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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Die eingesperrte Sakralität. Zum Problem des Rest-Heiligen in Psychopathie (Retro II (1983-1994), 2006, Essen, Die Blaue Eule, 154-171)
(aus: Das Heilige. Seine Spur in der Moderne, herausgegeben von D. Kamper, Chr. Wulf, Athenäum, Frankfurt/M. 1987)
I. Patho-Gnostik1
Die Überwertigkeit säkularer Aufklärung, just unsere Art, auf's Geratewohl umfassend zu existieren, meint immer noch, das mythische Schuldverhältnis zu seinem Gott an der rechten Stelle, der emanzipierten Welt, abgeschafft zu haben, und betreibt, komplettierend, ebenso die reine Weltlichkeit des - so sagt man: irrationalen - Schattenwurfs dieser großen Tat als eingedenkenden Universalkitsch des entrückten Ursprungs; worin einzig noch sich das Heilige als folgerichtig angepaßtes - erlaubt, erwünscht, geboten - auszubreiten pflegt. Die Grausamkeit dieses Hominitätsirrtums unserer expansiven Breitengrade, den zu quittieren allein in seinem ureigenen Eschaton, dem Tode, erfüllbar scheint, erreichte längst einen solchen Destruktivitätsgrad - das hat sich herumgesprochen -, daß selbst ein so anrührender Beschwörungstopos wie die "Dialektik der Aufklärung", der unabdingbare Widerspruch der Vernunft zum eignen Ansinnen, sich als dinglich absorbierte Gewaltkulmination dieses Fundamentalgebildes in sich selber erweist: Dialektik - war sie jemals mehr? -, der travestisch zur Ubiquität hinneigende Waffencharakter aller
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1 Pathognostik ist der Titel eines schon längere Zeit laufenden Versuchs der Kritik der Psychoanalyse, insonderheit ihres Subjektivismus. Siehe: die "Arbeitsblätter für Pathognostik" (davor für "Anti-Psychoanalyse") in: Die Eule. Diskussionsforum für rationalitätsgenealogische, insbesondere feministische Theorie, hrsg. v. H. Heinz, Wuppertal/Düsseldorf, ab Nr. 5, 1981. "Die Eule" wird - spezialisiert auf die Explikation von Pathognostik - fortgesetzt durch "Kaum. Halbjahresschrift für Pathognostik", hrsg. v. R. Heinz, Wetzlar (Büchse der Pandora), ab 1984. Relevant für die Entstehung dieser einschneidenden Modifikation der Psychoanalyse sind u. a. auch die folgenden Beiträge in der "Eule" (fortlaufend ab Nr. 3, 1980): Die Utopie des Sadismus; Logik und Inzest; Tanzrhizome (über das Wuppertaler Tanztheater); Vom schwindenden Jenseits der Götter; Philosophie und Krankheit; Von der Angst des Philosophen vor der Philosophie; Fußball-Gnostik; Kleinbürger-double-binds oder: Die Psychoanalyse als Erziehungsanstalt; Shame and Scandal in the Family 1; Libera nos de ore leonis (über Anselm von Canterbury); Philosophie der Sexualität. Ebenso: Welchen Geschlechts sind Fernsehapparate?, in: Tumult. Zeitschrift für Verkehrswissenschaft, Nr. 5, Wetzlar (Büchse der Pandora), 1983, S. 70-87.
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Dinge, einschließlich der korrespondierenden Subjektverfaßtheit Ataraxie, unantik, also die Virtualität des Zerberstens von Welt im Allgemeinen und im Ganzen.
Und die Folge dieses Fortschritts? Das Heilige jenseits des Universalkitsches - ein Heiliges, das diesen Namen im Sinne wenigstens eines auf Dauer gestellten erstarrten Witzes noch einmal letztendlich verdiente - scheint allemal als Absolutheitskriterium seines Scheingegenteils in diesem bis zur Unkenntlichkeit von Indifferenz eingesperrt; Arkanum, demokratisch unbegrenzt in allen Dingen und Subjekten, hierogamisch einvernehmlich eh, immanent freilich auch voll der Hierarchie mit den Raketendeponien an der Spitze. Ja, im Hunsrück und in der Eifel und an vielerlei Orten mehr, da wohnt der Eine Gott.
Es gibt aber - warum eigentlich nur? - seltsame Abweichungen von diesem selbstverständlichen, alltäglichen, nicht weiter aufregenden Kult; Störfälle auf des Subjekts Seite mit einem Gebaren, so als wäre die doch im Ganzen verläßliche Glätte der Dinge unsichtbar mit progredienten Rissen durchsetzt, aus denen zum Schaden dieser Sorte von Dissidenten inexistente Gespenster hervorquellen. Und dabei geschah nichts, schier nichts mit den betroffenen, anscheinend ad libitum ausgewählten und gar banalen Dingen (geschlossenen Räumen, offenen Plätzen, Brücken zum Beispiel und so weiter); weder gingen sie entzwei oder drohten solches an, noch gab's Sabotageakte, die ihnen gegolten hätten, noch wütete einfach ein Krieg. Kein peinlicher Erdenrest der gewiß noch nicht ganz perfekten Vernunft, der Anlaß zu diesem befremdlichen Terror gegeben hätte, reiner Illusionismus nur eines überflüssigen tremendum et fascinosum. Solches - Krankheit, zumal die psychische: verräterische - muß als besonderes Ärgernis weg.
Alle Krankheit zapft die in den Dingen untergegangene, als martiale Dinglichkeitserfüllung ebendort subsistierende Sakralität mitsamt deren instantanem Rückschlag als Subjektverfassung, autonomes Ich an; geht also in den Gott ein (und fällt ineinem von ihm in kein Anderes ab). Worin besteht das Sakralitätssujet von Krankheit - das in die Dinge/das Ich eingesperrte, wie verschwindende, sich als deren Substanz zugleich ausbreitende -? Und weshalb gibt es sie überhaupt, diesen, wie man meinen sollte, rein auf Einbildung beruhenden Störfall neben den anderen dagegen realen, Krankheit? Das Heilige, das ist der - in der Krankheitsanzapfung unsentimentalistisch in synchronen Intensitäten tatsächlich noch erfahrbare - nothafte Aberwitz des Absolutheitsphantasmas des ganzen Gotts des Menschen. Es unterhält
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sich in der rasenden Imperialität der Schlachtung allen heteron: des Geschlechts, der Generation, des Todes selber. Das Heilige, der restlose Inzest-Klumpatsch. Dingeingeschlossenheit und -binnendurchdringung mitsamt der Un-Fühlung dessen: Hades-Ich müssen diesem Gotte zukommen, sofern allein in dieser Verhüllungs- und Vorbehaltsform sich seine Destruktionspotenz, schmeichelnd gesagt eroshaft, verteilt und also aufschiebt. Immerwährend nährt sich unser aller Ding- und Subjektversion nach dem abendländischen Urmodell der mißverstanden dauerhaft hygienisch gemachten Leiche: der Kulmination der Schuld der Vergängnis mirakulöserweise im selben Atemzuge als deren erlösender Vernichtung. Todesusurpation. Das Heilige: die Leichenkonservatsdisziplin zum Zwecke der Herstellung, nein: nur noch des souveränen Gebrauchs unserer herrlichen Absolutheiten, der Dinge.
