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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Vom schwindenden Jenseits der Götter. Programmatische Überlegungen zur Ontologie-Genealogie (Die Eule Nr. 6, 1981, Wuppertal/Düsseldorf, 37-128)
Vorwort
Über "das schwindende Jenseits der Götter" las ich im Sommersemester 1979. Der jetzt vorgelegte Text ist der Grundtext dieser Vorlesung, um didaktische Redundanzen und lokal nur relevante Allusionen gekürzt; so daß er mehr noch zu einem Lesetext, als er es vorher eh schon war, geworden ist.
Weggelassen habe ich zudem weitestgehend die Querverweise auf angrenzende Texte, um den Lektürefluß nicht aufzuhalten (und um überhaupt gegen die Unart dekorativer Philosophieverwissenschaftlichung anzugehen). über die Todestriebhypothese des alten Freud ist alles Nötige fürs erste in meiner Sadismusstudie anzutreffen (in: DIE EULE Nr. 3); wie überhaupt in der EULE (und unterdessen auch im tendeVerlag) meine neueren Philosophieversuche ihren weiteren Publizitätsort gefunden haben. Ebendort wird auch der Feminismusbegriff propagiert, auf den ich im Text des öfteren anspiele, den ich nutzte. Unbeschadet aller Reservationen gegen den Anti-Ödipus, profitierte man doch am meisten von dessen Aufnahme auch für das Verständnis des "schwindenden Jenseits", en detail wohl besonders vom Begriff des "organlosen Körpers"; wie überhaupt ich nicht vorhabe, über den Anti-Ödipus (und nicht nur über diesen) so etwas wie ein letztes Wort zu sprechen, hier nicht und auch nicht anderswo. Auch in der Autorretrospektive gilt, daß "Ontologie nicht als Logos über jenes Sein, das dem Denken alternativ wäre, vielmehr als jenes an sich selbst genealogisch 'Geist' gewordene Sein verständlich
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gemacht wird"; ferner: "daß dies nicht bloß rhetorisch, sondern geradezu szenisch geschieht, den Text zu einem Ereignis werden läßt, das die Differenz von Lehre und Erfahrung tendenziell einstreicht" (Jochen Hörisch). Nur ist es mir bisher noch nicht gelungen - aus Gründen, die ich keineswegs übersehe -, mich selbst sozusagen in dem, was ich weiland schrieb, ein wenig schon einzuholen; so daß a fortiori (paradoxerweise auch für mich selbst) zutrifft, daß dieses Philosophieren "eine Esoterik zur Voraussetzung hat, die ebenso befreit wie einsam ist" (derselbe).
Wahrscheinlich ging mir nicht zwar - ab Mitte zum Ende hin - der Atem aus, doch verließ mich die Courage, die besagte Fusion von Lehre und Erfahrung durchzustehen; so daß schließlich doch eine abgehobenere Lehrhaftigkeit wiederum Platz greifen dürfte? Und doktrinal häufen sich, wenn ich recht sehe, nach diesem (vielleicht unmerklichen) Bruch, bezeichnenderweise auf die Motive einer verzweifelt ultimativen Ontologierettung, von deren Obligation ich zunächst (etwa im Zusammenhang der cogito-, und Memorialitätserörterungen) kaum etwas verspürte? Wie weit reicht also die Kraft der Anleitung, in den Hominitäts-Nichtsinn, die Herabkunft der Götter (ja des Gottes), sich einzulassen?
Legende für die Graphen:
Die Grundfigur, dynamisiert, besteht immer darin, simultan die Pfeile, gleichwie signiert, einander zuzuführen, bis sie sich treffen - und es also zur Produktionsausfällung etc. käme. Wird diese aufeinander-zu-Bewegung sistiert, so passiert der Blockade-Antiproduktionsfall etc. Die "Memorialitätsdeduktion" geht hier so vonstatten, daß die memoria als nicht selbst blockierter BlockadeAbleger erscheint: ein besonders fragwürdiger Punkt! Zweckmäßig wäre es freilich gewesen, den Eros/cogito-Rückwurf an Freiheitserfüllung zum Thanatos/Maschinenavancement jeweils mit zu graphizieren; was hier - zunächst ganz äußerlich - deshalb ausfällt, weil dann Körpergraphen (3-dimensional) nötig geworden wären. (Um eben kurz die nicht nur sportive Dekorativität dieser Kraken zu vermerken: - ist es nicht vielleicht doch bezeichnend, daß eben erst mit dieser Produktionstotale der Graph raumgenerierend-dreidimensional würde? Ich gehe eh - unausgewiesen - davon aus, daß sich in der geometrisch-mathematischen Mortalität all diese Genealogiefiguren einstellten!)
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I. Kein Monstrum steigt aus dem Abgrund
Stelle ich die folgenden Ausführungen unter den - so sage ich es - ungeheuerlichen Titel der Ontologie und ihrer, wie es scheint, immer noch unverratenen Geheimnisse, so wirft diese Ouvertüre sogleich das Risiko ab, einer rhetorischen Übertreibung geziehen werden zu können. Inwiefern ungeheuerlich? Wie soll ich mich gegen ein Achselzucken behaupten? Wiederum rhetorisch, indem ich die weiterhin unausgewiesene Monstruösität der Ontologie in den Begriff von Hominität selber hinein emphatisch inflationiere?
Stattdessen will ich versuchen, der Absichten didaktischen Entgegenkommens eingedenk, den Standort zu bestimmen, der mir dies initiale Spiel mit dem Ungeheuer Ontologie verstattet; dies jedoch nicht ohne gebührende Vorwarnung, daß solcher Standort keiner wäre oder nur einer zum Schein, und dann erst recht keiner, wenn er nicht ins also sich vorerst als indefinit ankündigende Geflecht der Ontologie selber restlos fiele. Womit alle didaktischen Vorsätze schon an eine peremptorische Grenze zu stoßen scheinen; Rückzugsgefecht der Transzendenzansinnung in Didaktikpostulate einer intellektuellen Filmvorführung in Zeitlupe?
Nun also: der Blick auf die ungeheuerliche menschliche Realität scheint dessen nicht versichert, wirklich Monstren zu erblicken. Er unterliegt dem Status einer Unsicherheit, sowohl die Blickgehalte (gefährlich -harmlos) als auch deren affektives Echo (beängstigend - beruhigend) betreffend, die nicht die Evidenz der eigenen Herkunft - was diese Unsicherheit sei - schon mittransportiert. Unfähig der demonstratio ad oculos, Monstren in überzeugender Dinghaftigkeit zu erzeugen oder auch nur vorzustellen so wie in der Menagerie, läuft die Penetranz des Behauptens, und die Menschendinge seien doch ungeheuerlich, ständig Gefahr, hart zur Ordnung gerufen zu werden; wobei die mildeste Form dieses Ordnungsrufs das menschenfreundliche Bedeuten wäre: du siehst Gespenster, mein Lieber.
Und abermals sehe ich mich in der unabkömmlichen Verlegenheit, die didaktisch zu nennen, noch nicht einmal an der Oberfläche des Problems zu kratzen ansetzt, niemandem, und am wenigsten mir selber, verordnen zu können, in dieses Vexierspiel, Vorstellung und Affekt
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(und Motorik) okkupierend, einzutreten, ohne daß ein notorisches Selbstwahrungsgebaren abgerufen würde, das da sagen müßte: lassen wir das und machen wir die Dinge dingfest - und siehe da, das Monstrum erweist sich in Wirklichkeit als ein lieber Kerl; alle Angst an dieser Stelle ist irrational, und im vollen Schutze dieser Vereindeutigung ists dann erlaubt und vergönnt, einmal mehr offen und einmal mehr versteckt, doch freilich nicht ganz frei von Risiken, sich auszutoben.
Gesetzt den Fall, ich wäre zur Propagation dieses Vexierspiels, das uns ja irgendwohin, an ein Ziel, führen soll, legitimiert, so triebe ich gewalttätig nur Sabotage am eigenen opus; gleichwie, ich müßte nämlich Folgsamkeit statuieren und die Abweichung davon beschuldigen. So empfindlich also steht der gemeinsame Ort der Verständigung jetzt schon in Frage, daß selbst bei mutuellem Pardon nach dem Motto, daß gar der Gerechte neunundneunzigmal am Tage falle, keinerlei Gelingen in der Herstellung von Produktionssolidarität absehbar ist. Gebe ich den intellektuellen octroi nicht als ganzen dran, werde ich notwendig zum Bettler, der mit rhetorischen Tricks zu arbeiten sich nötigt; und daran ändert seine königliche Einkleidung, existentialontologisch etwa, die larvierte Kulpation aller Welt mit höheren Begriffen oder gar höheren Erfahrungen, die sodann wiederum keine solche sind, wie beispielsweise die Angst als Existential, schier nichts. Überlegen Sie also wohl, worauf Sie sich einlassen, wenn immer es möglich sein sollte, sich gemeinsam von einer mindest doch faktischen, prima vista gesehen, Dysfunktion, einer Uneindeutigkeit befallen zu lassen und sich dieser gar anzuvertrauen, und nicht zuletzt auch mir sich zu überlassen, der ich virtuelle Methoden dieser Dysfunktion sorgfältig zwar, doch gewährlos, hier in der Vorlesung vorzubuchstabieren gedenke.
Fangen wir an. Schon befinden wir uns mit diesen Vorbemerkungen, die keine sind, vollends inmitten der Ontologie. Schon spüre ich, also prozedierend, den Zugriff der einschlägigen Grundkategorien, die selbst und insbesondere im spezifisch intellektuellen Dissidenz, ihre totalisierende Wirkung unaufhaltsam entfalten. Entsprechend versuche ich eine unvermeidlich schon totalisierende Ableitung der Faktizität des Vexierbilds, die ich freilich in keiner Weise als
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empirisch-intersubjektive Konstante zu präjudizieren imstande bin; versuche ich eine genealogische Deduktion des Uneindeutigkeitsstatus menschlicher Realität - ist sie tautologisch oder symbolisch? -, dies am Leitfaden "transzendentaler" Rückfrage, doch bar jeglicher Voraussicht, dabei auf Sinngebungsgründe an Subjektivität an diesem einen Ende zu treffen. Nein, ganz im Gegenteil; denn das hieße, das Genealogieprojekt a priori verabschieden, gleich zu Beginn wieder ordentlich univok werden. Kurzum: Transzendentalphilosophie, gleichwie des einzelnen, verschlösse im vorhinein die veranschlagte Fragedimension.
Also setzen wir nochmals an. Wir müssen dabei bleiben: die Uneindeutigkeit menschlicher Realität kann kein fact sein. Gleichwohl als solches beschuldigend aufgezwungen, macht sie nur Hyperunivozitätsbedürfnisse rebellisch. Ich bewege mich also schlechterdings auf dem Boden von Nicht-Wissenschaft (und so wird es lange noch bleiben - auf diesem Boden), wenn immer ich vorhabe, dies nicht-fact zu erhalten und zumal aufzuklären. - Vergewissern wir uns nochmals und genauer der protogenealogischen Erfahrungen, die sich sodann zu einschlägigen Kategorialitäten - wie, werden wir sehen müssen - anheben lassen. Am Sachpol fluktuiert die menschliche Realität, die Ontologiegegebenheit, zwischen Sie-selbst-sein einerseits und Aufein-anderes-verweisen andererseits, zwischen tautologischer Erfüllung und symbolischer Hintergründigkeit, im Extrem Monstruösität, Gespenstertum. Entsprechend am Pol des Subjekts, des sich darin konstituierenden empirischen Subjekts, sind Ausschläge zu verzeichnen zwischen Beruhigung, Sättigung, Heimischkeit, korrespondierend dem Tautologiestand auf der Sachseite, und, gewiß nicht distinkt, Beängstigung, Beschämung, Beschuldigung, entsprechend der Symbolizität ebendort. Einmal geben sich Subjekt und Objekt im Modus des Übereinkommens, das andere Mal in dem der Diskrepanz, des Resistenzschwundes an jenem, der Verfolgung, Verurteilung, Vernichtung. Oder, wiederum anders ausgedrückt, ruhender versus unsteter Blick.
Bevor wir eine erste allgemeine Kategorialisierung dessen versuchen, müssen wir immer wieder rückblicken, um unsere Position ausweisend zu präzisieren. Sie besteht im - so in ihrer Erfassung rein noch faktisch belassenen - Einlaß in die ontologische Realitätsäquivokation
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selber, freilich, doch so, nicht aber eo ipso so, daß diese intellektuell in Regie genommen scheint. Was aber diese Regie besagt - eine seltsame Fixation, die den Fluß der Aquivozität erstarren macht, doch nichtsdestoweniger nicht vereindeutigt, tautologisiert - wissen wir trotz aller Kenntnis davon längst noch nicht. Auch tut sich diese Regie durchaus schon aufdringlich als eingeschränkt kund, borniert wohl auf spirituelle Konsumtion, selbst nicht produktiv und ebenso nicht permutativ - oder letzteres auch doch mit? Wir kommen darauf zurück, nicht aber so, als wären wir (ich usurpiere Gemeinsamkeit) jetzt schon imstande, durch gründlicheres Nachdenken just an dieser Stelle Präziseres zu sagen.
Eine initiale ontologiegenealogische Kategorienskizze stand eben in Aussicht. Aufriß menschlicher Wirklichkeit ins schwankend Äquivoke von Identität und Nicht-Identität, Verweilen und Flucht, inklusive des bornierten Haltepunkts, der hier ja vollzogenen, gar niedergeschriebenen Ansichtigkeit dessen. Ohne mich in intellektuelle Unkosten zu stürzen, kann ich in der Perspektive der reklamierten Kategorialisierung davon ausgehen, daß die durch Lacan fortgeschriebene Freudsche Psychoanalyse die brauchbarsten Genealogiepotentiale mit sich führt. Freilich wird sich dies hier allererst erweisen müssen. Ich wähle deshalb ursprünglich psychoanalytische Begriffe, die ich genealogisch versiere und auch weiterführe.
Nun, der zitierte Ambiguitätscharakter menschlicher Wirklichkeit (Ontologie) lautet, übersetzt und auch festergeschrieben, kategorialisiert, ohne daß ich mich darauf nun terminologisch vereidigte: der Prozeß zwischen Ich einerseits und Überich/Es andererseits. So die Dinge im Struktur- oder Instanzenmodell als der sicherlich progressivsten metatheoretischen Totalisierung. Mit dem früheren topographischen Modell gesprochen - was aber nicht ohne erhebliche Bedeutungsmodifikationen respektive -vereinseitigungen abgeht -, macht dieser Prozeß zwischen Ich und Überich/Es das Unbewußte im strengen Sinne unserer Bezeichnung aus, just das Unbewußte nicht zuletzt auch "bei vollstem Bewußtsein". Innerhalb der Wechselfälle dieses ontologischen Inbegriffprozesses selbst kommt nun auch der Fall auf (was wir hier tun, kann ich fürs erste nicht höher veranschlagen), wie auch immer bedingt und vor allem funktionalisiert, daß dieser Prozeß - der zwischen Ich und Überich/Es, Es am besten
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durchgestrichen, das ist die Aktualität des Unbewußten im eigentlichen Sinne - leckschlägt, aufreißt, einen Spalt zum Arkanum öffnet, die höchste Ontologiealarmstufe aber abfängt durch eine Art von traumanaloger Aktionsblockade, Halluzinationierung sozusagen, die vorab im Rückzug aufs Subjekt alle Kraft nun darauf verwendet, nicht dieses nun quasi vertretungsweise leckzuschlagen, vielmehr, aller Dissoziation unbeschadet, uneingeschränkt, ja a fortiori zu bewahren. So das berühmte Bewußtmachen des Unbewußten; strikte übersetzt: Suspens der Aktualisierung des Unbewußten - es wird rissig - dergestalt, daß sich ichlastig das Ich, die Raptur in sich übernehmend, potenziert, ohne indessen schon die Vollmacht zu besitzen, den überich/Es-Kompagnon und Gegenspieler aufzuzehren. Lassen wir es zunächst dabei: so der erste Anlauf an Kategorialisierung, progressiv psychoanalytisch, genealogisch, menschlicher Realität (Ontologie) überhaupt inklusive unserer mit Haut und Haaren immanenten Blickinstitution.
Weitere metatheoretische Modelle der Psychoanalyse Freuds, so etwa die Narzißmustheorie mit all ihrer Porösität für ehemalige Dissidenzen, stellen am ehesten genealogische Anpassungsversuche, besonders halbherzige, dar, die indessen beim Geschäft der weiteren kategorialen Spezifizierung hilfreich sein mögen. Die einschneidendste Modifikation an der Psychoanalyse aber, die ich mit diesem ihrem genealogischen Gebrauch vorgenommen habe, ist Ihnen schwerlich entgangen; ich markiere sie ausdrücklich: der fraglose Schritt aus der Sphäre des Subjekts in die Gesamtwelt von Menschheit: der traumatische Prozeß zwischen Ich und Überich, die Aktualisierung des Unbewußten, einschließlich dessen Störung durch Genealogie, als ontologiegenerierender Inbegriff. Begründungen dieses Schritts setzen dessen genealogische Mächtigkeit voraus, und also bin ich nicht verpflichtet, sie aufzusuchen, abgesehen davon, daß sie leicht zu finden wären. Aber wenns beliebt, so drehen wir uns im Kreise: die Unterlassung dieses Siebenmeilenstiefelschritts versetzt Wirklichkeit insgesamt in eine Heterogeneität zum Subjekt, die durch eine ungefähre Vermischung der Ambiguitätskriterien von Wirklichkeit (einschließlich Subjektivität) deren Genealogie eben hintertreibt.
Wenn ich mich recht verstehe, nimmt die Rätselhaftigkeit dieser genealogisch relevanten Geschehnisse mit fortgeschrittener Kategorisierung
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beileibe nicht ab. Selbstverständlich setzt die Gehaltserfassung der ersten Figur die uneingeschränkte Wirksamkeit der zweiten voraus, die dabei - nicht schlechterdings -, als solche selbst nicht expressis verbis auftretend, jene sistiert und, ich bin fast versucht zu sagen, bestiehlt: sich die Überichenergie zur Ichpotenzierung zu eigen macht. Wie gesagt, sind das allesamt rätselhafte Geschehnisse, und wir beeilen uns ob der Unerträglichkeit von bedrängender Nähe, ja Einwohnung, und Unverstand einen Teil des Rätsels wenigstens zunächst herauszubrechen und unsere Betrachtung daran inständig fortzusetzen; und zwar am traumatischen Fluktuationsprozeß zwischen Ich und Überich, der Aktualisierung des Unbewußten im strengen Sinne der Bezeichnung, einem der Bücher mit sieben Siegeln. Gleich an welchem Ende, beim Ich oder beim Überich, man auch verweilen können mag, allemal geschieht Verdeckung, tritt ein entscheidendes Element - was nur? - in eine Art Unfaßlichkeit wie unwiederbringlich ab. Doch dies strikte Gemeinsame täuscht überhaupt nicht darüber hinweg, daß zwischen Ich und Überich im Homogenen dieser Verdeckungswertigkeit ein Abgrund aufklafft, so daß der fortlaufende Übergang vom einen zum anderen alchemistisch wäre. Bitte, welch ein Unterschied zwischen Flucht und Verweilen, wilder Verfolgungsjagd und ruhiger Heimkehr in dem, zugestanden, einen Theater des Unbewußten! Wenn ich mich nun auch nicht auf die genealogische Hauptspur, die der Schuld, begeben kann, so merke ich immerhin doch, daß mir die Überich-Verhältnisse wesentlich durchsichtiger vorkommen als die des Ich. Gut, dort wird zutiefst Schuldigkeit spruchreif und vielleicht schon ein Wimmeln permutativer Verhältnisse mit viel Opfergeruch. Gut, trotz allen Kopfschüttelns und der großen genealogischen Ignoranz - wie kann es denn geschehen, daß dieser ganze Spuk schlagartig oft aufhört und das große Ich auf den Plan tritt: Tautologie und ein gutes Gewissen. Wie führt doch Rapaport insbesondere aus: eigentlich müßten dem Ich gar neutralisierte Energien zur Verfügung stehen, wenn man es metatheoretisch richtig bedenkt. Was zum Teufel geht hier vor? Wie wird man schuldfrei, im psychoanalytischen Sinne und subjektivistisch verkleinernd gesprochen, ichbestimmt und reif? Selbstverständlich meine ich nicht den Freikauf durch Dienstbarkeit, den unteren Weg mit geballter Faust in der Tasche; nein, vielmehr das Aufatmen als metabasis eis allo genos ichbildend ins volle Ich hinein, vielleicht mit dem verwunderten Rückblick noch
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auf den Spuk von weiland, der sich auf-nimmer-Wiedersehen verzogen hat, jedenfalls an dieser Stelle? - Ich ahne längst schon - doch das ist nicht ungefährlich -, daß die Netze des Unbewußten an dieser Stelle, dem Ich, nichts mehr, Nichts (mystisch großgeschrieben) durchlassen und künde es also: das Ich (Sie denken daran: Ich, nicht auf ein subjektives Vermögen restringiert), das Ich ist der Kulminationstopos des Unbewußten im eigentlichen Sinne der Bezeichnung. Während dem Überich diese Auszeichnung insofern schon nicht zuteil werden kann, als es ein Kampfverhältnis präsentiert, so als müsse das Vorentschiedene gleichwohl immer wieder entschieden werden; nicht also nur das dichteste Netz und sonst nichts, das dichteste Netz zwar auch, aber es bewegt sich, hebt und senkt sich, wirft Falten, wird gerafft, ausgebeult, bewegte Gestalten, nicht identifizierbare, zeichnen sich in ihm ab. So aber wirkt es nicht zuletzt nach außen hin dräuend - ganz im Unterschied zum nur daseienden Ich -, so als laufe jeder, der sich der verhüllten Kampfstätte nähert, Gefahr, vorsorglich in einen der inneren Feinde verwandelt zu werden; und wer darum fürchtet, dem widerfährt es auch prompt. Immerhin, so gefährdet scheint das über-Ich, wird es von außen umstellt. Das Ich hingegen - ja, es kennt keine Feinde mehr: Instanz des Friedens. Sollen wir ihm mit der lieben guten Ichpsychologie trauen? - Hier reizte es mich überaus, Umhüllungsstoffe und -formen Revue passieren zu lassen; Philosophie des Papiers zum Beispiel. O welche Fetischismen!... Anders und riskanter gewendet, bleibt nicht zuletzt auf den Spuren des Schuldproblems keine andere Wahl, als geltend zu machen, daß die Extraordinarität des Ich darin besteht, die inneren Feinde restlos besiegt und aufgefressen zu haben - ganz im Unterschied zum ewig kämpfenden tantaloiden Überich. Allein, dies Siegerwesen reimt sich doch nicht mehr damit zusammen, daß das Ich eben nicht die Schrecken des Krieges, vielmehr nur Frieden um sich verbreitet? 0 doch. Haben Sie schon einmal den Einzug von Siegermächten erlebt? Dann wüßten Sie, was es auf sich hat - mit dem Ich. Das Ich - wird das Ich mir verzeihen? - ist die lebendige Leiche. Es bedeutet: seid getrost, denn es gibt keine Feinde mehr, ich habe sie alle getötet, und sie sind jetzt als Tote ganz in mir, der exklusiven Macht des lebendig einherschreitenden Todes, der keines Kampfes mehr bedarf, nachdem die Feinde alle tot sind, und also den Frieden bringt für alle jubelnd freiwilligen
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Ich-Freunde. Das Ich, die undurchsichtigste reine Hülle, die leise nur erzittert, aus sich heraus erklingt - zur eigenen Ehre.
Sie sehen, ich mache ernst mit der Ausweitung der Ich-Kategorie auf die gesamte menschliche Realität (Ontologie), nicht bloß deklarativ, vielmehr denkend, schreibend, sprechend, eingelöst de facto. Und ich sage: dies ist Ich - die Siegerpose, nicht aber, schlechterdings nicht: dies meint eine didaktische Metapher für das Ich, die schamhaft zu widerrufen, intellektuelle Reinheitsobliegenheitern erheischen, nachdem sie ihre Vermittlungsdienste getan hat. Der mißratene Philosoph als mißratener Poet? Nein, als seien die poetischen Bilder, die keine sind, für die unbedarften Kleinen und später dann fürs Herz, das den Kahlschlag nicht immer erträgt! - Ist solches einfach dumm, so ein weiteres eher aber verführerisch, nämlich Bedürfnisse nach Ursprünglichkeitsgebaren - kein Wunder, daß sie bei so viel dichtester Verdeckung nicht ruhen - an solche szenische Ich-Ausweitung anzuheften, die sich als das gehobene und tiefere Originäre gegen die leere Abstraktion, die Kategorienregister, absetzt. Dies ist um Himmelswillen hier nicht gemeint: das - ebenso nicht etwa paradigmatische - Szenarium als die endlich eruierte Unmittelbarkeit. Einzig im Schilde führe ich die genealogische Verpflichtung der besagten kategorialen Ichextrapolationen einzig zum Zweck, die subjektivistische Einengung solcher Kategorien (Ich eben als Subjektivitätsorgan) ableitbar zu machen als Ontologie-Evolution-Schicksal; etwa folgendermaßen, daß sich hieran einschlägige ontologische Entwicklungsgesetzmäßigkeiten ablesen ließen; so die Intensivierung von Unbewußtheit durch die sogenannte Abstraktion und durch SubjektObjekt-Fragmentierung und -Heterogeneisierung: Konstitution also von Psychologie. Sie sehen, hier gölte es, nicht eben nur Seitenwege zu begehen, die nicht zuletzt zum Mythos hinführten, dessen verfängliche Schützenhilfe bei solcher Kategorienexpansion und -szenifizierung ebenso nur subsidium sein kann, gattungsgeschichtliche Evolutionsgesetze überhaupt erst wahrnehmen zu können; und eben nicht Anlaß eines eo ipso faschistoiden Ursprungsgedenkens.
Zurück zum Ich selbst, dem Siegerwesen. Sentimentalisch gesprochen sind wir dem Tod begegnet, und dieses Treffen wird sich für alles Folgende kriterial erweisen müssen. Dem Tod, selbst genealogisch,
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als Un-Ding. Dies aber überaus unverhofft (oder?), an einer unerwarteten Stelle, von der aus sich die fama unablässig auszubreiten pflegt, nur hier, nur hier sei Leben. Vergewissern wir uns, bevor wir weitergehen, ausdrücklich der aufgekommenen Figuren in diesem Siegestheater. Scheint doch der alte Ich-Halt dahin, hat sich Ambiguität in die Pazifizierungsinstanz selbst verlagert und den klaffenden Unterschied zwischen Ich und Überich innerhalb der Homogeneität des Unbewußten verwischt. Wie soll das weitergehen, wenn fortlaufende Genealogie Haltlosigkeit an vormaligen Haltepunkten schafft? Gleichwohl - und dieses Trotzen scheint - von woher? - seiner selbst versichert - bleibt der genealogische Blick doch wohl unerfaßt von der also ebenso fortschreitenden Konfusion, indem er die Ontologiefiguren markiert. Wie aber kann er das? Grob haben wir das schon im Schema der Blickinstitution eben notiert.
Jedenfalls paktiert der genealogische Blick mit dem Ich, macht sich in der Kraft der Einhelligkeit des Sehens, nur darin, eines Wesens mit diesem: Partizipation an der Siegesfeier von seiten eines besonderen Ich-Freundes, der vorher indessen nicht mitgekämpft hat, der also, der Freizügigkeit des Triumphators gewärtig, schmarotzt; so etwas wie ein Superkriegsreporter. Andererseits aber vermag er den Verdacht nicht zu zerstreuen, ein unzuverlässiger Zeitgenosse, eben doch nicht nur ein laudator temporis acti zu sein. Was tut er Schlimmes - immer noch, wenn auch nach objektiven Maßen immer weniger? Er hat zuviel Gedächtnis, zuviel innerliche Totenkammer, als daß er den Frieden des Ich nicht an den Kampf des Überich von vormals boshaft mahnte, also an dessen notwendige Drohgebärde nach außen, die Schuldspruchpotenz. Und wenn es schon bis dahin kommt am Leitfaden des Gedächtnisses (versus Erinnerung), dann zitiert dies monitum unaufhaltsam auch den abgedeckten, weiland noch lebendigen Feind. Und wer kann dann noch verhindern, daß der Blick in die dichteste Hülle um den Kampfort herum "ein Loch guckt" - freilich geistig, in der Reminiszenz -, aus dem im Geiste zunächst zwar nur notorisches ordinäres Blut fließt, dessen schöne Harmlosigkeit nicht aber eo ipso ausgemacht scheint - wenn nun daraus die Teufelssaat aufginge? Also muß der Sieger seinem Starreporter mißtrauen. Eine Spur zuviel betroffenen Requiems, mein Lieber! Er behält ihn im Auge. Sinnt diese Oberhofschranze auf Verrat? - Ohne dies jetzt schon kategorial entwickeln zu können, also bloß evokatorisch verlautet -
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vielleicht haben Sie die Traute, zurückzublicken - hätte ich, also blickend, den Kriegsgott menstruieren gemacht (ich habe ein Loch in seine Überich-Hülle geguckt, aus dem Blut quillt); und indem ich das Exkret aufzehre, auferstehen die Kriegstoten leichenhaft in mir und nähren Gedächtnis und Blick; nur daß mich der Aberwitz der Konkurrenz zu der Masse der Sehmaschine in diesem meinem Selbstbewußtsein empfindlich stört. - Ja, jetzt da capo, aber in ordentlicheren Begriffen. Wie schon angedeutet, ist der Blick rein konsumatorisch; für seine produktive und permutative Untätigkeit aber muß er Ausgleichszahlungen leisten. So wird er an die vorderste Front geschickt (dies ist gefährlich), und zwar mit der strikten Auflage der Hagiographie (eine unlösbare Aufgabe). Im Zwielicht des Verrats, der Spionage, aber wird er ebenso heimatlos; denn der Verrat verrät nur noch Dasselbe an Dasselbe (ich antezipiere jetzt zu viel...). Und die Blickmaschinen dieses homogenen Feldes sind, gelinde ausgedrückt, eh stärker. Der Allesfresser-Blick - eine Utopie?
