zusammenhang des Zusammenbruchs der idealisierenden Übertragung - durch ein Buch, in dem mühelos alles nachlesbar wäre, was ich je sagen könnte - immerhin ein Buch, ein Text - an meiner Statt -. Und die narzißtische Katastrophe wird regelmäßig dann allererst perfekt, wenn diese i.w.S. technischen Substitute nicht entsprechend gebraucht werden können: wenn also beispielsweise dieses Idealbuch nicht gelesen werden kann, weil seine Schrift vor den Augen verschwimmt (und dergleichen an Versagen mehr).
Endlich also - narzißmustheoretisch begründbare - Chancen, Aspekte einer Psychoanalyse des Texts als Textes formulieren zu können? So mag es wiederum scheinen. Allein, die vorliegende Version der Narzißmustheorie à la Kohut nimmt diese Offerte
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wieder zurück. (Ich weiß es diesmal gar aus erster Hand - wegen einer Korrespondenz mit Kohut, in der ich vergeblich anzuregen versuchte, die Narzißmustheorie bis in solche "Objektivitäten" hinein fortzuschreiben.) Und zwar 1. fällt es auf, daß sie für dieses Anderen-Verdinglichungsultimatum, die maschinelle Substitution, keinen eignen Terminus einführt, obgleich diesselbe eben als dieses Ultimatum de facto allenthalben begegnet. Und in dieser Auslassung kündigt sich 2. wohl bereits an, daß der Übergriff in die Dinglichkeiten hinein überhaupt nicht oder nur zum Scheine stattfindet, daß die Subjektivismusgrenzen des Fachs voll also gewahrt bleiben. So ist es denn auch. Denn die Ding-Ersetzung des Anderen (inklusive hinwiederum des Scheiterns derselben) läuft rein im Subjektivismusrahmen letztlich als Pathologikum, als Ausdruck also einer narzißtischen Defizienz, ja eines Defekts. Damit schwindet aber alle Hoffnung, auf diesem narzißmustheoretischen Wege Aufschluß zu erhalten über die Produktionsmotive von Texten, insofern die besagte Anderen-Disponibilität - absurderweise, bin ich versucht zu sagen - bloß eine Angelegenheit von Krankheit ist. Auch narzißmustheoretisch gilt der enttäuschende Spruch: Texte sind eben Texte - über sie hat die avancierte Psychoanalyse nichts zu sagen -; ausnahmsweise aber geraten sie - im Sinne einer narzißtischen Überbeanspruchung - ins Feld der narzißtischen Störungen, also eines kranken Gebrauchs bloß. Man wird also den Eindruck nicht los, daß Texte, und wahrlich nicht nur Texte, in psychoanalytischem Verstande vom Himmel fallen, man weiß nicht weiter wie. - Abermals ein Holzweg? Gewiß - wenn man die Narzißmustheorie in diesen Subjektivismusgrenzen wieder einsperrt. Man stelle sich aber einen Augenblick lang vor, narzißtische Not sei, fernab davon, Krankheit zu indizieren, das Fundamentalmotiv nicht nur des Gebrauchs, selbst schon der Produktion von Texten, zumal von künstlerischen, literarischen? Ja, dann wäre es sicherlich möglich, Gedanken zu einer psychoanalytischen Theorie des Textes als Textes vor-zuformulieren, diesmal gar ohne das leidige
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Problem der Analogiebeliebigkeiten und dergleichen mitzuschleppen, sofern der narzißtische limes, mitnichten pathologisch, das Ding ja selber wäre.
