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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Zur Funktion der Reinszenierung »politischer Urszenen« (Pathognostische Studien XIII, 2014, Essen, Die Blaue Eule, 162-182)
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Urszene, genuin psychoanalytisch
epistemischer Status: Traumataverdichtung
„szenisches Verstehen" (Lorenzer)
konjunkturelle Allsimulation gleich universelle Hysterisierung
posteriore Urszenen, politische
Homogeneität des politischen Umfelds und individueller Symptomatik
Zweck der dramatischen Urszenenreproduktion
Absolvenzrevokationen
„Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten"
signifikative Wahrheitsschwebe
Präsenzphantasma
alternative Medialisierungen der politischen Urszenen: gesamtkunstwerkliche Cineastik
Postmodernedilemma: „große Erzählung" Imaginarisierung/Tauschwert
nochmals: Homogeneität der sozialen Peristatik und der Subjekteverfassung
Exilierung der Intellektualität
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„Urszene", in engerem psychoanalytischen Verstande, besagt die unzeitige rudimentäre Wahrnehmung des elterlichen Geschlechtsverkehrs, vornehmlich durch das männliche Kind, den Sohn.
Letztere - psychoanalysenotorische nicht strikte eingehaltene - Einschränkung bezeugt die facheinschlägige „patrifiliarchale Zentralperspektive".
Die apostrophierte Unzeitigkeit betrifft den traumatischen Umstand, daß das (männliche) Kind, seinem epigenetischen Status gemäß, dieser seiner - meistenteils zufälligen - oftmals, post festum, phantasieergänzten Wahrnehmung nicht gewachsen ist, und entsprechend zur - im Extrem pathogenen - Desintegration neigt.
Inhaltlich erscheint die „Urszene" überschattet - so, inbegrifflich, ihre Traumatik - vom - womöglich regressiv sexualisierten - Terror sadomasochistischer koitaler Mannsgewalt, pointiert der Mutterschändung.
Nicht hat die herkömmliche Psychoanalyse besondere Sorge darum getragen, dieses exzeptionelle Problemdickicht zu lichten - und mich daran zu begeben (was ich einmal schon unternahm*), kann hier auch nicht meine Aufgabe sein. Für die Kriterien des Urszenenbegriffs (und, szenentriftig, darüber hinaus) sei deshalb nur markiert:
die nothaft infantile Perzeptionsüberziehung des elterlichen Geschlechtsverkehrs zu einer „sex and crime"-Veranstaltung, die, womöglich traumatikbedingt neurosengenerierend, nachwirkend, sich dem kindlichen Unbewußten, als basal-Verdrängtes, zuschlägt. (Immerhin - vielleicht könnte Ihre, der Szenografen und -logen, Szenenpassioniertheit sich differentiellen Urszenenverwerfungen verschulden?!)
Einer substantiellen epistemischen Fehlaufassung der „Urszene", relevant dann ebenso für die „posterioren Quasi-Urszenen", unser eigentliches Thema, sei gebührend noch gewehrt: nicht macht sie einen dispositionsverheißenden Kausalitätszusammenhang, gar im Sinne der „prima causa" („Ur..."!), aus, vielmehr die - noch nicht einmal anfängliche - gedächtnisprägnante (ob ihrer Verdrängtheit eben gerade gedächtnisprägnante) Verdichtung unversammelter, unsortierter, also desintegrierter Traumaelemente. Derart werden diese zwar gestellt, bar jedoch der Gewähr, daß sie in dieser ihrer fortschrittlichen Verfassung ihre potentielle Destruktionsvalenz abschwächen - im Gegenteil: solche - auch ja rettende - Konzentration intensiviert diese nur; „Urszene" - re-präsentative Kompression, aber ins - nun ja, abgefangene - pathologische Unheil.
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A part sei in diesem Kontext eben noch erinnert an Alfred Lorenzers, des spätfreudomarxistischen Psychoanalytikers der „Kritischen Theorie", Konzept des „szenischen Verstehens", das ehedem sich einer passageren Konjunktur erfreute, doch psychoanalyse-immanent (und anderswo zumal) sich nicht durchsetzte, für Sie aber durchaus relevant sein könnte, so Sie sich in diese szenologischen Niederungen begäben. „Szenisches Verstehen" (wohlgemerkt „Verstehen"!) zweckt ab auf die Rekonstruktion („Sprachzerstörung und Rekonstruktion"!) allzeit intersubjektiv traumatischer, deshalb unbewußt gemachter und gehaltener Begebenheiten/Situationen zu offen-sichtlichen Szenarien, deren pathogene Ausmaße auf diese Weise allererst ablesbar werden, und deren kongregierende Verdeutlichung Hoffnung auf ihre (Ab)solvenz veranlaßt. War die vormals blind fatale zerfallende Schadensraffung ein hochdramatisches Geschehen, so dessen rekonstruktiv kohärierende Lichtung - „Bewußtmachung von Unbewußtem" -, wenn wirksam, dann der aufgeklärte Nachhall dieser ursprünglichen Affektion. Profit von hier aus für den Szenenbegriff demnach: im Vorstellungscharakter der Szene, dem Vor-sich-hinstellen, liieren sich, in aktualisierender Nachträglichkeit, „Vorstellung und Affekt": (buchstäblich) explizieren sich die losen Affektenknäuel in konsistente empfind-lich widerhallende Figurationen. „Szene" wird so zum Inbegriff re-präsentativer Soteriologie, just im Angesicht ihres transparent involvierten Kontrariums Pathologie.
Was aber, gravierend, wie ich meine, Lorenzer, und, auf Verdacht gesagt, auch Sie (korrigieren Sie mich!) auslassen**, das ist die weißmagische, von mir, ungewohnt, so benannte, „todestriebliche" Verfügungsbegier, und zwar selbst schon, ab ovo, in der privativen Verfassung der vagierenden Protoszenarien, dem Rohstoff sozusagen deren abständigen Explanation, hier freilich a fortiori. Und ineins mit dieser, ja, Dispositionsverzweiflung, zeigt sich ein allbeherrschendes Element von Hysterisierung, und das heißt: der, das mediale Bemächtigungspseudos steigernden, nachhelfenden Suggestion des Spiels als severester Ernstfall, kurzum: der global längst erfolgreiche Trug dramatisierter Simulation.
Länger schon ward die manifeste Gattungsleidenschaft der auf exkulpierte Beherrschung abzielenden Allimaginarisierung, Signatur unserer medienverseuchten Epoche, wie zu einer Selbstverständlichkeit. Unanstößig entsprechend - so meine evidente Kurzzeiterinnerung - die wunderbare gelddevorierende Computervermehrung ringsherum, gleich einer angelischen Friedensinvasion. Fragten Sie nun nach den Gründen dieser inflationären
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Passioniertheit, unserer einzig akuten Revolution, ja Revolution, so konsultieren Sie dafür bitte, mit Bedacht, die Hysterie, falls von ihr überhaupt noch etwas übriggeblieben sein sollte, und Sie anlangten bei deren überaus seduktiven Potenz - wie tief sie bis in die Anfänge der Psychoanalyse zurückreicht -: - im Jargon gesagt - deren fadenscheinigem Schutz vor Kastrations-, Aphanisisängsten, mittels deren triebflüchtigen universellen Als-ob, das seine eigene martialische Refutation nachgerade erschafft.