Also nutzen wir seine Gleichwohl-Möglichkeit wenigstens hier - die Besichtigung der inneren Leichenkammer, wo die Kriegstoten leben; der Kriegsoberreporter, ehedem auch Spion, jetzt eine Art von archäologischem Museumsprivatier. Was also sitzen Sie so reglos da herum? Haben Sie nichts Besseres zu tun, als meiner Totenwache zu folgen? Also nun zu den Figuren des Ontologie-Theaters:
1. das Ich, die (das Unbewußte!) amissive reine Hülle ohne Umhülltes, das in der Hülle selber aufgegangen ist, und der Friedensblick, das erzitternde, erklingende Selbstbewußtsein dieser Hülle selber, diese selbst.
2. das Überich, die (das Unbewußte!) amissive Hülle, in der sich der Kampf mit dem Umhüllten abzeichnet, und der Fluchtblick, das dissoziierte Schuldbewußtsein dieses Kampfes, dieser selbst.
3. das Ich, jedoch das Überich erinnernd mit geöffneter ausblutender Öffnung, also (Bewußtmachen des Unbewußten!) permissive Hülle, und der Gedächtnis-Blick als Reminiszenzbewußtsein dieses Risses, dieser selbst.
Ich habe Ihnen genealogisch berichtet über den Ambiguitätsstatus menschlicher Wirklichkeit (Ontologie, Hominität), dem Schwanken zwischen Tautologie (Ich, Frieden) und Symbolizität (Überich, Krieg), den Hauptbestimmungen des Unbewußten. So wie, allererst genealogisch progredient, von einer das Unbewußte liquidierenden Ontologieverfassung,
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dem Riß (der hier vollbrachten Blickinstitution, Gedächtnis, Historie), die verräterisch Ichpotenzierung als Überichintrojektion mit leckgeschlagenem Introjekt zu betreiben sich untersteht. Deren Schwäche: die konsumatorische Bornierung, deren Stärke: die nicht -Substituierbarkeit durch Maschinen - vorerst jedenfalls. (Ich antezipiere wiederum).
Mehr als nur Anlaß, diese Ambiguität ausführlich denke: zu können, geben mir sogenannte psychisch Kranke, die den Verlust des Friedens weder durch Kampf noch Gedächtnis wettzumachen verstehen. (Man stelle sich, antezipatorisch, einmal vor, das Überich sei leckgeschlagen, doch ohne den Halt einer höheren Ichfassung!)
II. Die Unschuldvitrine
Sie entsinnen sich: wir seien dem Tod begegnet als Un-Ding, gleichwohl meinte ich zur Vorsicht, dies sei immer noch sentimentalisch gesprochen. Worin also besteht diese Ich-Substanz, die so viel - vergebliche? - Sorgfalt der Erfassung gebietet? Wir versuchen so, am Leitfaden der unvorhergesehenen Trübung des Pazifizierungsinbegriffs Ich einen Schritt tiefer zu gehen.
Erneut und nachdrücklicher noch müssen wir dafür die Sekurität der Nutznießung des Siegerich suspendieren, doch notwendig wiederum dergestalt, daß wir so viel an Ichpotenz blickend usurpieren, daß nicht der sich supponierende Riß das Bewußtsein seiner selbst, damit sich selbst, zerstört. Gleichwo sich Ich also bildet, nicht zuletzt auch in der Rückwendung der Blickinstitution, trifft man die Macht
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einer Disposition an, die sich querstellt zu aller Prozessualität, die Aufbringung einer grundsätzlichen Dinghaftigkeit, die Bewegung schluckt und in sich selbst fesselt, Stupor, Seinstetanie. Dies zumal in der ..., als ontologische Gedächtnisspitze, als diese selbst, der gehaltenen Ichraptur: der Sieger, der seine Opfer als Tote, doch hinter dichtestem Glas vorzeigt, diese höchste Paradoxie. Löst sich das Unbewußte auf, muß schleunigst das Glas erfunden werden...
Keine noch so subtile Beschreibung dieses Todesgebildes gibt indessen schon seine Genesis mit her. Doch müssen wir unabdingbar damit rechnen, daß Genealogie es in der Gedächtnisspitze umso exzessiver produziert, je weiter, tiefer sie sich vorwagt. Genealogie, das ist Genealogiemaschine, die hinter Glas die Kriegstoten als Tote von den unsichtbaren, bloßkonjekturalen Gründen ihrer Ermordung erzählen läßt - bestenfalls, wenn es bis dahin kommt. Wie also soll der Exzeß an genealogisch gar noch gesteigerter Ichproduktion in der ontologischen Gedächtnisspitze, unser philosophisches Metier, imstande sein, sich selbst genealogisch zu stellen, wo doch - um es nochmals zu sagen - dies Unterfangen ganze Ichmassen wiederum produzieren muß, um nicht sogleich in sich zu kollabieren? Abermals, a fortiori, treffen wir auf die Paradoxie der inneren Gegenläufigkeit des genealogischen Gebarens, die Glasproduktion. Und also versuchen wir es, immer dickeres Glas produzierend, das aber durchsichtig bleiben muß, in der gewährlosen Hoffnung, daß uns diese Produktion das Geheimnis der Ichgenesis, gar in der Form des (memorial stillgelegten) Hyperich, verraten können wird?
Ich komme so schlecht nur weiter. Es zieht mich zurück zum ordinären Ich, dem Frieden der klingenden reinen Hülle; dem magischen Großschutz des Totengeläutes; dem Friedhofsfrieden der Tautologie. Wie beneidenswert scheint doch die formale Logik, dies Dauergebet, das den Symbolismus und den Riß der Realität abzuwenden sich unterfängt. Und gar erst die Mathematik und alle rechte Wissenschaft und fromme -theorie, die mit diesem verläßlichsten Psychopompos gar in die Gräber steigt. Niemand sei gezwungen, dies nicht zu tun...
Wenn es nun so aber nicht gelingen will, die Fesselung an den konsumatorischen Blick unauflösbar sich ins Fleisch einschneidet, so wird am anderen Ende die Versuchung mächtig, die säkularisierte
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nicht-mehr-Frömmigkeit der intellektuellen Glasbläserei sentimentalisch wiederum zu perfektionieren - durch einschlägige Psychiatriereverenzen diesmal und zeitgemäß. Nehmen wir doch die Spitzhacke und schlagen wir die sich verdickende Glaswand, die den progredienten genealogischen Blick, den eh verzagten, unangepaßten, irgendwann dann doch vor seinem Ziele abfängt, kraus und klein - dies wiederum wohlfeil freilich im Geiste. Alle Passion der Fühlung von Materie, des Lebens, emphatisch, versus des ubiquitären Todes in Ehren, gewiß; noch aber bereichert diese Leidenschaft nur, wenn tatsächlich mehr daraus würde als bloßer unfrommer Wunsch, der Todesglaswand ledig zu werden, die Akkumulation des schlechten Beispiels, die Majestät des Todes fahrlässigerweise zu beleidigen und also bestraft zu werden durch deren allererst so recht tödlichen Entzug. Letztlich also stellt sich kein Unterschied zur Magie der formalen Logik und deren erfolgreichsten Wissenschaftsfolgen ein. Magie ward nur gehobener, esoterischer, priesterlich-aufgeklärter: Magie, der Katastrophe halbwegs ins Auge sehend (wenns hoch kommt, halbwegs), diese denkend zu antezipieren und derart zu bannen.
Vielleicht kann ich jetzt die Ichgenesis wieder zum Thema machen, nachdem der erste Anlauf zur genealogischen Paradoxie sich potenzierender Ichunabkömmlichkeit, kurz: zur Glaswandverdickung führte?
Was ist dies für eine Fähigkeit, derart in den Grundfesten magisch prozedieren zu können? Wer ist der Aggressor, dessen Dauerangriff durch finsterste Identifikation pariert werden kann? Der Destruktionspreis scheint hoch, doch garantiert er menschliches Existieren; wie also lautet die Bilanz?
Prima vista scheint die Antwort simpel. Wenn schon solche mystische Verstiegenheit in der Philosophie schwer nur vermieden werden kann, so wäre - immanent wenigstens doch theoretisch folgerichtig - eben der Tod, die Sterblichkeit des Menschen, im Sinne eines einfachen anthropologischen Faktums, für die humane Gewalttätigkeit, meinetwegen für das Ich, wenn man es so ansieht, verantwortlich. So aber geht kein philosophisch ausgewiesenes Sprechen (ich trage Eulen nach Athen). Wie also stellt sich diese Vorgabe Tod ausgewiesen dar? Und wie das rätselhafteste infizierte magische Parierensvermögen? - Zumal der Tod im ontologiegenealogischen Verstande enträt eo ipso des faktischen Charakters. Als Faktum hingegen stellt er ein ontologisches
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Artefakt besonderer Art vor, das, wie Fakten überhaupt, den "wirkenden Tod", also als Konstituens, notwendig voraussetzt. Der Ausnahmecharakter aber des Tods als Faktum besteht darin, daß er das "Faktum aller Fakten" ausmacht: ein Klassizitätsparadigma sozusagen der restlosen Übereinkunft von "Inhalt" und "Form" als immanent absolute Grenze der ontologischen Totalität selber. Und die Sinnenfälligkeit dieser Limitation als Leiche manifestiert inbegrifflich den Rückstoß in den ontologischen Produktionsgrund, Reziprozitätsabbruch, Monadologisierung, hier aber nicht im Sinne gipfelnder Wirklichkeitssymbolizität (Überich), vielmehr des Anfangs expressis verbis einer genealogischen (wohlgemerkt genealogischen) Ich-Empirie. Immerhin, soweit sind wir in der Erfahrung des Ich schon gekommen, und ich kann Ihnen nicht ersparen, die Ontologiegenealogie als die höhere Kunst der Leichenschau vorzuführen - als armer Geisteswissenschaftler im allerdings superioren Pathologieinstitut. Noch aber haben wir die Leiche bloß in ihrer Abgrenzungsfunktion, undifferenziert als Ganze nur angeschaut (ich jedenfalls). Ob aber nun zur Einübung von Genealogie oder schon zu mehr, um überhaupt den einschlägigen Blick auf diesem Niveau zu vermögen, ward die notorische Glaswand eingezogen, und zwar an den Durchblickstellen mit besonders dickem Glas versehen. Zu hoffen wäre nur, daß wir bei diesem fortgeschrittenen Unternehmen mehr fortune für uns buchen können als beispielsweise der lehrreiche Angstkranke (Phobiker), der nicht minder die innerlich faulen Ichteile gebären muß und draußen dann mit Mumiengräbern unbegehbare Heiligtümer schafft: umwegsame (Wieder)herstellung also dinglich gefesselter Repräsentation, Ichhaftigkeit. Ja, das Glück scheint uns noch hold: wir haben das gefährlichst aufgipfelnde Todesich in uns an die angemessenste Stelle externalisiert: im Faktum aller Fakten, dem Tod als Leiche, und zudem ganz säkular das Heiligtum durch Isolierglas betretbar gemacht, also zünftig musealisiert, und all dies gar exklusiv spirituell, rein gedächtnishaft.
Bis dahin gekommen, wird auch besondere Sorgfalt fällig, die Unterscheidung der genealogischen Affektionszustände, eine philosophische Spezialität, zu verbessern. Freilich müssen wir auf der Differenz zwischen Symbolismus- und Rißaffektivität bestehen; es geht nicht an, gleichermaßen von Kampfbeängstigung in der geblickten Überichdimension und von Leichenschauangst jenseits des
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Ichsiegerwesens zu sprechen. Wie aber sinnvoll differenzieren? Jedenfalls schwebt mir vor, in der Blickinstitution, dem eigenen Empirieort, verbleibend, die Überich-Angst mehr dem Schuldgefühl angenähert aufzufassen, während die Angst jenseits des Ichfriedens mir eher wie Grauen vorkommt: Erfaßtheit von der absoluten Ichgrenze selber. Fortgeschrittene konsumatorische Ontologieanschauung (nichtProduktion) als das Management von Grauen. So viel können wir jetzt schon sagen, daß am Ziel der genealogischen Reise - zunächst, bevor weiteres möglich wird - die absolute Grenze dessen, um dessen Geschichte wir bemüht sind, die absolute Ichgrenze memorial begegnet; und daß Sein sich an diesem absoluten Limes nur durch Totgeburten und Leichenkonservierungsprozeduren bewahrt: Ontologie - die seiende Leichennachkommenschaft. Der Grundriß der Ichgenesis kann so als verdeutlicht gelten, jedenfalls am entscheidenden Extremtopos absoluter Ichkonzentration, deren Aufreißen und Absprengung einzig die Entropie dieses Grundgebildes negentropisch aufhält und derart Sein ontologisch resultieren läßt. - Fortsetzung also der Inspektion der segensreichen Ichtaten und Vertiefung von deren Geschichte in einem. Jene, die Fortsetzung, betrifft den Ichstatus der Tätigkeit, Produktion, Maschinengeburten (Tochter Athene aus dem Haupt des Vaters Zeus künstlich geboren, die mutterlos geborene Tochter), den unabdingbaren Zustand nach der ästhetischen Selbstrepräsentation des ego triumphator. Diese, die genealogische Vertiefung, den ersten grenzvergewissernden Gang zur absoluten Grenze, hinter der das Nichts kommt: dessen Repulsion ins Sein, stigmatisiert vom Nichts, als Sein, verzückt, von Gnaden des Nichts: Hominität, wie wir sie kennen. Die Produktions(re)dynamisierung des Ich nach dem großen Krieg und der rauschenden Siegesfeier erweist sich demnach als geeigneter, von sich her (wegen der Geburtsnöte von Vater Zeus) fast schon verräterischer Punkt, den verräterischen Hyperjournalismus jetzt indessen als Historie der Friedenswerke fortzusetzen. Schauen wir nicht weniger ins eigene Unternehmen, ins Redaktionsressort "gesellschaftlicher Fortschritt", selbstvergewissernd mit entliehener kleiner Siegespose am meditativen Feierabend hinein, in den genealogischen Parallelismus zur Fortsetzung und Vertiefung in der Ich-Objektivität, so imponiert sogleich der wahrliche Parallelismus: just mit wachsendem Risiko des Verrats - an der Stelle, wo sich das Ich fast selbst schon decouvriert in seinem Zwang, Maschinen zu gebären, um nicht
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selber entropisch zu platzen - verdicken sich die Glaswände der Leichenkammer; und daß faulende Materie, dieser Natureinschluß, als Unterpfand des Maschinengeistes zitiert ward, irrealisiert sich ob dieser starken Verdickung so stark, daß man Gefahr läuft, nur noch Glas und nichts mehr dahinter zu sehen. Welche Mühsal, solche Glasverdickungen transparent zu halten! In welche Aporie hat sich das unbestechliche Gedächtnis hineinbegeben: die oft schon vermerkte Memorialitäts-, Konsumtionsbeschränkung des eigenen Gedächtnisprozedierens läßt die Anschauung der Ontologieproduktion an deren Krisispunkten zur kränkenden Inversion eines genetivus subjectivus degenerieren: die Emanzipation der beschlagenen Brille fällt an die Brillenfabrikation zurück. Wo bleibt die - und sei es eh nur parasitäre - Resistenz, Subjektivität im Widerstand? Die genealogische Übercodierung scheint außerstande, einen freien Überschuß hervorzubringen; in einem nicht übertragenen Sinne wird dieser zur Paradoxie von Arbeit eben auch hier, Produktion oder wenigstens Produktionsveranlassung, absorbiert. Die Leiche in der Glaskammer singt romantisch, im Gestus des Eingedenkens, gutbürgerlich wie allenthalben. Darüber müssen wir noch nachdenken; denn was Philosophie sein kann, steht hier auf dem Spiel.
Viel mehr scheint auf diesem Fortsetzungs- und Vertiefungsniveau nicht mehr gesagt werden zu müssen: das Ich als Fundamentalmagie, Inbegriff ontologieproduzierender Mimesis an den absoluten Limes seiner selbst. Gewiß. Das sagt sich zwar nicht leichthin, und doch scheint das Rätsel Hominität so nur weiter weggeschoben und in dieser seiner Abdrift verstärkt. Inwiefern ist der Mensch denn zu einer solchen, wie es scheint, auswegslosen Selbstdefinition imstande? Und wenn wir so fragen, taumeln wir dann nicht von schon höheren Tatsächlichkeiten zu immer höheren, ohne die Opazität von Tatsächlichkeit jemals abzustreifen? - Bleiben wir bei diesem Grundvermögen. Die Motivation seiner Aktualisierung ist offensichtlich rein intern: Selbstausschreitung bis zur absoluten Selbstgrenze, Ausschreitung, die den Gesamtbestand des cogito, einschließlich der Pseudotranszendenz des Rückblicks, wachruft und das Jenseits (Nichts) als Erfüllung des also bewährten Diesseits (Sein) gebären macht - im Geiste. Die Ausschreitung in sich selbst hinein - diese so hohe und nimmer dispensierbare All-Tatsächlichkeit - unser unvermeidliches Thema.
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Scheinbar haben wir uns an diesem Haltepunkt gebührend entlastet, insofern es jetzt naheliegt - die anthropologisch interessierten Philosophen unter Ihnen sehen es schon -, die Vorarbeit der Philosophiegeschichte zu diesem Problem einvernehmlich zu bemühen. Wer kommt schon nicht bei dieser Grundfigur an, wenn er über das Wesen des Menschen nur angemessen nachdenkt: bei der Exzentrizität, dem Todestrieb usw. usw. usw., was ich eben Ausschreitung nenne. Suchen wir also, bevor wir uns historistisch baden und salben, besser Lücken im traditionellen Lehrbestand. - Beispielsweise die folgende: die Vermittlung fortgeschrittener naturwissenschaftlicher Hominisationstheorien mit den fortgeschrittenen phänomenologischen/ontologischen Recherchen diesbetreffend in der spinozistischen Hoffnung, daß res cogitans und res extensa im Unendlichen identisch seien. Ich selbst hätte nicht übel Lust, hier lange nachzusitzen. Vorerst aber sind wir noch gehalten, uns rein in der res cogitans fortzubewegen und weiter eben hier an der Ausschreitung, diesem geräumigen Allgefängnis, herumzurätseln. Wie dabei weiterkommen, wenn es überhaupt noch weiter gehen kann?
Setzen wir an einer möglichen Auflaßstelle wieder an: der Irritation, die davon ausgehen mag, daß der Gesamtkomplex Ich Schuld als ganze aus der Welt zu schaffen scheint. Sie entsinnen sich: das Überich/Es, der Opferpriester, besitzt die Gabe des tätigen Schuldspruchs, den es auf jegliche Dissidenz auszudehnen weiß. Die Masse der Schuld haftet ihm fungibel an, und es dosiert sie, projektiv, distributiv, in der Definition der Feinde, Opfer. Es ist selbst diese Anhaftung und ökonomische Abstoßung, Befallenmachen, und insofern - ob dieser essentiellen Äußerlichkeit - selbst von dem frei, was es disponiert; lauernd auf die Schuldspruchchance - auf dem qui vive wie die Polizei -, rein diese Disposition, uninfiziert vom Disponierten, eigentlich bloß Verwalter, sonst nichts. - Anders dagegen das Ich: prima vista die Paradoxie, die vordem bloß verwaltete Schuldmasse, in diesem Management aufgehend, substantiell in Besitz zu nehmen, sich intim zu eigen zu machen, ohne aber davon wie ein Feind, Opfer befallen zu sein. Wie aber geht das: Totalbefall als sein nachgerades Gegenteil? Den Grund dieser Paradoxie bildet der Umstand, daß der Tod der schuldigen, geopferten Feinde, die Leiche also, angeeignet wird - als Ich. Der Tod, der Gipfel von Schuld, tilgt diese auf diesem ihrem Gipfel zugleich restlos; die Leiche als der Schuldmoloch,
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die tödliche Unschuld des Ich. Notieren wir also das Überich als den kriegerischen Schuldverwalter angesichts lebendiger Feinde, und das Ich als den friedlichen Schuldbesitzer angesichts der getöteten Feinde; radikal entsühnende Kraft des schaffenden Todes, fühllos, dinghaft, entsubjektiviert, Leiche, tätig als Produktionsmittel. Man wird nicht sagen können, daß durch die spezifische Ichpermissivität des Grauens im Feld des fliehenden Blicks diese Rechnung nicht doch permanent aufginge. Nur-noch-Grauen, dieser letzte Restposten der Subjekt-, Cogitoevokation, hilft bloß dabei, sie zünftig zu begleichen. Andererseits aber leistet, das Grauen zu parieren, anders als durch Kriegs- und später auch blinde Friedensdienste, den Blick, Gedächtnis, Historie also behaupten, am anderen Ende doch wiederum nur dasselbe: die Reklamation dickster Glaswände - was ist schon progressiv ichhafter als Glas? - schafft produktionsanregend die Nachfrage nach Gedächtnismaschinen, die selbstverständlich, vorerst jedenfalls, Gedächtnis auf bloße Erinnerung herabdrücken und so gänzlich fortgeschritten ichkonform machen - tätige Historismus-Leichen, Schuldmoloche, Computer, Einschrumpfung des Ich zu memorialer Debilität, selbst nur noch essentiell Lebensrelikt der Maschinenhervorbringung. - Unter der Leitung der Ichpermissivität - vorab das höchste, das wir an parasitärer kleiner Dissidenz kennen, von der abzulassen wir uns zudem nicht, gleichwie, verordnen können (auch in dieser, wie man früher gesagt hat, existentiellen Hinsicht eine Fessel!) -, unter dieser Rißägide also entsteht die Aporie des widerwilligen Ichtributs, ob nun das Reminiszenzbewußtsein selber reißt oder den Riß als es selbst instauriert. Ubiquitär die Fänge des Ich; der absolute Herr geht pausenlos um; es gibt nur Gefechtspausen, aber mit Musik.
So weit sind wir zwar längst noch nicht, zumal nicht de facto noch hier im Denken, doch können wir jetzt schon mit science fiction ahnen, wohin das entfesselte Ich sich fortzubewegen vorhat. Ich nehme dies einen Augenblick lang vorweg, um die thematische Dimension der Schuldlogik im Ganzen zu überschlagen. Nun denn, am Ende steht das ontologische Eschaton, die totale Maschine, total in der totalen Hinsicht der Ausstandslosigkeit der ontologischen Lebenskopie, die Aufhebung des Vorbehalts der Götter als deren restlose Herabkunft; kein Imaginäres mehr als Imaginäres, und entsprechend
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die Überführung des Symbolischen in die des Überhangs ledige Realitätsmetamorphose des Imaginären, dessen komplette (Doppel)Realisierung. Der so allererst voll hergestellte Unendlichkeitsabgrund des schaffenden Todes, des Ich, auf seinem Absolutheitsgipfel gibt als der eine Teil erfüllter Menschhaftigkeit den anderen jenseits des unüberbrückbaren chorismos ob dieser Unüberbrückbarkeit frei: peremptorische Absterbung des alten cogito (alle Fäulnis ist draußen in alle Ewigkeit mumifiziert) als schrankenlose Emanzipation des Kopie-Vordings, der Materie: liquidisierte Menschhaftigkeit im haltenden Spiegel der Externalität des kompletten absoluten TodesIch jenseits des unendlichen Rahmens, des Ich, der Subjektivität, des Todes und aller Folgen daraus bleibend entledigt.
Schuldlogisch ist das ontologische Eschaton, das wir uns zu denken unterstehen, die Aufhebung der ontologischen Zentralkategorie Schuld. "Das ist Karfreitagszauber, Herr! ... da die entsündigte Natur heut ihren Unschuldstag erwirbt." (Parsifal, 3. Akt) Ewiger Karfreitagszauber. In der Tat: auf der einen Seite absorbiert die herrschaftliche Totalität des Todes-Ich, rein für sich als Aufhebung jeglichen Für-sich - die höchste Ehrung des absoluten Herrn, der in seiner unüberbietbaren Vorbehaltlichkeit sich zu ebenso unüberbietbarer Generösität herbeilassen kann - hier also absorbiert die Ich-Klimax die Gesamtheit der Schuldmasse; per definitionem kann nichts mehr übrig bleiben. Und dort, auf der anderen Seite, vermag dementsprechend dann keine Schuld mehr aufzukommen; eo ipso nicht, denn das absolute Ding-Ich jenseits des Abgrunds hat sie alle geschluckt: die Subjektivitätsabgetretenheit an die höchste Maschine als die Kraft immerwährender Exkulpation.
Unter der Bedingung, daß solches ontologische Eschaton kein Truggebilde sei, reproduzieren sich vertraute gattungsgeschichtliche Großinterpretamente. Unter den Vorzeichen dieses Eschatons - es sitzt uns (fast schon buchstäblich) in den Knochen - stellt sich jede Ichleistung, so wird sie schlicht auch erfahren, zumal Ichleistungen fortgeschritten maschineller Realexternalisierung, als erlösende Partizipation an diesen letzten Dingen, die Fülle der Tage, dar, und notwendig zugleich als neue Abstoßung des Schuldigwerdens. Die Theodizee dieser diachronischen Opfermühsal aber stellt sich
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darin her, daß es nichts geben kann, was schließlich nicht doch der endgültigen Etablierung der absoluten Differenz von Eros und Thanatos, zugleich außerdem der (eschatologischen) Geschlechtsdifferenz, zweckdienlich wäre. So unmäßig setzt sich die Opfer- und Schuldlogik, das Arbeitsethos ins Werk - in der Tat: Ausschreitung in Permanenz. Sie wissen es unterdessen ja: vorerst in aufgebrachter Bescheidung mußte ich mich selbst einsperren, um das grenzenlose Gefängnis geräumig finden zu können. Und meine Arbeit darin - gewiß doch, ich arbeite - geriet gar aus dem Zwielicht weiland des Verrats, als deutlicher wurde, daß meine besondere Gedächtniskultur sich als guter Provokationsgrund insbesondere für Erinnerungsmaschinen adaptiv retten lassen würde. Aber auch wenn ich bloß verräterisch geblieben wäre oder, vielleicht noch schlimmer, in der Anmaßung des Privateigentums am Produktionsmittel Leiche psychotisch kollabierte, gleichwie, die sodann erpreßte herbe Opferung meiner selbst zur Strafe wäre als Mosaikstein für den fortschreitenden Bau des Ichmolochs, der allein imstande, die Schuldmassen zu absorbieren und unschädlich zu machen, eben nicht aus dieser Welt gefallen. Also, großsprecherisch, so ist es eben um die condition humaine im Bann der Ontologie bestellt; und der grollenden Bescheidung widerfährt endlich gar Trost? Was wäre Schlimmes daran? Aber wir sind ja noch längst nicht am Ende unserer genealogischen Reise, und also darf ich weiterhin sagen, daß ich es noch nicht weiß.
Heute habe ich Ihnen genealogisch weiter berichtet über die ontologische Grundkategorie der Ausschreitung in schuldlogischer Hinsicht: das Ich als der schaffende Tod, das - ontologisches eschaton - die gesamte Schuldmasse absorbierte und menschliches Leben insgesamt als Vorzeitspiegelung in dieser Todeserfüllung entsühnte, wenn es ihm gelänge, dieses Leben restlos maschinell zu reproduzieren; Icheschaton der absoluten Differenz wechselseitiger Totalfreigabe des Differenten, Koexistenz von Göttern und Menschen auf Erden, peremptorische Unschuld im Angesicht peremptorischer (zu schwach ausgedrückt!) Schuldversteinerung. Schon partizipieren wir an dieser Ichunschuld eben auch in unserem genealogischen Tun als Glaswand: Genealogie - die Unschuldvitrine.
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III. Die Bruderschaft von Sein und Nichts
Wenn wir an diesem Haltepunkt genealogisch, ins tiefere Gedächtnis also, fortschreiten wollen, so müssen wir uns nicht zwar wie Krieger, doch wie Wissenschaftsexpeditoren rüsten. Ist die Glaswand dick genug und gleichwohl transparent? Und vor allem auch - im Inneren der Katakombe dasselbe in Grün - sind die Leichen derart konservierbar, daß sie Gestalt und Ausdruck, den Todessinn also, beibehalten, und nicht verfallen, veraschen und sich als Maschinenphönixe wiedergebären? Ja, wir halten den Fortschritt ephemer des nachts und träumend auf; erzwingen Gedächtnis, Lebensanschauung (immerhin) an der Leiche, enthalten uns der inneren Blendung durch die eschatoligisch-ontologischen Maschinenglückskinder, die von sich her als höchste Ausgeburten des Unbewußten ihre Herkunft doch mitnichten schaustellen (und wenn, dann nur als Trug?); Lebensanschauung, wohlgemerkt wie bildende Kunst, in der Anatomie, anders geht es noch nicht. Auch wenn wir nicht anders können, schlechterdings nicht anders, so sind wir doch des nicht kurzschlägigen, un-lauten ontologischen Sinns dessen versichert: Gedächtnis der Legion von Opfern, Requiem auf die Geschichte der Gattung, nicht im Stile wilder Anklage, nein, nur um den ganzen Ernst des Fortschritts auf der Basis solchen Leidensmaßes nicht leichtfertig zu versehen und zu verkennen. Ist der Kriegsreporter, dann der unzuverlässige Großargwöhner der Friedenssegnungen nun doch - gar nicht auf seine alten Tage - fromm geworden?