Letzter Einfall nach all diesen Irrwegen - wie eine Notbremse wohl
Freuds späte Todestriebhypothese. Ich komme insofern - jetzt zuletzt - darauf, als nämlich dingliche Mortalität in diesem Zusammenhang als Letztwunsch des Lebens selber fungiert; und weil zudem - bis dahin zwischendurch - diese Beendigung durch Gewaltanwendung nach außen quasi vorweggenommen werden wolle: Todesparade durch Töten. Sie kennen wohl die Sequenz der Sadismen in diesem Zusammenhang: Ursadismus (= Todestrieb), ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus, Sadismus als Perversion schließlich? Ursadismus (letztlich mit dem sogenannten primären Masochismus zusammenfallend), das ist der Wunsch des Lebens nach dem Nichtlebenszustand; der ursprüngliche Sadismus, das ist die besagte Inversion, das Entropische dieser Wunscherfüllung aufzuschieben, jedoch in den Grenzen der Destruktion selber: Todesaufschub durch Töten letztendlich; der eigentliche Sadismus, das ist der Teil der Destruktionspotentiale, der erforderlich ist zur individuellen und generativen Reproduktion (recht eigentlich der Gesamtbereich der Sexualität); und Sadismus als Perversion - das ist die pathologische Bloßlegung eben der Tötungsinversion des Todes, des Todestriebs.
Vielleicht können Sie jetzt ahnen, warum ich im Zusammenhang der Suche nach Möglichkeiten, eine psychoanalytische Texttheorie zu verfassen, auf die Todestriebhypothese gekommen bin? Hier nämlich wird die Verdinglichung eingebunden in die menschliche Triebverfassung selber, und zwar in der Art der besagten Umkehrung: der Inversion des Todestriebs in den ursprünglichen Sadismus, will sagen: die Sterblichkeit des Menschen motiviert die menschliche Destruktivität als Verdinglichung (im Sinne einer Fatalität). Und in den Zusammenhang dieser todestriebbedingten
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Verdinglichung hinein gehörten dann freilich auch alle Texte, diese Grabmale, memorials von Sinnreproduktivität.
Gewiß, so mag man die Todestriebhypothese weiter denken können, dem modernen Frankreich nicht fern. Doch es ist leider keineswegs so damit bestellt, daß Freud einen in diese Fortsetzung hinein fraglos entließe; die Sperren dagegen sind erheblich. Und zwar besteht der erste umfassende Hinderungsgrund darin, daß die Todestriebkonzeption - ein alter berechtigter Einwand - biologistisch geraten sei: es handle sich dabei um einen Triebvorgang, nicht indessen um einen phantasmatischen der Selbstgründung, durch totale Selbstekrementalisierung sozusagen in den Stand der Selbstabsolutheit, -absolution, -exkulpation einzugehen. Zudem erwägt Freud mit keinem Wort die Möglichkeit - ein solcher Gedanke lag ihm wohl gänzlich fern? -, die Abkömmlinge der Todestriebinversion, des ursprünglichen Sadismus, als Werke des eigentlichen Sadismus über den Bereich der Sexualität hinaus auf die Gesamtheit der Dingproduktion auszuweiten, so etwas wie die "produktive" Ubiquität des also schaffenden Todes anzunehmen. Nein, bis zuletzt bleibt die menschliche Dingwelt jenseits der Subjektivismuskasernierung ohne Platz in der psychoanalytischen Theorie, wenngleich eben in der Todestriebhypothese doch alles zu dieser (von mir gerne so genannten) Objektivitätsekstatik dieses Nicht-Triebes hindrängt. Abermals ein Irrweg? Ja, immer wenn man den bis zuletzt konservierten Subjektivismus der Psychoanalyse teilt, dann bleibt alle Dinglichkeit, Texte inklusive außen-vor. Man stelle sich aber wiederum einen Augenblick lang vor, alle Texte seien Taten der Todestriebumkehrung in den schaffenden Tod, Todesaufschiebungen als Tötungen, die selbst aber darüber wunderbarerweise zu "sprechen" vermöchten gar. Vielleicht ist so zu denken möglich, jenseits der Psychoanalyse durch sie hindurch.
