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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Pathophilosophische Überlegungen zu Symbolen des Nichts (Pathognostische Studien XIII, 2014, Essen, Die Blaue Eule, 146-161)
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Begriffsstatus des Nichts
Existentialontologie vs. Analytische Philosophie
Nichtssynonym Tod
(Unsterbliche Seele, Sterbeforschung)
Die Leere, Horror Vacui
pathologische Nichtssymbole: Symptome:
Messiewesen vs. Dingeasketik
Adipositas vs. Anorexie
Einbehaltungspathologien:
Urethrismus, Obstipation - laktative Exhaustion, Amenorrhö, postmaturity
(Dejekte als Waffen)
Supplement: Die Stille, Horror Silentii
Einheit von Stimme und Gehör
Nihilophobie
Das Hohle
Fazit
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Erlauben Sie mir, zu Beginn, ein wenig abgehobene Philosophie, angängig den Begriff des Nichts.
Darum, um den Nichtsbegriff, gibt es eine prominente Kontroverse, und zwar zwischen Existentialontologie... und Analytischer Philosophie ... Woran sich dieser Widerstreit entzündete? Daran, daß "Begriffe ohne Anschauung leer sind" (Kant); und der Nichtsbegriff diese Lehre besagt.
Die analytische Philosophie verwirft nun den Nichtsbegriff - einen Unbegriff! - eben dieser Leere wegen: er mache sich des - buchstäblichen - metaphysischen Unsinns schuldig; ordentliches Denken, in Wissenschaft erfüllt, verwerfe "leere Begriffe", sie seien nichtssagend, nichts-nutzig, eben nicht rückgebunden an "Anschauung", an sensuelle Empirie.
Soweit, grob, das Votum dieser - aktuell weitverbreiteten - Philosophieart gegen den Nichtsbegriff, der der begrifflichen Würde entrate. Konträr dazu die Existentialontologie: sie zeichnet unser - zu Philosophie derart ausgeweitetes - Denkvermögen, umgekehrt, eben dadurch aus, daß es solche "leeren Begriffe", die Verbegrifflichung des Begriffsdementis, zu konzipieren fähig sei.
Wie sich entscheiden? Ohne hier auf - allzu weitläufigen - Argumentationskurs gehen zu können - was ich mit diesem Kurzexkurs zum Nichtsbegriff zum Ausdruck bringen wollte: wenn immer der Nichtsbegriff bemüht wird, wird man mit etlichen philosophischen Hypotheken rechnen müssen. Ich breche hier ab, und bekenne mich zur Existentialontologie, jedenfalls in Anspruch genommen als Entree zu weiteren, meiner Problemstellung entgegenkommenden, Überlegungen.
Davor aber noch zu einer - naheliegenden - Paraphrase des Nichtsproblems, das einzig noch in der Obhut der - rückläufigen - Existentialontologie, die sich gegen diejenige Philosophie, paradoxerweise als Abschaffung von Philosophie, um der Ausschließlichkeit von Wissenschaft willen, also gegen die Analytische Philosophie, mit guten Gründen verwahren kann. Und ein Hauptgrund an Kritik: wenn nur wissenschaftliche Aussagen Geltung für sich beanspruchen können, so ist diese Geltungseinschränkung, als absolute -auszeichnung von Wissenschaft, als Aussage selbst ja nicht wissenschaftlicher Natur. Also gilt diese Aussage nicht, sie streicht sie selbst durch. Nun ja ...
Im Vorgriff nun gesprochen - ob noch innerphilosophisch? -: die Analytische Philosophie leidet unter einem "Horror Vacui", scheut solche "leeren
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Begriffe", metaphysikkritisch, "wie der Teufel das Weihwasser" - ich komme darauf, auf den "Horror Vacui", ausführlicher noch zurück.
Aber ich wollte zwischendurch ja noch auf eine naheliegende Nichtsparaphrase zu sprechen kommen - Sie ahnen gewiß schon auf welche: den Tod.
Wird nun das Nichts mit dem Tod gleichgesetzt, so scheint der leere Nichtsbegriff seine Anschauung zu erhalten, und zwar, in aller Drastik, als Leiche. Nein, das trifft so nicht zu - auch der Tod imponiert als "leerer Begriff ohne Anschauung". Weshalb? Im Blick des Lebenden auf den Verstorbenen, in dieser Todeserfahrung außenvor, füllt sich zwar der Todesbegriff, meinetwegen anschaulich, mit dem Wesen der Leiche: mit deren unwiderruflichem schlechthinnigem sozialem Entzug, auf, mit einer "Anschauung" demnach, die ins Dingliche, Anorganische, Bewußtlose, Selbstbewußtlose abdriftet, aber - ja aber: nicht nur daß diese mit Tod bezeichnete, anscheinend begriffene Anschauung den bleibenden Mangel an endgültigem Kommunikationsausfall aufweist, vielmehr noch: der Verstorbene, der Tote selbst ist sich selbst, ultimativ, entzogen, sich selbst abhanden gekommen. Ja - alles spricht zwar dafür, doch verifizieren läßt sich dieser Zustand mitnichten, diese Absperrung ist unaufhebbar - mit meinen letzten Verfügungsgelüsten bin ich dem Anderenentzug, übergriffig ausgeweitet in dessen, des Anderen, Selbstentzug, dem zumal mir dann entzogenen, hinterher.