Aber was lese ich, gänzlich frustran doch, der ubiquitären Medienkonjunktur die obsoleten Leviten? Lächerlich jeglicher konfessionaler Prophetismus dagegen, wenngleich es eine infam ausgemachte Sache ist, daß unsere eherne Imaginaritätsphantasmatik die mörderische Violenz, die sie provoziert, zugleich, bis zum Zerbersten - „huis clos" - ernährt. (Wie lauteten die einschlägigen Kategorien dazu?) Vulgo: je mehr Medialisierung, umso mehr, gar im engeren Sinne, Kriege - anderswo freilich, „verschoben und entstellt". Fernab davon, etymologistisch vorzugehen, so dürften doch die im Lateinischen pejorativen Nebenbedeutungen von „scaena" etwas noch von der besagten hysterischen (neuerdings, herkunftsgedenkend, mitnichten aber schonender: histrionischen) Grundverfassung konservieren: „scaena" = „Prunk" (etwas zu dick aufgetragener Glamour); = „abgekartete, Sache, Komödie" (Vorspiegelung falscher Tatsachen, ridiküles Betrugsunternehmen). (Nicht zuletzt instruktiv ja auch die geläufigen Hauptbedeutungen von „scaena", gewiß Ihnen wohlbekannt: „Bühne, Theater; lichter Platz; Schauplatz; Publikum, Welt".)
Aber - ich beeile mich - es sollte doch von „politischen Urszenen" die aufschließende Rede sein? Der darin fällige Urszenenbegriff - außerdem der Literaturwissenschaft entlehnt - ist posterioren quasi abgeleiteten Charakters, derart weit gar von seinem psychoanalytischen Ursprung alieniert, daß dieser sich, fast bar des Widerhalls, in dieser seiner Spätanverwandlung verliert - freilich bis auf seine allgemeinen semantischen Merkmale, kurzum: der gedächtnisbehelligenden Sinnversammlung und -verdichtung. „Urszenen" dieses Status, sie ausbilden memoriale Stolperstellen an Schicksalsprägnanz, ambiguitätsgezeichnet in ihrer vorstellenden Befreiungsvalenz, ineins mit ihrer sich rückverschlingenden Fatalitätssteigerung: Stase (Stauung, Stockung) des Geschicks, hoffnungsvoll kausalitätskonversiv oder aber, im Gegenteil, vollends desperat?
Und die „Politizität" solcher „Uszenen"? Politik meint hier, kapriziert, das gesamtgesellschaftliche Determinantensystem, das mich, je den kollektivierten
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Einzelnen, in seinen Allsog, „situation"-kreierend, hineinzwingt, und im ganzen, bis in die Haarspitzen hinauf, epidemisiert.
Erlauben Sie mir nunmehr, bitte, die dubiose Gunst von Kriegszeiten heraklitisch auszuschlachten, sofern solche ja gattungsüblichen Epochen alle urszenenkonstitutiven Traumata auf ihre Spitze zu treiben nicht umhinkommen, und, entsprechend, Szenenausschnitte von höchst innerlichem Affektionsmitgang, abermals nach dem Kriterium meiner post festumreminiszenten Betroffenheit, auszuwählen.
Ich übernehme dabei Teile einer Urszenenselektion aus einem rezenteren Kontext, den ich, unter dem Dachtitel „Psychoanalyse und Gesellschaft", auf Einlassungen zu „, Kriegsödipus ` - mein Ödipuskomplex in Kriegs(und auch Friedens)zeiten", und damit, schwerpunktmäßig, auf das VaterSohnverhältnis im „Zweiten Weltkrieg", und der Zeit kurz danach, engführte: auf die besonderen Auswirkungen der „geschlagenen Väter" in den vaterverlassenen Söhnen, und dies vor kurzem in der spätnachkartenden Absicht, mich gegen die überaus schädigende psychoanalytische Unsitte strikte zu verwahren, die handgreiflich reale Degradierung der unterworfenen Soldatenväter in eine grotesk überwertige Reaktionsbildungs-bedingte filiale Einbildung bloß, eine zutiefst ödipal verstellte grandiose Rettungsphantastik, umzumodeln.
„Auf die besagte Kontamination von Politik und Charakter' zu pochen, bereitete mir, zumal in meiner psychoanalytischen Ausbildung, Ungemach: wurde billigerweise als Widerstand` sanktioniert - ich, größenwahnsinniger Sohn, prätendiere, meinen geschlagenen Vater mit meinem politischen Engagement (?) zu rehabilitieren. Also wurde dieses, sanktional zweckmäßig, übertrieben (ich schwenke die rote Fahne'), die realexistierende Depravation meines Vaters angezweifelt, und ich zum einzigen Lastenträger aller ödipalen Verschuldung gedeckelt, so als ob ich, armes Söhnlein, die ganze Schuld des Krieges tragen müsse! Wogegen ich damals, wider meine psychoanalytischen Scharfrichter, angeblich pathologiesteigernd, ebenso wütend wie vergeblich (,Die Anderen sind eben stärker' - Beckett) aufbegehrte."
Ich streife diese - mich bis heute verfolgenden - quid-pro-quo-Mißhelligkeiten, die, innerpsychoanalytisch, in den frühen, zwischendurch wiederaufgelegten, Kontroversen um den differentiellen Mißbrauchsstatus - real oder phantasiert? - ihren Niederschlag fanden, weil in der jedenfalls vorherrschenden, Realitätsfluchtigkeit, der Imaginaritätsexklusivierung der
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Psychoanalyse, eine für Sie relevante szenologische Einlaßstelle aufkommt - Psychoanalyse nämlich: Inszenierungsparadigma, im Register triebbestimmter Intersubjektivität, -korporalität (untergehend indessen in unseren postmodernen Medienproliferationen). Man kann doch wissen warum, warum dieses entschuldungssüchtige Twisting: allübergriffige „Einbildungskrafts"assimilationen verheißen, „todestrieblich" unverdrossen, Regiechancen; nur daß dieser schöne „on dit" in toto dispositionssichernde Traum an der - von diesem gar geschaffenen - unfälligen Kriegsrealität zerschellt - siehe das erlebte Scheitern des „Friedens-" am „Kriegsödipuskomplex" (und vice versa), des von jenem dummdreist verkannte und gegen ihn durchgesetzten Traum, ja - für Sie, nicht weniger, ein übergeordnetes szenologisches Entree zur objektiv psychotischen objektiv kriegspromovierendsten universellen Somnialisierung.
Mit Verlaub, psychoanalyseimperialistisch erkühnt, „schreibe ich Ihnen", der Sie sich dem Problemkomplex „Szene" verpflichteten, „ins Stammbuch": für Sie führt kein Weg vorbei - in psychopathologischem Verstande
- an Hysterie;
- allgemein an den Imaginaritätsbrechungen an destruktiver Realität, die beide in Reziprozität miteinander begriffen sind;
- an der quasi-Naturwüchsigkeit des Medialitätsparadigmas Traum, mitsamt dessen dissidenter Hypostase Psychose;
- auch an Ihrer eventuellen, im psychoanalytischen Sinne „Urszenen"traumatisierung, prospektiv auf Ihre professionelle Szenenkathexe hin;
- bitte, allzeit referent auf allderen zu unserem Epochenschibboleth zusammenschießenden Maschinisierung: der aktuellen „Produktivkräfte"-Prärogative der prothetischen Medien.