Die Auffindung von Konstituentien einer psychoanalytischen Texttheorie im Streifzug durch die Metapsychologie des Fachs führte demnach zu vielfältigen Fehlanzeigen. Grund dafür ist der
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psychoanalytische Subjektivismus: daß Objektivität, zumal Dinglichkeit, tautologisiert und verschlossen außen-vor bleibt und damit paradoxerweise zum Inbegriff des dahinein verschobenen Unbewußten wird.
Wie aber ist diesem Zustand abzuhelfen, so daß Texte als Texte psychoanalytisch überhaupt betreffbar gemacht werden könnten?
In einem ersten Schritt, denke ich, bedürfte es der Koordination der bisher angesprochenen psychoanalytischen Theoreme, die ich so disparat gelassen habe, wie sie in der Geschichte des Fachs durchweg auch begegnen. Zunächst noch in den Grenzen des monierten Subjektivismus formuliert, nähme die gesuchte Koordination in etwa die folgende Gestalt an:
Grundlegend ist und bleibt (allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz) der Ödipuskomplex. D.h. aber der humanistische Fundamentalwunsch der Selbstgründung durch die Aneignung des eignen Ursprungs, generationssexuell formuliert: der Eltern in der Gestalt von "Vatermord" und "Mutterinzest".
Das Strukturmodell "beschreibt" nichts anderes als den Vorgang eben der Selbstgründung im Sinne intrapsychischer Prozesse: das Ich, gar auch noch als autonomes behauptet, es ist das Phantasma gelingender - gedächtnisloser - Selbstgründung im Vorausgang der zitierten Gewalttaten, die in actu, also im Status des Kampfes, durch den Widerstreit von Es und Überich, ihre Terminologisierung finden: Überich = der tote Vater, Es = Gattinenmutter.
Das Narzißmuskonzept nun markiert das nothafte Gewalt- und Verdinglichungsmoment in diesem Selbstgründungsvorgang interpsychisch im Bezug auf den nicht zuletzt geschlechtlichen Anderen.
Die Todestrieblehre schließlich totalisiert das Gewalt-, Verdinglichungsmoment im Selbstgründungsvorgang und führt das Selbstgründungsansinnen auf den Skandal der Sterblichkeit, des Todes, zurück.
Der Widerstreit von Es und Überich, der narzißtische Selbstimperialismus, die Wirkungen des ursprünglichen Sadismus (als
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Inversion etc. des Ursadismus) - das sind demnach Synonyme, und zwar Synonyme des ödipalen Vatermord- und Mutterinzestdramas unter dem Anspruch der Aneignung des eignen Ursprungs zum Zwecke der Selbstgründung, die ihrerseits synonym mit autonomem Ich, narzißtisch reifem Selbst, die Reproduktion besorgendem eigentlichem Sadismus bezeichnet ist.
Wie gesagt, verbleibt selbst diese Theoreme-Koordination noch im Banne des Subjektivismus. Was muß nun geschehen, um diesen Grundmangel aufzuheben, damit die Fragestellung meines Vortrags nicht immer weiter entrückt? Es obliegt mir jetzt, Ihnen die Notwendigkeit der häufig schon angesagten Objektivitätsversion der Psychoanalyse - die damit aufhört, Psychoanalyse zu sein? - plausibel zu machen. Gelänge dies, so wäre es auch nicht mehr schwierig, Grundgedanken zu einer psychoanalytischen/dann nicht mehr psychoanalytischen Texttheorie vorzustellen.