Das unvermeidliche Los der höheren Historie, die, von ihren auflauernden inneren Widersprüchen gereinigt, nicht mehr so tun kann, als ob sie den Wundern des gelobten Landes, wenn sie nicht ganz von sich selber abließe, nicht gar besonders gründlich, langatmig, subtil dient? Vielleicht. Aber wir müssen jetzt endlich einschlafen vor der Exodusfortsetzung morgen in der Frühe, um wirklich zu erfahren, ob es so ist.
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Gesteigerte Zumutung der Leichenschau vor dem Einschlafen. Monologion novum oder: die Stimme der Höhen spricht zu ihrem sperrigen Propheten.
Was siehst du?
Das Grauen, ferne, auch in sich selbst aufgehoben; Grauen nur am Sternenhimmel, platonische Idee, Bild dessen ohne Ausdruck, Natureinschluß; wie Schrift.
Lies!
Nein, warte. Ist die Vitrine sicher genug? Ich taste, höre klopfend die Unzerbrechlichkeit des Glases ab. Keine dünne Stelle, kein Riß. Du kannst also lesen.
Warte, noch einen Augenblick. Ich muß noch meine Brille putzen; du weißt, meine Augen sind nicht mehr ganz in Ordnung. Aber ja. Was siehst du?
Am liebsten möchte ich gar nichts sehen, will vielmehr an den Fortgang morgen denken.
Gut. Dann fotografiere doch die Leichenkammer. Hier ist dein Fotoapparat. Und laß genügend Bilder abziehen zum Verteilen. Vielleicht helfen dir die anderen hier mit?
Hm.
Aber nein, ich bin dir nicht gram. Sieh doch, wie deine berechtigte Angst die Wirtschaft belebt. Jetzt kaufen mehr Philosophen Derrida, Platon und Parmenides. Auch der Markt der bildenden Kunst gerät in größere Bewegung. Und erst die Glasproduktion und die optische Geräte-Industrie, und alles, was daran hängt. Aber die anderen haben noch mehr Angst.
(Um so besser; zwar nicht nur, aber auch...) Nein, ich habe nichts gesagt. Gewiß, du aber kannst ihnen mit gutem Beispiel vorangehen. Sie sind zwar nur eine verschwindende Zahl, aber ich brauche sie dringend.
Wozu eigentlich nur?
Das weißt du doch selber. Ubiquitäre Blindheit wäre von übel; denn dadurch würde die Sittenverwilderung total. Ich brauche deine Gedächtniskunst, der höheren Werte, des Ethos, des Ernstes wegen. Oder willst auch du verkommen?
Der Dienstbarkeit meiner höheren Kunst bin ich nimmer sicher. Was geschähe denn, wenn ich trotz des sicheren Glases, meiner guten Brille, meines Fotoapparats, der Milchglas-Historismushilfe der gesamten Philosophiegeschichte und nicht zuletzt der wirklichen Weggenossen, die mit Sicherheit für interne demokratische Kontrolle, die Fesselung meiner Prophetie schlechthin, sorgen - wenn ich trotz alledem die Saat des Aufstands säte.
Auch das weißt du selber. Du hast doch den großen Krieg noch erlebt. Du kennst die Psychiatrie von innen und außen und dich selbst in dieser Selbstecke, deine Selbstunbestechlichkeit, mit der du dich selber zu wahren verstehst, zumal. Was zögerst du? Lies!
Mein Gott, warum bin ich kein ordinärer Schulmeister, kein Ingenieur oder Volkswirt? Oder, wenn schon, wenigstens ein Philosoph, der an dieser Produktion blind nur schmarotzt... Oder wenigstens ein Philosoph wie die Anti-ödipus-Philosophen, die, indem sie gar mit der molekularen Ordnung befaßt sind, gleichwohl fasziniert nach vorwärts blicken können? Was soll mir die Last der Gedächtnisobligation? Geht es doch jedem anderen Philosophen -auch vorher, dem Adorno, dem Lacan -besser?
Darauf mußt du dir nun aber wirklich selber die Antwort geben. Wir vertun so nur deine Zeit.
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Ich bin zwar längst schon eingeschlafen, meine jetzt aber erst einzuschlafen. Lange nichts. Und dann beginne ich meinen Auftrag in Ruhe auszuführen. - Was sehe ich? Kategorial zunächst noch vage qualifiziert und der verfänglichen Statik des Blickobjekts Leiche botmäßig, die irritierende Vermischung von Konträrem an diesem Ichmanifest: Inbegriff von Schuld und deren Aufhebung zugleich; Inbegriff von Sanktion und Entsühntheit in einem. Sucht man nun in diesem Taumel nach dem haltenden Dritten, um diesen Taumelstatus mit seinem seltsamen Gegensatz zur Starre (außerdem wie eine verdrückte Antezipation des Ontologie-Eschatons: Taumel und Totenstarre) bestimmbar zu machen, so kommt memorial komplettierende, im groben totalisierende Bewegegung, also Denken auf, und zwar dynamisiert sich die Kontrarietäts-Kontamination Leiche - also am Leitfaden ihres geblickten Zwielichts in sich in Bewegung gesetzt, gedacht - zum Prozeß des schaffenden Übergangs selber, der Vermittlung von Leben und Tod, in sich bezweckt, teleologisiert von der absoluten Differenz beider als beider Versöhnungseschaton, auf den Fortschrittsweg geschickt, geopfertes Leben durch diesen Tod progredient zu bereichern, es im Spiegel dieses seines Kontrariums in seine Wesensrechte einzusetzen; kurzum also zum Prozeß des Opfers, der Ausschreitung, wie wir diesen einführend nannten, des reinen Verschwindens.
Schauen wir zurück: wie war es uns vergönnt, vom lange gescheuten Ausgangspunkt aus zu dieser denkenden Genealogietotalisierung zu kommen? Es ist unvermeidlich einzubeziehen, daß die denkhinderliche Erstarrungsfixation selber fundierendes Denk- (und überhaupt Produktions)Element sei. Als solches - die festgehaltene und isolierte Vermittlung - trägt es die Aufhebung des Widerspruchssatzes an,
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jenes Skandalon der Dialektik, das just nur an dieser Stelle der herausgebrochenen Vermittlung, des Opfers an sich, genuin Platz nimmt: unerträglich widersinnige eingefrorene Bewegung, die ihr eignes Auftauen, die produtkive Bereinigung ihrer Widersprüchlichkeit - memorial, denkend hier - aus sich selber motiviert. Der Vermittlungsprozeß rein als entbundener Prozeß erschafft die Rechtsame der formalen Logik (des Widerspruchssatzes) und ist darin eo ipso deren Herrschaft enthoben; das Resultat hingegen muß ihr, wenn es überhaupt Resultat sein will, als ganzes untertan sein; einzig die herausgebrochene festgestellte Vermittlung wirft diese Herrschaft insgesamt ab. Sie ist die Spaltung und also der ontologische Produktionsgrund selber: sich zerreißendes Leben als Erzeugung des wachsenden Todes zum Zweck, in dessen absolutem Wachstum sich selbst dann unzerrissen zu befreien.
Wir hatten also in unserer höheren Historie gar keine andere Wahl, als bei der Leiche hinter der dicken Glaswand anzusetzen; einzig die genealogische Gewalttat dieses Anblicks, auf den wir uns ja auch lange vorbereiten mußten, gibt, wenngleich immer noch äußerst oberflächlich, den Produktionsgrund selber her: sistierte Vermittlung als schize, der universelle Produzent, in seinem Anblick zuhöchst am Werke; Dialektikinbegriff Leiche, deren Zerfall als Ontologie(ding)erzeugung, Geist, Maschine, mit ständigem Imperfekt-Ausstand, bis schließlich... Ist jetzt das Grauen dahin?
Schwerlich, nur verteilt, indem sich die herausgebrochene Vermittlung in ihrem Inneren memorial in Bewegung setzt und zudem - eine schonende Ichschicht auf dieser Dynamik, nicht Glas, vielmehr Glasur - sich im Allgemeinen (Hegelscher) Philosophie weitgehend zurückhält. Etwas mehr Naheinstellung also bitte!
Zunächst aber noch im Großen. Genealogisch differenzierbar sind diese drei Bestimmungen, die Ontologie, Hominität, letztfaktisch festlegen:
- verschwindende Naturvorgabe,
- deren währende Dingdoublette, in deren Spiegel sich die Naturvorgabe restituiert,
- dem selbst äußerlich scheinende Aufgefaßtheit (cogito) dessen.
Letztere Bestimmung scheint indessen so windschief. Zugegeben auch:
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das cogito ist nicht in der herausgebrochenen Vermittlung als solcher, der, wie wir dies ausdrückten, Leiche; auch nicht im für sich genommenen Resultat, dem externalisierten Ontologie-Ding, gleichwelchen Maschinen, den tätigen Todeskindern. Gleichwohl aber fungieren die cogito-Korrespondenzen dazu nicht zwar als Erzeugungsgründe, doch als notwendige Horizontbedingungen dieser cogito-Entzugstopoi: die entropische cogito-Konzentration des Grauens (der herausgebrochenen Vermittlung entsprechend); das Abglanzgefühl der Maschinenfreiheit, tout court: das Ich, das göttliche Lächeln auf dem Antlitz des Todes (dem Resultat Ontologieding entsprechend). - Und mehr noch: Aufriß, Absprengung, die Ausschreitung insgesamt erfüllt sich zwar nicht, doch wird kongenial den Spitzen der Ontologie-Dinge in der Blick-Auffaßbarkeit dieses Ganzen von cogito-Korrespondenz zum cogito-Entzug im Horizont von jener, eben als Memorial mit diesem Stoff, in welchem Verhältnis, stillgelegt und in sich selbst hineingebildet, sich dieser Stoff, cogito-Korrespondenz zum cogito-Entzug, unhintergehbar reproduziert.
Nochmals: wo befindet sich das cogito, wo nicht? Sicher hier, in der Totalität jenes Äthers, des Gedächtnisblicks, der theoria, bis zur Unsterblichkeit der Seele, dem Deplazement von Aufriß, Absprengung, Ausschreitung am cogito selber, inflationiert; dem quid pro quo des accompagnato der Aufgefaßtheit - die, wenn sie ist, nicht auch zugleich auch nicht nicht sein kann - mit dem Produktionsgrund selber, dies als Abhub der Gedächtnissicht (befriedetes Glasintermezzo) vom peremptorisch erblindeten Vergangenen (der Leiche hinter dem Glas). Sicher auch in den genannten affektiven (versus theoretischen) Korrespondenzen, denen des Grauens sowohl wie der Maschinenfreiheitsfühlung, deren objektive Korrelate, die angehaltene und die bewegte Vermittlung (die Leiche und die zerfallende Leiche), den vollen Entzug dessen implizieren, was sich als Horizont affektioniert und lückenlos um sie selber legt - eben das cogito - und das sich in diesem seinen Horizontcharakter über die Affektionen hinaus theoretisch (konsumatorisch-reduktiv) zu emanzipieren imstande scheint. Sehen Sie, wir sind wiederum bei unserem memorialen Metier angelangt, dessen ganze Kunst darin besteht, Vermittlung zu sistieren und die Opferungskraft des Vermittlungsinbegriffs Leiche nicht in die Ontologie-Ding-Produktion, vielmehr in die gläserne (Hyper) Horizontbildung des Gedächtnisses (inneren Sinns) abzuleiten, in dem
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dann das Ganze des Ontologiearkanums - so hoffen wir - eingekapselt vergangen revue passieren können wird. Sehen Sie das Bild, das wir memorial sind? Bisher: Blick - Ich-Horizont mit Sichtabsorption auf die innere Horizontentzogenheit der Verdichtung von herausgebrochener Vermittlung und des Vermittlungsresultats, einschließlich des Imperfekts der Affektionen.
Kann es Wunder nehmen, daß die Okkupation des cogitos durch das Gedächtnis die Inflation jenes Horizontcharakters zum ontologischen Produktionsgrund selber, Unsterblichkeit, Kongenialität mit dem absoluten Herrn, aufdrängt? Sehen wir aber voraus auf das ontologische eschaton, so bleibt von diesem theoretischen cogito-Gipfel, wenn ich recht sehe, nichts mehr übrig; er verschwindet in der Erfüllung der Vermittlungsresultate, in der die Vermittlung bleibend festgehalten ist, den Endzeitmaschinen als den rückstandslos herabgekommenen Göttern; gibt seine höhere exemplarische nach innen durchgreifende memoriale Abständigkeit an die absolute Ding-Spiegelung des versöhnten Todes, der absoluten Rückerstattung dessen (nur-noch-gesehenwerden) versichert, anheim und gewinnt sich also in der Affektionspositivität von Lust (ich weiß noch keinen besseren Ausdruck) versus Grauen und versus das große Freiheitsgefühl opferlos, exkulpiert, entsühnt, uneingeschränkt zurück. Das hieße aber, daß die cogitoInflation der Unsterblichkeit der Seele, diese Hypertrophie von Gedächtnis, die bis in die Anfänge der Ontologie zurückreicht - das sage ich auf die Gefahr hin, dem Vorurteil des theoria-Privilegs von Hominität des intellektuellen Menschen, Philosophen, aufzusitzen - daß diese cogito-Wucherung vielleicht der kulminative Modus der Verhinderung der absoluten Differenz zugleich als des kulminativen Movens ihrer Herstellung ausmacht? Noch genaueres können wir darüber wissen, wenn wir Kenntnisse hätten von der unvermeidlichen Theoriebeteiligung an der Ontologie-Ding-Produktion, Beteiligung, die über die schon markierte Einlaßstelle Glasproduktion usw. hinausginge und das Vitrineninnere, eben auf der Grundlage, daß es sich dort memorial schon befindet, in diachronischem Progreß miterfaßte. Gehen wir noch einen Schritt weiter in diesen Überlegungen, die von einer äußersten philosophischen Tragweite sind. Man müßte wohl die vertraute Zwiespältigkeit dieses ontologischen cogito-Gebrauchs, die Theorieschöpfung, emphatisch, als der Ontologie natürlichen
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Idealismus ansehen: Idealismus als Verwechslung des inneren Sichthorizonts, der zugegeben die meiste Ich-Virtualität mit sich führt, also dieses seltsamen Ontologie-Elements, das es, wie das cogito überhaupt und doch a fortiori an sich hat, wenn dann exklusiv zu existieren - als Verwechslung also dieses Horizonts mit dem ontologischen Produktionsgrund, dem dafür einschlägigen Prozeß, der Ausschreitung selber. Ein alter Hut, den ich mir damit aufsetze; solcher - in seiner Funktionalität dann doch nicht mehr gar so leicht durchschaubarer Idealismus - tabuisiert die Frage nach der Ableitung des cogito aus dem "Geist der Ontologie" - idealistisch die unmögliche Frage, die der Materialismus zwar stellen muß, doch nicht weniger nicht beantwortet, indem er die Mystik des Hervorgangs der Aufgefaßtheit (des cogito) aus den Auffassungssujets, der letztfaktischen Abstraktion eines Substrats der verschwindenden Naturvorgabe, supponiert.
Wir kommen hier wiederum schlecht weiter. Will unser genealogischer Traum zerfallen? Ist dies denn fürs erste nicht genug? Wir stehen doch nicht in der Gefahr, den Produktionsgrund als Gedächtnis-cogito zu usurpieren; uns memorial so beladen, überbeladen, abzutrennen von dem, ohne das der Horizont gar keiner wäre: was drinnen ist nämlich. Nicht auch in der Gefahr, daß sich - was wunderts? - die idealistische Dinghaftigkeit des memorialen cogito als materialistische Insinuation rächt: Bedrängnis des Grauens (oder wie differentiell zu nennen?) im cogito also selber, schleunigst stolz materialistisch so nur zu beheben, daß diesem Ding allein die Ehre des letzten Ursprungs widerfährt. Oder geraten auch wir, unbeschadet dieser Freiheit, ins Delirium, zu höchst allererst philosophisch zu fragen, warum etwas sei und nicht vielmehr nichts? Just doch an der Stelle, ja genau hier, wo immanent memorial die Entropie des cogito selber einsetzt; unvermeidlicherweise auch ohne Idealismus und Materialismus, Prätention und folgende Sühne. Wir müssen uns gar nicht darein etwa schicken, insofern wir uns memorial hier in Bewegung gesetzt erfahren einzig durch die Ausschreitung, eben hier. Also gehen wir an dieser Stelle unserer unvermeidlichen Wahl ein in den Hominitätssinn selber, jetzt expressis verbis dessen derart vergewissert, daß wir den genealogischen Traum wie die Lösung einer Aufgabe beschliessen und aufwachen können. Auch das Gedächtnis-cogito, eben es muß
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ständig wiedergeboren werden.
Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Diese große ontologische Ausgangsfrage gehört demnach also doch zu den beantwortbaren Fragen, beantwortbar jedenfalls im hier eingenommenen Raum des memorialen cogitos, anderswo aber nicht minder? Die einsetzende Frage: warum... korrespondiert dem Abfang der einsetzenden Entropie der cogito-Konzentration an diesem selbst: das zu Sein bestimmte, bereite cogito begibt sich auf den unabdingbaren Weg der Ausschreitung, nähert die absolute Grenze seiner selbst, sieht, spürt sich befallen von diesem Jenseits, das sich in ihm verliert, um es gerissen zurückzulassen: Fremdheit des eigenen actus an der Ding-Grenze, seines Entzugs. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts - der cogito-Entzug, dies notwendige Element der Ausschreitung, cogito-Geburt, läßt diese Entzogenheit als Charakter des Unheimlichen (schwerlich nur des Staunenerregenden) aufs cogito selbst zurückfallen, das in diesem Spaltungszustand, der festgehaltenen Vermittlung, als es selber, auf sich bezogen, sich als die ontologische Grundfrage, vorerst die Spaltung haltende Frage, auffängt. Die ephemere Grundlosigkeit des Seins als die ephemere Hypostasierung der Vermittlung; hier das cogito, das im Geburtskanal steckenbleibt, epileptische Aura ums Gedächtnis. Man wird, aufgepaßt, nicht sagen können (oder nur um den Preis eines blinden Schaukelns zwischen Idealismus und Materialismus), das cogito sei die Vermittlung schlechthin; nein, überhaupt nicht; "Vermittlung" ist es nur im eigenen Rahmen des Gedächtnis-cogitos selbst in actu, wie hier. Und diese Verhältnisse sind nur insofern noch in einer anderen Dimension nicht befriedigend erfaßt, als der Funktionsstatus von Theorie noch keine rechten Konturen aufweisen kann. - Nochmals: die berühmte Frage signalisiert hier die Abgründigkeit des memorialen cogito auf dem Weg seiner Hervorbringung, indem es an seiner Begehbarkeitsgrenze innehält und sich eben in diesem Aufenthalt als gebrochen erfährt. In diesem Riß, der Spaltung, aber, und sonstwo nirgends, bahnt sich die Antwort an, ernsthaft die Antwort: warum ist etwas und nicht vielmehr nichts? Damit etwas sei und nicht vielmehr nichts.
Nun, insofern ich mich gegen Tiefsinn resistent weiß, kann ich ohne innere Unkosten zudem sagen, daß es jedem vergönnt sei, solche Antworten subjektiv als närrisch und objektiv als tautologisch zu
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disqualifizieren. Mag also jeder, ad libitum, das "Warum" entteleologisierend der kreisenden Sichtbarkeit der ontologischen Produktionsbewegung im Gedächtnis zu entziehen suchen und ordentlich -dann aber als Kausalitätsinbegriff - derselben Produktion, nur daß sie blind und hervorbringend vonstatten geht, zurückgeben müssen; den Gedächtnisadepten der Unlogik des Betrugs, der Geheimnistuerei schelten, so ist es doch nur das alte Grauen, das er sinnvoll so meidet, auch wenn es ihm selbst oft auf dem Gesicht buchstäblich geschrieben steht; auch dient er mit Haut und Haaren ganz demselben - und freilich hat er vom Gedächtnis just in seinem Ressentiment dagegen keine Ahnung. - Wie also sind - gegen die Selbsteinsperrung höherer Philosophie gewendet - Theorie, Gedächtnis und Produktion, zumal deren Spitzen, miteinander verknüpft? Sie haben längst schon bemerkt, daß ich Begriffe oft wie Dinge einführe: dies hat eben den Sinn, die Mauern um die Philosophie herum abzureißen. (Selbst schon ein wesentliches Stück der Verknüpfung von Theorie und Produktion?)
Schauen wir wieder zurück. Es war wohl dringend erforderlich, den Genealogieposten derart auszubauen, um überhaupt in ihm verweilen zu können. Darauf müssen wir uns vorbereiten: wir werden hier gewährlos bleiben und so viel wie möglich denkend tun müssen. Unterdessen aber rückt der Exodus horizontal dem gelobten Land zu langsam weiter; und auch darauf müssen wir in unserer Historie-Sänfte, vertikale Monumentetürme und -schächte bauend, freilich achten müssen; und noch können wir mit diesen beileibe nicht zufrieden sein. Was haben wir eben getan? Weniger oder überhaupt nicht weitergebaut, doch uns der baulichen Potenz vergewissert. Wäre dies nicht geschehen, so würden wir nicht weiterbauen können. Die Zertifikation dieses Vermögens aber bestand in der Hingabe an die Ausschreitung, darauf bezogen selbst, ohne die sich Genealogie vermittlungssistierend paralysierte, in der Spaltung steckenbleiben machte, nur noch die berühmte Wahnsinnsfrage stellte und nicht sich in ihre einfache Antwort produktiv hinein fortbewegte. Was hätte der allgegenwärtige Geist der Ontologie in diesem Fall der Blockade getan? Er hätte die ganze Historiesänfte in die Psychiatrie relegiert, dieser harten Opferstätte, dieser Schuldschluckmaschine nur (oder fast nur) zum Vorteil des allgemeinen Ich, eingemeindet. So aber, um nicht bei unseren Metaphern, vielmehr Dingen zu bleiben - und damit sind wir
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förmlich geschlagen -, so aber ist es uns gelungen, jene ontologiegemäße Dispositionsform in unserem eigenen Tun expressis verbis zu vollziehen, die das Gedächtniscogito nicht mehr wie eine statische Dauervorgabe annimmt, vielmehr in gebärende Bewegung versetzt, und zwar als ganzes, über den produktionsanregenden Abwurf der betreffenden Ichanteile - Glaswände usw. - hinaus: die herausgebrochene ruhene Vermittlung als unheimliche Schwärzung, Undurchsichtigkeit des Vitrinenglases (die Leichenäquivalenz im Gedächtnis-cogito als solchem); die tätige Vermittlung und ihre -resultate die wiederhergestellte Transparenz mit voller Sicht aufs Innere dieser Leichenkammer (dem Ontologie-Ding/Maschinenäquivalent ebendort), mit dem wir uns jetzt weiter beschäftigen müssen. Dürfen wir hoffen, daß wir dies trotz des Unwillens, der Sperrigkeiten, der Kautelen, der Instrumenten- und Vermögensüberprüfungen a priori können werden?
Heute versuche ich, Ihnen wiederum fortgeschritten genealogisch Bericht zu erstatten über die Intimität der Ausschreitung selber und deren notwendigen Rückschlag auf den inneren Historie-Blick, das Gedächtnis. Läßt sich die Blicksperre öffnen, so irritiert die aufgehaltene herausgebrochene Vermittlung (Leiche -hinter Glas), in der die Spaltung als ontologisches Produktionsmovens aufgeht. Setzt sich dieses durch, erzeugt die also losgelassene Vermittlung (die zerfallende Leiche -hinter Glas) die Ontologiedinge, Maschinen. Der Vermittlungsaufenthalt schlägt ebenso ins Gedächtnis-cogito zurück wie der Vermittlungsfortgang, in welchem Prozeß dieses sich seiner memorialen Befähigung versichert (Schwärzung der Glaswand versus deren Aufhellung - ja Überflüssigkeit?). Die ontologische Grundfrage also, die sich nicht zuletzt auch am Gedächtnis-cogito beantwortet: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Damit etwas sei und nicht vielmehr nichts.
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IV. Die Todesstrafe und der Sex mit Geist
Anscheinend haben wir, orthodox psychoanalytisch ausgedrückt, vor lauter Narzißmusproblembäumen den Wald des rauschenden Triebs nicht mehr sehen, geschweige denn spüren können? So scheint es. Doch alle Prärogativemeinungen hier hängen immer noch an der Natürlichkeitsverfälschung, der letztlich biologistischen, von Sexualität schädlich fest, so als könne es, wider alle Erfahrungen, keine Passion des Glases und seiner Memorialitätsgeburtsgeschicke geben, und dies gar nicht im engeren Sinne sexuell.
Künftig muß ich Ihnen noch mehr zumuten, vor der Vermittlungshypostase zu verweilen, damit wir genealogisch vertikal im Gedächtnis fortgehen können. Ich werde Sie also hier festzuhalten genötigt sein, sonst nämlich entschwinden wir in Produktionsreminiszenz gegengenealogisch im Übergang der losgelassenen Vermittlung und deren Friedensresultate, den Maschinen, der Ich-Objektivität. Wie nicht zuletzt am Anti-ödipus studierbar ( wir führen eine Bibliothek im Exodus mit), fällt der Sog von daher mächtig aus, kein Wunder. Und wir werden dann nur widerstehen können, wenn es uns abermals gelingt, von daher Ichmasse zu borgen, um die Glaswand sicher und brauchbar zu halten.
Wir stellten an der herausgebrochenen, festgehaltenen, hypostasierten Vermittlung, der konservierten Leiche hinter Glas, die unerträgliche Zwieschlächtigkeit totaler Schuld und totaler Exkulpation, radikaler Sanktion und radikalen Freispruchs, erfüllter Freiheit und letzter Selbstvernichtung fest. Wie wir uns dieser Verlegenheit, gelinge gesagt, entwinden können und müssen, das wissen wir unterdessen zwar; nicht aber wissen wir schon (oder höchstens beiläufig, rhapsodisch), was denn der präzise Gehalt dieses ultimativen Schuldverdikts sei, dessen in es selbst schon eingebildete Vollstrecktheit (und zumal dessen -Metamorphose ins Ich des schaffenden Todes, dessen die Vollstrecktheit mit sich führender Befreiungscharakter in dieser Grundinversion) allzu leicht diese einfache Frage aussetzen macht.
Wie also lautet der Schuldvorwurf seinem Inhalte nach? Nur hier, um es nochmals zu sagen, gibt sich dieser Inhalt der Erfaßbarkeit preis; nur hier kann gründliche Philosophie passieren. Sobald
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hingegen die Leiche gebührend zerfällt und die Maschinen glücklich geboren sind, ziehen sich die Wellen der Schuld in diesen ihren Absorptionsmoloch zurück und machen uns zum Schaden des Weiterdenkens so nicht mehr erzittern. Doch mit dem Erzittern allein ist es mitnichten getan. Entsinnen wir uns: die Leiche muß - unser notwendiger memorialer Ichfrieden an Exkulpation - konservierbar sein, das Schutzglas dick genug und transparent gleichwohl, und der Blick wie ein Fotoapparat, der Großaufnahmen hindurch verstattet; und dies Ganze darf zudem nicht im Museum stattfinden, wo es nicht stattfinden kann (oder, wenn, in einem Unmuseum, das als solches in regelmäßigen Abständen von den Toten aufersteht und sich selbst als Gespenst umgehen macht).
Die Schuld besteht darin, was der Leiche mit ihrem besagten Drum und Dran in Nahaufnahme auf dem Gesicht geschrieben steht: Autarkie, "mit dem Tode bestraft". Sie bemerken, methodologisch, daß der genealogische Fortgang an solchen entscheidenden Stellen die Erzeugung eines Gespensterwesens erfordert, in dem Monumentresultate (wie der an einer abschließenden Stelle festgehaltene und dann wieder freigegebene Kurs von Filmbildern, rückwärtslaufen gelassen) die eigene Entstehungsgeschichte bewegt zu erzählen beginnen, und zwar memorial, im "inneren Sinn", einzig Kategorien schaffend, doch wie es scheint, an keiner heterogenen Instanz überprüfbar, rückgebunden zwar an Faktizitäten gewirkter kategorialer Unterschiede, jedoch als deren Konstitution, nicht umgekehrt Falsifikationsvorgabe. Freilich müssen wir diese wunderbare Gedächtniskunst nicht nur praktizieren, vielmehr ihr nicht weniger methodologisch auf der Spur bleiben - vielleicht dabei auch so, daß wir die memorialen Nachäffungen des "äußeren Sinns", wie eben in der Filmanalogie angedeutet, als Leitfaden in dies so sehr unbekannte Gedächtnisterrain hinein verwenden? Allein, wenn wir den inneren Weg zu gehen nicht imstande sind, werden wir auch nichts Verbindliches über diesen selber ausmachen, keine Wegkarte zu Hause anlegen können. Was also bedeutet Autarkie, mit dem Tode bestraft, als Inbegriff von Schuld, festgeschrieben auf dem Antlitz der - konservierten, hinter Glas in Großaufnahme fotografierten - Leiche? - Sie bemerken selbst wohl auch, wie unbegangen dieser innere Weg noch ist, wieviel herrische Ichblöcke selbst ihre bloße Gespensterbelebung verweigern. Also müssen wir mit etwas Gewalt diese Schrift nicht eigentlich entziffern, vielmehr in einer
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Art von spiritistischer Regie entschriften; beginnen wir also wieder einschlägig zu träumen.
