Name
Passwort
Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
Die Texte auf dieser Website sind vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
Todestrieb - Programm einer Revision (Todesnäherungen, 2007, Düsseldorf, Peras-Verlag, 21-83)
Vorbemerkung
Ursprünglich war das - so mit Absicht bescheiden avisierte - Programm einer Revision des Freud'schen Todestriebs als didaktischer Text für psychopathologische Fortbildung und zur fachzeitschrittlichen Publikation gedacht. Wie öfters aber vorher schon unterlief es mir, selbige Intention zu konterkarieren: Ich schrieb, Verwendungskontext-ungerecht, allzu angezogen, mitbedingt wohl durch den Umstand, dass ich gerade in der letzten Zeit abermals zahlreiche Texte zum Todestricb, manchmal als Schrittvorlage für Fortbildungsveranstaltungen, verfasst hatte, so dass ich nunmehr eher nach neuen Ansätzen, Einlassungen, Wendungen suchte, als dass ich mich auf der Ebene von - allerdings, den Todestrieb betreffend, allererst herzustellenden - für ein durchschnittliches medizinisches und psychologisches Publikum fasslichen Theoriestandards bewegt hätte.
Und so wurde denn, jenseits der anfänglichen Obliegenheiten, ein freier, sehr freier Text daraus, mit der Tendenz auf ein spezifisches Kompendium in eigener Sache hin; denn von der Psychoanalyse aus bietet die "Dekonstruktion" des Todestriebs eine der vielversprechendsten, vielleicht gar die geeignetste Einstiegsmöglichkeit ins Insgesamt meiner Psychoanalyserevision, Pathognostik genannt.
Der 'Autismus' der Textur (auch seine Redundanzen und andere Unebenheiten) verstärkte sich sicherlich dadurch, dass ich
21
die Kapitel IV bis VIII von circa Mitte Mai bis Ende Juni 2005 während eines Aufenthalts in der Chirurgischen Universitätsklinik und zu Hause fortgesetzten Rehabilitationsmaßnahmen danach gänzlich unverdrossen und hemmungslos schrieb. Ihre quasi Gradlinigkeit hat gewiss aber auch Vorteile: So mag man durch historisch-philologische Ausbuchtungen unbehelligt, dem Gedankenzug leichter folgen können. Ebenso scheint es überhaupt günstiger, Außenreferenzen - so die Geschichte des Todestriebs in Psychoanalyse und (weitestgehend neuerer französischer) Philosophie - zu separieren. Auch blieben Hinweise auf die Vielzahl eigener einschlägiger Veröffentlichungen aus Gründen der Entlastung aus.
Empfindlichster Hauptnachteil aber dieser thematischen Konzentrationsart: So bleibt die makrologische politisch-gesellschaftliche Umsicht ausgesetzt, die weiteren geschichtlichen Bedingungszusammenhänge außenvor.
Düsseldorf, im Juli 2005
22
I. Intention des Aufsatzes
"Der Begriff des Todestriebs, der von Freud in Jenseits des Lustprinzips (1920) eingeführt und bis zum Ende seines Werks von ihm ständig neu bestätigt wurde, konnte sich bei Freuds Schülern und Nachfolgern nicht in gleichem Maße durchsetzen wie die meisten seiner begrifflichen Beiträge; er bleibt einer der umstrittensten Begriffe. Um seine Bedeutung zu verstehen, genügt es unserer Ansicht nach nicht, sich auf Freuds Thesen zu beziehen oder klinische Manifestationen zu finden, die am besten geeignet sind, diese spekulative Hypothese zu rechtfertigen. Man sollte ihn außerdem auf die Entwicklung des Freudschen Denkens beziehen und nachweisen, welcher strukturellen Notwendigkeit seine Einführung im Rahmen einer allgemeineren Umarbeitung entspricht (Wende der 20er Jahre). Nur eine solche Auffassung würde es erlauben, jenseits von Freuds ausfihrlichen Darlegungen und selbst jenseits seines Gefühls, etwas völlig Neues zu schaffen, den Anspruch, von dem der Begriff zeugt, neu zu entdecken, einen Anspruch, der bereits in früheren Modellen unter anderen Formen eine Realisierung fand."1
______________________________
1 J. Laplanche, J.-B. Pontalis (1967), Das Vokabular der Psychoanalyse, Band 2, Frankfurt/M. 1972, 495.
23
II. Kritische Erörterung des Todestriebs
Der Freud'sche "Todestrieb" teilt sich in zwei Vorgänge auf, die aufeinander zu folgen scheinen.
Zunächst zum ersten Prozess. Er besteht in der unwidersetzlichen Tendenz aller lebendigen Organismen, zumal einschließlich des Menschen, in den toten anorganischen Zustand, den früheren, ursprünglichen, zurückzukehren; wie Triebe überhaupt - aber erst seit der Todestriebtheorie - paradoxerweise solche "Trägheit" ("Nirwanaprinzip"!) ansichhaben.
Aber wird damit nicht die triviale Tatsache des Sterbenmüssens in den Rang eines besonderen Triebs überflüssigerweise erhoben, und wird der Triebbegriff so nicht eingeschränkt auf das Extrem einer schlechthin unabänderlichen Determinanten, ja nicht gar verkehrt in das Gegenteil seines ansonsten doch gängigen Charakters, nämlich des integrativen Lebensausdrucks, und eben nicht der Auflösung, des Zerfalls, der Vernichtung?
Es hat den Anschein, dass dem so sei, jedoch nur solange die - häufig monierte, kaum verteidigte - objektivistisch-biologistisehe Darstellungsweise der Todestriebtheorie mitsamt der - bei Freud durchgängigen - metaphysischen Materialismusoption an deren Grunde unterlaufen wird. Was an erster Stelle hieße, dass der gesamte einschlägige Theoriebestand allererst auf menschgemäßes Niveau gehoben und demgemäß modifiziert werden müsste.
24
Dass Freud sich der Metaphysikart des bürgerlichen Materialismus, verschärft zur " wissenschaftlichen Metaphysik", das ist der Aufhebung von Philosophie in der szientifischen "Metapsychologie", verschrieb, das steht außer Zweifel. Entsprechend blieb ihm Materialismuskritikfremd, jedenfalls im Sinne des Nachweises der Widersprüchlichkeit der metaphysischen Option Materialismus, insbesondere ihres Regressionismus, nämlich dass sie mit zunehmender Rückkehr, ja Heimkehr in den Ursprung tote Materie das Menschsein, will sagen: das menschliche Bewusstsein, Selbstbewusstsein, verliert, dieses jedoch in der Konzeption dieser Verhältnisse, wie hier in der Todestriebtheorie, zugleich voraussetzen muss (petitio principii). Allein, diese letzte Triebversion Freuds mag gleichwohl hergeben, alle Metaphysik, inklusive des Materialismus zumal, durch eine Art Existentialontologie "avant la lettre", durch den Sprung von der toten Materie als Letztgrund in den Ungrund, den Abgrund des Todes, des Nichts davor, überholen zu können. Hier sind - selbst in der daseinsanalytischen Psychopathologie expressis verbis kaum genutzte - Chancen beschlossen, Existentialontologie und die Spätfassung der Psychoanalvse Freuds ineinander zu übersetzen.
Was aber soll das heißen: die Todestriebtheorie allererst auf menschangemessenes Niveau heben und entsprechend umschreiben? Erinnert sei diesbetreffend an den für Menschsein grundlegenden Sachverhalt, immer erst in einem Verhältniszu, nur vermittels Repräsentation "Welt" haben zu können; allzeit vermittelt bloß, schlechterdings nicht unmittelbar. Die Mediationspotenz reicht gar soweit, dass sich, ausschließlich in ihr und durch sie erwirkt, Phänomene, zugespitzt: sperrige Tatsachen, widerständige Fakten, einstellen. Ohne hier weiter noch auf diese basale Wertigkeit der Repräsentation philosophisch einzugehen, seien die Konsequenzen aus dieser Vermittlungsvalenz für die Todestriebtheorie sogleich notiert. Nämlich: Der Todestrieb - zunächst deren erster Teil: die
25
besagte Regression in die tote Materie und damit in den Tod - bestimmt sich demnach als notwendige Reaktion auf den Tod, den Inbegriff des unverfügbaren factum brutum, das sich allererst in seiner reaktiven Konterkarierung, sprich: im Todestrieb, herstellt und pointiert - allein der interne Abstand in Repräsentation, anders ausgedrückt: in Vorstellung, ungetrennt, doch unvereint von/mit dem Repräsentierten, das menschliche Selbstbewusstsein, erzeugt den ganzen Schrecken des Todes als Widerlegung aller Response darauf, die mehr sein will - und sie will mehr sein - denn bloßer Todesaufschub, nämlich Todesüberwindung. Und das ist eine immer zugleich auch vergebliche Widerlegung, die eine neue Runde der Gegenreaktion, will sagen: von Todesabwehr, veranlasst.
Das Stichwort ist gefallen: Todesabwehr - bereits des Todestriebs erster Teil besteht in Todesabwehr, und der Todestrieb wäre dementsprechend der Defensivvorgang schlechthin. Nur auf diese Abwehrweise verliert der Todestriebprozess seine Trivialität, diejenige der tautologischen Verdopplung der Tatsache des Sterbenmüssens, zusammen mit deren biologistischem (mehr-als-)Darstellungsdefizit. Dies freilich um den Preis der Deplaziertheit des Triebbegriffs nunmehr - wie sollte der Trieb selbst Abwehr sein, wenn er doch das Abgewehrte ausmacht? Kaum wohl wird diese Missverständlichkeit schwinden, wenn man die Unbewusstheit und damit den Automatismus eben auch der Abwehr akzentuiert?
Wie aber des einzelnen nimmt sich der Todestrieb, paradoxerweise Todesabwehr, aus? Welcher Abwehrmechanismus ist in dieser Dimension der "letzten Dinge" am Werk? Es ist die "Identifikation mit dem Aggressor" - man ist versucht, freudianisch metaphysisch, zu sagen: die Uridentifikation mit dem Uraggressor Tod. Es handelt sich um einen ausgezeichneten Vorgang, der menschliches Tun überhaupt, dessen Zustandekommen und Erhaltung, begründet, groß gesprochen: um den magisch-mimetischen Gründungsprozess von Menschheit selbst.
26
Quasi traumatologisch, in Anlehnung an ein triftiges Diktum Lacans reformuliert - das "Trauma" provoziert das "Phantasma", das "Phantasma" schirmt das "Trauma" ab -: Das Trauma aller Traumen, der Tod, ruft das reaktiv-defensive Phantasma seiner Abschaffung als Todestrieb hervor. Hinzuzufügen wäre: seiner schlechthin vergeblichen, eben der das Trauma ausblendenden Phantasmatik wegen; Abschaffung - man sägt am Aste, auf dein man sitzt! -, die sich, realistischerweise sozusagen, zu produktiver, das ist kulturkreativer, Todesverdeckung und Todesdilation bescheiden muss, nicht ohne andauernd vom Abwehrüberschwang der vollkommenen Erborgung der Kraft des Abgewehrten - der Todestrieb selbst dann die Absolutheit des Todes! - verführt zu sein. Todgeweiht produktive Todesverdeckung und Todesaufschub? Ja, im Widerstreit von Trieb und Abwehr, zumal von Tod und Todestrieb, trägt sich alles menschliche Schaffen zu.
Wir befinden uns noch innerhalb des Todestriebs erstem Teil, der apostrophierten Regression zum Ursprung (tote Materie), zur Leiche, dem Todesfahrt-Countdown, der (materialistisch gefassten) anthropologischen Entropiebewegung. Innerhalb dieses Vorgangs äußert sich die besagte kriteriale Abwehr, die "Identifikation mit dem Aggressor", auf passivaktive Weise, das heißt als Zustimmung zum Tod - Zustimmung: eines menschlichen Aktes niemals reinen Erleidens, das es nicht gibt (das es nur im Tode selbst geben mag). An dem einen extremen Ende tut sich diese entscheidende Todeskonzession als Ergebung und am anderen als Suizid, der Gipfel der Autodestruktion, kund. Gleichwie hat man es immer mit einem sinnbegabten magisch-mimetischen Akt todestrieblicher Todesabwehr in der hypokritischen Art der auf Bemächtigung abzweckenden Unterwerfung unter den Tod zu tun, mit unbewusst intentionalen Akten des "Siegs durch Niederlage" (Reik) - es sei denn, man vermöchte den Todesaugenblick als Ende aller Todesmagie, als, dem Selbstmord gänzlich entgegen, einmalige Selbstübereinkunft im Sterben, im voraus schon
27
begreiflich zu machen? Zumal im bis zum letzten autoaggressiv versierten Todestrieb, in der Opferform der Selbstvernichtung, zeigt sich dessen letzte Todesanmaßung; des Todestriebs erster Teil, erfüllt im Suizid, als quasi apokalyptische Todesabwehr am menschlichen Körper widersprüchlich als Tod.
Womit fast wie unter der Hand die Mitbeteiligung von Masochismus geltend gemacht wäre und also der - vermeintliche - Todesantagonist Eros in die Todestriebgeschäfte intervenierte? Da die Eroswerke im Todestriebzusammenhang besondere Beachtung verdienen, nur soviel im Vorgriff dazu: Die Freudschen Begriffe der "Triebmischung" und "Triebentmischung" kommen hier ins Spiel. Jene - die "Triebmischung" - besagt, dass der Akt der selbstdestruktiv tätigen Sterbensakzeptanz überwiegend "libidinös besetzt" in Erscheinung tritt, dass Eros so etwas wie eine Drogierungsfunktion, eine Sterbehilfe ausübt. Und diese - die "Triebentmischung" - die letzte magische Brutalität, sich dem Tode quasi nackt anheim zu geben, ausmacht - fragt sich, welche dieser passiv-aktiven Todestriebvarianten, welcher der beiden Todesabwehrmodi, die/der härtere, phantasmatischere, (nicht im Sinne von individual- oder kollektivpathologisch, vielmehr quasi anthropologisch) wahnhaftere sein mag. Hier auch stellt sich der Ort ein, erwägen zu sollen, ob nicht der Lebensprozess selbst, dieses seines Verfallscharakters, seiner Sterblichkeit wegen, folglich masochistisch organisiert sein muss, denn ohne solche Erosintervention würde er unverzögert beschleunigt entropisieren. Das dürfte mit Freuds "primärem Masochismus" gemeint sein - immer wenn Freud die Beifügungen "Ur-" und "primär" verwendet, ist zu gewärtigen, dass er die philosophisch-metaphysische Dimension der ultimae rationes, allerdings auf nicht gelingende, weil wissenschaftliche Weise, nachzutragen trachtet -; "primärer Masochismus", der mit des Todestriebs erstem Teil im Sinne einer bleibend konstitutiven "Triebmischung" zusammenfiele.
28
Fazit
Der Todestrieb, dessen primäre Phase: die Regression zum Ursprung tote Materie und damit zum Tode selbst, beschreibt keinen Naturvorgang, nämlich objektivistisch die Sterblichkeit des Organismus Mensch, versetzt sich vielmehr in den grundlegenden, unbewusst intentionalen Akt der Todesparierung, das ist die "Identifikation mit dem Aggressor" Tod in deren passiv-aktiver Wendung der dem Tode stattgebenden Todesintrojektion.
Der Todestrieb, insofern "Ichtrieb", meint diese Art der Todesabwehr zum Zwecke initialer Selbsterhaltung. In diesem Zusammenhang die Abwehr triebhaft zu heißen, könnte dann nur sinnvoll bleiben, wenn man die quasi apriorische Abwehrnötigung angesichts der letzten Fatalität des Todes prononcierte -"damit etwas sei und nicht vielmehr nichts".