Gehen Sie bitte mit mir an eine Stelle des Vortrags zurück, wo ich ein Beispiel für ultimative narzißtische Not anriß: ich möge ersetzbar sein durch einen Text, der alles enthielte, was ich je sagen könnte zur Behebung dieser Not etc. Ich fuhr in diesem Zusammenhang fort - sinngemäß -, ob denn die narzißtische Not nicht vielleicht nicht nur das Motiv einer solchen Gebrauchsreklamation, vielmehr zuvor schon das Motiv der Hervorbringung, der Produktion selber sein könne. Der limes des Narzißmus als Dinglichkeit, namenlos gelassen in der herkömmlichen Narzißmustheorie? Verfügungsgewalt und Nichtverschuldung - diejenigen Attraktionen, die zur Ersetzung des Anderen-Selbst durch Dinge des einzelnen motivieren? Ich riskiere in der Tat, dieses zu behaupten: daß nämlich die ultimative narzißtische Not der Ding-Substitution des Anderen-Selbst - nothaft zumal, wenn diese hinwiederum versagt -, mitnichten als ausnehmendes Pathologikum in der Gebrauchs-, Konsumsphäre geltend gemacht werden kann; daß diese letzte narzißtische Not vielmehr den Letztgrund für den Vorausgang dieser Ding-Substitution - als die Dingproduktion selber schon - ausmacht.
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Argumente für diese überaus folgenreiche Versetzung (ich fasse mich kurz): es wäre schon, denke ich, widersinnig, wenn der Inbegriff des Menschlichen (Humanen, Humnanistischen) als eine sich wie unbedingt gerierende Riesengröße - überlegen Sie einmal: von wieviel Dingen sind Sie alleine hier im Raum umgeben!? - von der Ausstattung des Menschen, seiner "Trieborganisation" abgekoppelt, wenn der besagte Subjektivismus die Wahrheit über diese Verhältnisse wäre: hier die Dinge, dort die Subjekte. Dagegen wird es überfällig, davon auszugehen, daß die entscheidenden Schlachten eben in der Großverschiebung des Ödipuskomplexes in "Natur" hinein und in dessen Verdichtung ebendort geschlagen werden - der Schein einer metabasis eis allo genos drängt sich ja, wie angedeutet, in allen fortgeschrittenen psychoanalytischen Konzeptionen, insbesondere bei Freud schon in der Todestriebhypothese, auf. - Das für meine Erfahrungs- und Denkverhältnisse indessen stärkste Argument für diesen Übergriff ist klinischer Observanz. Wenn man es versäumt, den psychoanalytischen Subjektivismus zu durchbrechen, die am Ort des Konsums aufkommende Krankheitsstruktur: das Scheitern der Beilegung des Ödipuskonflikts, nicht in den Hervorbringungsgrund aller Dinge hineinverlegt, so muß man vor dem psychopathologischen Krankheitsextrem, der Psychose, insbesondere der Schizophrenie, kapitulieren: praktisch-therapeutisch allemal, was ja zur Genüge geschehen ist, und schließlich auch theoretisch, das Psychosenverständnis betreffend. Unbrechbar stößt der Psychotiker diesen Subjektivismus ab.
Psychose - das ist nun in diesem Zusammenhang wie ein Stichwort. Es gilt nämlich die Zumutung - und alleine schon deshalb ist ein solches Denken anathema, wenngleich es einzig noch befähigt ist, die ganze Misere unserer Dingproduktion, die Prärogative der Waffen zumal, verständlich zu machen -, es gilt also die Zumutung, im sicheren Schutze eines hypertrophen Repräsentationswesen freilich, das psychotische Denken nachzustellen, immer wenn das Novum einer Psychoanalyse von Dinglichkeiten,
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hier Texten, anzugehen beabsichtigt wird: mit einem Schlagwort formuliert: schizoanalytisch vorzugehen.
Was also ist ein literarischer Text - psychoanalytisch (oder schon nicht mehr psychoanalytisch)?
Zur Beantwortung ist nicht mehr und nicht weniger zu leisten, als den gesamten Bestand Ödipuskomplex auf dem fortgeschrittensten Stand seiner Konzeption (Narzißmustheorie, Todestrieb) buchstäblich zu objektivieren; und vor allem dabei nicht in den Fehler zu verfallen zu meinen, damit bloß Analogien und, mehr noch, letztlich ins Pathologische führende Symbolismen geschaffen zu haben. Das hört sich einfach, fast wohlfeil an. Doch solches zu vollziehen und beim Vollzug und dem Vollzogenen zu weilen, das hätte den Charakter einer gefährlichen Initiation für alle diejenigen, die mit Texten ex professo umgehen.