Diese segensreich abgestumpfte Heiligkeit zusammen mit ihrem offiziellen Kitschabwurf, der komischen Wiedergutmachung der irreparablen Schäden, die sie wesensmäßig anrichtet, hält allerstrengstens darauf, dieses ihr Betriebsgeheimnis (Nekrophagie - durchaus in der Art von Meister Proper) zu wahren. Sonst nämlich geriete sie in die penible Lage, selber des Fundamentalverbrechens - der Abstreitung der Zeit (wenigstens in der Allextrapolation von anamnesis) - beschuldigt werden zu können. Der oberste Richter vor Gericht, heilig/verrucht. Daraus resultiert der vernünftige Inbegriff des Sanktionswürdigen: schlicht nämlich das Wissen des göttlichen Mysteriums, des Innenlebens Gottes, Gnosis, das Bewußtmachen des Makro-Unbewußten, nicht-subjektivistisch des der Dinge und des Ich. Da die gnostische Begeisterung - jüngst die des modernistischen Mystikums reiner Intensitätserfahrung - besonders indessen verführbar scheint, sich, dieses Binnenextrem von Rationalität, als deren Dispens schon auszugeben, wird die Ermahnung vonnöten, daß diese - noch nicht einmal nicht mehr vorgesehene? - Erkenntnis, gleich in welchem Modus vollzogen, immer post festum vonstatten geht: Erkenntnis, leichtfertig mit dem Titel des Höheren versehen, die nicht umhinkommt, parasitär zu sein am Vorausgang der Dinghervorbringung (und -verteilung), untergebracht im Ort des blockierten Übergangs vom maßlos bevorzugten Verzehr (maßlos bevorzugt ob der Verheißung der Restitution des Geopferten als Opferprämie, des "Transvestismus") hin zum neu ansetzenden gehobenen Kreislauf der Herstellung. Ein Ort restloser Immanenz, von dem aus unter der Kondition der einzig schuldigen, strafwürdigen Anzapfung der Sakralität des Dingund Ichphantasmas im Sinne seiner auflassenden Vorbehaltsbrechung sich
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die Dissidenzen alle abzweigen, eben auch die Krankheit, um die es hier einseitig zu tun ist. Kriterial für alle Verworfenheiten der Nicht-Verschluß, die Prätention der Auflassung des Universalphantasmas, das in dieser seiner Schuldverfassung von Offenbarkeit weder den Verschwindenseingang in neue Produktion noch, zum Ding geworden, die vergebende Gnade seines blinden Normalgebrauchs zu leisten imstande sein kann, das ganz im Gegenteil diese zirkulären Prozesse des Makro-Unbewußten sistiert. Also doch diejenige Kraft, die das Grauen der Vernunft zum Stillstand zu bringen vermöchte? Nein - handelt es sich doch um den Stillstand der Vernunft (genitivus absolutus), um das Ersterben dieses Phantasmas rein nur selber aus sich, um dessen eigenste Immanenzerfüllung Leiche und Krieg, deren Dilatation dafür sorgt, daß solcher Störfall-Aufenthalt sich jeweils spezifisch in sich hinein wiederum prozessuell repräsentierbar macht - anderswohinein als in die Repräsentationsnorm der tautologischen Dinge und des starkstumpfen Ich, allemal auch in ein anderes als in die Passivitätsumwendung derselben, ins Sterben, das Sterben auch der Dinge, eben in die unmöglichen Zwittergestalten unserer Dissidenzen, deren Skandalcharakter immerhin als so viel wert erachtet ist, daß ihre Exequien sich in den diversen Anstaltswesen auf Dauer stellen müssen.
Wie aber hält es nun die Aufenthaltsspezies Krankheit mit der auflassenden Heiligkeitsresorption des Dingvorausgangs - das Problem des erscheinenden Heiligen in (Psycho)pathie? Metonymie (Verschiebung) und Metapher (Verdichtung), die Grundvorgänge der Bildung des Unbewußten, werden im Sinne von Bewußtmachung, Gnosis, rückgängig gemacht.2 Diese grundlegende Revokation indessen zieht sich wie die Erweckung eines toxischen Totenstoffs deplaziert in die dafür ungeeignete Fühlbarkeit, die ungeschützte Cogitionalität hinein: bar der Glashaut des Intellektuellen darüber (und eh ja bar der geschwärzten intransparenten Hülle, in der sich sein Unbewußtheitsuntergang, die Reunion mit der entsprechenden Körper-hyle der Mensch-Hervorbringungen der Dinge besorgt) rast das aufgelassene nackte Phantasma, alle Masse der Heiligkeit dieses Gottes des Menschen,
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2 Dies alles sind gewiß nicht nur terminologische (intensitätsgläubige) Modereverenzen nach dem modernen Frankreich hinüber. Siehe dazu: Taumel und Totenstarre, Münster (tende) 1981 (Studien u. a. über Deleuze/Guattari, Goux, Irigaray); Schizo-Schleichwege, Bremen (impuls) 1983, hrsg. v. R. Heinz und G. Th. Tholen (ebd. u. a. "Shame and Scandal in the Family 11": Kritik der Kritik des Anti-Ödipus); zahlreiche Passagen in der "Eule", insbesondere in: Philosophie der Sexualität (Die Eule Nr. 10, 1983) zu Lacan und Irigaray.