Da löst sich dreierlei voneinander ab:
- das Nichts des bloßen Kraftpunkts einer Doppelattraktion und Kohärenz des Attrahierten,
- die verzehrende Kraft des reinen Funktionierens, aufzehrende Formpotenz,
- die Opferwilligkeit der reinen Vollstreckungsvorgabe, aufzuzehrender Stoff:
die starre Sinnenfälligkeit des Übergangs, festgestellt im geringsten Augenblick vor ihrem Zerfall. Und der Zerfall: der Nichtspunkt der Doppelattraktion usw. büßt seine Attraktions- und Kohärierungskraft peremptorisch ein - von innen gesprochen hört im gleichen Maße wie e contrario die Aufgefaßtheit, cogito als Un-erfahrung ihrer selbst mutmaßlich auf - und gibt die angezogenen und ineinandergebildeten Größen - Form und Stoff, Funktionalität und deren Vollzugsvorwurf Materie - als divergente, auseinanderfahrende frei; so daß restiert der vom in den Himmel aufgefahrenen Geist verlassene, also tote Stoff. Und wieder von innen gesprochen: ça ne va pas, oder nur unter der Bedingung, daß die Form, Funktionalität, identisch mit der Aufgefaßtheit, cogito, selbst die Attraktions- und Kohärenzkraft ausmacht; so daß man behaupten könnte, allerdings vorgreifend gesprochen, daß der in den Himmel aufgefahrene Geist die Attraktions- und Kohärenzkraft mitsamt der Aufgefaßtheit, cogito, die diese Kraft selber sei, nicht nur mitnimmt, sondern allererst so recht freisetzt, insofern er eben dies Ganze rein selber ist: Unsterblichkeit der Seele, Himmel versus Hades.
Wir konnten uns vordem ja schon nicht dazu entschließen, das cogito als das Vermittlungsorgan schlechthin geltend zu machen, und ebenso, jedenfalls implizite, nicht (so schön dies auch zu sein scheint), den absoluten Herrn derart auf Du und Du mit seinen Knechten post holocaustum zu stellen. Fehlt es uns hier noch an Frömmigkeit, höherer ontologischer Einsicht, Widerspruchsfreiheit der eigenen Theorie, das Christentum nämlich nicht als entscheidende Fortschrittsetappe anzuerkennen? Schwerlich; denn, zunächst von außen betrachtet, scheint das Christentum allererst durch Beimischungen von Antike so recht im modernen Verstande produktiv-geworden zu sein (Renaissance, Humanismus); und, dasselbe nun als Anflug eines genealogischen
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Arguments zum Wesen des Bürgergeistes: allein die Restauration der ganzen Strenge des Todesvorbehalts, notwendig dann verknüpft mit der Zurechtweisung des cogito, nur memorial für sich selbst Vermittlungsorgan und nicht schlechthin ein solches zu sein, kurzum also die Tradition des bürgerlichen Materialismus, emanzipiert in dem notorischen immanent notwendigen Maße die Progreß-Potenzen von Ontologie/Rationalität, und kurzum: in dieser Tradition stehen wir, schlechterdings in keiner anderen. Das heißt aber, um sogleich auf den verlassenen Genealogieort zurückzukommen: wir können nicht umhin, Autarkie, mit dem Tode bestraft, unseren einzigen genealogischen Ariadnefaden, diesseitig, säkular, materialistisch so zu denken, daß der entfliehende Geist leider mehr besagt denn das emanzipierte cogito als universelle Opferkraft der produktiven Kohärenz seiner selbst und des Stoffes; und ebenso, daß der Stoff entschieden mehr ist denn diese seine abstrakte Hinterlassenheit und schließlich gar sein abstraktes Verschwinden; und daß wir so zwar mehr an Langzeitqualen, doch auch ein längeres Leben auf uns nehmen. Autarkie, mit dem Tode bestraft, zwar mit vollem Gewicht, doch deshalb an dieser Stelle introjizierter Ontologieevolution allein befreiend?
Der Schuldinbegriff Autarkie - mit dem Tode bestraft restlos entsühnt und als unschuldiges ontologisches Produktionsfundament, Ich, disponiert - macht sich schuldig ob des parasitären Wesens der Attraktion und Kohärierung von Form und Stoff, die darin das Opferverhältnis der Aufzehung dieses durch jene, wie es scheint einvernehmlich, eingehen. Und nur wenn dieses parasitäre Wesen sich der Höchststrafe dafür preiszugeben bereit sein kann, wird ihm - Geburt der gnädigen Götter - der Vorzug zuteil, im Jenseits abgegoltener Gerichtsbarkeit an den Früchten des schaffenden Todes, desselben Opfers nur im Totenreich auf Erden, vielfältig zu partizipieren, und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt, doch in wechselnden Graden und freilich immer noch nach dem - schwindenden? - "Recht der Ungleichheit".
Den Inbegriff von Schuld, Autarkie, das Parasitäre des Doppelopfers ungleicher Opfergaben (Form und Stoff), deren Sühne im Aufgefaßtheits-, Cogitoentzug, in der Einrichtung des schaffenden Todes der Göttergeburt, der Leidensfreiheit Desselben, besteht, woran zu partizipieren - bis zum angeführten eschaton restloser Herabkunft
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der Götter der absoluten Differenz der vollendeten Lebensfühlbarkeit und des vollendeten Todes - das Opfertelos ausmacht - diesen Schuldinbegriff Autarkie mit seinem Wesensdifferential, dem cogito haben wir sogleich naturphilosophisch formuliert, und dies, wie es den Anschein haben muß, in obsolet aristotelisch-scholastischen Begriffen, selbst ohne deren inneren Differenzierungsstandard miteinzubringen. Gewiß. Wenn schon, bedürfte es weniger dieses historisch immanenten Differenzierungsnachtrags als des vollen Anschlusses an die längst erreichte Wissenschaftlichkeit dieser Verhältnisse, die große Fehlanzeige zeitgenössischer Philosophie. Dies wissend, habe ich mich dennoch diesem höhere Dilettantismen mit sich führenden Zug des Denkens genealogisch überlassen, allein zu dem Zweck, mich dessen nochmals zu vergewissern, daß ontologische Produktion, zumal wissenschaftliche, über die Dingwerdung von Begriffen, das ontologiegemäße Sesam-öffne-dich, vonstatten geht. Daß ich dabei bald aber an eine Grenze stieß, reduziert sich auf die Erfahrung eines wohl vorläufigen Produktionsmangels in einem ja bislang fremd gebliebenen Produktionsbereich. Notieren wir hier auch den möglichen Seitenweg, daß die aktuelle Apologie dieses Einbruchs der "Wortvorstellung" ein reichhaltiges Aussehen gewonnen hat; man entsinne sich nur der neueren Archäologie- und Energetismusphilosophie.
Sinnvollerweise sollten wir demnach diesen, wie es scheint, höchsten Schutzweg ohne Umschweife in die Todesgöttlichkeit der Maschinen hinein nicht forcieren wollen, vielmehr, und sei es um den Preis lästiger Erhaltung von Schuld- und damit eo ipso Cogitofelder (und damit auch die Querstellung des Gedächtnis-cogitos zur direkten Selbstüberlassung an die Ontologieproduktion bereinigend), in dieser Zwischenstation unserer Wahl die überfälligen Begriffe der Parasitautarkie-Schuld und -sühne neu formulieren.
Als Rahmengesetzmäßigkeit zeichnet sich deutlich und einfach schon ab, daß die Chancen der Partizipation an den Göttern dem Schuld- und (aktiv wie passiv) Opferzuwachs proportional sind. Hominität/Ontologie sieht sich also auf diese Exodusreise der Restitution der Fleischtöpfe Ägyptens als gelobtes Land, dem in sich kreisenden Stillstand von Erfüllung im Spiegel der also gebannten vollendeten Wüste der Route dazwischen, geschickt. Worin also bestehen die Opfergaben Form und Stoff, fühlbar wiederum gemacht gemäß der Fühlbarkeit, Cogitionalität, dieser großen Reise?
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Wir sind jetzt an einer genealogischen Stelle angekommen, in der wir uns im Vorgriff ständig zu bewegen pflegten, oft jedoch, wohl mit zum Schaden ihrer angemessenen Rezeption, noch ohne rechte Kontextkonturen und -haltepunkte: wo die Einführung der Sexualität, um das aufkommende Phänomen mit den unklarsten aller Begriffe beim Wort zu nehmen, spruchreif wird. Markieren wir nochmals den Einlaßort: wo wird Sexualität ontologisch, ontologiegenealogisch (nicht anders) spruchreif? In der Anmahnung, daß wir uns noch auf der Reise befinden; dort wo die ganze Fühlbarkeit von parasitärer Autarkie-Schuld, Opfer, Sühne noch Gedächtnisbahnen vorzuzeichnen imstande scheint; wo überhaupt noch ein Rest von temporalem Nachhall aufkommt; in der - einschrumpfenden? - Leidensmasse von Eros, soweit er noch nicht in den schaffenden Tod seiner eigenen entsühnten Freigabe transfiguriert ist. Aller dummsten fama entgegen - wer es mit der Sexualität, und dies gar noch theoretisch und im Sinne der Psychoanalyse, hat, weist sich damit als kein anderer aus als der, der an Intellektualität, Gedächtnis, Genealogie festzuhalten nicht umhin kann. Emphatischer Sinnbeteuerungen für dieses Ganze von Sexualität und Gedächtnis sind wir zwar nicht mehr fähig - Sie wissen ja unterdessen, wie überaus diffizil die Memorialitätsfunktionen - das Gedächtnis als "schlechte Sache" - geworden sind; sprachen wir eben doch noch vom Preis der Blicknähe zum Produktionsgrund und fühlten wir uns vordem doch durch Sabotageimpulse versucht -, gleichwohl haben wir gedächtnisimmanent damit quasi Fuß gefaßt in uns selbst, den cogito-Modus korrespondierender Fühlbarkeit zum Gedächtnistun mit dieser Wendung wieder erreicht - freilich kein einfaches Pflaster, auf dem wir jetzt weilen müssen.
Welche Wirklichkeitsreduktion, selbst wenn wir unabdingbar auf den guten Spuren Freuds verbleiben, den Begriff der Sexualität schließlich bis in den Todestrieb hinein auszuweiten! Scheinbarkeit einer Welt ohne Götter, die am Grunde ihrer Entfernung metapsychologisch dann doch begegnen, notorisch im Physikalismus der metapsychologischen Sprache, Freuds einziger schwacher Schutz gegen blankes Ontologietalmi. Nun sind wir unterdessen aber imstande, diesen aberwitzigen Mehrfachreduktionismus zurechtzurücken, und zwar, auf unseren Kategorienfundus zurückgreifend, folgendermaßen. Alle Erosfiguration, Sexualitätsvorgabe, oder besser wohl: das Ganze der
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cogito-Korporalität wäre unter das exklusive Diktat des Todestriebes zu stellen; ein Diktat - und damit kommen wir auf unsere Anfangsterminologie zurück -, das sich prozessuell differenziert in den Opferungsvorgang der Überich/Es-Liaison, übergehend in die Ichsubstitution dieser Verbindungsfigur, die Disposition des schaffenden Todes. So, wie wir wissen, der Inbegriff von Hominität/Ontologieproduktion mit der Maßgabe und dem Telos der absoluten Differenz des Signifikanten Thanatos und seines erotischen Signifikats. Die eigentliche Unbewußtheit/höchste Bewußtheit dieses Gesamtprozesses bricht nun - und darin besteht das magnum opus der Psychoanalyse - immer dann gedächtniseröffnend (bewußtwerdend - aber in einem ganz anderen, jetzt memorialen Sinne) auf, wenn die ontologieentscheidende Transition vom Überich/Es zum Ich hin ins Stocken gerät - die besagte aufgehaltene herausgebrochene Vermittlung - und gefaßte Botschaften dieser ihrer Blockade (die sogenannten Symptome) auszusenden beginnt. Läßt sich Gedächtnis nun zwischen Verrat und höchster Huldigung darauf ein, so bildet sich darin die Gedächtnisdimension allererst aus, und zwar quer zur Erzeugung des eigentlichen Unbewußten usw./der Ontologieproduktion, dringendst dabei gehalten (als die Erfüllung seines Wesens), nicht nur die Anblickbarkeit der Blockade, sistierte Vermittlung usw. durch innere Verglasung zu garantieren, vielmehr sich afortiori dieser Garantie als solcher so zu versichern, daß dies Ganze der gläsernen Leichenkammer zum immanenten Blockademovens der Gedächtnis-cogito-Letztbewährung sich dynamisiert und von hier aus memorial, genealogisch, fortschreiten kann - wie gehabt, um den jetzigen Standort zu erinnern - bis zum Aufkommen der Sexualität als der Reminiszierbarkeit des Opferstoffs vor dessen maschineller Transfiguration.
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Zurück zum psychoanalytischen Wirklichkeitsreduktionismus. Der Einbruch der Todesdominanz in die Theorie (Metapsychologie) als deren physikalistische Verhexung genügt freilich nicht, dem absoluten Herrn wie billig die letzte Ehre zu erweisen. Solche Einbrüche bedürfen der Explikation expressis verbis eben als "Todestriebhypothese", die, wenn auch noch an dieser Verhexung partizipierend, alle notwendigen ontologiegenealogischen Bestimmungen enthält, insofern diese auf Realitätsgeneration, Ontologie-, Unbewußtheitserzeugung, extrapoliert, aus ihrer Pathologiekasernierung also befreit werden können; wenn immer auch just diese Kasernierung den nicht wohl nur historisch unverzichtbaren Leitfaden der memorialen Rißausbeutung ausmacht.
Zurück aber nun zur Sexualität. Dies ahnten wir, insgesamt sei sie so etwas wie der Inbegriff memorialer Spürbarkeitsvalenzen, die immer schon eingedenkende Einbringung von Materialität; dort wo wir uns befinden: gedächtnis-cogitoimmanent, der seltsame Status einer Affektion, die wie der Kurzschluß des fortgeschrittenen inneren memorialen Gespensterwesens mit einer konträren Aktualisierungsinstanz, dem "Körper", vorkommt, so daß die volle Affektionsgegenwärtigkeit doch wie eine Reminiszenz anmuten muß und die einschlägige losgemachte Prozessualisierung wie Zurücknahme schließlich: als sei durch Wiederabtretung ein altes nicht mehr usurpiertes Recht wiederhergestellt zugunsten aller Beteiligten - ein Opfervorgang, in dem Vergangenheitsverschwinden in die Zukunftsinstauration eines Haltepunkts eingeht und so den ephemeren Stillstandsraum von Gegenwart umschließt.
Ja, ein Opfervorgang, dessen Struktur sich abzuzeichnen beginnt.
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Bleiben wir zunächst bei unseren naturphilosophischen Abstraktionen, jetzt als Totalisierungen benutzt: das Kohärenzvermögen von Stoff und Form aktualisiert, tätigt, belebt die Form als Formung des Stoffes selbst aus der Kraft von dessen transfigurativer Aufzehrung, Opferung als des eigenen parasitären Opferwesens. Eine seltsame Zirkularität! In signifikationstheoretischer Benennung, keineswegs aber, wie sollten wir, idealistisch reduktiv, vielmehr wiederum totalisierend gedacht: die volle Signifikation ergibt sich als Zweifachopfer: Opfer des Signifikats als die Kraft der Signifikation als das Opfer des Signifikanten; Opfer aber, so auseinandergezogen spiegelbildlich different: jenes Ab-duktion, dieses In-duktion, Tötung versus Verlebendigung, prozessuell wieder ein und dasselbe und in dieser Identität die Kraft der Signifikation selbst. Sie bemerken, wir sind erneut ins Allgemeine des Opfers abgerückt; die Einfriedung Sexualität war so nicht zu halten, und wir werden gewiß noch erfahren können, warum. Eines jedenfalls hat sich fortwährend gemildert - halten wir es eben schon fest: die notorischen memorialen Nöte der permanenten Rückversicherung, quasi Transzendentalitätsbewährung, so als sei das Gedächtnis jetzt materiell geerdet, von seinem Wahne befreit, wenngleich dies eo ipso nur eingedenkend. Jedenfalls geht es von hier aus weiter, keineswegs aber leichter, im Gegenteil, doch vielleicht nicht mehr so getrieben und abgehoben.
Die Kraft dieser Signifikation selbst, isoliert, sie ist das Problem. In ihr passiert ein Hervortritt, ein Herauskommen, jenes Autarkiegebaren, das in schreiendem Widerspruch zu seinem parasitären Wesen tritt, dessen Beglückung durch solche Dauerusurpation alle Schuld auf sich zieht und in sich versammelt, das also des Todes sein muß, sofern es ausschreitend, ekstatisch selbst noch die absolute Grenze seiner selbst produktiv immanentisiert. Freuds "primärer Masochismus", identisch mit dem "Ursadismus", die ontologische Fundamentaldeterminante der Opfertücke, definiert die Geburt der Götter und Menschen als einseitiges Opfer- und Schuldverhältnis (mit der Voraussicht seines Entsühnungseschatons). Primärer Masochismus als Urmotiv von Hominität/Ontologie. Und das Seinsband: dessen Identität mit dem Ursadismus des absoluten Herrn, das Seinsband als Grundinversion (erstarrt die Spiegelbildlichkeit, Seitenvertauschung). Absolute Schuldverdichtung ebendort im Menschlichen vor dem
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Spiegel und spiegelschaffende, -gebrauchende Sterblichkeitssühne.
Wir brechen hier für heute ab und setzen im nächsten Kapitelunsere Überlegungen dazu fort - jedenfalls in die Richtung einer kategorialen Präzisierung der in Sicht genommenen Totalität des Opferstoffs (und der Opferadresse zugleich) und insbesondere seiner i.e.S. sexuellen Spezialisierung.
Heute habe ich genealogisch wiederum weiter berichtet über die Unvermeidlichkeit, bei der hypostasierten Vermittlung zu verweilen, wenn immer der genealogische Anspruch aufrechterhalten werden will. Es galt nun, in der Konsequenz der bisherigen Schritte ebendort, an diesem Verweilenspunkt, den Schuldgehalt durch die drängende Fusion mit seiner Entsühntheit hindurch bestimmbar zu machen und zu halten. Und zwar besteht die eo ipso unter Todesstrafe stehende Schuld im parasitären Autarkiegebaren der Opferungs-, Kohärierungs-, Signifikationsinstanz (mit ihrem Cogitodifferential) als des ephemer autarkieverstellten Tuns des Selbstausgleichs der Lebens- und Todesposten des Seinsganzen produktiv im Rahmen von Hominität/Ontologie selber. Unsere Adaptationen des verkannten späten Freud fortsetzend, wäre demnach der primäre Maoschismus (die Opfertücke der Arbeitskraft) als die rein immanente Gegenführung des Ursadismus selber die Inversionsfuge von Hominität/Ontologie: die produktive Ausschreitung. In einer solchen Genealogiefortschreibung setzte sich nicht zuletzt auch die Eingedenkensfühlbarkeit des Opferstoffs, allgemein die Sexualität, weiter entlastend durch, nachdem die Bewährung der memorialen Potenz als solcher vorher in Gang gekommen war und die durch diesen Vorgang absorbierten Kräfte in die gedächtnisträchtige Opfermasse hinein nun freigeben kann.
V. Die Körperdetektei
Vergewissern wir uns des Standorts und des in Sicht genommenen Gegenstands und am dringlichsten der Verwirrung, die von diesem, der avancierten Hominitätstotalisierung, zuletzt primärer Masochismus genannt, ausgeht, um die Konfusion auflösen zu können. Im Ausgang von der festgehaltenen Vermittlung, diesem unvermeidlichen Startpunkt
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der Genealogie, und auf dem festen Boden der bisher ausgebildeten quasi transzendentalen Kautelen begaben wir uns eine Stufe tiefer in den Memorialitätsspuk hinein. überraschenderweise aber geben sich die Fährnisse dieses Wegstückes milder, die dazugehörigen Affektionen gedämpft, so daß sich die vormalige gläserne Sicherungsakrobatik fast schon erübrigte, als seien wir uns in der Evokation von Sexualität selber körperlich, als Körper, memorialer Leitfaden, der ganzen Härte des Grauens und seinen Diffusionen ledig, genug. Zufall? Schwerlich nur. Wir hielten ja vordem schon inne, um die Haltlosigkeit des Gedächtnisspuks, die Unausweisbarkeit dieses inneren memorialen Gespensterwesens auszuspüren. Dieses sprang, notwendig wohl, sodann über und hält sich nun korporell fühlungsreminiszent beweglich fest. Eine überaus wichtige Erfahrung, nämlich die Chancen der Handgreiflichkeit des genealogischen Leitfadens betreffend: Zwischenform gedächtnisverhaftet bleibender Selbstfalsifikation durch Körpermetabasis, different von allen so erfolgreichen Verlustäußerungen des "äußeren Sinns".
Genealogisch eingehüllt in die milde Wirrsal der Opferinstitution können wir also durchaus gezielt fragen: was macht hier so konfus? Die Relationen in der Figuration des Opfers allesamt sowie insbesondere das supponierte so uneinhellige Selbstverständnis des einen - vordem schon als besonders problematisch signalisierten - Postens: der Opferexekutive. Drei Positionen waren durchgehend, gleichwie auch totalisierend (naturphilosophisch, signifikationstheoretisch) benannt, unterscheidbar: die Opferexekutive, das -ritual und der -stoff. Die Exekutive nun als Exekutive, eingetreten also in den Opferungsprozeß, besteht essentiell in nichts anderem als in dem, was sie erzwinglich exekutiert: die vordem-Stofflichkeit ihrer selbst nämlich zum Opferstoff zu bestimmen, dem Tode zu weihen. Und dies gleichseiend der Inversionskorrespondenz, sich dem geweckten Tode opfernd anheimzugeben, dessen Tun über das Totgeweihte kommen zu lassen; gleichseiend wohlgemerkt: die Freigabe des Opferstoffs und der Hervorgang des Opferrituals Dasselbe als Geburt der Opferexekutive rein im Selben.
War von erzwinglicher Freigabe die Rede, so bildet deren implizite Repugnanz den ausschlaggebenden Punkt, ohne den eine solche Rede schlechterdings nicht geführt werden könnte und, vielmehr noch, ohne den alles an Hominität schlechterdings nicht möglich wäre. Sie
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bemerken: abermals kommen wir am kriterialsten Hominitätspunkt an, bei der Ausschreitungsnötigung durch die prätentivste Festhaltbarkeit der Vermittlung, also der Ausschreitung selber, die sich dadurch zu ihren menschlichen Höchstmaßen allererst motiviert; bei dieser von der Philosophie so oft - mit am trefflichsten wohl in der Formel vom Bewußtsein als der Stupefaktion des Willens - beschriebenen Stelle. Und wir sind nunmehr verbesserte Zeugen der Genealogie der Gedächtnisdimension als solcher geworden: der Leichenansichtigkeit, des größeren Grauens, der queren Gangbarkeit des memorialen Weges dorthinein (als Philosophie, die wir hier emphatisch betreiben), und nicht zuletzt, schier unübersehbar, des Umstands, daß der nötenreiche Querstand dieser memorialen Innenroute die produktive Ausschreitung von Hominität ins Weltall hinein, den Befall eines Jeglichen davon, die Ausschreitung tätig dem gemäß zu machen, was sie an Selbstrepugnanz in sich aufzubringen imstande ist, mitnichten verhindert, vielmehr allerwenigstens durch die Parallelführung Desselben in sich nährt. Dies aufgezeichnet (wir kennen diese Figuration bereits anders):
Notieren wir also die Einheit von Inversionsblockade (als Ermächtigung höherer Inversionstätigkeit) und Gedächtniserzeugung (einschließlich der Selbstapplikation des Gedächtnisses auf sich selber), nicht ohne nicht zu vergessen, daß die Bestimmungen der Aufgefaßtheit darin (Cogitionalität) noch sehr schwach ausgefallen sind. Muß diese letztlich nicht als Ganze Inbegriff des zu Opfernden im Modus ihrer selbst sein - als Inbegriff nämlich des Usurpierten? Dafür spricht die progrediente Entleerung des Stoffs und des Rituals quasi an sich von Cogitionalität im Verlauf der Ontologie-/Rationalitätsprogression jedenfalls. Cogitoakkumulation durch fortschreitendes
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Opfer, ja - aber wo genau? -, jedenfalls im Angesicht des wachsenden Todes als Herabkunft der Götter, des Gottes - und wessen noch? Progreß also der Reduktion der Leidensmasse (Überich) und des Nichtgefühls (Ich) bis hin zu der in der absoluten Differenz sicher gehaltenen vollen leidens- und friedlich nichtsfühlungsfreien cogito-Ekstase selber?
Hauptgrund der Verwirrung war demnach die (ich kenne noch keinen besseren Ausdruck) exklusive Homogeneität von Stoff/Ritual und - beider Inversionsfuge - Exekutive; Stoff/Ritual der Inversionsexekutive: genetivus absolutus. Und zudem, insbesondere, das Inversionssistierungserschrecken, das sich ins Ganze dieser Opferverhältnisse hinein, allererst hominisierend, ausbreitet und produktiv auflöst. Wahrlich, die ontologische Fundamentalkonfusion! Voilä, diese homogene Masse des absoluten Genetivs ihres Selbstvollzugs, zugespitzt zur progredienten Immanentisierung ihrer eigenen Wesensgrenze; diese memorial durchzogene cogito-Erosmasse, die sich die eigene Todesliquidation selber zuführt unter dem telos beider totaler Entflechtung (absolute Differenz) - die Hominitäts-Ontologietotalisierung in sich selbst unbegrenzter Reichweite.
Wir haben jetzt damit zu tun, diese produktive Korporalität, die den härtesten Selbstausstand ständig als die Selbstentleerung Maschine herunterholt, um sich darin selber freizusetzen, unter dem seit kurzem hier virulenten Titel Sexualität in sich auszudifferenzieren. In der enormen Komplikation dessen scheint sich unsere ausgeweitet psychoanalytische Selbstverständlichkeit, Ontologie sogleich sexuell vorstellig zu machen - gewiß unsere Stärke - jetzt gebührend zu rächen. Diverse Wege bieten sich an, nicht zuletzt, wenn wir uns auf Überlegungen dazu von eheden zurückbesinnen. So liegt es sicher nahe, den Hominitätsexzeß, die ontologiebegründende (Hyper)ausschreitung, gattungsgeschichtliche Gigantomachie von Eros und Thanatos, dem späten Freud und den neueren daran anknüpfenden Wunsch(maschinen)theorien nicht fern, als fundamentalsexuell zu bezeichnen; und das hat schon deshalb seinen guten Sinn, als allein so die ominöse Triebnatur des Menschen (Begehren, Wunsch, Libido, Sexualität) in die wahrlich entprovinzialisierten Gewaltausmaße der fortgeschrittenen Gattungsgeschichte angemessen eingerückt werden
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kann. Als wie unvermeidlich solche Sexualitätsinflation sich auch einstellt (den noch nicht abgeleiteten Diachronieindex daran haben wir keineswegs übersehen!), so gibt sie doch sogleich das Desiderat auf, nach ihrem Rückschlag auf Sexualität im engeren und engsten Sinne fragen zu müssen. Wie soll man sich in dieser Dimension orientieren, wo es schlechterdings nicht genügen wird zu sagen, Sexualität im engeren und engsten Sinne sei eben Spezies unter anderen des ekstatischen Menschenwesens überhaupt, und dies mit dem Hinweis auf die spezifisch menschliche Organisation dieser natürlichen Mitgift. Wenn schon der Titel Sexualität fällig wird, so wird es also überfällig, in dieser Dimension fundamentale versus abgeleitete Sexualität allererst theoretische Verhältnisse zu schaffen, die dem sich angleichen könnten, was der Gesamtstand der Ontologieevolution dafür hergibt, indem die gröbsten memorialen Blockaden, die etwa die Psychoanalyse noch mit sich führt, aufgehoben würden.
Ich wills versuchen. - Zunächst sehe ich keinerlei Anlaß, die (Hyper)ausschreitung gegen das, was sie selbst doch restlos ist, nämlich Fundamentalsexualität= Maschinenerzeugung, hinwiederum abzusetzen, also, wie man das auszudrücken pflegt, zu hypostasieren. Nein, die "Maschine ist im Wunsch"; freilich ein schlimmes, doch unumgängliches Verdikt, diese Einrichtung des "Jenseits des Lustprinzips", um mit dem alten Freud zu sprechen, Primordialität der Subsistenzfunktionen, doch sogleich in den menschlich angemessenen Ausmaßen nicht nur des Ich, vielmehr des Todestriebs. (Wir kommen auf diese grundlegende Nicht-Kontingenzdeklaration, die Gattungsgeschichte betreffend, gewiß noch zurück.) So daß also kein Ausweg bestehen bleibt, ein Drittes an Prinzip - die Ausschreitung "als solche" - anzusetzen, das sich in ungleich gewichtige Formen - Fundamentalsexualität versus abgeleitete - hinein konkretisierte. (Die Funktion einer solchen abgewiesenen Hypostasierung, wohl eine scholastisch-christliche, lassen wir unbedacht.)