Daß ich den Anderen, als Leiche, in seinem Inneren schlechterdings nicht einholen, nicht einnehmen kann, veranlaßt, bekanntermaßen, Spekulationen, inbegrifflich, übers Weiterleben der Seele nach dem Tode, deren Unsterblichkeit. Entscheide ich mich, unchristlich, dagegen, so komme ich zugleich nicht umhin, einzuräumen, daß mein Votum, ebenso das gegenteilige, auf keinerlei Erfahrung basieren kann (es sei denn, die schwarze Hoffnungslosigkeit in solchen Angelegenheiten, dieser Sperren, erhielte die Berechtigung eines Gegenarguments?).
Nicht unwahrscheinlich indessen, daß sich der Sterbensprozeß, traumanalog, repräsentiert. Aber auch dies kann ich nur wissen, wenn sich der sterbend Zurückgeholte - so dass er diesen Umkehrungsvorgang repräsentierte?!...-, dessen zu erinnern und, erinnernd, mitzuteilen, imstande ist.
Soweit meine - allzu knappen - Verweise auf Probleme, die sich in der Gleichsetzung von Nichts und Tod einstellen; Probleme, die auch Sie behelligen könnten, wenn immer Sie, kühn, architektischen Nichtsadaptionen, Todesbeschwörungen also, huldigen. - Zumal wenn Tod das Nichts
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gleichbedeutend ersetzt, bleibt es bei der Leerheit des "Begriffs", bar der "Anschauung". Denn die vermeintliche Todesanschauung Leiche höhlt die eigene Anschaulichkeit/Erfahrbarkeit fortschreitend aus: im endgültigen Anderenentzug, unterstellt als dessen, des Anderen, ebenso endgültigen Selbstentzug; der, selbst wenn er nicht stattfände, mir gänzlich unzugänglich bliebe - "unsterbliche Seele" - ade (bis, womöglich, im Himmel, auf der "Neuen Erde").
Sie erinnern sich? Ich plädierte, nachdrücklich existentialontologisch, für die Berechtigung des - inbegrifflich - "leeren Begriffs ohne Anschauung": des Nichts(un)begriffs, scheinbar gefüllt des Todes. Und den Rechtsgrund dafür mache eben die wesentlich menschliche Befähigung aus, solche metaphysischen Undinge denken zu können; die - ich fahre fort - unverzichtbar sind, nämlich im Sinne von Beweggründen dafür, "daß überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts". Bitte, tief durchatmen und kräftig schlucken, um die frohe (?) Botschaft zu vernehmen: "Ex nihilo omnia fit", will sagen: ohne Vorstellung des Todes als des Nichts (ohne sonderaffektive Todes-/Nichtsspürung im Sinne der - Heideggerschen - Angst?) bliebe alles Sein apriori auf der Strecke; ohne Tod kein Leben, und ohne Leben kein Tod? Nein, diese Umkehrung gilt nur im Vorausgang des ersteren: ohne Tod kein Leben; mit einem - mißratenden - Bild gesagt: wir sind dazu verurteilt, das Nichts mit Sein zu plombieren.
Weiter nun - Sie müssen mir nicht folgen -: was aus dem Nichts entsteht, das bleibt von dieser seiner Herkunft gezeichnet: es ist eigen- wie fremddestruktiven Wesens, voll der Gewalt; die besagte Seinsplombe (Lückenbüßer), auch wenn sie wähnt, sich von ihrem Ur-sprung abkoppeln und rein nur noch auf sich selbst beziehen zu können - sie verhält sich wie verwundet -, ist je schon eingeholt und durchseucht von ihrem Nichts, das sich, widersprüchlicherweise, zum Sein herbeiläßt, aber nur um es, auf diesem hämischen Umweg, zu kassieren. Welch Ungereimtheit!
Hier befindet sich die Einlaßstelle meiner Lesart des Freudschen "Todestriebes": kurzum: der Nachahmung/der Kopie des - vorgestellten - Todes als allherrschendes Gewaltverhältnis, einschließlich der Dinge als Waffen ...
Und nochmals weiter - Sie müssen mir jetzt zumal nicht folgen -: Kein Wunder, bei solchen Ungereimtheiten, denn dieses große Welttheater der Todesaneignung als mörderische Gewaltausübung, es ist ein einziger höchst anmaßender Trug, ein fundamentaler Irrtum, die Phantasmaorgie einer Allverfügung, die nur umso mörderischer wird, je mehr sie dem Wahn verfällt,
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an die Stelle des sich astronomisch entfernenden Todes, todesusurpatorisch, ohne jemals den Tod zu treffen, zu treten.
Selbst bereits der - verteidigte - Nichtsbegriff erweist sich als Todestrieberzeugnis: als des Todestriebs, der Gewaltparierung des vorgestellten Todes, Erstgeburt; als basale Usurpation, die niemals, ihrer Verdinglichung wegen, aus der Welt zu schaffen ist; auch nicht im Falle des Verbots des Nichtsbegriffs, das zur Absolutsetzung allen Seienden, "physei" wie "thesei", nicht weniger illusionistisch, führt.
Genug nun dieser philosophischen Untiefen; nur daß sie in den folgenden "Symbolen des Nichts", wirksamst phantasmatische Stellvertretungen von Unstellvertretbarem, sich je schon eingeschlichen haben. Ich zitierte mehreremale schon den "Horror Vacui", den "schreckerfüllten Schauder" vor der Leere; eine prominente Angelegenheit, die auf Aristoteles zurückdatiert, der da annahm, "die Natur sei überall um Auffüllung eines leeren Raumes bemüht"; man darf ergänzen, daß wir, die leeregeängstigten Menschen, uns diesbetreffend naturnachahmend verhalten, nämlich für Kontinuität vs. Diskretion, Strom vs. Einschnitt, Indifferenz vs. Differenz Sorge tragen müssen, auf das wir nicht fortwährend mit den "Letzten Dingen", unmöglichmöglich mit dem Tod, konfrontiert seien; Seinsfülle: das Antidot wider das - wenn also verjagt, in seinem fortschreitenden Entzug nur umso gewaltprovokantere - Nichts.