Die Spanne des Todestriebs ersten Stadiums, der Todesintrojektion, reicht von der Todesmimesis, Todesmagie sich ergebender Einwilligung bis hin zur autodestruktiven Spitze, dem Suizid, der den Preis der Abwehrhypertrophie, sich die Allmacht des Todes anzumaßen, mit dem selbstbeendigten Leben zahlt.
Es wird sich eigens noch herausstellen, die notwendige Einmischung von Eros in diesen opferbestimmten Abwehrvorgang geltend machen zu müssen: die Euthanasie der " Triebmischung" Eros-Thanatos, den Masochismus dieser todestrieblichen Abwehrausrichtung bis hin zum konstitutiven "primären Masochismus": der Unabdingbarkeit der Lustdrogierung aller körperlichen Todes fahrt, allerdings ohne Gewähr, dass es nicht doch zur " Triebentmischung ", welche die ErosSterbehilfe anmaßendst selbstdestruktiv verpönt, kommt.
29
Jetzt kommt die zweite Phase des Todestriebs, das Täterstadium, an die Reihe, umgekehrt dessen aktiv-passive Version - aktiv: der jetzt zumal rettend aufschiebenden "Wendung von Passivität in Aktivität" wegen (und immer noch passiv ob der Reaktibilität derselben - provoziert doch das "Trauma" das "Phantasma", der Tod den Todestrieb eben auch in seiner nun mehr thematischen nach außen gerichteten Tätigkeitsform).
Zunächst ein Zitat dazu, das diese entscheidende Umwendung enthält, eingebettet in retrospektive (erste Phase des Todestriebs) und prospektive (Todestrieb und Sexualität, Masochismus) Theorieelemente.
"Die Libido trifft in (vielzelligen) Lebewesen auf den dort herrschenden Todes- oder Destruktionstrieb, welcher dies Zellenwesen zersetzen und jeden einzelnen Elementarorganismus in den Zustand der anorganischen Stabilität ... überführen möchte. - Sie hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb unschädlich zu machen, und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der Außenwelt richtet. Er heiße dann Destruklionstrieb, Bemächtigungstrieb, Wille zur Macht. - Ein Anteil dieses Triebs wird direkt in den Dienst der Sexualitätsfunktion gestellt, wo er Wichtiges zu leisten hat. Dies ist der eigentliche Sadismus. Ein anderer Anteil macht diese Verlegung nach außen nicht mit, er verbleibt im Organismus und wird dort ... libidinös gebunden; in ihm haken wir den ursprünglichen, erogenen Masochismus zu erkennen."1
"Liegt dann nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt?"2
______________________________
1 Sigmund Freud (1924), Das ökonomische Problem des Masochismus, in: GW XIII, 376, zitiert nach J. Laplanche, J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Band 2, 495f.
2 Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, in: GW XIII, 58.
30
Anfangs des Zitats nimmt Freud die Definition des Todestriebs ersten Teils wieder auf: "Die Libido trifft in (vielzelligen) Lebewesen ...". Überdeutlich die biologistische Darstellungsweise, die freilich dann nur anstößig ist, wenn sie im Sinne wissenschaftlicher materialistischer Metaphysik, also reduktionistisch szientistisch - und das tut sie bei Freud - auftritt. Selbst aber in diesem unhaltbaren, weil Philosophie durch Wissenschaft ersetzenden Register prozediert Freud, genaugenommen, im Wortsinne mythologisch: "Die Libido trifft auf den ... Todes- oder Destruktionstrieb ...", die beiden - scheinbaren - Antagonisten treffen aufeinander - wie das?
Anscheinend hat, wie aus dem Folgenden ersehen werden konnte, die "Libido", Eros, gar das Sagen; was einer Verwechslung der Prioritäten zwischen beiden, Thanatos und Eros, gleichzukommen scheint. Folgt der für den Fortgang des Todestriebdurchlaufs - die Phase der Täterschaft, das Projektionsstadium - ausschlaggebende Passus, der es verdient, nicht wie unter anderen traktiert zu werden, dessen Separation seiner Gewichtigkeit wegen ansteht: "Sie (sc. die "Libido") hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb unschädlich zu machen ...". Dazu, zum Hauptgedanken des zweiten Todestriebteils, gleich mehr. Danach kommt Freud auf den Zusammenhang von Todestrieb und Sexualität zu sprechen: "Ein Anteil dieses Triebes wird direkt in den Dienst der Sexualfunktion gestellt ...", dem später ein besonderer Abschnitt der Ausführungen hier gewidmet sein wird. Und schließlich, in engstem Konnex mit dem vorausgehenden Problemkomplex Todestrieb und Sexualität, streift dieser letzte Zitatteil: "Ein anderer Anteil macht diese Verlegung nach außen nicht mit ..." die Frage nach den Resten des nicht veräußerten, des einbehaltenen Todestriebs, den die "Libido", Eros, kurzschlüssig sogleich zum "erogenen Masochismus" symptomatisierend, abdämpft; womit sich der Kreis, mit der Rückkehr zur ersten Todestriebphase in ihrem Austragsort, dem Organismusinneren, als Psychopathologie indessen: die Perversion Masochismus, schließt.
31
Nach welcher Maßgabe differentiell genau sich die "Libido", Eros, hauptsächlich als eine solche quasi Rausschmiss-, Projektionsinstanz betätigt, bleibt hier unbedacht.
Nun zu der besagten, als zentral behaupteten Stelle: "Sie (sc. die "Libido") hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb unschädlich zu machen ...", die, wie gesagt, den Todestrieb in seiner Außenwirksamkeit einführt, und dies so, als stünde er unter der Kuratel von Eros. Der seine zweite Gestalt festlegende Abwehrvorgang ist die Projektion, das heißt, er wird im Innern des menschlichen Organismus mittels seiner Außenableitung "unschädlich" gemacht - projektionsgemäß geschieht so die Eigenbereinigung der Interiorität durch nachaußen-Verlagerung des gleichen Übels, der gleichen Destruktionspotenzen. Freilich, wie der böse Geist Legion in der Bibel verändert der Todestrieb in seiner Exteriorität bloß den Befallsort und, womöglich bis zur Unkenntlichkeit, sein Erscheinungsbild; seine mitgeführte Gewalt betreffend, gerät man so nur vorn Regen in die Traufe.
Getreu der Außenperspektive des "corps matière", isoliert physiologisch, wird noch der Exekutive des externalisierten Todestriebteils, der "Muskulatur" (das ist der quergestreiften Skelettmuskulatur, überhaupt des Bewegungsapparats), abgetrennt von deren obligater Prothetik (Werkzeuge, Geräte, Maschinen), gedacht - nicht also in produktiver Arbeitshinsicht, vielmehr im Sinne - im Extrem destruktiver - herrschaftlicher Verfügung über vorgegebene "Objekte der Außenwelt" - Einschränkungen, die nicht aber co ipso aus dem Gesamtbestand der Todestriebtheorie, wie sich zeigen wird, folgen. Nicht zuletzt erhält, wie indirekt rehabilitativ, Alfred Adler nachträglich seinen legitimen Platz zugesprochen: eben innerhalb dieser Todestriebprojektion: "Bemächtigungstrieb", und die fraglose, über Adler mitvermittelte Nietzsche-Adaptation - ohne Anführungszeichen -: "Wille zur Macht". Weshalb aber die Hervorhebung gerade dieses Passus, pointiert der These von der Metamorphose des Sterblichkeitstraumas in tötende Gewalt,
32
der Herkunft aller, hier zumal der Außendestruktivität aus der schieren Unerträglichkeit des gewussten Todes, der Kontradiktion von menschlichem Selbstbewusstsein und Tod, des Todestriebs als magisch-tätlicher Todesparade? Eben dieses absurden Verhältnisses wegen: dass die Gattung Mensch, die Sterblichen, der Sterblichkeit wegen, sich selbst nicht gewachsen sind und infolgedessen diesen ihren "Seinsmangel" durch todesentliehene tödliche Gewalt, letztlich wiederum vergeblich, auszugleichen trachten müssen. Ja, trachten müssen ... das ist wie ein Triebgeschehen: Mensch hat keine andere Wahl, erfährt sich der verheerenden Alternative ausgesetzt: entweder Selbst- oder Anderenmord.
Übertrieben, um nicht zu sagen hysterisch? Ohne die Evidenz solcher Todestrieblektüre mitsamt der gleichen Unabwendbarkeit des Todestriebs wie des Todes suggerieren zu wollen, sei wenigstens aber auf die erdrückende historische Empirie menschlicher Gewalt, die skandalöserweise immer noch ihrer hinlänglichen Erklärung harrt, verwiesen; en miniature ebenso auf die Rückspiegelung des allgemeinen Kriegszustands, manifest jedenfalls in extremer Psychopathologie. Und nach diesem Ausblick mag dann die Todestriebtheorie, wie gehabt revidiert, einen gewiss nicht marginalen Beitrag zur Aufklärung dieses unbestreitbaren Gattungsfatums leisten, der selbst dann, wenn sich dieses als unabwendbar erwiese, die Kräfte der Einsicht und des einsichtsgeleiteten Umgangs damit stärken dürfte - Einsicht, die wenigstens in der Zeit ihres Vollzugs den Todestrieb, an dem sie mitnichten nicht wesentlich teilhat, abgehoben sublimativ absorbiert - dieser bescheidenste Spielraum an Gewaltausdünnung ist doch wohl verstattet? Um beim heimischen Bereich diesbetreffend zu bleiben - mindest wird man geltend machen können, dass in Anbetracht der mehr als wahrscheinlichen todesbedingten Auswegslosigkeit der immer gewaltgenerischen Todestriebdetermination sich alle Pathologie (und überhaupt alle Devianz) relativiert, sich derart zu einem - selbstbezüglich sich übertreibenden -
33
Diesseitsphänomen der quasi solistischen Aneignung, ja Usurpation des - mitnichten gewaltfreien - Normalzustands relativiert, und nicht mehr als dessen einzig verwerfliches Jenseits diskriminativ fungiert.
Fazit
Die zweite Phase des Todestriebs, dessen explosive Projektion (versus vordem implosive Introjektion) erweist sich von einer - innerpsychoanalytisch nicht erkundeten - kulturkreativen Reichweite, längst über das Muskelspiel der im grenzwertig inneren Extrem zerstörenden Bemächtigung der "Objekte der Außenwelt" in die veräußerte Gewalt produktiver Arbeit hinaus. Hier ließe sich die Psychoanalyse mittels des Todestriebs zu einer sehr gründlichen und weitgehend wohl alternativen Theorie der Gewalt, insbesondere von Technik, Dingeschaffung, ausweiten. Es ist der menschlich intolerable Tod, der Widerspruch des gewussten Todes, das Urtrauma der Sterblichkeit, welches das Urphantasma der Urabwehr Todestrieb, introjektiv wie zumal projektiv, provoziert; zumal projektiv, denn in der tötenden Usurpation des Todes, der Krake dieses Gottes, der Allausbreitung des Kriegs über die ganze Erde, vollendet sich die Apotheose von Menschheit - apokalyptisch tödlich.
34
In dürftigem Überschlag:
Todestrieb = Todesabwehr:
Identifikation mit dem Aggressor Tod
introjektiv
pathologisch

Suizid
projektiv
martialisch

Krieg
Legende
Im Extrem gerät die Todestriebintrojektion pathologisch, gipfelnd im Suizid; und die entsprechende Projektion außendestruktiv martialisch. Die dazugehörigen Eroseinmischungen - introjektiv der "primäre Masochismus" und projektiv der "ursprüngliche Sadismus" - blieben hier außer Acht. Der leergelassene mittlere Bereich zwischen den Extremen enthält, sowohl körperlich als auch dinglich, die Ausgestaltungen produktiver Gewalt, des schaffenden (versus des tötenden) Todes, wie Sexualität und Technik. Der Zusammenhang von Krankheit und Krieg bleibt hier Desiderat.
An Freud terminologisch angelehnt, läge es nahe, den Todestrieb insgesamt, die Todesabwehr im Ganzen, "Ursadismus" zu heißen, der sich sodann introjektiv in "primären Masochismus" und projektiv in "ursprünglichen Sadismus" differenzierte, wohlwissend, dass Eros so mit dabei sei. Der "eigentliche Sadismus" beträfe als tätiger Todestriebmodus die Sexualität. Schließlich bliebe die "Triebentmischung" der Psychopathologie vorbehalten, einer "allerdings nicht bis zum Äußersten getriebenen Entmischung", da sonst der Sadismus tödlich entropisierte.
35
Ob wohl diese Todestriebrevision einen aktuellen Kontext in Deutschland hat? Zum Glück ja, in den, folgenden subversiven, der vorgestellten Neuentdeckung "des Anspruchs, von dem der Begriff (sc. des Todestriebs) zeugt"1, nächstrückenden Ausführungen:
"Destruktives und autodestruktives Verhalten dienen ... häufig dem Selbstschutz. Dieses Konzept in Verbindung mit Ergebnissen der Traumaforschung ... macht eine Kritik des psychoanalytischen Konzepts der Aggression als primären Triebsystems und des Todestriebes als triebhafte Autoaggression erforderlich ...
Hier (Emrich, 1998) wird der Todestrieb nicht verstanden als ein primär angelegter, autonomer, destruktiver Trieb, sondern als ein selbstprotektiver Impuls, der einen Teil vergangener Realität, eine unerträgliche Belastung löschen möchte. Im Hinblick auf das Selbstwertgefühl heißt das, dass Destruktivität als extreme Form einer Coping-Strategie betrachtet werden kann. Destruktives und autodestruktives Verhalten kann dazu dienen, ein Selbst zu stabilisieren, das wirklich oder im subjektiven Erleben von Zerfall oder Vernichtung bedroht ist."2
Kreische drückt sich sehr deutlich aus. der Todestrieb als "selbstprotektiver Impuls ", "Destruktivität als extreme Form einer Coping-Strategie", "destruktives und autodestruktives Verhalten" als Selbststabilisierung wider "Zerfall und Vernichtung ". Nur daß die Supposition des Todes noch vor aller traumatisch bedingten Dekompensation empfindlich , fehlt; welche Reklamation, fernab eines philosophischen Spleens, der "ontologischen" vor der "ontischen", und sei es bereits der pathologiebestimmt quasi vor-ontologischen, die Ehre zu geben nachholt.
______________________________
1 Laplanche, Pontalis, Vokabular der Psychoanalyse, Band 2, 495
2 R. Kreische, Suchtbehandlung, in: E. Behnsen et al. (Hg.), Management Handbuch für die psychotherapeutische Praxis, Heidelberg: Decker und Hüthig 2000, 2080/1 - 21
36
III. Funktion des Eros
Die Funktion des Eros wurde bereits angedeutet: Er sei von Anfang an als Subsidium des Todestriebs mit von der Partie, indem er dessen Destruktionsgeschäfte im introjektiv-aktiven Passivitätsfalle erträglich sowie in seiner projektiv-passiven Tätigkeitsversion exkulpativ unspürbar mache. Woher aber stammt diese seine ebenso hilfreiche wie illusionäre Potenz, man ist versucht zu sagen: sein gleiß(s)nerisches Wesen? Autonom aus einer anderen Quelle als aus dem Reservoir des "Todestriebs" wiederum selbst, der so nur sein heterogener Antagonist und der "Dualismus" Eros - Thanatos verbindlich statuiert wäre? Nein - trotz aller unübersehbaren Verquerungen in dieser späten Subversion des Triebbegriffs -, die "Lebenswächter", das sind die "Lebens-, Sexualtriebe", seien - so Freud selbst - "ursprünglich Trabanten des Todes gewesen", und wenn sie also ursprünglich fungierten, dann doch nicht nur in ferner Vergangenheit? Oder verwechselt Freud im Ursprungsbegriff zeitliche Genese mit perenner Geltung? Oder ist ein "Funktionswechsel" (H. Hartmann) gemeint, der allerdings, schwerlich nachvollziehbar, extrem ausfiele: die Permutation ins Kontrarium behauptete? Wie dein auch sei - Freud votiert letztlich gleichwohl "monistisch" (wohl zu unterscheiden vom verworfenen Jung'schen "Monismus": der "Libido" als "einziger Triebkraft"). Eros wirkt ausschließlich von Gnaden des Todes, gewiss, zugleich aber gegen ihn. Eine absurde These: Das Geschöpf wendet sich, wie ödipal en gros, gegen den Schöpfer? In der Tat - so stellt sich eine Paradoxie ein: dem "Todestrieb", in Selbstwiderspruch verfangen, die eigene Entmachtung, Selbstentmachtung, passager jedenfalls, einzuräumen,
37
will sagen: das genuine Lebensziel Tod, den Kurzschluss der Zielerreichung (Erzeugung instantan vermittlungslos Verzehr) auszusetzen, den "Zauderrhythmus des Lebens" wiederherzustellen, Selbstaufschub, -differierung, Lebensdilation eigenantagonistisch zu besorgen. Eros, das ist die vorübergehende Selbstdementierung des Todes selbst, diese Absurdität.