Ich weiß: Sie lechzen längst schon nach Ihrer Heimat, der szenischen „Anschaulichkeit" (aber bedenken Sie, „kantianisch": „Anschauungen ohne Begriffe sind blind"!). Bevor ich Ihnen diesbetreffend dienlich werde, wenigstens aber noch eine knappe ortende Bemerkung zur Unterstellung, daß makrosoziale Faktoren mich, „bis in die Haarspitzen hinauf", durchseuchen. Das klingt, fürwahr, freudomarxistisch, so daß ich mich sputen muß, mich davon zünftig abzusetzen. Dazu, in aller Dichte: Was mich da - restlos? - durchwirkt (und zwar nicht nur die „Produktionsverhältnisse", viel mehr die „Produktivkräfte"), das ist nicht heterogen zu.., sondern macht die makrologische Verfassung des - wie psychoanalytisch üblich -
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intersubjektiv reduzierten Selben: hat, entsprechend, auch nicht den Status einer übergeordneten Kausalität. Ja, das sagt sich zwar methodologisch abgehoben, leichthin - die dann gelungene „Vermittlung von Psychoanalyse und Historischem Materialismus" -, doch dessen Explikation blieb, psychoanalyseintern, zumal in Anbetracht klinischer Operationalisierung, bisher aus.
Nun, endlich, zu den „politischen Urszenen"; zunächst aber - „Triebaufschub" - zu deren - jetzt dem andersartigen Verständnis unerläßlichen - lebensgeschichtlichen Umfeld, reduktiv konzentriert auf meinen Vater und mein kriegsgezeichnetes, -ödipales Verhältnis zu ihm. Das mag für Sie - ich bitte um Nachsicht - strapaziös werden: des Genrewechsels von Philosophie nachgerade zu recht eingeschränkt idiographischer Minihistorie wegen, selbst deren allgemeinere Rahmen Ihnen nicht eben hinlänglich bekannt sein dürften.
Vater stammte aus regional (vorderer Eifel) ärmlichen, nicht bäuerlichen Verhältnissen, wuchs darin mit vier älteren Schwestern und einem Nachzüglerbruder, meinem Patenonkel, auf. Sein Vater, mein Großvater, betätigte sich als Stationsarbeiter und - nächtlicher - Botengänger in einem kleinen Bahnhof, Philippsheim, zwischen Trier und Bitburg gelegen. Da die Mittel für eine höhere Schulausbildung fehlten, wurde mein Vater „Unteroffiziersvorschüler", also potentieller Berufssoldat. Als solcher nahm er, noch niedrigrangig, leicht verwundet, am Ersten Weltkrieg teil.
Nach dem schmählichen Kriegsende kam er, nach väterlicher Tradition, in der mittleren Laufbahn als Eisenbahner unter. Und so nahm denn das Verhängnis seinen Lauf: während der sogenannten „Rheinlandregie" zwang ihn die Besatzermacht Frankreich zur Mitarbeit. Hätte er sie verweigert, so drohte Konfiszierung seines Elternhauses, des einzigen Besitzes seiner Stammfamilie. Also, „pius Aeneas" - die Eltern alt und krank, die Geschwister ohne Unterkunft -, kollaborierte er mit dem Erbfeind, mit verheerenden Folgen: denn die Nazis setzten meinen gemäßigt deutschnationalen Vater, Vaterlandsverräter, wegen seiner erpreßten Kollaboration mit den siegreichen Franzosen, auf die Straße. Fortan arbeitete er für einen Hungerlohn, als Erdbeerpflücker, bis sein dauergekrümmter Rücken ihm den Dienst versagte, und er in der lokalen Autofirma als Hilfsarbeiter, der allgemeinen pflichtgemäßen Ächtung entgegen, Aufnahme fand. Welchen Unterschlupf er später, nach seiner Rehabilitation und späteren, etwas
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vorzeitigen Pensionierung als Oberinspektor, dadurch seinen Dank abstattete, daß er ebendort, zur Verwunderung des Ortes, sich, unbezahlt, als Tankwart nützlich machte. Und meine Mutter half damals gegen die ökonomische Misere aus, indem sie als gelernte Schneiderin, nicht ohne Erfolg, mittat. Außerdem: die Sanktionen der Nazis setzten sich dergestalt fort, daß der Vater, jenseits schon der Altersgrenze, rekrutiert werden zu können, anstelle eines jüngeren nazibeflissenen Manns aus dem Ort, zum Kriegsdienst verpflichtet wurde.
Jedenfalls wurde ich zu dieser Unzeit gemacht.
Unbestreitbar befand sich mein Vater, wieder Soldat, schließlich Oberfeldwebel - das Militär als Refugium für manchen politisch dubiosen Zeitgenossen! -, in seinem - allerdings allzeit lebensbedrohlichen - Element. Knapp kam er, kamen oftmals auch wir, Mutter, ältere Schwester und ich, noch und noch einschlägige „Urszenen" reliquierend, mit dem Leben davon ...
Ich springe jetzt in die jüngste Nachkriegszeit. Deren unerreichbarer Gipfel, diejenige „politische Urszene", auf die ich es abgesehen habe: die Rückkehr des blind- und auch totgesagten Vaters. - Wir, Mutter und ich, stahlen, aus Einmannunterständen, auf einem unbepflanzten Feld namens „Sabel", unweit des Orts, die Mangelware Holz. Als uns von ferne ein hagerer Mann zuwinkte, glaubten wir uns erwischt und setzten zu fliehen an. Ich aber erkannte fulminös den Vater und lief, durch Brennesseln, Sträucher, Stacheldraht, auf ihn, in verschlissener schmutziger Soldatenkleidung fast bis aufs Skelett abgemagert, zu. Von da an versiegen die Erinnerungen; sie erschöpfen sich im Stolz über seinen ersten ortsnotorischen Rekonziliationsakt: demonstrativ ging er auf den zu Säuberungsarbeit verurteilten Ex-„Ortsgruppenleiter", am Straßenrand, zu, und begrüßte ihn, den halbwegs verfemten, herzlich; der (er war nicht der schlimmsten einer), immerhin, obzwar in SA-Uniform, die Sonntagsmesse besuchte, und, vergeblich, Wert darauf legte, das sozialistische Köderelement im Nationalsozialismus, blauäugig ehrlich, aufrechtzuerhalten. (Später tat er sich als sozialdemokratischer Einzelkämpfer hervor.)
Tags zuvor hatte die Mutter die zivilen Schuhe des Vaters eingefettet. Und, ich nahm, nicht zuletzt, eifrig an seiner, des überaus geschwächten, Kurierung teil; insbesondere, dubioserweise aber, seinen enormen Rauchhunger stillend, indem ich in unserem Garten Tabak anbaute und verarbeitete, den er, in Zeitungspapier eingewickelt, gierig konsumierte. Und auch, indem
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ich auf ein vorsorglich angelegtes Magazin an edlerem Kippentabak, zur Zeit der verschwenderischen amerikanischen Besatzung erjagt, rückgriff. Und zum familienobligaten Pik auf die Franzosen zugesellte sich ein nachhaltiges Ressentiment gegen die Amerikaner, die ja den Vater, in dem berüchtigten Gefangenenlager auf den Andernacher Rheinwiesen, unter Prügel, beim Wasserholen (und weiteren Untaten mehr), zu Schanden kommen ließen. Nur daß meine Sonderfürsorge den durchaus dankbaren Vater nicht, mich schleichend enttäuschend, dazu bewegen konnte, sohnesgemäß äquivalente Unternehmungen - etwa gemeinsames Schwimmen in der Mosel - mit mir einzugehen.