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in seinen Unort des anmaßenden läppischen Geschöpfs indifferenzierend in dieser Umkehrbewegung hinein. Das kann nicht gut gehen. Die Vehemenz dieser Art (Rück)aneignung des sacer folgerichtig in seiner ultimativen Vernichtungsversion - Hypermetonymie des Sichineinanderschiebens absolut differenter Bestimmungen, Hypermetapher des Entmetaphorisierten selber, so etwas wie die phantasmatische Inkorporation sich im Geistbauch enthüllender und zerfallender Dinge (recht eigentlich inverse Bombenmahlzeit des Arsches) - kippt notwendigerweise in die Freisetzung der brutalen Gerichtsbarkeit dieser Inkorporatseinbehaltung um; und aus demjenigen, der dabei war, selber heilig zu werden, wird das bestrafte, verworfene, verdammte Opfer derselben Sakralität. Bewußtheit, Gnosis, die sich als Leiden adaptiv organisiert: sich als Negativ-Restitut der heteron-Opfermasse vor der Jurisdiktionsspitze dieses Gottes, endgültiger Vernichtung, Apokalypse, zu schützen sucht - bis hin zur Anmaßungshypertrophie, dem Krankheitsgipfel, nicht nur den Tod der toten Dinge durch (spezifizierte) Vorwegnahmen desselben am absolut differenten Gegenort der Fühlbarkeit zu bannen, vielmehr a fortiori die Sanktionsfolgen der Gottesokkupation als Schuldabgeltung dergestalt nutzbar zu machen, daß diese - Buße, Sühne - als Alibi der Fortsetzungslegitimität der fundierenden Besetzungsprätention fungiert; Opfertücke, die nur noch in sich selber zirkuliert. Rien ne va plus. Wer also aufbrach, das Sakralitätsultimatum kurzum der Dinge, deren immer drohenden Kriegszustand, unschädlich zu machen, verfällt - nicht schließlich, vielmehr von Anfang an, a priori - dem unverbesserlichen Basisfehler der gesteigerten Reverenz desselben, seiner schier unangefochtenen Voraussetzung; rebellische Tabuverletzung, die Initiation verbotener Erkenntnis, nichts anderes als knechtig verschlagene Dienstbarkeit; kontradiktorische Verdikte ineinsgebildet: "Das kann nicht wahr sein" mit "Das muß wahr sein, ist einzig wahr". Die Hypermagie von Krankheit verkennt den genitivus absolutus in der Beschwörung des Heiligen; die Buße aber dafür setzt sie als Vorwand perpetuierter Unterhaltung des Bannungswesens, inklusive seiner fehleingeschätzten Effektivität, ein. In sich widersprüchlich demnach die Intention, das Phantasma des Gottes des Menschen überhaupt auf magischem Wege ablegen zu wollen; herbeigerufen, zum Bleiben bewegt, eingesperrt, verschwindet es schließlich nur, allzeit virulent, in der Hülle des Makrounbewußten der Dinge, mehr noch: totalisiert sich ebendort mortal als Absolutsheitsentzug der universalisierten Waffenförmigkeit derselben, und dies um so restloser, je stärker der Glaube an seinen, des Phantasmas, Untergang auf Nimmerwiedersehen. Der Querstand aber seines Nicht-Verschwindens im Schein seines Verschwindens
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(allzeit bye bye), pathologieausbildend hineingejagt in die Rückkoppelung wenn nicht schon mit dem eignen Körpersubstrat sogleich selber, jedoch - Psychopathie! - mit dem Vermögen der Repräsentativität desselben, des phantasmatischen Produktionsinbegriffs, hat seine liebe Not damit, nicht sofort von seiner ja konzedierten Tötungsmacht ereilt zu werden, und hält diese mörderische Reflexion des Dingultimatums ins Subjekt zurück durch die List, sich dessen Inquisition zu unterziehen, um - Götterbeschiß - beim verwerflichen Tun fortwährend bleiben zu können, eben noch einmal auf.
Im Ansatz nicht anders als Krankheit aber, ebenso unter der uneingeschränkten Präsumtion der aufgelassen deplazierten Heiligkeit Gottes, verfährt Intellektualität. Nur daß sie sich auf diesem identischen Fundamente in leidliche Sicherheit dann hineinzuspezifizieren versteht, dicht an der oft undeutlichen Grenze ihres Doppelkollaps als glashäutige Hyperrepräsentation sich austaxieren muß: sowohl dagegen, daß die empfindliche Glashaut platzt - gegen den Krankheitsfall - als auch nicht weniger wider deren Trübung, wenn die undurchsichtig gewordene Hülle die mortale Unbewußtheit des Phantasmas in sich aufnimmt/in dieses übergeht - wider den krankheitsäquivalenten Unfall des normalen Ich und der Dingprofanität, am besten sogleich in der anamnestischen Sättigung von nur-nochVerzehr, bar der Kontraktion des Unbewußten um der Hervorbringung verläßlich auf dem Niveau desselben willen. Intellektualität - eine Art von labilem Hyperich, das nichts anderes als den aufgelassenen Inquisitionsstatus von Dinglichkeit im Modus des initium eines schwachen Gegengerichts rein im Selben des nämlichen Phantasmas Gottes pariert; den Armen im Geiste also näher als der Kranke ichstarker Bürgerlichkeit, wo freilich - wie in der herkömmlichen Psychoanalyse beispielhaft - die sentimentalistisch-pornographische Eingedachtheit des Phantasmas oft friedlich nebeneinander und gar ineinander vorgestellt sakral wie vorgestellt profan ihr offizielles Wesen üppig treibt; so daß rein beispielsweise FJS' Selbsternennung zum Intellektuellen systemimmanent voll verfängt. Man kann es deshalb auch nicht im voraus wissen, ob die intellektuelle Disponibilität der Schriftkasernierung des kontrainquisitorisch aufgelassenen Unbewußten, just die Partizipation der Glashaut am göttlichen Gewaltultimatum gar mit, vor personalen Zensurredundanzen über die apriorische Zensiertheit dieser, wenn's hoch kommt, vielleicht noch möglichen personalen Verstörungsnarretei durch unsere Waffenarsenale hinaus noch zu schützen vermöchte; immerhin zählt doch der nämliche bundesdeutsche Intellektuelle die Entpsychiatrisierung der Geisteskrankheiten (neben der Entstaatlichung
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der Politik und der Entmoralisierung des Verbrechens - zu ergänzen wären unter anderen noch die Entkirchlichung der Religion und auch die Enthistorifizierung und Entlogistifizierung der Philosophie) zu den kulturrevolutionären Gefahren unserer Zeit.3 Gleichwohl steht intern die spezifische Resorptionskunst der Intellektualität mit der resorbierten skriptural quergestellten Vernichtungsmacht des Gottes auf vertrautestem Fuße; ja, ohne diese im Geiste kriegsjournalistische Intimität keinerlei Chance von irgendwelcher Konterkarierung dieses Universaldelirs. Und diese kann mitnichten ein Anderes sein, gnostisch weder Himmel noch Hölle ganz anderswo, rein vielmehr der beide längst fusionierende Begriff der Organisation dieser Welt, die immer perfektere Promiskuität des Heiligen/Verruchten und des Profanen; und selbstverständlich dies nach dem Paradigma des essentiell dinggewordenen Christentums - von wegen Ödipuskomplex! -: der Menschwerdung Gottes, der durch seinen Sühnetod die Welt erlöst, sprich: der tödlichen Prärogative der Unbewußtheit der Ding- und Selbstverfassung als Schuld-absorptiver, Schuld schließlich als Selbstvernichtungspotenz freisetzender Absolutheitsmoloch (des Opfers allen Fleisches).