Wie aber lautete die Beziehung zwischen dieser ontologischen Erstgeburt und diesem anderen, genannt Sexualität i.e.S.? Wir müssen zur Antwort gezielt nur auf unsere überlegungen zurückgreifen: der Status der Sexualität i.e.S. (Subsistenz- und Generationssexualität, den Erhalt des Einzelnen und der Gattung angehend) ist der des unterworfenen Trägers der fundamentalen, besteht in dem, was einstmals subiectum, Subjekt hieß (dies vor seiner Bedeutungsinversion,
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wahrscheinlich geschehen in der Wolffschen Schule - so jedenfalls R. Eucken). Subiectum Sexualität i.e.S. als die permanente Vorwandanlieferung, Motivation der fundamentalen des ontologischen Exzeß, dessen topos, Ort der Ausschreitung, und dies, wie wir wissen, unter der exklusiven Maßgabe der absoluten Differenz: die Haltbarkeit des subiectums als peremptorisch entsühnte Erosmasse im Spiegel vollendeter Herrschaft des restlos eingebrachten Todes, Stillstand der Selbstdurchkreuzung dieses Opferstoffs, dieser Passion als des Opferzuwachses und der -abnahme dialektisch sensu stricto zugleich. Kategorisch 'gesagt: Sexualität i.e.S. bedeutet das Subiectum, den Vorwand, der eigenen Fundamentalform. Gewiß, dort waren wir schon einmal, und gar nicht nur einmal. Beachten Sie aber bitte den weiteren Kontext dieser nicht nur äußerlichen Umformulierung, der jetzt immer wichtiger wird: eingedenkende Körpermetabasis des memorialen Geisterwesens, dort wo dessen eigener Leitfaden riß.
Nun aber zum Hauptproblem: unsere anscheinend durchhängende Sexualisierungsmethode. Wie also ist die Spiegelung fundamentalsexueller Produktionen in generationssexuellen Kategorien unter dem Anspruch jener genealogischen Aufklärung, gar der allein noch philosophisch zeitgemäßen geheißenen, zu verstehen?
Diese Spiegelung meint ein genealogisches Tun; untersteht restlos demnach - nicht umsonst also Spiegelung genannt, um deren Spiritualismus zu signieren - der Memorialität, und sonst niemandem. Was will ich damit sagen, sprich: wogegen grenzt sich diese strikte Platzangewiesenheit ab? Gegen die Erinnerung und überhaupt gegen jede Faktenhistorie, und sei sie noch so erfüllt und dicht. Nicht minder auch gegen die mögliche Prolongation dessen: das an der memorialen Besonderung vorbeiführende menschliche Tun, einschließlich des sexuellen i.e.S., wenn es dieses in solcher Form überhaupt geben sollte. Will sich Genealogie auf diesem Wegstück nicht selbst mißverstehen, gilt davon strengste époché. Halten wir demnach die Erinnerns- und Handelns-Epochalität dieses Gedächtnisaktes fest. - Worin aber besteht nun sein in seinem Sinn präzise ausweisbares noema? In direkter positiver Bestimmung eben in einer rein memorialen Parallelführung, einem genealogischen Gedächtniskontrapunkt zu den Ontologiedingprodukten eben an der Stelle, wo die sistierte Vermittlung (als die Hominitätsnahtstelle voller Leichengewahrung) sich eben memorial, eingedenkend, in den Körper hinein nicht
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generationssexuell, sondern generationssexuelle Kategorien ausbildend, memorial dynamisiert. Gedächtnisparallelismus, -kontrapunkt zu Produktionen meint schlechterdings nicht Erklärung gleich welchen Typs in einem Homogenen, vielmehr Mitnahme, Spiegelung, wie gehabt, Desselben in einem heterogenen Bereich (mit der Heterogeneitätsspitze von reiner Dinghaftigkeit versus reiner "Sprachlichkeit", des Inbegriffs der Differenz von Memorialität und Produktion). Der genealogische Kontrapunkt kann ferner schlechterdings nicht beliebig disponiert werden, vielmehr nimmt er einen definierten Platz ein in der - hier ja mitvorgestellten - Gesamtentwicklung der Gedächtniskonstitution; und zwar regt er sich da, wo Gedächtnis, kurzum: ein menschliches geworden und deshalb befähigt, ohne metabasis in die Produktion, gleichwie, rein sich als es selbst aufrechtzuerhalten aus Eigenem und in Eigenes hinein (und deshalb parallelismusbegabt zur Produktion), die Vermittlungsblockade, an der es nicht minder sich selbst ja bildet, aufzulösen unternimmt. Unser genealogischer Kontrapunkt vermag schier nicht sich - gedächtnissuspendierend - produktionstheoretisch (beispielsweise wissenschaftstheoretisch oder etwa im Sinne einer Theorie der psychoanalytischen Anamnestik) zu realisieren, vielmehr nur in der striktesten Fernhaltung eines solchen so überaus verlockenden gedächtniszerstörenden Übergriffs, positiv: im Gebrauch des Körpers rein als Eingedenkensinstrumentarium eigner Produziertheit und Produzentenschaft. Der genealogische Kontrapunkt führt an dieser - also genau markierbaren - Einlaßstelle eingedenkend nicht zu beliebigen sexuellen Figurationen, vielmehr exklusiv zu denen, die es vermöchten, das Körperinstrumentarium dieses korporellen Eingedenkens selber als produziert/produzierend auffassen zu können; demnach notwendig, wie es scheint, zu ontologisch determinierten generationssexuellen Kategorien - Generationssexualität memorial, folgerichtig analog der Ontologiedinge-Produktion. (Die Stelle also, wo der Kontrapunktcharakter besonders deutlich wird.) Das memoriale Wesen, die Kategorialität also, der generationssexuellen Phänomene erlaubt es indessen, die volle Sicht auf den phantasmatischen Kern aller Produktion, einschließlich der sexuellen, und ist so wie die Ansehlichkeit einer schwankenden Brücke zwischen der Erosmasse und deren Todesduplikation, einer Brücke aber, die ansonsten in beider Zusammengang ganz verschwindet. Bärendienst des memorialen Kontrapunkts, wiederum also Verrat?
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Nochmals: Sie müssen sich dazu bereit finden können, um genealogisch gefahrlos mitzureisen,
- die Wissenschaft und deren unphilosophische Theorie aufzugeben (so nicht da nach Erklärungstypen suchen, wo keine zu finden sind),
- nicht aus der eingeschlagenen Gedächtnisbahn auszubrechen, wenn es die endgültige Konstitution und Autonomisierung des Gedächtnisses, des einzigen Philosophieorgans, wie vorgeführt, zu bestehen gilt (nicht also in die Produktion hinüberspringen, wenn die Leichenschau unerträglich zu werden beginnt, besonders da, wo die Leiche in die memoriale Funktion, damit diese sich emanzipiere, notwendig selber eindringt),
- nicht im weiteren Verlauf ebendort auszubrechen, wenn es bequemer scheinen muß, Gedächtnis durch Erinnerung, Tun, deren Theorie post festum, nach leidlich schon stabiler Gedächtniskonstitution, zu resubstituieren (nicht also meinen, vor Toresschluß den Freiheitsverlockungen der Produktion, des Unbewußten en gros, der symbolischen Ordnung nachgehen zu müssen),
- nicht, in der eingeschlagenen Gedächtnisbahn verbleibend, das Trauma der ganzen Phantasmatik von Ontologie, sichtbar im durchgezogenen genealogischen Kontrapunkt, zu scheuen (nicht also ganz zuletzt noch, glücklich durchs memoriale Nadelöhr passiert und im Gedächtnis eingerichtet, ob der Glätte der undurchschaubaren Dinge, dieser Bedrohung, die Beine wieder auf den Buckel zu nehmen).
Ich denke, damit ist alles Nötige zu diesem bislang mißverständlichsten Punkt gesagt. Für den akuten Problemzusammenhang ausgedückt, schürzt sich der Ontologieknoten an der Vermittlungsblockade und gibt diese beiden Stränge frei, die Produktion und das Gedächtnis, so parallelisierbar, daß dieses den Kontrapunkt (= Genealogie) jener repräsentiert, sensu stricto, wenngleich (anscheinend dubios) repräsentiert. Solche Kontrapunktierung, Genealogie aber vermag sich dann nur durchzusetzen, wenn sie sich der Anleihen bei der Produktion schlechthin enthält: nicht zum Scheine nur sich auf die Gedächtnisseite schlägt; nicht ebendort aussteigt, wenn sich das Gedächtnis zu sich selbst zu befreien vornimmt; nicht aussteigt, wenn die Produktionstheorie zwischendurch gegengenealogisch lockt; nicht aussteigt, wenn die Produktionseloge zum Trug zu werden sich anschickt: alles in allem, wenn Gedächtnis sich, wie vorgeführt, rein
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kontrapunktisch zu autonomisieren versteht, dieser nicht zu verordnenden Mühe, und das ist Philosophie, unterzieht. Memorialer Kontrapunkt zur Produktion, gleichermaßen im Ausgang von der festgehaltenen Vermittlung, der sich auf die ihm eigene Gedächtnisspur setzt, sich durch die Selbsthypostasierung des Gedächtnisses hindurchfrißt, sich von keiner Produktionsverlockung ablenken läßt, sich ins generative Körpereingedenken ausbreitet, um die Sichtbarkeit des generellen Produktionsphantasmas unerschrocken vorzustellen - dies und nichts anderes bedeutet unsere "Sexualisierung" von Ontologie.
Wenn auch keine Psychoanalyse, und sei sie noch so sehr selbsterfahrungsfundiert, schnurstracks oder infinitesimal in Philosophie, Genealogie hineinführt, beileibe nicht, so scheint sie doch einen Teil der Kraft, den Gedächtnisstollen tiefer zu treiben, mitausmachen zu können, jedenfalls im Sinne der Anlegung korporell sexueller Eingedenkensspuren, wenngleich eben diese orthodox psychoanalytisch - und hier gilt uneingeschränkt Anti-Psychoanalyse - zu Erinnerungsund Produktionsbahnen pervertieren. Gewiß. Doch die Bedingungen der Möglichkeit von Memorialitätsdurchsetzung an der entscheidenden Fortgangsstelle des sexuellen Körpereingedenkens sind "objektiver" Observanz, die ihrerseits wiederum die antipsychoanalytische metabasis der Psychoanalyse allein gestatten. Hart gesagt, kann also der erneut befürchtete Bloßlegungsverrat, der sich ja anschickt, immer mehr Kontur zu gewinnen, nicht nicht ontologisch erlaubt sein, muß die memoriale Vorstellung der ganzen Phantasmatik von Ontologieproduktion, deren weitere opferlogische Schritte uns ja noch bevorstehen, funtkional bereits subsumiert sein ganz im Dienste der Beförderung der absoluten Differenz; vielleicht gar so - das haben
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wir jedenfalls schon einmal erwogen -, daß es mit zum Wesen des memorialen Kontrapunkts gehört, immer nur phasenverschoben auftreten zu können; Sie erinnern sich wohl der Überkreuzspiegelung, die emphatisch Spiegelung nicht sein kann (wie sollte sie auch als Spiegelung emphatisch sein können?). Freilich schießt Gedächtnis nicht über seine avancierte Leistung, Produktionsphantasmatik aus deren Begründung selber heraus bloßzulegen. Immerhin aber könnte durch die ihm eigene Anmahnung dieses seines Themas Phantasmatik, dies unter der Bedingung strengster Bewahrung seines kontrapunktischen Wesens, dann und nur dann, die Potentialität einer Absorptionsinstanz für die destruktiven Abdriftformen mißglückender Bewältigung der Vermittlungsblockade ausbilden. Gedächtnis-Menetekel.
So weit die neuen Gedanken für heute. Notieren wir noch für das nächste Mal die signifikationstheoretisch totalisierten generationssexuell-körpereingedenkenden Gedächtniskontrapunkte, deren Ort wir jetzt immerhin schon besser kennen.
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Heute habe ich Ihnen genealogisch weiterberichtet über die Krisis der eingedenkenden Körpermetabasis des memorialen Geisterwesens. Das den genealogischen Fortgang sicherstellende Körpereingedenken machte die Festlegung des Sexualitätsbegriffs sowie die Begründung unserer "Sexualisierungsmethode" erforderlich. Sexualität i.e.S. erwies sich als subiectum der Fundamentalsexualität Wunschmaschine; und die besagte Sexualisierungsmethode, in keiner Weise quid pro quo von Grundlegendem und Abgeleitetem im Kontext von Erklärung, als strikte autonomisierter rein memorialer Kontrapunkt notwendig generationssexuell versierter Produktionsphantasmatik - in Menetekelabsicht über deren Ausbruch aus der Produktion oder dem Gedächtnis.
VI. Die Blendung des Sehers
Wo sind wir stehen geblieben? Beim Verhältnis der Sexualität i.e.S. zur Fundamentalsexualität (Wunschmaschine) als Verhältnis des subiectums, des ständigen Vorwands jener für diese. Was nun des nähern in diesem Verhältnis geschieht, dessen fortgesetzte Genealogie, brachten wir als körpereingedenkend generationssexuelle Figuren ein, deren ontologischen Status wir phantasmatisch nannten und auf deren memoriale Reinerhaltung und auch schon höhere Funktionsbestimmung wir drängen mußten. - Um die Reise jetzt fortzusetzen: was bedeutet nun Produktionsphantasma in seiner Anmahnungsabsicht des phantasmatischen Charakters von Produktion (und Gedächtnis selber?), gedächtniskontrapunktisch nur bewahrbar?
In Anbetracht der strikten Gedächtnisdiskrimination, zu der wir uns gehalten sahen, imponiert das Phantasma als Verschwinden, immer wenn wir über den memorialen Zaun blicken, verschwindend in der Produktion, memorial bewahrbar nur kontrapunktisch, wenn deren Belange gelten; nicht verschwindend aber im Gedächtnis, und doch gedächtniszerstörend, wenn es sich zum Produktionsgrund selber aufwirft und, ereilt von der Rache des göttlichen Vorbehalts, den Befall der Vermittlungsblockade an ihm selber, auf dieser Prätention beharrt. Wenn Produktion also nicht "Ding" wäre, wäre sie blinder Spiegel - ein schlimmer Inversionszustand außerdem, der tatsächlich immer dann aufkommt, so das Gedächtnis sich prätentiv, wie gehabt, blockiert:
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Wahnsinns-quid pro quo von Spiegel (Produktion) und Ding (Gedächtnis), Aufschrei des blinden Spiegels. So das eine Ende. Das andere, anscheinend komplizierter, bricht nicht aus der Gedächtnisdestruktion aus, vielmehr aus der nicht allerdings auf Bewährungsprobe gestellten (und so Philosophie generierenden) memorialen Selbstsekurität, die das Phantasma ebenso nicht aufkommen läßt; in der Produktion untergehen macht. Seltsame Kongenialität des Wahnsinns und des Produktionsengagements, freilich nur, abstrakt, die Beseitigung des Phantasmas betreffend, ansonsten wie Tag und Nacht aber doch unterschieden: dort die unproduktive Verwechslung von Produktion und Gedächtnis ob dessen Kollaps, hier dagegen bloß die ganze Hingabe an die Produktion, die des Gedächtniskontrapunkts, dieser spezialisierten Ontologieabzweigung, anscheinend nicht bedarf, weil Gedächtnis, obgleich nicht eigentlich bewährt, stabil zu verbleiben scheint. Verwickelte Verhältnisse also, zumal das Phantasma, so sagt der memoriale Kontrapunkt zu Recht, ohne Abstriche dasselbe bleibt. Gewiß. Doch sind sich beide im Zwischenreich der Dämmerung doch wohl näher, als es vorerst scheinen mag; wenn nicht, so verlöre unsere Funktionsvermutung für unser eigenes memorial-kontrapunktierendes Tun auch ihren plausiblen Sinn. Ich übertreibe (oder auch nicht): der Wahnsinn macht dem Illusionismus rein nur erfüllter Produktion die Rechnung auf: nein, so voll der Gewähr und gefahrlos ist die restlose Eskamotierung des memorialen Phantasmas in die Produktion, das große Unbewußte hinein, mitnichten, auch wenn es punktuell immer noch verdammt gut funktioniert und dies Funktionieren den so innig gewünschten Todesfrieden des objektivsten Ich um sich verbreitet. Was vermöchte denn zu garantieren, daß die gute Produktion und das gute Ich derart getrost jeder memorialen Ontologieabzweigung entraten können, ganz ohne dem zitierten Wahnsinns-quid pro quo und gar in höchster Steigerung nicht blinde Spiegel en gros erschaffend, wohlgemerkt: erschaffend, zu verfallen? Daß Gedächtnis ohne den vorgeführten Prozeß seiner Selbstbewährung tatsächlich so verläßlich sei, schon aus Anlaß der geringsten Ichfühlung, und dies gar nicht in der eigenen Domäne, vielmehr gegenüber in der Produktion, als überflüssig deklariert werden zu können? Welche Philosophiekriminalität, im Namen des tatsächlich überflüssigen Philosophiesubsidiums für die Produktion und deren substantieller Vergeßlichkeit das Aufkommen memorialer Phantasmakontrapunkte wie den Antichrist zu verfolgen.
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Ich denke, daß wir an einem überaus wichtigen Punkt angelangt sind - hoffentlich nicht zu unvermittelt und zu überraschend -, im Fortgang der Genealogie eben nicht der argen Suggestion zu erliegen, Gedächtnis erübrige sich, da Wahnsinn und Produktion eo ipso wesensverschieden seien frei nach der Regel: verhindern wir also, bitte aber nicht halbmemorial psychoanalytisch, vielmehr zünftig produktiv psychiatrisch den Wahnsinn, und die Welt wird in ontologischem Glanze neu oder allererst erstrahlen. In der Tat; doch dies hieße (und es heißt es längst schon de facto), dem absoluten Herrn just nicht die letzte Ehre erweisen, umgekehrt vielmehr deren Sabotage. Vorsicht also: Produktions- und Gedächtnisdefekte kaschieren sich allzu leicht in der scheinbaren Überflüssigkeit des Gedächtnisses ob der oft grandiosen Produktionseffizienz, die in Wirklichkeit nicht ontologisch notwendige Todeshuldigung, vielmehr deren abgedeckte Inhibition - Erzeugung blinder Dingspiegel aufgrund des Wahnsinns-quid pro quo, Mimesis an den Wahnsinn in der Maske der Ichgerechtigkeit - ausmacht. Keine Grenze zwischen Kollaps und fragloser Festigkeit ist ein für allemal gesichert; und die Hominität ausmachende (Hyper)ausschreitung gewinnt so erst ihren vollen Sinn - in diesem freilich produktiven mörderischen Manöver der Todesüberlistung. - Sie entsinnen sich unseres Knotenschemas? Der Dingstatus auf der rechten Seite ist eben nicht eo ipso eindeutig. Durch sein Phantasma, memorial dagegen hartnäckig kontrapunktiert, tritt er in die Prüfung ein, ob er nun fromm sei oder nicht.
Wie aber geht diese Prüfung des einzelnen vor sich? Die Kritikvalenz des Phantasmas entscheidet sich in diesem Prüfungsprozeß, der Substanz des Phantasmas selbst. Strikte kontrapunktisch von der Produktion diskriminiert, macht es sich selbst, sich also erhaltend, in dieser so verschwinden, wie diese es eben notwendig verschwinden macht. Gelingt dieser Prüfungsvorgang - die Mißlingenschancen stehen höher -,so konstituiert das Phantasma sich im Gelingen dessen als totales Kritikmaß, Produktion nämlich als das, was sie ist - phantasmatisch und damit geglückt - oder als phantasmadissident, prätentiv, also mißraten (Antiproduktion) zu erweisen. Ausschlaggebend fürs Gelingen ist, wie schon öfter gesagt, die strikt memoriale Kontrapunktwahrung auf der unabdingbaren Grundlage des Dispenses jeglicher Art von Idealismus, dieser Gedächtnisprämierung, die antiproduktiv-
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produktiv den Produktionsgrund usurpiert, Gedächtnis überschießen läßt über diese seine Kritikvalenz in die destruktive Usurpation des Kritikmaßstabs, des Produktionsphantasmas, selber hinein. Dann und nur dann mag es geraten, Ding von blindem Dingspiegel, Produktion von Antiproduktion-Produktion, fromme Ichgerechtigkeit von verruchter Ichperversion (Pathologie) Ausschreitung (Pflanzen, Tiere) und allererst hominitätsausbildende Hyperausschreitung von produktiv larvierter Ausschreitungsblockade (Destruktion), Seinsausbruch der Hominität und Ausbruchstillstand differenzieren zu können.
Bevor wir der genaueren Definition von Pathologie und vor allem der körpereingedenkend generationssexuellen Gehaltlichkeit - der bisher mehr oder weniger nur unterstellten - des Produktionsphantasmas, dessen Funktionsbedingungen wir also jetzt kennen, nachgehen wollen, muß ich innehalten, um die schleichenden Bedenken auszudrücken, die sich ebenda zu regen begannen, wo es den Anschein haben mußte, daß der schwankende ontologische Funktionsstatus unseres memorialen Tuns endlich festen Boden gewänne. Zwar bedarf es keiner Abstriche an der in ihrer Totalität allgemein schon begründeten Kritikwertigkeit des Gedächtnisses mit seinem Kriterium, dem Produktionsphantasma; auch sind wir wohl vorsichtig genug gewesen, den reüssierenden Einsatz dieses Maßstabs nicht einfach wie bedingungslos zu unterstellen, gewiß nicht. Doch fanden penetrant sich die irritierenden Fragen ein, wie denn die anscheinend fraglose Einräumung des Produktionscharakters der Antiproduktion zu verstehen sei; beiläufiger auch, wie sich denn Antiproduktion, Pathologie en gros und en detail unterscheiden lasse; und vor allem, ob denn nicht dieser schönen Sinngebung von Gedächtnis: Philosophie der ärgste Widerspruch zum ontologischen Eschaton der absoluten Differenz, nämlich keinerlei Ontologieprogreß dann mehr denken zu können, anhafte. Was frommt denn die gewiß nicht unplausible Unterscheidung von Signifikation und Kollapsfolie/Hypersignifikation, von tödlicher Verklebung von Opferstoff und -ritual als Auslöschung der Inversionsexekutive einerseits und der Freisetzung dieser Exekutive gegen diesen Kontaminationsstillstand andererseits, wenn das durchaus identifizierte Kriterium dieser Differenz, das memoriale Produktionsphantasma, seine Maßstäblichkeit zugleich einbüßt, indem es gar nicht mehr wissen kann, was es überhaupt zu kritisieren gilt? Welche geschichtsphilosophische Verwirrung!
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Der Reihe nach. Antiproduktion en detail, Krankheit, individuell anhaftend, selbstinvolutiv, wäre am ehesten so etwas wie die Usurpation einer Usurpation, Aneignung von Privateigentum an Produktionsmitteln der Antiproduktion en gros. Insofern dürfte es auch nur ein Kampfverhältnis um Besitztitel zwischen der großen und kleinen Antiproduktion geben - so scheint es jedenfalls etwa mit der Evidenz antipsychiatrischer Kampfformen. Warum aber mußten wir nicht zögern, Antiproduktion als solche, gleichwie in sich differenzierbar, als Produktionsmodus zu qualifizieren? Aufgrund des scheinbar simplen avanciert psychopathologischen Gewohnheitsrechts, die Selbsterhaltungsgarantien in der Symptomausbildung nicht zu übersehen und gar - vielleicht mit einem antipsychiatrischen touch - besonders zu respektieren, jedenfalls soweit sie der kleineren Antiproduktion individueller Krankheit zugehören. In diesem Kontext bleibt es unumgänglich, die produktive Seite der Krankheit eben als Usurpation im Spiegel des meistens ja ungeschoren wegkommenden Usurpierten besonders hervorzuheben, nicht zwar um dieses der Antiproduktion immantente Kampfverhältnis auf Dauer zu stellen, doch um die Adresse des AntiproduktionsVerdikts nicht zusätzlich noch ad infinitum zu deplazieren. Die individuelle Eigenbeanspruchung tätigster Mißachtung des absoluten Herrn im Objektiven löst diese zwar mitnichten auf, doch vermöchte sie sich zu deren verstrickter Spiegelung, freilich just an der Restitution der Rechte des Todes vorerst vorbei, zu sammeln. - Könnten wir sicher sein, daß Individualpathologie uns tatsächlich zu den aktuellen Spitzen von Antiproduktion sicher geleitete, so wäre wohl auch ein erster Schritt dafür getan, den peinlichen Widerspruch im eigenen memorialen Prozedieren, die Entmachtung nämlich des eingeführten Kritikmaßstabs (des memorialen Produktionsphantasmas) in seiner Einführung selber, von daher auflösen zu helfen. Keineswegs aber ist uns diese Sicherheit vergönnt, und also müssen wir zunächst wohl allgemeiner ansetzen, um den Genealogieprozeß wieder funktionstüchtig zu machen. Setzt sich der eingeführte totale Kritikmaßstab selber außer Kraft - kann er beispielsweise nicht verbindlich begründen, ob die Brücke X über den Fluß Y letztlich nun produktiv oder antiproduktiv sei, wenn immer es unumgänglich scheint, das Präjudiz des Brückenphobikers etwa, dessen Negativvotum, nicht zu teilen -, so muß dem Maßstab gewiß doch die Hauptbestimmung seiner Maßstäblichkeit selber noch mangeln. Also bereinigen wir den Widerspruch, den
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schon im vergangenen Semester monierten, füllen wir die Defizitstelle in unserem Kritikkriterium schleunigst auf, zumal schon deutlich geworden sein dürfte, daß sich in diesem Defizit der "Index der Modalität" in der Form des diachronischen Progressionskriteriums reklamiert.
Das Malheur aber ist passiert, Gedächtnis entmachtet. Wo liegt der Fehler, der post festum nur, nachdem er begangen, sichtbar werden kann? .......
Wir werden es versuchen, Genealogie nicht aufzugeben. Zwar sind wir schon vieles gewöhnt, doch hoffentlich ist es diesmal die letzte größere Versuchung, die bezeichnenderweise aufkam, als sich die Leichenstarre ins Körpereingedenken hinein dynamisieren sollte, es zunächst aber vorzuziehen versuchte, die Starre blind mit Taumel scheinbar parieren zu lassen, oder, abgeschwächt, wenigstens das Delir in der Ohnmacht des Gedächtnisses anzusagen, das sich nur ganz allgemein noch stark fühlen konnte.
Wir müssen diesen unbetretenen Denkweg forcieren: wie also ist Gedächtnis dergestalt zu retten, daß Produktion und AntiproduktionProduktion differenzierbar bleiben, und zwar einem relativen Kriterium gemäß, dessen Denotation der eigenen Relativität nicht unterstehen kann? Daß die Relativität beider Bestimmungen denkbar bleibt als Nichtausschließung der absoluten Differenz als Eschaton, also der Ontologieevolution als -progreß?