Gemäß meinem Vortragstitel gilt zentral jetzt die Frage nach der „Funktion der Reinszenierung von politischen Urszenen"`. Allen ödipalen Inhaltsverfänglichkeiten zum Trotz - nicht diese, isoliert als solche -, vielmehr die Zweckbestimmtheit der medialen Reproduktion solcher Widerfahrnisse, just von „politischen Urszenen", wie der zuvor skizzierten, sei mein explanatorisches Mandat. Freilich: beide Blickrichtungen, die psychoanalytisch sententiale und die medienausmachende funktionale, vereinen sich in der urszenischen Nachwirkensstärke, dem Intensitätsgrad der Reperkussionsvalenz, die beide, sich abzweigend, veranlaßt.
Nun, die „Urszene" selbst, sie geschieht mir, als mich heteronomisierender Kontingenzeinschlag, von wie überzufälliger Bedachung aber. Analog dem „Entgegenkommen der Organe" im Falle psychogener - psychosomatisch konversionshysterischer - Körperläsion, überschießt indessen in meiner Opferposition, dem Urszenenüberfall, die Mitgift meiner Eigenbeteiligungsparts - „Halb zog sie ihn, halb sank er hin ..." (sc. aus proprietärem [Un]vermögen). Das traumatisierende Szenario fällt auf bereiteten Boden, verweist - im Durchschnitt -, um effektiv sein zu können, auf Urszenenvorausgänge - so in meinem Urszenenexempel - eine lange Geschichte! - auf diesbetreffend quasi apriorische väterliche Schwächlichkeiten.
Folgend im präreflexiven Zustand der re-präsentativen Nichtabsolvenz der „Urszenen", vor deren vor-stellenden Medialisierung, geistern Fragmente derselben - womöglich schon rudimentär, vage, lose signifikativ erfaßt - in meinem also agitierten Gemüt umher, höchst indigent unserer Seinsgewähr: des „ungetrennt, doch unvereint", dem dafür initialen Befreiungsschlag, dem Abschütteln, der Alienation meiner eventuell bereits vorbewußten quälenden inneren Beunruhigungen - gefangen im „Drängen der Buchstaben aus dem Unbewußten" (Lacan), wenn immer der Un-fall triftig wird, daß die also scheiternde „Urverdrängung" ihre retentierte Binnentraumatik,
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präpathogen, nicht kontinent sedimentiert, um sie außen-vor, zumal so fürs erste liberierend, zu verdinglichen.
Dazu, angängig die Denominationsnötigungen der zitierten „Urszene", mitsamt deren Kontexte, könnte ich „ein Liedlein singen": sobald, extern, oder auch somnial, etwas an Elemente derselben mahnt, beginnen die blinden zerstreuten Ur-Buchstaben zu rumoren, und ich fühle mich überschwemmt von Vatersehnsucht, -jubel, -genügen, -wiederenttäuschung, immer noch, scheinbar zur Unzeit; und wie im Dämmerlicht, appelliert zum sedierenden Auffang dezidierter Benennung der diffusen Binnenkalamitäten.
Vorsicht aber, Vorsicht! Selbst wenn diese „comme il faut" medial attrapiert werden konnten, so entfällt doch die Garantiebleibe ihrer transparenten Signifikationsklausur - „Büchse der Pandora", die sich, obgleich ausgebildet, im kompromisuellen Schutze ihrer Bergungspotenz, gleichwohl wiederöffnet, und das demnach brüchig kasernierte Unheil rückbefällig macht. Will sagen - und so erging es mir während meiner Urszenenschreibe -, daß die medial - sprachschriftlich - distanzierende Sinneinsperrung immer dann, reintoxikierend - bis hin zum beinahe halluzinativen Gespenst „lebendiger Vergangenheit" - porös zu werden pflegt, so als ob alle weiße Magie zünftiger Namengebung versagt, dekompensierend aber nicht defizierte, solange , wie residual auch immer, der Medialitätsfolienhalt sich vernünftig erhielt. Selbst bei wiederholter Lektüre meiner eigenen Urszenentexte schwappte deren verbalskriptual doch gestellten, also wiederlosgelassenen Affekte, in mich, verwirrend, über. Indessen, auf Entwirrungskurs, traf ich deren Schriftformierung unbeschädigt wiederan; daß diese sich, synchronisierend, hergaben, hatte sie - zwischenzeitliches Refugium meiner - grenzwertig pathologischen - Drangsale mitnichten getilgt. Und allererst pathologisch, so auf Überaneignungsfährte, degeneriert die Bezeichnungsattacke den „Urszenen" gegenüber, wenn sie sich ins Leere verliert: wenn die Haltgabe des in seinen Niederschlägen sich bezeugenden kontinuierlichen Signifikationsvermögens, die besagte Medialitätsfolie überhaupt, nicht „für sich" (und wenn gar „für sich"?), destruktiv bloß „für uns", ausfällt. Anempfohlen in diesem angespannten Theoriezusammenhang sei Ihnen ebenso die notorische Freudsche Trias „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten".
„Erinnern", das ist das Anfangsstadium des Transfers zur Ablegung nötigender, allzeit vorpräpariert vagierender Sujets in die Nachträglichkeit regieführender Re-präsentation, des ablösenden Arbeitserfordernisses des „Durcharbeitens". Und das unliebsame „Wieder-holen" die pathologie-
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virtuelle Zwischenetappe - im Krankheitsextrem das währende Festsitzen im also blockierten/hypostasierten Übergang -, das mißrätliche Intermedium der - einzig befreienden - Überführung sonst verdämmernder Vorstellungsdesiderate in entsprechende Signifikantensysteme. Also: die erlittenen „Urszenen" erheischen, ob ihrer Traumatik, absolviert, und gestellt, benamst zu werden. Je nach dem Grad nothafter Passioniertheit, des tödlich erfüllenden Einswerdensansinnens, dieser hominisierenden Übertreibung, mit dem besagten, rückläufig hiesigen Jenseitstransports, kann es, dawährend, aber geschehen, daß dieser, dingverknechtendes Freiheitsunterfangen, sei es vorübergehend oder auf Dauer, sei es in Befallenheitsteilen oder im -ganzen, sich selbst, kriterial dann pathogen, sistiert. Soweit die, wohl szenologisch nutzbare, Gunst dieses - behandlungstechnisch prominenten - Freudschen Dreigespanns; worin die - womöglich pathogene - Retardierungsquere („transversum") des „Wiederholens" (so genannt, ob dessen bereits symptomatisch anankastischer Mechanik) des besonderen Respekts insofern wert sein sollte, als die besagte reinszenatorisch mediale Übersetzung mitnichten so blande vonstatten geht, wie sie sich, nicht ungern, zumal in ihrer technifizierten Version, präsentiert - von der gewöhnlich suggerierten transmittierenden Selbstverständlichkeit kann jedenfalls die Rede nicht sein.