Die Pointe des Anderen, sie bestände in der Aufkündigung des mythischen Verhältnisses des Menschen zu seinem Gott; im vollendeten Atheismus, der sich a fortiori erstreckte auf die den Fortschritt tragende Reifikation dieses Phantasmas in seiner Fundamentalhinsicht letaler Absorption der also verfälschten, scheinbar getilgten Schuld der Sterblichkeit, in deren dingimmanenten Vernichtungsemanzipation selber noch diese - wie man meinen möchte: - Rache des Anderen in dingliche Absolutheitsvalenzen umgemünzt erscheint; in der Inversion des Tods der toten Dinge, deren namenloser Fühlbarkeit zur peremptorischen Selbstabgeltung dieses geöffneten Gottes, einer Umkehrung, die freilich auch von der verbissenen Gegenjurisdiktion kritischer Intellektualität befreit sein müßte; kurzum: in so etwas wie der Ermöglichung des nicht mehr usurpierten Todes als der Urdifferenz, inklusive der folgenden der Generation und des Geschlechts, so daß sich Sterblichkeit als Dauervorwand lückenloser Gewalterzeugung bräche. Toto coelo aber müßte diese Anderen-Erhebung unterschieden sein von demjenigen Pseudodispens des mythischen Verhältnisses, der es, verdinglicht, mortalitätsverdeckt, immanent bis zur Explosion der Erde nur inflationiert: eben von der bis ins Weltall hinein imperialistischen bürgerlichen Aufklärung mit ihrer Klimax, den Naturwissenschaften, an die sich
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3 Im Gespräch: Strauß bangt um tragende Werte, in: FR vom 12. 4. 1980.
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ununterbrochen ja die Heilsverheißung geknüpft hält, die Ohnmachtsschandbarkeit des mythischen Verhältnisses abzulegen; so daß man in der Noblesse dieses Irrtums der gesamten Menschheit nur empfehlen müßte, Astronomie zu treiben, weil's der Materie in dieser Art Fernmathematik für's erste nicht weh tut, auch wenn sie sich durch diesen geistigen Eingriff offenbart; und ästhetisch ist der Sternenhimmel auch. - Ich sehe mich nun aber außerstande, diesen Unterschied ums Ganze zwischen diesem Anderen und seiner allmächtigen Vorgabeform im Sinne einer ausweisbaren Selbstempirie zu vollziehen. Was an Kriterium soll denn garantieren, daß der Anspruch des Anderen nicht immer im Scheine der a-magischen Profanität der brauchbaren Dinge und des gesunden Selbst verlöscht, nicht den verzweifelt frustranen sondertödlichen Positivierungsillusionismus derselben bloß ausmacht? Das Anderen-Dementi der fortgeschrittenen Dinge sowie des - diesen nachhinkenden? - Selbst erzwingt den Aufgang des Anderen magisch in den terrassierten Binnenextremen von Krankheit und Krieg, Tod und Apokalyse (mitsamt den ebenso ausweglosen unerheblichen Zwischenvaleurs von Intellektualität). Vielleicht ist es zu spät, vielleicht weil eh die Todesverfälschung hominitätskonstitutiv sein könnte? Skandalös die Ignoranz hier; ein Skandal, daß sich die Philosophie dieses Problems nicht annehmen will.
Die eingesperrte Sakralität. Zum Problem des Rest-Heiligen in Psychopathie. - Das stattliche Bürgeranwesen des Gottes selber (immer nach dem Scheißhaus-Bauherrenmodell), das macht der Schein des Profanitätsstatus der Dinge wie des Selbst, einschließlich des pseudoheterogenen Universalkitsches des eingedenkenden Türspalts zu diesem Einen Arkanum; und als dieser schönste Herrensitz brütet der Gott dann seine Absolutheit ganz im Sinne seiner alles mitreißenden erlösenden Selbstexplosion aus. Rasch indessen wechselt das allgnädige Heilige scheinbar sein Ansehen, wenn es eine bestimmte Sorte räuberischer Usurpatoren zu vernichten gilt. Die Stücke, welche diese aus dem Venerabile herausreißen und vorsorglich zugleich wie die Kannibalen -ja noch ärger als diese, wenn man bedenkt wie genau - auffressen (sie stopfen sie sich in den Arsch), erweisen sich, also versetzt, als schieres Gift - recht so! Und die Aufständigen verfallen dem Gericht des hieros theos, indem sie zur Höllenfratze seiner Heiligkeit schreiend verkommen. Lassen diese Dissidenten - es gibt noch schlimmere andere - von diesem bösen Treiben reuig nicht jedoch ab; finden sie sich nicht bereit, das fromme Einsehen in ihre unabkömmliche Ohnmacht zu haben; halten sie es, dem entgegen, mit der besonders schmählichen Tücke,
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sich durch den Schein von Bußfertigkeit derart zu immunisieren, daß ihr Verbrechen in einem damit auf Dauer gestellt sein könnte, so geruht der absolute Herr, solche nicht zwar sogleich zu vernichten, doch in therapeutische Sicherheitsverwahrung zu nehmen, diese Schande also den vielfach schonungsbedürftigen öffentlichen Blicken zu entziehen. Bisweilen allerdings scheint der Herr - neuerdings gehäuft? - dieser Art von Absicherung seiner Herrschaft leid geworden zu sein. Und immer dann erwägt er, ob es nicht vielleicht besser wäre, seine Absolutheit, wie gehabt, auch tätig zu vollziehen; in welcher Absicht ihm die insonderheit Sicherheitsverwahrten in der Anstalt auch gar noch Recht zu geben scheinen. Wenn nun die Verhältnisse gar so beschaffen wären, daß dieser Gott die Überschüsse seiner Heiligkeitssubstanz, Reste dieser seiner vor Nichts zurückschreckenden Überhaupt-Inzestuösität, die nicht schon in die ubiquitären profanen Dingarkana scheinbar haben verschwinden können, in grandios zirkulärer grausamer Arbitrarität selber eben für Krankheit freigäbe, diese Dissidenz (und die anderen obendrein) rein nur selbstveranstaltete Ausfälle wären? Doppelte Botmäßigkeit der Pathien dann, vollends des Herren Eigen; denn selbst der Letztresistenz von Krankheit, die sich nicht mehr in Heilung hinein bricht: der durch das Sühnealibi legitimierten Fortsetzung des verworfenen Tuns der Schuldresorption aus den Dingen, aus ihm selber, ist und bleibt er versichert. Gibt es doch Krankheit nicht, die ihn in ihrer apriorischen Fundamentalreverenz nicht voraussetzte. Ja, wenn es nun so wäre, dann bedeutet Krankheit in der Tat eine Art von Ausverkauf Gottes, der Restposten von Sakralität; residual auch in dem Sinne, daß es grundsätzlich anderswo als in diesem noch nicht untergekommenen gerichteten Gottesramsch keine - zumal keine lichte und jenseits der Sonderdispositionsformen von Intellektualität angesiedelte - Epiphanie mehr gibt; was indessen nicht heißen kann, daß gleichwohl strukturell je der ganze Gott des Menschen hierin richterlich nicht offenbar würde. Schließlich sind die Psychopathien negativ diesbetreffend im Vorteil; denn immer wenn nicht ordentlich der Körper sich zum Invasionstopos des Phantasmas hergibt; wenn dieses nicht sogleich in den Ort seiner reflexiv-korporellen Herkunft hinein verschwindet und als verborgen aufgelassenes die Her künftigkeiten ebendort, die Dinghervorbringung - im ebenso Kaschierten wie im Mortalen der Dinge außerhalb - blockiert, wird Krankheit imponierend penibel zur verräterischen Austrittsform: objektivitätsekstatisch anhaftend-selbstinvolutiv die Gnosis initiierende Stillegungsversion der Vorstellung des Vorstellungsvermögens selber.