Also: was ist ein literarischer Text - psychoanalytisch, noch psychoanalytisch, nicht mehr psychoanalytisch? Inbegriff von Andersheit, von Differenz ist der sexuelle Mutterkörper, soweitgehend dieser Inbegriff, daß er die Lebens-Todesdifferenz mitbefaßt. (Und ebenso soweitgehend dieser Inbegriff, daß er für das weibliche Geschlecht mitgilt - mit entsprechend unabsehbaren hier nicht auszuführenden Konsequenzen eben für den Stellenwert des weiblichen Geschlechts inmitten der uns allein geläufigen "ödipalen" Existenzform.) Dieser Inbegriff von Alterität muß als solcher vernichtet werden um der Selbstgründung (Individuation, Autonomie etc.) willen, und das Vernichtungsultimatum erfüllt sich in der Dinghervorbringung. Der Vernichtungsmodus indessen, betreffend die Gefügigkeit dieses Opferstoffs sexueller Mutterkörper, definiert sich durch zweierlei Bestimmungen, den "Tochterstatus" (so mag man sich hier ausdrücken dürfen) als des "Verrats"Brückenschlags zur Weiblichkeitsopferung hin und eben der "Totheitsgarantie" des Vaters (Aphanisis, Kastration etc.) als des Geschlechtsverzichts um der Etablierung dieser Herrschaft, recht eigentlich der der Generalisierung des "Fetischs", willen. Es wäre durchaus möglich, Freuds Fetischismuskonzept (Fetisch als
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"phallische Mutter") in nicht-subjektivistischer Version hier einzusetzen - dies aber nur als Hinweis und Anregung gesagt. Damit habe ich abermals alle erdenklichen Bestimmungen des Ödipuskomplexes aufgeführt, des Ödipuskomplexes inklusive des Narzißmus und des Todestriebs.
Texte sind demnach, wie alle Dinglichkeit allgemein, Weibsleichen, Mutterkörper-memorials, und als solche Elemente der Selbstgründung, notorisch grundloser - sich dem Nekrophilismus-quidpro-quo verdankenden - Selbstgründung. Man erwidere hier bitte aber nicht, dies seien unseriöse Bilder, Metaphern, bloß deplazierte Symbole, Psychosensprache. Nein, um es ausnahmsweise einmal Lacansch zu formulieren: freilich sind Texte Exponenten der "symbolischen Ordnung", der Dinglichkeitserfüllung von Repräsentation, speziell von Sprache; repräsentiert aber wird, ersetzt, symbolisiert, eo ipso dies Andere unter dem Anspruch seiner bruchlos kontinuierlichen, opferlosen Befreiung gar. Und die Dingerfüllung dieses Repräsentationswesens, hier der Text, verdankt sich eben den Grundprozessen der Bildung des Unbewußten, der Metonymie und der Metapher, der Verschiebung und der Verdichtung, der Grundausschreitung ins Tote sowie dem Verschluß des also Ausgeschrittenen. So daß Texte, also zustandegekommen, Teile sozusagen des Unbewußten (objektiven Makro-Unbewußten) sind. Entsinnen Sie sich bitte sogleich der Begründungsandeutungen dafür, daß es unverzichtbar sei, den Ödipuskomplex zu "objektivieren" - die Gründe dafür sind abermals akut -: ohne die Sicht auf die Resurrektion des Ödipuskomplexes, des untergegangenen, in allen Dingen, ohne diese Wiederkehr des Verdrängten, ja gar - on dit - Aufgelösten en gros, gibt es schlechterdings keine Chance, Objektivität nicht-tautologisch denken zu können.
