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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Eurydike und der Lärmschutz. Zur Synchronie des Mythos (Retro II (1983-1994), 2006, Essen, Die Blaue Eule, 184-208)
(aus: Mythos - Realisation von Wirklichkeit? Vorträge aus dem II. Verlagskolloquium 1987 in Bochum, herausgegeben von K. Bering, W.L. Hohmann, Die Blaue Eule, Essen 1988)
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Zu den vielen philosophischen Stiefkindern gehören nicht zuletzt die Klangabfall-, -müllphänomene, von denen das kontinuierliche Geräusch, das nicht zur Geräuschkulisse entfernt werden kann, das sich vielmehr schon dem Lärm annähert, besondere Aufmerksamkeit verdient. Solch wertloser Rückstand in der Dimension des Gehörs imponiert dadurch, daß er der Gebrauchs-, Verwendungsfunktion mit deren Einsatz sogleich inhäriert und sich nicht etwa im Verlaufe derselben einstellt; und haftet er kontinuierlich an, wie ein Analogon des Schattens, so konterkariert er ein wesentliches Klangkriterium, nämlich das Verklingen, so etwas wie Selbstverbrauch, wenn die Außenzufuhr aufhört. Verlautungsabfall am Ort der Verwendung, der Konsumtion - freilich enträt die Produktion dieses
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1 Heide Heinz: Seinslimes II, Zeichnung, 1987
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Abfalls nicht, im Gegenteil. Doch findet die Produktion - Werkstatt, Fabrik - eh an einem isolierten Orte statt (die Nibelungenwerkstatt unter Tag), und zudem synchronisiert sich, jedenfalls residual noch in der handwerklichen Produktion, der Materialabfall mit dem des Begleitgeräuschs (wo gehobelt wird, da fallen Späne, auch phonetisch); und schließlich fungiert die Geräuschsqualität hier immer noch mit als Funktionskontrolle, enthält also brauchbare adaptive Valenzen. Umso redundanter demnach der konsumatorische Lautabfall. Nur am Rande mag er noch Kontrollindizes enthalten, jedenfalls dem Anscheine nach auf das Konsumtionsphantasma hin ist der unverwertbare Rest gegen seine residuale Noch-Verwertung eher emanzipiert. Umso deplazierter demnach der konsumatorische Lärm - soll die Konsumtion doch die Unschuldsbeglaubigung der Hervorbringung (und auch des Tauschs) gedächtnislos leisten; das Opfermonitum des Lärms ist an diesem Ort eben nicht vorgesehen. Die Sphäre der Zirkulation aber enthält ihrem Vorrang gemäß die Kontradiktion des gar öffentlichen Höllenlärms des Transports, Verpackungslärm, sowie die notorische Stille des Tauschvorgangs selber, in der die Zeichen (Geld, Reklame) den Lärm überhaupt in Gänze absorbieren. Und von dieser Zentralen aus verteilen sich Lärm und Stille dann auf den Produktionslärm unhörbar unter Tag und den phantasmatischen Schein der Stille der Konsumtion. Wie sähe wohl diese Wirtschaftszyklik aus/wie hörte sie sich an, wenn das Opfermonitum, gewiß zentriert um den Klangabfall, nicht nur unterliefe, restverwertet würde, ja in den Fängen der besagten Kontradiktionsregie eh schon wäre? Es wird vergeblich sein, diese Alternative anzustrengen, man geriete nur bestenfalls in Kindischkeiten und bald in Pathologie. (Und dieser Umstand vorbezeichnet bereits die ganze Schwäche der wie beliebig erzeugbaren Synchronie des Mythos, wenn immer mythische Aufklärung sich beansprucht als Anhalt eines Anderen.)
Der Klangmüll enthält in sich den Widerspruch äußerster Hygiene, zumal als er sich in seinem Selbstbezug, seiner Selbstsättigung eben nicht in sich zurückzieht, vielmehr sich dem Ohr unabtrennlich anhängt, so als ob er so etwas wie der Gehörsschatten wäre. Sauberster Abfall, der sich selber substrathaft, also ohne erlösende schließende Klang- und Sprachlichkeit, die Einheit von Ohr und Stimme ist, sich vorbehält - rein für sich selbst nur hörbar in sein Inneres hinein die göttlichste Musik macht - und seine gehörsdestruktive Fassade dem Hören des Anderen anheftet, und dies mit einer solchen Vorbehaltsmacht, daß dagegen jegliche schließende Selbstverlautung intervenierend nicht ankommt. Unendliche Selbstverschlingung
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wie der Doppelgänger des Gehörs als Gehör, also restmonierender Aufschub des Nichtschlusses der Wundereinheit des Sich-Sprechen-Hörens. An welcher Stelle rissen die Mänaden den Kopf des Orpheus ab? Mit Sicherheit vor dem Halsansatz, dem Stimmapparat. Der weiter singende abgerissene Kopf des Orpheus schwimmend auf dem Flusse Hebros dem Meere zu zur Insel Lesbos hin - das Wasserrauschen, der Anfang der Musik. Freilich bleibt es unbestritten, daß es die verschiedenartigsten Geräusche gibt, daß sie, zumal wenn sie noch Kontrollvalenzen implizieren, identifizierbar/differenzierbar sind. Wie sollte es auch anders sein? - Lärmbelästigungen führen ja nicht sogleich zum Tode; die Differierung, der Aufschub sorgt eo ipso für Unterscheidbarkeit mit. Allein, mit der verbalen Genauigkeit der Geräuscheunterscheidung ist es im Sprachrepertoire nicht weit her, ja davor schon macht die Spezifizierung des Gesamtphänomens phond-Abfall (Geräusch versus Lärm etc.) erhebliche Probleme. Was nichts anderes heißt, als daß die Identifikationserfüllung als adaptive Aufschubnutzung auf das Abstellen dieses Phänomens selber hinausläuft: Feststellung als Beseitigung. Insofern gibt's auch keine der Notenschrift analoge Geräusch-, Lärmaufzeichnung, wohl aber bezeichnenderweise neuerlich physikalisch-elektronische Skripturalisierungen, nicht zur reproduktiven Lektüre, vielmehr folgerichtig zur Abschaffung des Aufgezeichneten gedacht, bar des Aufzeichnungswerts darüber hinaus, Makulatur.
Der Klangabfall rührt immer vom Maschinencharakter her, also von einem zweckbestimmten Funktionieren - was indessen nicht heißen kann, daß damit einer einfachen Unterscheidbarkeit von Mittel und Zweck das Wort geredet sein soll -, also von Bewegung. Bewegung, die nicht nur der Energiezufuhr bedarf, die zugleich Reibung nach sich zieht, Reibung, die Verlust, Verschleiß bewirkt. Klangabfall also der Abwurf sich durchsetzender, gegeninerter, verbrauchender/sich selbst verbrauchender Bewegung. Demnach leistet der Klangabfall gegen die durchschnittliche Sichtanmutung das Monitum der Entropie, kurzum des Opfers. Die Hülle um den Opfertempel ist unliebsam rissig geworden, und konsequent gilt die Rationalisierungsleidenschaft a fortiori sodann dem Lärmschutz, der Angleichung allen Maschinenlärms an die Lautlosigkeit des Todesübergangs selber. Das ist gewiß mehr als die je partielle Beseitigung lärmend läppischer Noch-Imperfektheiten der Maschinen, es ist die passionierteste Absolutheitserschaffung im Management des sperrigen, nicht aufgehenden Rests. Gewiß - die Lärmschutzleidenschaft aber erweist sich als in sich paradox. Fragt man noch gründlicher nach der Herkunft des Höllenlärms
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auf Erden, so wird die Konzession fällig, daß dieser nicht zuletzt den nothaft verzweifelten Versuch von Menschheit ausmacht, die fatale Lautlosigkeit, Unhörbarkeit des Gros der Opferprozesse, den fatalen Nichtzugang des Gehörs dazu zu kompensieren, Materie dazu zu bewegen zu schreien. Was alles nicht repräsentiert sich für Mensch akustisch wie nach dem Vorbild des Körperinneren, dieses Binnenopfertempels, zumal derzeit im nuklearen Zeitalter? Diese Kompensation aber degeneriert zur Überkompensation mit der einfachen Folge, das zum Mangelausgleich Überherbeigeschaffte hinwiederum beseitigen zu müssen. Lärmschutzwiderspruch: die Geister, die ich rief, muß ich schleunigst wieder loswerden. Sie sind aus Not gerufen worden, diese Herkunft haftet ihnen lärmend freilich weiter an, doch so war es nicht gedacht, und also muß der Aberwitz des Lärmschutzes her, so als ob es möglich wäre, den Lohn der Mühe, mir die eigene Endlichkeit vermitteln zu müssen, als die Vernichtung des Dokuments gewußter Endlichkeit reklamieren zu können.