Allein, eine einschlägig weitere noch gründlichere Sorge - über die der Signifikationsbeeinträchtigung, ja der - zu ihrer Überwindung - „felix culpa" - anstachelnden Benennungsprivation („Sprachzerstörung") hinaus - läßt sich schwerlich beschwichtigen. Diesem Fehl aber zünftig nachzugehen, sprengte den, hier, meiner Problemstellung gemäß, gesetzten Rahmen, so daß ich mich, unbillig wenig verständnisförderlich, kurz fassen muß. Also „falle ich" - auf der Spur der sogenannten „Wahrheitstheorien" -„mit der Tür ins Haus" (womit sonst denn? [nicht]fragte, kopfschüttelnd fast aufgebracht, weiland eine meiner Ausbilderinnen): These demnach, „tout court": die Falsifikation meiner medialen - sprachschriftlichen - Urszenenreinszenierungen, wie vorgestellt, an diesen, den vorgegebenen Widerfahrnissen meiner „politischen Urszenen" selbst als solchen, diese - über jener, der Reproduktionen, Zutreffen entscheidende - Revision, bleibend, endgültig, entfällt. Unvergönnt jegliches sogenanntes „transzendentales Signifikat", im Sinne einer Berufungsinstanz der Wahrheit, der Sachkonvenienz, des mental Re-produzierten, gemessen an dessen empirischer Assertion; nein, nein, die betreffenden Signifikanten verweisen immer nur, amplifizierend, auf bloß immanent attestierend inkomplettere (oder auch schon
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fortgeschritten komplettere) Signifikanten, so daß ein wahrheitssichernd unauffüllbarer Maßlosigkeitssabgrund, allzeit verleugnungstriftig, aufklafft. Daran ändert sich freilich überhaupt nichts, wenn, gemäß wissenschaftlichen Assekuranzgepflogenheiten, rein signifikantenintern, ideale eins-zueins-Abbildungsverhältnisse - zur Beruhigung der nichtsgeängstigten Rationalitätsgemüter - appretiert werden.
„(In)komplettheit, Amplifikation, Attestierung" - nicht kann ich Ihnen - in szientistischem Verstande - solche Mystifikationen ersparen, die sich, philosophisch (vs. wissenschaftlich) operational, in die Interiorität einer bloßen sich in sich selbst hinein erfüllend verlierenden spezifischen Evidenz versammeln; die auch nicht dadurch, falsifikatorisch, aus sich heraustritt, daß sie den Anderen Selben als Krisisgröße meiner perpetuierend hoffnungslos in der Luft hängenden, gleichwohl nicht nicht unbedingt zutreffungsgesättigten, Erkenntnisse reklamiert. Heiter maliziös, Lacan-nahe, ausgedrückt, starrt der große Signifikant, „Fels in der Brandung" (HH), voll der unverbesserlichen Blödigkeit vor sich hin, und wird mobil nur durch Erbeben, die ihn, mitsamt seinen Signifikaten (nein: seinen Untersignifikanten), im weiten Meer sich auflösend, souverän befreiend zerstören.
Nunmehr die Medienfrage. Das von mir zur Präsentation meiner „politischen Urszenen" veranschlagte Mediengenre war, fraglos, die ablesbare Sprachschrift. Ja, „fraglos" - doch mit einem ganzen Nest voller Fragen sprach- und schrifttheoretisch beschwert, deren weitverzweigtesten Routen nachzugehen - Dauerdesiderate szenologisch auch für Sie -, ich hier mir, abermals, versagen muß. Vielleicht aber mag mir eine brauchbare Problembündelung gelingen, so ich den hierfür entscheidenden Umstand der Präsentationszuträglichkeit, die Suggestibilitätsgraduierung, Vergangenes aktualisierend zu verlebendigen: den Schemen „lebendiger Vergangenheit" befriedigend herzustellen, die Komplettierungstufungen des Präsenzphantasmas, gebührend akzentuiere. „Präsenzphantasma", die kongregierende Leitidee - unsere Absolutheitspassion läßt uns nicht eher ruhen und rasten, bis wir alle Re-präsentationen, alle Nachträglichkeiten („après coup"), einzig der Welthabe talentiert, in schiere - zumal in verdinglichter Version - frustran todesdisponierende Präsenz mutiert haben würden. „ 0 misera sors hominum" - ich hoffe, daß auch Sie, nicht nur - wie sagt man? - affirmativ, daran intellektuell zu laborieren, sich ver-schrieben (!) haben.
Bevor ich, in präsenzphantasmatischer Rücksicht, den medialen Inbegriff unserer „Inszenierungsgesellschaft", Cineastik nämlich, erörternd aufnehme, riskieren Sie bitte mit mir noch einen kurzen Seitenblick auf obsolete,
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sofern, lektüregemäß, sensuell einseitig isolierte, Inszenierungen, - wie beispielsweise nur - „Erlebte Geschichten" (WDR 5, sonntags von 7 bis 7.30 Uhr), gar in freier (?) Rede. Sie gehören zu den „cultural lag"-Phänomenen, die, zuvörderst wohl, darauf aus sind, so etwas wie totalisierende Geschichtskontinuität, öfters nicht ohne Persistenz, zu wahren, und die derart, subakut, ihre memorial ganzheitlichen Überbietungen durchaus mitlegitimieren.
Für unsereinen beinahe derealisierend die zeitgemäßen Proliferationen an gesamtkunstwerklich filmischen Inszenierungen, längst auf dem torbiden Weg, Doku und Fiktion, todestrieblich verfügungshypertroph, zu indifferenzieren. Die darin manifeste Vorherrschaft der Visualität, die „Okulartyrannis" (Sonnemann), in diesen ubiquitären sozusagen stofffreien toxikomanischen Unternehmungen, die nicht weniger auch allen Basis-Überbauunterschied (wie alle solche) verschleifen, deckt dabei den - scheinbar - marginalen „Soundtrack" ab, der, in seiner Unterschwelligkeit - oft ja auch ein Tummelplatz musikalischer Moderneadaptationen - die Blickensdominanz, verfänglich unbemerkt, ablöst. „Schlag nach bei Wagner", der es, seinen Filmdegenerationen weitest überlegen, darauf, auf diese Sinnenphantasmagorgie, eben nicht ankommen läßt, indem er, von Anfang an, alle einbezogenen Sinnen-Sinndimensionen zu „Autosymbolismen" der allprärogativen Musik zwingt. Profuse Cineastik, in knechtigem Dienst der Alimentation des Präsenzphantasmas - ja, voll der Entropiewillfährigkeit betreibt sie die - unmögliche, sich grausam deshalb rächende - Vernichtung der - einzig, scilicet in sich renuntiativ seinsgewährenden - Repräsentation; kupiert das rettende Skandalon der kriterialen Supplementarität: das Hinterherlaufen, die Verbiesterung (Alfred Schmidt, der Adorno die Aktentasche nachträgt ...). Schließlich verkommt Alles und Nichts so zu „Urszenen", illusionärem Originaritätsbrei, überkompensiert mittels Strohfeuer, genannt Events, und, widersprüchlicherweise, strikte anamnesis-, perpetuierungsbegierig - Nachträglichkeit, Re-Re-Re-.., Seinsmangelgrenzwert des „n-ten-Futurs im Irrealis" (HH) - „es würde gewesen sein werden" -, das an der ganzen Gewalt infiniter differenzlos synchronisierender schuldentledigt destruktionsprovokanter Präsenz klandestin dauernagt. Ja, was nicht inszeniert wird, das ist nicht, ist - sich, subakut, verschlingend ausbreitend - Nichts Und bedenken Sie, nicht nur nebenher, die enorme, wissenschaftlich gar einlösbare, astronomische Live-Leidenschaft, um Millionen Jahre vergangenes kosmisches Geschehen zu berechnen und elektronisch zu visualisieren!
