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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Schuld und Schuldgefühle (Pathognostische Studien XIII, 2014, Essen, Die Blaue Eule, 126-130)
... Die Bedingung von Schuldaufkommen und dessen Spürung, womöglich als Schuldgefühl, dessen affektivem Repräsentationsmodus, besteht im Zuwiderhandeln gegen eine/in der Verletzung einer Norm, die sich, nicht unbedingt, als Schuldgefühl dartut, mich packt. Und zwar einer internalisierten Norm. (Desiderat Internalisierung, Überichgenese; und wenn die Verinnerlichung ausfällt?)
"Mach halt vor der drohenden oder schon geschehenen - selbstverschuldeten - Tabuverletzung!" Freuds späte Angsttheorie enthält die Extrapolationslizenz der Signalisierung auf Scham und, wie hier, auf Schuld.
Mit dem Affektenbegriff ist der der Abfuhr verbunden; im Falle der Schuldgefühle die Bereinigung davon: Katharsis. (Möglicher Widerstreit zwischen Signalfunktion und Abfuhrnötigung?)
Von der Signalfunktion aus besteht die Chance, Psychopathologie bestimmbar zu machen: diese Funktion, das Mittel zum Zweck der Schuldparierung, versagt, stellt sich auf Dauer zum Leerlauf der Zweckverfehlung - bis hin zur letalen affektiven Erstickung.
Schuld und Schuldgefühlaufkommen als Effekt der Vulneration von Normen - ja, aber welcher Normen? Wenngleich umfänglichst moralisch und juridisch kodifiziert, wollen sie psychoanalytisch doch auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden, und der wäre nichts anderes als unsere Inzesttabus. Großes Desiderat entsprechend: jener Ableitung aus diesen.
Ein weiteres Problem: die übersteigernde Nachhilfe an bloß behaupteter Schuldintensität, mitsamt der entsprechenden Theatralik von Schuldgefühlen, im Sinne einer hysteroiden Abfuhrforcierung einer magischen Prophylaxe des tödlichen Strafgerichts. Hier schon mag eine erste Ahnung des fundamentalen Abwehrcharakters aller Schuld- und Schuldgefühlgenese aufkommen. (Abwehrmechanismus "Isolierung" - Abspaltung von der Dimension "ontologischer/existentialer" Schuld - siehe später!)
Die Kleinschen "Positionen" als Urszenarien unseres Themas, die "depressive Position", nach dem protoreal imaginären Mord und Totschlag der "paranoid-schizoiden", die der "Reparation", der Buße, Sühne; memo: die
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Hypokrisie aller "Wiedergutmachung"; auch daß sich die - eh ja schon dubiose - "Depression" im reparativen Umschlag in "Manie" zu sanieren sucht.
a. Schuld Schuldgefühle
b. Schuld Schuldgefühle
a. Schuld ohne Schuldgefühle, das ist, inbegrifflich, Manie mit ihrem kriterialen Abwehrmechanimus "Verleugnung"; obsolet bezeichnet - ehedem Frauenstigma -: "moral insanity". Hier auch die Einlaßstelle der "unbewußten Schuldgefühle" ("contradictio in adiecto"?), der Preis der "Verleugnung".
Konsequenz der "unbewußten Schuldgefühle": ohne affektive Repräsentation, ohne daß ich in Gang gesetzt werde, mich, ausdrücklich, wider die Schuld irgend also gegenzuführen, steigert sich das Gewaltpotential der abgehaltenen Schuld, setzt sich destruktiv frei - siehe der "Verbrecher aus unbewußten Schuldgefühlen` ; ebenso die psychosomatischen Implosionsvarianten.
Die Funktion der Schuldgefühle demnach, wider deren Klausur, macht die Schuldabfuhr; ohne Schuldprojektion, -veräußerung, dazu motivierende Spürung, keine Katharsis, allzeit eine mysteriöse Freigabe, keineswegs währende Befreiung.