Paul Virilios Dromologie wäre die avancierteste Philosophie, die sich all diesen Tumultabsurditäten theoretisch anmessen könnte, nur daß sie den Lärm als Problem expressis verbis ausläßt. Die Pointe der Dromologie besteht im folgenden: Die totale Disposition des Raums als des Zeitsubstrats, der ausgebreitetste Umstand, daß die Orte, topoi sich anschicken, apriori erreicht zu sein, nur noch die Anamnesis ihrer selbst also ausmachen - was ja als touristische Erfahrung (im Sinne einer zivilen Abfallmystifikation von Kriegsstrategie) notorisch ist -, führt zur exklusiven Auszeichnung der Geschwindigkeit, der Verkürzung der Zeitmarge der Ankunft an den disponierten topoi, die sich in ihrer Disponibilität atopisieren. Was nichts anderes heißt, als daß Zeit selber sich in der Raumliquidierung, der anamnestischen, zu zerstören anschickt. Es ist dies auf den Punkt die Geschichte vom Hasen und dem Igel: Ick bün allhier, und dies mit der delikaten Wendung, daß die betrügerische Indifferenzierung der Geschlechtsdifferenz des Igels, dieses animalischen Waffen-, Panzermodells, den armen Angsthasen zu Tode hetzt. Versteht sich, daß er während seiner Todeshetze, dieser Überwertigkeit, mit dem Körper selber noch die an die Dinge abgetretene Dromomanie parieren zu können, diverse, freilich noch expressive Atemgeräusche produziert: Lärmzuwachs mit steigender Geschwindigkeit, dies in den unerschöpflicheren Körperprothesen zumal; Lärmbelästigung als Effekt des dromologischen Wahns der Vernichtung von Raum und Zeit, in deren Vernichtung der Höchstlärm und die Totenstille koinzidieren. (Und dabei ist doch, dem berüchtigten
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Zeitsprung in science fiction entgegen, die Geschwindigkeit kosmologisch eine endliche Größe: Grenze der Lichtgeschwindigkeit. Also entfiele auch die Koinzidenz von Lärm und Stille, davon abgesehen, daß - "Lautlos im Weltall" - es restriktiv der Atmosphäre bedarf, um überhaupt verlauten zu können; was den Aberwitz des Begehrens ja nur potenziert, den natürlichen Lärmschutz der außerterrestrischen Räume aufzusuchen.)
Für den Theorieaufschluß all dieser theoretischen Tabuphänomene wäre alles gewonnen, wenn sich durchsetzen ließe, daß die apostrophierte epochale Geschwindigkeitsauszeichnung nichts anderes sei als ein Effekt der Allextrapolation des Phantasmas von Sprache (und sprachunterworfener Schrift), Sache des universellen Zuspruchs, technologisch offensichtlich konvergierend mit der Entropie der Materialität selber. Igelin und Igel unendlich an der Strippe (neuerdings können sie sich zudem auch sehen), Zusammenzug schließlich von Welt im Ganzen zum Telefonhörer, der unmöglich-möglichen Einheit des Sich-Sprechen-Hörens, das tödlich erfolgreich alle Phantasmen gebiert: Nichtunterscheidung, Ablösung, Versetzung, Aufhören. Gar nicht ä part gesprochen, liegt in diesem disponiblen Rundherum das ganze Geheimnis der platonischen Idee, deren Ausführung bewirkt, daß der Weltbezug insgesamt zu den logistischen Spielen der Raketenversetzungen und, scheinbar zivil parallel dazu, der universalisierten Telekommunikation schrumpft/inflationiert, wohinein aller Lärm verschwände. Wo sind die Buchhalter der Opferbilanz dieses Fortschritts (99,9 % zu 0,1 %, so das Gleichgewicht der Geschwindigkeit)? So also träumt sich der Schillersche Traum des Spielbegriffs - daß die Mittel zu Zwecken würden - im Höllenlärm der Stille des Todes zu Ende. Schiller hätte die futuristischen Manifeste lesen sollen.
Daß Maschinen umhüllt werden, das ist nicht nur eine innertechnologische, vielmehr eine phantasmatische Notwendigkeit. Dasselbe gilt nicht nur für das Produktionsmittel Maschine, sondern auch für das resultierende Produkt: es wird immer irgend verpackt. Der alleitende phantasmatische Zweck aber der Bemäntelung/Verpackung besteht im Sinnen-, insbesondere Sichtentzug des laufenden Funktions-, Arbeits-, Opferprozesses des Maschineninneren, des Opferarkanums; zudem auf Konsumtion hin in der Sichtverhinderung der Reminiszenz der Herkunft des Produkts/der Ware aus dem Opfer, und dies zusammen unter der epochalen Prärogative der Zirkulation/des Transports/der Geschwindigkeit als der absolute Vorrang der Nur-noch-Verpackung, -Hülle, der Okkupation von Raum und Zeit durch die Ubiquität des organlosen Körpers. Allein, die phantasmatische
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Nötigung zum Mantel um den inneren Opferprozeß oder auch um die Nacktheit der Opferreminiszenz und des -telos und zumal, scheinbar absurd, um den Stillstand, die Hülle also schon selber, wird gewiß noch überboten durch die der Verbergung sowohl der Zufuhr als auch des Rückstands, Restes, Exkrements; und dies alleine schon deshalb, weil diese beiden aufdringlichen Opferindizes von Innen nach Außen und umgekehrt von Außen nach Innen verweisen. Phantasmatisch darf es ja in der Totalisierung des organlosen Körpers kein Innen und kein Außen geben. Umso skandalöser demnach, wenn sich an diesen Phänomenen Lärm, kurzum Klangabfall einstellt; skandalös einerseits. So hat die Hülle, aller Mehrdimensionalität der Verhüllung zum Trotz, ein Verlautungsleck; sie erweist sich wider den radikalen Anspruch von Dichtigkeit als porös, der weggeschaffte Innen-Außen-Bezug als revenant. Doch nicht nur das: an diesem Klangabfallaustritt stellt sich klanggemäß die Indifferenz von Innen/Außen wie eine Verhöhnung ihres Mißlingens durch die Hülle selber sodann her: das Rundherum der reinen Zeit als Travestie der Liquidation des Raumes, lärmend (dies freilich in den recht engen Grenzen von Atmosphäre - wie aber sind die Verhältnisse von deren rein immanenter Transzendierung beim Überschallflugzeug?). Und der Gipfel dieser Unverschämtheit ohne Auge: es gibt beispielsweise keine Öltoilette unter der Maschine, die deren Lärm auffangen könnte, lokalisierte, kein recycling, nur Selbstrecycling. Und dabei inhäriert der Lärm der Maschine wie ein aufdringliches Schattenanalogon, nichts als parasitär und verräterisch zugleich, immer dann, wie schon ausgeführt, wenn er sich nicht zum Kontrollsupplement des Funktionierens funktionalisieren läßt und wenn seine Identifikation/Spezifizierung deren Ziel, die Beseitigung verweigert. Lärmschutz also tut wider dies parasitäre Verratswesen des entfunktionalisierten/entspezifizierten Lärms not. - Skandal aber nur einerseits als Motiv aller bewundernswerten Anstrengungen der Lärmkasernierung, dieser Hüllenmetabasis hin zur phoni weg vom authentischen Ort der Sicht, dieser Ver-rücktheit eh. Der desavouierte Lärm ist widersprüchlicherweise zugleich auch immer Wunschlärm, ein Inbegriff des Begehrens, so als solle das Opfer gebührend Schreie ausstoßen, damit man wissen könne, woran man sei, auf daß es nicht zu einer ungehörten/unerhörten Schuldakkumulation im unbewußten Inneren komme mit tödlichen Explosions-/Implosionsfolgen. Die Wunscherfüllung aber, die Lärmerzeugung spielt sogleich in das Debakel hinüber, sich selber wiederum abschaffen zu müssen: Zirkularität also, kontradiktorisch, der Lärmerzeugung und des Lärmschutzes ohne Ende. Und dazwischen irgend die vorübergehende ordinäre Jubilatorik der
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Funktionsindizierung und dann sogleich die widersprüchliche Permanenz der inständigen Bitte um Lärm, damit das Ding nicht in die Luft fliege und zugleich die ebenso inständige wie verzweifelte Bitte, daß derselbe zugleich aufhöre, denn so sei die erste Bitte gar nicht gemeint gewesen. Was sich also zu hören gibt, ist nicht das, was man zu hören wünscht, indem man es nichts als wünscht.