Bleiben wir bei unserem Brückenbeispiel. Selbstverständlich führt der Sinn der phobischen Brückenverhexung nicht zuletzt auch, wenn man es gedächtnisbesessen so will, zur Genealogie dieses Ontologieexempels, körpereingedenkend generationssexuell, wie gehabt; man braucht sich nur dem Wovor der abgründigen Angst dieser Krankheit der heiligen Bezirke anzuvertrauen, um die entsprechende memoriale Figur wie mit den Händen greifen zu können. Psychoanalyse als Praxis des Gedächtniskontrapunkts? Gewiß, ein wenig schon (und nicht umsonst werden für den Psychoanalytiker Kenntnisse in Psychiatrie gefordert). Doch die psychoanalytische Orthodoxie erheischt, bis zur - wie stark auch immer im einzelnen ausgeprägten - Memorialitätsauflassung gekommen, nach der vollen Realisierung der Gedächtniskontrapunktik des betreffenden Produktionsphantasmas als deren Zweck eine ebenso uneingeschränkte rein nur noch produktionslogische
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metabasis, und zwar in der notorischen Weise, daß die herrische Deklaration, das Tautologieverdikt gilt, Produktionsphantasmen seien eben keine der Produkte, Ontologiedinge (wie Brücken) selber, vielmehr rein subjektive Verhexungszutaten, deren nötereicher, unvermeidlicher Zweck von ehedem, der der gründlichsten Aufklärung lebensgeschichtlich unterzogen werden kann und muß, sich eben an der Tautologie menschlicher Wirklichkeit (der Brücke) gleichermaßen bricht wie an der Ichpotentialität der subjektiven Korrespondenzstelle dazu (der Motilität und auch, im Kopf, der Disposition des Widerspruchssatzes). Die Möglichkeit dieser Brechung steht, allerdings nicht nur durch psychoanalytische Verfahren, außer Zweifel; und daß der Brechungsvorgang oft recht mystisch anmuten mag, liegt bloß an psychoanalytischen Theoriedefiziten, die nicht zuletzt durch unsere Kategorienschöpfungen behoben werden könnten. - Unser bedrängendes Problem aber ist es hier - ich erinnere mich an die Ausgangsfrage -, welches Recht die Psychoanalyse habe, und zwar über die pragmatische Legitimation des möglichen therapeutischen Erfolgs hinaus, über die ich ansonsten nicht gering denke, die hier so heftig kritisierte metabasis des Gedächtniskontrapunkts in Produktionslogik, jenes Mittelsubsumtion unter diese, zum Angelpunkt ihres Prozedierens zu machen. Selbstverständlich weiß ich, daß der adaptive Normalgebrauch der üblichen Ichfunktionen (wie der Motilität) auch aus der Praxis dieser metabasis lebt; und es wäre nichts als töricht, dies zu verkennen. Gleichwohl muß ich darauf bestehen, daß es nicht angehen kann, diese metabasis-Rechte so zu überziehen, daß der memoriale Kontrapunkt insgesamt bloß Kinderkram sei mit sich verlierendem Schuldecho in ganze Filiationen von Produzenten solchen wuchernden Kinderkrams; oder anders gesagt: daß der Widerspruch gölte, das Produktionsphantasma sei eben kein Produktionsphantasma, kein Gedächtnis, keine Genealogie der Ontologiedinge, vielmehr - nun was? - ein frei flottierendes Gespenst, das man tunlichst bald verscheuchen müsse, anstatt es als Gast hereinzubitten. Wie soll so viel Blindheitsbedürfnis nach dem also unnachhaltigsten Sehen legitim sein können? (Nimmer für die, die es so nicht vermögen und damit ontologisch Platz nehmen, ja nehmen müssen.) - Doch bleiben wir noch bei der Brücke, indem wir riskant weiter sehen wollen. Es stellt sich dann die für unseren Problemkontext entscheidende weiterführende Situation ein, trotz der unnachgiebigsten Aufrechterhaltung
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des Produktionsphantasmas eben in diesem seinem Produktionsbezug dem einschlägig Angstkranken hier doch nicht folgen zu können; die Wege trennen sich schließlich doch und besonders entschieden gar, wo die Konzession unvermeidlich wird - bitte, wenn schon, entweder - oder -, daß die Brücke, etwa eine ordinäre Moselbrücke, eine Ausgeburt von Antiproduktion sei, partiell jedenfalls als Brücke, darauf und auf Vergleichbares begrenzt, blinder Dingspiegel, Seinslücke, Dämon. Nein, das geht nicht an, das ist übertrieben. Aber warum? Erinnern Sie sich bitte an unsere Ausgangsverlegenheit von heute - jetzt ist es so gekommen, daß die erneute Gedächtnisparalyse, nachdem wir eben gerade meinen konnten, der Memorialitätsfunktion besonders sicher zu sein, sich im büßend verstrickten Ontologieverwerfungstotalitarismus, dem Entweder- Oder des einschlägig Kranken, zu spiegeln beginnt. Und es ist dann - so spüre ich es jedenfalls - nur noch ein kleiner Schritt bis zum Anti-Ödipus, der diese Identität von Memorialitätsparalyse, Kontrapunktmaß-losigkeit aus dem Gedächtnisstand selber heraus einerseits und von hier noch neurotisch labil eingegrenztem radikal archaischem Antiproduktionsverdikt über Ontologie insgesamt andererseits nicht nur, wie ich das ja auch tue, als Prozeßetappe einkreist, vielmehr schlechterdings positiviert: der Psychoanalytiker gehe beim Psychotiker in die Lehre, auf daß er endlich mit seinem Kleinödipusgetue kapitulieren und Psychose en gros in der Ontologiedingproduktion schätzen lerne. Wo liegt die Gegenkraft, diese verfängliche Ausuferung einzudämmen - was wir doch wollen müssen? -, wenn uns der Weg der psychoanalytischen Orthodoxie anscheinend nicht mehr offen steht, verfahrensgebunden, und nicht etwa meinungshaft, im Objektiven die Differenz zwischen Produktion und Antiproduktion ebenso pauschal zu indifferenzieren, wie indifferent der pathologische Antiproduktionstotalitarismus und wie indifferent auch die Gedächtniskontrapunkte (bisher jedenfalls) ausfallen? Wie den Kranken "widerlegen", ohne dieses also ubiquitäre Gleichgelten von Produktion und Antiproduktion, am Ende dann gar noch mit seiner wahrlich folgerichtigen Anti-Ödipuskrönung zu unterstützen? Wie eine Form der unbehelligten Gedächtnisauflassung finden, die, genealogisch begründet, beides zu leisten imstande wäre: ontologieprogreßgerechte Limitierung überflüssiger Antiproduktionsverdikte, zumal die totalisierenden sühnegefesselten pathologischen, verbunden mit der gedächtnisversierten Inhibition blendender
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Wirklichkeitstautologisierung? Ein Unding, wie es allenthalben scheint: Limitation, gar nicht mehr nur auf Subjektivitätsdisziplinierung begrenzt, und Nichttautologisierung in einem? Eine neuidealistische Selbsttäuschung, Prätention? Sie bemerken: wir haben die Ausgangsfrage wieder erreicht. Kann ich nun nicht umhin, in der Tat beides ineins zu halten - dies gar als den Inbegriff dessen, was ich philosophisch im Schilde führe -, so sehe ich mich zu einer prekären Bescheidung genötigt, deren einschneidende Differenz zur kritisierten orthodoxen Psychoanalyse/Anti-Ödipus/Krankheit selber ich vorab nicht sehen kann - der queren Bescheidung nämlich, sehenden Auges zwar, doch nicht weniger ohnmächtig, mit doppeltem Maß zu messen. Will sagen: die selbstverständlich gewordenen Tautologien - wie etwa Brücken - gegen den Verdammungsarchaismus des Brückenphobikers vom Antiproduktionsverdikt auszunehmen, wohl wissend, daß dieser zu Olims Zeiten mit seinem Urteilsspruch im Recht war, doch so, daß er damals nicht zuletzt dadurch mit dafür sorgte, später ins Unrecht gesetzt werden zu können; und diejenigen Menschendinge, die gewaltlose Tautologisierung, die Einsetzung in die ontologischen Wirklichkeitsrechte, verweigern, vom Antiproduktionsverdikt strikte nicht zu entbinden (so wie der Brückenphobiker zu Olims Zeiten, der damals keiner war), ebenso wohl wissend, mit diesem Recht dazu beizutragen, später ins Unrecht gesetzt werden zu können.
Muß uns dies aber nicht dürftig und in seiner Trivialität aufdringlich dünken? Wo ist die große Sinngebung des autonomisierten memorialen Kontrapunkts geblieben? Stände es diesem mageren Sinnrefugium unseres eigenen Tuns nicht allein noch gut zu Gesichte, die psychoanalytische Orthodoxie nicht mehr zu attackieren; den unsinnigen Verdammungsachaismus des Kranken nicht dadurch noch zu nähren, daß ihm ein unhandliches und letztlich gar kollabierendes Doppelmaß zugemutet wird, noch mehr Bestrafung also, als er sich eh schon zufügen muß? Warum dann nicht philosophisch die Konsequenz des Anti-Ödipus ziehen, jedenfalls bis zu dem Punkt, diesseits dessen vermeidbar würde, sich in seiner memorialen Kapriziertheit lächerlich zu machen? Warum nicht angesichts der Maß-losigkeit des Maßstabs, gleichwie gedreht und gewendet maßlos bleibend, die vergebliche Liebesmüh seiner peremptorischen Konstitution nicht drangeben? Die Bedenken gegen meine Signifikationsschemata bestehen demnach zu Recht (sehen Sie einmal von ihren Inhalten ab); sie sind nämlich
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rein synchronisch; erlauben keinerlei Progreßdiagnose, auch wenn es ob der Einführung der Hypersignifikation den Anschein dessen haben mußte; sind, diesbetreffend haltlos, nur applizierbar jeweils als Aufbruchmuster einer Signifikation, die über die Kollapsfolie zur Hypersignifikation führt, die dann selbst wiederum für die nächste Signifikationsrunde den Signifikationsausgang bildet, ohne daß dem schon anzusehen wäre, daß und wie's bergauf geht (darin vergleichbar etwa dem isolierten Hegelschen Dialektikschema).
Typische Wegverzagtheiten? Aber ja. Ich habe zum heutigen Schluß nun zwar nicht in einer tour de force vor, das Argument der, wie auch immer schon reduzierten, Maß-losigkeit des Kritikmaßstabs des memorialen Kontrapunkts einfach wegzuwischen; ebenso nicht, die Verführungskünste des Anti-ödipus wieder abzustreiten; auch nicht, die haltlose Synchronie meiner Signifikationsschemata in der Ambition evolutions-, progressionsgemäß zu modifizieren (was durchaus möglich wäre), daß sie auf Aktualität absolut anwendbar würden; nicht weniger nicht, zur operationalen Einlösung unserer noch so sehr labilen Philosophienovität die entsprechende Abänderung der Psychoanalyse in Anti-Psychoanalyse - um sogleich das Austragsfeld unserer besonderen Wahl und Zuständigkeit zu zitieren - vom Zaun zu brechen. Gewiß nicht. Nur muß ich - ohne jede Versprechung freilich - zu bedenken geben, daß die aufgekommene Exposition der Aporien der Hegel/Marx/Freud-Hypothek eines höheren aufgeklärten geschichtsphilosophischen Positivismus der Maßlosigkeit memorialer Kritikmaßstäbe (abgeschlossene Gemessenheit des Vergangenen und Unmeßbarkeit des Gegenwärtigen) insofern nicht schockieren muß, als wir noch immer ganz am Anfang des philosophischen Experiments einer Gedächtnisauflassung stehen, deren erklärtes Ziel es ist, den Progreß des Abbaus des Idealismus nicht mit dem Progreß der Depotenzierung memorialer Kritikkriterien inmitten eines abstrakt blühenden Materialismus bezahlen zu müssen. Es kann fürs erste dann schon recht viel bedeuten, jedenfalls philosophisch, die Unabsehbarkeit der striktesten Gedächtnisauflassung gegen den mächtigsten Sog, deren Inbegriff, das Produktionsphantasma, durch dessen Maßlosigkeit bekehrt, verschwinden zu machen, zu riskieren - und sei es noch so modern, ein solches Risiko nicht einzugehen. Oder Lacansch ausgedrückt: den Symbolismus menschlicher Wirklichkeit (Ontologie) um der memorialen Bewahrung
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des Imaginären (des Produktionsphantasmas) und der Vermeidung von Realität (im Sinne des quid pro quo des blinden Dingspiegels) willen auf Dauer zu stellen, dies gegen die Anfechtungen nicht zuletzt auch der psychoanalytischen Orthodoxie, und sei es wiederum der modernsten, das Symbolisierte (Produktionsphantasma) in seiner Infantilitätsqualifikation zum Echopräteritum des auserwählten Schuldträgers zu bestimmen und also der prekärsten Realitätstautologisierung, der vorzeitigen -Exkulpation, Vorschub zu leisten. Gewiß, dies ist fürs erste noch wie ein Sternenbild verhinderten Memorialitätszuschlusses, dessen Ästhetik wiederum allzu leicht über dessen und sei es nur philosophische Realisierungsnöte hinwegtäuscht. Und uns bleibt nichts anderes zu tun übrig, als die memorialen Stollen unverführbar weiter und tiefer zu treiben, vorerst nur in der Hoffnung, im sich ankündigenden generationssexuellen Körpereingedenken, der Ausspannung des erhaltenen, sichbar bleibenden Phantasmas, Gewähr zu finden für eine gemessene Aneigbarkeit des aktuellen Stands der Herstellung der absoluten Differenz. Wohlan!
Heute habe ich Ihnen genealogisch weiter berichtet über die fortgeschrittene Bewährungsnot von Genealogie, dort wo es erneut und a fortiori darum geht (auf zum letzten Gefecht), die Gedächtnisblendung aufzuhalten; Gedächtnisblendung diesmal in der Form der metabasis der memorialen Kontrapunktik in Produktionslogik hinein, die schlechterdings nicht mehr garantieren kann, das Vergessen des Produktionsphantasmas nicht in dessen Zerstörung zu hypertrophieren und also das quid pro quo der Produktion blinder Ontologiedingspiegel zu praktizieren. Es frommt nun aber zu nichts, dafür die Produktion der Antiproduktion zu bezichtigen, wo es in die Augen springt, daß dem Gedächtnis selber diese Indifferenz als Maßlosigkeit des memorialen Kritikmaßstabs anhaftet, auch dann noch, wenn man das Produktionsphantasma mit angemessenen Diachronieindizes versieht. Es bleibt also keine andere Wahl, als, der Gedächtnisauflassung abstrakt vergewissert, sich in dieser, das Produktionsphantasma körpereingedenkend sexuell ausspannend, fortzubewegen. In jedem Fall ist diese Auflassung geboten.
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VII. Nackt und bloß
Ausspannung des Produktionsphantasmas auf den Körper als generationssexuelles Eingedenken - ein fortgeschrittener, und mehr als bloß fortgeschrittener, memorialer Akt: warum jetzt dies? Wie geht dies vor? Wo lauern die Gefahren dieser Wegstrecke? Wir hatten dringend Grund anzunehmen, daß die Genealogie an einem Ende angekommen, gar nicht mehr fortsetzbar sei in der philosophischen Totalisierung des Produktionsphantasmas als Trias Stoff/Ritual/(Inversions) exekutive, deren wohl befremdliche opferlogische Version vielleicht dann am ehesten noch die vage Aussicht auf genealogische Fortsetzung offenzuhalten vermochte. Raste das Produktionsphantasma in dieser Philosophiegestalt nicht sogleich ins Verschwinden seiner produktionslogischen Externalität, ließ es sich memorial überhaupt festhalten, so kam ihm im Gedächtnisinnern am ehesten der Status eines bestimmten Geisterwesens zu, der der Vermummumg: eben der gut traditionell philosophischen Art, nicht selbst in der Leichenschau schier zu erstarren, den grauenvollen Stillstand, die Vermittlungsblockade kompromißhaft vielmehr in diese Zwitterform des dicht umhüllten Gespenstes (freilich hinter dickem Glas und bloß fotografiert, das versteht sich) hinein aufzulösen, als Interim von Memorialität und Produktion zu dynamisieren.
In dieser Philosophiediagnose der Vermummung nahmen wir es schon vorweg: die Fortschreibung von Philosophie muß demnach in der Geisterentkleidung, in spiritueller Denudation bestehen. Die Apologie des herkömmlichen Denkens dagegen, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, also das Kunststück fertigzubringen, Gedächtniskontrapunkt und Produktionslogik ineins zu bilden, zählt nicht mehr; denn solcher Vorteil wird im Rückblick, so er sich verteidigt, zur ärgsten crux, nämlich an der Blendung des Gedächtnisses ob der Phantasmaumhüllung mitzutun. Die avancierte Emanzipation des Produktionsphantasmas, moderne Philosophie, lebt hingegen aus dessen fortgesetzter Entblössung, Abtrennung von seiner alten Philosophiehülle, kurzum der Verschärfung der Differenz zwischen Gedächtnis und Produktion. Weg also von dieser, retrospektiv gesprochen, typisch philosophischen Blockadeambiguität!(Allein, der Weggang davon hat sich doch wohl blind längst schon von selbst besorgt, neoneohistoristisch,
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wissenschaftstheoretisch und wie sonst noch!)
Vielleicht wird es jetzt schon erahnbar - wir befinden uns ja im Kontext der Frage nach dem Warum dieses neuen genealogischen Schritts der Bloßlegung -, daß deren exklusiver Sinn darin besteht, fernab davon, beliebig verordnet werden zu können, dem Gesamtstand der "absoluten Differenz" ganz in deren Diensten und auf dessen Spürung, Genuß, Aneignungschancen bedacht, zeitgemäß angemessen memorial abzuspiegeln. Und vielleicht gewinnen jetzt auch schon Gefahrenpunkte dieser genealogischen Adäquation erste Konturen - so etwa der, die neuphilosophische Purifikation des Produktionsphantasmas durch Entkleidung immer zum Zweck der Abbildung des Stands der absoluten Differenz nicht in eine falsche Unilateralität mangelnden Hinüberblicks, wohin die dem Produktionsphantasma entrissene Hülle abgetreten wurde, hineinzusteuern, Produktionskontrapunktik in der irrigen Meinung zu unterlassen, generationssexuelles Körpereingedenken, solche progressive Genealogie sei selbst schon die große Befreiung von Sexualität - mitnichten! Höchstens scheint es dieser auch vergönnt - sie macht die Ausnahme just nicht -, sich in der Art der abgeworfenen Hülle im Objektiven (Unbewußten) ebenso zeitgemäß zu organisieren. Man könnte es drastisch und paradox gar so sagen, daß eben die Psychoanalyse als Antipsychoanalyse, philosophisch die vorgestellte Genealogie, der fama ganz entgegen, "mit Sexualität nichts zu tun hat".
Warum also dieser neue Genealogieschritt? Allein die Wahrung von Gedächtnis, zeitgemäßer Philosophie mit ihrem notorischen Zweck macht die propagierte Entblößung des Produktionsphantasmas zwingend. Entweder wir bleiben bei traditioneller Philosophie stehen und nehmen deren blinde Selbstaushöhlung in Kauf, oder wir begeben uns in dieses Neuland. Nichts gibt es dazwischen.
Um zur Methode der Körperausspannung, Entblößung überzuleiten, könnte sich nun die Apologie der zähen philosophischen Tradition darauf zurückziehen, daß das Zitat von Körper und Sexualität gleichwohl überflüssig sei (Bauernfang, laut gedacht), insofern es sich doch nach der eigenen Aussage in der Entblößung um einen rein memorialen Akt handelt. Sicherlich. Der Begriff des Eingedenkens, Körpereingedenkens aber sagt es einzig korrekt: es wird des Körpers gedacht und darin allein - des Körpers/gedacht - bleibt die genealogische
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Relation zwischen Gedächtnis- und Produktionssphäre gewahrt. Traditionell, und sei es noch so virtuos, ausgedrückt, würde die erforderliche Gedächtnisauflassung als Produktionsphantasmaentkleidung eo ipso wieder aufgehoben und Philosophie so obsolet, indem sie vom Status der Präsentation zu dem traditioneller Repräsentation, von Entblößung zur Vermummung regrediert.
Wie aber geht die genealogische Präsentation in ihrer körpereingedenkenden Bezugswahrung zu den Ontologiedingen hinüber vonstatten? Wir müssen uns jetzt der Trias der generationssexuell versierten Signifikationsschemata entsinnen. Ist es denn nicht unvermeidlicherweise so, daß diese abermals maß-los synchronisch nur in sich selber kreisen können? Hypostasiert selbstverständlich - so kämen wir keinen Strich weiter. Wesensgemäß memorial kontrapunktisch verwendet indessen gilt fürs erste die Rahmenvermutung: je diskriminierter Gedächtnis und Produktion, je enthüllter demnach das Produktionsphantasma, umso höher die memorialen Anmessungschancen dergestalt, daß sich das Dritte der Beziehbarkeit von Gedächtniskontrapunkt und Produktion diachronisierend herauszustellen beginnt; je enthüllter das Phantasma, umso stärker die Imposition dieser Drittenausgliederung. - Trifft dies zu - und wir müssen uns hier besonders achtsam auf Begründungsreklamationen einstellen -, so hätten wir die Legitimation unseres genealogischen Vorgehens schlechthin gefunden, eingestellt in ein Progreßkonzept von Philosophie im Sinne fortgesetzter Gedächtnisdiskrimination als Parallelführung zum gesamtontologischen Fortschrittsinbegriff sich dialektisch radikalisierender Stoffaufzehrung als der großen Huldigung an den sich in dieser seiner Aufzehrung selbst permanent freisetzenden Stoff; eines memorialen Parallelismus, der weder auf den Status eines bloßen Objektivitätsabklatsches noch aber einer emphatisch insgeheimen (oder gar schon offenen) -regie vereidigen läßt, der vielmehr, nichts als Ontologiespezialisierung, die folgerichtigen Wechselfälle der Ontologieevolution insgesamt, en detail zwar schwerlich determinierbar, mitdeterminiert. Ich denke, daß Sie sich von diesen philosophischen Verhältnissen ein genaues Bild zu machen verstehen; kennt man Philosophie von innen - freilich bleibt dies Voraussetzung -, so dürfte das nicht besonders schwierig sein. Jedenfalls müßten in einer evolutionsgerechten Notation der besagten Schemata Zeichen ersonnen werden sowohl zur Markierung des Stoff-Aufzehrungs- und -huldigungs-
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progresses (so etwa Mehrfach-Durchstreichungen, -bekreuzigungen, -einklammerungen) als auch der allentscheidenden mitprogredienten Materieemanzipation, der fortgesetzten Etablierung der Kollapsfolie (für die ich mir noch keine Zeichen überlegt habe) als auch der entsprechenden Memorialitätsspezialisierung Philosophie. Ernsthaft: laßt uns einen genealogischen Algorithmus der Ausspannung des Produktionsphantasmas als generationssexuelles Körpereingedenken erfinden, über dessen genauen Ontologiestatus wir dann freilich wiederum nachdenken müßten ....
Im Groben:
(Entsprechend zu versehen mit einem Gedächtnisdiskriminationsquotienten zum allgemeinen Progreßindex beispielsweise von 3.)
Nochmals zurück zur Gedächtnisspezialisierung Philosophie, wie wir sie zeitgemäß in fortgeschrittener präsentativer Gedächtnisauflassung zu betreiben versuchen. Es galt die Konjektur einer Gesetzesläufigkeit, die besagt, daß memorial kontrapunktische Beziehbarkeit und Entblößung des Produktionsphantasmas eine Proportion bilden. Dies ist formal und ex negativo erweislich gewiß evident; denn wie soll man Größen, die kontaminiert sind (hier im Sinne traditioneller Repräsentation versus avantgardistischer Präsentation) aufeinander beziehen können? Man muß sie diskriminieren, um das Verklebungssubstrat sozusagen als das Dritte der Beziehbarkeit (Maßstab, tertium comparationis) freizusetzen. Was aber bedeutet dem einschlägigen genealogischen Gehalt nach dieses Dritte? Und überhaupt: wie ist philosophisch-gehaltlich der betreffende Anmessungsgang vorzustellen, wo absolute Bestimmbarkeit ob der Progreßdiachronie doch entfallen
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muß? - Zunächst: wir werden vergeblich darauf warten, daß sich dies Dritte herstellt und uns maßgebend leitet, wenn wir im Absoluten, suggeriert just durch die Abstraktion der maßlosen Synchronie dieser Verhältnisse (diesem neuen Befall von Leichenstarre), das kontrapunktische Messen initiierten. Nein, ganz umgekehrt - das ist das Gegenteil eines salto mortale, der umgekehrt in der Resurrektion der Idealismus-Paranoia zugemutet erscheint -: wir müssen akzeptieren, daß dies Dritte, dessen gehaltliche Qualifikation in diesem unserem Genealogiekontext wir uns vorgenommen haben, das Ganze (integrum) des ontologischen Evolutionsstands jeweils ausmacht und daß es allein die Gewährungspotenz besitzt, den Grad der Entblößung des Produktionsphantasmas, den Diskriminationsquotienten Gedächtnis versus Ontologiedinge, so zu terminieren, wie es selbst dies nicht nicht untersagen kann. Diese Inversion aber hat zwingend zur Konsequenz, zwischen Repräsentation und Präsentation dann einen bloß noch graduellen Unterschied des Diskriminationsquotienten einräumen zu müssem; woraus aber seinerseits keineswegs folgt - sehr zu Gunsten des Novitätscharakters der propagierten Präsentation -, Repräsentation und Präsentation wiederum einebnen zu müssen. Nein, sie sind so voneinander geschieden, daß es in ihrer Differenz kein Drittes geben kann, und doch bleiben beide notwendig eben so relativ miteinander im großen Dritten des durch sie in dieser irreversiblen Reihenfolge progressivierten ontologischen Eschatons (der "absoluten Differenz"). Auf jeder Evolutionsstufe also ist die sich anscheinend eo ipso einstellende Maßlosigkeit Artefakt der notorischen memorialen Usurpation des Produktionsgrundes; was schlechterdings aber nicht heißen kann, sie fiele damit aus der Ontologiemotivik heraus, im Gegenteil (was im Algorithmus noch fehlt, das ist freilich die genaue Pathologielokalisierung!); und dieses Usurpationsartefakt an memorialer Maßlosigkeit mäßigt sich etappenweise im präzisen Philosophieparallelismus (besser: -spezialisierung) der Ontologieproduktion überhaupt, und zwar über die Maßvereinseitigung im erreichten Gedächtnisnovum bis hin zur progreßerhaltenden Freigabe der eigenen Position sowie des relativen Messens insgesamt zugleich. So die ontologiegemäße innere alternativelose Philosophiebewegung, die wir damit für uns hergestellt haben: (gehen Sie nur der Bewegung der Signifikationsfiguren memorial parallel nach) Aufbruch in die Maßlosigkeit, Maßvereinseitigung, Maßabtretung als diachronische Eigenmaßstatuierung.
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Wir sind also nochmals davongekommen. (Und wenn dies nicht der Fall gewesen wäre? Nun denn, aus dieser Welt können wir nicht fallen, in der Tat nicht!) Was wir ausführten, müssen wir rückblickend demnach nicht etwa widerrufen oder korrigieren, vielmehr nur an die rechte Stelle in diesem Memorialitätsprozeß von Philosophie rücken. Alles trifft zu, nur eben a-topisch nicht, und also kann ich es Ihnen getrost überlassen, die topologischen Richtigstellungen selber vorzunehmen.
Schließlich besteht, um auf die letzte Eingangsfrage zu kommen, die Hauptgefahr dieser genealogischen Wegstrecke in der Grundgefahr von Ontologieproduktion selber, der unvermeidlichen. Und philosophisch spezialisiert in der Gedächtnisinflation, der Maßlosigkeit der kontrapunktischen Mühe (und auch des schwächeren übergangsablegers der Maßvereinseitigung). Die Alternative gilt im Selben: entweder Inflation oder Fragmentierung. (Von der partiellen Verführung hingegen, die aktuelle Präsentation des Produktionsphantasmas, dessen genealogischen Entblößung, mit dem erneuten Mummenschanz eines scheinbar besonders progressiven Sexualitätsverständnisses zu verwechseln, sind wir längst schon kuriert.)
Mit dieser Art also begründbarer Gedächtnisauflassung der propagierten zeitgemäßen Version des Produktionsphantasmas scheinen nun, um das Begründungs- und Abgrenzungsproblem nicht sogleich zu verabschieden, alle philosophischen Verhältnisse auf den Kopf gestellt; solche Philosophie - nicht nur die verkehrte Welt, sondern auch, gemessen etwa an derjenigen (der Hegelschen), die sich selbst so qualifiziert, insofern perverse Philosophie, weil es nicht nur prima vista so anmuten muß, als regrediere sie zum Status von so etwas wie "Kunstreligion" gar vor die "entfaltete Religion", dispensiere sich selbst in ihrer längst doch etablierten genuinen Begrifflichkeit, um deren Platz antikisierend bestenfalls mit kunstgewerblichen und schlimmer noch mit lebensphilosophisch-faschistoiden Mythologumena zu besetzen. Trotz laufender gegenteiliger Beteuerungen war es bisher ja nicht vollends vermeidbar, als Revenant des Jungianismus, Magier der Ursprünglichkeitszitation des Mythos, bisweilen wahrgenommen zu werden. Selbstverständlich kann ich, muß ich ausgewiesen dabei bleiben, daß traditionelle Philosophie selbst auf ihrem höchsten
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Stande, auch wenn ich selbst wie vordem solche in der opferlogischen Trias Stoff/Ritual/(Inversions)exekutive applizierte, die erreichbare und schon erreichte aktuelle Bloßlegungsform des Produktionsphantasmas, von dieser selbst und deren Maßgabevereinseitigung her relativ gesehen, empfindlich eingetrübt, memorial obsolete Verhältnisse der Verhüllung, der Verpappung von Produktion und Gedächtniskontrapunkt einführt, philosophische Restauration betreibt. Und eben wegen ihrer Relativität, ihres Topos auf dem Wege der Konstitution unseres Philosophiebegriffs, gilt solche Kritik wiederbelebter früherer Zustände uneingeschränkt. Allein solcher entscheidende Nicht-Widerruf heißt eo ipso aber nicht, den tiefen Sündenfall zu begehn, abermals dies avancierte Produktionsphantasma mit dem Produktionsgrund, dessen Disposition selber, zu vertauschen, was freilich zwangsläufig - das pervertierte Phantasma sagt es ja selbst - zu der neuheidnischen Talmi-Originarität mythologisierender Begriffsverunglimpfung führen muß; und dies gar mit der fatalen Neigung - Realisation von Philosophie directement - praktisch werden zu wollen, um den inneren Memorialitätskollaps in die Bodenlosigkeit unmittelbarer Verwirklichung des Produktionsphantasmas in dieser seiner bloßgelegten aktuellen Form selber hinein aufzufangen: Resurrektion des Alfred Bäumler & Co.