Nun aber habe ich, siehe den Vortragstitel, auf (Psycho)pathologie bezogene Nichtssymbole zu erörtern versprochen, also diese abweichende - pathologische - Stellvertretungsart, sprich: Symptome, zum Thema zu machen. Und Symptome sind Symbole, überwertigerweise anmaßend, beim Wort und, in ihrer Gewalthaftigkeit, buchstäblich, genommen; und tragen entsprechend die sofortige Bestrafung dafür in sich.
Welche Krankheit aber nun ist, dem "Horror Vacui" gemäß, wie, nach Aristoteles, die Natur, "überall um die Ausfüllung des leeren Raumes bemüht"? Sie ahnen es wohl, postmodern, in den Medien hochgeputscht, geläufig: das Messiewesen. Muß ich es überhaupt noch beschreiben? Selbst hatte ich bisher, im engeren praktischen Sinne, nur einmal, mit einem Papier-, einem Zeitungs- und Zeitschriftenfetischisten zu tun, der, charakteristischerweise, am linken Schienbein - erfolgreich operiert - an Hautkrebs erkrankte (so als stelle sich die messiekriteriale Einbehaltung zudem am Körper dar: mittels der lebensgefährlichen Läsion des Veräußerungs-, Übergangsorgans Haut). Und die ausschließliche Kaprizierung auf Druckwaren
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zweckt, ganz direkt, auf übertriebene: pathologisch symptomatische Gedächtniswahrung ab, mutet wie eine Demenzprophylaxe an... Also ein memorialer Superfetisch, der in aller papiernen Sublimation - bedrucktes Papier = gehobener Abfall - die Veräußerung, post festum, durch visköse Einbehaltung außen vor, rückgängig zu machen sucht - die Analogie zur nachträglichen Exkrementeneinbehaltung, dem -sammeln und -aufbewahren, liegt auf der Hand; eingedenk eines ehemaligen studentischen Gruppenpatienten von mir, der - vernachlässigtes Wirtshauskind - seine Exkremente in Zeitungspapier einpackte und sein Zimmer damit bestückte. Sondermeisterung des "Horror Vacui": Entleerung/Defäkation, die sich, übertrieben, anfühlt wie Mutter- und Selbstverlust, symptomatisch kompensiert sodann im besagten Exkrementenverwahr. Auch mein noblerer Typographikmessie mutete, an Untergewichtsgrenze, recht verloren, wie verwaist an; und erweckte in mir perversionsübliche Generositätsempfindungen daraufhin, ihm seine, außerdem schwach nur sexualisierte, Unterweltssakralität, die schwarze Messe seiner Sammelnswut, zu lassen - fürs erste jedenfalls, bis ihm seine Megakollektionen buchstäblich "über den Kopf wüchsen"? Allemal aber macht sich alles Messiewesen mysteriös an seiner - immer in sich effektiv trugvollen - Todes-, seiner Nichtsbeschwörung, seinem dissidenten Parierungskonkretismus des "Horror Vacui". Doch ich pfände mein Haupt darauf, daß in einschlägigen TV-Sendungen - "Menschen, Tiere, Sensationen" - kein Sterbenswörtchen dazu, zu meiner ausschlaggebenden Messiebasierung, dem "Horror Vacui" (und der Objektivität des Abfallsproblems), fällt. Und dabei ist doch, nach Aristoteles, die Natur/das Sein selbst unser Haupt- und Spitzenmessie! Und, nach Heinrich Heine bekomme ich, als Philosoph, mein Messiefett weg, nämlich: "Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen/Stopft er die Lücken des Weltbaus."
Messiekopfstand - das -gegenteil ist weniger verbreitet und bekannt, nicht weniger aber in unseren Leereangelegenheiten lehrreich. Man - ja man: pathologieangenäherte Termini fehlen - räumt seine Behausung hochnotpeinlich, monastisch oder auch Gefängniszellen-verwandt, aus, und betreibt auf diese verwegene Weise der Todesmagie andere Art, nicht die der Verdeckung (Epikalypse), vielmehr der Offenlegung (Apokalypse), der, an dit, nackten Nichtskonfrontation, die - "action directe" - wesentlich riskanter scheint, und, entsprechend, stärkerer Sicherungen bedürfe; versteckt dann im Ansinnen der die Inventariumsgötter gnädig stimmenden tückisch masochistischen Selbstaufopferung darin. Vorsicht also! Flöge dieser
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gesteigerte Obsekrationstrug auf, so würden die "Letzten Dinge", der "Horror Vacui" dann in finaler Potenz, "schlimmer als die ersten", dessen weher Stimulus zum Sein. Und der Mitzweck dieser Dingeevakuierung - um die Sinnenebene, vom Sehen zum Hören, zu wechseln -, die Hintertreibung des transsubstantiationistisch psychotischen Dingeverlautens (Flüsterstimmenhören, Akoasmen) - ist doch jedes Ding eine verwunschene Nymphe! - löst sich, sanktional in puren Höllenlärm - Hörsturz und Doppelsehen - hinein auf. Weg mit dem Plunder! Recht so? Nein, den Tod nämlich werden wir, erbärmliche Messies, schier nicht los. Und der Kurzschluß mit seinem Leerevikariat - dieselbe Anmaßung am anderen Ende, und zum Scheine bloß unvermittelte Mimesis ans Nichts (buddhistisches Monasterium?) - kann nur, letztendlich, den "Horror Vacui", die große Todesnot des galoppierenden Todesentzugs in der verfehltesten Todesbannung, verschärfen.