Offenbar in all diesen Aporien das Menschkörpermodell, freilich in keiner Weise per analogiam, metaphorisch und dergleichen. Offenbar demnach auch das einzige Begehren selbstdisponibler Schuldbereinigung an den maschinellen Körperprojektionen und der Rückschlag dieses Exkulpationspseudos auf den Körper zurück als Kulturierungsauftrag für denselben, nur daß die Körperkulturierung, des Todes unbeschadet, eher reüssiert als die Hyperkulturation der Maschinen: siehe eben den Lärm. Weshalb? Weil sich die Todesvergeblichkeit der Körperkultur zumal am Schein der Todeseinholung im Toten der Maschine reproduzieren muß; wäre es nicht so, so ginge ja die letzte Exkulpationsverheißung durch Maschinität fernab von der Kriegserfüllung dieser Verheißung auf. Den Tod werden wir nicht los und ebenso nicht die scheinbar unsterblichen Götter, die Maschinen; deshalb der ganze apostrophierte Widerspruch des Lärms. Notorisch die Exkulpationsarbeit am Menschkörper, dem exklusiv sexuellen Körper, als Rückwirkung derselben Arbeit, die hier von Anfang an wie bei sich selber ist, Arbeit am Dingdouble desselben, das frustrane Wesen dieser Mühsal. Alles läuft darauf hinaus, diesen inneren Opfertempel derart abzudichten, daß das offenbare Geheimnis des Opfers sich in keiner Weise sensuell, also zumal auch nicht akustisch verrät. Da schon der Schrei des nutritiven Opfers ausbleibt, sind die Verratsgeräusche zumal penibel, verpönt. Auch hier gilt die besondere Exkulpationssorge dem Hüllenmanagement des Eintritts und des Austritts, dem Vor- und Nachverrat des drohenden Verrats dazwischen, in seiner Materialität - Nahrung, Exkrement - stumm. Ist doch die Nahrung bereits Produkt, hat sie doch Produktion und Zirkulation mit manchem Lärm hinter sich gebracht, wenn sie verzehrt wird, nur daß der Verzehr, die Konsumtion in ihrem Fall ja direkt kurzschließt mit der Körperschaffung, inklusive derselben ökonomischen Zyklik an ihm selber; so daß man meinen könnte, die Nahrung zeichne sich dadurch aus, eben keine dingliche Körperprojektion wie die übrigen Dinge zu sein. Nur umso ärger dann, daß der Exkrementenrückstand der Nahrung hemmungslos anzeigt, daß diese Auszeichnung gänzlich haltlos ist, und also muß die Umhüllungssorgfalt der Toilette hypertrophieren. Also: je gekonnter diese
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sexuelle Körperkultur, um so proliferierender der Maschinenlärm. Einzig nur schreit das austretende Kind nach der Geburt (und davor die gebärende Frau, dubioserweise). Daß es sich dabei um ein Austrittsopfer im Homogenen des Lebendigen, um Selbstpreisgabe nicht ins Phantasma des Toten, des Dings hinein handelt; daß die einschlägigen Schmerzen dieser Austrittsart die Inversion des Krankheitsschmerzes, der in Gänze der Unmöglichkeit des Begehrens, des Todestriebs untersteht, ausmachen - Schmerz der Endlichkeit, nicht der Unendlichkeitsprätention -, all dies muß im geschlossenen Kontext des unbelehrbaren Wesens der Dingphantasmatik dazu werden, nimmer vorgesehen zu sein und insbesondere zu skandalisieren. Was dagegen folgerichtig unternehmen? Enteignung in das andere Opfer der Subsistenzsexualität, in deren prothetisch-maschinelle Externalisierung hinein, so daß aller Lärm recht eigentlich Geburtsschreimimetik ist: Maschinen, die in striktem Parallelismus ja Maschinen/Dinge hervorbringen. Bezieht sich diese Indifferenz indessen auf den weiblichen sexuellen Körper zurück, so kann nicht nicht die fatale Prärogative der Menstruation, deren Enteignung als letzter Enteignung resultieren: Menstruation als der Tumultinbegriff selber. "Sei immer tot in Eurydike" - aller Lärm als diese tumultuöse Wassernymphe. Unerträglich zwar ihre aquarische Lautlosigkeit - Laiche/Leiche -, doch stellt sich ihr Blutlärm ein, so müßte dieser sogleich, diese Luftmetabasis, beseitigt werden: Lärmschutz. (Eurydike außerdem das Dauerprofil von vorne, ansonsten unsichtbar von hinten.) Ist doch die laufende, lärmende Maschine tabu, uneinsichtig, unberührbar, aggressiv-tumultuös. Moses und der brennende Dornbusch, kerygmatisches Feuerprasseln, Hüllenvorbehalt (Unbeschuhtheit). Weshalb aber versuchte er nicht das göttliche Feuer auf natürliche Weise zu löschen? Er hatte Schiß, die Hose voll; gab die Exkremente der Erde als Aufzeichnungsfläche bei, urinierte darauf das göttliche Gesetz, vom naherückenden Feuer wie in eine Art von Tonofen getrocknet. Was aber bedeutet, daß er dem Gotte den Mächtigkeitsvorbehalt, urethral verdichtet, beließ, sich zum Propheten (Sprachrohr) beschied. Nur daß damit der Gott zum Enuretiker ward, zum Wunder der Identität von Feuer und Wasser. Und diese Identität ist das Blut: Menstruation. Gott, der zum Weibe ward, Jahwe die Nymphe. Dies wäre gesehen worden wenn. Der unschandbare Sichthüllen-, Indifferenzverbalismus aber muß sodann Befehl sein. (Recht eigentlich ein Detoxikationsgeschäft der Nieren.) Unaufhaltsam dann der weitere Mächtigkeitsschwund dieses Schwundgottes bis hin zum selbsttöchterlichen Hungersäugling, bis hin. Nochmals: was aber rettet den höchsten Schwundgott vor dieser Sichtschmach? Der Verschluß der Schandsicht ins Gesetz
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hinein, das Wunder der Sprache als Befehl, sowie die Anheftung des Verschlossenen rückwirkend an den weiblichen sexuellen Körper: Frau als Scham des Mannes. Der weibliche Gehorsam aber ist immer noch nicht sicher, verläßlich genug. Es bedarf - und das ist die Substanz des Christentums - der Inkarnation dieses Verhältnisses, der Jahwenymphe als des Gottmenschen Christus: Fleischwerdung des Gesetzes und gleichermaßen des im Gesetz Verworfenen, der Sohnmann als Opfer insgesamt zur Nahrung der Welt, Erlösung. Zurück zum Lärm. Er ist, immer wenn die Befehlsstimme sich lärmend überschlägt, die Sichtanlockung schlechthin; unliebsame/gewünschteste Selbstwiderlegung der Leistung der Hülle als Inbegriff verhüllender Sprachlichkeit; Initial der Obduktion. Schlachtenlärm: der verlorene Augenblick des Erwachens wider den Trug des Gehörs das absolute Gesicht. In der Indolenz des Klangabfalls dementiert sich das volle Gelingen des Phantasmas phonetisch auf der Ebene seiner selbst; Klangabfall, der folgenlos das Andere nicht sprachlich unterworfenen Sehens vorbereitet, die Blendung der Blendung also der Lektüre, der Sprachunterwerfung des Sehens in die Wege leitet - folgenlos, das will sagen, in sich dahin und auch zurück blockiert. Denn das lärmverführte absolute Nur-Sehen, das ist der haltlose Augenblick des Erwachens im Tode, die einzige Erwachenschance, die keine ist (deshalb gibt es permanent Krieg). Wachend schlafen wir eh, je wachender umso tiefer, und deshalb auch wachen wir schlafend viel mehr, zumal wenn wir träumen. Von hierher wird einzig verständlich, daß der Teufel der Lichtträger, Luzifer, ist. Höllenlärm als Initiation des Todessehens.