Nutzen wir die Gelegenheit an dieser Stelle, die Gefahr der Denkfaschistisierung nochmals und nicht mehr nur en Passant heraufzubeschwören. (Ich denke, daß die Abbildung dieser unserer Überlegungen auf bekannte faschismustheoretische topoi unproblematisch ist.) Dem Antipoden Marxismus vergleichbar, meint Faschismus Realisierung von Philosophie. Die avancierteste Gedächtnisauflassung stürzt, innermemorial nicht festhaltbar, an ihrem Verschwinden, der Produktionsmetabasis vorbei, indem sie diese durch Pseudodesavouierung in ihrer wuchernden Effizienz abdeckt, als solche - Gedächtnisauflassung selber - in Produktion. Faschismus als verheerendste Usurpation des Produktionsgrundes, so verheerend wegen des Ausgangs von Memorialität, Philosophie in der Form kollabierender Gedächtnisauflassung, die, selbst sich als Produktion einrichtend, in Scheinkonkurrenz zur blindwütend fortgesetzten Produktion, die memoriale Maßlosigkeit also verdoppelnd festschreibt. Zeitbombe, die in Philosophie tickt; wie gefährlich Philosophie doch ist! Vor diesem Abgrund kann für Philosophen nur noch ausschließlich gelten, die
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schwere Kunst zeitgemäßer Gedächtnisauflassung in rücksichtsloser Gedächtnisspezialisierung zu lernen, um der größten Versuchung von Philosophie, der faschistischen, zu widerstehen, nämlich Gedächtnis und Produktion, an der Gedächtnismetabasis in Produktion hinein vorbei, kurzzuschließen, Gedächtnis also zur Realität zu pervertieren. Versuchen wir doch, diesen großen Philosophentraum endlich auszuträumen; die kleineren versorgen sich im philosophischen Betrieb ja fast schon von selbst.
In einem anderen unangreifbaren Sinne scheint die aktuelle Gedächtnisauflassung der Produktionsphantasma-Denudation als generationssexuelles Körpereingedenken hingegen "regressiv" (wobei der eine faschistische Regressionssinn nicht mehr als die notorische Köderfassade von Ursprünglichkeit denotiert), und zwar dergestalt, daß die Gedächtnisauflassung, genealogische Philosophie auf diesem zeitgemäßen Stande als sicherer Index dafür gelten kann, daß im Spiegel des wachsenden Todes des ontologischen Fortschritts der Ontologiedinge Eros als Dasselbe am anderen Ende proportional nicht minder zu wachsen imstande ist; daß der Aktualisierungsquotient der "absoluten Differenz" zugenommen, daß der Ausstand an Indifferenz des OntologieGesamtsujets sich reduziert hat zugunsten der Differenzzunahme von Stoff, Ritual und des Vollzugs der Exekutive; daß die Vorgabeleere der Gleichgültigkeit von Leben und Tod randständiger wurde, der Opferkeil der Hominität sich, diese Vorgabe sich fortgesetzt zu eigen machend, verdickte, verstärkte.
Die Indizialität der Gedächtnisauflassung dafür, für solche Progreßgradabschätzung, ist und bleibt, wenn sie überhaupt als solche fungieren kann, auf den Allgewährungsgrund freilich rückwirkende
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Verstattung der Gesamtverfassung von Ontologie, keinerlei Maßstab aber, der sich rein aus sich selbst zu konstituieren imstande wäre. Scheint diese Idealismusprätention prozessuell zwar unvermeidbar, so geht es doch nicht mehr an - ich denke nicht, dies sei nun plötzlich normativ-moralisch gedacht -, diesen Prätentionszug anders als, strikte memorial borniert verbleibend, zur vollen Memorialitätskonstitution selber einzuräumen, nicht indessen, um die apokalyptischen Reiter heraufzubeschwören, sprich: die faschistische Doppelmetabasis als die Erfüllung des philosophischen Idealismus zu reproduzieren. In bewährter Amoralität erfüllt sich ihrerseits die aktuelle Gedächtnisauflassung der Produktionsphantasma-Entblößung, wie gehabt, in dieser radikalen antifaschistischen Gedächtnisbornierung, tunlichst intellektueller noch als intellektuell, und nur, indem sich Gedächtnis strikte in sich selber zu kasernieren verstünde, erhält sein Objekt Produktionsphantasma die nicht absolute, bezüglich-rückbezügliche Progreßmaßstäblichkeit insgesamt, memorial genealogisch selbst und produktiv, und vermöchte gar, mit aller Vorsicht gesagt, zum Leitfaden intensiv umfassender Aneignung des ontologischen Evolutionsstands zu werden, die gewiß dann in nicht sentimentalischen Formen ontologiegenealogiegemäße Aussöhnung mit dem philosophischen Idealismus und seinen verheerenden Folgen vonstatten gehen kann. Wir müssen uns eben immer nur wieder des Status unserer Version des Produktionsphantasmas vergewissern.
Nutzen wir schließlich noch die Gelegenheit, ob unserer besonderen Sympathien für die antike Mythologie (und zunehmend auch für deren Verlängerung, die christliche Dogmatik) zu demonstrieren, daß die von uns propagierte Genealogie, betreffend die generationssexuelle Phantasmadefinition, schlechterdings nichts mit einer Repristination des Mythos (einschließlich der christlichen Mythen) zu tun haben kann, damit die antifaschistische Denkpanzerung in solcher Purifikation des Selbstverständnisses des eigenen Tuns sich weiter noch verbessere. Wenn überhaupt, so ist die generationssexuelle Phantasmaversion Säkularisat von Antike und Christentum, nicht aber deren romantizistische Repetition. Der Anschein der Indifferenz trügt insofern freilich erheblich, als jedesmal generationssexuelle Kategorien genealogisch eingesetzt erscheinen. Gewiß; doch deren diachronieeröffnender genealogischer Effizienzzustand ist nicht weniger
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hochdifferent. Worin liegt der Unterschied? Schauen wir auf unser Hominitätskeilschema zurück - ich kann freilich jetzt nicht vorhaben, in extenso Ontologiegeschichte vorzuführen, gleichwohl- : einfach darin, daß der Götter- und Christenhimmel im Sinne des göttlichen Vorbehalts nicht zuletzt den ganzen Ausstand an Hominitätskeilstärke, Ontologieeinlaß ins Sein, die Eros-Thanatos-Gleichgültigkeitsmasse an ontologischer Sujetvorgabe hoffnungsvoll allerdings derart nominiert, daß in diesem Ausstand die Götter wohnen respektive - schon fortgeschrittener -, daß dieser reine Stoff des einen Gottes selber ist. Wohingegen in unserer säkular-materialistischen generationssexuellen Version des Produktionsphantasmas, ganz nach dem Maß des objektiven Ontologieprogresses (freilich machen wir jetzt Känguruhsprünge), sich der noumenale Vorbehalt von ehedem reduziert auf den immanenten Generationsausstand inmitten einer Ausstandskonzeption, die ob ihres materialistischen Charakters nicht mehr in ihrer alten Vorbehaltsverfassung fungiert. Sehen Sie den Progreß? Die Körper der Götter und der Körper des Gottes (subiectum Sexualität!) sind fortgesetzt menschliche Körper geworden, mit dem unvorbehaltlichen Selbstausstand der Generation und damit (immer noch) mit dem Stigma des noch nicht an die Ontologiedinge vollends schon abtretbaren Todes, der Sterblichkeit, versehen. Dies und nur dies drückt die generationssexuelle Phantasmaversion, unser genealogischer Fund, aus; und so nur stellt sie ihre Maßgeblichkeit unter Beweis, fernab davon, mythische Zeiten, und sei es auch nur historistisch, zu restaurieren. Im Gegenteil, nur auf diesem strikten Fortschreibungswege tritt deren Bann außer Kraft.
Der Genealogierapport handelte diesmal über die (methodologische) Begründung der präsentativen versus repräsentativen Gedächtnisauflassung, Entblößung versus Verhüllung des Produktionsphantasmas als der zeitgemäßen Form genealogischer Philosophie. Es zeigte sich, daß die Maßstäblichkeit dieser Phantasmaversion sich ausschließlich in deren antiidealistischen und ontologieprogreß-relativen prozessuellen Konstituierung aufrecht erhalten läßt. Die Ursprünglichkeitssuggestion des generationssexuellen Körpereingedenkens als des Phantasmainhalts konnte im Kontext der Skizze eines Faschismusbegriffs, der auf die Doppelmetabasis von Memorialität in Produktivität (jener als solcher direkt und sich vor das übliche Verschwinden schiebend)
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abhob, abgewiesen werden. Schließlich kündigte sich bereits die Richtung der Anmessungsmöglichkeiten, die Konkretionschancen dieses unseres memorialen Index des Ontologieprogresses in einem groben Vergleich mit dem generationssexuellen Körpereingedenken im antiken Mythos und in der christlichen Dogmatik an: Reduktion des Ontologieausstands materialistisch auf die Zeitdefizienz von Generation.
VIII. Katasteramt
Sollte es möglich sein, jetzt schon in den Genuß der Maßstäblichkeit des exponierten memorialen Maßstabes - einer Gedächtnisauflassung, aus der, wie bekannt, die körpereingedenkend generationssexuelle Version des Produktionsphantasmas hervortritt - zu kommen? Sollte es möglich sein, daß die Einsicht bildende Kraft dieses Maßstabs schon wie ein Schlüssel wirkt, der alle Tore dessen, was zeitgemäß ontologisch der Fall ist, diachronisierend insgesamt und nicht weniger in sich, zu öffnen versteht? Daß genealogische Philosophie im Herzen des status quo ihren Geistertanz der großen antijurisdiktionellen Spiegelbeglaubigung unbestechlich, weil es in dieser Retrospektive keinen Kampf mehr geben kann, vollführt? Daß der Anmessungsvorgang anmessend den Maßstab weder vergißt noch, sich selbst blockierend, einbehält noch produktionskonkurrierend inflationär selber realisiert noch in den fluxus reiner Energie verwandelt - weder Wissenschaftstheorie, hypostasierte Produktionslogik, noch in sich eingesperrte Geisteswissenschaft, Hermeneutik, noch Ursprungsdenken, faschistische Metaphysik, noch Wunschmaschinenenergetismus, sinnleerer Anti-ödipus dergestalt? Ich denke schon, wenn wir uns den vorgeführten Konstitutionsbewegungen der Mensuralität unseres Maßstabfundes anvertrauen können; was wir de facto ja längst schon an allen Ecken und Enden zu tun versuchen, so daß die Verlegenheit nicht verwundern muß, oft mit einem Bein ins Jenseits der möglichen inneren Sättigung dieses Denkens geraten und halbwegs den zitierten Versuchungen der Maßstabdestruktion erlegen zu sein.
Es gilt also zu fragen, worin präzise die Maßstäblichkeit unseres genealogischen Maßstabs besteht. Wir brauchen uns jetzt nur noch
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von dem, was im Vorgriff schon formuliert vorliegt, leiten zu lassen - generationssexuelles Körpereingedenken -, um die vorerst abschliessende Antwort darauf zu finden. Generationssexuell - in den entsprechenden familialen Kategorien - wird des Körpers gedacht. Die immer wieder begründete Unabdingbarkeit dieser Memorialität des nähern indiziert, und so ist es von Anfang an in diesem Wortgebrauch gemeint gewesen, die spezifische Defizienz der Körpergeneration selber, die eine vorausgehende Defizienz (die des Geschlechterunterschieds) als aufgehobene mit sich führt und die Letztdefizienz (der Sterblichkeit) in der ihr eigenen als zeitgemäßer ontologischer Ausstandsform unter Beweis stellt. Und eben in dieser Zwischenstellung macht sich die Maßstäblichkeit dieser Version des Produktionsphantasmas als solche allenthalben nachweislich effektiv. Die generationssexuell körpereingedenkend produktionsphantasmatischen Schemata sagen es in aller Deutlichkeit selbst, und indem wir sie fanden und haltlos noch ausdifferenzierten, waren wir uns selber voraus: - Auf dieser aktuellen, sicher also indizierten ontologischen Evolutionsstufe gilt der allherrschenden Tendenz nach die Geschlechterdifferenz nicht mehr.
- Dagegen aber gilt der Generationenunterschied a fortiori als die zeitgemäße Sterblichkeitsverfassung des verbliebenen Ontologieausstandsgrads.
- Diese zeitgemäße Sterblichkeitsform motiviert die künftige Auflösung dieses großen Ausstandsrestes (im Sinne der peremptorischen Herstellung, wie bekannt, der "absoluten Differenz").
Sehen wir uns die Schemata daraufhin, zunächst auf die Aufhebung der Geschlechterdifferenz, an. Gleich an welchem familialen Posten Sie auch ansetzen, weder intern (absolut) noch bezüglich prozessuell kann Geschlechtsidentität statuiert werden. Dies wäre einmal mit allem strukturalistischen Raffinement in einem entsprechenden Algorithmus - nicht hier - des einzelnen auszuführen. Generell ist es sicher so - wir sprechen mit Bedacht vom Produktionsphantasma -, daß keine Geschlechtsfestlegung sich nicht phantasmatisieren (imaginär machen) müßte; so zum Beispiel oder besser: vom einzigen Defizienzund Ausstandsträgerposten her gesehen, liquidisiert sich der Sohn in die Inzestfusion (Vater + - Tochter/ (Mutter) - Sohn hinein ("phallische Mutter/realer Vater"), um als Tochterdeplacement,
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wiederum entsprechend inzestuös fusioniert (Vater ++ - Tochter/ ((Mutter)) - Tochter), sich wiederherzustellen. Freilich ist diese Dialektik von jedem anderen Posten her abstrakt nicht minder durchspielbar - wie sollte es auch anders sein -, doch könnte dieses Spiel darüber hinwegtäuschen,.daß sich in dieser generationssexuellen Phantasmaversion - deshalb heißt sie so! - die Generationskategorien eben nicht schon mitauflösen, umgekehrt vielmehr als Ontologie-Ausstandshort mit dem alleinigen Träger dieses Ausstands, der SohnesPosition, behaupten. Das quid pro quo von Geschlechter- und Generationendifferenz setzte die Maßstäblichkeit dieser Phantasmaversion außer Kraft; und dem gilt es zumal deswegen zu widerstehen, weil ja einzig noch der Erhalt dieser verbleibenden Differenz (der Generationen) die Orientierung, Messung des ontologischen Evolutionsstands erlaubt.
Suchen wir nach weiteren Möglichkeiten, die aktuelle Effektivität unseres Produktionsphantasmamaßstabes abzusichern, und zwar im Sinne seiner Applikation als eines Diagnoseinstrumentariums (des Heraustritts von Philosophie aus dem Status der "Kritik" in den des "Systems", jedenfalls diesem Fortgang vergleichbar), so imponieren in der Tat Tendenzen der Veränderung in den gesellschaftlichen Initiationsritualen - Veränderungen, die selbstverständlich nur sub auspicie und in der Witterung des generationssexuellen usw. Produktionsphantasmas sich zu konturieren beginnen. Wie bekannt, unterziehen Initiationen die Fähigkeit, Ontologie zeitgemäß in irgendeiner Hinsicht zu produzieren, einer Zuverlässigkeitsprobe. Ohne hier des nähern aufs Ritual dessen einzugehen, können wir als die Bewährungsdimensionen die auch für unseren Problemzusammenhang der Maßstabapplikation einschlägigen Fragen formulieren:
- Wie hältst du es mit dem Unterschied zwischen Göttern und Menschen?
- Unter den Menschen mit dem Unterschied der Generationen?
- Und in den Generationen mit dem Unterschied der Geschlechter?
Also befragend begeben sich Initiator und Adept an den Rand des Abgrunds: der Usurpation des absoluten Herrn, die das Kind mit dem Bade ausschütten machte und den Mannsgebärer in leerem Selbstgenügen zurückließe, um sich aufzufangen in der differenzierenden-differenzbeglaubigenden Lebenshuldigung des Todes.
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Die Differenz betreffend, scheint nun de facto längst schon ein Prozeß der Reduzierung ihrer aufgeführten Dimensionen im Gange; und zwar schicken sich Initiationen an, auf die letztaufgezählte Eingangsfrage nach dem Geschlechterunterschied zu verzichten. Freilich ist dieser Verzicht nicht mehr als Tendenz, die nicht schon allerwärts durchschlägt, im Gegenteil; doch dürfte sie deutlich genug sein, ihren Beitrag dazu zu leisten, den Stand der Ontologieevolution sicherer abschätzen zu können nach der Maßgabe des exponierten Produktionsphantasmas in dieser seiner Maßstabapplikation. Den Hauptbeleg meiner besonderen Zuständigkeit für diese Reduktionstendenz macht der Feminismus aus - aktuelle Speerspitze der Liquidation der Geschlechterdif f erenz, der in seinen radikalen (bezeichnenderweise zunächst amerikanischen) Formen einen die Psychoanalyse antipsychoanalytisch bewahrenden Genealogieschub sondersgleichen inaugurieren könnte und dessen Durchsetzung die Richtigkeit, Epochenangemessenheit unserer Produktionsphantasmaversion besonders augenfällig unter Beweis stellt.
Der Hominitätskeil, vorgetrieben in die Seinsindifferenz, hat sich also verbreitert; die Todesgewalt der Geschlechterdifferenz, abgegolten in den korrespondierenden Maschinenformen des also schaffenden Todes gibt die -indifferenz frei: wachsender tätiger Tod als ansteigende Emanzipation des Lebens, zunehmende Lebensexkulpation im Angesicht der perfekteren Maschinen-Schuldmoloche, Ichexternalisierungen. Gleichwohl bleibt das Ontologieeschaton noch in weitester Ferne, der -ausstand so beträchtlich, wie es das präsentative Produktionsphantasma selber zwingend in seiner dringlichen Grenzziehungslesart besagt: die Entsühnung des Subiectums Sexualität ist bei weitem nicht vollbracht; schuldfrei nur das Geschlecht in seiner Schuldabtretung an die Schuldmetallisierung der die Geschlechtsdifferenz ganz und gar homosexuell opfernden Maschinen, in denen das Schreien der Opfer wirklich fühllos nur noch ins eigene Funktionieren hinein implodiert; schuldbefangen aber noch die Generation im Aufriß der Defizienz spezifischer Generationszeitlichkeit, schuldverstrickt demgemäß noch das Ganze von Eros. Im Zwischenreich präsentativer Aufhebung der Repräsentation überläßt der also halbe Gottmensch dies Himmelsstück an Defizienz dem Gotte, notgedrungen und in der Voraussicht der restlosen Herstellung der "absoluten Differenz", der "Existenz" selbst (versus Präsentation versus Repräsentation) des Produktionsgrunds
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angesichts dessen endgültiger Todesgestalt am anderen Ufer des absoluten chorismos; Freiheit von Schuld in dieser Existenz hier, totale Schuldigkeit als dessen totale Fühlbarkeitsaufhebung in der Endzeitmaschine dort.
Wieder zurück zur Epochendiagnose. Sie werden wohl mit mir spüren können, daß das philosophisch-genealogische Hauptdesiderat sich am topos der Ontologiedinge, der fundamentalsexuellen Ausschreitungsniederschläge, kurzum der Maschinen einstellt. Die allgemeine genealogische Maschinengrundrißkunde schafft zwar keine Not - im Jargon des Anti-ödipus oder à la Baudrillard gesprochen, sind die Maschinen in der Tat Wunschmaschinen, Walküren-Wunschmädchen, der Wunsch selbst also fundamentalpervers; auch mangelt es just deshalb nicht an Produktionskunde, Dinggenesis-Logik - sonst hätten wir nimmer diese unsere Version des Produktionsphantasmas finden können. Was (mir jedenfalls) aber noch empfindlich fehlt, das sind adäquate Methodenpraktiken, die genealogische Grundrißkunde mit - Genealogie abdeckender - Produktionslogik an der vordersten Maschinenfront zu vermitteln und also die produktionslogische Blendungsmetabasis des Gedächtnisses, und sei es in noch so subtile Formen von Wissenschaftstheorie hinein, strikte zu verhindern wüßten. Es ist noch nicht einmal klar, auf welche zeitgenössischen Ausprägungen blendend blinder Produktionslogik zu setzen wäre, um wenigstens auf diesem Gleise an die gesuchte vorderste Maschinenfront gebracht werden zu können, woran das ansonsten löbliche Pluralismusgetue auch in der Wissenschaftstheorie nicht zuletzt die Schuld mitträgt. Solange aber diese Mängel grassieren, ist uns die volle Bewährung der Kriterialität unserer Produktionsphantasmaversion nicht vergönnt; denn das Bewährungsherzstück bestände eben darin, den Quotienten der Schuldabsorption der Geschlechterindifferenzierung an den avantgardistischen Maschinenparks präzise messen zu können. Fällt dies aus, so gilt die Maßstäblichkeit unserer Version des Produktionsphantasmas zwar nicht nur auf Verdacht - denn auf der anderen Seite möglicher stofflicher Selbsterfahrung der entscheidenden Geschlechterdifferenzliquidität wird der Maßstäblichkeitsbeweis nicht minder geführt (jedenfalls für den, "der es zu fassen versteht") -, doch fehlt der Geltung weit über einen bloßen Schönheitsfehler hinaus empfindlich so die Bewährungsintegralität. Es gibt also noch viel zu tun.
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Am so exponierten Philosophiebegriff fällt wohl insbesondere auf - ich komme auf die Verschärfung der philosophisch verkehrten Welt zum selbst gar philosophisch verkehrten Denken zurück -, daß Philosophie nunmehr, sollte man meinen, im wenn auch weltlichen Gewande von Religion und von Kunst daherkommt, so als habe sie sich anmaßend verkleidet und darunter bald dieses selber vergessen. Selbst kann ich es zwar am wenigsten wissen, doch habe ich allen Grund anzunehmen, daß von der generationssexuellen Fassung des Produktionsphantasmas, wie gehabt, nach wie vor unvermeidliche Irritationen ausgehen, in denen sich die Mißachtung der üblichen Demarkationslinien zwischen den Reflexionsspezies von Ontologie (Kunst, Religion, Philosophie) widerspiegelt; und dies zumal für den Philosophen, der, wenn ich recht sehe, nachgerade gezwungen wird, sich einzuschwören auf den Mummenschanz des Begriffs, auf die Diskrimination vom nackten Bild des sterblichen sich fortzeugenden geschlechtlichen Körpers, auf den produktionslogischen Schattenwurf der das große Unbewußte ausbildenden Memorialitätsmetabasis, die Philosophie doch seit ihrer Entstehung als Pakt mit dem Fortschritt der Fundamentalsexualität des Produzierens, im Zweifelsfall immer auf Kosten strikter Gedächtnisauflassung, begleitet: die säkulare Kraft der Philsophie gegen den "Mythos". Ich kann hier zwar nicht den Ehrgeiz schon aufbringen, die Diachronieverhältnisse dessen gebührend zu differenzieren, gleichwohl aber behaupten, daß es mit der Philosophie so bestellt (gewesen) sei. - Sehen Sie genau auf die angebotene neue Phantasmaversion hin: die vormals "mythisch" ausgesetzte Erosseite ist jetzt fortgeschritten säkular mitten unter uns - jedenfalls ansatzweise als Geschlechterindifferenz -; und es bedarf zur Rettung der diesen Status haltenden Dingproduktion nicht mehr des produktionslogischen Gedächtniszuschlusses, der memorialen Blendung/Blindheit - jedenfalls nicht betreffend, was das generationssexuelle Produktionsphantasma offenzuhalten vermag. Und diese Fortrückungsdimension ist wohl zu trennen von der apostrophierten Kontingenz unserer produktionslogischen Schwäche einerseits und der wiederaufziehenden Dunkelheit, die, unbekannt in welcher Form, zu gewärtigen sein mag, wenn es irgendwann darum gehen wird, den jetzt an der Generationsdefizienz festgemachten Ontologieausstand weiter zu reduzieren. Die angebotene Produktionsphantasmafassung krankt also keineswegs an einer Deplazierung von Religion/Kunst in Philosophie hinein, macht sich keiner
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regressiven Mythisierung, Asthetisierung oder dergleichen schuldig; umgekehrt vielmehr bezeugte solche Kritik ein Defizit an Historizitätsverständnis, insofern das monierte deplacement nichts anderes darstellt als die allgemeine Stufung des Ontologieprogresses fortgeschrittener Säkularwerdung eines entscheidenden Teils des Götterhimmels als des Inbegriffs der einschlägig aktuellen Gedächtnisauflassung. Umgekehrt also erweist sich die mögliche Versetzung der Generationssexualität in Philosophie als memoriale Ontologie-Evolutionsgewähr.
Mit dieser Verschiebung müssen wir uns vertraut machen, um Philosophie nicht oder nicht nur als ihre eigene historistische Erstarrung am Sternenhimmel (und als noch Ärgeres) zu tradieren: was Signum war des Ausstands, als solcher freilich präokkupiert von der Virtualität seiner Heimholung aus der Kraft der "absoluten Differenz", kurzum: der "Mythos" mit seiner von jeher generationssexuell doch offenen Gegenbildlichkeit des Körpers, vermag mit fortschreitender Ausstandsreduktion seine produktionslogische Effizienzverhüllung, die korrespondierende "Philosophie" also, proportional dazu nicht weniger zurückzunehmen. Folgerichtig erscheint dann das Initium dieser Heimholung, die Indifferenz der Geschlechter, memorial philosophisch als surplus von Gedächtnisauflassung im Produktionsphantasma selber, jedenfalls ex negativo als Exposition des verbleibenden Ausstands. Vielleicht wirds in dieser Diachronieschere noch deutlicher?
Wird ein Stück Himmelssubstanz irdisch, so fallen, so man die Sicht darauf zulassen kann, am Umschlagspunkt Mythos und Philosophie, dieses Stück betreffend, nur diesbetreffend, zusammen, und diese produktionsphantasmatische Kongruenz definiert maßgebend den ganzen Ausstandsrest.
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Wollen wir diesen Begriff zeitgemäßer Philosophie noch stringenter machen im veranschlagten Kontext darauf selbst wiederum beruhender ontologischer Totalisierung, so bedürfte es weiterer Präzisierungen an diesem Ontologieprogreßmodell. Fragen dazu: was geschieht unter dem Erfüllungsstrich nach geschehenem Umschlag mit den Kongruenzelementen? Wie ist das Nachrücken der nächstfolgenden Ausstandsdimension bis hin zum Umschlagsplatz vorzustellen? Was hieße es ebendort für die Memorialitätskulmination Philosophie, wenn dieses Nachrücken, wie vorgesehen, zu seinem Ende käme? - Der Reihe nach. Der Mythos wird irdisch als Zuwachs von Lebensentsühnung, Erosfreigabe; und Philosophie entsprechend als objektive Maschinengarantie dieser Emanzipation im Sinne der notorischen Schuldabsorption als -vertilgung. Wo aber bleibt sodann unter dem Strich das Gedächtnis, Genealogie, um dessen Durchsetzung wir doch in Permanenz und verbissen fast schon kämpfen mußten? Wenn es nach dem Eintauchen in die Erdatmosphäre in diesem Überkreuz tatsächlich keine Spiegelung (Reflexion) mehr gibt, weil es keine mehr geben muß; und wenn, um es noch genauer zu machen, auch aus der Ausrichtung des jeweils gesättigt Reflexionslosen unter dem Strich rechts und links auf den Ausstandsrest oberhalb (Drehung der Schere um 90°) keinerlei Spiegelung resultiert, weil es nur in der Homogeneität des Ausstands zu diesem Effekt kommen kann - nun denn, so scheint es doch erwiesen, daß ontologiegemäß eben dort Gedächtnis überflüssig geworden ist. Was also regen wir uns philosophisch auf? Gewiß. Die Polemik bestand aber nicht, um dies klarzustellen, in der Überflüssigkeit, einem Überflüssigen den unangemessenen Status des Notwendigen gewaltsam zu revindizieren; Kritikadresse war also nicht die Freiheit des Gedächtnissuspenses, nein, ausschließlich ging der Kampf dagegen, den Aufzug dieses Abundanzstatus eben durch die Kompromittierung der Memorialitätsmaßstäblichkeit vor dem entscheidenden Umschlag blockieren zu helfen. Mag dann auch in einem höheren Sinne eine solche Blockade forcierter Einrichtung des großen Unbewußten vor der Chance der nichts als freien Verabschiedung der Bewußtheit - nicht Einrichtung des Makro-Unbewußten, dessen essentielle Auflösung vielmehr - selbst noch Progreßmotiv sein können, so gerät dieser höhere Sinn doch wohl etwas zu hoch, insofern wenigstens der Verdacht Bestand haben kann, daß auch ohne die notorischen aberwitzigen Destruktionsumwege am Leitfaden memorialer Maßgabe Ontologieprogreß
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förderliche Produktion fortzurücken vermöchte. Oder? Jedenfalls löst sich unter dem Strich die Gedächtnisnotwendigkeit in dessen Überflüssigkeit auf; und Überfluß stände weiter unter dem Bann obsoleter Notwendigkeit, wenn er unökonomische Wucherung bliebe. Goldener Überfluß - die Emanzipation von Kontingenz eben auch des Gedächtnisses selbst. Dies scheint insofern aber schwer nur zu fassen, als der Untergang der polemischen Notform des Gedächtnisses in der Reflexionsentpflichtung, seines eigenen Kampfzweckes, wie sein fatales Verschwinden anmuten muß. Allein, davon abgesehen, sind wir ja wahrlich nicht schon am Ende von Ontologie angekommen. Und zudem ist es auf dem Wege hier und jetzt leichter gesagt als verbindlich oder auch nur brauchbar getan, die zwangshaft überflüssige Einsetzung des Makro-Unbewußten von der frei überflüssigen Teilauflösung desselben präzise abzuheben, den gewaltsamen Durchstrich von Reflexion (produktionslogische Blendung/Blindheit) von deren geschehendem Dispens (dem Sehensüberfluß) gebührend zu differenzieren. Sie wissen, wie schwer wir es uns damit tun, den Anti-ödipus just in diesem Punkte gerecht einzuschätzen - die Unterscheidungskriterien dafür liegen nämlich nicht frei auf der Straße herum, wir müssen ihre versteckten Teile vielmehr mühsam suchen und vorsichtig zusammensetzen, und einzig im Gelingen dessen könnte die Stichhaltigkeit unseres Philosophiebegriffs gegen die Doppelfront seiner Überflüssigkeit und die allenthalben fließenden Übergänge erweislich werden.
