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Pathognostische Miniaturen
Dieser Text von Rudolf Heinz ist erschienen in: "Pathognostische Studien III" (1990), Essen 1990, 327ff.
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Trans (Kokzygodynie)
Offensichtlich muß der Zusammenhang zwischen Essen und Ausscheiden, vergleichbar dem zwischen Geschlechtsverkehr und Schwangerschaft/Geburt, hergestellt, gelernt werden. Essen, das das Ausscheiden verursacht, mehr noch: verschuldet. So daß sich mit dieser Ursache-Beziehung zugleich die Kultur-, ja Mensch-generative Kategorie der Schuld einstellt. Dann aber erst erfolgt der entscheidende Akt, diese Ätiologie zu verunbewußten - Verhüllung, Beerdigung, dies freilich den Austritt und das Austretende notorisch betreffend. Kausalbeziehung, Schuldeingabe, Epikalypse: so verlaufen Menschwerdung und Kulturation, also nicht im Sinne von Triebverwerfung. Insofern besteht die exkrementale Unschuld des Kindes keineswegs in unzensierter Triebhaftigkeit, vielmehr in einer Kausalitätsignoranz, die indessen ihre Wahrheit darin hat, daß der Exkrementierensakt selber, so wie er sich gar lustvoll erfährt, in sich selbst keine Kausalverweisung aufweist. Dies so weitgehend, daß Akt und Produkt (wohlgemerkt Produkt, nicht Dejekt) zusammenfallen. Wie es weitergeht? Offensichtlich ist die Unverwertbarkeit des Exkrements - seine Verwertbarkeit letztlich bloß als statische Mehrwertsakralität - die Kondition des Fortschritts der Verunbewußtung und damit der Dingproduktion. Dieses Urgeld muß untergehen. Um dann freilich als reiner rekursiver Schuldausdruck die Herrschaft gar über die Dingproduktion anzutreten.
Pathologisch u. a. imponiert die Ablenkung der Schuld des Essens auf die Ausscheidung hin dergestalt, daß ich das Essen/die Verdauung exkulpiere auf Kosten der Ausscheidung, die ich selber dann verwerflich bin. Und als einzige Selbstrettung verbleibt dann der masochistische Exzeß, die Selbstverwerfung als Exkrement, gesplittet vom nutritiven alteritätsdisponierten Körper, mit der gebührenden Lustkathexe zu versehen, also am Ort der Schuldakkumulation diese letzte Entschuldung aufzubringen. Was nicht glücken kann. Ist doch das Band zwischen Mund und After gerissen, ein Zustand im nachhinein, nachdem es schon längst zu spät ist, intendiert, der letztlich auf die Tierhaftigkeit hinausliefe, keinerlei verschuldende Kausalverhältnisse einzuräumen, vielmehr je den partiellen Akt, zumal die exkrementalen Vorgänge, sich in sich hinein erfüllen und sättigen zu lassen; was post festum, nachdem das Kind längst schon in den Kulturbrunnen gefallen ist, sich bloß symptomatisch, das heißt als Buchstäblichkeit des kulturellen Entschuldungsansinnens gar rückbezogen auf Körperebene, existieren läßt. Man gewinnt den Eindruck, als extrapolierten sich phylogenetische Konstellierungen wie experimentell auf das dafür unnachgiebige organische Menschsubstrat; hier so, als sei die Bruchstelle zwischen Mund und After folgerichtig ob der apostrophierten Schuldmetonymie in die Austrittsorgane verlagert; wobei die Abfolge Colitis, Analfistel und Kokzygodynie ... unter dem Gesichtspunkt einer symptomatischen Innenmetonymie von Schuld der weiteren Aufklärung bedürfte (von Innen nach Außen und wieder nach Innen in ein heterogenes Organsystem zurück).
Die Konsequenzen all dessen für die Geschlechtsdifferenz sind manifest. Wenn der schuldfreie nutritive Alteritätskörper vom eigenen einzig schuldigen und dann umso mehr entschuldeten Exkrementalkörper gesplittet ist, so muß jener weiblicher Körper sein und dieser einzig männlich. Das heißt aber, daß der "eigene" geschlechtliche Körper dem Verdikt der Geschlechtsmetamorphose untersteht. So wird auch das Verhältnis zum anderen Geschlecht antinomisch: Frauen dürfen weder Frauen noch Nicht-Frauen sein. Sind sie Frauen, so würden sie Nutriment des eigenen weiblichen nutritiven Körpers. Also müssen sie Nicht-Frauen sein. Sind sie aber Nicht-Frauen, so würden sie mit dem Exkrementalkörper identisch und unterständen dem gleichen masochistischen Kompensations- und Pathologiespiel. Mäuse dürfen weder Mäuse noch Nicht-Mäuse sein. Als Mäuse werden sie von der Katze gefressen, und als Nicht-Mäuse werden sie zu verhungerten Katzen.
Der zu erlernende Zusammenhang zwischen Essen und Ausscheiden als Kausalbeziehung und Schuldverhältnis, wie gehabt, bildet die Folie der Insinuation, zwischen beiden Elementen die Tauschrelation anzusetzen: Exkremente für Nahrung. Nicht zuletzt dagegen protestiert zu Recht und zu Unrecht diese Krankheit; von irgendeiner Äquivalenz keine Spur. Das Exkrement nämlich und die nicht mehr dilatorische Abschlußform desselben, das Körperganzexkrement, der Kadaver, sie können eo ipso in ihrer Funktion der Schuldanhäufung und -vernichtung, also in ihrer Bombenhaftigkeit, von sich her weder Nahrung noch Subsistenz überhaupt einklagen. Da müssen Dinge/Waren, aufschiebend und den Wahn des Tauschs tragend, dazwischen, nur daß die Aufschiebung zugleich die entropische Progression desselben Unheils besorgt, so daß sich, über die Waren/das Geld vermittelt, der in diesen scheinbar nur überwundene Urzustand als eschaton einstellt.
Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang die Intersubjektivitäten, der Mutterkörper als Agent der Kausalitäts-, Schuldigkeits-, Tauschkonstitution. Wenn immer der Mutterkörper sich als Subjekt, das heißt als äquivalenzbedürftige Nahrung selber, definiert, passiert der horrende Selbstwiderspruch, der eigenen Opferung zu akklamieren: in den Leichenselbstrückstand des kindlichen Exkrements den Schuldausgleich und damit die Subjekterfüllung zu setzen. Welche Groteske: die wegzuschaffende Scheiße des Kindes als das Subjekt Mutter. Wenn nun auch der weibliche Körper wenig Anlaß dazu geben mag, eine solche Subjektivität aufzudrängen, so sorgt dann der ausgelassene Mann umso stringenter dafür, diese Lücke zu füllen - dies bis zum bitteren Ende des Christus als Nahrung der ganzen Welt. Es spricht wohl alles dafür, daß die bezeichnete Subjektreklamation der Mutter dem männlichen Kind, dem Sohn gegenüber wesentlich stärker ausfällt als zur Tochter hin.

© Prof. Dr. Rudolf Heinz.