Lärmschutztraum. - Die Träumerin erwacht des Morgens durch Baulärm, den plötzlichen Einsatz eines Schlaghammers in einer der oberen Etagen des Wohnhauses, in die eine ältere Dame dabei ist umzuziehen. Hier mußte eine ganze Mauer entfernt, ein neuer Heizkörper eingesetzt werden etc. Kurz vor dem Erwachen passierte der folgende Traum: die Träumerin erhält das Angebot vom Ehepaar Schönerstein, Nachbarn von ehedem in einem anderen Haus, eine Flugreise mitzuuntemehmen. Der Umstand, daß die Träumerin kein Bargeld zur Verfügung hatte, löste sich als Hinderungsgrund des Mitreisens auf in der Vergewisserung, daß sie ja genügend Schecks besitze. Letzter Szenenteil: Herr Schönerstein kommt mit den gemeinsamen Reiseunterlagen. - Vom frustranen Lärmschutz: die Flugreise besagt die Flucht vor dem weckenden Lärm, weit weg (außerdem nach England, wo sich eine weitere Hausbewohnerin, also lärmgeschützt, aufhält). Flucht, die magisch in das Geflohene hineinflieht, um letztlich
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freilich davon doch überwältigt zu werden; Magie, die im Gegendonner der Flugzeuge zu Bruch geht. Nicht nur waren weiland die Schönersteins die nicht lärmenden Nachbarn, die sich demnach als hilfreiche LärmschutzNachbarn ausnehmen können, es sind ja die schöneren Steine, die Garantie also der wohnästhetischen Restitution der Trümmer der abgerissenen Wohnungsmauer, die die Träumerin an Ort und Stelle und in einem Müllcontainer vor dem Hause sah. Die Gefahr der Bargeldlosigkeit besagt den Gegenzug zum Erwachen hin, und die rettenden Schecks und auch die Reiseunterlagen, Erinnerbarkeitshinweise außerdem des Traums (Davor und Danach der Aufzeichnung!), die Lautlosigkeit der Zeichen. Der Aufschluß alles weiteren führte zu unabschließbaren Konnotationen, die für die Grundverfassung des Traums, eines typischen Weckreiztraumes, nichts Belangvolles mehr hergeben; handelt es sich doch um die letzlich frustrane Schlaferhaltung durch Träumen, in der das Träumen die in sich gelingende Vergeblichkeit dieser Konservierung träumt. (Vielfältige Beziehungen zu einem passageren bereinigten Zahnleiden - auf dem Zahnfleisch gehen - bleiben hier außer acht; sie bestimmen die Dimension des endogenen Körperreizes.)
Vor aller längst verkommenen psychoanalytischen Gehaltsinterpretation wäre es überfällig, dies wundersame Vermögen der kontrapunktierenden Sinnenmetabasis in der sogenannten Traumarbeit beachtlich zu finden, hier dieses forcement, vollkommene modi dispositioneller Lektüre zur Gedächtnishaftigkeit selber hin gegen den Lärm in einem rasenden Tempo zu erfinden. Das heißt zugleich aber immer, zumal in solchen überaus beschleunigten Träumen, deren Erwachensschicksal ob der nicht mehr parierbaren Reizintensität sogleich besiegelt ist, daß der Traum nicht imstande sein kann, seine wie aufklärende Sehensprärogative in das besagte absolute Sehen hinein zu vollenden. Er unterliegt als solcher schon der ganzen Ambiguität der Erhaltung und instantanen Störung eines Zustands, des reinen Schlafes, der die Wachheit selber wäre, wenn er just nicht der Schlaf wäre; Traum selber, der diesen Gegenzug bis zur Selbsterschöpfung/höchsten Selbststeigerung träumt, so daß die (außerdem immer auch mitgeträumte) Traumerinnerbarkeit den paradoxen Versuch ausmacht, die Zuspitzung der Traumambiguität auszulöschen: der erinnerte Traum - der schlechte Traum. Dann aber ist der, sei es exogene, sei es endogene, Weckreiz nichts anderes als das Monitum der Grenze, nicht im Stande des unvermittelten absoluten Sehens sein zu können. Höllenlärm als Initial des Todessehens - ja; die einzige Rettung aber, die keine ist, macht die
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Restitution der Hülle hin zur totalisierten Obduktion als die lärmende Hülle (nicht das Umhüllte in ihr) selber.
Zwar ist das Gehör Reflexion/Reflektion schlechthin, Echo total, doch die Binnenheterogeneität, der Umstand, daß Hören die Reflexion des Sprechens ausmacht, die Differenz von Sender und Empfänger sozusagen, scheint die Widerhalltotale zunichte zu machen. Doch dieser Reflexionsbruch seinerseits scheint hinwiederum restlos geglättet zu sein in der wie kurzschlüssigen Instantaneität des Gehörs, der Einheit von Sprechen/ Hören. Innere Dementierung also reflexiver Indifferenz, die sich in ihrem Dementi zugleich restituiert; Ausnahme der Sinne, daß sich der Differenzdefekt in Indifferenzbestätigung hinein überkompensiert. Man möchte fast meinen, als sei das Gehör der Urfall des Dreischritts der Hegelschen Dialektik: der Telefonhörer. Diese zum Scheine differenzkrisendurchschüttelte Indifferenz, Identität spielt eo ipso hinüber in den Begriff des Gedächtnisses (memoria), stärker noch, phantasmatischer in den des Selbstbewußtseins (im Sinne idealistischer Philosophie), in den des Paradoxon des absoluten Symbols. Und Gott sprach: Es werde Licht. Gehör, das sich das Gesicht aufsetzt, das sehende Ohr, nur daß sich dieser Aufsatz zum Herrscher aufwerfen muß (und dies auch in recht zwiespältiger Weise vermag). Fällig wäre es hier einzig, solche Philosophiezusammenhänge in neurophysiologische Hypothesen umzuschreiben und dabei die Phylo- und Ontogenese dazuzubemühen. Und nicht nur Augen und Ohren, auch Mund und Ohren bilden den rechten Winkel, schaffen somit Seitlichkeit, Profil, Fläche als Inbegriff der Realisierung des Unmöglichen.
Demnach versteht es sich von selbst, daß der Hinweis auf die ganze Brüchigkeit dieser Gehörsidentität nicht vorgesehen sein kann. Also ist der Inbegriff dieses nicht vorgesehenen Hinweises, das Echo, nimmer davon frei, ein irritierender Zusatz, eine erschreckende/faszinierende Redundanz zu sein; es geht ja auch in Geräusch, Sprachverwischung und -entstellung über und fragmentiert in seinem Nachklappen die große Einheit des Sinns. Die Narziß-Mythe, die Episode, die keine Episode ist, von Narziß und Echo sagt's in aller wünschenswerten Deutlichkeit: Echo, die/das die phoné-Phantasmatik der Einheit sanktionswürdig verhöhnt, Travestie der creatio ex nihilo, die das gehörsfundierte Gedächtnis/das Selbstbewußtsein zu leisten vermeint. So kann es nicht gedacht sein, daß die Einheit des Sprechens/Hörens zum Urabfall des Echos hin aufreißt und also mit in sich potenziertem Hohn als der hygienischste Abfall das ganze Geheimnis der
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Reflexivität, nämlich (sauberes) Exkrement zu sein, so wie außerdem dann unsauber bei den sogenannten niederen Sinnen expressis verbis, preisgibt.
Ferner versteht es sich wie von selbst, daß diese Geistverhöhnung hinwiederum in freilich frustrane Regie genommen werden muß: die Geburt der phonetischen Aufzeichnungsmaschinen, die notorisch noch nicht besonders alt sind. Die Vergeblichkeit ihres bewundernswerten Gelingens besteht in nichts anderem als in der Verdinglichung des Klangabfalls selber; dieser, der Abfall, das "funktionale Phänomen" dieser seiner Aufzeichnungsmaschinität daß man das unbewußte Subjekt des Wunsches nicht mehr von der Ordnung der Maschine selbst unterscheiden kann."2 Das Selbstbewußtsein - die symbolische Ordnung als die Implikation des Abfalls. - Frustrane Regie - nimmt man nämlich diese progrediente Reifikation des Klangabfalls als phonetische Aufzeichnungsmaschinerie, die zu sich heimkommt und sich abschließt just in der Abfallregistratur -, nimmt man diese beim Wort und buchstäblich, führt sich die Seinsbegier darin also zu Ende, daß der Körper, Klangkörper diese Klangmaschine selbst als solche sei, so produziert dieses Ultimatum bekanntermaßen Pathologie, die Sanktion also des Einbruchs in den Maschinenvorbehalt, der nur unter der Bedingung des strikten Vorbehaltsrespekts den Schein der Disponibilität aufrechtzuerhalten vermag. Also: es beginnt dann im Kopf unabstellbar zu lärmen, das Robert Schumann-Symptom - freilich erwischt es zumal den Komponisten, zumal den romantischen. Kopflärm - der gesamtkunstwerkliche Zusammenfall; es ist ja nicht das Stimmenhören, vielmehr dessen überbietendes Davor und Danach. Das sehende Gehör vollendet sich dergestalt ins absolute Sehen hinein, daß es zur letzten Sehausschöpfung des Gehörten kommt. Letzte Parade des Musik-generativen Sehschocks: der blickende Hohlkörper des Klangs wendet sich in sich um zur Sehausfüllung des Hohlraums, so daß das Sehen aufhört und als Seinsresiduum zum Tode hin der Kopflärm, identisch mit der Stille überhaupt, verbleibt. Sichtausfüllung des totalisierten Binnenraums des Gehörs als Herstellung des organlosen opaken Körpers, der seine unendliche Superfizialität auf einmal abträgt/nicht abträgt; und bevor er absolut verstummt, lärmt er im Übergang als solcher im Kopf. Schumann erkannte zuletzt seine Frau ja auch nicht mehr. Und van Gogh schnitt sich genrekonsequent die Ohren ab - vergeblich, es bleibt das Außenohr und als Außenohr immer im Profil. Damit, mit Krankheit nimmt die Regie noch kein Ende: der Kopflärm
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2 F. Guattari: Psychotherapie, Politik und die Aufgaben der institutionellen Analyse, Frankfurt/M. 1976, S. 135.