Ich bin mir nun dessen bewußt, daß ich bisher nur das Gnostifikationsmodell für Dinglichkeit überhaupt vorgestellt habe. Wenngleich Texte allgemein dahinein gehören, so bedürfte es doch ihrer einschlägigen Spezifikation bis hin zur speziellen Indizierung
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literarischer Texte, meiner Themenstellung gemäß. Nun, in diesem Zusammenhang einen allgemeinen psychoanalytischen/nicht mehr psychoanalytischen Textbegriff zu generieren, hält - im allgemeinen - nicht besonders schwer: Schrift-Texte, das sind eben rationalerweise fortgeschrittene Repräsentationen von allererst erfülltem, die Sprachautotomie überbietendem Dinglichkeitscharakter (allein schon wegen der Einbeziehung der sinnlichen Rationalitätsklimax des Sehens), der gleichwohl im Kontext der vordinglichen Allrepräsentation von Sprache ganz verbleibt - ich darf in diesem Zusammenhang insbesondere auf J. Derridas Schriftphilosophie verweisen.
Was aber ist ein literarischer Text? Wenn ich hierbei freie Hand hätte, so würde ich mir den haltlosen Normativismus erlauben, den Literatur-, Kunstcharakter von Texten darin zu setzen, daß diese sich selber als Texte sozusagen texten, das heißt, daß sie - ohne dies abgehoben-theoretisch, wie ich es versuche, zu bedeuten - die Gnostifikation ihrer selbst, wie gehabt, leisteten oder wenigstens eine gangbare Spur dahin legten. So gehts insofern - wem muß ich das hier sagen? - nicht, als diese suizidale Textverfaßtheit sicherlich eine Art von eschatologischer Textversion ausmacht, die mitnichten als Wesen des literarischen Textes überhaupt geltend gemacht werden kann. Und doch, meine ich, ist diese Spezifikationsspur nicht ganz falsch, wenn immer sie geneigt wäre, die Verallgemeinerung dieses Kriteriums der Auto-Textur aufzugeben und stattdessen dem gleichwohl generalisierbaren Moment darin nachzugehen: nämlich der Selbst-Referenz-Wertigkeit, textbezogen, doch. Was nämlich unterscheidet den Literaturtext als künstlerischen Text von anderen nichtkünstlerischen, was macht ihn so notorisch imponierend? Es kann nicht nicht dieser Selbstbezug auf sich selber als Text eben dieses Wesens sein, der dafür sorgt; Selbstbezug indessen keineswegs in einer identischen Erscheinungsform nur, etwa in der eben sogenannten "endzeitlichen". Wenn ich recht sehe und ein wenig noch auf Verdacht gesagt, so müßte es wenigstens drei typische
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Erscheinungsformen der "Auto-Referentialität" geben: die sakrale, die profane und eben die eschatologische.
Die sakrale stellt den Selbstbezug unter Vorbehalt, die profane gibt diese Vorbehaltlichkeit in Medialität hinein auf, die eschatologische stellt diesen als solchen dar. Anstatt aber nun der Operationalitätsdifferenzierung dieser "Typen" nachzugehen, die ja en gros nicht weniger als die Konstitution des Objekts der Literaturwissenschaft betreffen, bedarf es im psychoanalytischen/nicht mehr psychoanalytischen Zusammenhang hier insbesondere noch der einschlägigen Dechiffrierung dieser fürs erste philosophisch nur eingeführten Größe der entscheidenden Spezifikation literarischer Texte als literarischer: was heißt hier Selbstbezug? Selbstbezug - dies kriterial Imponierende -, es meint an diesem Weibsleichen-Mutterleib-memorial mit seiner memorial-repräsentativen Auflassung genannt Text, die im Toten verbleibende Scheinhaftigkeit, das grundlegende Opfer post festum als null und nichtig zu erklären, das Geopferte also als restituiert/restituierbar zu unterstellen, dem Disponibilitätsgebilde den Status der Jungfräulichkeit, anlockender Virginität, on dit, zurückzuerstatten. Festhaltung (Hypostasierung) demnach eines Vorübergangs (Transits, Interims) - drastisch gesagt, so etwas wie die Suggestion der Unendlichkeit eines der Speise gegenüber noch respektuösen Tischgebets; Widerspruch, kurzum, das Opfermotiv selber als Opferverhinderung auszugeben, um den Sachverhalt sogleich eschatologisch zu formulieren.