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Zurück zu alternativen - über deren Sprachschriftlichkeit hinausgehenden - Medien, zusammengefaßt im Moviewesen. Fast hätte es mich gelüstet, Ihnen, den Designstudenten, eine Art Preisausschreiben anzuvertrauen, folgerichtig nach der Maßgabe des Optimum einer irgend filmischen Inszenierung meiner - bloß ja verbalskriptural vorgestellten kontextualisierten - „Urszene" - Sie erinnern sich. Mir, dem puren Laien diesbetreffend, kamen dazu etwa in den Sinn: die Dokusoap (Fehlanzeige aber realhistorischer Filmausschnitte), eine, vielleicht musicalangenäherte, Kurzoper, in der die filmisch übliche „musique de fond" ausdrücklich hervorträte? Zuviel so des fortgeschrittenen Medialisierungsaufwands für eine recht persönlich private Urszenenangelegenheit? - bin ich doch überhaupt kein Promi, keine VIP, vermöchte es, zum Beispiel, mit Dieter Bohlen - ich leite bereits zur „Funktion der Reinszenierung von politischen Urszenen"` über - schlechterdings nicht aufzunehmen. Viel mehr aber noch: ich müßte - möglicher intellektueller Querschläger - nicht nicht reklamieren, daß die Brechung des gesamtkunstwerklich exaggerierten Präsenzphantasmas, des violenten Durchstrichs der allzu nackt todesmonierenden, unsere, Welthabe vergänglichend nur aktualisierbaren, also eingedenkenden Re-präsentativität, kein von außen eingebrachtes, vielmehr aisthetisch intrinsisches Element - im Sinne unliebsamer selbstkritischer medialer Bekundung - zu sein habe. Entsprechend gilt für mich die ältlich gewordene Frage nach der Beständigkeit eben dieses kritischen Moderneerbes in unserer Postmoderne - für Sie ebenso noch? Es dünkt mich aber - wie sagt man? - „der Ofen" dafür „sei", vor lauter Inszenatorien, unterdessen „aus"! Dilemmatik der Postmoderne - „Zu sehr hab ichs gefühlt.." -: recht so, einerseits aber nur: die sogenannten „großen Erzählungen", selbst schon medial-verdinglicht hysteroiden Charakters, brachten, bilanziert man entschieden genug, Unheil über unsere immer noch kulturzentrale imperialistische Welt, und also müßten diese unsere mächtigen Ideologieüberdachungen außer Kraft zu setzen, konträr, sich heilsbringend auswirken? Mitnichten, andererseits! Denn in das anscheinend heilsam öde Sinnvakuum danach schoß, auf der Stelle, ohne jegliche Weile, die abgedunkelt epochale Megaerzählung: nämlich die fortgesetzt prothetisch mediale in-Regie-nahme scheinexkulpierender Allimaginarisierung, ja wiedergeburtlicher Generalsimulatorik, ein, fraglos - sonst käme sie garnicht zustande -, im Verein mit deren allzeit korrupten sich auf ihre Spitze treibenden - Hysteroid schlechthin - Kapitalisierung. Und „aus der Traum", unter dem Strich die global ihre Flügel spreizenden rigide dinggewordene „Abendländische Metaphysik" zu dimissionieren, nein, ihr abstraktes „les adieux" führt nur vom alten ehrlich
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martialischen Land- und Gewitter„regen" in die schier befreiungsbetrügliche göttlich suprareale „Traufe", eschatologisch harrend des noch „größeren" überlaufenden weltumfangenen „Faßes", des „Neuen Himmels und der Neuen Erde" - als Holocaustum, Apokalypse. Wohlgemerkt noch: nicht daß ich mit der Zitation des überbaulichen Ideologiebegriffs marxistische Hoffnungen hätte wecken wollen, keineswegs!, denn die sogenannten „Ideologie"gehalte der besagten „großen Erzählungen" machen, apriori, selbst schon, die todestrieblich nimmer ausgenommene Phantasmatik der ökonomischtechnischen „Basis" aus; und zumal die der - mitnichten unschuldigen - „Produktivkräfte".
Es ist, als fortwährend verlöre sich meine Leitfrage nach der „Funktion der Reinszenierung politischer Urszenen- wie in einem Niemandsland unüberschaubarer Sinndiffusionen. Nun, das scheint, vorweggenommen, das bereits ungenehme Schicksal meines am ehesten doch kathartisch gedachten Konfessionsunternehmens zu sein, allerdings wäre dabei zu befürchten, daß alle Diskurrenz bloß die zerklüftete Oberfläche einer allherrschend ehernen substruktuellen Kontraktion - ich sage es, subito, unverhohlen - der universellen Tauschwertdetermination, „gesellschaftliche Synthesis" kat'exochen - gängig rationalisiert zur demokratischen Tugend „Pluralismus" - vorspiegelt. Daran, an meiner obligaten Exilierung, nach diesem gesellschaftlich einzigen Wertmaß, werde ich mich noch aufreiben müssen, davor aber, rasch jetzt, zur unterstellten, meine Gemütsverfassung angängigen Purgierungsvalenz meiner Urszenenprofessionen („professae" = öffentliche Nutten!). Das sagte ich schon: meine - sprachschriftlich eingegrenzten - Urszenenreproduktionen bezwecken, notorisch, den Abtrag kriegsimprägnierter Traumata, und dies mit voller Reflexionssicht auf die Invasion martialischer Objektivitäten in die Schändung filialer Körper, auf dies metonymisch totalisierende Kontinuum - Politizitätsexpansion „bis in die Haarspitzen hinauf", wie gehabt -, dessen memorial magisch-mimetische Nach-stellung darauf abzielt, die - insonderheit traditionell psychoanalytisch elaborierte - hypostatische Schutzisolation der subjektiven Notbelange von der gänzlich homogenen - destruktiv sozialen Makroperistatik zu konterkarieren. Nachdrückliche Bitte von hier aus an alle mit Psychoanalyse irgend Befaßten: an der - im nachhinein theoretisch noch sehr lückenhaften - Vereinheitlichung beider, dieser überfälligen Komplettierung in mente, jenseits freudomarxistischer Restaurationen, mitzulaborieren.
Auf dem Spiel steht demnach die pathognostische „Objektivitätswendung", von den Verwerfungen der intersubjektiven, -korporellen Affären zu deren
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Distension in das - nimmer kausal angesetzte - gesamtgesellschaftlich technoökonomische Konditionengefüge, kurzum: der Gleichursprünglichkeits(Homogeneitäts)nachweis beider, der notwendigen Supplementierung der herkömmlichen Psychoanalyse zu einer solchen der „Sachen", der Makroextrapolation - Sekten„work-in-progress", kaum schon begonnen - des psychoanalytischen Schibboleths Ödipalität. Denn einer Aufklärungsamputation nachgerade kommt es gleich - kein Wunder dann auch des praktisch-therapeutischen Versagens -, es bei deren Subjektivismus, in aller fest institutionalisierten Sturheit, zu belassen; dessen Aussetzung indessen nimmer bedeuten kann, die heißen Politspuren („neben der Spur"), bis in die Feinstrukturen, ja der Subjektehabits hinein nicht verfolgen zu sollen, im Gegenteil: je zwingender die reklamierte Objektivitätsekstase, umso desiderater deren Bifurkationen - von der Psychoanalyse geht so nichts verloren - in die quasi Archaik unserer Psychophysiologie. Jedenfalls halte ich meinen „politischen Urszenen", trotz ihrer sorgfältig doch auf Absolvenz hin angelegten, nicht nicht „conte coeur" auch, die Treue; allgemein subsistieren sie traditionalisierend, gleichwohl sodann willkommen, innerfachlich in meinem Reformkonzept der „Psychoanalyse der Sachen", sprich: - siehe „mein Kriegsödipus" - in der polemischen Parade traumatisierender Realien wider deren imaginäres „Appeasement" - Satisfaktion also des grosso modo Mißbrauchs-„factum brutum" Krieg.