Im Messietum, mitsamt seinem Gegenteil, ist der Skandal der differenzierenden Veräußerung, ja in der Äußerlichkeit des Wohnungsinventars, bereits geschehen; und muß, folglich, im nachhinein, derart widerrufen werden, daß dieses, die umgebenden Dinge, in aller Viskosität, sich, höchst fetischistisch, wie sich verewigend, anhäufen, respektive gänzlich verschwinden müssen. Unfern dann, pathologiesteigernd, die kurzschlüssige Beseitigung dieser Messie-etc.-typischen Schleife/Volte, des vermittelten Rückgängigmachens/der Annulierung der dinglichen Außenwelt, aktualisiert sodann im Phantasma deren totaler Einbehaltung am Körper, einer Art fleischlicher Selbstfetischisierung, in der es, selbstapotheotisch, keinerlei abgetrenntes, sich in sich selbst hinein verlierendes Außen mehr gäbe; die Adipositas - usurpierte Götterfettproliferation.
Diesmal aisthetisch, statt theoretisch, wenns beliebt - im Gedenken an einen österreichischen Subkulturspezialisten, eines überaus schwergewichtigen sozialpsychiatrischen Trommlers auch, der dazu - man nahm es ihm ab - sang: "Ich bin noch immer unbefriedigt"... Und der, wenn unbeachtet, stiekum schaukelte, um die träge redundante Masse seines Mehrfachkörpers wenigstens durch diese Stereotype mobil zu halten; der im Vorstellungsvorgriff auf Nahrung, wie tischgebetarchaisch, heftig transpirierte; der mit erzitternder Stentorstimme das (angeblich Lacansche) "Reale" heiligsprach; und der, in seiner offenherzigen Sucht, verriet, wie dem "Horror Vacui" - mit voller Bauchlandung, symptomatisch, in der eigenen Sch... - zu begegnen sei:
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"Während eines Tagungsabendessens imponierte dieser Kollege durch die Art und Weise, wie er die Speisen bestellte: Bitte Herr Ober bitte: ein Mineralwasser, nein zwei Mineralwasser bitte. Und als Vorspeise X (ich habe die Speisen im einzelnen vergessen, es waren aber gebührende Ladungen), als Hauptgericht Y, und zum Hauptgericht noch dazu A, B, C bitte, und als Nachspeise Z. Und bitte Herr Ober bitte, servieren Sie das Essen lückenlos, lückenlos. Haben Sie gehört bitte: lückenlos.' So die Gerichte-Bestellrede. Der jüngere Ober versuchte seine merkliche Irritation durch besondere Beflissenheit aufzufangen, konnte sich im Abgang aber, halb schon abgewandt, den Anflug eines kurzen hämischen Grinsens nicht verwehren. Die weiteren Kollegen in der Runde, so sie nicht durch die Musterung der Speisekarte abgelenkt waren oder auch nur zu entfernt vom Ort des Geschehens saßen, taten weitestgehend so, als hätten sie nichts davon gehört; was ja als probate und nicht unvornehme Reaktion auf Peinlichkeiten notorisch ist. Im Gesicht des peniblen Kollegen aber erinnere ich deutlich noch eine Art von Blickrückzug, der nicht vollends gelang und kompromißhaft also in ein passageres Augenflackern überging; und überhaupt, gestisch, motorisch, ein leises Erzittern - Hungeraufregung, gewiß, mehr aber Beschämtheitstremor im Übergang zu Angst vielleicht, was dann alles an Expression sich auffing und justierte in der durchaus herrisch-heischenden Bestellrede: Bitte Herr Ober bitte ...`, die wie ein Nachhall mindest der Hungertyrannei des Säuglings wirkte. Ich aber geriet dabei wie Publikum erstarrt in den Sog von Sehen und Hören, erfuhr mich wie den Zeugen eines heiligen Spektakels und mußte, am Essen außerdem stark gehindert, die Starre, die mich befallen hatte, post festum durch Memorieren lösen; und löse sie jetzt zumal, da ich abermals die Gelegenheit habe, von dieser wahren Begebenheit öffentlich gar zu sprechen." (Pathognostische Studien II. Psychopathologie - Logik - Sinne/Affekte - Musik - Bildende Kunst. Genealogica Bd. 17. Essen. Die Blaue Eule. 1987. S. 59f.) Verständlich?
Die Exekution des Gegenteils, wiederum am Körper insgesamt selbst - nicht das adipöse Gegenhalten wider die Leere mittels Überfüllung, vielmehr die kurzschlüssig nachahmende Hingabe an das Vakuum -, insofern nicht sogleich tödlich, weil noch masochistisch erosdifferiert (und ja, gleichwie auch faktisch mächtig, im Grunde superstitiös) - die körperpathologische Konträrgestalt zur Adipositas macht die Anorexie, im nachwievor unbeherrschbaren suizidalen Extrem das Sichverhungernlassen,
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subsistentielle Todestriebspitze, todesmagische Hals-über-Kopf, ultimative Mimesisprätention des wie unmittelbaren Selbst-zur-Leere-werdens.