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autotomisiert sich zur Lärmfolter. Man müßte einiges mehr über die Phantasmen der Schiffahrt kennen, um die Vorbeifahrt des Odysseus an der Sirenen-Insel gründlicher einzusehen. Schiffsimmobilie des organlosen Meereskörpers - wie sollte dann der Binnenlärm/die Stille sich nicht tödlich auswirken?
Gewiß nicht als Analogie aufgefaßt, bildet der Klangabfall den phonetischen Schatten der Dinge, zumal dann, wenn diese sich nicht verlautend zu erkennen geben, Gesicht und Gehör also miteinander kurzschließen, kein Dauerinterim von Sinnverlautung freilassen. Die ganze Ambiguität des Lärmschutzes drängt sich hier wieder auf: der phonetische Schatten will zwar eingezogen, beseitigt werden, doch dies Abstellen als Herstellung von Stillstand/Stille führt als Inbegriff des ungebrochenen Begehrens zur Totalität der Hülle, der unendlich opaken Oberfläche, dem organlosen Körper, der in Kontradiktion zu seinem Wesensumstand, daß ihm der Maschinenlärm unerträglich ist ("Anti-Ödipus"), die Selbstschutzbemäntelung des Nullpunkts des Umhüllten eo ipso nicht leistet, der vielmehr den Klangabfall im Ganzen, sei es als Implosion, sei es als Explosion, absolut vorgängig macht; und also flieht das Begehren vor seinem Begehrten in sich zurück in dessen Gegenteil als das Gegenteil-Begehrte; Lärmschutz-Lärmschutz.
Es ist nicht damit getan, parallel nun zum phonetischen Schatten den Sehschatten aufzunehmen, das Verglühen als das zum-Schatten-selber-werden als die Sichtentsprechung zum Verluften/Ersticken in der phoné-Dimension; beide Schatten sind nämlich nach der Maßgabe der Gesicht-GehörLiaison miteinander verbunden, und dafür steht Pan. Pan, der nichts anderes besagt, als daß die Dinge von sich her nimmer sich verlichten, vielmehr nur sich verlauten können, und diese auf den Menschkörper und seine Doublierungen restringierte Wahrheit (wider die Sonne und die Glühwürmchen) ist seine tödliche Schwäche. Pan schläft am Mittag, der Zeit der Schattenlosigkeit, des Verglühenstransits der Welt; er verschläft diesen Opferübergang, indem er ihn schläft/träumt. Da aber das Schlafen/Träumen des doppelten Schatteneinzugs, zum-Schatten-selber-Werdens, die absolute Helle/Stille nur als Tod möglich und also unmöglich ist, muß Pan sich im Augenblick dieses absoluten Zusammenzugs wecken/geweckt werden, und aufgeweckt schreit er, schreit es sich los (das lauthals blökende Schaf, das sich im Schlafe blökend selber weckt). Wie gesagt, ist es seine Schwäche, daß er nur schreit. Nicht nur, daß die Selbsterschreiung, der Selbstgeburtsschrei (Pan = Alles) panisch/panikmachend verhallt, Pans Exaktheit,
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phantasmatisch nicht auf das Licht als Selbsterlichtung überzugreifen, eben nicht zu suggerieren, daß die Menschdinge sich a fortiori verlichten könnten, führt ihn mehr als nur mindernd am Phantasmatikgipfel von Göttlichkeit vorbei. Als rechter Gott hätte er sich einbilden müssen, unbeschadet der schattenlosen Helle des Mittags dieser Mittag selber zu sein: Pan, der dann nicht mehr, fast schon solidarisch mit dem Menschen, Pan wäre, mit einem Heiligenschein, mit einer Lichtaura, mit verklärtem Leib. Armer Pan, der er nur schreit; sprechen hätte er müssen: es werde Licht, Verlichtung einzig aus Verlautung, Selbstbewußtsein wiederum als buchstäbliche Implikation des Abfalls, imperativisch versiert. Pan das dumme Schaf, Hirtenberufsopfer, der Heideggersche Seinshirt, Rokokoko (als Volkmann-Schluck - Schluck! - bei Gabriele Henkel über den Menschen als den Hirten des Seins sprach, ließ diese eine Schafsherde an den Saalfenstern vorbeiziehen. Vorankündigung des bisher noch ausgelassenen Gestanks hier). Dieser Chiasmus versteht sich als, wie gehabt, asymmetrisches Movens seiner Aufhebung: die helle Stille erfordert die Verlautung, das lärmende Dunkel die Verlichtung. Martialische Verlichtung, die sich der Verlautung aufsetzt, und sich in diesem Aufsatz emanzipiert.3 Sich emanzipiert: paradoxerweise als eo ipso imperativischer Verbalismus. So ähnlich auch Deleuze4: Es ist der organlose Körper, der die Prävokalität des Lärms absorbiert und sich so implosiv/explosiv macht; dies "reintrojiziert" als Grenze des schizophrenen Prozesses. Diese Grenze verschiebt sich/schiebt sich auf eben in der imperativischen Höhenstimme, dem Stimmenhören. C'est ça.
"Musik kennt keine Grenzen". Orpheus ist die Opferfigur schlechthin des Scheins des Nichtopfers der letzten Grenzüberschreitung, die Opferfigur damit des Mangels schlechterdings, der Souveränität des ultimativen Seinsmangels im Apriori des Tods von Weiblichkeit, Eurydike, die selber freilich als nicht Selbst-, vielmehr im vorhinein Alteritätsopfer-exkulpative Vorgegebeneheit mit dem phoné-Schein der Opferlosigkeit, wie es scheint restlos, zusammenschließt; die Naijade als apriorische Geopfertheit, ausgegeben als ihr einziges Begehren, dies, eh schon geopfert zu sein als Schein des Nichtopfers, als die Ausnahmefähigkeit, lebendigen Leibes den Hades zu betreten. Im Ganzen szenifiziert, verspätet szenifiziert, tritt Orpheus
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3 Siehe Heide Heinz: Pan. Zeichnung, 1984, in: Kaum. Halbjahresschrift für Pathognostik, hrsg. v. R. Heinz, Nr. 3, Wetzlar 1986, S. 60.
4 In: Logique du sens, Paris 1969, S. 225 ff.
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durch den Spiegel, indem er selber zur Spiegelfläche wird, sich als diese ins Profil (rechter Winkel) beidseitig dreht und dann sich wieder dreht zum Abgang nach hinten/zum Gestalt- und Gesichts-verlustigen Vorgang nach vorne; dies in absoluter Stille. Darin besteht das Phantasma, der Wahnsinn des erfolgreichen Gehörs, Lektüre-konstitutiv eingegeben in "Wahrnehmung und Bewegung" und Fühlung; letzte Indifferenzierung der absoluten Differenz, die es nicht mehr gäbe, freilich um den apostrophierten Preis des absoluten Mangels, der begehrlichen Geopfertheit, der Opferdelegation der Eurydike. - Phoné-Wunder: Orpheus überbrückt den Styx und nimmt durch die Brücke den Fluß in Regie (rechter Winkel); er suspendiert Charon und setzt (on dit) Hades außer Kraft: Hades weint, Widerspruch fühlender Selbsttrauer über die Totheit. Der Stoff aber, aus dem die flußbeherrschende, letztindifferenzierende Brücke ist, das ist der tote Nymphenkörper, unsichtbar im totalisierten Innen, Außeninnen, Leichenganzfraß Eurydike, der Klang phantasmatisch selber, Auflösung/Herstellung von Verschiebung, Verdichtung, Verhüllung in toto. Orpheus, der aufsingt; Musik, die die Lektüre-Sichtbarkeit dieses unmöglichen Vorgangs in sich selbst verhindert derart, daß nur noch bildlos dieser Vorgang als solcher, klingende Vorgangshaftigkeit resultiert. Immerwährender Querstand der Brücke aus dem Nichts, als Fließenmachen des Flusses, der wegfließend in sich zurückfließt; Unendlichkeit des sich diagonalisierenden Quadrats zum Kreis hin, Pan-phoné, und immer der letzte Mangel an Sein in Zeit; als ob der organlose Körper nicht die peremptorische Todesstille und der implosiv-explosive Höllenlärm selber wäre, als ob man Hades tatsächlich dispensieren könnte.