Liegt nicht dann der Einwand gesteigerter Ungereimtheit auf der Hand: Tod, der sich in der Lebenskonzession selbstwiderspricht, die innere Widersprüchlichkeit des Todestriebtheorems? Wenn es aber denn de facto so wäre? Versuchen wir uns diesem Widersinn zu nähern! Bekanntermaßen verfangen empirische Beweise nicht, wenngleich die Wahrscheinlichkeitsquote, betreffend die Sterblichkeit des Menschen, exzeptionell hoch ausfällt - bis auf weiteres waren bislang ja alle Menschen sterblich, aller Wehr gegen den Tod zum Trotz. Der Nachweis historisch genereller Vergänglichkeit ebenso von Kultur - als des Artefakts todestrieblicher Todesparade kat'exochen - hält zwar schwerer, weist sicherlich aber recht hohe Plausibilitätswerte auf, die sich in der These von der martialisch scheiternden kulturalen Todesparade stärken mögen. Die Erwägung schließlich, dass zunächst etwas sein muss, um überhaupt zerstört werden zu können: Solch quasi-Aposteriorität von Destruktion, die erotische Seinshäme des Todes, treibt in unangenehmster Weise den Nicht-Antagonismus ErosThanatos als Werk des deus malignum, des gnostischen Demiurgen, in seiner vollen Bösartigkeit auf die Spitze, ohne auch nur im geringsten diejenige Art von existentialer Sicherheit mitsichzuführen, die, zumal im Zeitalter deliranter Wissenschaftlichkeit, garantiert scheint.
Soweit dürfte Freuds "spekulative" Bescheidung akzeptabel sein: Insbesondere die Todestriebtheorie provoziert das (nicht nur) psychoanalytische Dauerproblem der Legitimität von "Spekulation", Philosophie.
38
Vielleicht trägt die weitere Differenzierung der Erosfunktionen zur Evidenz der Todesprärogative, der Todesdienstbarkeit, -therapeutik von Eros, dieser säkularisierten Gott-Teufelsdialektik, bei? Die übergeordnet allgemeine Erosaufgabe macht die negentropische Abbremsung, ja Umwendung und nicht zuletzt die Verdeckung (Epikalypse) der Lebensentropie zum Tode. Eros - der zwielichtige Konverter, die Urinstanz seinsgenerischer Differierung, allzeit im paradoxen Auftrag des Todes. Seine erste Erosaussendung folglich besteht in der Seinsentlassung selbst, der Absolvenz todgeweihten, wiederum paradoxal seiner selbstbewussten menschlichen Lebens. Danach im Umstand, dass Mensch es wesentlich aufsichnimmt, seiner Sterblichkeit mit todesmimetischer Todesabwehr zu begegnen. Wie ausgeführt, geht deren einer Modus auf die todestriebliche Todesintrojektion der Selbstzerstörung aus, die ja intolerabel wäre, wenn sich Eros dieser nicht irgend zugesellte: wie sakramental als Drogierung, Sterbehilfe, Euthanasie. Was heißt, dass der todessüchtige Lebensprozess, konträr nicht weniger folgend erossüchtig, sich masochistisch zu gerieren nicht umhinkommt, und zwar im Sinne einer noch vor dem Freud'schen "primären" = "erogenen Masochismus" platzierten insgesamt korporellen Triebmixtur, deren Entmischung auf die Überwertigkeit, sich quasi nackt dem ganzen konzentrierten "Schmerz der Endlichkeit" auszuliefern, hinausliefe. Selbstverständlich: Auch der bedingte Wechsel in die andere Form todestrieblich tätiger projektiver Todesabwehr der Fremddestruktion wirkt sich als sonderdubiose erotische Todesdelegation aus - letztlich wird so alle Welt solidarisch in den Krieg geschickt! Also wirkt der "eigentliche", das heißt erosdurchmischte "Sadismus", jetzt aber nicht mehr, wie bei Freud, der Sexualität vorbehalten. Und seine Entmischung definierte die Spitze ataraktischer Grausamkeit: die wahnhafte Mimesis an den fühllosen Todesgott. Hier auch gipfelt der ganze Trug der scheinexkulpierenden Eroseinlage in die unendlichen Kriegsgeschäfte der Gattung: als Anreiz, Beglaubigung
39
und Prämierung von letaler Gewalt. Und, nicht zu vergessen, psychoanalytisch konstitutiv immer vergessen - die von Anfang an effektive Konvertierung des tötenden in den auflängend schaffenden Tod der martialisch vom tötenden rekassierten Kulturkreation insgesamt - so die Pointe der Revision des "Todestriebs", die in Vl. expressis verbis verhandelt wird.
Fazit
Eros, Abgesandter des Todes, hat zur Pflicht, eine Lebensschleife in Thanatos' zynischer Allgewalt in der Art von rettend verderbenden Mystifikationen auszubilden, überhaupt und im besonderen. Sein Mittel dafür ist die Verführung zum Gewalterleiden und zur Gewaltausübung sowie a fortiori zur dinglichen Gewaltentäußerung, die sich selbst martialisch-destruktiv wiedereinholt.
Erosfunktionen:
- mimetische Todesparierung Todestrieb
- Seins(nichtungs)stattgabe überhaupt
- primär masochistische Euthanasie bei introjektiver Todesabwehr
- ursprünglich sadistische Gewaltverführung bei projektiver Todesabwehr
- kulturale Selbstverdinglichung
40
IV. Revisionsfolgen für den Begriff der Sexualität
Zwar mag Freud die Triebmischungsangelegenheiten auf dem Niveau der genitalen Sexualität quasi ethologisch übertreiben, an der Prärogative des Todestriebs Aktivitätsversion besteht indessen ebensowenig Zweifel wie an deren Nachfolge aus der vorgängigen passiven Verfassung desselben; so dass eben auch der Generations- vs. Subsistenzsexualität ein Gewaltelement, wie immer auch ausgeprägt, beigemischt erscheint.
"... und endlich übernimmt er [sc. der sadistische Trieb] auf der Stufe des Genitalprimats zum Zwecke der Fortpflanzung die Funktion, das Sexualobjekt so weit zu bewältigen, als es die Ausführung des Geschlechtsaktes erfordert. Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum Objekt nach."1
Dies ist eine prominente Stelle sowohl betreffend die Todestrieb-Externalisierung - "der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus"! - als auch die Eros-Nachträglichkeit. In Freud'schen Denkbahnen verbleibend, gipfelt hier, in der genitalen Erfüllungsform von Sexualität, die Triebmischung als Koinzidenz von "primärem Masochismus" und "ursprünglichem - in der Art des "eigentlichen" - Sadismus", in der sich beider Verteilung auf die Geschlechter - jener eher weiblich, dieser eher männlich - mitindizieren mag. Man müsste in aller bedrängenden Deutlichkeit gewahren müssen, dass die genital-sexuell
______________________________
1 Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, GW XIII, 58.
41
unüberbietbare Fülle des Lebens restlos vom wahrlich konträren Todesmonitum durchdrungen ist, und dies zumal im Falle von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt. Ebenso, dass - fernab der geringsten moralistischen Schelte - die nur noch selbstbezüglich prokreativ entlastete, quasi emanzipierte genitale Sexualität pornographisch zu fraktalisieren genötigt scheint; wobei der bürgerliche Warencharakter, der Warenfetisch, als übergeordneter Bedingungszusammenhang dafür angenommen werden muss: die künstlichen Naturparadiese eben auch in aller "Seinsvergessenheit" sexuell.
Um zur Todestriebrevision der Subsistenzsexualität nach der der Generation überzuleiten: Die Rückgebundenheit dieser an jene kann das apostrophierte Gewaltelement in dieser, der genitalen Sexualität, nur bestätigen. Von der Subsistenzsexualität in Rücksicht Gewalt wird jetzt die Rede sein.
Sich den tiefsten Todeseinschreibungen dieses Sexualitätsgenres, zunächst der oralen Spezies - nicht von ungefähr mit den Termini "oral-sadistisch" und gar "oral-kannibalistisch" belegt - zuwendend, betätigt man sich leicht als Appetitverderber. Freud selbst aber schon dachte mitnichten vornehm anders:
"... im oralen Organisationsstadium der Libido Fällt die Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des Objekts zusammen, später trennt sich der sadistische Trieb ab ..."1
(Abtrennung aber woraufhin? In der folgenden Phase, der analen, wird man abermals keinen entmischten Sadismus antreffen.) Einmalig geht der Todestrieb hier zur Sache, real, und nicht imaginär: Beispielhaft betreibt er nutritiv die wirkliche Anderenzerstörung zum Zweck der Selbsterhaltung, die freilich allerlei symptomatische Misshelligkeiten - bis hin zu ihrem endgültigen Versagen im Tode - sanktionell durchfurchen - man mag sich wundern, weshalb nicht noch viel mehr viszerale
______________________________
1 Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, 58
42
Erkrankungen aufkommen bei soviel massiv inkulpierender Inzestlizenz, deren technologische Verschiebung in die Nahrungsmittelindustrie das imaginäre Säuglingsgebaren an Gewalt unendlich überbietet und die - kein untriftiger Grund der martialen Korrumpierbarkeit der Dinge/Waren dann - das Nutriment todestrieblich-inzestuös zum Dingparadigma überhaupt avancieren macht: "Selbst - dann bin ich die Welt", einzig irrkorporativ real (meint man), und einzig der "Masochismus" der Nahrung gibt diese (dubiose) Gunst her. Metabasis eis allo genos der "Verschiebung" in/als Dinge mitsamt dinglicher "Verdichtung"/Abdichtung? - man möge dessen erinnert sein, dass beide, je Körper- wie Dingspezies - hier Oralität und Nahrungsmittel - in keinem hierarchischen Herkunftsverhältnis untereinander begriffen sind, vielmehr sich aneinander ausbilden; was die Dingprärogative darin - Dinge = Todestriebrepräsentanzen, als ob sie Todesrepräsentanzen seien - wiederum nicht ausschließt.
Merklich eingebürgerter die oft recht gedankenlose Attribuierung "sadistisch" zu "anal", namentlich als Charakteristik der betreffenden zweiten psychosexuellen Entwicklungsphase. Weshalb wohl? Ebenso in dieser Etappe gilt, isoliert korporell, in sich gesteigert, Imaginarität, eine hochgetriebene, wie halbierte Binnenphantasmatik, und dies in krassem Unterschied wiederum zu deren gewalttätig manifesten Realentsprechung, vorweggenommen: der Ding-, inklusive Medienproduktion. Zweifellos kulminiert auf dieser ausschlaggebenden Ebene die Gewalt der Triebmixtur mit der notorischen Konsequenz, dass unsere zivile - als solche äußerst real getätigte - rituale Disziplinierung dieses exkrementalen Todestriebkomplexes als Paradigma der schier unverzichtbaren epikalyptischen Hygieneanpassung wirkt - man stelle sich einmal vor, alle bürgerliche und sonstige Welt machte einfach unter sich ... Inmitten der Aktivitätsversion des Todestriebs, wie gehabt: der auflängenden Umwendung der Sterblichkeit in tötende Gewalt, imponiert die Defäkation wie das Ende von Lustmord: die Elimination,
43
das entschädigend sadomasochistische Herauspressen der Reste der inkorporierten/assimilierten, zudem selbstschützlich dem Verschwinden geweihten Mutterleibleiche, zuvor als Nahrung möglicherweise derart aufgemacht, dass das Schöne wahrhaft nur mehr des Schrecklichen Anfang sein kann, danach, anal, wie ein Verwesungsprodukt, das allzu viel von den Greueln auch des inneren Opfertempels, der Verdauung, verrät und deshalb schon weggeschafft und versteckt werden muss.
Allein - um weiterhin dem Diktum Adornos, immer zum Zweck der intellektuellen, um nicht zu sagen: psychotisierenden Verstörung, zu willfahren, dass "an der Psychoanalyse" ... "nichts wahr" ... sei ... "als ihre Übertreibungen" -, solche fäkalische Lustmordhaftigkeit, getan wie erlitten, sowie ja, ebenso verdinglicht, vom Mutterkörper abgebracht und neutralisiert, stellt die - wiederum missglückende - Rache für den - eh ja scheiternden - nutrimentalen Totalinzest dar, für die Unmöglichkeit des letalen restlosen Einswerdens mit/des Selbstseins von "Welt" im Ganzen als Mutterleibsymbol. "Es bleibt ein Erdenrest, aufs Peinlichste zu tragen", diese rettende Schande - der Muttermörder, der vergeblich der Eindeutigkeit der mütterlichen Hingabe in diesem reinsten Doublebind harrt, wird seiner gerechten Mordsrache, unbeschadet aller gedoppelten Lustprämierung, sadomasochistisch, mitnichten froh, denn das Unterpfand seiner Potenz - Tötungspotenz als sexuelle Transzendentalie - ward ihm weggenommen und ging wie kastrativ ans schwindende Exkrementalobjekt (wieder)über. Selbstverständlich: Die ultimative (Pseudo)rettung bestände folgerichtigst in Kopro-, Nekrophagie, der unhalbierten Selbstherstellung mittels Leichen-Anderenvernichtung, wiederum inkorporativ, wenn nicht deren härteste Tabuisierung, ziviles Tabu aller Tabus, bewehrtester Grenzwall der Kultur, den Absprung in die Dingproduktion, diese Gewesenheit des Inzests mit dem Abgelebten, eben die "Wiederkehr" dieses "Verdrängten" - die Dinge als Todestriebrepräsentanzen - überkompensatorisch veranlasste.
44
Fazit
Das kriteriale Tabu über das pars pro-toto Kopro- der Nekrophagie macht nicht nur den kultural produktionsmotivierenden Limes der einschlägigen Inzestobjizierungen - des gesamten Hygienemarkts -, vielmehr, umfassend, den aller Dinge aus; denn alle diese beinhalten, abgelöst, als ihr eigenstes Arkanum, eben den nämlichen verschobenen Letztinzest mit dem Toten: " Trieb " und "Abwehr ", mortal außenvor in eins, und deshalb, wie erschissene Mutterleibsleichen-Mumien, absolvent (nicht)symptomatisch, präferent vor ihren Körperpendants.
Woraus sich der Chiasmus ergibt, dass die zweite psychosexuelle Entwicklungsphase, die anale, objektiv als die erste, die der Produktionsfundierung überhaupt, und umgekehrt die erste, die orale Phase, verdinglicht externalisiert, als die zweite, die der Konsumtionsbegründung, gilt.