Von diesen Andeutungen her ergeben sich nun, denke ich, Chancen, den überkommenen Bestand an psychoanalytischer Literaturhermeneutik angemessen einschätzen zu können. Weitestgehend bleibt dieser Zweig angewandter Psychoanalyse in zweierlei Rücksicht eingeschränkt: er blieb sowohl konsumtionsbezogen als auch bezogen auf den Profanitätstypus des besagten Selbstbezugs (als des Schibboleths von Kunsttextur): seine integral-bürgerliche Restriktion. Das haben Sie gewiß schon als Beschränktheit dieses Ansatzes selber erfahren, inklusive des fürs erste
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befremdenden Umstands, daß sich die Psychoanalyse von Anfang an mit der künstlerischen Moderne recht schwer tat. Nicht zu übersehen aber ist es indessen, daß eben die also begrenzte psychoanalytische Literaturhermeneutik durch offenherzigste Inflationierung der Ödipus-Komplex-All-Extrapolation einen wohl bedeutenden Beitrag dazu leistete, den "klassischen Bildungsbegriff", Konsumatorik, auf "Kunstprofanität" bezogen, in sich kollapsisch zu machen.
Ich versuche zum Schluß zu kommen. - Wenn ich Literaturwissenschaftler wäre, so würde ich mich - nach weiteren Theorievorausgängen - auf die Suche nach solchen einschlägigen Texten begeben, die den besagten eschatologischen (sich selbst offenlegenden) Selbstbezug vollziehen und die herkömmliche psychoanalytische Hermeneutik daran korrigieren. Mein Verdacht ist es, daß Kafka zum Spitzenbeispiel dieser Modernität werden könnte. Mehr aber noch zuhause bin ich in sogenannten Textobjekten von Heide Heinz**. Dies sind, wie gehabt, eschatologische Gebilde par excellence: durch die Verwechslung von Text und "Person" reißt die Lebens-Todesdifferenz, der Opfercharakter unheilbar auf; und mehr noch: anti-ästhetisch wird die Selbstbezugsanlockung, das festgehaltene Virginitätsinterim, durch Hypertrophierung (Unlesbarmachung der Textvorlage) aufgelöst, der ganze Trug also der Opferverhinderung offenbar gemacht; und nicht zuletzt auch Schrift zu den Maschinen hin visualisiert: das Opfertelos also angekündigt. Diese Textobjekte sind von Kafka freilich insofern gänzlich entfernt, als dieser ja die Textur monstruöserweise heil beläßt, im Genre Literatur verharrt.
Was ist ein literarischer Text - psychoanalytisch? Die Frage ist demnach nicht mehr im Kontext der herkömmlichen Psychoanalyse als Hermeneutik "klassischer" Texte zu beantworten. Ich habe Ihnen den gegenwärtigen Stand der Diskussionen damit durchaus vorgeführt, nur dergestalt, daß dieser an seinem Rande die vorgeführte Innovation enthält und also über sich erheblich hinausweist in das hinein, was ich gerne Rationalitätsgenealogie
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und -gnosis nenne, ein dem poststrukturalistischen Denken wohl verwandtes Gebilde.
1984
* Vortrag auf Einladung des Hauptseminars "Psychoanalytische Literaturkritik" - Sauder/Marx/Wild - des Fachbereichs 8, Fachrichtung 8.1 - Germanistik - der Universität des Saarlandes am 17.2.84
** Heide Heinz, Text-Jungfrauen mit Aussteuer zur Philologenvollbeschäftigung, Frauenmuseum Bonn 1984.
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