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II. Klinische Anschauung
Es gibt keine Krankheitsform im Zusammenhang von Psychopathologie, die nicht von diesem Restheiligen, der erschreckend-anzüglichen Störung im Gebrauch der, wie man meinen möchte, entlastenden Oberflächlichkeit der Dinge, die als solche gar nicht versagen, zeugte. Diese Sakralitätsbezeugung trifft selbst auch dann zu, ja in diesem Falle insbesondere, wenn nicht expressis verbis religiöse Gehalte, vielmehr dinglich gänzlich profane und triviale sich krankheitsgemäß als sperrig erweisen; und dann wird - oft für das Selbstverständnis des Kranken folgenschwer - das Mißverhältnis zwischen der offiziellen Harmlosigkeit der betreffenden Dinge einerseits und ihrer anscheinend sinnlosen Gebrauchsbestreikung, deren Schuld ganz auf des Subjekts Seite zu fallen scheint, andererseits unerträglich groß. Das ganze Ausmaß aber dieser unerwünschten Erscheinung des Heiligen als eines bürgerlich-säkularen Störfalls bleibt nur unter der Kondition der Erfahrung angemessen geöffnet, daß die üblichen therapeutischen Schuldbilanzierungen zumal der herkömmlichen Psychoanalyse (um von der medikamentös ausgerichteten Psychiatrie zu schweigen) verabschiedet würden, kurzum: deren Fehlversion Subjektivismus, welcher alle unsachlichen Dingverhexungen einzig lebensgeschichtlich-infantilen Entwicklungshypotheken, dem Kinderkram-Unbewußten, als ungehörige Zutat zu den ansonsten tadellosen - wenngleich immer perfektionierbaren und ausnahmsweise selber nur korrumpierten - Dingen zuschreibt. Dagegen bedürfte es, in aller Unnachgiebigkeit geltend zu machen, daß der StörfallÜberfluß psychischer Krankheit, alle diese sich auf Dauer einrichtenden imaginären Stolperstellen im reibungslosen Konsumhingang, fast einzig noch den Raum des Makrounbewußten als des Gesamtsinns der Dinge - nicht isoliert des familialen Subjekts - anfänglich zu öffnen verstehen: fast ausschließlich den Anreiz zu einer Erkenntnisart bieten, die sich eben nicht in der a-genealogischen Nachzeichnung der das Unbewußte ausbildenden Vorgänge auf dessen Niveau nur selber erschöpft. Gnostische Ausbeutung dieser Kranken demnach? Nein -; denn nicht nur bleibt das in seiner verheerenden Stärke pathognostisch allererst nachvollziehbare Krankheitskriterium in Psychopathie gewahrt: nämlich die Opferfusion mit dem anmaßend Erkannten, dem apriori darin anerkannten, um so anerkannteren Sakralen; freilich soll diese Art der Wahrung nicht zuletzt auch zum Ferment werden können, von diesem selbstverzehrenden Widerspruch von Krankheit abzulassen, ohne damit indessen der üblichen blinden Adaptation des Ding- und Ichunbewußten, der Normalität, zu verfallen. Die
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pathognostische Ersetzung der Psychoanalyse bestände also in dieser ausschlaggebenden Wendung, die imaginäre Noumenalisation der Dinge, dieses lästige, unbeweisbare Fremdkörperwesen im bürgerlichen Verkehr genannt psychische Krankheit, strikte nicht auf die Nachwirkung verstörter Infantilität herabzustimmen, vielmehr der so endlich initial erkennbar gemachten phantasmatischen Dingverfassung selber nur zuzuschreiben.
Man sollte nun meinen, daß die das Rest-Heilige schon verwehrende Makrounbewußtheit der martial-absoluten Dingerfüllung, in Krankheit magisch-imaginär verfallen präjudiziert, längst die brutale Souveränität besitze, die ganze Lächerlichkeit dieser verqueren, von Anfang an bereits umgefallenen Opposition Krankheit, Psychopathie, gefahrlos ihrem eigenen leicht vorhersehbaren Schicksal überantworten zu können: dem Todestrip schleichend galoppierender Selbstauszehrung in der Existenz des Krankheit ausmachenden Widerspruchs. Gewiß; die allgemeine Tendenz des Rationalitätsfortschritts mag dahin gehen; und doch ist es unübersehbar, daß gar solche selbstsanktionierten offen dürftigen Gottesreminiszenzen, die auf den Zusatz ihrer Außenverurteilung nimmer warten müssen, immer noch des einschlägigen Geheimnisverrats, der Vorbehaltsanfechtung dessen, was der Gott rein für sich alleine treiben will, zu viel sich herausnehmen. Und also drückt sich in den immer auch dilettantischen Therapieattacken auf diese seltsam bedrohliche Gnosis nicht, wie es die so überaus vernünftige Begründung möchte, Erbarmen mit dem adaptiven Erpressungscharakter möglichen Leidens auch in Psychopathie aus, vielmehr schiere unersättliche Angst, die Angst des Gottes selber als Barmherzigkeitsweise des obersten Kriegsgotts, freilich dergestalt arbeitsteilig organisiert, daß deren Militärgrundlage sich immer anderswo als in der helfenden Tugend befindet. In ihrem Grunde unerfindlich ist diese Gottesangst keineswegs, wenn immer man bedenkt, daß die ins Unermeßliche fortgeschrittene Vernunft, der progredient herabkommende Gott, sich immer nähren muß durch den tiefsten Unglauben an sich selber; Vernunft, die eo ipso, wesensgemäß, nur geglaubt werden kann. Was wunderts dann noch, daß, unbeschadet der Verdinglichungsprogresse, die das ganze Erfordernis rationaler Inquisition wahrhaft schonend doch besorgen könnten, die Redundanz personal-paranoischen Moralismusgebarens redundant allenthalben grassiert? Nicht macht der Fortschritt frei, er veranlaßt nur zur Lückenlosigkeit der rationalen Kriegsführung: selbst noch der Nachstellung der Dingapokalyse in den Subjekten als deren Sittlichkeit. Schlechte Karten also für den psychisch Kranken (und freilich nicht nur für diesen): in den mehrfach-paranoischen
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Glanz- und Krisenzeiten der Vernunft lastet ein Unmaß an Verwerfungsdruck auf allen diesen schäbigen Unterweltheiligkeiten, so daß die Scham zum vermeintlichen Grundproblem von Krankheit zu avancieren scheint - diese Nacktheit braucht das Kleid undurchdringlicher Mauern, und selbst kann sie sich es nicht verpassen. Was hat Psychopathie denn auch zu bieten? In der Tat, die Unglaubwürdigkeit a-intersubjektiver, rein privatistisch imaginärer und trotzdem zählebigster Verhexung gar trivialer Gebrauchsdingkontexte, die nichts an besonderer Aura hergeben - Fehlkalkulation also, die Kritik der Dinge an basalen Technika anzusetzen, damit sich die Differenzierung von "soft" und "hard" auf einen unerheblichen Gradunterschied herabstimme. Und wenn dagegen sakrale Gehalte, Teile der Eingedachtheit des Universalkitsches modo religioso etwa aus Dogmen- und Liturgievorgaben des institutionalisierten Christentums betroffen sind, so schickt sich nicht zwar Trivialität, doch diesmal Obsoletheit zur Beschämung nicht weniger an; oft dann Motiv genug, vom sakralen Regen in die profane Traufe, um so eingeholter von der Gnadenlosigkeit des selben Phantasmas, nur noch impudiert zurückzufinden. Hat die Selbstsanktion in Krankheit immerhin nicht zuletzt den dubiosen Sinn der Negativ-Selbstimmunisierung, so wirken, epochal folgerichtig, die dazukommenden sozialen Sanktionsformen, die landesüblichen Therapien, nur noch verdammend als rauschende Pedale der Binnenkonservativität, des sogenannten Masochismus dieser Dissidenz ja eh. Womit sich der Kreis all dieser Klischees letztlich verworfener Weiblichkeit wie endgültig schließt.