Gewiss, diese Todestriebvorgänge der Subsistenzsexualität auf infantilem Niveau fallen zuhöchst imaginär/phantasmatisch (und darin wiederum, der betreffenden Abschlusstabuisierung wegen, kupiert) aus, deren Objektivitätsentsprechungen hingegen, sollte man meinen. real. Was indessen niemals bedeuten kann,
- dass bloß eingebildete Inzestbedrängnisse im Bereich der frühen Selbsterhaltung weniger intensiv erfahren würden;
- dass sie selbst schon pathologisch und deshalb wie verzichtbar seien (nein, sie beweisen sich als notwendige Präparationen aller Objektivitätsekstatik, ja, mehr noch, als deren perenn synchrone Motivation - die infantile Sexualität bleibt also unabgegolten!);
- dass die universelle Inzestberge Ding verlässlich derart abgedichtet sein könnte, dass sie Pathologie, den inzestuösen Rückbefall des Körpers, besser: die Usurpation der Produktionsbedingung: des Kopro-, Nekrophagietabus, und nicht weniger den Krieg, verhinderte.
45
Wo aber bleibt in diesen Produktions- und Konsumtionsgeschäften der Tausch? Quasi, fundamental definiert er das Opfer - das Opfer! - der Körperentlastung durch Dingkreation: Jene zahlt den Preis dieser und macht so alle Dinge exklusiv zu Waren, in deren Fetischcharakter sich die besagte konstitutiv dingliche Inzestinvolution anmahnt. Insofern auch muss die Tauschsphäre - im Sinne des fertilsten Undings eines produktiven Gedächtnisses - zur dispositionellen Totalisierung neigen; ist hier doch das Maß beschlossen, das über Leben und Tod entscheidet, ein Leben freilich, dessen Emanzipation vom Tode schlechterdings nicht anstehen kann, und dies zumal nicht in unserer Zeit proliferierender Medialisierung, der prekären Regression objektiv zur "infantilen" Imaginarität, die sich, wenngleich erwachsen, so verrückt gebärdet, als müsse es ihre kompakte Objektivitätsmetabasis überhaupt nicht geben; die es in Fülle, gefährlich dann, gibt. Wörtlicher, buchstäblicher als "oral" und insbesondere "anal" kann sich der Todestrieb, verkürzt, und gerade deswegen umso auflängender; um das Kopro-, Nekrophagieverbot - Selbsterhaltung durch Anderentötung, Umwendung der Sterblichkeit in tötende Gewalt, differierend dingvermittelt und deshalb - Waffen! - umso vehementer letztendlich - nicht mehr ins Werk setzen. Wie auf der Hand liegend, bilden die Todestriebwerke ein System von Doublebinds aus:
- die exkremental sanktionierten Inzestverlockungen der Speise, fürs erste der Mutterbrust (des immer aber quasi mitgenommenen Verschiebungs- und Verteilungsmovens);
- das letztliche Scheitern der schuldüberladenen exkrementalen Lustmordrache an der oral-inzestuösen Versagung, gipfelnd in der Faecesabsentierung als wie dem Konkretismus des Kopro-, Nekrophagieverbots - dem Opfer an ein Nichts, überfüllt mit Dingen. Kein Wunder, dass die" anale Mutter" demgemäß zum Brennpunkt aller untragbaren
46
Widersprüche verkommt, die als brüchiges Substrat der zivilen Subjektbildung alle in Geltung bleiben.
Von der Rückgebundenheit der Generalions- an die Suhsistenzsexualität war vordem die Rede: der Tötungspotenz (selbst) als (genital-)sexueller Transzendentalie (notorisch psychoanalytisch der Prägung des Genitalitätsprofils durch den Fortbestand der" Partialtriebe ). In der Tat: Die thematisierten beiden psychosexuellen Entwicklungsphasen, a fortiori die zweite "anale", bedingen - mit aller Rissigkeit dieses Bedingungsfundaments - die spätere genital-sexuelle Reaktion. Freilich, auch die Schicksale der dritten, der "phallischexhibitionisti-schen Phase", spielen, diesbetreffend determinierend als kollapsisches Überkompensation-, Grandiositätssubstrat, recht eigentlich urethraler Art (Desiderat: die urethrale Sexualität), mit.
47
V. Revisionsfolgen für den Begriff von Psychopathologie
Was ist gewonnen, wenn der "Todestrieb" - über "Ödipuskomplex" und "Narzissmus" hinaus - als Inbegriff von Psychopathologie eingeführt wird? Die Begründung dieser Sequenz allgemein vorwegnehmend (siehe VII.), radikalisiert der Todestrieb das Phantasma der Selbstgründung (Autonomie, Autarkie, Absolutheit) mitsamt deren Todesprovokation, dem Sterblichkeitstrauma. So begegnet am Ende der Trieberfassung der Aberwitz, dass einzig mein Selbstsein des Todes selber mich vom Tode erlöse, dies Plädoyer für todesentliehene apokalyptische Gewalt. Demnach besteht der Nutzen der Todestriebadaptierung in der Zitation der "Letzten Dinge", ohne die das Begreifen von Psychopathologie nicht nur auf Zweidrittelwegs stecken, vielmehr letztlich ganz auf der Strecke bliebe, denn - freilich zirkulär gesprochen - das "Begehren" reicht per definitionem bis dahin, und zwar nicht nur im Falle schwerer Erkrankung (Psychose), ebenso, wie auch immer ermäßigt, in schwächerer Pathologie davor (Neurose).
Allzu rasch und unbesehen intervenierte dagegen die Warnung, durch einen solchen forcierten Tiefgang therapeutisch eher Unheil anzurichten (und die Theorie der puren Spekulation preiszugeben): die Kranken "ideologisch" zu überfordern oder gar, umgekehrt, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, je nach pathologischem Schweregrad ganz zu schweigen von der wesensmäßigen Unzugänglichkeit der Psychotiker für solche angeblich höheren, ihn besonders angehenden Weisheiten. Nein, zugestanden auch, dass praktische Erfahrungen mit der innerpsychoanalytischen Folgerichtigkeit, die letzte, verzweifelt überwertigste Usurpation, die des Todes selbst, nicht
48
auszulassen, nicht eben an der Tagesordnung sind, so wird man in praxi sicherlich nicht mit der weitgeöffneten und/oder verrammelten Therapietür ins Krankheitshaus fallen, sondern sich prozedural um einen der Krankheitseinstufung jeweils angemessenen Triebdimensionseinsatz und dessen rechte Dosierung vorab schon bemühen. Jedenfalls dürften sich auf diesem Radikalisierungswege einzig noch die schwindenden Aufklärungspotentiale einer fortgeschriebenen Psychoanalyse wahren lassen.
Als allgemeines Psychopathologieschema auf Todestriebniveau bietet sich an:
Die besondere Stärke des Sterblichkeitstraumas treibt eine ausnehmende Vehemenz der Phantasmaparade an Selbstabsolutheit dagegen hervor. Letztere jedoch, des Todestriebs Aktivitätsversion, versagt in der Konterkarierung ihres traumatisehen Ursprungs, kommt gegen dessen Gewalt nicht auf und muss, pathogenerisch, sich damit begnügen, um nicht ganz dem tödlichen Sog, der Regression zum Anfang, bestenfalls triebgemischt-masochistisch noch abgebremst, zu verfallen, kompromissuell sich dem Gezerre zwischen aufrechterhaltenem Wollen und repetitivem Nicht-Können anheim zu geben.
Woher aber rührt die supponierte "besondere Stärke des Sterblichkeitstraumas" sowie, reaktiv, die "ausnehmende Vehemenz der Phantasmaparade dagegen"? Selten nur wird man Erfahrungen ausnehmender Todesnähe ausmachen können, oftmals verlieren sich die ätiologischen Spuren im Dunkel eines bloß synchron symptomatischen Dass, dessen möglicherweise physiologische Kausalerklärung das Problem der Herkunft der pathologisch (und martialisch) folgenschweren Traumaintensität nur verschiebt. Vielleicht aber selbstdarstellt sich in dieser wissenschaftswidrigen Leerstelle nichts anderes als die nicht aus der Welt zu schaffende Indisponibilität des Todes selbst, unbeschadet des - ebenso indisponiblen - menschlichen Ansturms dagegen.
49
Kein irgend transzendierender Ausweg aus dieser Misere ist vergönnt. Und immanent gilt die kontradiktorische Alternative: entweder Tod (davor gravierendere Pathologie) oder Arbeit: kulturelle Dingschaffung. Der Tod aber muss, eben dieser Alternativeform, der Kontradiktion, wegen, der Produktion (im Sinne einer "inklusiven Disjunktion") innewohnend bleiben, denn sonst ginge diese, die Produktion, der eigenen ultima ratio verlustig, und dieser Verlust wäre nichts anderes als Zerfall, Sterben: paradoxer Todesvor/be/enthalt als unabdingbar zerfallende Eroshypostase. Die Dinge, die Ausfällungen des schaffenden Todes, der kulturkreativen Aktivitätsform des Todestriebs, gewinnen so eine exzeptionelle Stellung: als real effektiver Schein von Todesdisponaten, Todestriebrepräsentanzen, allzeit begehrend verkannt als Todesrepräsentanzen. Welche dingphantasmatische Verkennung apriori, und, aposteriori auf die Spitze getrieben, martialisch vollstreckt, die Dinge, diese einzigartigen Sterbehilfen, von Grund aus verdirbt.
Im Ablass des nekrophagischen Totalinzests, der gattungsentropischen Matrix aller Kulturinversion, unterscheiden sich Ding und Krankheit als ungleiche Geschwister. Versteht sich, im generationssexuellen Register, in welcher Geschlechtsverteilung: diese das missratene (♀), jenes wohlgeraten dagegen (♂). Gewiss, solche rettende Wohlgestalt aber könnte nur um den Preis einer schieren Heterogeneität, einer ganz anderen Gegenprovenienz, nicht wieder inzestprojektiven und -isolativen Wesens sein; es impliziert - in gnädigem Aufschub bis hin zu seiner Enthüllung als dingliche Wahrheit der Waffe -, zunächst eben nur disponibel abgelöst und verhüllt, dieselbe inzestuöse Letalitätsstase, die sein pathologisches vis-à-vis, diese deplazierte Körperkorrespondenz, direkt und unverhohlen an den Tag legt; um nicht zu sagen: monierend seiner reüssierenden Ebengeburt vor und bei Gedächtnis hält - Krankheitsmenetekel, kulturaddressiert. So wird denn auch jedes Pathos, jede Kreativitätsemphase der befreienden, heilenden
50
Transformation von Pathologie in deren entsprechende Arbeitsformation zunichte, gerät man - im genauen Bildsinn - vom Regen in die Traufe, allzeit der Gefahr ausgesetzt, dass diese, und danach nicht weniger das größere Fass, auslaufen, in sich zusammenfallen oder gar platzen.
Gleichwohl, was zählt - die einzige Gnade, die uns zuteil wird -, das sind diese auflängenden, körperabwendigen, körperrückfesselnden Metamorphosen, und wir kommen, therapeutisch zumal, nicht umhin, unbeschadet ihrer umso gravierenderen letzten Haltlosigkeit, uns ihnen existenzerhaltend anheim zu geben.
Am Grunde der Pathogeneität kann es nicht nicht so bestellt sein, dass die defensive Aktivitätsversion des Todestriebs auf Reinheit, das heißt auf die anmaßendste Entledigung von allem Erosschmus davor, dabei und danach, auf den Zustand purer "Triebentmischung" hin tendiert - so ja das zwingende Gebot der unterstellten traumatischen Todesnäheerfahrung: Ich wäre, um der Todesnichtung willen, der Tod selbst in Reinkultur, und sonst nichts, nichts anderes mehr, selbst wenn dies Andere sich bloß als Pseudoalterität erwiese; was ja erotisch der Fall ist. Allein, Krankheit ist wiederum nicht so beschaffen, dass sie nicht mit offenem Messer in der Tasche herumliefe, will sagen: da ja pathologisch (wie kriminell) die urtherapeutische Kulturveräußerung nicht vergönnt ist, muss eo ipso mit einem erheblichen Rückstau der mobilisierten Gewaltpotentiale gerechnet werden, die, implosiv geworden, sich in unmittelbar suizidale Mächte verkehren; wenn nicht, ja, wenn dann nicht doch, wider alle Reinheit der inneren Gegenseite, Eros dilatorisch/dilatatorisch primärmasochistisch wiederum zur Hilfe käme. Mehr aber noch - Dialektik nannte man so etwas -: des angemaßten Todes scheiternde Reinheit, am Arbeitsrevers vorbei, provoziert das nämliche Reinheits(also Schmutz)ansinnen auf der Binnengegenseite: Eroshypostase bis zum letzten: ebenso einbehaltene äquivalent letale Fleisches- vs. Geistesgnostik. Und auf dass sie nicht tödlich
51
entropisiere, fängt sie vor dem Finale, umgekehrt jetzt - felix culpa (culpa aber!) - ihr Widerpart ab, der ja ebenso wenig in seinem Extremgebaren, umgekehrt umgekehrt, vor ihr sicher ist. So das in sich bewegte, sich je bis zu beider Enden hin in mutueller Anfechtung quälende Symptomtheater (der alte, nimmer zur Ruhe kommende Kompromiss zwischen "Trieb" und "Abwehr"), wie bis in alle Ewigkeit: erzwungene, instabile, symptomatisch indes rettende Triebmischung, notorisch die Absperrung der Exteriorität derselben, des Todestriebrepräsentanzenwesens der Dinge, spätestens bürgerlich fetischisiert zur Ware.
Das synchrone Forcement der frustranen Flucht vom Trauma ins inverse Gewaltphantasma, dem - im Unterschied zur Kriminalität, die sich körperlich mit dem entsprechenden Dinginbegriff Waffe liiert (Desiderat Kriminalitätstheorie!) - die außen-destruktiven Spitzen abbrechen; Forcement, in dem der zwingende Ansatz der Triebentmischung, des besagten reinen Aktivtodestriebs, nicht stichhält, das sich folglich, reintrojektiv, umgekehrt Eros-hypostatisch, kontrareisieren mag - wie sich dieses kriminalitätsdifferentielle Pathologiekriterium wohl konstituiert? Angst vor der eigenen Courage, naheliegendes Kneifen des prekären Schuldaufkommens wegen, a fortiori an aller dinglichen Schuldveräußerung vorbei? Jedenfalls führt solche Ab- und Rückbiegung von Aggression zu einem Unmaß an depublizierender Imaginarisierung/Fiktionalisierung, zu puren Zwangsbefürchtungen ohne tätliches fundamentum in re, zu hermetisch reinem, horrendem nur-noch-Innenleben.
Alle diese Überanstrengungen fassen sich als Vermittlungsdispens, Mediationsausfall zusammen. So die entscheidende Privation, die das apostrophierte Als-ob, die Interioritätsabstraktion, den realiter ungedeckten aufgeladenen Monadologismus der für Pathologie wesentlichen Kurzschlüssigkeit: der sich zerreißenden FusionDiskrimination von Thanatos und Eros, Trauma und Phantasma, also der beiden Todestriebformen mit sich führt.
52
Worin die hintertriebene - und deshalb symptomatisch-illusionär revenierende - Vermittlung besteht? Einzig letztlich in der Idealität der Drittenposition von Dinglichkeit, wie gehabt: in der rettend verderbenden Objektivitätsekstatik des körperinvolutiven Symptoms, dessen Außenausfällung, die dem Pathologiemartyrium des auf der Stelle tretenden nicht-hin und nicht-her, nicht vorwärts und nicht rückwärts wie wunderbarerweise sein Ende bereitet, nicht indessen, ohne den Symptomgehalt insgesamt in diese seine Außenabsolvenz immer mitzunehmen, dem gegenteiligen, zweckrationalen tautologisehen Augenschein entgegen: Wunde, die, wie geheilt, heilsam aufplatzt, nur dass sie sich selbst in diesen ihren Auslauf hinein, fürs erste jedenfalls, bis zum Kriegsfall, kaschiert.