Komplikation: mögliche Signalisierung der Abfuhr-, Extemalisierungsobligation, Warnsignal daraufhin; wie "Stuhldrang" bei "Obstipation" (siehe Colitis).
b. Schuldgefühle ohne Schuld: so deren Inbegriff - Widerpart der Manie - Depression, die Schuldpathologie schlechthin. Erinnerungen an die Sozialpsychiatrie weiland: Junger depressiver Staatsanwalt liegt nur noch im Bett, verwahrlost, sich selbst nur noch bezichtigend (Versündigungswahn). Also die magische Großveranstaltung, die ultimative todestriebliche Mimesis des vorgestellten Todes. (Als er eines Tages aufstand, klang sein Sprechen wie verquetschte Trompetenstöße.)
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Nun zum wohl schwierigsten Problempunkt, der existentialen/ontologischen Schuld. Dazu eine Episode aus meiner klinischen Arbeit:
Ein überfälliger Philosophiestudent, unter anderen bei mir zur Nachbehandlung nach einem stationären Klinikaufenthalt, brachte, in einer ebenso nachfolgenden ambulanten Gruppentherapie beim Klinikchef, gewiß auch ein wenig provokant sportiv, die unabgeltbare "Urschuld" des Menschen, theologisch die "Erbsünde", ins Spiel, gedacht als Skepsis wider das floride psychotherapeutische Schuldbeseitigungstheater, das ja an dieser existentialen/ontologischen Schulddimension zerschellt. Was ihm nachgerade den Zorn des hauptsächlich nachbehandelnden Gruppenleiters einbrachte, gebündelt im Verdikt, es sei unsinnig, von nichtverschuldeter Schuld zu sprechen, einer unabtragbaren Schuld gar; was verhindere, verantwortetes Sichverschulden überhaupt anzugehen. Die skandalöse " Urschuld" fungiere bloß als Alibi, vom eigenen Sichverschulden abzulenken.
Nun, "man schlägt den Sack und meint den Esel" ...
Zwar teile ich die Sorge darum, daß der Schuldfundus der Sterblichkeit als Gewaltlegitimation mißbraucht werden kann, doch muß ich zugleich zu bedenken geben, daß damit die Selbstverständlichkeit, isoliert davon, moralisch und juridisch und auch therapeutisch auf die Jagd zu gehen (Waidmannsheil für Richter Alexander Hold!), nicht schon gutgeheißen ist. Fraglich bleibt ja die Rechtfertigung aller "materialen Ethik" - Normen, gleichwelche, sind ja nimmer absolut. Viel mehr aber noch: der umgekehrte Mißbrauch ist Legion, will sagen: unser institutionalisiertes Schuldmanagement der ontischen Schuld dient nachgerade der Tabuisierung/Epikalypse der besagten " Urschuld", untersteht deren frustranen verfügungsbegierig kausalistischen Abdeckung, dem unablässigen "Haltet den Dieb", mit dem grandiosen Ziel (bis in die Neurochirurgie hinein), alle Schuldphänomene aus der Welt zu schaffen; um so aber nur, nackt, zumal der dadurch auf den Plan gerufenen existentialen/ontologischen Schuld ausgesetzt zu sein.
In welchem Verhältnis also stehen beide Schuld- und Schuldgefühldimensionen zueinander? Die abgeleitete Schuld ernährt sich zwar von der "Urschuld", betreibt dabei aber zugleich ihre Isolierung von derselben, hypostasiert sich gegen sie. Und unser Multimanagement von Schuld verdoppelt die "Seinsvergessenheit" ihrer Schuldsujets - psychoanalytisch ausgedrückt in meinem Sinn: es bestätigt, ja erschafft die Todestriebherkunft ihrer Objekte. Wozu wir verurteilt sind, es geht nicht anders,
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unbeschadet der Durchsicht, die von Gnaden dessen, was sie durchschaut. Anders ginge es nur, wenn wir den Tod, sterbensbereit, auf uns nähmen, ohne daß wir ihn zu fliehen versuchten, seine Paraden hintertrieben, "ab ovo" seine vitale Eroswendung blockierten. Nein, das geht so überhaupt nicht, führte nur zum Desaster einer umso kruderen Todesmimesis - insofern hat die besagte Aversion wider die "Urschuld der Sterblichkeit" eben auch ihr relatives Recht.