Fließende Übergänge - ja, die nächste Ausstandsdimension - das Produktionsphantasma sagt es - hat sich längst schon auf den Weg zum Umschlagplatz hin aufgemacht. Das aber heißt, daß sich, konzentriert auf dieses Ausstandsfeld (mit seinen Obsoleszenzrändern, an denen es nicht zuletzt entf unktionalisiertes und neuer Funktionalisierung harrendes Vergangenes mit sich schleppt), die alten Prozesse zwischen Mythos und Philosophie mit allen einschlägigen Dunkelheiten reproduzieren werden, sich anfänglich schon zu reproduzieren im Begriffe sind. Da wir, die Maßstabssicherung des aktuellen Evolutionsstandes betreffend, die Hände voll zu tun haben, scheint es angebracht, den Vorblick auf das künftige Produktionsphantasma zunächst implizite nur über weitere Präzisierungen zur aktuellen Kongruenzform von Mythos und Philosophie, dem generationssexuellkörpereingedenkenden Produktionsphantasma am festgehaltenen
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Memorialitätsumschlagspunkt zwischen Ausstand und Erfüllung, freizugeben. Die Mißverständnisse dieser Kreuzungsstelle kennen wir schon.
Wohin geht die Philosophie, so fragten wir schließlich noch. Am Erdungsumschlagsplatz, wo Bild und Begriff sich ineins bilden, begleitet sie memorial die Metamorphose des Unbewußten (oberhalb der Diskriminationslinie zwischen Ausstand und Erfüllung) in dessen Auflösung (unterhalb dieser Linie) hinein; nach unten hin überflüssig, nach oben hin mangelhaft - und allein schon deswegen immer wieder herzustellen -, bis schließlich, das memoriale Korrespondenzeschaton, der Mangelindex ganz verschwände und nur noch absolute Überflüssigkeit ihr erhaltendes Verschwinden tätigte. Die Epoche der Psycho analyse/Antipsychoanalyse, in ihrer angestammten Ambiguität von äußerster Eignung, die Memorialitätsokkupation des Umschlagsplatzes als zeitgemäße Philosophieform zu besorgen, scheint angebrochen. Was folgen können wird nach der Überflüssigkeit der Geschlechterdifferenz (mit ihren Verschiebungen unter anderem auch in der Pathologie, so etwa dem Zurücktreten der üblichen Neuroseformen) - scheint, auf die Ontologiespezialisierung Philosophie hin gesehen, formal und schemenhaft antezipierbar: wohl - der Psychoanalyse/Antipsychoanalyse vergleichbare - biologische und physikalische Ambiguitätsformen.
Heute stand die Kraft der Maßstäblichkeit des exponierten Produktionsphantasmas (generationssexuelles Körpereingedenken) in Frage. Nach dem, was wir genealogisch dazu ermitteln konnten, bewährt sie sich in der Geschlechterindifferenz als dem aktuellen Inbegriff fortgeschrittener Ontologieerfüllung, ineins mit der Profilverschärfung des ontologischen Ausstandsrests Generationsdifferenz, Sterblichkeit. Erhebliche faktische Anhaltspunkte der Wirksamkeit dieses Maßstabs bilden ubiquitäre Veränderungen in den gesellschaftlichen Initiationspraktiken: Feminismus, Psychoanalyse/Antipsychoanalyse - und im Objektiven der Maschinen? Entsprechend konstituiert sich Philosophie am Umschlagsplatz zwischen Überfluß und Mangel, Erfüllung und Ausstand gegen beider Genealogie zerstörenden Kurzschluß.
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IX. Also doch die Apokalypse?
Es ist gewiß so, wie wir ausführen: die Faszination des ontologischen Eschaton zieht das vorübergehend dubiose Gedächtnis versöhnlich schon in ihren Bann, bevor es das ganze Ausmaß seines erborgten Wesens an sich selbst zu erkennen versteht. Unhaltbar auch die memoriale Distanz, wenn sie Heterogenes, Transzendierendes aufzuspannen wähnt; ja, je gekonnter die Gedächtnissicherung, um so ausgeprägter auch die ontologische Verstrickung. In diese Sekurität hinein aber zieht es uns und nimmer in den Absturz, der nicht sich selber, vielmehr totale Exkulpation, Wiedergeburt, höheres Leben meint, wenn er sich als movens regt. Wo bleibt der Ausgang? Immer nur exitus - im medizinischen Verstande und damit absoluter Limes? Muß aber dann nicht jedem, der noch nicht ganz vom Troste und vom Schutze solcher großen Theodizee durchdrungen ist, Genealogie, so sie diese beschwört, just auf ihrem zeitgemäßen Totalisierungsgipfel seltsam stumpf, fühllos, affektionsentleert, wie depersonalisiert vorkommen? Mit Verlaub - wer kann so denken nicht nur ohne zugestopfte Ohren, ärger noch, ohne den Opfern den Mund zu verstopfen, damit ihre Schreie ersticken? Abermals Usurpation des Orts des absoluten Herrn zur Unzeit, Kriegsrüstung, anstatt den Segen, eben davon abzulassen, zu lehren? Allein, führt nicht die Limitation der Theodizee zu einer contradictio in adjecto? Und was frommt es, sich zurückzuholen aus diesen Regionen (ein paar Nummern zu groß) zum Zwecke höherer Bescheidung in einem Eckchen mit schwankendem Boden unter den Füßen, während ringsum das Wüten der Ontologieexzesse sich nicht im Traume einfallen läßt aufzuhören? Es bedarf schon einiger Kraft, Theodizee nicht zur Fluktuation zwischen der mörderischen Anmaßung des absoluten Herrn im Geiste und dem Pseudodevotionsgebaren, bloß in Deckung zu gehen, nicht verkommen zu lassen, vielmehr im Schmerz des Todes die Masse des Kontraparts Eros ebenso fühlbar zu halten, um die Messung des Erreichtheitsgrads der "absoluten Differenz" nicht untergehen zu lassen in der leeren unterschiedslosen Usurpationsidentität mit diesem Ursprung. Kurzum: geschichtlich bleiben, solange das Defizit an Schuldbindungspotenz realisierter Ontologie (Maschinen) es erforderlich macht, geschichtlich bleiben dergestalt, daß die Geschichts-, Differenzwahrung der Objektivität dieses
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Defizitsquotienten entspricht. Vorsicht also: woher genau Trost und Schutz rühren, sieht man ihnen selber schwerlich an.
Da wir, wie es scheint, nirgendwohin wirklich in ein Anderes hinein fliehen können, bleibt uns keine andere Wahl, als uns dem letzten allumfassenden Schrecken von Ontologie auszusetzen: dem Heraufzug der apokalyptischen Reiter. Wo die Gewähr festmachen, daß die ontologische Eschatologie, der bestrickende Hort der Hoffnung, kein verheerendes Trugbild der hinterhältigsten Freßgier des absoluten Herrn sei? Blicken wir zurück: die Chance progredienter Emanzipation von Eros im Angesicht des das Proportionalitätsmaß abgebenden wachsenden Todes der schuldschluckenden Ontologiedinge (Maschinen) scheint ganz und gar davon abzuhängen, ob die Überflüssigkeit (unter dem Strich, im Erfüllungssektor) der freigesetzten Lebenselemente, einschließlich der Gedächtnisabundanz, nicht dazu führen muß, das Produktionsband zwischen den in fortschreitende Freiheit zueinander gesetzten Körpern einerseits und den avancierten Maschinen andererseits zu durchtrennen. Anders gesagt, müßten doch eben diese Maschinen sich als produktive Ichpotenzen menschgemäß weiterhin reflektieren können, unbeschadet aller darauf beruhenden erotischen Entbindungen. Und mehr noch: - welche Demokratisierungsgefährdung! - müßte a fortiori das dergestalt doch wachsende "Recht der Ungleichheit" Organisationsformen erfinden, die verhinderten, die Menschheit abermals und zünftiger noch in Herren und Knechte zu unterteilen. Muß es einem nicht so vorkommen - Sie sehen science fiction und nicht die zeitgenössische Philosophie und Wissenschaft bewegt sich an der vordersten Linie der Aufspürung solcher Zukunftsgefahren -, daß die fortgesetzte Debilisierung der Menschheit durch Wissenschaft/Technik, verbunden mit der Etablierung einer einschlägigen Aristokratie, ins Haus steht? Das ontologische Eschaton als Verhöhnung gläubiger Menschheit, Urmutterrache? Welche Fahrlässigkeit, auf solchen Truggrund zu bauen, Spiel mit dem Feuer, schwach ausgedrückt, Todesfliegerei, wo man doch absehen könne, daß es die Lust der avancierten Göttermaschinen tätiger Todesepiphanie auf Erden sei, alles Lebendige, alle Auffaßbarkeit, alle Reflexion, geködert mit dem Versprechen, dem bloßen Versprechen höchster Lust, kaltblütig zu vernichten, um dann irgendwann selber ohne Schaden und ohne Schmerz zu explodieren. Exkulpation des Eros als dessen Todesweihe; letztes holocaustum, letztlich
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bar der Opferpriester, nachdem deren Herrschaft unerträgliche Ausmaße angenommen hatte! Tod, der das Leben nicht endlich freigibt, vielmehr als Ganzes restlos opfert; die venerable "absolute Differenz" als die Undenkbarkeit absoluter Vernichtung.
Nun, wenn es so wäre - und solcher Abgrund schließt sich nicht wieder von selbst (haben Sie Nachsicht mit diesem dürftigen Sprechen, das sich nicht so schnell vom Trauma solcher Voraussicht erholt) -, so geböte es fast schon der einfache menschliche Anstand, alle memorial aufgeklärte Kraft darauf zu verwenden, nach Auswegen aus der sicherlich fortschreitenden Raserei von Ontologie zu suchen. Wir wüßten dann genau - philosophisch zumal -, was zu tun wäre. Wo sind die Bruchstellen im Gesamtverband anscheinend alternativeloser Ontologie, die als Transzendierungsmotive, tatsächlich in Heterogeneität hineinführend, nutzbar werden können? Sie entsinnen sich, wie oft ich und Sie diese Frage schon stellten, und daß dann, jedenfalls von mir ausgehend, jedesmal das oft verärgernde Malheur passierte, auf der Welle von Heterogeneitätsansinnungen getragen, in alten und ewig neuen fortgeschrittenen Homogeneitäten letztlich wieder zu landen. Also auf ein neues: wo verspricht Ontologie schwach genug zu sein, um ihr scheinlos entraten zu können?
Erste Ohnmachtshoffnung: die Zitation von Sein, nicht unters Diktat des Ontologieopfers als Opferstoff gestellt, als Ausstand belassener Ausstand, der keiner dann mehr ist, Vorbehalt der Götter ohne Götter und Vorbehalt. "Du gleichst dem Geist, den du begreifst, /Nicht mir!" (Faust, I. Teil, Nacht) Allein, o weh, der Geist hat gesprochen und verschwindet dann. Das also kanns nicht sein, ebensowenig wie das Ding an sich - dasselbe Gespenst, nur eben philosophisch -, das so lange affiziert, bis es überfällig wird, die Affektion als Selbstaffektion (Ding an sich = Subjekt selbst) in Regie zu nehmen. Sein dagegen also dann Seyn und nochmal Seyn usw. Heideggersch vertict? Es gibt mitnichten einen Ausweg her, im Gegenteil, bildet bloß die notorisch prekäre erschreckte Rätselfassade, hinter der die Ontologie wie von alters her ihre so gar abgesegneten Orgien hingebungsvoll feiert. Sein, gleichwie, durchweg verdeckender Vorwand des ontologieeigenen Imperialismus - anderes vermag ich in ihm nicht zu sehen; es wirft nicht das geringste ab. Und tritt es wie in extremen psychotischen Zuständen in den Ontologiekontext selber ein,
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so läßt es den Betroffenen "unter dem Realen hindämmern..., nur das Reale erleben": Widerspruch zerstörter lebendiger Unmittelbarkeitsmodelle der Maschinenerlösung, quid pro quo von Tod und Leben, anhaftend am Lebensstoff selbst. Dagegen könnte man nur noch einwenden, daB nur das draußen gelassene Sein gemeint sei, das man eben draußen lassen müsse, wie der vermerkte Realitätsbann im Falle seiner Immanentisierung ja belege. Gewiß. Aber auch dann gilt es nichts mehr denn als Todesbild umfassender Observanz, Motivation der festgehaltenen Vermittlung, antreibender absoluter Limes - als ontologiegenealogische Zentralkategorie, deren wir kundig sind; nichts Neues also, zumal auch dann, wenn uns jetzt vorgehalten würde, wir verkennten die besondere Seinskompetenz von Kunst (oder gar Religion). Seinskompetenz? Nein, wenn überhaupt, dann Kompetenz für ontologische Verwaltungsformen des Ausstands, des Göttervorbehalts. Die erste Ohnmachtshoffnung schwindet restlos dahin: die erste umfassende Auswegsspur erweist sich als innere Produktionszentrale.
Weitere Ohnmachtshoffnungen? Auf dieser radikalen Regressionslinie nicht. Diejenigen Revolutionskonzepte, die, wie auch immer, mit der Reversibilität der Ontologieevolution sympathisieren, wären im Kerne alle auf solche Seinszitationen zurückzuführen - dies aber müssen wir hier en detail nicht tun. Nach der Maßgabe schuldlogischer Bilanzerwägungen besteht die Verfänglichkeit dieses Unmittelbarkeitsgebarens notorisch im deplacement der Schuldabsorptionsinstanz: vom fundamental-sexuellen Ausschreitungsprodukt (Wunschmaschine) zum Motivangelpunkt der Ausschreitung, der festgehaltenen Vermittlung selber - in der Maske allgewährend opferbereiter maternaler Lebendigkeit. Sehen Sie dieses faschistische Raffinement von Versetzung? Die ontologische Inversionsfuge erscheint überzogen vom ontologischen Opferstoff dergestalt, daß der totale Exkulpationsschein gilt, es sei dessen höchste rein selbst disponierte Lust, geopfert zu werden; Schuldanbindung an solche Absolutionstätigkeit der sich selbst hingebenden Materie. Was ist dann just ontologisch nicht erlaubt, wo es a priori keine Schuld mehr geben kann? Revolutionäre Regressionstheorien machen das Maß der Maßlosigkeit des ontologischen Progreßmaßstabs voll; in der Beschwörung der Fülle der Zeiten derart - im forcement einer Gegenwartsimputation, die unter den umgekehrten Vorzeichen der Opferwilligkeit des Materievorschubs vor den
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Produktionsgrund das bloße Eingedenken von Erfüllung nur hypertrophiert ziehen die apokalyptischen Reiter auf -, das ist historische Erfahrung.
Wo anders zeigt sich Ontologie ohnmächtig genug, um eine Einbruchstelle und einen Fluchtweg jenseits davon zu verstatten? Ich möchte nun keine Bittappelle um Einsichtigkeit ausschicken, doch sehe ich mich erneut genötigt, um gebührende Reserve anzuhalten, wenn ich abermals und gewiß nicht triumphierend nahelegen muß, daß wir einem gefährlichen Phantom nachjagten, indem wir diese Kollapsstelle suchten. Gibt es ein anderes Motiv als das der Schuldreduktion, wenn wir uns auf der Suche nach einem Ausweg machen? Ich kann schlechterdings kein anderes sehen. Da wir aber nach dem zurückgelegten Denkweg von Sympathien mit der faschistischen.Pseudologie von Totalexkulpation zur Unzeit kuriert sein müßten, nun denn, so lassen wir uns doch von diesem Reduktionsansinnen in den Evolutionsstand von Ontologie selber hineintragen. Hier waren wir schon des öftern angelangt: Gegengift gegen die Maßlosigkeit des Kritikmaßstabs, das Gaukelspiel des vorzeitigen Himmels auf Erden kann auf unserer Reise memorialer Kontrapunktik nur dessen strikteste Maßdurchsetzung eben am Umschlagsort von Ausstand und Erfüllung, Dürftigkeit und Überfluß sein. Die zeitgemäße Version des Produktionsphantasmas, auf dessen Begründung wir nicht von ungefähr den größten Wert legten, wirft die ganze Maßgabe der urmotivierenden Schuldreduktion ab. Je sorgfältiger die Erhebung dieser Maßgabe, umso geringer auch die Versuchung, die erotischen Exkulpationsstandards, die erreichten, respektive am anderen Ufer das Maschinenavancement - faschistisch oder postfaschistisch, gleichwie - zu überrennen.
Freilich liegt die fällige Detailarbeit in der präzisen Gehaltsbewährung des Produktionsphantasmas beschlossen; und darauf wird sich die künftige Arbeit allenthalben konzentrieren müssen. Wenn ich recht ahne, könnte sich als Hauptproblem dabei herausstellen, genügend Spielraum zwar für die unvermeidlichen (unvermeidlich auch aggressiven) Bedürfnisse der Versetzung der Schuldabsorptionsinstanz einzuräumen, doch nicht weniger zugleich Versetzungsinflationen, die darauf zusteuern, die Maßgeblichkeit des Produktionsphantasmas zu zerstören, zu wehren. So geht es - beispielsweise - schlecht nur an, feministisch die Elegie des geschundenen Mutterleibs zu hypostasieren
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(und dies gar noch als große Sühnegeste jungen Männern zu überlassen), wo es einzig doch legitime feministische Ambition sein muß, sich in den Besitz der Dispositionsmittel (Opferrituale, Eintritt in die Inversionsfuge) just über diesen "Mutterleib", den unschuldigen, zu bringen, insofern dies der Stand der Ontologiedinge (Maschinen) und nicht etwa der höherer opferlogischer Pseudoeinsicht erlaubt oder gar schon gebietet. Wie unabdingbar der Angriff auf die faschistische Materiemasochismus-Selbsttätigkeit auch sei, die bloße (Tochter)perversion der Letzttäterin Mutterleib in ein reines Opfertier aufrechterhält, ja steigert nur das Exkulpationsdeplacement, anstatt es, wirkliche Chancen der Schuldabbindung miterzeugend und - garantierend, produktiv aufzulösen. Kurzum: der gesuchte Ausweg kann nur die Progression des Inwegs sein; und diese läuft ständig Gefahr, mit Auswegsambitionen blockiert zu werden. So aktuell etwa mit der bloßen Faschismusumkehrung des Exkulpationsdeplacements im Feminismus, dem am anderen Ende dann die totale Abdrifthomosexualität des Anti-ödipus bestens entspricht.
Also löst sich das Auswegs-, Transzendenzproblem - im Geiste jedenfalls - recht einfach: wenn immer die Versuchung, das Schuldabsorptionsobjekt in die Vermittlungsblockade selbst, gleichwie im einzelnen auch, zu versetzen, erfolgreich abgewehrt werden kann, bleibt der allein befreiende Inweg, a-utopisch nicht ins Nirgendsland, vielmehr in den Progressionszug von Ontologie selber hineinleitend, gangbar? Gewiß. Dies hört sich wohlfeiler an, als es selbst nur philosophisch praktikabel ist, allein schon deshalb, weil mindest der Anflug ontologischer Wucherungen an dieser "falschen" Stelle der inadäquat beanspruchten festgehaltenen Vermittlung (als Pseudologie der Exkulpationsaktivität des Opferstoffs oder, wie vordem vom Gedächtnis her formal gedacht, als Zusatzrealisierung von Philosophie, Theoriekollaps) wesensmäßig mit zum ontologischen Generationsprozeß zu gehören scheint; allem Anschein nach keine Klippe, die einfach beseitigt werden kann - um so dringlicher also, ihre Gefährlichkeit im Gedächtnis immer wieder radikal und zeitgemäß einzukreisen, die Maßgeblichkeit des Produktionsphantasmas gegen die auflauernden Maß-losigkeiten mit ihren Destruktionskonsequenzen, denen außerdem keine Notwendigkeitsvindikation zukommen muß, auch wenn sie sich in den breiten Weg des Ontologieprogresses post festum
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einfügen mögen, zu retten. Nutzen wir also die Gelegenheit, weiterhin die Gewährsgründe dafür zu recherchieren, daß die anwachsende Todesepiphanie des Wunschmaschinenavancements nicht nur zum Scheine Leben proportional erotisch freisetzt und erhält und nicht der Vernichtung trugvoll überantwortet; und ebenso dafür, daß nicht das läppische Spiel der Usurpation des absoluten Herrn im Sinne verschärfter Trennung der Menschen in Herren und Sklaven mit dem Ontologieprogreß in Wirklichkeit nur fortschreite. Freilich trägt die in ihren Grundzügen verbindlich abgeleitete ontologische Auswegslosigkeit nicht eo ipso diese Gewähr schon fraglos in sich. Auch wenn sich vieles dagegen sträubt - weshalb könnte es denn nicht so sein, daß die Konsequenz des Inwegs sich letztlich doch nur als Todespflaster herausstellt, das die Menschheit gleichwohl begehen muß, weil die Versprechungen der Lust am Wegrand - je näher dem Endpunkt, umso stärker - unwiderstehlich sind? Gnädiger Tod, so daß man nicht aufbegehrt? Wie sich also der apokalyptischen Reiter entschlagen, auch wenn sie sich in Krankenschwestern verwandeln lassen? Geraten wir so aber nicht vom Regen des eben abgelegten Humanismus in die Traufe eines Hominitätspathos, das die Apokalypse nur begünstigt? - Ich sehe keine Chance, diese letzte Labilität von OntologieGenealogie so zu befestigen, daß keine tour de force, Destruktion legitimierend, den haltlosen Grund dafür abgäbe. Auch scheue ich mich, solche Insekurität milde in Gewährsvorstellungen - von den Postulaten der praktischen Vernunft bis zum Prinzip Hoffnung - aufgelöst vorzustellen. Dagegen gölte die Favorisierung der Inauguration solcher exponiert ontologieimmanenter Erfahrungen, die einen ersten Rückhalt wenigstens, wenn auch nicht schon eine totalisierbare Gewähr dafür abwerfen könnten - dies durchaus gegen zeitgenössische anthropologische Theoreme, die furchtsam penia nur die Ehre zu geben verstehen -, daß Überflüssigkeit nicht Todes-, Vernichtungsweihe bedeuten müßte. Was wissen wir explizit schon davon? Fast nichts. - Um nur die Richtung eines Beispiels anzudeuten: so brauchten wir präzise Kenntnisse darüber, wie etwa die Evolution von Hörmaschinen aufs Naturorgan Ohr zurückwirkt. Wenn unsere Überlegungen zum ontologischen Eschaton zutreffen, so kompensiert - der Mensch ist ein Prothesengott (Freud) - die Prothetik der akustischen (Wunsch)maschinen nicht etwa natürliche Mängel des Hörorgans, dieses fungiert vielmehr als "Parasit der Maschine und Anhängsel des Wunsches
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(sc. in dem die Maschine ist) des maschinenartigen Säugetiers". Und mit dem Unmaß der Realisierung dieser fundamentalsexuellen Ausschreitungsverhältnisse auf der Grundlage des subiectums Sexualität i.e.S. (dem Ohr, dem Hören) erführe diese ihre - man möchte meinen, ungeahnte - erotische Schuldbefreiung, freilich inseins mit einem Zuwachs an Residualität des Subjekts, dem Disziplinierungsmedium des cogito, dem es an der Wiege gesungen wurde, Subjektivität progredient abzuwerfen. Typisches pseudoanarchistisches Vorurteil einer konsumatorischen (Technik- und Kunst-rezeptorischen) Hypostasierung? Schwerlich. Denn wenn die aktuelle Produktion dies nicht schon selbst restlos hergäbe, so könnte die Konsumtion mitnichten sich als permanente Bewährung der zeitgemäßen Exkulpationsstandards verstehen und reflektieren.
Um solches ontologiegenealogische Wissen aber zu mehren und abzusichern, müßte allererst ein zeitgerechtes Verhältnis zur Dialektik des Ontologieprogresses, offen für alle Erfahrung der "absoluten Differenz", ausgebildet werden. Muß man sich wundern, daß die Erosseite dieser Grundambiguität wie eine blendende Ködermaske, über Totenschädel gezogen, abgründig nur fürchten macht, wenn die zeitgemäße Lebens- und Todesfühlung gleichermaßen, dem objektiven Evolutionsstand von Ontologie gänzlich doch entgegen, untersagt, tabuisiert bleiben? Weniger groß gesagt und philosophieintern, gölte es, die Hypothek mangelnder Wissenschafts- und insbesondere Technikphilosophie in aller Strenge abzutragen; die theoretische Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaft beharrlich zu schließen; Philosophie, eo ipso genealogische Philosophie, weder an die eine noch an die andere - a fortiori nicht, zumal nicht an die Geisteswissenschaft - zu opfern, kurzum: den immer noch ubiquitären idealistischen Bann aufzulösen. Solange der Wunsch im Subjekt deplaziert erscheint, hypertrophiert er in dieser Kasernierung zu den krausesten Natürlichkeitsimputationen über alle natürliche Naturmitgift gewaltsam hinweg und beläßt seine ureigensten Haupt- und Staatsaktionen, die Ontologiedinge, Ausschreitungsprodukte Wunschmaschinen, phobisch und durch und durch hypokritisch extern, um sich dann womöglich noch übers in Wahrheit eigene Versäumnis, die Oberflächlichkeit der Naturwissenschafts-Theorie, eines Wesens mit dieser, kongenial in der subjektivistischen Wunscheinsperrung, zu mokieren. - Um noch ein wenig bei den Hörmaschinen zu weilen: welche gleicherweise
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wunderliche Musikästhetik und Musikwissenschaft, die sich jeweils polemisch gegeneinander auf die Verwaltung höherer Sinnbelange einerseits und von Wissenschaftlichkeit (was ist das eigentlich?) andererseits einzuschwören - ja, so verrottet der Wunsch im Subjekt, bar der Chancen, Resonanzen auszubilden etwa für zeitgenössische Kompositionen, an denen es dann selber nur liegen soll, umgekehrt keine Resonanz zu stiften, anstatt der ganzen Handgreiflichkeit der "Maschine im Wunsch" auf diesem Hörsektor, dafür gewiß nicht ungeeignet, nachzugehen, um nicht zuletzt den wirklichen Sinngrund solcher Wunschperversion Maschinengebärung: cogito-Emanzipation gegen Subjektivität, Lebensentsühnung im sich verdeutlichenden Angesicht des wirksamer schaffenden Todes, Synthesizer, zu spüren.
Wären wir in solcher Empirie schon weiter gediehen, so wüchse wohl auch die - freilich nicht zu einem Prinzip stilisierbare - Courage, das ontologische Eschaton so auszudenken, daß sich die idealistischen Subjektivitätsblockaden nicht fortgesetzt zu Todesangstwänden aufwürfen, dies längst schon gegen die in der philosophischen Moderne entdeckten Anhaltspunkte (das Unbewußte strukturiert wie eine Sprache z.B) mindest dafür, daß Subjektivitätssuspens keine Produktions- und keine cogito-Einbußen nach sich ziehen muß; nein, ganz im Gegenteil. Nun denn, das (Wunsch)maschineneschaton bestände in der prothetischen Erschöpfung des Gesamtsubiectums Sexualität i.e.S. ausstandsloser Fundamentalsexualitätsproduktion - von einer Unverbrüchlichkeit, Verläßlichkeit außerdem, für die weder der "Organismus" noch die "Maschine" auf dem aktuellen Entwicklungsstand das Modell abgeben können - proportional der Erschöpfung des gleichen subiectums als restlos entsühnter cogito-Eros-Masse.
Und, zum Beschluß, nochmals: welche Funktion käme der genealogischen Philosophie zu, wie wir sie in der jetzt sich abschließenden programmatischen Studie einzuüben versuchten? Sicher die Funktion aufgeklärter Anpassung an den Stand der Ontologieevolution, einer selbst unprothetischen Ausrüstung dafür, den ontologischen Inweg sicherer fortschreiten zu können - im Schutze memorial kontrapunktischer produktionsphantasmatischer Maßgeblichkeit, die, sofern sie ihrer selbst versichert sein kann - Gedächtniswache am Umschlagspunkt des Götterhimmels zwischen Ausstand und Erfüllung - das eingedenkende Ontologiewesen zeitgemäß kulminieren läßt, indem sie die nur-noch-Gegenwart der Überflüssigkeit darin zuläßt.
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Vom schwindenden Jenseits der Götter. Heute war es die Frage, ob dieses schwindende Jenseits nicht zum Scheine nur Leben erotisch freisetzt, es in Wahrheit dem Tode peremptorisch weiht. Wenn dem so wäre, würde es überfällig, die Einbruchstellen von Ontologie zu suchen. Solche Transzendierungsstellen aber ließen sich alle auf ontologieinflationierende Verkennungen der festgehaltenen Vermittlung, deplacements der Schuldabsorptionsinstanz eben dahin reduzieren: Ausweg- als Inwegdebakel. Bleibt also nur - als verbleibende Inwegform von Transzendenz - die Maßgeblichkeitsempirie des zeitgemäßen Produktionsphantasmas zu kultivieren.
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