Allein, diese Entäußerung ist mitnichten selbst schon produktiv - produktiv im strengen Wortsinne: genuin hervorbringend -, sie hebt bloß, konsumtionsbezogen wie Pathologie eh, deren spezifische Gebrauchsverhinderung - Gebrauchsstreik, Übergebrauch - auf, die kulturelle Dingwelt ist im Ganzen als gemachte vorausgesetzt, bereits vorhanden, so dass man meinen könnte, diese, in Produktions- und nicht zuletzt Tauschrücksicht, ermangelte der je konsumtionsrestringierten Krankheitskorrespondenzen? Dazu erklärend darf man wohl erwägen, ob in dieser ökonomisch eingeschränkten Ortszuweisung, eingeschränkt auf den Gebrauch, sich eine Art sanktionaler Degradierung aller Psychopathologie kundtue, die, (re)absolviert, sich eben nicht in der Weihe von Schaffung und Austausch restituiert, die sich vielmehr mit dem gleichwohl ja teloshaltigen post festum bloßer Verwendung, wenn man es so will: mit diesem Parasitismus, bescheiden muss, der sie ja vorher schon in ihren eigenen Krankheitsgrenzen zeichnete; Verurteilung zum Verschlingen fremder Kräfte.
Weshalb? Notorisch allzeit der vorgängigen Absolutheitsprätention wegen, dieses Illusionismus des hen kai pan, der bloße Konsumtion zu Zirkulation und Produktion wahnhaft hypertrophiert. Je nach Krankheitsgewicht fällt diese Art von
53
Sanktion in ihrem Schweregrad gestuft aus: psychotisch zuhöchst - Sündenfall des absoluten Produzenten, der diese kenosis en psychose hinwiederum verweigert; pervers dazwischen, kaum mehr gewillt, die Privatproliferationen der Vermittlung dranzugeben, um sich dem allgemeinen Pornographiewesen, dem Warenfetischismus, botmäßig zu machen und so der epochal erschlagenden Mediationstotalisierung zu huldigen; neurotisch schließlich zuunterst, so als käme hier die Gebrauchsrestriktion, freilich immer auch halbherzig, in der Auflösung der Gebrauchssperren bei sich selber an. (Besonderes Desiderat in diesem Zusammenhang: die Attribuierung der einzelnen Inzestformen - Vater-Tochter, Bruder-Schwester, Mutter-Sohn - zu den ökonomischen Dimensionen - Produktion, Tausch, Konsumtion -, inklusive der Psychopathologiespezies - Psychose, Perversion, Neurose.)
Das aber heißt für die Produktion sowie für den Tausch und die Konsumtion mit: Nicht etwa entraten die beiden ersten ihrer Pathologiependants, letztere, wie angefochten auch immer, hingegen nicht, nein, die betreffend wiederum hierarchisierte pathologische Hergaberenitenz macht die Maßgabe ihrer objektiven Entsprechungsmächtigkeit, so dass just Psychose und Produktion, Perversion und Tausch sowie Neurose und Konsumtion weiterhin korrelieren. Vorsicht aber - wenn man nun meint, dass die sanktionelle Herabstimmung auf den Gebrauch im Neurosenfalle dessen einschlägige Versperrung dann doch mildere, der wird sich die Zähne insbesondere ausbeißen, denn die Schande des neurotischen Rückzugs in diese konsumatorischen Minderungen kompensiert sich mehr, als einem lieb sein kann, in den Rigorismus einer supplementären Konsumtionshypostasierung, und dann geht auf Symptomebene garnichts mehr.
Es hält nicht schwer, die mehr-als-Prärogative der Dinglichkeit in ihrer Funktion als objiziert-externalen Vermittlungsinbegriff, Drittenvalenz der "différance`, den ins inzestuös Duale hineingetriebenen, freilich ultimativ dabei selbst zu
54
Schanden kommenden explosiven Anderen-Urkeil zu begründen. Nichts nämlich kommt dem Ding, nicht zuletzt dem imaginär medialen in seiner Hadeslebendigkeit, darin gleich, alle Phantasmen dieser Erde zu bedienen - und, selbstredend, zugleich zu verweigern; wie häufig schon angeführt, als Todestriebrepräsentanz, offiziell psychotisiert zur Todesrepräsentanz selbst. Was will man noch mehr - an "Wonne voller Tücke" und "todgeweihtem Glücke"?
Gut - wo aber bleibt dann die ganze, familiale und transfamiliale Masse der leibhaftigen Anderen, die sich selbst doch auch permanent in Drittenpositionen betätigen? Vergessen wurden sie nicht, doch in eine abgeleitete Rolle, und dies wider das lntersubjektivismusisolat der herkömmlichen Psychoanalyse, versetzt. Abgeleitet, weil sie nicht mehr zu sein vermögen denn Abgesandte der Dinglichkeit, die sie in dieser ihrer Aufgabe nähren, als Agenten, Mittlergestalten zwischen den Dinggöttern und denjenigen Sterblichen, die noch nicht an diese wie direkt heranreichen. Hier öffnet sich, vordringlich in klinischem Betracht, das psychoanalytisch wohlerkundete Feld, nicht zuletzt deviant pathologisch sowohl im Sinne der pathogenen Vermittlungseinbrüche auf Seiten der Erwachsenen als auch, dem entsprechend, der schweren Kindheitsnöte, die wie tötende Verdinglichung des Anderenfleisches rettend zu sühnen. In dieser destruktiv-reparativen Hinsicht würde die Revision der Klein'schen Halbheterodoxie überfällig, tunlichst unter dein Aspekt der stabilisierenden Erzwingung der kontrareifizierenden "Freiheit des Anderen", der Archäologie des mythischen Verhältnisses, das wiederum auf die Dingref/verenz als deren gesteigerte Numenalisierung zurückfällt? Um keinen Preis aber dürften die frühen und frühesten Versuche, wie unmittelbar (ob wohl immer nur ersatzweise?) mit den Dingen in Konnex zu treten, Winnicotts Übergangsphänomene und -objekte, dabei außer Acht bleiben.
55
Fazit
Die durchgehende Einbeziehung des gesamten Todestriebtheoriebestands in die Psychopathologie (und nicht nur in diese) erweist sich als unverzichtbar. Anders nämlich, dieses pathogenetischen Ultimatums ledig, wird man das Seinsgewicht, die adaptive Repugnanz, die Zähigkeit von Krankheit inklusive des aberwitzigen Binnenkampfes gegen sie nicht verstehen können. Die Pathologiegraduierung ergibt sich jeweils aus der Schwere der quasi, fundierenden Traumatik - letztlich derjenigen der Sterblichkeit - im Verein mit der Suffizienz der parierenden Phantasmatik.
Selbstverständlich gibt es reale Traumata (zum Beispiel Folter), die in definitiv ätiologischem Betracht mindest notwendige Pathologiebedingungen effektuieren. Und der Wiederholungszwang, die traumatische Situation betreffend, indiziert beispielhaft das Scheitern der besagten Parierung noch vor aller, freilich nicht minder scheiternden phantasmatisch todestrieblichen Aktivitätsversion. Im Durchschnittsfall aber geht das ursächliche Ansinnen leer aus: Es hat den Anschein, als herrsche symptomimmanent Synchronizität von so etwas wie mangelhaft auf Distanz gehaltener, zu gering gefilterter Todesnähe, die fortwährend dann hintertrieben werden muss, ohne zum epikalyptischen Erfolg führen zu können.
Wie dem entrinnen? Einzig ins gedehnteste Selbe der (schein)exkulpierenden dinglichen Externalisierung des Svmptomgehalts hinein, durchs Purgatorium der quasi-Dingexkrementation des vital korrespondenten Innen. Eingedenk der schon Freud 'sehen These, verallgemeinert als Korrespondenz von Pathologie- und Kulturspezies, erleidet alle Produktivitätsemphase, alle Kreativitätsmanie ihren argen Dämpfer dadurch, dass die Sklaverei des Traumas, absolviert ins kontrapositionale Phantasma, zwar den Vorübergang eines Aufatmens vergönnen mag, nicht jedoch die ersehnte Freiheit herbeibringt, vielmehr die andere selbe Knechtschaft am anderen
56
gegenüberliegenden Ende wiedereinführt: den Ding-, den Warenfetisch, lind zumal -. für jeglichen Aufschub sei den Dinggöttern gleichwohl Dank! - die martialisch-suizidale Ding-Apo-kalypse.
Im Register der Eros-Thanatos-Mixturen gibt sich Psychopathologie als misslingende Triebentmischung hin zum reinen "ursprünglichen Sadismus". Das kann am Anfang des psychopathologischen Regelkreises nicht anders sein, denn, erotisch verunreinigt ("eigentlicher Sadismus"!), entbehrt die Aktivitätsversion des Todestriebs der - per Distanz freilich lächerlichsten - Absolutheitsvollendung. Krankheit aber wäre nicht Krankheit, wenn diesem Purismus nicht die wütende Spitze abbräche: "ursprünglicher Sadismus", der sich zurückzieht, sich umbiegt, die kriminelle Energie (nicht mit nackten Händen, durchweg kurzgeschlossen mit der Dingperfektion Waffe) in selbstdestruktive reintrojektiv verkehrt: bestraftes Schuldaufkommen. So aber droht der Suizid - man bemerkt: Keine solche der wie grundlosen Versionen sprengt den Universalrahmen des Begehrens/des Todestriebs, und was liegt dann näher, als die konträre Triebentmischung, die Exklusivität des Eros, dessen Reinheitsübersteigerung, einzusetzen? Gewiss, derart jedoch resultierte dieselbe andere Todes führt, die alternative Letalität des befreiten Fleisches. Gut zwar, dass dieser einseitigen Erosentropie der Einspruch des konträren "ursprünglichen Sadismus" zu wehren vermag; wenngleich dieser, . fürs erste die Rettung, sich selbst wiederum einzig, ausschließlich, rein zu machen trachtet und das nämliche Spiel wieder von vorne beginnt. Kurzum: Pathologiekriterial ergibt sich ein unentscheidbar schmerzlicher Kampf zwischen den beiden gegensätzlichen Triebentmischungen, die symptomspezifische Polemik eines immer wieder herzustellenden labilen Patts zwischen beiden, ein zerriges Sich verzehren, das, auf Dauer gestellt, wie verselbstzwecklicht sich abhebt lind imaginarisiert, so dass sich entsprechend alle Angst in bloße Zwangsbefürchtung hinein umso zäher fiktionalisiert.
57
Nicht weniger stringent lässt sich Psychopathologie als Vermittlungsprivation darstellen: als Ausfall von exteriorer Dinglichkeit in ihrer mediativen Drittenfunktion, die alleine dafür sorgt, dass der apostrophierte innere Symptomkampf nicht perpetuiert und letztendlich sich letal verbraucht, ohne freilich mehr sein zu können als Symptomablösung, -verschiebung und -umhüllung; so dass die letzten Dinge - Destruktion objektiv grosso modo: Krieg - immer auch schlimmer zu drohen drohen als die ersten - Destruktion subjektiv: Krankheit. Gleichwohl gilt die Dingauszeichnung - Ding als schuldabsorptiver Moloch - trotz aller Tücke des eben so zustandekommenden dinglichen Makrounbewussten. Was bleibt uns anderes übrig, als auf den Befreiungsschlag in der Knechtschaft von Arbeit, dieser einzigen Synchronie von Verbrechen und Sühne, also zu setzen?
Je nach Krankheitsgewicht wie sanktional gestuft, schränkt sich alle Restitution auf den Gebrauch (versus Herstellung, versus Tausch) ein, so als könne therapeutisch nicht mehr erreicht werden als die quasi parasitäre Deflation des illusionären Ausgangsineins aller Ökonomiedimensionen, sich als geheilte Neurose gebrauchshypostatisch sodann selbstdarstellend. Was indessen nicht heißen kann, dass diese differenzmonierende restitutive Vereinseitigung die entscheidenden Korrespondenzen - Psychose/Produktion, Perversion/Tausch, Neurose/Konsumtion, inklusive der Inzestezuordnungen - aufhöbe; was hinwiederum jeglichem therapeutischen Kreativitätsüberschwang - Psychosenabsolvenz, verlustlos übergeführt in Produktion - konterkariert.
Alle Drittenvalenz der Artgenossen ist eine abgeleitete Ding-abgesandte und als solche wiederum dingvermittelnde. Was nicht bedeutet, dass sie, durch den leibhaftigen Anderen getätigt, zumal für die Nachkommenschaft, darauf und deren Überhänge zentriert, im Sinne von Arbeitsanlernung auf die dingliche Substitution des Anderen hin, nicht lebensnotwendig wäre. Isoliert intersubjektiv läuft ein beständiger Kampf
58
zwischen reifikatorischer Entwertung einerseits und dem entsprechend zu büßenden Schuldaufkommen andererseits ab, die beide je in defensiver Aggression - Präjudiz eines immer auch unfriedfertigen Anderen-Verhältnisses von Anfang an - aufeinander treffen. Indem das Begehren, der Todestrieb insgesamt, auf alle anderen Beziehungen in corpore, scheinbar Ding-entrückend, eo ipso übergreift, kommt unabweislich und untilgbar die Schuld in die Welt.
"Schuld ist nicht Laune. Die historische Tat, durch die das Sein sich zum Für-sich nichtet, ist Sündenfall und Erinnerung an das Verlorene PARADIES. Mythos der Schuld in allen Religionen und in der Folklore. Man muss darin weder eine dialektische Notwendigkeit sehen wie bei Hegel, wo die erste individuelle Beziehung notwendig die von Herr und Knecht ist, noch eine völlig unverständliche Laune. Sondern eine Urschuld, die man durch die Betrachtung des Urereignisses erhellen kann. Das Erscheinen des Für-sich ist im eigentlichen Sinne der Einbruch der GESCHICHTE in die Welt. Die spontane Bewegung des Für-sich als Mangel (auf der unreflektierten Ebene) ist die Suche nach dem An-sich-Für-sich. Die Reflexion taucht ursprünglich als komplizenhafte auf, da sie eine neue Diaspora-Schöpfung als Versuch der Rückgewinnung ist. Aber eben dadurch verfehlt sich die Bewegung des Für-sich, wie man weiß. Deshalb entsteht hier die Möglichkeit der reinen Reflexion als Feststellung des Mangels und als Stellungnahme gegenüber dem Mangel. Wenn also die reine Reflexion, die der unreinen Reflexion folgt, durch das Aufkommen der unreinen Reflexion ermöglicht wird, warum wird sie dann nicht zumindest die Hälfte der Zeit bewerkstelligt? Weil hier ein anderes Element dazwischentritt, der Andere. Ich lasse unentschieden, ob es sich um eine erneute Anstrengung, sich zu lösen, handelt. Man kann das jedenfalls als Mythos benutzen: Der neue Wiedergewinnungsversuch stellt das Bewusstsein nicht mehr als Quasi-Objekt hin, sondern als Objekt. Daher
59
eine völlige Spaltung. In diesem Moment geschieht alles so, als sei der Andere eine zweite Nichtung, vorgenommen an meiner Subjektivität durch eine Subjektivität, deren tiefer Sinn es ist, als objektivierende Negation meiner Subjektivität zu existieren. Das ist die Urschuld. Denn in dem Moment, wo die reine Reflexion eingreift, ist es bereits zu spät: Sie kann zwar den Quasi-Objekt-Charakter beseitigen, den ich für meine unreine Reflexion besitze, nicht aber den des Objekts, den ich für den anderen habe. Daher wird sie nie ganz wirksam sein. Und die reine Reflexion enthält bereits den Appell, den anderen in reine freie Subjektivität zu verwandeln, damit die Spaltung beseitigt werde. Allerdings müsste der andere dasselbe tun, was nie gegeben ist und nur das Ergebnis des Zufalls sein kann. Denn seine Böswilligkeit ist für mich Schicksal, und seine Gutwilligkeit Zufall, da er frei ist."1
______________________________
1 Jean-Paul Sartre, Entwürfe für eine Moralphilosophie, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2005, 37f.
60
Vl. Miterfassung von Arbeit/Technik
Freud selbst schon hat innerhalb seiner Todestriebtheorie die "objektivitätsekstatische" Spur, diejenige nach außen, gelegt, allerdings eine kaum oder garnicht beachtete schwache Spur, die Allusion einer solchen - aber immerhin; worin sich auch Chancen einer Körper-, "Organsysteme"deduktion aus den Todestriebobliegenheiten avisieren. Der "Libido" komme die Aufgabe zu,
den "Ursadismus" ... "unschädlich zu machen, und entledigt sich ihrer [sc. der Todestriebe], indem sie ihn zum großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der Außenwelt richtet."1
Die Todestriebtheorie - wesentlich eine solche von Arbeit, des kultural schaffenden Todes, wenn immer die alldifferierende metabasis eis allo genos, die rettend verderbende in tote Objektivität hinein, die Aufhebung der "Urverdrängung", vorausgesetzt sein kann.