Genau genommen ist die Geschichte ja die, daß der äußerst wasserscheue Orpheus eine Fischin der Spezies Eurydike fing, in der Absicht, sie das Sprechen zu lehren. Doch bevor er das Scheitern dieser seiner Pädagogik im Ersticken seines Fangs einbekennen mußte, verschlang er diesen wie süchtig mit Stumpf und Stiel. Als gravierendes Folgeproblem aber erwies es sich, daß er es nicht auf den leidigen Exkrementenverrat dieser seiner Untat ankommen lassen durfte, und es geschah die Geburt der Toilette aus dem Geiste der Musik. Eurydike nämlich schickte sich exkremental zur Wiederauferstehung als Schlange, lautlos rundherum mit ihm selber ganzkörperlich invers als Ganzfraß in ihrem Leibe. Und bevor es zur tödlichen Schlangentravestie seines also noch unvollkommenen phoné-Phantasmas gekommen ist, fraß er zusätzlich die exkrementalen Fischinnenreste - pardon - restlos auf. So der korporell exakte Eingang des Orpheus in die
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Unterwelt, wo er in unüberbietbarer Schönheit um sein Leben aufsang. Sucht-Paroxysmus, gedoppelt totalisiert als Wunder der Musik. Die Pointe der Geschichte: freilich wußte Orpheus, daß Eurydike seine Schwester ist; denn einzig dieser oral gründlichste Geschwisterinzest indifferenziert alle Differenzen des sexuellen Körpers (und wird so zur Repräsentanz der Überschreitung der Lebens-Todes-Differenz): die Generationsdifferenz, die Geschlechtsdifferenz. Und mehr noch, in der Kloake des Fischs indifferenzieren sich zudem Subsistenz (exkremental) und Generativität, und man muß den Fisch schon aufschlitzen, um festzustellen, wes Geschlechts er ist, Milchner oder Rogen. Alle Menschen werden Fische, wo dein sanfter Flügel weilt. Notorisch ist ja die Engelssphäre die der Botschaft, und die Botschaft ist nichts anderes als der Schall, phoné, der Geschwisterinzest. Dies Eurydike zum ersten.
Was alles an Differenz, Einschnitt als Einschnitt, von der Suggestion durchdrungen, daß der Einschnitt nicht eo ipso in seiner Infinitesimalität den in sich rückläufigen kreisenden Strom generiere, daß er als solcher revolutionär besetzbar/existierbar sei, mahnt doch dieser mythische Überbietungstext hier an! Den Einschnitt des Anderen des Todes, der Generation, des Geschlechts; en detail die Stummheit der Fischin zu respektieren, wenigstens vor dem Verschlingen ihren Erstickungstod abzuwarten, auch sie vor der Mahlzeit zu zerlegen, zuzubereiten und zumal ihren Verdauungsrückstand nicht zu recyclen, letzteres in erster Linie, wenn schon. Wenn aber revolutionär nicht, dann kommt es zur Verhungerung, Seinsauszehrung; und weil dem so ist, machen Kultur und Barbarei auch keinen Unterschied ums Ganze, ob rohes Ganzverschlingen und Koprophagie noch obendrein, ob Essens- und Toilettenkultur, gleichwie. Mehr aber noch: in dieser Indifferenz obsiegt eh die Barbarei, wenn immer es überfällig ist, das schiere Mensch-Apriori passiert, daß die Seinsbereitstellung des Sinnenensembles als Selbstbewußtsein die Barbarei - das Selbstbewußtsein hat kein anderes sujet - absorbiert: Verschiebung, Verdichtung, Verhüllung, kurzum "Sublimation", das Sublimat als das Unbewußte. Was nicht nicht das Gehör sein kann, letztlich das sehende Hören. Orpheus der antidionysische Abschaffer der thrakischen Menschenopfer ist demnach nichts anderes als der Anschaffer desselben als Musik, die sodann moralisch zumal über die Verbotseinhaltung wachen muß, insofern sie die barbarische Untat selbstvorbehaltlich in sich selber als das Unbewußte von Musik enthält. Orpheus der apollinische Schöpfer speziell der Gynäkophagie, zumal nekrophagisch. (Mag sein, daß er statt Nymphenfleisch
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Fischmahlzeiten als Kulturfortschritt empfahl - daß dies ihm letztlich nicht bekam, daß die Fische den Spieß umdrehten, das steht auf keinem anderen Blatt. Fehlt aber immer noch Christus der Fisch, der gekreuzigte Dionys. Fischgrätenanthropos, Kreuz, der absackende Körper. Haaropfer.) Vieles spricht dafür, daß der Gehörsinhalt in so etwas wie einer vorkinästhetischen Transportiertheit und mit dem Körper sich zusammenschließenden Abgelagertheit des Anderen der Nahrung durch die Blutzirkulation besteht: homogeneisierendes Rundherum. Nicht zu vergessen auch in diesem Zusammenhang, daß die Atmung diese Zirkulation unterhält - ist doch die Luft das phoné-Medium. Wie eigentlich schaute Orpheus aus? Ob der Fischdiät ein schlanker junger Mann? Schwerlich. Musikgenerativ mußte diese Diät schleunigst abgesetzt werden und also setzten sich die adipösen Strebungen musikkonsequent durch. Also: nicht nur der Text hier, der Mythos selber moniert in aller Deutlichkeit jegliche Differenz/jeglichen Einschnitt und suggeriert eben keineswegs, daß es vergönnt wäre, diese/diesen nicht immer nur als unendlich diskreten Querstand der Erzeugung des in sich zirkulierenden Kontinuums zu verwenden; Wunder des Einschnitts, des einzig schaffenden Todes. Anders geht's nicht, und der Preis für diese schöpferische Gewalt ist eh, der tötende Tod, bezahlt. Mag sein, daß der Text hier das Einschnittsmonitum, wie gehabt, des Mythos, überbieten könnte, doch bloß im Sinne der Anmahnungsperfektion, nicht als Gewalttranszendenz. Ganz im Gegenteil: alle produktiven Einschnittsmirakel sind in dieser Spättextur vorausgesetzt, vorausgesetzt in diesem Sprachwunder ultimativer Indifferenzierung. Es mag nun so sein, daß dessen Schriftabfall als unlesbarer Rest das Schriftlektüre-Recycling konterkarieren könnte. Vielleicht. Doch diese Blockade hat die Schrift als Schrift schon ereilt.
Eurydike zum zweiten, Orpheus' zweiter Verlust. "Es werde Licht". Wenn das Gehör sich kein Gesicht verschafft, so bleibt es mehr als nur imperfekt. Die folgerichtige Binnenpotenzierung des phoné-Phantasmas der Indifferenz besteht darin, daß der Klang das Licht und die Sichtgestalt generiere. Befindet sich Orpheus tatsächlich lebendig im Hades, so ist die tote Eurydike auch nicht tot; lebt sie aber ebenso, so muß sie als die Sehreflexivität, das Spiegelbild des Orpheus sichtbar sein: die auf ihre Wunderspitze getriebene Verlautung als Verlichtung, Widerspruch des Austritts, der im totalisierten Innen bleibt. Soll der Klang Gedächtnis haben - und nur memorial erhebt er sich zu seiner humanistischen Höhe -, so ist das HadesVerbot des Sich-Umdrehens eo ipso überschritten; abermals Grenzüberschreitung
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als die schreckliche Großtat, sich selber, "das Subjekt der Vorstellung" hinten, nichts anderes als das Nymphenfraßexkrement zu existieren, zu sein. Der Zuspruch der Identität vergißt seinen SpiegelstadiumAusgang und gibt also vergeßlich vor, diesen Ausgang aus sich selber im potenzierten Zuspruch der Identitätsverewigung als Gedächtnis hervorzubringen: Geburt von phonetischer Schrift, zumal der Notation, Sicht/Nichtsicht-Aufzeichnung des Klangs. Orpheus geht ja als einziger durch den Spiegel, wird zum Spiegel selber, wendet sich ebendort beidseitig ins Profil, und dreht sich dann nach vorne und nach hinten, doppelt abgehend, ab. Indem er nach vorne frontal auf sich selber zugeht, entstaltet er sich ins fixierte Profil auf dem Spiegel ebenso hinein wie sein Abgang nach hinten von hinten. Dieser Abgang von hinten nach hinten aber, das ist Eurydike, entstaltet, vom Psychopompos Hades rückerstattet. Offensichtlich die Überbietung des Narziß in der Erfindung der phonetischen Schrift durch Orpheus. Diese Schrift ist die Besetzung der absoluten Differenz/Grenze selber als die Rechte-Winkel-Lateralität des Hinten, das Scheiße-Wunder als Klanggedächtnis; ist, transsubstantiativ (die Defäkationshocke bildet ja das Beinequadrat mit dem Exkrementenstrom als Diagonale, dem Profil überhaupt; und die inkommensurable Diagonale, das Subjekt verdichtet sich kollapsisch in diesem anthropologischen Hockewunder zum Exkrement, diesem Rundherum, 71 als die ebenso inkommensurable Schlängelung der inkommensurablen Diagonalen. Behauptet doch Phaidros in Platons Gastmahl, daß dieser schwule Witwer, der es mit Knaben konsequent von hinten treibt, ein Feigling sei und die Hades-Fahrt ein reines Schwindelmanöver. Homosexualität als Selbsthilfeakt, wider die Ubiquität des Profils, Frontalität herzustellen und dies freilich von hinten im Selben nicht zu können). Kulmination des Seinsmangels also in der Grandiosität der phonetischen Schrift; Seinsmangel freilich des Textes hier nicht minder. Der Eingang zum Hades ist mit Pergament/Papier überspannt, Styx zu Charon geworden.