Nochmals in aisthetischer Wendung: so erfuhr ich - mit der Anorexie ist nicht zu spaßen -, aus nächster Nähe, von zwei jugendlichen anorektischen Patientinnen, die, sich gegen Zwangsauffütterung resistent erweisend, den Hungertod beschlossen, kurz vor dem Existus sich als fast-Gerippe fotographieren ließen und diese horriblen Fotos an ihre nächsten Verwandten verschickten. Bitte mögen wir, trotz solchem abstoßendst Makabrem, den würdigen Index desperater menschlicher Not darin wahren. Und dies auch wider die postmodernen Intemettumulte darum : Selbstmordforen für Anorektikerinnen, "pro ana" neuerdings: das Ensemble von Männern, die sexuell auf diesen stehen; welche, in konventionellem Verstande antitherapeutische Sonderliebe sich ebenso als, befangen, lebenserhaltend erweisen kann, wie, indessen, das Gegenteil davon beschleunigend. Auch hat - das bleibe nicht unerwähnt -, um etliche Ecken herum, der - ja auch feministische Affront - gegen die üblichen Anorexietherapien einen Wahrheitskern, sofern diese - an der Spitze die nicht recht erfolgreichen psychoanalytischen - die einschlägigen selbst makropathologisch gesellschaftlichen Bezüge zur Individualpathologie auszublenden pflegen.
Angeschlossen an die Adipositas sei hier noch ein kurzer Blick auf die Vielzahl von Einbehaltungspathologien, in denen es aber um das inzestuöse Management der expressis verbis Retentionsmaterien zu tun ist, in denen, jeweils definit differentiell stoffbezogen, die mit der Differenzstattgabe verbundene Leereerfahrung, der sensuelle Evakuierungseffekt (diese Frömmigkeit sozusagen), symptomgenerierend, hintertrieben erscheint: subsistenzsexuell Urethrismus und Obstipation, generationssexuell weibslastig laktative Exhaustion, Amenorrhö, postmaturity. Maßnahmen an pathogener Leereprophylaxe demnach - die Ausscheidung muß, im Extrem, lebenswahrend, erzwungen werden, und die rettende widerinzestuöse, -fusionelle Diskrimination je der Einbehaltungen lockt mit der erostückischen Prämie der Entleerungswonnen, die die ursprüngliche Passion der Selbstabsolutheit momentan vergessen machen mag. Die Rationalisierung der einbehaltenen Inzestmaterialitäten zu abfälligen Defekten - inbegrifflich der Sterblichkeit -, paradoxer Rechtsgrund ihrer Verwerflichkeit, bricht sich aber am Notfall der Übertragungsfrucht - sie ist ja, selbst als Leiche, kein Dejekt. Gedacht sei noch einer kleinianisch prononcierten Zwischenwertigkeit, des Interims von entleerungsbedingtem Selbstverlust und dessen Rückauffüllung in martialischer Dinglichkeit, dem während
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prototypischen Waffeninfantilismus der Körperausscheidungen: der besagten Inzestmaterien, die, widerinzestuös differenzbildend, der dejektiven Entwertung anheimfallen; die, ihrerseits indessen, sich - und damit haben wir es hier ja zu tun - in imaginäre Anderentötungspotenz hinein kompensiert. Trefflicher Kompromiß: wenn ich denn schon meine Absolutheitsgier, um meiner Selbsterhaltung willen, derart dranzugeben genötigt bin, daß die Stofflichkeit meiner apotheotischen Binnengarantien zu reinstem ekelhaftem Unrat degradiert werden muß, so erfährt derselbe - alle nimmer unambivalent angesehenen Dejekte -, immerhin (?), seine dubiose Rehabilitation in seinem Einsatz als Waffe, indirekt nunmehr wider die Prohibition meiner anfänglichen Inzestgelüste; Schleife, mittels derer ich mich, allzeit auf Indifferenzierungskurs, doch noch durchzusetzen suche, unimaginär ininfantil, in reifer Erwachsenheit, dann durch Rüstung. Widerspruch aber der Menstruation diesbetreffend: als geschlechtsspezifisches Schwellenphänomen, gleichwohl, eher verdecktes, Aggressionsmedium, wie wenn die inzestuöse Amenorrhö sich eliminativ entfesselte, umwillen der also vermittelten, im nachhinein ihre Widerstände wegräumenden durchaus aufrechterhaltenen Inzestteleologie. Allein, die kompromissuelle Waffenhaftigkeit der Dejekte "macht die Rechnung ohne den Wirt", denn die Aggressions- ist zugleich die Wunschadresse, der Mutterkörper; mehr aber noch: man gewahre den Doppelsinn von "sacer": heilig - die inneren einbehaltenen Inzestsujets; verflucht - dieselben, veräußert als Dejekte, aufgefangen funktionalisiert sodann - quasi Naturwaffen; beide außenvor objiziert ineins - künstliche Waffen. Bravo! Nein! Diese gattungsgeschichtliche Megaangelegenheit scheint nicht aufzugehen, respektive sich derart anzulassen, daß sie im Gelingen sich aufhebt. Denn alle Waffenelemente sind, in sexuellem Verstande, herkünftig im nachhinein, ja Mutterkörperparte, so daß in der paranoischen Spätattacke auf alle Maternalität diese doch, gewunden, zu sich selbst heimkehrten, "den Teufel mit Belzebub austrieben", und also sich neutralisierten? Das ist, de facto - die Menschheitsgeschichte, eine einzig Schlachtbank -, freilich nicht der Fall, aber ebenso nicht am Grunde dieser übelsten Tatsächlichkeit, sofern im Migrationsfinale der - dejektierten, waffengenerisch abgefangenen, zu Waffen schließlich verdinglichten - mütterlich determinierten Inzeststoffe, diese eben gerade sich - buchstäblich einschlägig - eignen, den immer noch existenten Mutterkörper - in der destruktiven Gunst seiner Homogeneität mit seinen eigenen Umwegsgeschossen - effektiv zu verfolgen. Neutralisierung, die sich in ihr Gegenteil verkehrt: in den großmasochistischen Schlußtriumpf mütterlicher Weiblichkeit, Apokalypse des
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Geschlechterverhältnisses, mörderisch feministische Endautarkie, an allen kulturgenerisch dinglichen Virilitäten vorbei; nur daß diese, zuvor, umso grausamer nur, just allzeit paranoid mutterpersekutorisch, wüteten.