Wenn denn schon der Kulturlimes des körperlichen Totalinzests Kopro-, Nekrophagie auf die Letzttilgung aller Differenzen, der absoluten Lebens-Todesdifferenz, aus ist, so kann das Mirakel der dingschaffenden "Metonymie" (Verschiebung) und "Metapher" (Verdichtung/"Entstellung") dieser tödlichen Indifferenzerfüllung nicht nicht das Erbe derselben je schon angetreten haben - das Körper-Dingverhältnis unterliegt
______________________________
1 Sigmund Freud, Das ökonomische Problem des Masochismus, in: GW XIII. 376
61
ebenso, nur eben objektiv, veräußert sowie kryptisch, dem phantasmatischen Bann der Indifferenz, dieser pia fraus, die, wenn sie mehr zu sein begehrt (und sie kommt nicht umhin, mehr zu wollen), in die Fänge des Horrors vollstreckter Transsubstantiation, den Inzest mit den Dingen (Psychose), hineingerät. Wodurch sich die Gattung vor ihrem Selbstverzehr in Kultur hinein großpassager rettet.
Es ist müßig, in wissenschaftlichem Verstande Ursachen diesbetreffend zu recherchieren, denn die Hominisation beruht auf dem Ungrund ihrer selbst, imponiert - in genauem Wortsinn - als Nichts-Geschöpf. Ferner: Wir sind, im ebenso suspendierten historisch-zeitlichen Betracht, während ihres Verlaufs nicht dabei, jedoch mit der Notwendigkeit ihrer synchronen Reproduktion betraut, ohne die das Nichts sich zur todgeweihten Seinsentlassung nicht bewegen ließe. Und die durchschnittliche Epikalyptik dieser Wiederholungsverhältnisse erfährt - felix culpa - ihre in ihr selbst noch gehaltene Auflassung, einen Riss, als Psychopathologie und deren autonomen Parasiten Intellektualität, so wie hier vollzogen. Schibboleth der Hominisation: die Dinglichkeit, der Dingfetisch demnach, kurzum, wie wenn dies trivial wäre, Kultur. Deren Gnomos: Du - Nichts - nimmst die Dinge weg, in Staub zerfallen sie - die Körper.
Im Dauerauftrag der perenn gefährdeten Menschwerdung manifestiert sich der ganze Todestrieb, zumal inklusive seiner entscheidenden Miterfassung von Arbeit/Technik. Diese je zu aktualisierende Menschtotale aber impliziert die Ungeheuerlichkeit, dass die Seinsentlassung des Nichts allererst dessen Allmacht bezeugt; will sagen: nicht an ihm selbst, vielmehr einzig am Leben exekutiert sich die quasi-Ursprünglichkeit des Todes, seine Rekassierungspotenz; so dass Leben, menschlich seiner selbstbewusstes Leben, erosdrogiert, das Zeichen des Trugs an sich hat, einer intellektuell wissbaren, paradoxal eisernen Scheinhaftigkeit überhaupt, die sich in der schlechthinnigen Repräsentiertheit des Seins (die "Welt als Vorstellung")
62
selbstdarstellt. Ewig und drei Tage gilt die Nachfrage dann, wie das transszientifische Wissen dessen möglich sei und welchen Status es im Ganzen des Begehrens/des Todestriebs habe - hier erscheint es ja wie selbstverständlich unterstellt.
Nochmals Sartre speziell dazu: "Die Reflexion taucht ursprünglich als komplizenhafte auf, da sie eine neue Diaspora-Schöpfung als Versuch der Rückgewinnung ist. Aber eben dadurch verfehlt sich die Bewegung des Für-sich, wie man weiß. Deshalb entsteht hier die Möglichkeit der reinen Reflexion als Feststellung des Mangels und als Stellungnahme gegenüber dein Mangel."
Aber ja, a fortiori gar untersteht die Reflexion der Phantasmatik des Begehrens, verfällt dem Sog des "en soi-pour soi" - sonst wäre sie ja nicht. Sie wird als "komplizenhaft" bezeichnet, "da sie eine neue Diaspora-Schöpfung als Versuch der Rückgewinnung [sc. eben des "An-sich-Für-sich"] ist". Doch besitzt sie offensichtlich die Befähigung, sich in ihrem Überschwang zur "reinen Reflexion" zu brechen (wie das wohl geschehen kann?), und, wie entabsolutiert auch immer genau, ihr Sujet, die Begehrenstotale, und sich selbst, als gebrochene Reflexion, scheinfrei anzusehen - mehr aber schier nicht. Unausbleiblich hier die Preisfrage aller Preisfragen: Wie die Eros-Thanatosverhältnisse derart auf den Kopf stellen, dass der Tod seine bloß noch vorübergehend diskretierende Marginalisierung im erhaltenen Lebenskontinuum erführe? (Wie soll das möglich sein? Unvermeidlich käme man, metaphysikrestitutiv erneut, beim absoluten Sein an, und dieses ist, aufgeklärt, nichts anderes als das nämliche Nichts.)
Die Dinge - eo ipso sind sie Waren (die diachronische Intensitätsindizierung bedürfte des Nachtrags); Waren als Fetische, das ist menschlich Gemachtes, zugleich, im instantanen Kniefall davor, wie numenal begnadend Geschenktes; in der pathologischen Insichreflexion des Fetischismus wird's manifest. Im Urtausch des Opfers der Arbeitskraft wird das
63
Produktionsverbrechen abgegolten, entsühnt, zugleich den Produkten, den Dingen/Waren, verunbewusstend aber eingegeben - so deren schuldabsorptive Funktion; so dass es nicht Wunder nehmen muss, wenn sie sich zu reinsten Sprengmaschinen aufladen und im gänzlich unsündenfälligen Kriegsfall explodieren: aberwitzige Fetischzertrümmerung ob seiner, des Fetischs, Unbotmäßigkeit, in eins mit der Götter-, Dingerache wider ihre menschliche Spitzenusurpation.
Die Dinge seien Todestriebrepräsentanzen, Revenants der "Urverdrängung", Inbegriffe differierender Gewaltveräußerung. Also bringen sie den unendlichen Genuss der, an dit, todesnichtenden Tötungspotenz, des kongenialen Umgangs mit dem Tode auf-Du-und-Du, der universell tätigen Mimesis ans Tote, dieser einzigen "innerweltlichen Erlösung", auf. Man muss verschärfend formulieren: Die Dinge seien in aller offiziell lizenzierten Wahnhaftigkeit, die, beim Wort genommen, allererst pathologisch wahnhaft degeneriert - bloßer Glaube, der sich zum Wissen vervollkommnen solle, Intellektualität, die, diese Gläubigkeit als Substrat ausbeutend, derart geschützt dann, wissend sein kann -, die Dinge seien, letztphantasmatisch, Todesrepräsentanzen, nein, mehr noch: Todespräsentanzen und damit Indizes der Identität des Ungrunds Tod und des derart gar überabsoluten Selbst. Indizes? Ja, aber nur, wenn sie sich als diese Identität ideieren/verewigen, womit sie aber ihres anzeigenden Vikariatscharakters verlustig gehen - wenn nicht, so wäre in der Art des Eingedenkens und der Verheißung ein störendes Differenzelement insinuiert.
Felix culpa von Psychopathologie, der intellektuell solidarisch ausgebeuteten, unbeschadet ihrer eben auf kranke Weise bloß ungebrochen gebrochenen Begehrensverstrickung: In ihren immer gegebenen, nur im Manifestheitsgrade gestuften Dingreferenzen widerstreitet sie sowohl dem wissenschaftsüberantworteten zweckrationalen Tautologiewesen materieller Kultur, deren superfiziellem, formallogisch repräsentativ jedenfalls abgesichertem Verschluss, als auch aller symbolischen
64
Entschärfung des Begehrensgehalts, dessen Wiederabziehbarkeit von dem durch diesen symbolisierten Dinge, einschließlich der Rücküberantwortung an das einzig schuldige Subjekt - so die subjektivistische Mohrenwäsche der Objektivität.
"Die Brücke ist ... ein Ding. Man meint freilich, die Brücke sei zunächst und eigentlich bloß eine Brücke. Nachträglich und gelegentlich könne sie dann auch noch mancherlei ausdrücken. Als ein solcher Ausdruck werde sie dann zum Symbol ... Allein die Brücke ist, wenn sie eine echte Brücke ist, niemals zuerst bloße Brücke und hinterher ein Symbol. Die Brücke ist ebensowenig im voraus nur ein Symbol in dein Sinne, daß sie etwas ausdrückt, was, streng genommen, nicht zu ihr gehört. Wenn wir die Brücke streng nehmen, zeigt sie sich nie als Ausdruck. Die Brücke ist ein Ding und nur dies. Nur?"1
Statt die ewig ausgetretenen Fluchtbahnen der Normalität einzuschlagen, verbreitet Psychopathologie, trotz ihrer Inbrunst unangreifbarer Dingtautologie, wenigstens doch das Zwielicht bloßer rettend frustraner Mache aller Epikalyptikmaßnahmen angesichts des nicht aus der Welt zu schaffenden Umstands, dass alle wie wohlmeinende wissenschaftlich-technologische Kastration des Begehrensgehalts/des Todestriebstelos (mehr, nein ganz anderes als metaphysische Absolutheit: nämlich die Allgewalt des Todes selbst zu sein) die Herrschaft des Todestriebs nur stärkt; und zwar in seiner projektiv-externalen Destruktivität, eben mit Wissenschaft/Technik an deren Exekutionsspitze - welche Selbstverkennung, umgekehrt die Vernichtung von Metaphysik und Existentialontologie obendrein leisten zu können! Die scheinbare Irrationalität des Todestriebziels, die abgesetzte Absolutheit, das realisierte Nichts, erübrigen sich weder wissenschaftlich noch restieren sie unverbindlich ästhetisch-künstlerisch symbolistisch, der universelle
______________________________
1 Martin Heidegger, Bauen Wohnen Denken, in: Vorträge und Aufsätze, Pfullingen: Neske 1954,27f.
65
Ungrund der Produktion führt sich vielmehr wissenschaftlich verdeckt und verteilt aus und (re)obligiert Kunst zur Wahrheit.
Dingmystischer Ausklang. - Die Dinge seien "Sterbehilfen" (HH), ja, sie sind schlechthinnige Seinssubsidien des "Seins zum Tode". Indem sie mich, Körper, vermittlungsemissionär schließlich, überleben, lassen exklusiv sie mich lebend überleben: gewährleisten mein-mit-dem-Leben-davonkommen, ebenso wie zumal das obligate kultural-dinglich-mortale "Mehr-als-Leben"; und kassieren mich am Ende - Kadaver: die ultimative Entsühnung, zugleich die ultimative Schuldcharge, dinggemäß in der ganzen Ambiguität absoluter cogito-Absenz, pointiert: der Abwesenheit von Reflexion, das allerschäbigste allerhehrste Nichts.
"Das Gnadenbrot des Gedächtnisses" (HH). Da Sein als solches eo ipso re-präsentativ bestimmt ist, weist die Vermittlung, das Gedächtnis, die Funktion des Seinserhalts, des Ungetrennt und Unvereint des Vorgestellten und seiner Vorstellung, wider beider Diskrimination oder Fusion, auf. Das Gedächtnis subsistiert von Gnaden des Nichts, dieses Ineinander- und Auseinanderfalls dergestalt, dass - die Geburtsstätte des Aquivalenzillusionismus - das Ding die eigene Existenzbedingung Gedächtnis eben als Körper: reflexives cogito hergibt, und dieser/dieses opfernd sich dieser Gabe wert erweist. Freilich, so wenig die Dinge als Todestriebrepräsentanzen Todespräsentanzen als das überabsolute Selbst selber sein können, so wenig auch gilt die - eh ja in sich widersprüchliche, weil Repräsentativität Absolutheit ja dementiert - memoriale Selbstbegnadung, nein, es bleibt beim besagten "Gnadenbrot des Gedächtnisses", einer Gnade auf Widerruf, allein schon der vielen einschlägigen Pathologien wegen, um vom peremptorischen Tode zu schweigen. Gnadenbrot? Das mag beim Wort genommen werden dürfen, subsistentiell nutrimental nämlich werden Fusion und Diskrimination, das in diese tötend/generativ zusammenfallenden Limesextreme sich eingebende Nichts, körperlich aktual: Dingmodell Nutriment demnach -
66
es geht hier auf Leben und Tod, doch unsere Nahrungsmittelindustrie, diese exemplarische Todestriebkrudität, sei dem weiterhin, bitte, verhüllend vor.
Was ist am Ding, an kulturaler Hominisationsempirie - "Erfahrung des Denkens" -, ohne Anfang und Ende, und mit dem ungerichteten, sich wie eine Folie aufspannenden generativen Dazwischen, ur-sprünglich vergönnt? Die "namenlose Nichtfühlbarkeit des Tods der toten Dinge", diese in sich abgestürzte intellektuelle Höchstübernehmung, wahrnehmend den sterbenden, den toten Gott, die Apokalyptik seiner Todeswiderlegung im memorialen Widerschein des seinsverweigernden, widercogitionalen, asignifikanten Nichts.
Fazit
Ansteht die Dekonstruktion der Todestriebtheorie hin zu einer Theorie der Arbeit, also der im umfassenden Sinne Kulturkreation.
Die Arbeitsprodukte, Dinge/Waren, treten das Erbe des kopro-, nekrophagischen Extreminzests, extern objektiv verschoben, verdichtet, entstellt, das ist epikalyptisch gemacht, an.
Den hauptsächlichen Epikalyptikmodus macht die wissenschaftskonstitutive Dingtautologisierung, die eben noch den ästhetisch-künstlerischen Dingsymbolismus unverbindlich erlaubt. Wohingegen die svmptomimmanenten Dingreferenzen, wie immer auch zwielichtig und womöglich therapeutisch zu lockern, die währende Verbindlichkeit elaboriert des besagten Extreminzests als des Ungrunds des Menschen und seiner Dinge unter Beweis stellen.
Die Todestrieb- als Arbeitstheorie expandiert zu einer solchen der Hominisation, die ihre permanente - immer auch pathologisch bis martialisch gefährdete, sich indessen an diesen ihren Risiken remotivierende - Reproduktion, kurzum: Arbeit,
67
erheischt. Und wiederum sind es deren Entgleisungen, die für den intellektuellen Anspruch, diesen nächst und lernst zugleich, intellektuelle Mehrwerte beinhalten.
In diesem Reich der letzten Dinge bleibt die Fundamentalabsurdität nicht aus, dass, in existentialontologischer Konsequenz des Todestriebs, die Lebensentlassung des Todes nachgerade umwillen der Demonstration seiner destruktiven Allmacht vonstatten geht. Menschliche Existenz - die Eros-drogierte Häme des Todes? Der Weisheit letzter Schluss??