Wie sich diese Pathologieverhältnisse nun des einzelnen pathognostisch darstellen, das machte eine Musterung einzelner Krankheitsbilder erforderlich, deren Auswahl hier - die Brückenphobie - sich dem mehr oder weniger kontingenten Kriterium eigner praktisch-klinischer Ausnahmevertrautheit verdankt. Die Methode indessen der pathognostischen Differenzierung auf diesem Felde bestände in der Beantwortung der intransigenten Frage, was genau jeweils von der antezipierten Kriegs-Absolutheitsverfassung der Dinge, dem Makrounbewußten, aufgelassen derart resorbiert wird, daß die Resorptionsinstanz zum verräterischen Opfer desselben verkommt. Gelänge es, die einzelnen Heiligkeitskriterien: die Krankheit definierende Spezifität je dieser A-Genesien in ihrem Extrem systematisch darzutun, so wäre damit die Grundlage einer pathognostischen Psychopathologie statuiert.4
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4 Eine die folgenden Theoreme erzählende Parabel über die Brückenphobie findet sich unter den "Drei technikphilosophischen Parabeln" (III. Vom armen Satyr und der unzuverlässigen Nymphe) in: Die Eule Nr. 11, 1984 (auch veröffentlicht in: Theatro machinarum 5/6, Bremen 1984 [impuls], hrsg. v. W. Pircher - das ganze Heft handelt über Brücken). Mitaufgeführt ist hier auch Kafkas Erzählung "Die Brücke", die so etwas wie die katatone Radikalisierung der Brückenphobie gnostifiziert. (Kafkas Erzählungen könnten allemal wie pathognostische Lehrstücke geltend gemacht werden, deren immer auch selbstreflexiven Differenzierung wir kaum schon gewachsen sind. Siehe dazu auch: Von der Depotenzierung der Hermeneutik und/oder Psychopathologie. Franz Kafka: Gespräch mit dem Beter, in: Minora aesthetica, Frankfurt [tende] 1985. Ebd. auch Ausführungen zum "funktionalen Phänomen".) Auf die Brückenmetapher geht auch ein: "Das wilde Denken", in: Philosophisches Jahrbuch, 92. Jg., 1985 (über LeviStrauss und Heidegger, der die Brücke als "Geviert"-Beispiel anführt), wiederpubliziert in diesem Band, S. 214-229.
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Worin besteht nun der fragliche Resorptionsgehalt im Falle der Phobie, speziell wiederum der Brückenphobie? Phobien re-präsentieren, wie in Krankheit immer "unfrei", die Unbewußtheits-, Tabuvalenz der Unzugänglichkeit des nicht mehr als solchen konzedierten Dinginneren-Vorbehalts; diese bestimmte Valenz selber, deren martialer krankheitsbezüglicher Limes die endgültige Rettung dieses Heiligkeitsgrundcharakters durch den Letztentzug der Selbstzerstörung - autonomer Dingsuizid - wäre. Aus der Ansaugung eben dieser Heiligkeitsdimension folgt nun mit aller wünschenswerten Präzision der einschlägige Befallsort der Phobie: imaginär beeinträchtigt wird die Verfügung der Motilität, das Überallhin der Bewegung, mittels einer Art von - wie sich verselbständigendem - Frühwarnsystem der Affektivität, grob gesprochen: der Angst, das die Restriktion des freien Begehens, die Markierung der verbotenen Areale, zum grotesken Nutz und Frommen des also Bornierten, des Kranken, besorgt. Konsequent betroffen also die Motorik, insofern zu dieser Sakralitätsdimension - off limits, Eintritt verboten - buchstäblich die Unzugänglichkeit - vielleicht gar die primäre, in selbstarchäologischer Rücksicht insbesondere als solche begründbare Sakralbestimmung - gehört. Phobisch usurpiert aber ist nun nicht der generative Grenzwert dieses Tabukriteriums - zonale Heiligkeit - schlechterdings, worin der unhaltbare nur noch entropische Zustand einer generalisierten Phobie bestände; in negentropischem Kontrapunkt dazu gilt die bindende Auswahl jeweils von Dingen, ganzen dinglichen Kontexten, die als eingegrenztes Paradigma der thematischen Sakralitätsdimension, der Unbetretbarkeit, fungieren. In dieser Restriktivität der Exempelkürung, der phobischen Objekte hier im einzelnen, mag zwar das Hauptmerkmal der Neurose, der also weniger gewichtigen Krankheitsart, beschlossen sein; doch sollte man nicht leichtfertig übersehen, daß sich in dieser heilsamen Limitierung die Binnenwucht des usurpierten Motilitätsheiligen mitnichten
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ermäßigt, ganz im Gegenteil; und erschwerend kommt hinzu, daß die nicht von der schändlichen Auflassung erfaßten, normal also funktionierenden überwiegenden Unbewußtheitsanteile (des Ich) einen Verwerfungsdruck sondersgleichen auf diesen ihren, wenn auch nur partiellen, so doch in der Immanenz des verwerflichen Teils übermächtigen, Widerpart sinnlos ausüben; Normalität in Dauerzensur verstrickt, keineswegs "frei", so daß man auf die unerfreuliche Idee kommen könnte, daß just die symptomneurotischen Erkrankungen in besonderem Maße unheilbar seien. Allein, mit dieser Verdichtungsselektion phobischer Objekte, die nichts anderes als die Genesis derselben als Dinge offen nachstellt, betritt diese Krankheitsart nicht zuletzt auch seltsam den Bereich des Sehens, Vorstellens expressis verbis, als die Heiligkeitssphäre der Verhüllung, Verbergung, Unsichtbarkeit: zeigt sie doch zu ihrer Selbstrechtfertigung nachgerade auf den betreffenden Dingkontext, der einzig als solcher die Schuld an der imaginären Begehensparalyse und den terrorisierenden Signalaffektionen - phobos - trage. Gewiß; doch diese hinzukommende Sakralitätsaufrißart bleibt, phobientypisch, im Zwielicht - leitet durchweg auch keine metabasis eis allo genos in andere, die Inhibition der Umhüllung als Sichtverhinderung betreffende Psychopathiespezies ein -; sie verweist vielmehr transitorisch (und freilich offiziell sich irgend immer darin verwerfend) auf diese ihre Sichtsupplementarität, so als müsse diese allererst verhüllt werden, wenngleich sie doch schon angemessen verhüllt - wie üblich tautologisiert - ist: Erklärungs-Deiktik als wahre Falschmeldung, ehrlicher Betrug, die den über die Motilität verhängten Bann nicht auflöst, sondern nur bestätigt; so daß es fraglich bleibt, ob therapeutische