Da fehlt aber noch in der Erfindung der Notation auf der Grundlage der Gynäkophagie ein entscheidendes Zwischenstück: der Schatten. Als Orpheus zur Oberwelt aufstieg/in die Unterwelt abstieg, da störte ihn, auf Verlichtungskurs aus Verlautung befindlich, sein je vor ihm coeunter Schatten. Die Irritation über diesen lichtlosen Schandfleck war groß, dies insbesondere, weil dieser Schatten nicht nur nicht Licht war, vielmehr, seine inbrünstige Musik übertönend, leise lärmte: sirrender Schatten überall im Ausgang von diesem seinem Schatten Eurydike. Was gegen diese
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Kunstzerstörung tun? Wie bekannt, drehte sich Orpheus um, und zwar um die Lichtquelle je hinter ihm, die den Schatten seines Aufgangkörpers bewirkte, selber einzusehen, also diese selber als Abschluß der restlosen Verlichtung aus Verlautung zu sein, endlich das volle Subjekt. Sich selbst aber in absoluter Verlichtung als Lichtkörper Licht aus Lautung zu sein, Produzent demnach des eigenen Schattens, der sich in dieses Selbstlicht - reiner Mittagskörper - kontrareisierend einzieht, das wäre der Tod des Verglühens. Wie aber rettet sich Orpheus vor diesem Tode? Indem er klang-/gehörskonsequent abermals im Scheine des Nichtopfers das Alteritätsopfer abermals und potenziert vollbringen läßt: Eurydike, die verbrennt, der verkohlte Fisch, nachtschwarz wie es der Schatten war, dem Hades zurückgegeben. Was ihm aber bleibt, das ist die Notation, also die produktiv verlustige Abtrennung der endgültig verlorenen Eurydike zur Aufzeichnungsfläche und zum Zeichen, schwarzundweißund, das Klangvermessungssystem als skripturales Klanggedächtnis.
Dieses aber ist die Umdrehung selber, die Drehung zur Lichtquelle hin, im rechten Winkel zum Schattenwurf, in der Tat so etwas wie die reine Querlinie als Generator von Fläche, Seite, Profil: also doch das volle Subjekt der Selbstverlichtung aus Verlautung, Notation, das volle Leersubjekt. Im Moment der folgenreichen Bildung dieser Querlinie siehthört Orpheus die Fischin Eurydike im Profil im Wasser. Bliebe es aber rein dabei, so verbliebe der Schatten als der absolute Anblick und der Lärm schlechthin, also muß dieses Unding als ganzes auf die Erde, in die Luft versetzt werden, und dienstbar darin die Wasseroberfläche eben als Spiegel - Spiegelung, die längst schon phonetisch zur Hyperidentität, zum Kontinuum selber apriori geworden ist; Schatten also ins Spiegelbild verwandelt als Schatten, Aufzeichungsfläche und Zeichen, Klangvermessung. Im Riß des Vorgangs und Abgangs ist entreißend die Quere aufgespannt, Eurydike tottot, Verglühen/Verkohlen, das weiße Notenpapier die Lichtquelle, die schwarzen Noten der Selbstschatten des Lichts ohne Körper, und alles dies als Verlautung. (Hier spätestens wäre die Stelle erreicht, an der die Klangvermessungsdimensionen, Klangparameter - Höhe, Dauer, Stärke, Farbe - differenziert werden müßten.) "Die Sonne tönt nach alter Weise." Die Notation wäre demnach der Lärmschutz schlechthin. Wenn aber die Allvermessenheit des Klangs durchführbar geworden ist, wie in der elektronischen Musik, so generiert diese Letztdisposition des Klangabfalls hinwiederum nur Klangabfall. Die Todesiteration der Eurydike bis dahin bewirkt
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also, daß die unendlich tote Eurydike nicht tot zu kriegen ist. Doch das ist keine Hoffnung auf ein Anderes, der Anfang vielmehr der Apokalypse.
Die Reflexionsverfassung des Schattens verhindert zugleich alle Reflexionsbestimmungen; so wie sie am Spiegelbild abnehmbar sind. Als Umrißgabe ist er die Profilität selber, Seitlichkeit, Fläche, deren Dunkel Frontalität/Abbild absorbiert. Diese seine Charaktere machen ihn unbedarft, in sich kursierende Einräumung/Zeitigung, Gestalt/Identität/Gedächtnis auszubilden; er enträt der Dritten-Funktion des Spiegels selber, der unendlichen Metonymie der absoluten Grenze der Null als die Metapher des Realen und Imaginären zum Symbolischen, und da diese Vorgänge die reinsten Zusprüche sind, fällt er sprachlos aus, schickt sich also zum absoluten Auge, das dieser entsprachlichten Sehensweise gemäß, so als sei dies die einschlägige Hülle, die keine sein kann, lautlos lärmt. Wie schon gesagt, besetzt der Schatten in dieser seiner radikalen Asensualität und seiner entindividualisierenden/ideierenden Entstaltungspotenz den Übergang vom Gesicht ins Gehör; und seine offensichtliche Banalisierung hat ihren Grund darin, daß dieser Übergang den wohl unerträglichsten Moment in der Generation kurzum von Sprache und deren ganzer Phantasmatik ausmacht. Die Disziplin des Schattens ist sodann, wie gesagt, die Schrift, zumal phonetische Schrift, Notation/Klangvermessung, die Subsumtion also der Schattenabträglichkeit unter das Spiegelphantasma der phoni. Schatten sind außerdem mehr silenisch als solar: Sonne und Spiegel, Mond und Schatten. Der Mond ist ja auch nur ein Erdtrabant.
Eurydike zum dritten und letzten. Damit hat Orpheus alles musikalisch geleistet, was je geleistet werden kann: Musik als ganze, letztgrandios und letztdefizitär zugleich. Fehlt nur noch, den zu Ende geführten Mangel als Grandiositätserfüllung zu beseitigen, und das heißt nichts anderes, daß diese Kulturschöpfung sondersgleichen tradierbar/lehrbar, demokratisiert/sozialisiert werden muß, letzteres insbesondere rein konsumatorisch. Insofern aber die Apriorität des doppelten Todes der Eurydike musikkonstitutiv gilt, muß es, da es keinen Alteritätsopferstoff mehr gibt, Orpheus selber, der ja dieser Alteritätsopferstoff als ganzer (geworden) ist, an den Kragen gehen. Das begab sich folgendermaßen: Orpheus entwickelte zunehmend eine Fischinnenfreßsucht, und das heißt, er begann seine schönen Partituren aufzufressen, wurde selbst so ultimativ zu Eurydike; Eurydike aber ist apriori tottot. Und also der Opfertod des Orpheus gar nichts besonders Erhebliches, und die Mänaden entsprechend gar nicht schrecklich,
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barbarisch, vielmehr nur darauf bedacht, die progressionstiftende Angemessenheit des Todes des Sängers und Gitarristen auszuführen.
Orpheus' Gynäkophagie, der Eurydike-Ganzfraß, das Klangphantasma der Indifferenz hatte sich ja bereits als Notation sehend gemacht und damit, wenngleich "nur" im Profil, verräumlicht. Die Notenphagie aber als sichtspatialer Auseinanderzug der Nymphenleiche muß sich explosiv wie eine Bombe auswirken, den Körper also zerreißen; das ist die Macht des Buchstabens/der Note, nur noch spatial und sichtig selber, Raptur der phonetischen Identität. Es konnte also nicht gutgehen zu meinen, das Raumding und die Sicht löse sich restlos in Klang als deren Erzeugung auf. So das durchaus pietätvolle und selbst noch in der Rache am (on dit) unschuldigen Opfer den letzten Fortschritt erwirkende Werk der Mänaden. Orpheus, die lebendige Hadesnymphe mußte es selber so wollen: den gefangenen Fisch möge man ordentlich schlachten und zerlegen, ein Musikappetithäppchen für die Toner, die Dorer, die Lyder etc. Den ungenießbaren Kopf aber, den sie wie einen Personalausweis an die Leier nagelten, warfen sie wie Abfall ins Meer. Nicht zu verhindern aber war dabei der Opfercharakter dieser Exkrementation, also der Umstand, daß, gleichwie, die Progreßrestitution des Geopferten im Toten immer zu gewärtigen ist: das Meer folgerichtig als koprophagischer Schlund dieses Kopfexkrements als Inbegriff eines imperialistischen Musikkolonialismus, Inselbeglückung über die Festlandsbeglückung hinaus (die Insel wie eine Note auf dem Notenblatt). Lesbos dann als das erste Konservatorium des ausgeweiteten Landes. Der Mänaden Werk: imperial gar wird diese große Kulturschöpfung Musik nichts als bewahrt - en gros die lärmende Unhülle um das absolute Sehen herum, endgültig in der Musiktradierung in die Indifferenz des Klangphantasmas hinein memorial aufgehoben. Letztexkulpation, greulich, aller Greuel, Eurydike gar macht im Verein ihrer Schwestern Orpheus-Musik. Und nichts als schön ist diese also. Haben Sie schon einmal erlebt, daß Noten unter der Theke gehandelt werden müssen, weil sie unters Pornographieverbot fallen?