Vorherrschender Weiblichkeitskurzschluß zuletzt: indem Tochter den blutigen Lappen schwenkt, hat Mutter je schon abgetrieben. Aber die stolze Männerblase? Bei Licht besehen, assistiert sie bloß, auf gehobene wissenschaftliche Art und Weise, den abortiv revanchistischen Weibsgeschäften, dieser ihrer assimilierten, zu dinglicher Sublimation verpflichteten, essentiell martialischen Kultursubstanz. Ein Riß geht, apriori, menschheitlich folgenreich, durch das Geschlechterverhältnis:
Es ist, im Jargon gesprochen, der Gebärneid, wohl genauer noch: der letale Neid auf die weibliche Tötungspotenz, der die patrifiliarchale Unterwerfung primo mütterlicher Weiblichkeit, äußerst racheprovokant, dergestalt nährt, daß Mann nur noch aus der Totalität destruktiver Mimesis an den Skandal weiblicher Mortiferenz besteht. HH: "Bluten die Frauen, so ziehen die Männer in den Krieg. Kreißen die Frauen, so bringen sich die Männer wechselseitig um." Genichtete Mutter in der Blüte ihrer eschatologischen Hegemonie: höllenlärmende Waffengebärerin, Geburt und Verwendung zugleich: Explosion, die instantan das Weibsfleisch pulverisierend zerreißt.
Kleinianische Volte: zum fortwährenden Waffeninfantilismus der Körperausscheidungen, abzüglich der ja, frauenspezifisch, später, in der Pubertät, einsetzenden Menstruation (mit ihrem Negativ Amenorrhö), sowie der von da an möglichen Schwangerschaft (item Übertragung). - Was den Fortbestand an dejektiven Waffeninfantilismen angeht, so mögen Sie etwa an Anspucken, (übertragenerweise!) an Anpissen, Anscheißen, Hinrotzen und dergleichen denken.
Zusammengefasst:
Abundante Retentionen sind eo ipso inzestuös stigmatisiert. Als solche erscheinen sie sanktionswürdig.
Die Bestrafung erfolgt durch Evakuation, sodann aber, rationalisiert, verwerflicher Dejekte. In ihrer Desavouiertheit erweisen sie sich, höchst ambige, dagegen als rettende Differenzmonita.
Zudem enträt schon ihre Produktion nicht der spezifischen Lustbeglaubigung.
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Unbeschadet dieser ihrer notwendigen Zuträglichkeiten, muß ihren persekutorischen Fährnissen gewehrt werden.
Der hier thematische Parierensmodus besteht, allgemein, in der Umwandlung drohender Passivität in martialische Aktivität: so werden die Dejekte zu quasi natürlichen Waffen.
Als solche fungieren sie als Vor- und Nachbilder der primordialen künstlichen, der Rüstung.
Die generelle Aggressionsadresse macht der Ausgang: die mütterlich konnotierte absolutheitsbegehrliche Retention als letale Vorenthaltung.
So lautete denn auch der phantasmatisch ultimative Schutz vor dem "Horror Vacui", in seiner adäquaten Implementation mit Destruktionsmaterie. (Viel Vergnügen!)
Erlauben Sie mir nun noch, en passant, den Wechsel der "Symbole des Nichts" in die Verlautungssphäre (weitere andere kämen dazu noch in Frage, etwa das Dunkel, die Kälte) - mir zur Ehren auch, als Musiker -, namentlich die Stille, und zwar ausschließlich hier in negativer Hinsicht der Totenstille, des "Horror Silentii", mehr als bloße Ergänzung des "Horror Vacui". - Nun, subito, in der Stille entscheidet sich, ob die dingliche Umgebung träumend weggeschlafen ist, oder mich, mit Stimmenhören und Akoasmen, bedroht; also ob hinlänglich ich mit mir selbst, zur "Einheit von Stimme und Gehör" (nach Derrida die Matrix des Selbstbewußtseins), zusammengeschlossen bin, oder diese , existententscheidende, unio auseinanderfällt, zerbricht. Allemal muß man sich zu helfen wissen, sich, zumal im Falle pathologischer Selbstdekadenz, listenreich läppisch womöglich, des phonetischen Selbstzusammenhalts, der -kohärenz, vergewissern.