Auflösungschancen über die also Amphibolie-gezeichnete Vorstellung, Sprache, überhaupt laufen können. Schließlich ist die Auswahl des phobischen Objekts streng determiniert nach der Maßgabe seines Belegwerts für das ganze Heilige in der Hinsicht einer seiner Dimensionen: weder willkürlich noch aber durch lebensgeschichtliche Zufälle, die höchstens das Daß der Wahl mitbestimmen mögen, bedingt. Es ist - im Beispiel hier - die Brücke selber als solche, die das Kerygma des Heiligen aufbringt immer dann, wenn man es - beispielsweise am besonders verläßlichen Leitfaden der kerygmatischen Verderbnis Krankheit - unterläßt, die Abendland-übliche Mohrenwäsche der Dinge fortzusetzen, deren infamste Gestalt die Verflüchtigung aller Botschaft zu bloßen Symbolen, zumal den psychoanalytischen Sexualsymbolen, darstellt. Schibboleth der Pathognostik dagegen ist, wie dieser Titel es ausdrücken will, die Gnostifikation hier im Beispiel der Brücke selber, die sich nimmermehr als die höherer Erkenntnisart - im Abglanz kunstmäßiger
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Verklärung gar - feiern könnte, der ganz im Gegenteil phobiemimetisch die Sinne schwinden, nicht aber um im Jenseits des Geistes, der Idee der Brücke (besser noch: sogleich schon deren Absolutheitsverfall), sprich: des angemaßten Todes, erlöst zu erwachen, vielmehr um im Ungeheuren der Selbstverständlichkeiten allererst die Selbstanmessung, vermittelt vielleicht über den (vorweggenommenen) Tod hinwiederum dieser dinggewordenen Idee, kurzum: dieses Dings, an unverstellte Sterblichkeit anzunähern.
In gröbsten Zügen, halb schon neutralisierend gnädig mit überdickter und angetrübter Glashaut ums Phantasma versehen, erscheint, also gesichtet, jedwede Brücke als Monstrum: doppelte Expansion von Homogeneität, Ausbreitung des einen, des Ausgangsufers hin zur Scheinheterogeneität des anderen Ufers über die verbleibend beherrschte Heterogeneität des Wassers hinweg. In der Dimension des Motilitätsheiligen besteht die Heiligkeithinsicht der Brücke in der souveränen Aufhebung jeglicher HomogeneitätsInterruption; Brückenartistik aus dem einen Erdenstoff, im Unhalt-Nichts der Luft gehalten, diskriminiert vom lächerlich gewordenen Anderen des Wassers mittels - wie soll man dieses Element naturphilosophisch benennen? - Feuer-Verzehrs (Arbeitskraft). Freilich auch der Einsatz der vier causae. Und unschwer ist die Totalinzestuösität dieses Gebildes als Inbegriff seines aufgerissenen Tabucharakters mitzusehen: mortal metonymisch/metaphorisch der Inzest der Inzeste von Vater/Tochter, Mutter/Sohn, Tochter/Sohn - Botmäßigkeit der Erde zur Luftgestalt; deren Feuererhebung aus dem Wasser; Verbindung jener Unterwerfung mit diesem Opfer - beziehungsweise "der verdrängte Repräsentant, die verdrängende Repräsentation, das verschobene/entstellte Repräsentierte"5 - Signifikant, Signifikation, Signifikat. Voilä - die fertige Brücke, Aufweis der Überwindung der Interruption des Makrounbewußten; sie setzt also den Akzent auf das Mittelstück, Repräsentation etc. - Die Hausbackenheit des veranschlagten naturphilosophischen Elementarismus, der freilich seines modernen ingenieurwissenschaftlichen exekutiven Verschlußsupplements bedürfte, macht gleichwohl Sinn nicht nur, weil er die Primitivität des phobischen Objekts, mitnichten Ursprünglichkeitsrefugium gegen die Fortschrittshypertrophie, anfänglich eines Wesens vielmehr damit, kopiert, vielmehr insbesondere auch, insofern er die Absetzung des Mentalismus auf der anderen, des Subjekts Seite, anzubahnen mithelfen könnte: rückzufinden nämlich zu den Substraten des ursprünglichen reflexiven Körpers,
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5 G. Deleuze/F. Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie 1, Frankfurt/M. 1974, S. 212.
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dessen Reflexion den Inbegriff von Hervorbringung - im Sinne des erweiterten Begriffs etwa des "funktionalen Phänomens" - ausmacht. Man kann so weit gehen und behaupten, daß die Brücke mitsamt dem korrespondierenden Selbst, gnostifiziert, die Selbstrepräsentation des Repräsentationsvermögens selber ist, das sich, aufgelassen, über sich selber fast zu Tode erschrickt und diesen Schrecken eben noch auffängt: als Phobie. Evident werden könnte hier auch die Verblödungstendenz des Sakralen hauptsächlich in seiner psychoanalytischen, die Profanität bestens sichernden Art und Weise: wenn unmöglicherweise der Signifikant restlos hegemonial zu werden sich anschickt, und dies rein subjektivistisch gar - dann überkommt die Brücke rein nur als Engel des Herrn, Zeuge eines Gottes, dem schier alles unendlich sich steigernd recycled entstammt: sein Arschficken das Feuer, sein Giftatem die Luft, seine Scheiße die Erde, seine Pisse das Wasser (pardon); - und des Teufels Großmutter schüttelt sich vor Lachen, gewiß; doch ihre titilatio ist längst schon das bombenartistische Erdbeben, objektiv, das sich in der Explosion der Erde erfüllen wird. Himmel und Hölle kaserniert im Säkularcharakter der Brücke: der Himmel als inquisitionsmächtiger Vorbehalt der Hölle, die Hölle als der geöffnete Himmel, und die Erde beide ineins als das große Unbewußte, die Weltlichkeitsverfassung des ganzen Sakralen. Pathognostische Klugheit aber wider den Doppelirrtum des eigenen Ausgangspunkts Psychoanalyse - das Unbewußte als Phallus-Exklusivität und -Absolutheit und selbst noch die Verrammelung dieser verfälschten Jammergestalt von Apokalypse durch das autonome Ich/die guten Dinge, die auf ewig das nur sind, was sie eben sind (sic!) - kann selber nichts anderes sein als die Klugheit dieses Gottes hinwiederum selber, der sich in ihr, der unbestechlichen, verruchten, doch auch selber überleben möchte; wenngleich er es bisher immer nur vergeblich also versuchte? Freilich ließen sich diese gnostischen Verhältnisse besser erzählen (mythosophisch), als daß man darüber halbherzig weiter räsonnieren sollte.