Wir sind zu den Dingen, Warenfetische alle, "Sterbehilfen", die sich ikonisch-imaginär im Phantasma des produktiven Gedächtnisses, dieses "Gnadenbrots", erfüllen, verurteilt. Wir unterliegen dem zwingenden Realschein des Kniefalls vor dem Selbstgemachten, der Opferabgeltung produktiver Destruktion: Arbeit, ja der suizidalen Vollmacht der eh ja mit berstender Absolutheit aufgeladenen Dinge als Waffen, dem Schein des Erlösungseschatons des "Tods der toten Dinge". Was aber zählt die selbst doch ungetrübte kontingente Binnensicht darauf; diese Mystik?
Die Dinge=Todestriebrepräsentanzen
Todestriebrepräsentanzen
Todestriebrepräsentanzen
Todespräsenz
Die Dinge=unmögliche Todespräsenz
als supraabsolutes Selbst
68
VII. Homogeneität der Triebtheorien
In der Tat: Es ist die Absicht dieser Studie, "den Anspruch, von dem der Begriff [sc. des Todestriebs] zeugt, neu zu entdecken", und das sei ein "Anspruch, der bereits in frühen Modellen unter anderen Formen eine Realisierung fand".1 Letzteres, die metapsychologische Kontinuität, die Konsequenz der Abfolge der diversen Triebtheorien - Ödipuskomplex, Narzissmus, Todestrieb -, ist nunmehr Thema.
Die Klammer dieser Steigerungssequenz macht das Phantasma der Absolutheit, differenzierbar wiederum in dasjenige der Autonomie (Ödipuskomplex), der Autarkie (Narzissmus) und das der Absolutheit im engeren Sinne (Todestrieb); worin sich das Hierarchieelement dieser Folge mitabbildet. (Könnte man verwegenerweise nicht vielleicht auch geltend machen, dass diese das Ablaufmuster der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung darstellt? Aber nach welchem übergeordneten Prinzip?)
Das bedarf wohl keiner sonderlichen Ausführungen mehr: Der Ödipuskomplex spielt, triebtheoretisch, im Register der Generationssexualität: Vatermord und Mutterheirat indizieren das männlich-filiale Begehren, sich selbst sein eigener Ursprung zu sein, die Absolutheitspassion demnach auf diesem stammfamilialen Niveau. Wohl zu beachten, dass der Ödipuskomplex, fernab davon, sich zu einer zum Untergang (besser: zur Tabuisierung als "Überich") verurteilten vorübergehenden Kinderkaprize reduzieren zu lassen, als strukturale Basisgröße von der Wiege bis zur Bahre agiert und zudem seine Grenze
______________________________
1 Laplanche, Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Band 2, 495.
69
eben nicht an den primären kognativen Verhältnissen findet, vielmehr objektivitätsekstatisch auf das Körper-Dingverhältnis im Sinne des Makro-Ubw, -ödipuskomplexes je schon ausgegriffen hat; ferner dass die weiblich filiale Version desselben zur vorherrschend männlichen, der männlich-filialen Zentralperspektive, als "Elektrakomplex", nicht symmetrisch ist - werden beide Geschlechter doch von der Mutter geboren, und entsprechend ist die Mutterheirat und der Vatermord töchterlicherseits immer schon geschehen, und folglich im Nachhinein rettend symptomatisch die Tochter dem Vater verfallen, im Guten wie im Bösen.
Narzissmus. - Psychogenetische Erörterungen zum Narzissmus, vornehmlich zur Unterscheidung "primärer" versus "sekundärer Narzissmus", ebenso zur Rangfolge von "narzisstischer" versus "Objektlibido", erscheinen dann erst als sinnvoll, wenn das Narzissmustheorem insgesamt, wie das triebtheoretisch bereits beim Ödipuskomplex der Fall war, in struktural-synchroner Rücksicht etabliert worden ist. Narzissmus - die alles Andere exkludierende Selbst-Liebe, Selbst-Absolutheitssetzung, in ihrem Grunde nichts anderes aber als eine Notfallreaktion: Selbstrückzug in sich selbst hinein, wie ein sich Zusammenkrampfen als Response auf eine Verletzung, ein Trauma, allzeit überkompensiert durch die Ablösung der ja äußerst selbstreduktiven Abwehr alles Anderen durch überwertigste Selbstinflation.
Die Symptomverfasstheit des strukturalen Narzissmus liegt auf der Hand, er ist eine Art von "transzendentalem" Symptom; Trauma (un)letztlich die Sterblichkeit/der Tod, dem sich das Phantasma, die zur Selbstinflation kontrareisierte -deflation, verschuldet. Man mag den Eindruck gewinnen, dass der "primäre Narzissmus" auf ein quid pro quo des narzisstischen Pathologiestatus: reiner, Alles umfassender Selbstbezug, mit einer - dadurch konstitutiven - frühesten psychogenetischen Entwicklungsstufe, auf die höchst problematische Extrapolation von - damit aufgehobener - Krankheit auf den Ursprungszustand
70
zurückdatiert; so als ob der Zusammenfall von Subjekt und Objekt, diese Indifferenz, nicht unaufhebbar entzogen, als ob es vergönnt wäre, diese Koinzidenz, den Widerspruch des wachenden Tiefschlafs, den Trug der Unmittelbarkeit als ursprünglichen Seinsstatus, der ja nur im Nachhinein, nach erfolgtem Sündenfall, nicht an und für sich selbst, irrigerweise also, als Paradies imponieren soll, mit vollem Bewusstsein zu existieren.
Einfacher die Verhältnisse im "sekundären Narzissmus", dieser ermäßigt nothaften Unternehmung, indirekt, über die Schleife der Anderen-Konzession, kompromisshaft symptomatisch sich die narzisstische Wunscherfüllung, die es direkt nicht geben kann, zu verschaffen, und sei es, inversiv, durch Unterwerfung - "Sieg durch Niederlage", die "idealisierende Übertragung" -, den Anderen gänzlich zu bemächtigen. Fehlt auch hier empfindlich der gebührende Objektivitätsauslass, und zwar nicht nur die herrschaftliche Verdinglichung des Anderen, deren dingliche Substitution vielmehr als Klimax der Selbstliebe - "sekundärer Narzissmus", der sich, eh dinglichtechnologisch primär, offiziell macht.
Welche Libidoform hat den Vorrang, die objektische oder die narzisstische? Es gibt ein scheinbar einfaches Argument für die Prärogative dieser, nämlich die Sterblichkeit, den Tod. Im Vorbereich der "ontischen" Verschiebungen und Entstellungen, der insbesondere kausalen Verdeckungsstrategien, mag es wie ad libitum anders, umgekehrt sein, innerhalb der "ontologischen" Seinsgewärtigung aber kann es gewiss keine Anderen-Umwege geben, das erschütterte Selbst schließt hier mit seinem Ungrund kurz.
Gleich wie beim Ödipuskomplex gilt im Narzissmus uneingeschränkte Geschlechtsdifferentialität. Weiblicherseits dominiert der sozusagen abgeleitet "primäre Narzissmus", die Geschlechtsmitgift des "homo ...": Selbstinvolution, verbunden mit derselben paradoxen Not wie vordem triebtheoretisch ödipal, in aller Repugnanz des männlichen/paternalen Dritten
71
simultan zuhöchst dessen bedürftig zu sein; während beim Mann die gewaltveranlassend initiale sexuelle heteron-Zumutung für eine Art einschlägiger Dauerinitiation sorgt. "Selbst - dann bin ich die Welt" - weiblich-töchterlich sogleich schon zuviel und männlich-söhnlich a priori immer zu wenig, und jenes "de trop" bedarf der paternalen Drittenrestriktion, so wie dieses "trop peu" der Drittennachhilfe, beide Male auf Kosten der Mutter.
Theoretische Leerformel Narzissmus - als ob sie Mimesis an das kriteriale gestaltentledigte "Überhaupt", "Schlechterdings" übte. Sollte man sie triebtheoretisch ödipalisierend doch wieder füllen - etwa: Narzissmus sei die Persistenz des nichtuntergegangenen Ödipuskomplexes - und so im Streit um die Prävalenz von "Objekt-" und "narzisstischer Libido" für jene votieren? (Gewiss nicht!) Jedenfalls prononciert die Narzissmustheorie die Innen- und Außeneffekte des in seiner Passioniertheit verschärften, zu schwerwiegenderer Psychopathologie passenden Absolutheitsbegehrens.
Schließlich der Todestrieb. Das Sich-selbst-sein-eigener-Ursprung-sein (Ödipuskomplex) und das dadurch erwirkte SelbstAlles-sein (Narzissmus) steigert sich folgerichtig zur (a-)ultima ratio in metaphysischem Hyper- und nicht-mehr-Verstande: selbst-der-Tod-sein, zur selbst- und fremdmörderischen, die Dinge in ihrer Erfüllungsform: Waffen an erster Stelle auszeichnenden Todesusurpation (Todestrieb). In der Tat: Der Tod ist primär begehrt, und das heißt keineswegs, dass er in intentio recta, ohne Hintergedanken des sich-selbst-im-Tode-Überlebens gewünscht sei (ob es solches Jenseits des Begehrens überhaupt geben kann?), immer vielmehr so, wie es die Psychose Depression, in sich reflektierte Todesanmaßung, bezeugt, dass die nichtende Potenz des Todes zueigen gemacht werden will, gleichwie, nur scheinbar nicht in ihrer passiv-suizidalen Mimesis, sowie in ihrer außendestruktiven Aktivitätsversion; Todestrieb - die Magie der lebendigen Leiche, sich selbst opfernd, aufzehrend, und/oder Anderes.
72
Die in Praxisbelange hinüberspielende weitere Frage ist allgemein die, nach welchen Kriterien je die betreffende Triebgestalt veranschlagt werden sollte. Es liegt zwar nahe, dafür den psychopathologischen Schweregrad geltend zu machen, doch geht diese Zuordnung insofern nicht auf, als auch die in Frage kommenden minder schweren Erkrankungsarten, wie die Neurose, sich als nicht nicht todestriebdeterminiert erweisen; ihr weniger krankhaft Gravierendes geht nämlich ausschließlich auf die adaptive Valenz der für sie charakteristischen Befallsorte zurück - so etwa fällt phobische Immobilität weniger ins Gewicht als der psychotische Verfall des Repräsentationsvermögens im Ganzen. Fürs erste bleibt wohl nichts anderes übrig, als die fragliche Akzentuierung je der therapeutischen Situation, den Wechselfällen der betreffenden Interaktion anheim zu stellen. Freilich werden sowohl das schlichte Zuwarten auf die Schwerpunktsetzung des Patienten als auch deren unbesehenes Dekretieren von Seiten des Therapeuten verfehlt sein, beide müssten sich, wie doch wohl üblich, miteinander vermitteln. Allerdings: Beabsichtigt man - nach der narzissmustheoretischen Wende von ehedem - die Erkundung der Reichweite ebenso des Todestriebs selbst schon im neurotischen Bereich, so wird es an Rückendeckung direkter Erfahrung dazu mangeln.
Fazit
So ist es: Der Todestrieb vindiziert einen "Anspruch" ... "der bereits in frühen Modellen unter anderen Formen eine Realisierung.fand" - im Ödipuskomplex und im Narzissmus nämlich.
Im Überschlag: Ödipuskomplex, Narzissmus und Todestrieb unterscheiden sich 1. nach der inneren Graduierung des Absolutheitsphantasmas in Autonomie, Autarkie und Selbstabsolutheit
73
im engeren Sinne (terminologischer Vorschlag!). Ferner 2. nach ihrer Referenz/Lokalisation:
- Generationssexualität (Vatermord und Mutterheirat: sich selbst, männlich filial, sein eigener Ursprung sein),
- Selbstorganisation (leere Selbstinflation, Selbstimperialität: dingliche Substitution des Anderen) und
- Selbstontologie (Todesusurpation, selbst-der-Tod-sein: Selbst und Fremdmord, Krieg).
Sie kommen überein 1. in ihrer Motivation als Notfallreaktion aufgrund des basalen Seinsmangels der Sterblichkeit; und 2. in ihrem struktural-synchronen, dinglich ausschreitenden und geschlechtsdifferentiellen Charakter.
Der "primäre Narzissmus" verwechselt die Pathologie Narzissmus mit dem Ursprungsstatus (der bereits kranke Ursprung!); der "sekundäre", ersatzhafte, hingegen stellt die Selbstimperialität im Anderen- Verhältnis angemessen dar.
Der Vorrang der "narzisstischen" vor der "Objektlibido" verschuldet sich dem (un)fundamentalen Todestrauma.
Bei aller Schwerkraft hin zur Psychose gibt sich der Todestrieb, betreffend die anderen schwächeren Psychopathologiespezies, indifferent. Pathologiegewichtskriterium ist die Befallslokalität. Die Fälligkeit, welche der Triebgestalten in praxi veranschlagt werden sollte, richtet sich fürs erste nach ihrer therapeutischen Opportunität.
74
VIII. Theoretische und klinisch-praktische Valenz der Todestriebrevision
Das wird wohl deutlich geworden sein: Grosso modo philosophisch, auf den Generaltopos "Abendländische Metaphysik" hin gesprochen, nimmt die Psychoanalyse Platz im Sinne einer fortgeschrittenen, körperinschriftlichen szientistisch hypermetaphysischen Position, die zugleich alle Elemente tiefgreifender Existentialontologie-naher Krisis mitenthält. Spätestens von der Aufnahme des Todestriebs in den Verband der psychoanalytischen "Metapsychologie" an manifestiert sich diese zwischen Wissenschaft und Philosophie oszillierende Ambiguität, deren Vereindeutigung - nach unserem Verständnis freilich in Richtung Philosophie - eher aber unterlassen werden und der Erhaltung ihres hybriden Charakters Platz einräumen sollte; wodurch sich Psychoanalyse und Philosophie wechselseitig aneinander herstellten und begrenzten innerhalb einer, dieser, konstitutiven Sicht darauf, die selbst nicht nicht wiederum philosophischer Natur sein kann. Nur dass in dieser Konservativität befürchtet werden müsste, dass sich, und zwar nicht nur im Extrem, beide Pole dann doch zu kontrareisieren, sich auszuschließen begännen - wie etwa wäre das wissenschaftlich-kausale therapeutische Bereinigungsverhältnis kompatibel zu machen mit der schlechthinnigen Indisponibilität des letzten Grundes als des schieren Ungrunds des Todes/des Nichts; und davor: wie der wie immer auch in sich reüssierende Subjektivismus der herkömmlichen Psychoanalyse mit deren kritischen Extrapolation zu einer "Psychoanalyse der Sachen", bar jeglicher Gewähr eines Zustands der wenigstens objektiv statthabenden Befreiung von den Realphantasmen des Ödipuskomplexes, des Narzissmus, des Todestriebs? Groß
75
gesprochen, hängt das Überleben der Psychoanalyse von der Wahrung all dieser Problembestände ab - wie wohl steht es um sie, die also revidierte, in Zukunft, der sie auf ihrem angestammten triebtheoretischen Niveau medial, kraft der postmodernen Gepflogenheit der Entblößung als paradoxerweise Verunbewusstung, weit über alle "repressive Entsublimierung" hinaus, und überhaupt durch unsere epochale Allimaginarisierung, parallel zu ihrer neuerlichen neurowissenschaftlichen Integration, entmachtet scheint?
Aber die Praxisvalenz? Dazu ein Beispiel aus der ungewichtigeren Sphäre der "Psychopathologie des Alltagslebens", nicht zuletzt um nachzuweisen, dass selbst solche prä-pathologischen Phänomene von den "Letzten Dingen" ereilt sind und ebenso, dass den darin betroffenen Sachen das Stigma ihrer Todestriebprovenienz wissenschaftlich scheinbar nur abhanden kommt.