Unerwünschte Gefolgschaft - das muß ich wenigstens noch streifen -, Pseudoschützenhilfe aber dieser essentiellen Indifferenz von Innen und Außen, des pathognostischen Homogeneisierungsunterfangens der Intersubjektivitäten und deren sozialen Außenpendants: die luxuriendste Entprivatisierung des Privaten - fast schon zum Klischee verkommen: Moderneträume als, daraufhin, postmoderne Alpträume -: pars pro toto Facebook. Lächerlich doch, diesen hundsgewöhnlichen Exhibitionismus, unsere fraglos medial lizensierte universelle Schamlosigkeit, subversiv intellektuell, mit allen Hypotheken des Freudomarxismus chargiert, seriös machen zu wollen!? Publizität meiner Urszenenreinszenierungen - dies leidige Problem insinuierte zwischenzeitlich einige Male schon, jetzt nehme ich es, verzagt, expressis verbis, auf. Initiales Erschrecken über mich selbst: indem ich mich des, traditionsreichen, längst jedoch videoabgedrängten, Vermittlungsmodus Sprachschrift, zur Selbstkundgabe, bediene, allein schon ob dieser, kompensatorisch aufgemotzt inferioren, Famulatur, präsumiere ich daraufhin desiderate Intersubjektivität: Interessensbesetzungen eines Lesepublikums an meiner konfessionalen eigenkathartischen Schreibe, leiste
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mir also eine durch und durch aufdringlich törichte Zugehörigkeitsunterstellung, deren Hämefluxus ich sodann, wie prodromal, abzuwenden suche durch ein exilierendes mich-in-mich-Hineinverkriechen, vermittels alle Erzählung überbietende, philosophisch explanative Esoterisierung, so als verurteilte ich mich, vorsorglich, selbst, in derselben Art wie dasjenige Fremdverdikt über mich, kongruent mit meiner obliquen Eigenbezichtigung - „selffulfilling prophecy" -, verhängt sein wird? Gewiß - stolz bin ich in diesem - Verletzungen infirm nur vorbeugenden - Rückzug zwar nicht, kann nichtsdestotrotz aber wissen und verbreiten, daß meine Selbstwahrung, im ganzen, gar in dieser solitüden Selbsthermetik nicht nicht bestehen muß. Sonst nämlich - ich übertreibe nicht - müßte ich mich, hypokritisch, botmäßig machen dem debilen kaum mehr deutlich personalisierten „index quaestiorum prohibitorum", just solcher Nachfragen wie, indigent, dermeinigen nach den tragenden Gründen meiner Urszenenrevisionen, die, lautlos, eh ersetzt wurden durch diejenige der merkantilen Offerierungsdauer meiner Schriftprostitutionen, kurzweg: deren Tauschwertgenügen; angesichts dessen, wie eschatologischem, Universalismus es nur noch Täuschungen von Gebrauchswertassoziationen, Depositasekten, allzeit zur höheren Ehre ihres allmächtigen Gegenteils, geben kann.
Ja, wen schon interessieren diese meine von weit her nachhallend verhallenden martialischen Exnöte, die, mich ungehört - wie von Ihnen hier wohl vernommen? -, buchstäblich „privatisieren", das heißt: mich meiner Soziabilität berauben, eskamotiert in allen dichtesten - imaginarisiert geglätteten - Brouillerien ringsherum, in das Echo des dissoziierenden, medial aber darin zur Erträglichkeit disziplinierten - „Taumel und Totenstarre" - Weltenstraßenlärms? Ich halte mir die überstrapazierten Ohren zu, und stürze, eben gegenschreiend noch in die Tiefe meines unerlösten - verstörten, folgenlosen - dumpfen Erwachens.
Doch bereits im Inneren meiner kommun privativen intimen Selbstbereinigungsvorsätze entfällt, projektionsgemäß, die Gewähr, daß die post festumsprachschriftlich transparente Glashautkasernierung meiner traumatischen Kriegsimperfekta überhaupt dichthält, aktualistisch überbeansprucht nicht porös wird, ja aufplatzt: mich ins besagte Larvenwesen entselbstender Synchronie, des derealisierenden Horrors der „lebendigen Vergangenheit", hineinreißt. Von Glück kann man dann nur sagen - ich erlaube mir, mich zu wiederholen -, wenn wenigstens der ganze Rest der Unheilsinvolution hüllend stabil bliebe, und, entsprechend, ich - immer noch riskant, gleichwohl geschützter - deren selbst-rettende Anamnesis auf die Spitze zu treiben
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vermöchte, um der kognitiv mehrwertigen Absolvierensgunst - unmöglichmögliche Bescheidung „Eingedenken", ultimativ das apostrophierte „n-te Futur im Irrealis" - einständig habhaft zu werden. Der Stachel aber dieses - in sich schon schwankenden - solemnen Selbstgenügens - Unware, nicht bestellt, geschweige denn abgeholt - bohrt eher so nur noch schmerzlicher sich ins revozierte eigene Fleisch.
Ralf Bohns Schützenhilfe, betreffend die besagte Funktion (aus einem Brief an mich vom 24.VI.2013): „Das mir avisierte Thema Urszenen der Politik' (sc. Zur Funktion der Reinszenierung politischer Urszenen") paßt vorzüglich, weil in der Mikrostruktur zum anderen hin und von ihm weg die Szene als gelassene Gewalt dekomprimiert werden muß. Vermutlich wandert sie dann in die Institutionen der Macht". Ja, indem ich, re-inszenierend, die Kriegstraumatik grosso modo bis in die letzten resistenzlosen Zellen meiner selbst verfolge (!), wobei solche nothafte Agitation nicht blande, nicht ohne Repulsion vonstattengehen kann, bin ich, reproduktionsgemäß, eo ipso gehalten, die ganze Gewalt meines Sujets, der „politischen Urszenen", signifikationsgerecht zu neutralisieren; will sagen: um deren nachträglich kognitiven Vor-stellens willen die Potenz dafür, für die Re-präsentation post festum, diesen abzumarkten. (Ichpsychologische Losung ja: „neutralisierte Triebenergie", hier zur intellektuellen Verwendung.) Diese Wundermetabasis, mitsamt ihrer sich entziehenden Bedingtheit, stehe hier dahin. Jedenfalls wird man, in re-produktivem Verstande, von „gelassener Gewalt" sprechen können, selbst wenn ich eben beim Schreiben (sonst nicht mehr - außer im Dampfbad) zu transpirieren pflege; item von „Dekomprimierung" = Druckminderung - mit der dann buchstäblich über-flüssigen Pression lädt sich die Reinszenierungsmikrologie - wie? wodurch? - konstitutiv auf. (In der objektiven Urszenenvorgabe mag sich deren Gewalt im Einschuß derselben in die Subjekte ausdünnend verteilen (zu „kleinen Besetzungsquanten"), in diesen, den Subjekten, jedoch akkumulieren - umso mehr demnach wird die repräsentative „Gelassenheit" vonnöten.)
Was aber geschieht mit dem re-produktiv gestellten „Urszenen"? Anscheinend teilt Bohn meine klagsame Skepsis: wenn überhaupt, so frißt sie der globale Imaginaritätsmoloch auf, zerquetscht in diesem todestrieblich medialen allexkulpierenden Bemächtigungstrug, der lächerlichsten Todesabstreitung schlechthin. „Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns" (Rilke).