(Nicht mehr vorzutragen!)
Womit ich zum nächsten kryptischen Topos überleiten kann - zur "Schuldabsorption der Dinge". Nun, aller existentiale/ontologische Heroismus bricht sich an der Rundherumüberholtheit aller Revolutionen solcher Art, den Kulturartefakten, den Dingen. Wie das? Eben: sie saugen Schuld auf, setzen uns derart schuldfrei; nur daß sie sich dadurch martialisch aufladen, bis sie - Inbegriff ihrer Göttlichkeit - im- und explodieren. Also: alle Absolution scheitert an der Unverfügbarkeit des Todes, der Indisponibilität der Sterblichkeit, es sei denn - aber darin erfüllte sich das Versagen der Entschuldung -, ich würde selbst, inbegrifflich dinghaft, zur Bombe.
Das Entree in die "Pathognostik" kann nur über eine intellektuelle Reform unseres Dingverhältnisses verlaufen: über die Todestriebtheorie, den "Todestrieb" als Instanz kulturaler Dingkreation: Ding, das ist die Todesdifferierung schlechterdings, Transfiguration des korrupten sterblichen Körpers. Gleichwohl sind "Maschinen sterblich wie Leute" (Kittler)? - gewiß, aber die Dingverderbnis münzt sich um in die Dingvollendung ihrer numenalen Suizidalität.
Annäherungsmöglichkeiten von der Psychoanalyse her an ein anderes als das normale zweckrationale Dingverständnis:
Übergangsobjekt
Fetisch
Traumgott "Phantasos"
psychotischer Dingangang (Transsubstantiation)
Unschwer, von hier aus (Psycho)pathologie zu bestimmen: anmaßende Blockierung des ding- wie körperkreativen Schuldtransfers. Indem ich mich selbst vom Tode/meiner Sterblichkeit lossage, mich dinglich selbstentäußere zur Unsterblichkeit der Dinge, hänge ich ja, "projektividentifikatorisch", an meinem Entäußerten fest; und also mache ich
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todestriebtrunken überpassioniert, diese meine kostenreiche Befreiung rückgängig, indem ich mit den Dingen kurzschließe: "action directe" der "Reintrojektion des Projizierten" in seiner Waffenförmigkeit - die Geduld geht mir aus, und also werde ich, dieser unaufhaltsamen Untat wegen, bestraft.
Schließlich die Geschlechtsdifferentialität der Schulddramatik: Schuld und Schuldgefühle händeln Mann und Frau unterschiedlich.
Woran liegts? Für Frau ist die Not der dinglichen Selbstentäußerung fürs erste geringer, und zwar wegen der vergleichweise stark überlegenen "Potenz der Frau" in sexuellem Betracht, an erster Stelle ob der Mutterfunktionen, im nachhinein-präkulturellen quasi fetischistischen Rückgebundenheit an den sexuellen Körper, der ja, trotz aller technischen Einbettungen, Körper bleibt - siehe Schwangerschaft, Geburt, Laktation, und nicht zuletzt, anders, Menstruation.
Aber das ist bloß "die eine Seite der Medaille", die andere, töchterlich virulente, besteht in der kompensatorischen Übertreibung just des Gegenteils, der Orgien der dinglichen Reinheit, inklusive der paranoisch moralischen Wache darüber. Notorisch das Weiblichkeitskriterium "trop peu de trop".
Absolution, die pathognostisch schlechterdings entfällt.
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