Also: Ertappt sich jemand dabei und hütet es alsbald als sein in sich elaboriertes Geheimnis, bei Nummerierungen etwa derjenigen der Spinde im Umkleidebereich von Schwimmbäder, im Sinne eines milden Zwanges strikte diejenigen zu favorisieren, die entweder selbst schon und/oder wenigstens deren Quersumme durch drei teilbar sind.
Die proto-psychopathologischen Implikationen im Beispiel liegen auf der Hand:
- die irgend traumatische Veranlassung;
- deren magische Parierung durch das symptomgenerische Superdispositionsphantasma, eine Überkompensation, die in ihrem rettenden Wesen zugleich misslingt: den besagten Minianankasmus ausbildet;
- dem Symptomgehalt nach fürs erste der Austrag der Triangulation, des Drittenproblems.
Womit bereits, gemäß der Schwerkraft der traditionellen Psychoanalyse, der Ödipuskomplex ins Spiel gebracht wäre: Zwangshaft wird der Dritte als Rettung wider den dualen
76
Inzestsog, den in der Zahlenauswahl vermiedenen, beschworen. Und entsprechend legt das kleine Zwangsritual psychogenetische Spuren: Man darf unterstellen (aber wem darf man das nicht unterstellen? - notorisch ist es eine Frage des Stärkegrads), dass ein solcher Zahlenmagier - dabei macht die Kaprizierung auf Zahlen eine wie phobische Außenverschiebung, eine Projektion aus - seine speziellen ödipalen Probleme geringeren bis mittleren Schweregrads hatte und weiterhin hat, wenn immer sein zweifelhaftes Zahlenspiel seine einzige Symptomallusion sein sollte.
Weniger vertraut wohl die narzissmustheoretische Interpretation des Alltagsrituals. Allemal hebt sie, wie supplementär nur, ab auf die magische Prätention, die Überwertigkeit, den Verfügungsdreh wider die traumatische Entmachtung doch noch zu kriegen, auf diese symptomatisch deflationierende Ichinflation.
Mag schon der Einsatz der Narzissmustheorie als Interpretament konventionell psychoanalytisch wie reduziert auf einen Binnenaspekt des Ödipuskomplexes anmuten, was dann wird der Todestrieb an auch praktischer Erkenntnisvertiefung erbringen können? Nicht mehr als eine hysteroide Übertreibung, noch beiläufiger, belangloser als der Narzissmus, ja gar verfehlt - herkömmlich triebtheoretisch-ödipal muss es so scheinen. Gewiss - man möge zwar nicht mit der Tür der besagten "Letzten Dinge" ins Haus der Alltagspathologien fallen, weder theoretisch noch zumal praktisch nicht, doch, unbeschadet der hierbei gebotenen Reserve, führt kein Weg daran vorbei, selbst im Falle harmloserer Verhaltensdevianzen den gesamten Todestrieb als ungründige ultima ratio, a-kausale prima causa zu bemühen; und ferner darauf zu achten, dass die vorläufigeren Dimensionen des Ödipuskomplexes und des Narzissmus nicht dazu dienen, die im Todestrieb eingebrachte "Ontologie" "ontisch" zu verkleistern, als haltloses Schutzschild vor dem klaffenden Nichts zu missbrauchen, der Apo-kalypse nicht den epikalyptischen Riegel vorzuschieben; wofür ja de facto immer
77
bestens gesorgt ist. Ein anderes aber ist es, Trieb- und Narzissmustheorie wie eine Art von gestaffelter Rückspiegelung des Todestriebkonzepts anzusehen, wie die Transparenz jener auf dieses wie in unterschiedlichen Entfernungen bereits hin; und man mag sodann nach höherer Opportunität entscheiden, wo in deren Abfolge angemessene Weile angezeigt ist. Also, ohne Übertreibung: Selbst auch solche Zahlenmagie fällt der todestrieblichen Todesusurpation anheim, der Zahlenmagier wähnt, selber der Tod zu sein, und gerät, in der Nachträglichkeit seines Zwangssymptoms sanktioniert, in dessen Bann wieder zurück.
Weshalb aber die Wahl solcher Zahlenmagie, dieser zweifelhaften abgehoben imaginären Drittenwahrung, der haltlos haltenden Selbstsicherung, der in sich scheiternden Todesabhaltung? In der Antwort scheiden sich die Geister: hier konventionelle Psychoanalyse, dort deren kritische Fortschreibung, nicht auch, vorgeordnet vielmehr der Dinge, im Ausgang vom revidierten Todestrieb. Üblicherweise überantwortet man das Problem der Krankheitswahl mitsamt deren Spezifität ohne besonderen Nachdruck den Kontingenzen der Lebensgeschichte, nicht ohne einzuräumen, dass es an den Zahlen selbst etwas gebe, das ihrer anankastischen Verwendung entgegenkomme, diese Sachofferte jedoch rechtfertige ihren Symptomgebrauch mitnichten, setze sich, oft bis zur Grenze der tautologischen Unschuld der Dinge, von diesen, sich selbstbereinigend, ab. Womit der psychoanalytische Symbolbegriff virulent wird: Symbolisch werden die Dinge, hier die Zahlen, bloß im Sinne einer weitherzig passenden, losen subjektiven Zutat zu diesen, und das symbolgenerische passagere Einschnappen des Subjekts ins Objekt verliert sich im Falle von Krankheit in deren Gesamtgenese; nur dass eben dann die schöne Freiheit des Dingsymbolismus passe ist - symptomatisch kleben Subjekt und Objekt aneinander nämlich fest, und geben in dieser ihrer Viskösität hinlänglich Anlass, einen anderen Blick auf diese Vikariatsverhältnisse zu werfen.
78
Fingerzeig Psychopathologie: die apostrophierte Fesselung des kranken Subjekts an das symptominhärente prekäre Objekt - die Gegenthese zur traditionellen Psychoanalyse gilt: Das Dinge symbolisch machende subjektive Supplement zu diesen, vage nur diesen irgend affin, das ist a priori schon deren bloß adaptiv künstlich abstrahierbare Produktionsbedingung, sprich: Ödipuskomplex, Narzissmus, Todestrieb objektiv selbst. Der "Gebrauch" von (organprojektiven) Dingen "zu Metaphern" sei "nur die unverstandene Anamnesis ihres Ursprungs".1
Zurück nun zum auf der Grundlage der angedeuteten psychoanalysekritischen Symbol- und Symptomauffassung zu dechiffrierenden zahlenmagischen Beispiel. Dessen Binnenprozess scheint trivial: besteht aus zweien der vier Grundrechnungsarten: dem Dividieren der vorgegebenen Spindnummern durch drei oder, bei Fehlanzeige ersatzweise, deren Quersummenaddition sowie deren Dividieren ebenso durch drei - allzu schnell gibt man den nothaften Versuch der Rettung der Triangulation eben nicht auf, die notwendige drei könnte ja, wenn nicht direkt manifest, latent sein, was sie im günstigen Quersummenfalle ja auch ist. Dabei bleibt das Resultat der Teilung durch drei zwar belanglos, doch schön ist's dann doch, wenn sich dieses abermals durch drei dividierbar erweist. So geschieht die Probe aufs Exempel, der Eignung der Spinde. Die erzwungene Benutzung der unpassenden verkündet womöglich alles erdenkliche Unheil - man behaupte also nicht, der Gehalt selbst eines unerheblichen und vielleicht isolierten Symptoms sei in sich nicht wahnhaft organisiert.
Weiter nun mit der Initiation ins Mysterium der beiden Rechnungsarten: Teilen und Zusammenzählen hier der einzelnen Ziffern zur Quersumme. (Diese Prozeduren sind für uns längst simpel, doch ihrer vollen Primärprozesshaltigkeit ist man kaum sogleich gewachsen!) Also: Wider die entropische Fusion, den letalen Countdown 3-2-1-0, setzt sich die konträre
______________________________
1 Hans Blumenberg, Das Ich, aus: Begriffe in Geschichten - drei Sammelstücke, in: FAZ, Nr. 89, 15. 04. 1987.
79
Diskrimination, die Aufteilung der numerischen Einheit je in drei gleiche Bestandteile (zum Beispiel 21 = 3 x 7) - welch egalitär ideale Triangulation! Wie sich die getrennten identischen Teile anzählig wiederfinden, das ist dann doch wohl nicht ganz ohne Belang, denn: immerhin macht es einen Unterschied, ob sogleich für alle dreie eine nicht mehr durch drei teilbare Zahl oder gar eine Primzahl resultiert, oder eben nicht; und die durch diese eintretende Irreduzibilität bleibt wohl ambige: buchstäblich in-divid-uell, und darin absolutheitsgefährdet. Aber bricht und treibt die aufgeteilte Einheit so nicht auseinander, zumal wenn das Ende der Dreiteilungsreproduktion direkt eintritt (wie im 21iger Beispielsfall: 21 : 3 = 7)? Die Drohung des Auseinanderdriftens hält sich im Umstand auf, dass sich die nämliche Größe, die drei, doppelt zu bewähren hat, nämlich als Auseinander- und Zusammenhalt in einem - authentische Vermittlung!
Quersumme (quer: horizontal versus die eher doch vertikale Division?) - das betreffende Zusammenzählen mutet wie eine Binnenfusion an, um dann umso forcierter die entscheidende wieder trennende Dreierprobe vorzunehmen; wie ein letzter Versuch, die Eignung der fraglichen Ziffer über diese konträre Schleife zu erzwingen - Addition und Division als Widerspieler? (Wie wohl das Verhältnis von Subtraktion und Multiplikation beschaffen ist?)
Kein Zweifel - selbst mit so einfachen rechnerischen Prozeduren kann mancher Zauber angestellt werden, unfreiwillig im Traum und in Symptomen, quasi freiwillig in Kunst. Die Unterwelt der Mathematik, ihr Triebfundament, lässt grüßen, und sie wird sich seit ihres Zustandekommens wesensgemäß alles einfallen lassen, den Rücksog in ihre selbst nicht mehr mit ihren eigenen Mitteln darstellbare Genealogie in den Abhub der Abwehr derselben längst schon wie automatisch zu transformieren. Und dies aufgrund eines Systems von Abwehrvorgängen, die sich, sachversiert, just mathematisch zu erfüllen scheinen: Abstraktion, das ist Spaltung (Abspaltung,
80
Verbergung des genealogischen Souterrains), Isolierung (Absetzung, Verselbständigung, Immunisierung), Indifferenzierung (Einebnung/Enthierarchisierung), Autoreferenzierung (Autonomisierung/Autarkisierung/Verabsolutierung). Allem Anschein nach hat die Gewaltumwendung des Todestriebs in diesem bis zum (vor)letzten in sich hineingetriebenen kulturellen Spitzengebilde seine Wahlheimat: in der Prätention lückenloser Epikalyptik, in der sich die verselbstzwecklichten Mittel der wissenschaftlichen Disposition von Welt erbilden. Denn: Extraordinär abdriftig, wie widerrepräsentativ, repräsentiert sich in Mathematik - selbst wiederum formallogisch begründet (und deshalb insbesondere selbstständigkeitsbedacht) - das Quantum: Menge und Größe, und das heißt, der Inbegriff selbstsichernder Possession, der Todesüberwindung durch -mimesis in Besitz; Gipfel des das Todestrauma parierenden tödlichen Gewaltphantasmas: das bürgerliche Subjekt.
Also spielt sich der Zahlenmagier im Symptombeispiel, dieser Kümmer- zum Hypermathematiker auf - das kommt davon - so sein, wie man meinen möchte, dummer Fehler -, wenn man unfrei nicht gewillt sein kann, sich kollektiviert der Todesusurpation exklusiv in deren imaginär gewalttätiger Abdeckung opfernd anheim zu geben, also Mathematik zu betreiben, darüberhinaus vielmehr, arbeitsunwillig, solistisch, durch die wuchernde Abwehrdecke hindurch des abgewehrten/abgedeckten Allbewegungsgrunds, des Todes selbst, allmächtig innezuwerden. Freilich, mit der genuinen Schöpfung der kompletten Stammfamilie, dem ödipalen Phantasma, dessen narzisstischem Großgenuss, gipfelnd im todestrieblichen Herrn über Leben und Tod, ist es erbarmenswerterweise nicht weit her: An einer faktisch vorgegebenen Dingeanzahl (der Spinde), deren ordinale Nummerierung angehend (die Spindnummern), bedarf es residualer Selektionsarbeit (der besagten Dreierprobe), die sich nun wahrlich nicht ins selbstgenügsame Reich des Imaginären emanzipierter mathematischer Operationen hinein abhebt, nein, auch hier folgt gerechterweise auf
81
die notgeborene Gottesanmaßung der Sündenfall - nur dass der Gott diese Anmaßung selber schon ist.
Schilt man also Krankheit, so möge man darüber nicht aber vergessen, dass deren Transformation in entsprechende Arbeit dieser das nämliche Gewaltelement mitnichten wegnimmt. Mehr aber noch - da capo da capo -, und darauf zieht sich die todestriebveranlasste Subversion der Psychoanalyse, auf dieser Linie der Gewalt, wesentlich zusammen: Was man am Symptom meint, als pathogen subjektives Supplement, als halbarbiträre Projektion, dingbereinigend, -retautologisierend, subtrahieren zu können, das ist im voraus schon der einzige, unaufhebbare, um der ungestörten Weltbewältigung willen abgewehrte/abgedeckte Produktionsgrund der symptomatisch (oder auch symbolisch) verwendeten Dinge selbst - unauflösbar bis zum Absolutheitsklimax seiner Selbstauflösung, den apokalyptischen Dingtod. Hat ein solches Wissen irgend eine Art von Eingriffsvalenz in die Entropie des Dingeprogresses?
Fazit
Die Aufnahme der Todestriebtheorie erleichtert die Positionierung der Psychoanalyse in philosophischem Betracht. So präsentiert sie sich als quasi inkorporierte Hvpermetaphvsik mit Wissenschaftsanspruch, in eins mit deren nahezu existentialontologischen Krisis in Richtung Philosophie; und sollte in diesem ihrem hybriden Charakter, vergleichbar dem Marxismus diesbetreffend, aus Gründen ihrer so doch einmaligen inneren Selbstkritik - und das ist eine philosophische Option! -, auch erhalten bleiben. Was sich freilich leichter sagt, als es getan werden kann; denn de facto aktuell neigt sich die Waage beträchtlich zur Seite des Wissenschaftsanspruchs, Hand in Hand mit deren, der Psychoanalyse, medialen Enteignung (Bloßlegung als Abwehr, mehr als "repressive Entsublimierung"), und dagegen immer noch ihren philosophischen
82
Gegenzug zu behaupten, kommt. fast schon einem grotesken Heroismus gleich.
In klinisch praktischer Hinsicht gilt, ob des Mangels noch an Erfahrung, das Verfahrenspostulat, den Blick auf den eo ipso durchgehend erstwirksamen letztaufkommenden Todestrieb voll zu wahren, und seine Vor-gänge, Ödipuskomplex und Narzissmus, nicht zu seiner Verdeckung, vielmehr seiner Durch-sicht einzusetzen; und dabei immer bei Bewusstsein zu halten, dass selbst auch alle philosophische Sage, darin gar der Wissenschaft vergleichbar, das, was sie besagt/bespricht, zwar absetzt, in dieser ihrer Abstraktion jedoch virtualiter implosiv/explosiv weiterhin enthält. Auch die "Reflexion" kommt aus dem Todestrieb:
"Die Reflexion taucht ursprünglich als komplizenhafte auf, da sie eine neue Diaspora-Schöpfung als Versuch der Rückgewinnung ist. Aber eben dadurch verfehlt sich die Bewegung des Für-sich, wie man weiß. Deshalb entsteht hier die Möglichkeit der reinen Reflexion als Feststellung des Mangels und als Stellungnahme gegenüber dem Mangel."1
______________________________
1 Jean-Paul Sartre, Entwürfe für eine Moralphilosophie, 37.
83