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Weshalb der Exkurs? Er legt, in aller Abbreviatur, die Finger auf das weitgehend noch unausgestandene transzendentale Mandat der „Bedingungen der Möglichkeit" des Reinszenierungswesens.
Ansonsten bin ich der einschlägigen Problematik der Veranstaltung über „Inszenierungen in der Politik", wie in einem Anschreiben von Heiner Wilharm skizziert, wie ich denke, willfährig: im Ausgang von Eigenkasuistik (von „Fallstudien"elementen); der (Re)inszenierungsteleologie (i.w.S. „Politik der Inszenierung"); der repressiven Medialisierungsaxiologie (den „Macht und Gewaltimplikationen der ,Inszenierungsgesellschaft-), in Anbetracht deren Invasion in die Intimität der Subjekte/Körper (angängig deren „Effekte"); des möglichen Potenzverlustes an intellektueller Aufklärung durch deren ablenkende Kundgabemodi („Ästhetisierung" der Politik.)
Zur Funktion der Reinszenierung „politischer Urszenen" - alles in allem:
die - subjektivisch bei mir selbst bleibende - Engführung auf die Intellektualitätskastration durch die postmodernen Imaginarisierungscancerierungen, den epochalen Illusionismus, Realität, medialisierend, restlos, in entsühnende Regie zu nehmen, sie ergab sich, ich möchte sie keineswegs aussetzen. Gleichwohl sind, meine Reinszenierungen - unbeschadet ihrer angerissenen immanenten Brechungen - mitbetreffend, in aller Triftigkeit spruchreif gehalten: rahmenmäßig:
- die Gleichartigkeit von politischem Environment und subjektivem/körperlichem Aussehen; des einzelnen (aufgefächerter „Ruin der Repräsentation" - St. Winter):
- die signifikativ kollapsische Rück-befälligkeit des re-inszeniert Absolvierten („Reintrojektion des Projizierten");
- Wahrheitssicherung der Signifikation: infinit iterierend sinnauffüllender, -entleerender Selbstbezug statt metaphysisch-, folgend wissenschaftsbestimmter Be-gründung;
- der Wahn des gesamtkunstwerklich forcierten Präsenzphantasmas, ästhetisierter = hysterisierter Horror der „lebendigen Vergangenheit"; deren verbannte Schlappe: das „n-te Futur im Irrealis."
Schwerlich aber wird man bestreiten können, daß diese meine - obsolet „moderne" - Unterweltkonterkarierung allen warenästhetischen Medienglamours in dessen postmodernisch exzessiven Ausgestaltung eingeholt, ja überholt zu sein scheint - ja, der „Ruin der Repräsentation" macht doch
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deren „chef d'œuvre" aus?? Gewiß, doch just diese erschreckende Affinität von verschwindender Letztaufklärung mit deren, wie sagt man: „fröhliche Urständ feiernden" höchst epikalytischem Gegenteil, öffnet die Schere zwischen beiden nur umso fataler, zu jener Enteignung im üppig überwachsenen, zudem, entscheidend, splendide abgelichteten - Vorsicht! - Sumpf der Allimaginaritäten.
Ja, Vorsicht! Der Schein, selbst der stabilste, notorisch auch immer trügt. Unfälle aller Art bleiben an der Tagesordnung, und selbst kein noch so hyperkallistisch zugerichtetes Ding hat jemals den apokalytischen Vorgeschmack Krieg hintertrieben.
Da capo das Drama der Urszenenreinszenierung:
- kein Heterogeneitätsrückhalt an der ja homogenen Peristatik (Ödipalitätsinflation);
- keine Garantie, daß die absolvierenden Veräußerungen mich, den Projizierenden, nicht desolvierend rückbefallen;
- die Wahrheit des - passager rettenden - Veräußerten hängt in dessen unendlich schwebender Selbstrefentialität in der Luft;
- summa: alle reparativ präsentische Verfügung kollabiert, sich zugleich, friedlich nur, haltend, in den vergangenkünftigen Irrealismus aller, also ruinierten, Repräsentation, der, sich abhebend, in sich selbst hinein verschlingenden Nachträglichkeit. Wehe aber, wenn diese aus ihrem intellektuell rückbezüglichen Wartestand realmartialisch ausbricht, und ihre domestizierenden eh ja wesentlich unselbständigen Abdeckungen in ihren Dienst zwingt.
Versagendes Schlußwort:
Die Überheblichkeit, über das „opus magnum" der Menschheit, zur aktuellen Stunde ihrer hochgerüsteten Imaginaritätsleidenschaft, solistisch zu Gericht zu sitzen, schlägt, an ihrem anderen Fluchtende, nur ins arrogante Reaktionsbildungsselbe, die messianistische Geste allkonzessiven Erbarmens, um. Man übernimmt sich, doppelt pseudotranszendent, beträchtlich, usurpiert das alte Dilemma unseres Komikergottes zwischen Verdammung und Begnadung. Wohin also müßte man, dieser Verführung - zumal der ultimativ christologischen, sich zum blutigen Weltensühneopfer zu küren - entgegen, allererst gattungsadäquat, geraten?
Weiteres Bohnsches Supplement noch (in einem vorausgehenden Brief vom 17.V.2013), in direktem Anschluß ans Pseudos der „Unschuld des
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Medienwerdens": „Wenn aber die Medien das Opferpotential verwesen, wie können sie sich dann als friedlich und opferenthoben nach außen darstellen? Wohl doch nur, indem sie die Opferverschiebung unterschlagen und permanent sich als gute Götter der Technik fiktionalisieren." Bis hierhin - ich möchte nämlich nicht von meiner - eh schon von sich her ausufernden - Problemstellung, unbeschadet dessen, daß ich die - sich im besagtem Brief noch steigernde - Politisierung der Szenologie nur begrüßen kann, weiter abdriften (und gar „in hoher Herren prächtigem Gebiet" wildern). Ja, in der Tat - „no comment" -: das Briefzitat rafft einen Gutteil meiner einschlägigen Krisisoptionen zünftig zusammen. - Nicht aber kann ich mich, zum Abschluß, einer verwegenen Antwort auf Bohns Frage in diesem fortgesetzten Kontext enthalten: „Läßt sich ... der Verdeckungszusammenhang von Demokratie und Kapitalismus nicht auch inszenieren? Haben Sie eine Schlüsselszene vorzuschlagen?" Ja, zweie gar: 1. Josef Ackermann, bei Angela Merkel - „huis clos" - zu Besuch. 2. Auf der Kö, vor Eickhoff, sitzt ein verkommener Bettler und immerdar schreit: „Warum hilft mir denn keiner?" Einverstanden?

* Philosophische Urszenen. Über mögliche Verträglichkeiten zwischen Psychoanalyse und Philosophie. Repr. in: Retro 11 (1983 - 1994) Auf sätze und Rezensionen. Essen. Die Blaue Eule. 2006. Genealogica Bd. 36. S. 412-423.
** Siehe: Drei Studien zu Hysterie und Architektur. In: Histrionissima. Neue Studien zur Hysterie. Psychoanalyse und Philosophie. Pathognostica. Jahrbuch 2009. Hg. R. Heinz/Chr.Weismüller. Düsseldorf. Peras. 2009. S. 12-63.
Grosso modo wiederaufgenommen in: Proömium: Was sind philosophische Urszenen? In: Philosophische Urszenen. In: Aus meinem Leben. Postertore Urszenen, philosophische, religiöse, kunstbezogene, politische (in der Mache).
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