Dazu die folgende Episode:
Mein Uranalysand, Brückenphobiker seines Zeichens, schlich sich, nachmitternachts, zu einer spärlich nur mehr befahrenen, schwach auch beleuchteten Rheinbrücke, und überschritt sie - das tagsüber unbegehbare Abatongespenst -, o Wunder! -, in Gänze; an ihrem Scheitelpunkt kurz rastend, und den fortgesetzten Hinweg geradeaus, fraglos wie einen sicheren Rückweg, genießend. Clam tapferer Nachtgang, dessen Vollführung - jetzt kommt es! - davon abhing, dem Echo seiner kräftigen Schritte, hallaufzehrend, nachzulauschen. Deren Klippklapp - die Delegation des Mundes an die Füße, kurzgeschlossen mit dem Ohr - wird so zu einer Art
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quasi archaischer Garantie des angstbindend eigentherapeutischen Selbstzusammenschlusses; ob der kindischen List seiner nächtlichen Sonderpraxis, einer hochdifferenzierten kunstvollen Symbolhandlung, sogleich, dagegen von sie hintertreibenden Affekten - Angst, Scham, und, avancierter, Schuld - gezeichnet - (nicht-nur-)Patient mußte sich das hämische Vergnügen an seinem verstohlen unpubliken Nokturno leider verkneifen. Märchenhaft aber fast, davor, die gelingenstragenden Ansinnungen, primo, ans "phobische Objekt", die Brücke: ihre eben phobisch doch gänzlich unerwartete Begehbarkeit verschuldet sich der Unterstellung, daß sie, schlafend, sich selber träumt: ihre verwegene Leistung, den Abgrund und das Jenseits zu neutralisieren, memorialisiert. Somnial REM-gemäß regungslos mit sich selbst befaßt, hat unser tückischer Passant - macht er sie etwa - wie dann? - soporös und mehr? - von ihr nichts zu befürchten; nur daß er ihres, ja begrenzten, Traumschlafs sicher sein, und auch gehalten sein muß, die Lautstärke seiner widerhallenden Schritte wohlzudosieren dergestalt, daß er sich selbst noch wahrnimmt und sie, die Traumschläferin Brücke, nicht aufweckt. Verfehlte er, katastrophal, dies rechte Timing (und wäre er zudem um die Dynamikgraduationen seiner ambulanten Lautung unbekümmert) - suchte er die Brücke etwa in ihrem Tiefschlaf zu passieren -, so wäre es um ihn, seine kunstvolle Finte, das "phobische Objekt" zu hintergehen, geschehen. In diesen NREM-Nachtphasen nämlich muß sich der tief bewußtlose Schlafkörper, wider den Todessog der "abnormen Schlafvertiefung", durch entschiedene Motilität, zur Wehr setzen; und schon sein, hier der Brücke, darob leises Erzittern machte die widerphobische Düperie ihrer Begehbarkeit zunichte; ließe auch, davor, eine immer auflauernde Mißhelligkeit selbst in der, also hochbedingt abweichend antiphobisch phobieimmanent reibungslosen, Passage hervortreten: die Gefahr der Zerstreuung des, derart dann unab- und -eingefangen ausgesetzten Widerhalls, des Aufbrechens der Selbstrückkunft in der gehörten Füßeverlautung, des verhallenden Hallüberschusses ob des Mangels an Reflexionswänden. Und schickte dieses Surplus sich, rest-lich, noch zurückzubiegen, so verkäme mein also lädiertes falsch geöffnetes Selbst, kakophonisch, zum Mißklang, und, entsprechend visuell, zum Zerrbild. "Das Ende vom Lied", maliziös den Kampf mit den terrorisierenden Dinggöttern aufnehmen zu können.
In diesem Zusammenhang der Re-flektionsnöte - daß ich mich selbst, im Ausfall der stimmlichen Rückkehr zu mir selbst, verliere; daß ich in die phoné-Fragmente meiner selbst auseinanderfalle (ob es wohl einen kosmischen
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Lumpensammler geben mag, der meine Selbstrudera, rein für sich, einsackt? Desiderat auch: die Priorität eines Soundanalogons zum "Spiegelstadium"?), entsinne ich mich des Anflugs einer Panikattacke, als ich anläßlich eines Rundfunktermins, ebendort eine Lokalität (Terminus?) passieren mußte - sie kam mir fast wie eine Folterkammer vor -, die jegliches Lautaufkommen schluckte. Immer noch sehe ich die irgend durchbrochene, wie mit regelmäßigen Ausstülpungen versehenen Wände vor mir; schleunigst machte ich mich damals davon, als ob, hörensschlemihlich, vampiristisch, mein phonetisches Spiegelbildpendant (Terminus?) dabei sei, horrend mir abhanden zu kommen.
Und unlängst kam mir, zufällig, ein einschlägiges TV-Himmelsgeschenk zu: aus der SF-Serie "Star Trek - Raumschiff Voyager" der Serienteil "Nacht". Die Crew wird in einem schieren Vakuum ("Horror Vacui"!) gefangengesetzt, und leidet alsbald - welch trefflicher Ausdruck! - unter "Nihilophobie", die, ein wenig eben noch depressivaggressiv, lähmt, erstarren, mutistisch macht. Einzigartiges Gegenhalten wider diese umfassende Nichtssymbolik: Fähnrich Kim spielt mit einer eigenen Klarinettenkomposition, titels "Echo der Leere", ergeben verzweifelt, dagegen an. Zwar vergaß ich, wie die "Voyager" dieser "Nacht"totale wieder entkam, darf aber mutmaßen, daß die Kimsche Soundparierung des erscheinenden (nein!) Nichts an der gar bunten Wiedererlichtung des Dunkel, mitsamt der Remobilisation des Raumschiffs, mittat - stellte sich doch, paradoxerweise, ein "Echo der Leere", hörbar, die Leere stimmendurchmischend, unabsorbiert, ein. Stille, negativ = der schlechthinnige Reflektionsausfall; vs. positiv: die Reflexion ist im ganzen geschehen; ich bin bei mir selbst angekommen.