Auf dem Wege zu einem pathognostischen System der Psychopathien gilt zunächst die Differenzierung des Heiligen der Dinge/des Ich, durch Krankheit aus seinem profanen Unbewußtheitsstatus befreit, bewußtgemacht, zu sich selber gekommen, (re)sakralisiert im krankheitskriterialen Modus seiner usurpatorisch-autosanktionellen Deplazierung ins Cogito, die Fühlbarkeit, als Leiden, Schmerz - gilt also für's erste seine Differenzierung in Dimensionen, von denen im Beispiel der Phobien diejenige der Unzugänglichkeit und supplementär am Rande die der Unsichtbarkeit, Verbergung
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angesprochen wurden. Jeweils innerhalb solcher Dimensionen, die komplett gemacht, abgeleitet werden müßten (eventuell den Grundaffekten - Angst [Unzugänglichkeit], Scham [Unsichtbarkeit], Schuld [Unaussprechbarkeit?] - entlang, die sie als Sinnentsprechung dimensional erschließbar machten?), wären hinwiederum Einzelhinsichten unterscheidbar, von denen im Einzelbeispiel, der Brückenphobie, die Kontinuität der Unzugänglichkeit des Heiligen begegnete. (Nach welchem Leitfaden sich diese Einzelhinsichten je in den Dimensionen generieren; was zur Ununterbrochenheit, Nicht-"Diskretion" noch alles hinzukommen müßte - Hinsichten etwa wie Unbezüglichkeit [Agoraphobie?] und Binnenunendlichkeit [Akrophobie?] -, das müßte noch recherchiert werden.)
Von diesem Dimensionierungsproblem setzt sich dasjenige des Eingebensgrads, der Deplazierungsstufe, den/die das in seinen Fühlbarkeits-Unort hinein resorbierte, jeweils dimensionierte Heilige einnimmt, ab; mit welcher Skalierung zugleich die Unterschiede der Deutlichkeit des einschlägigen Geheimnisverrats nach der Maßgabe von Körperzitation und damit auch die Unterschiede der sozialen Achtung, um nicht objektivistisch zu sagen, der Krankheitsschwere, mitgeführt sind; immer freilich - Psychopathien! - noch vor dem Eingang/der Deplazierung des Heiligkeitsphantasmas in einer bestimmten Dimensionierung ins Körperinnere, "organische" Krankheiten konstituierend. In traditioneller Terminologie ausgeführt, wird hier die notorische Hierarchie Neurosen vs. Perversionen/Psychopathien (i.e.S.) vs. Psychosen spruchreif. Das Beispiel - Phobien, Brückenphobie - gehört zur ersten Differenzierung Neurose, definiert sich also durch die niedrigste Deplazierungsstufe nach dem Kriterium der Körperzitation (immer auch Zitation von Weiblichkeit, heteron, restitutiv gegen den eignen Gehalt, usurpierte Schwangerschaft - wer sieht sie in den Heiligkeitsdimensionen nicht?), ablesbar vor allem wohl am entsprechenden Sanktionsmodus der Selbstauslieferung vs. Fremdauslieferung vs. "Überhaupt"-Auslieferung. In der Dimension der Unzugänglichkeit des Heiligen (wenn nicht schon mit auch in der Hinsicht der Kontinuität?) entsprächen - im Sinne der Steigerung der Körperzitation - der Phobie, Brückenphobie, die Perversion des Exhibitionismus und der Psychosenstatus der Katatonie. Psychose - die Endstation des also verkommenen Heiligen, nur noch schwacher Todesaufenthalt, antezipierte Leichenstarre der Körperexternalität just als getreuliches Abbild - Abbild des Abbilds - der Absolutheit der Dinge/des Ich, der Erfüllung des Unbewußten, Heiligen, Gottes.
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Pathognostische klinische Anschauung - dies ist freilich ein Euphemismus auf Verdacht und auf Zukunft, dessen faktisches Eintreten noch nicht einmal wünschenswert sein muß. Wie nämlich soll Pathognostik vor der etabliertesten Polizeistaatlichkeit des wie auch immer erweiterten Medizinwesens, ohne sich von dessen Basischarakter anstecken zu lassen, bestehen können? Aber auch intern ist pathognostisch nicht mehr als ein erster Anfang gemacht, der - gegen den Debilismus des Psychomarkts auf Wissen setzender - Moratorien zu seiner Fortführung bedürfte. Ausschlaggebend würde die unbekannte Kunst der Diskrimination der Pseudologie des den Mythos eben scheinbar nur liquidierenden, als wissenschaftlichen immer kriegswissenschaftlichen Säkularismus von dem skizzierten - so er keine Chimäre ist -, der sich nicht ja in Gnosis - Gnosis wessen? Desselben! - erschöpfen kann. Wer aber vermöchte diese Unterscheidung, befrachtet mit Nichtwissen, betreffend die Möglichkeit schon des einen, allererst herzustellenden Parts, des Anderen, zu leisten? Für's erste wäre es deshalb - besonders auch im Umgang mit Kranken - recht viel, gegen das Delir der Verschluß- und Absolutheitsfaktizitäten des Unbewußten, gegen diese Profanität der Dinge, anzugehen: intellektueller Bewußtheitswiderstand, Verrat des Profanen und Heiligen gleichermaßen. Solchem Tun aber sind - seine Chance? - die Flügel gestutzt; denn längst gibt es Überschalljäger und noch viel mehr.
Aus der Einleitung von Dietmar Kamper/Christoph Wulf
Zweifellos ist die Geschichte der Moderne durch die "Überwertigkeit säkularer Aufklärung" gekennzeichnet, in der die Dialektik den Waffencharakter der Dinge offenbart hat. Kann heute "das Heilige jenseits des Universalkitsches" wirklich als das Andere der Gewalt der Aufklärung begriffen werden oder ist das Heilige der "nothafte Aberwitz des Absolutheitsphantasmas des ganzen Gotts des Menschen" (Rudolf Heinz)? Es erhält seine Macht durch die Vernichtung des Anderen in Form des Geschlechts, der Generation, des Todes selber. Es konserviert dagegen die Absolutheit der Dinge: Promiskuität des Heiligen/Verruchten und des Profanen. In der Psychopathie ist Sakralität eingesperrt; in ihr gibt es eine Art "Ausverkauf Gottes", einen Restposten von Sakralität, für den es keine Epiphanie gibt. Statt psychische Krankheit als "Nachwirkung verstörter Infantilität" zu begreifen, sollte man sie der "phantasmatischen Dingverfassung selber" zuschreiben. Brücke und Brückenphobie erscheinen als zentrale Phänomene, deren Belegwert für das Heilige erörtert wird.
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