Eurydike und der Lärmschutz - je mehr Lärmschutz um so mehr Lärm. Die tottote Eurydike ist im Toten unstillbar; ja mehr noch, der progrediente Lärmschutz bringt den Lärm progressiv allererst hervor. Das kann nicht anders sein: wenn immer nämlich die Verlautung aufzeichnet, sie sich Gedächtnis verschafft, ist sie gehalten, aufs Sehen überzugreifen, also sich zu verräumlichen, sich skriptural/notativ auszudehnen. Hypertrophiert nun aber unabweislich die Schriftlichkeit zum dienstbaren Herrn des Klangs, zu
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dessen Ursache, Urverschuldung, so entzieht sie sich immer zugleich auch dieser ihrer herrlichen Dienstbarkeit, um die reine Herrschaft als Selbstzerfall, Fragmentierung, Explosion anzutreten: die Buchstaben für sich der Klangabfall. Die beste faktische Probe aufs Exempel: die elektronische Musik in ihrer eschatologischen Identität von Schrift und Maschine, der Erfüllung also des Lärmschutzes. Wie schon angedeutet, ist sie Lärm, Lärm als "funktionales Phänomen" der Schrift-Maschinen-Identität. Moderne ins Profil gekippt, die die schönen Künste alle gesamtkunstwerklich als verschwindende Auch-Möglichkeit impliziert. Allsehen (kein Sichtschutz mehr) und Allhören: Orpheus' Stunde ist gekommen. Wie eigentlich kann man auf die Idee kommen, daß die künstlerische Moderne revolutionär sei? Von besonderem Belang in diesem Zusammenhang erwiese sich schließlich die musique concrète (immerhin, Pierre Henry hat einen Orpheus geschrieben). Als ich das Lärmen lieben lernte. In der Tat, der konkretistische Klang, der nicht nur an der aberwitzigen Redundanz dieses Konkretismus bis hin zum Verstummen leidet, der vielmehr durch die maschinelle Simulationspotenz, die der Simulation bare, desselben überholt ist.
Über die Synchronie des Mythos ist nicht sehr viel zu sagen. Orpheus' Stunde ist gekommen. Der grenzenlose Mangel der phoné-Fülle provoziert die Frage nach der Herkunft dieses Widerspruchs. Es ist der Mythos als die Insistenz von Genealogie, die diese Herkunftsfrage, man möchte meinen erschöpfend, beantwortet. Welchen Status aber hat diese Antwortinstanz in diesem Widerspruch? Gewiß nicht die, diesen "Kulturwiderspruch" aufzulösen - das geht nicht: der Mythos reproduziert ihn dann nur -, vielmehr deren eo ipso drohender Entropie zu wehren. Je potenter aber diese Wehr, umso drängender der Kulturprogreß und umso aufklaffender seine Binnenwidersprüchlichkeit. Dessen eschaton - wir gehen epochal wohl darauf zu - ist der Widerspruchwiderspruch des schließenden Aufklaffens/des aufklaffenden Schließens, in der die mythische Aufklärung/Genealogie selbst ihre angestammte progreßbesorgende Wehrvalenz einbüßt. Der Fall aber, diese Herkunftsabsorption, der Genealogieeinzug selber sein zu wollen, landet gradenwegs in der Psychiatrie und gedeiht dort zur höheren Ehre dieses fortgesetzten Unwissens. Und der Text hier in seinem Parasitismus daran richtet dagegen nichts aus.
Preisfrage: wer kennt Gestank-Mythen? Nun ist aber nachweislich der Gestank im thematischen Mythos mit dabei. Wird der Schatten/das Profil/Seitlichkeit/Fläche in das Spiegelverhältnis hinein (de)plaziert, die Fischin also gefangen, ans Land in die Luft gebracht - es ist dies ja der Augenblick der
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doppelten Profilabdrehung vor dem letztlich dann entstaltenden Ab- und Vorgang -, so entsteht nicht nur Lärm, sondern gar in erster Linie Gestank, hygienischer Klangabfall und zumal bestialisch-gammelfischiger Riechabfall des sich in sich selbst hinein vorbehaltenden Opferstoffs. Im Mythos ist dies so, daß musikgerecht Nymphe Eurydike auf einen Schlag verwesen würde und entsetzlich stänke, Gestank-Apriorismus (und freilich ist dieser Ganzgestank nichts anderes als die Totalisierung des Genitaliengestanks, menschlich); und es hat fast den Anschein, als schaffe Orpheus, indem er mit dem apostrophierten gynäkophagischen Ganzfraß, der apriorischen Aufgefressenheit der Eurydike, auf dieses Geruchsmalheur pariert, dem Geruch über den Gestank Gedächtnis an, was ja im Falle der sogenannten niederen Sinne eh nur halluzinatorisch funktioniert, also nicht funktioniert. Geruch/Gestank enträt der Reflexion, der Aufzeichenbarkeit; dieser niedere Sinn verweist, wie man meinen möchte ersatzhaft, direkt aufs Exkrement, gibt also seine Aufzeichnungsverlustigkeit sogleich ein in das Aufzeichnungsvermögen selbst als solches, legt dann auch in dieser scheinbaren disqualifizierenden Kurzschlüssigkeit, dieser Präsenzbindung nahe, durch den Pfusch des Parfüms substituiert zu werden, so als sei die Parade des Wohlgeruchs gleichwohl die in ihm selber ausgefallene Reflexivität, die freilich zumal parfümisch keine ist, aber immerhin. Sieht man genau genug hin, so vermöchte man die Prärogative des Gestanks am Profil gar zu sehen: Inbegriff des Umrisses ist die Nase (die sich im Menschwerdungsprozeß in dieser ihrer Valenz progredient stärker ausprägt - Tiernasen sind dagegen rein frontal, doch eben ohne Spiegelwertigkeit); wohingegen das Ohr wie ein Eigenprofil der Gesichtsprofilfläche (hinter der ja der Mahlapparat tätig ist) aufheftet: Ohrflucht der Nase, jedoch in Dasselbe hinein, die orphische Fluchtlinie außerhalb des Wassers. Allein, der Gefressenheitsapriorismus, das sofortige Verschwindenmachen der Fischin im eigenen Körper, so als sei dieser der revenant des Wassers selber, verfängt schlechterdings nicht, Gestank als Gestank selber zu sein; die Exkremente handeln dem im Ganzen zuwider und also müssen diese a fortiori und ebenso sogleich, apriori gegessen und getrunken werden - so ja nur vermag sich Gedächtnis zu etablieren. Exkremental bleibt das Selbstsein des Gestanks unerwünschterweise außenvor, vorbehaltlich, und indem es sich auf den Status der memoria, des totalisierten Innenseins hin versiert, demonstriert es an sich diese seine mächtigen Eigenschaften: als das Hinten ist es die absolute Frontalität, bar indessen in seiner Entstaltetheit der Spiegelungsfunktion; womit es zum Profil-Profil selber gedeiht, Profilfixation, Aufzeichnung. Der Urin aber ist (außenvor, innen, wiederveräußert) die
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Spiegel- als Aufzeichnungsfläche und darin der Verteiler, Ausbreiter der Kompaktexkremente als Zeichen/Schrift. So schließlich die vollendete Ruchlosigkeit des Selbstseins des Gestankgestanks. Auch ist es Orpheus (Eurydike), wenn es stinkt, nur daß die Ruchhaftigkeit der Ruchlosigkeit anders als bei Stille und Lärm verschwindend präsentisch bleibt. Also kamen die Mänaden, als Orpheus entsetzlich zu stinken begann. Und konsequent verteilt sich der ruchlose Kopf als Abfallinbegriff im Meere nicht.
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