Und schließlich - nicht aber pejorativ -, zuletzt: das Hohle. Es ist, kurzum, die umhüllte, und deshalb im ganzen sichtentzogene, Leere, ein Sonderfall (und mehr), allererst ex- und interioritätsschaffend, derselben, und also ein weiteres - abgeleitetes? -, wie immer möglichunmögliches, Nichtssymbol. - Welche Krisisfunktion ihm zukommt? Die der Enttäuschung dessen, daß ein - mindest mutgemaßtes - Verborgenes, entborgen, einen Schatz, einen ausnehmenden Wert, zutageförderte; die der Fehlanzeige, des harten Dämpfers einer überspannten Heilserwartung, einer "promesse du bonheur", die sich ihre todesanmahnende Widerlegung, ihre Vergeblichkeit, wie gerechterweise, zuzieht: gähnendes Vakuum, statt hochwertigster Selbstauffindung, womöglich noch verschärft dadurch, daß sich in diesem Nichts restlicher Unrat ansammelte. Machen wir, vorsorglich, deshalb, den
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Hohlkopftest... Klingt doch hoffnungsvoll? Auf daß wir keine "tauben Nüsse" (schöner Doppelsinn von "taub"!) seien ...
Zur Utopie neigenden Endvision dazu, zum Hohlen, wenigstens seiner Ermäßigung: allenthalben mache es sich frei zum Resonanzkörper der schönsten Klänge, der Purgierung dann auch unserer Kavernen von Militärgerätschaften und Mülllagern; ebenso von "cavernae" (durch Gewebeeinschmelzung entstandene Hohlräume im Körpergewebe) und "cavernomae" (Blutschwämme); vielleicht auch - passagere Dienstbarkeit des Hohlen, jenseits seiner Todesängstigungen - fanden Sie einmal schon Unterschlupf in Höhlen, eingangs-, ausgangsorientierte Hohlräume -, überlebten Sie - unwahrscheinlich! - gar in einer Luftblase?
Gewiß - Höhlenhaftigkeiten en masse zudem, den Organismus betreffend -, nicht aber schaffen diese befristet bergenden (und sonstwie noch funktionalisierten) Zuträglichkeiten das "cavum" schlechthin, nur noch verbleibendes "en soi", den Sarkophag, den Sarg, aus der Welt; im Gegenteil, sie nähern ihn zumal.
"Gibt es das Nichts, die Leere, das Hohle? Annäherungen"
Freilich, das Nichts gibt es nicht, kann es ja, per definitionem, nicht geben. Aber selbst diese Nichtgebensauskunft ist der Benennung schon, widersprüchlicherweise, viel zu viel; macht, in diesem ihrem Überschießen, den, leichthin übersehenen, Vorausgang aller Todesanmaßungen aus, die in ihren Effekten sich ebenso verheerend wie, dagegen, seins-notwendig erweisen. Will sagen: wir kommen nicht umhin, um unseres todgeweihten Lebens willen, breite Blutspuren hinterlassend, noch und noch dieser allumfassenden Anmaßung willfährig zu sein, gleichwohl kollabiert sie, von Anfang an, in sich, nicht sich auflösend, vielmehr, sich ständig zu sich selbst tödlich motivierend, in die schlechthinnige Namenlosigkeit (des Nichts), die, in ihrem absoluten Entzug, nicht-ig nichtwiderhallt, um ... das läßt sich schier nicht mehr sagen, aber selbst diese schöne Negation ist der Sage immer noch "de trop de trop".
Weiter nun, nichts denn, fortgesetzt, unvermeidlich, macht konkretistisch sich die haltlos gehaltene Todesusurpation in den besagten Nichtssymbolen, den magischen Stellvertretungen (Vikariaten), paradoxerweise, ohne Stellvertretenes, beispielhaft - "Horror Vacui/Nihilophobie" - der Leere sowie der umgrenzten Leere, dem Hohlen (ergänzt noch -"Horror Silentii" - um die - einseitig im horrenden Sinne - Stille).
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Es ist nun die zweifelhafte Gunst von Pathologie, in ihrem begehrlichen Übermaß der Aneignung des Gewaltwesens der Nichtssymbole, eben deren allbestimmenden Underground, unbeabsichtigt, für unsereinen aber intellektuell auffangbar, offenzulegen; angerissen am Messiewesen und dessen dingeasketischem Gegenteil, an Adipositas und Anorexie, und dergleichen (nicht unbedingt direkt symptomatisch krankheitsbezogen) mehr.
Wie Sie, die Architekten, es nun mit Ihrer spezifischen "Rücksicht auf Darstellbarkeit" - hoch wieviel? - halten; mit der potenzierten Todesmagie ihres professionellen Tuns, der, entsprechend hochgetrieben, Todesanmaßung darin, deren, innere, Verwerfungen gewiß nicht ausbleiben? Diesbetreffend gehe ich bei Ihnen, liebend gerne, doch zumal geängstigt, in die Lehre (dankbar mit "h").
"Annäherungen"? Dem sich vielfältig maskierenden Nichts sind wir ebenso notwendig angenähert wie heilsam entfernt; beides ineins, wenn immer wir, in erfülltem Vorübergang, zu existieren verstünden, entgegen dem Sterbenseingang ins Nichts, und - dasselbe am anderen Ende - dem unendlich distanzierenden Abriß desselben; - immer, fälschlich, anmaßend, gesprochen - von diesen Grenzen, der einen Todesgrenze, je schon zu aufschiebenden Gewaltausfällungen, zur salutistischen Waffenimplementierung, verführt; in deren Bannkreis uns, immer noch und immer wieder, die Mora passageren Friedens, nicht zuletzt im Schutze ihrer Opera, der Architekturen, vergönnt erscheint.
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